Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle

Part 7

Chapter 73,587 wordsPublic domain

In der allgemeinen Verwirrung habe ich vergessen, zu sagen, daß unsre Bühne auch sogenannte Ziele hatte. Die Programmschrift war von Professor Fuchs verfaßt. Es sollte bei uns ‚zum erstenmal auf deutschem Boden‘ gezeigt werden, daß das Variété ‚des üblichen Tandes entbehren könne,‘ um, ‚anknüpfend an die Idylle der Biedermeierzeit,‘ das deutsche Gauklertum in seiner primitiven Gestaltung, frei vom Snobismus einer dreimal verdammten, nun, dank den verfeinerten Sinnen unsrer Zeit überwundenen Epoche falscher Prachtentfaltung, wieder in jener Keuschheit zu zeigen, die uns die Körperkultur in ästhetisch-harmonisch angepaßter Umgebung bewundern läßt; nicht Alhambrahöfe, nein, den Dorfmarkt mit seinem malerischen Getriebe wollen wir zum Schauplatz unsrer Seiltänzer erwählen.

Goldne Worte -- wie?

Schon vor der ersten Vorstellung klagte mir Geißler über mangelhaften Besuch -- ich möge eine Reklame aushecken. Ich schlug vor: er sollte sich aus Verzweiflung die Pulsadern aufschneiden -- am Vorabend, aber doch zeitig genug, damit es noch in die Morgenblätter käme. Geißler meinte -- mit einem Blick auf mich -- er würde den Unfall eines engagierten Mitgliedes vorziehen.

Der Morgen vor der Eröffnung war nervenerschütternd. Unsre Soubrette (am Abend die erste Nummer) fand plötzlich: ihr Repertoire sei zu intim für diesen Raum. Sie müßte etwas Jahrmarktgemäßes haben.

Geißler verlangte, ich sollte ihr ein Lärmcouplet dichten, spätestens bis elf.

„Ich kann nicht dichten. Und Couplets schon garnicht.“

„Hätt ich nur den Buckelochsen engagiert,“ jammerte Geißler. „Hätt ich ihn nur engagiert!“

Geistesgegenwärtig, wie ich bin, stahl ich ein Lied: den Text von Viktor Léon, die Musik von Oskar Straus. Nachmittag war uns die Aufführung durch einstweilige gerichtliche Verfügung verboten, und man bezichtigte mich des Plagiats; hinsichtlich des Textes tat es Grünbaum, hinsichtlich der Musik Paul Lincke.

Ich schrieb sofort nagelneue Verse:

„Ach, jeder Kuß Schafft Hochgenuß -- Drum küsse, o küsse nur zu! Sieh doch, voll Lust Hebt sich die Brust, Ach, meine Seligkeit bist nur du.“

Da meldeten sich sämtliche lebenden Librettisten als Verfasser.

Der Abend war ein einziger Kampf mit den Mächten des Himmels, des Staates, der Kunst und des Magistrats.

Der Amerikaner mit seinem Sketch hatte vorausgesagt: nach dem ersten Bild würde es schüchternen Beifall geben -- das wär immer so -- nach dem zweiten starken Beifall, nach dem dritten ‚kämen die Galerien herunter.‘ -- Man hörte plötzlich schüchternen Beifall; der ganze Sketch war vorüber.

Die zwölf ~english girls~ hatten alle miteinander keine Stimme; der Agent hatte garantiert, sie hätten zwölf Stimmen.

Die chinesische Tragödin verlor auf offener Bühne ihre chinesischen Füßchen.

Dem Kunstschützen versagte die Flinte -- die Ziele hagelten trotzdem im Polkatakt herab.

Ich sollte, als vierte Nummer, die Situation retten und trat mit ganz neuen Geschichten auf. Kaum fing ich eine an, riefen mir die Leute aus dem Parkett schon die Pointe zu.

„Stören Sie meinen Humoristen nicht!“ zischte Geißler beschwörend ins Publikum.

„Was heißt Humorist?“ antwortete ein Literaturfreund von unten. „Roda Roda is ä ernster Künstler.“

Die jugendliche Oteritta hatte eben zu tanzen, da kam ein Mann und sagte: er dulde nicht, daß seine Mutter sich öffentlich preisgebe.

Dem Löwen fiel das künstliche Gebiß ins Orchester.

Der Herkules-Jongleur vermißte sein Kanonenrohr; das Bübchen des Kapellmeisters war mit dem Rohr davongelaufen.

Unsre Hoffnung war noch der sprechende Hund -- die Zensur verlangte seine Texte in zwei Exemplaren und verbot ihm (als angeblich zum Klassenhaß aufreizend) das einzige Wort, das er sprechen konnte: Hunger.

Indessen suchte Geißler unten die Zuschauer immer wieder zu beruhigen. Da kam (ist es verwunderlich bei diesem Riesenbetrieb?) da kam der Logenschließer, der Herrn Geißler nicht kannte, und schmiß ihn als ruhestörend hinaus. Schmiß Herrn Geißler hinaus; den eignen Direktor.

Die Athleten vom Sketch forderten ihre Gage. Von wem? Von mir. Ich wies sie an den Geschäftssekretär. Sie packten ihn und wollten ihn unter sich aufteilen. Er rief nach dem Dramaturgen -- der Regisseur meldete kurz: „Ist beruflich verhindert. Wird eben gepfändet.“ Die Herren des Ausschusses bestürmten den Verwaltungsrat um Aufklärung. Der Portier trat dazwischen.

Schon hatte der sprechende Hund den Löwen verbellt, als auf einmal Stille in die streitenden Gruppen kam: die städtischen Elektrizitätswerke hatten das Licht abgedreht, weil die Rechnung nicht bezahlt war.

In der finstern Halle aber tönte die Stimme Geißlers:

„München -- dieses Nest! Hier ist ja nichts zu machen. Geben Sie mir augenblicklich meine fünfzehn Mark heraus! Ich gründe in Berlin ein Schauspielunternehmen.“

Die Katzen

Ich habe eine Zeitlang in Innsbruck gelebt. Es war ja nicht überströmend amüsant -- doch ich hatte eine nette Hauswirtin und vor allem meine beiden Katzen. Unwahrscheinlich, unsagbar liebe Tiere.

Eines Tages stirbt mein Onkel (na endlich -- Gott sei Dank!) -- ich muß im Augenblick meine Zelte abbrechen und nach Darmstadt eilen.

Gut. Wie aber bringe ich meine Katzen dahin?

Ich tat ihnen hübsche Halsbänder um, nahm sie an die Leine und stieg in den Zug.

Und nun soll ich die Katzen neun Stunden lang beaufsichtigen? Man muß dreimal umsteigen.

Mit mir im Abteil fuhr eine Dame mit zwei kleinen Kindern.

„Wohin, Gnädigste, wenn man fragen darf?“

„Nach Darmstadt,“ sagte sie.

„Ach, das trifft sich ja herrlich; da will auch ich eben hin... Wollen Sie übrigens die Güte haben, Gnädigste, meine Katzen einen Augenblick zu halten? Nur einen kleinen Augenblick?“

Sie nahm die Katzen, und ich suchte mir einen andern Wagen.

Und schlief prachtvoll.

Viele, viele Stunden. In München stieg ich um.

Und schlief wieder -- bis Aschaffenburg.

In Aschaffenburg stieg ich abermals um und schlief. Fast bis Darmstadt.

Eine Station vorher sah ich mich nach der Frau mit den Katzen um.

Sie stand da in ihrem Abteil -- die Katzen pfauchten, die Kinder schrien -- die Katzen kratzten, die Kinder pißten -- und die Frau in vollkommener Hilflosigkeit, umwickelt von den Leinen. Schon seit Stunden, von Innsbruck an. Sie hatte meine Kätzchen nicht aus der Hand gegeben, die Gute.

Ich dankte ihr herzlich. Sie übergab mir meine Tiere und wischte sich ein paar Tränen ab.

Das Telephon

Ich sehe die Notwendigkeit des Telephons nicht ein. Es ist wie der Tango: eine Modesache -- heute mit Jubel aufgenommen -- jeder muß mitmachen; morgen ist sie vergessen. -- Andrerseits weiß ich Fälle, wo sich das Telephon wirklich als praktisch erwiesen hat.

Ich habe einen Freund. Aus Rücksicht auf seine unbescholtene Familie will ich ihn nur kurzweg Riemer nennen. -- Dieser Riemer kniff eines Tages sein Kindermädchen ins Bein.

Das war aber kein gewöhnliches Kindermädchen, sondern ein Fürsorgezögling des Pastors Brausewetter -- fromm erzogen, von stahlstrenger Denkungsart -- die ließ sich niemals ins Bein kneifen.

Und ging durch.

Nun waren Riemers zu Abend geladen. Doch wie konnten sie weg vom Haus, wenn das Kindermädchen nicht da war?

Riemer ist Ingenieur, Elektrotechniker. Er wußte sofort Rat: er schob die Wiege unters Telephon, tat dem schlafenden Säugling die Sprechmuschel auf die Brust -- und Riemers gingen.

Sooft der jungen Frau den Abend über die Sorge um den Säugling aufstieg -- ob es daheim auch ruhig schlafe, das süße Kind -- ließ Frau Riemer sich telephonisch mit ihrem Haus verbinden und horchte hin.

Dreimal hörte sie die ruhigen Atemzüge ihres Kindchens. Als sie zum viertenmal hinhorchte, vernahm sie die geflügelten Worte des Kindermädchens:

„Riemer, ich habe dich von jeher geliebt. Ich bin zurückgekommen. Tu was du willst mit mir.“

-- -- --

Ich habe einen andern Freund -- in Hamburg. Er ist ein blutjunger Mann und hat eine echte Hamburger Mutter. Die kennt kein Beben in Liebe.

Und als das Söhnchen einmal heiß entbrannt war für eine sehr anständige und hoffnungsvolle Cafékassiererin in Sankt Pauli, da machte jene Hamburger Mutter ihrem Sohn Vorhaltungen -- Vorhaltungen, die nach Ansicht der meisten Juristen noch innerhalb des mütterlichen Züchtigungsrechtes blieben.

Hierauf erinnerte sich die Mutter des weisen Wortes: ‚Aus den Augen, aus dem Sinn,‘ bestellte für den Herrn Sohn eine Kajüte erster Klasse nach Ägypten und barkierte ihn ein.

Der Sohn nahm tränenden Auges Abschied von der Stätte seines Glückes. Und fuhr mit dem nächsten Dampfer ab.

Er fuhr bis Kuxhaven, zwei Stunden von Hamburg. Dort stieg er aus.

Und kehrte zurück.

Zu seiner Erwählten.

Und wohnte mit ihr einen kurzen Frühling zu Sankt Pauli, An den Viehschuppen 7, vier Treppen, links.

Von Zeit zu Zeit ging er in den nächsten Zigarrenladen und rief telephonisch seine Mutter an:

„Hallo, Hallo! Hier Kairo. Sie werden sofort gerufen.“

Ließ die Dame am Apparat eine halbe Stunde warten und piepste dann mit sterbender Stimme:

„Hallo, Hallo! Mama -- bist dus? Ich spreche aus Kairo. Wie geht es dir? Ich wohne sehr gut und bin gesund.“

Das war mein Freund in Hamburg.

-- -- --

Ich habe einen dritten Bekannten. Er ruft jeden Morgen vom Café aus Herrn Neumann an -- mit leicht verstellter Stimme:

„Herr Neumann, wo ist Ihre Frau?“

Herr Neumann, etwas verwundert:

„Na, zu Haus natürlich.“

„So? Das meinen Sie. Ich aber sage Ihnen: sie ist in der Kaserne des Feldhaubitzregiments Prinz von Lobkowitz Nr. 13.“

Worauf Herr Neumann regelmäßig etwas erregt nach Haus läuft.

Grade an dem Fenster vorüber, wo mein Bekannter sitzt. Und das macht uns immer recht viel Freude.

-- -- --

Diese angenehmen Erfahrungen im engsten Kreis veranlaßten mich voriges Jahr, mir gleichfalls ein Telephon anzuschaffen.

Gott, so ein Telephon bietet eine Menge Annehmlichkeiten. Man muß freilich nicht alles glauben, was einem die Staatsbehörde versichert. In München zum Beispiel herrscht vielfach -- selbst unter gebildeten Leuten -- der Aberglaube, man könne Autodroschken durchs Telephon bestellen. Das ist natürlich übertrieben. Autodroschken bestellen kann man nicht.

Auch der Versuch, mit Hilfe des Apparats um das Telephonfräulein zu werben, hat noch selten zu einem greifbaren Ergebnis geführt. Ich wenigstens erfuhr letzthin eine Absage, als ich krank und einsam im Bett lag und -- unter eingehender Darstellung meiner Lage -- das Telephonfräulein bat, zu mir zu kommen und mir Gesellschaft zu leisten. Die Dame erklärte mir schnippisch: sie besuche grundsätzlich nur Herren, die ihr persönlich bekannt sind. Eine Beschwerde beim Aufsichtsbeamten blieb fruchtlos.

Ich hatte gehört, man könne auch von weither nach München telephonieren, selbst von Berlin aus. Gewohnt, Gerüchten auf den Grund zu gehen, stellte ich unlängst in Berlin den Versuch an: ich klingelte nach meiner Münchener Braut.

Lange harrte ich und harrte einer Antwort.

Plötzlich -- nach etwa zwei Stunden -- regte sich etwas. Offenbar am andern Ende des Drahtes, in München.

Mein entzücktes Ohr vernahm gar lieben Klang: die Stimme meiner Münchener Braut.

Zitternd vor Glück rief ich in die Muschel:

„Hier Roda.“

Darauf meine Braut in München:

„Ach, Blech! Herr Roda ist doch in Berlin.“

Und sie hängte geärgert das Hörrohr ein.

Immerhin, das Telephon hat seine schönen Seiten. Man kann sich vor Gläubigern verleugnen lassen. Man kann mit Hilfe des Telephons beleidigen. Und schwört nachher einfach, man wär es nicht gewesen.

Im nördlichen Stadtteil Münchens, der mit Recht Schwabing heißt -- in Schwabing hat man das automatische Telephon eingeführt. Früher wurde man von der Zentrale aus falsch verbunden. Jetzt muß man das selbst besorgen. Vorige Woche fragte mich die Handelskammer, wie mir das neue Telephon gefalle. Ich schwieg, um nicht als lästiger Ausländer ausgewiesen zu werden.

Das automatische Telephon hat eine sehr peinliche Eigenschaft: wenn man sich auch nur um eine Ziffer irrt, meldet sich ein ganz andrer.

Im November sollte unser Mädchen zwei Zentner Kohlen bestellen. Ich erhielt zwei Zentner Kohl. Den einen Zentner hab ich gegessen. Aus dem andern Zentner errichtete ich beim vegetarischen Verein ‚Thalysia‘ eine Stiftung, deren Zinsen der Verein alljährlich am Gedenktag des Ereignisses an zwei strebsame Mitglieder zu verleihen hat -- zum Zweck der Ausbildung im Vegetarischen.

Ich habe von Schwabing gesprochen. Früher hatten wir auch da das gemeine Rufsystem -- wie allerorten. Es hat sich nicht bewährt. Wenn der Teilnehmer eine Nummer vom Amt verlangte, offerierte ihm das Zentralfräulein regelmäßig um 3 bis 5, oft um 200 weniger, als er erwartet hatte. Rief ich meinen Freund Hauschildt auf, Nummer 30216, bot man mir auf der Zentrale höchstens 3215. Um des lieben Friedens willen schlug ich dann meistens vor, die Differenz zu teilen. Dieses Feilschen schien der bayerischen Postverwaltung unwürdig, sie ging nicht darauf ein.

Mein Draht (ein leutseliger Beamter, den ich zu Hilfe rief, hat mirs erklärt) -- mein Draht ist der oberste Draht von München, er ist hoch über alle andern Drähte der Stadt gespannt. Und da ich die oberste aller Leitungen habe (wenn da der Rang mitspräche, käme sie mir nicht zu) -- ist grade meine Leitung, sooft es Schnee und Sturm regnet, zu allererst zerrissen.

Dann fällt mein Draht vom Stengel und liegt über sämtlichen andern Drähten des Bezirks. Ich bin mit ganz München verbunden. Alle Ungeduld der Großstadt, die Grobheit Bayerns, die Schimpfreden von 30000 ergrimmten Fernsprechteilnehmern geben sich in meinem Hörrohr Stelldichein. Immerfort klingelts.

Zu solchen Zeiten pflege ich im Heim für Handwerksburschen zu wohnen. Das Heim hat kein Telephon. Es ist überhaupt eins der angenehmsten Quartiere von München. Ich empfehle es jedermann.

Blümelhubers Begegnungen mit Richard Wagner

Wir sprachen wieder einmal von unirdischen Dingen -- Geistererscheinungen und Telekinese.

„Ich für mein Teil,“ sagte der Materialist, „werde erst glauben, wenn ich das Wunder mit Händen greifen kann.“

„Ein bequemer, entrückter Standpunkt,“ erwiderte die schöne Frau und rümpfte das Näschen.

„Bequem oder nicht -- es komme einer, auf dessen kühles Urteil ich baue, und halte mir ein Erlebnis vor.“

Da sprach der Maler Szenes:

„Lieber Herr Materialist, wen werden Sie denn als kühlen Beobachter gelten lassen?“

„Ihren Fachgenossen Blümelhuber zum Beispiel.“

„Nun, grade er kann Ihnen mit einem großen Erlebnis aufwarten.“

Diesen Blümelhuber muß man kennen: er ist kraft seines Phlegmas einer der unangenehmsten Mitglieder dieses, weiß Gott, genugsam unangenehmen Jahrhunderts. Vor Blümelhubers Untemperament erbleichen die Faultiere neidisch und beschämt. Ihn ansehen macht einen schon vor Ungeduld rasen.

Wie er nur daliegt auf dem Sofa! Ein Felsblock im Sumpf. Ihn werden Aeonen nicht vondannen rücken.

Blümelhuber klappt krötenlangsam die Augen auf, blickt krötenlangsam in die Runde und sperrt die Deckel wieder zu.

„Schießen Sie los, Blümelhuber! Reden Sie! Spannen Sie uns nicht auf die Folter!“

„Laß dich nicht gar so lang bitten, Alter!“

„Wann es aber doch so ganz uninteressant is...“ murmelt Blümelhuber...

Die Gesellschaft rückt gespannt zusammen, und der Maler Blümelhuber beginnt endlich:

„Alsdann -- ich hab doch vor dem Krieg immer im Palazzo Vendramin gemalt, in Venedig. Sö wissen, gnä Frau, daß Richard Wagner da gstorben is -- net?“

„Oh!“

„Ja. Wie also nach dem Krieg die Grenze wieder offen war, bin i glei nach Venedig zruck, in den Palazzo Vendramin...“

„Und?“

„Und der Herr Graf Bardi, der was schon der Besitzer is von dem Palazzo, der hat mir halt die Erlaubnis geben, dort zu malen. -- Das ist also die ganze Gschicht.“

„Aber Mensch, erzähl doch weiter!“ mahnte Szenes.

„No, was is da viel zum Erzählen?“

„Du bist doch hingekommen -- eines trüben Nachmittags gegen fünf -- im März...“ sagte Szenes ein...

Blümelhuber fuhr gezwungen fort:

„Ja. Der Gondoliere legt an... Das sein nämlich diese... diese Kähne in Venedig -- früher hat man eahm aane Lira geben, hat er sich noch schön bedankt -- jetzt, wanns du eahm net...“

„Laß das, Blümelhuber! Weiter! Weiter!“

„Weiter! Ich geh also schö stad die Stiegen vom Palazzo aufi -- steht dorten a Diener -- also aso a Blonder, grad so ähnlich wie der Szenes, nur halt viel rassiger...“

„Weiter! Weiter!“

„No, sagt der Diener, ~buona sera, signor Blumeluber~, saan S’ aa scho wieder da? -- aber natürlich auf Italienisch...“

„Weiter! Weiter!“

„No, sagt er -- i soll nur eini in die ~sala~.“

„Und?“

„Nix mehr. I bin halt hinein.“

„Aber jetzt, Blümelhuber -- weißt du denn nicht mehr? Jetzt kommt doch das Wichtigste, das Unbegreifliche. So leg doch los!“

„Ich bin also drinnet in der ~sala~, da... da kommt mir also nicht ein Mann entgegen -- ein Mann kann man net sagen... halt: etwas kommt mir entgegen -- so mit unbestimmte Umrisse -- das wär schwer zum Zeichnen -- am gescheitesten noch mit an sehr an weichen Bleistift...“

„Weiter, Blümelhuber, weiter!“

„Nur tönen müßt ma’s leicht mit Pastell, weil sonst hat ma net den Eindruck.“

„So bleib doch, zum Teufel, bei der Sache! Wer, wer ist dir entgegengekommen?“

„Eine kleine, gedrungene Gestalt mit an Barett, an seidnen Schlafrock hat er anghabt und rosa Seidenhosen. -- I bin a bissl derschrocken. Sakra, denk i mir -- ob des net am End der Richard Wagner is -- so nach der Beschreibung? -- Er kuckt mi an -- i kuck eahm an -- dann lupft er...“

„Das Barett??“

„Naa, den Kopf. -- ‚Guten Tag,‘ sagt er. Setzt ’n Kopf wieder auf und verschwindt in der Mauer. -- -- --“

Ein einziger Schrei in der Gesellschaft: „Mensch!! Und Sie?? Und Sie??“

Blümelhuber erzählt:

„I? I hab halt mei Sach hinglegt, für morgen -- und bin gangen.“

„Und am nächsten Tag??“

„Am nächsten Tag is er kommen -- lupft den Kopf, setzt ihn wieder auf un verschwindt in der Mauer.“

„Blümelhuber! Erinner dich -- er hat doch mit dir gesprochen!“

„Ja -- aber nix Besonders. Gfragt hat er so... wies in Deutschland is. -- Schäbig, sag i. A Weißwurscht kostt jetz zwaa Mark fuchzig.“

„Sie Barbar! Wie konnten Sie dem Meister so albern antworten?“

„Gott -- was waaß i, was eahm grad intressiert? --“

„Blümelhuber! Ist Ihnen die Erscheinung noch öfters begegnet?“

„O ja. Hab doch vier Monat im Palazzo Vendramin gmalt. Täglich is er kommen mit die nämlichen Blimiblami.“

„Ja, hat Ihnen denn nicht gegraust?“

„Nur im Anfang, wissen S’. -- Später war i’s so gwohnt -- es hätt mir was gfehlt, wann er ausblieben war. -- I hab immer einfach ‚Guten Tag!‘ gsagt -- er lupft ’n Kopf und setzt sich zu mir.“

„Haben Sie denn nicht zu ihm geredet -- von der Menschheit großen Gegenständen?“

„Naa. I, wissen S’, red net gern unterm Malen.“

„Er aber? Hat er nicht begonnen?“

„No ja -- scho. Manchmal hat er angfangen... Von Gott... und die Sterblichen... und so... I hab eahm gsagt: Entschuldigen scho, Herr Wagner, i hab a bestellte Arbeit, sehr dringend -- Sö müssen an Einsehen haben. -- Er -- auf des -- fahrt wie ’r ’a Kettenhund auf mi -- i zruck -- er aufs Fenster -- i ruf noch: ‚Bleiben S’ da, es regent‘ -- er will sich so quasi hinausschwingen -- auf aamal fallt eahm der Kopf aus der Hand und -- platsch! -- hinunter ins Wasser; in den Kanal.“

Allen in der Gesellschaft stand das Herz still.

Blümelhuber sprach:

„Ich hab eahm gsagt: ‚Schauen S,‘ sag i, ‚des haben S’ jetzt von dem Kometspielen! Bleiben S a wengerl ruhig, i hol Eahna Eahnern Schädel wieder.‘ -- ‚Naa,‘ deut er mit die Händ -- er werd sich ihm selber holen. -- No, umso besser -- im März is ’s Wasser kalt. -- Drauf is er nimmer wiederkommen. Wahrscheinlich war er beleidigt. -- Aber i kann natürlich net mit an jeden herumdischkurieren, wann i a dringende Arbeit hab.“

Der Postscheckverkehr

Eines Tages setzte mich die Generosität einer Braut in den Besitz von dreihundert Mark. Ich pflegte den Betrag im Hosensack zu tragen.

Meine Mutter fand die Art der Aufbewahrung riskant und kaufte mir eine hübsche rote Brieftasche.

Am selben Abend stahl man mir -- in einer Gesellschaft meiner literarischen Freunde -- die Brieftasche; zum Glück hatte ich meine dreihundert Mark immernoch im Hosensack.

Es gibt kein sichereres Depot als den Hosensack. Doch ich bin nicht imstande, und kein Ereignis ist imstande, meine Mutter von dieser großen Wahrheit zu überzeugen. Da erwogen wir, den Betrag einer Bank anzuvertrauen.

Ich war dagegen. Man kennt die Herren Bankkassierer. Sie halten sich Weiber und Automobile -- woher? wovon? Von ihrem Gehalt? -- Nein, auf die Bank gebe ich mein Geld nicht. -- In diesem Augenblick der höchsten Zweifel fiel mir der Postscheckverkehr ein.

Das Deutsche Reich ist vertrauenswürdig. Ich beschloß, mein Vermögen auf ein Postscheckkonto zu legen. Und begab mich auf das Postamt München 23, Leopoldstraße.

Gewöhnlich sind ja die Beziehungen zu den öffentlichen Gewalten wenig erfreulich. Ich erinnerte mich peinlich eines Vorfalls aus alten Tagen -- der Geschichte, wo mir die kritiklose Menge suggeriert hatte, es gebe einen Apparat, der einem erlaubt, mit entfernten Menschen zu sprechen. Zwei Jahre habe ich damals das Telephon im Haus gehabt, benutzt und wieder benutzt, bezahlt und wieder bezahlt, und nie mit jemand anderm gesprochen als mit dem Fräulein auf der Zentrale. -- Solche Erfahrungen sollten einen warnen. Ich aber bin unheilbar weltgläubig.

Die Dienstvorschrift der bayerischen Postämter schreibt dem Beamten am ersten Schalter vor, das Publikum an den dritten Schalter zu weisen, und der dritte ist belagert. Für solche Fälle nun habe ich ein prachtvolles Hilfsmittel. Ich fing an zu weinen und sagte, mein armer Vater wäre vorgestern gestorben -- heut, in einer Viertelstunde, sei die Beerdigung; ich möchte nur noch schnell dreihundert Mark einzahlen -- dann hieße es, auf den Friedhof eilen.

Ehrfürchtig vor der Majestät des Todes teilte sich der Menschenhaufe, und ich stand dem Beamten Aug in Auge gegenüber.

„Postscheckkonto? Dös is Schalter Eins.“

„Nein,“ sagte ich, „es ist am Schalter Drei“

Laut § 6 des 1. Nachtrags zur Dienstvorschrift für Postämter ist bekanntlich jedermann verpflichtet den Beamten in schwierigen Postangelegenheiten ‚höflich, jedoch in aller Kürze Rat und Auskunft zu erteilen.‘ Diese humane Bestimmung bewährte sich wieder einmal aufs beste. Als der Beamte hörte, daß er wirklich das zuständige Forum wäre, holte er eine Reihe von Reglements, überzeugte sich durch Nachschlagen, daß er sich nicht auskannte, und fragte einen Kollegen. Der Kollege wußte natürlich nichts. Sie sagten, es gäbe keinen Postscheckverkehr.

Grade diesen Einwurf hatte ich erwartet. Lächelnd holte ich meine Zeitung hervor -- darin stand alles haarklein so, wie ich es behauptet hatte. Da es ein Zentrumsblatt war, konnte der Beamte nichts entgegnen und befahl mir, in einigen Tagen wiederzukommen.

Ich kam wieder. Diesmal gelang es mir, die Sache soweit einzufädeln, daß ich meinen Namen auf ein Blatt Papier schreiben durfte, und man würde mich verständigen.

Schon nach überraschend kurzer Zeit rief mich ein Briefträger zum Herrn Amtsvorstand.

Ich rasierte mich, schlüpfte in meinen Gehrock, tat meine Mitgift in einen saubern Briefumschlag und ging.

Das Zimmer des Amtsvorstandes ist ein elegant, aber einfach ausgestatteter Raum mit einem hübschen Schreibtisch, einem diebssichern Kassenschrank und einem Kleiderständer. Zwischen den Fenstern grüßt uns das wohlgetroffene Porträt weiland des Prinzregenten, flankiert von brünstigen Hirschen. Unter den Gemälden steht ein braunes Ledersofa, auf dem ich aber nicht Platz nehmen durfte.

Der Herr Amtsvorstand ist ein bejahrter, ernster Herr mit angegrautem Haar und Bart, gütigen, doch energischen blauen Augen und einer Brille davor, die dem Besucher alsbald Respekt vor der Verantwortlichkeit des Amtes einflößt.