Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle

Part 6

Chapter 63,469 wordsPublic domain

Nur das Stachelschwein möchte ich nicht mein Eigen nennen. Mein Gemüt ist so weich. Und sooft ich ein Stachelschwein sehe, steigt die fürchterliche Vorstellung in mir auf: wie mag es einer werdenden Stachelschweinmama zumute sein, wenn sie merkt, daß ihr Kind in verkehrter Lage liegt? Schon die Möglichkeit einer solchen Komplikation würde mir die Herzensruhe kosten.

Tante Emmys Plüschvorhang

Es gab eine Zeit, wo mich ganz Schwabing um Tante Emmy beneidete -- meine herrliche, gute Tante Emmy, die so schwer reich war und sich so lebhaft an die Siegesfeier von 1871 zu erinnern wußte. Sie ist es gewesen, die damals dem König den schönen Rosenstrauß überreicht hat.

Tante Emmy war -- für ihre Jahre -- hübsch; freundlich, heiter und verschwiegen. Sie verschanzte sich nicht hinter grundlosen Wehklagen, wenn man sie anpumpte, und war in Geldsachen von jener Vergeßlichkeit, die einem den Verkehr mit Tanten erst genießbar macht. Sie roch nicht aus dem Mund, sie schnupfte nicht, sie feierte nie ihren Geburtstag. Kurz, eine brillante, koulante, eine scharmante Tante.

Aber -- aber -- sie hatte leider einen peinlichen Fehler: sie war modern. Noch mehr: sie liebte gradezu die Kunst. Als eines schönen Tages Hannes Konrad Herbesloh, der verkannte Dichter, ein Symbolistisches Theater zur Aufführung seiner Werke zu erbauen gedachte, war Tante Emmy modern und kunstbegeistert genug, ihr Vermögen dazu zu stiften.

Als ichs erfuhr, wars zu spät, der Vertrag schon unterzeichnet. Ich ging ins Café Größenwahn, stellte Herrn Direktor Herbesloh körperliche Qualen in Aussicht -- den Verkehr mit Tante Emmy aber brach ich als zwecklos ab und ließ ihren Geisteszustand nur darum nicht beobachten, weil der Sanitätsrat unerschwingliche Vorschüsse verlangte.

Es kam, was kommen mußte.

Das Symbolistische Theater verkrachte. Hannes Konrad Herbesloh fiel der öffentlichen Irrenpflege zur Last, und Tante Emmy wurde nach dritter Klasse begraben. In ihrem Nachlaß aber fand man außer einem Armvoll gerichtlicher Vorladungen nichts -- nichts als den Plüschvorhang.

Den Plüschvorhang des Symbolistischen Theaters. Er war papageigrün, bedeckte ausgebreitet einen halben Morgen Landes und trug so gräuliche Fratzen in Applikation, daß kein Gläubiger gewagt hatte, ihn zu berühren. Ich aber fürchtete mich nicht und ließ ihn von vier handfesten Burschen auf meine Bude schaffen.

Nun lag er da, Tante Emmys teurer Plüschvorhang -- ein kolossales Mausoleum begrabener Hoffnungen. Aufgestapelt füllte er die halbe Stube. Wenn ich das Fenster öffnen wollte, mußte ich hinüberklettern, und wenn ich ihn zum Verkauf ausrief, lachten mir die Leute ins Gesicht.

Eines Tages fiel mir ein, ob sich das Ding nicht parzellieren ließe. Ich erinnerte mich, manchmal, besonders auf Kostümfesten und auf dem Land, Frauen in papageigrünen Plüschroben bewundert zu haben. Ich zog einen Fachmann zu Rate -- er belehrte mich aber: die Frauen mit papageigrünen Plüschroben wären seit zwei oder drei Jahrzehnten ausgestorben.

Wiederum eines Tages hatte ich das Billardtuch im Café Größenwahn zerrissen. Ich bot Herrn Dörfel, dem Wirt, als Ersatz für den Schaden die eine Hälfte von Tante Emmys Vorhang an. Dörfel ließ sich auch herbei, das Gewebe zu besichtigen, prüfte es umständlich und sprach:

„Nein, zu einem Billardüberzug eignet sichs nicht. Aber ich weiß einen vorzüglichen Rat.“

Ich erschöpfte mich in Danksagungen für Herrn Dörfels Mitgefühl und bat ihn, deutlicher zu werden.

„Sie kennen doch,“ sagte er, „das Trübsal der heutigen literarischen Produktion? Gewaltige Begabungen, die zum Teil auf meinem Dubiosenkonto stehen, verkommen im Elend. Gründen Sie doch zu Ihrem Vorhang ein Symbolistisches Theater!“

Ich beleidigte Herrn Dörfel, bezahlte das Billardtuch, bezahlte die Gerichtskosten und die Strafe. Tante Emmys Plüschvorhang aber lag in meiner Stube und erpreßte mir Tränen.

Als ich wieder einmal so schluchzend dasaß, trat mein Freund Makula bei mir ein und rief:

„Mensch, denk einmal! Sie haben mich angekauft.“

„Wie?“

„Ja. Das große Stück Leinwand, ‚Morgen am Indus‘ -- im vergangenen Jahr hab ichs hier draußen bei Tutzing gemalt -- das kaufte gestern einer in der Juryfreien Ausstellung. Jetzt richte ich mir ein Atelier ein.“

Ich wünschte ihm herzlich Glück, ersuchte ihn aber, mich mit meinem Schmerz allein zu lassen.

„Kein Gedanke,“ sagte er. „Grade auf Tante Emmys Sterbelinnen hab ichs abgesehen, es wird mein Atelierprunkstück werden. Das mußt du mir borgen.“

„Alles will ich gern opfern, lieber Makula -- daß ich mich aber von dem einzigen Erbstück Tante Emmys trennen soll, wirst du nicht verlangen.“

„Mann Gottes, hier hast du hundert Mark, und halt den Mund! Oder bist du nicht zufrieden? Gut, dann will ich dir noch fünfzig Mark verabreichen, wenn ich einen zweiten Schinken verklopft hab.“

-- Tante Emmys Plüschvorhang wanderte zu Richard Makula auf das neugemietete Atelier.

-- -- --

Als ungefähr sechs Wochen vergangen waren, meinte ich, Makulas Stern müßte durch Verkauf eines zweiten Bildes neu vergoldet worden sein, und stieg die vier Treppen zu ihm hinan.

Im Flur keine Seele.

An der Tür kein Schild.

Im Atelier aber fegte der Portier die kahlen Wände rein.

„Wohnt mein Freund Makula hier?“

„Hat.“

„Wie meinen Sie?“

„Hat gwohnt. Heut ham mir eahm außagfeuert. A scheener Freund. Schwitzt keine Miete.“

Und Tante Emmys Vorhang? Hing groß und herrlich an armdicken Messingstangen.

„Dann nehme ich meinen Vorhang gleich mit,“ sagte ich.

„Was? Mitnehmen? Ka Spur. Is gepfändet.“

„Oho, der ist nicht bezahlt, der gehört mir, den können Sie nicht pfänden.“

Man holte den Hausbesitzer -- ich legte ihm die Sache klar. Er bäumte sich mächtig. Er richtete sich klafterhoch auf, stieß mit den Hufen vorwärts, wälzte die Augen hervor und schrie wie ein Stier. Doch gegen mein offenbares Recht konnt er nicht an. Der Vorhang war mein.

Da wurde Herr Müller weich. Er faßte mich zart am Schultergelenk und führte mich durch Makulas leere Stätte der Tätigkeit -- fünfundzwanzig Schritte auf und fünfundzwanzig ab.

„Sie sehen,“ sprach er, „hier das größte Atelier beider Hemisphären vor sich. Ich kann es in seinem normalen Zustand unmöglich vermieten -- wer es sieht, erschrickt vor den grenzenlosen Dimensionen. Für eine Automobilfahrschule liegt es zu hoch, und ein Zirkus läßt sich hier nicht unterbringen, weil Zirkusse rund sind, dieses Atelier aber viereckig. Ich wollte das Ding zu einem Symbolistischen Theater umgestalten -- man hat mich gewarnt. Ich wollte eine neue Religion stiften und hier das Bethaus aufschlagen -- dazu fehlt es mir an Haarwuchs und Salbung. Ich weiß also keinen Ausweg, die Halle zu verwerten -- außer, wenn ich Ihren grünen Vorhang habe. Wenn ich den Vorhang habe -- ah, dann steht die Sache ganz anders: dann läßt sich das Glashaus harmonisch teilen -- in einen Arbeitsraum vorn und ein geräumiges Wartezimmer für die Gläubiger hinten -- beides wie geschaffen für einen tüchtigen Künstler. -- Ein Vorschlag, lieber Herr: überlassen Sie mir Ihren Plüschvorhang!“

„Nie. Er ist das einzige Andenken...“

„Ich ehre Ihre Pietät, ich habe selbst ungemein viel Familiensinn. Wenn ich Ihnen aber zwanzig Mark biete?...“

Ich schlug ein und überließ Herrn Müller den Vorhang für zwanzig Mark bis zum Augenblick der Vermietung. Jawohl: bis zum Augenblick der Vermietung.

Einige Tage später war es geschehen, und der neue Mann eingezogen. Ein Bildhauer, Priem geheißen.

Pünktlich stellte ich mich ein, um den Vorhang wegzuschaffen.

Priem war wie vom Schlag gerührt.

„Den Vorhang?“ heulte er. „Aber grad wegen dem Vorhang bin ich Esel doch hier eingezogen, der macht ja die Höhle erst bewohnbar.“

Ich lächelte.

„Verehrter Herr Priem,“ sagte ich ihm ungefähr, „wir leben in einem Zeitalter, wo die Pflicht der Nächstenliebe längst zur Legende geworden ist. Auch ich war kindlich gut, edel und hilfsbereit, ehe mich schmerzliche Enttäuschungen zum kühlen Rechner gemacht haben. Das lieblose Verhalten der Gesellschaft dem einzelnen gegenüber zwingt mich, meinen Vorteil zu wahren. Begreifen Sie? -- Nein? Nun, dann muß ich Ihnen klar heraussagen: ich nehme den Vorhang mit, wenn Sie sich nicht entschließen, mich für die Abnutzung zu entschädigen, die er hier erleidet.“

„Sie wollen also Geld. Schön. -- Wieviel?“

Ich machte es billig: zwanzig Mark. -- Der Vorhang blieb.

Nach drei Wochen hing am Tor die Ankündigung:

‚Geräumiges Atelier zu vermieten.‘

„Aha,“ dachte ich mir, „deine Stunde hat geschlagen.“ -- Und ich schröpfte Herrn Müller, den Hauswirt.

Am nächsten Tag den dritten Mieter, Priems Nachfolger.

Wie lang das so fortgehen wird, weiß ich nicht.

Einstweilen aber beziehe ich aus Tante Emmys Plüschvorhang eine Monatsrente von achtzig Mark. Sie entspricht genau den Bankzinsen jenes Legats, das mir die liebe Tante dereinst in ihren bessern Tagen zugedacht hatte.

Der Ausflug

Base Wuckereit studiert Kunstgeschichte. Nebenbei hört sie etwas Literatur bei Professor Kutscher, Psychologie bei Becher und Volkswirtschaft (Sinzheimer). Diese Kumulierung von Wissensgebieten macht hie und da ein Ausspannen nötig, einen Ausflug aufs Land.

So begab sich denn Base Wuckereit unlängst, als zwei Feiertage vorfielen, in nahezu alpinistischer Verkleidung nach Kochel.

In Kochel fand unsre Base, dem vorgeschrittenen Lenz zufolge, in keinem Gasthof ein freies Zimmer. Eine mitfühlende Wirtsfrau wies die Wohnungsuchende an das bäuerliche Ehepaar Reibeisel.

In der Tat erklärten sich Reibeisels bereit, der Fremden ein leerstehendes Bett zur Benutzung für eine Nacht einzuräumen -- als welches Bett jedoch in jener Kammer stände, wo der Bauer ansonsten sein Pferdegeschirr aufbewahrt.

Kammer und Bett, unter Führung von Vater und Mutter Reibeisel kommissionell besichtigt, erwiesen sich als praktikabel. „Der Jeruch vons Leder,“ rief Base Wuckereit, „is sogar zücknd.“ Man einigte sich freihändig auf einen Preis von fünf Mark, die sich auf zehn erhöhen, falls der städtische Gast Wert auf Teilnahme am ländlichen Abendessen der Familie legen sollte.

Rasch war auch hierüber Verständigung erzielt. Base Wuckereit saß, von Rucksack und Loden entlastet, am derben Eßtisch mit Reibeisels und deren erwachsenem Sohn.

Hiezu ist zu bemerken, daß Base Wuckereit -- als miggriger, jüngster Zwilling der Gumbinner Wuckereits -- von ostpreußischer Körpergröße ist; auch drückt sich ihre Beschäftigung mit Volkswirtschaft einerseits und Rubens andrerseits in beiderseits entwickelter Fülle aus, während Sturm und Drang von ihren Backen und Augen leuchten.

Vater und Sohn Reibeisel nahmen von der anwesenden Fremden kaum durch gelegentliches Aufblicken Kenntnis; Mutter Reibeisel hingegen äußerte in lauten Reden Zweifel und Erstaunen darüber, daß Base Wuckereit den Landausflug ohne jegliche männliche Begleitung unternommen haben sollte.

Im diesbezüglichen Verhör blieb die Base aber hartnäckig, mit nicht geringem Stolz bei der Behauptung ihrer magdlichen Alleinigkeit, wobei sie das naiv-dörfliche Beschwatzen der Sexualkomplexe mit erschütterndem Gumbinnenser Lachen und vulkanisch-schämiger Rotglut quittierte.

Nach dem frugalen Mahl zog sich die Base in ihre Kammer zurück.

Der Mangel eines innern Riegels an der primitiven Tür wurde bemerkt, der dadurch ausgelöste, anfangs unangenehme Affekt jedoch alsbald verdrängt durch mit Willen wachgerufene, stark betonte Vorstellung des biderbehrbaren Reibeiselschen Ehepaares.

Kurz nach Eintritt der Schlaftrunkenheit hörte Base Wuckereit halb unbewußt ein Knacken an der Kammertür, ohne darüber vollends zu erwachen. Erst ein Ziehen an der Bettdecke brachte heftige reflektorische Abwehrbewegungen der Base hervor. -- Wie sich bald zeigte, war ein männliches Wesen in die Kammer eingedrungen, das seinem Unwillen über das Benehmen der Base durch die Worte „Blödes Saumensch, blödes“ Ausdruck gab.

Sofort setzte das Gumbinnenser Lachen ein -- was der Eingedrungene irrtümlich eher als Einladung, seine unzüchtigen Bestrebungen fortzusetzen, aufzufassen schien. Die Drohung der Base, sie werde sich durch Stimmenaufwand Hilfe zu schaffen suchen, brachte nicht die erhoffte Einschüchterung des nächtlichen Werbers hervor; erst eine deutliche, durch Brachialkraft unterstützte Absage führte zu seinem Rückzug.

Schon nach wenigen Minuten rührte es sich an der Kammertür von neuem.

Diesmal jedoch war es die bäuerliche Wirtin selbst, die, mangelhaft bekleidet, unter höflichen Beteuerungen und Bitten erschien: das Fräulein möchte die Attacke keineswegs übel deuten; sie wäre im Sinn der Gesamtfamilie Reibeisel erfolgt und in der barmherzigen Absicht, dem Fräulein in seiner Verlassenheit eine kleine Feiertagsfreude zu bereiten.

Jordans Letzte Hilfe

„Resi, noch einen Schoppen! -- Ich gebe zu, daß mein Vorleben etwas bemakelt ist. Besonders von meinem zwanzigsten Jahr an bis in den letzten Winter habe ich mich in Gleisen bewegt, die am Abgrund führten. Und über die Zeit vor meinem zwanzigsten Jahr -- ich möchte, wissen Sie, darüber nicht gern befragt sein -- selbst in diesem Augenblick, wo ich gelaunt bin, Geständnisse zu machen...

Sie sind nicht neugierig? Umso besser. Die Neugier bliebe übrigens unbefriedigt: nach zehn Jahren werden ja gelinde Vorstrafen von den Behörden gelöscht...

Einen Schoppen, Resi! -- Aber so wie ich muß eben ein Mann beschaffen sein, der ins Leben von heute passen soll. Eine Zeitlang krumme Pfade wandeln: glauben Sie mir, es ist eine gute Schulung. Man lernt die Augen offen halten, schwindelfrei sein... Lachen Sie nicht!... Man lernt: auftreten, sich auf die Beine stellen. Im alten Deutschland war jedes Schrittchen von der Polizei bewacht -- da konnte selbständig nur werden, wer sich -- wie ich -- manchmal aus den Gehegen wagte...

Doch wozu die Vergangenheit aufrühren? Sie ist vorbei. Jetzt bin ich Jordan, Gründer und Leiter von Jordans Letzter Hilfe -- stehe Menschen bei, die es besser in ihrer Jugend hatten, weicher als ich geblieben sind und sich dafür nun auf meine gestählten Muskel stützen können... Denn, sehen Sie -- nicht wahr? -- Jordans Letzte Hilfe schafft Rat, wo alles den Kopf verlor. Muß ich einstweilen auch erst in kleinem Kreis wirken: München ist mein Anfang; bald gehe ich nach New York. Jordans Letzte Hilfe macht München zur Großstadt -- sie wird demnächst New York zur Großstadt machen. -- Resi, einen Schoppen!

Oh, ich könnte schon hundert Fälle anführen aus meiner kurzen Tätigkeit -- interessant vom ersten bis zum letzten. In meinem Büro reichen ja verzweifelte Menschen einander die Türklinke. Man blickt in Schicksale -- in Klüfte, sag ich Ihnen. Man zieht stündlich Existenzen aus dem Schlamassel -- am obersten Schopf. Gestern die Rettung des Fräuleins aus der Isar -- haben Sies in den ‚Neuesten‘ gelesen? Auch Arbeit von Jordans Letzter Hilfe...

Aber Jordans vornehmste Pflicht ist Schweigen.

Immerhin: einen leichten Fall -- ja, den kann ich preisgeben.

Kennen Sie Klingemann? Natürlich. Wer kennt ihn nicht -- Siegmund Klingemann, bürgerlichen Poeten? ‚Gudrun‘ hat ja dreißig Auflagen, glaube ich.

Klingemann also wohnt an der Widenmayerstraße, ziemlich standesgemäß, zwei Treppen, Aussicht auf die Isar.

Wohnt und schafft: jährlich liegt ein Roman sauber auf dem Weihnachtstisch der gebildeten Familie; gehört sozusagen in den Kalender.

Ha, da setzt man ihm zu Oktober, wo grad wieder die ‚Spielmannsfahrt‘ erschienen war...

Resi, einen Schoppen, Prost! -- Wo bin ich geblieben?

Richtig -- bei: Ha! -- Zu Oktober also setzt man in die Wohnung über Klingemann einen neuen Mieter. Sagen wir: Herrn Obermieter. Und mit Klingemanns Schaffen ists sofort vorbei.

Klingemann pflegt nämlich seit Jahren von zwei bis drei nachmittags sein sattes Schläfchen zu schlummern -- es ist Grundbedingung seines Organismus -- sonst versagt der Leib eben dem Talent den Dienst.

Obermieter, der Hund, spielt Klavier von zwei bis drei.

„Sehr geehrter Herr!“ schreibt Klingemann -- und stellt die Sachlage dar, wie sie ist: daß da ein Stück deutscher Kultur zerstört wird, wenn das Gespiel von zwei bis drei nicht aufhört. -- Obermieter klaviert.

„Du Hund!“ knirscht Klingemann -- und schreibt einen zweiten Brief: „Hochverehrtester Herr! Ich bitte Sie... nein, ich flehe Sie an bei allem, was Ihnen heilig ist -- unterlassen Sie... usw. Verlangen Sie jede Gegengefälligkeit von mir, betrachten Sie mich als ihren Sklaven...“

Obermieter spielt.

Da begreift Klingemann: mit dem Kerl oben ist in Güte nicht auszukommen. Man muß die dicke Saite spannen.

Sie kennen doch das Mittel? Nein? Jedermann sollt es aber kennen: im Zimmer, über dem gespielt wird, tut man den Eßtisch und die Lampe weg. Hierauf schraubt man in den Fußboden einen Haken und spannt zwischen dem Haken unten und dem Lampenhaken senkrecht die dicke Saite. Beginnt Obermieter seinen Walzer: so streicht man unten unermüdlich mit dem Baßbogen die dicke Saite. Wunder der Resonanz! Sie glauben nicht, welche Mißtöne dann aus Obermieters Piano strömen. Es ist zum Steinerweichen -- einfach unerträglich für jeden musikalischen Menschen.

Doch Obermieter ist ein Schweinsohr. Ihm macht die dicke Saite nichts; ihn freut der Lärm; er klaviert.

Hierauf hat Klingemann die Nähmaschinen ankurbeln lassen -- und zwar drei, besetzt von Frau Klingemann mit ihren zwei Nichten, kurz nach Mitternacht. -- Obermieter schlief -- und am nächsten Nachmittag um die kritische Stunde klavierte er. Klingemann klopfte vergebens mit einem Besenstiel in falschem Takt die Decke ab.

Klingemann versuchte seine Begabung durch Flucht ins Hofzimmer zu retten: Obermieter, gereizt durch die dicke Saite, die Nähmaschinen und den Besenstiel, rollte sein Piano ins Hofzimmer. Hatte er Spione in Klingemanns Haus?

Klingemann änderte seine Lebensweise: er aß zwischen zwei und drei nachmittag; schlief bis Mitternacht; und dichtete am frühen Morgen. Sofort stellte sich auch Obermieter um: er klavierte von Mitternacht bis Mittag.

Sehen Sie, die Lage war verzweifelt.

Was tut man in verzweifelten Lagen? Man ruft Jordans Letzte Hilfe an. Klingemann abonnierte bei mir.

Ich liefere vier junge Leute und ein Piano. Es spielt jetzt bei Klingemann von vier bis zehn vormittag ein gewisser Strehle, Konservatorist; von zehn bis vier Fräulein Ziegler, eine Anfängerin; von vier bis zehn Uhr abends der Korrepetitor Seil; von zehn bis vier ein Turnlehrer.

Was Klingemann unterdessen treibt? Er ist nach Partenkirchen gefahren und dichtet dort.

Und Herr Obermieter? -- Sie fragen noch? Seine Lage ist doch ebenfalls verzweifelt. Selbstverständlich ist auch Obermieter bei mir abonniert. Auch bei ihm spielen vier Mann von Jordans Letzter Hilfe Klavier -- unaufhörlich, Tag und Nacht. -- Obermieter selbst lebt in Garmisch.“

Das Kunstvariété

Eines Tages erheischten meine Finanzen dringend der Ordnung. Eben zur rechten Zeit sprach draußen im Flur ein Herr vor und nannte sich Direktor Geißler.

Ich empfange Direktoren nur ungern. Was heißt überhaupt: Direktor? Was bedeutet es? Nichts. Direktor ist ein jüdischer Vorname, sagt man in Berlin. Gewöhnlich hat solch ein Direktor nicht einmal das Recht, sich selbst zu dirigieren.

Dennoch -- diesmal war ich zu Hause und hatte es nicht zu bereuen.

Direktor Geißler war eine mittelgroße, kräftige Erscheinung mit reinem Kragen, kurzgestutztem Bart und einem Glasauge. Wohlwollend richtete er es auf mich, nachdem er Platz genommen hatte, und sprach:

„Sie werden bemerkt haben, Herr Roda Roda, daß das Variété von heute dem Verfall entgegengeht.“

„Dem Verfall, Herr Geißler? Die Leute machen doch faustdicke Geschäfte?“

„Sag ich doch,“ rief der Direktor triumphierend. „Leben wir denn in einer vernünftigen Zeit? In einer konsequenten Zeit? Wo man sagen kann: das und das ist gut, das wird bestehen? Nein. Die Welt ist ja verrückt. Heute so und morgen so. Zu Mittag himmelhoch jauchzend, am Abend verheiratet. Was eben noch gedeiht, wird im nächsten Augenblick zugrunde gehen. Darum, weil das Variété von heute voll ist, sage ich: es trägt schon den Keim der Pleite in sich.“

„Ach so?“

„Ja. Woher aber diese fürchterliche Katastrophe des Variétés?“

Ich überging Geißlers rhetorische Frage mit Schweigen.

„Falsch!“ schrie er. „Die Kinos tragen keine Schuld. Das Variété ruiniert sich selbst -- durch seine Indolenz. Wo alles ringsum sich die Kunst dienstbar macht, wo man jeden Nachttopf, jeden Lausekamm von einem Professor entwerfen läßt, bleibt das Variété bei seinem alten Flitterkitsch. -- Herr Roda, ich gründe das neue, das Kunstvariété mit einem Aktienkapital von fünf -- was sage ich fünf? -- mit einem Kapital von zehn Millionen Märkern, und Sie sind meine erste engagierte Kraft. Haben Sie die Güte, einstweilen die Taxe des Autos auszulegen, das unten auf mich wartet.“

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Ich habe vielleicht unterlassen, zu bemerken, daß sich die eben geschilderte Szene in München abspielte. Wir haben da oberhalb der Theresienwiese eine gigantische Festhalle, die für gewöhnlich leersteht. Sie regt unternehmende Köpfe immer wieder zu Plänen an. Es ist wahr, die Halle liegt etwas abseits, man braucht bei gutem Wetter eine Stunde, um zu ihr zu gelangen. Und wieviel bei schlechtem Wetter? Das hat noch niemand ausprobiert.

Einmal gastierte Barnum in der Halle. Zehntausend entzückte Besucher. Am nächsten Morgen schrieben die Zeitungen, es wär halb leer gewesen.

Einmal ankerte das Zeppelin-Luftschiff darin. Dem Grafen gab man ein Bankett im Rathaus. Als er nachher in die Halle kam, um sein Schiff zu suchen, fand er es nirgend. Es hatte sich hinten in die Proszeniumsloge gesetzt.

Einmal wollte ein findiger Mann die Halle benutzen, um der Menschheit das Planetensystem in natürlicher Größe vorzuführen. Die Sache scheiterte am Widerstand der Zentrumspartei.

Ein hoffnungsloser Bau. Von Zeit zu Zeit macht die Fußartillerie darin ihre Schießübungen. Das ist alles.

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„Unter diesen Umständen, Herr Direktor, werden Sie mir, fürchte ich...“

„Keine hohe Gage zahlen wollen? Das erstemal natürlich nicht viel -- ich weiß nicht, wie Sie meinem Publikum gefallen...“

„Und das zweitemal bin ich nicht mehr neu. Ich kenne das.“

„Sie werden bitter, Herr Roda. Ich mache Sie aufmerksam: Ihre sehr geschätzte Kraft ist mir nicht unbedingt vonnöten. Es ist da eben ein dressierter Buckelochs frei, der gleichfalls sehr humoristisch wirkt.“

Eingeschüchtert unterschrieb ich den Vertrag.

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Ich will von dem Münchener Künstlervariété nicht viel erzählen. Es hatte bald ausgelitten.

Ein Riesenbetrieb. Kein Mensch kannte sich aus.

Da war zunächst Geißler, der Direktor. Er hatte einen artistischen Sekretär, einen Geschäftssekretär und einen Dramaturgen. Der Dramaturg war mit zwanzig Prozent beteiligt, dem einen Sekretär gebührte die Hälfte des Reingewinns, dem andern ein Viertel der Bruttoeinnahme. Alle Herren zusammen hießen: die Konzessionäre.

Da war der Verwaltungsrat mit einem Präses, einem Vorsitzenden und einem Vorstand. Sie hießen zusammen: das Kassendepartement.

Da war der repräsentative Ausschuß, an seiner Spitze eine senile Exzellenz. Lauter Herren, die täglich in der Presse erklärten: ihre Namen wären ohne ihre Einwilligung auf die Liste gekommen.

Endlich das Regiekollegium. Es bestand aus jenen berühmten Münchener Malern, die immer wieder die Kunstkommission bilden -- ob es sich nun um einen Vereinsball handelt, eine Rindviehausstellung oder das Bismarck-Denkmal auf Bornholm. Sie wählen jedesmal aus ihrer Mitte den ‚engern künstlerischen Beirat‘ und protestieren dann gegen ihn.

Der wichtigste Mann aber im Variété auf der Theresienhöhe war der Portier. Er war nämlich der Kapitalist.

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