Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle
Part 5
Was ist der Mensch? -- Nach Aristoteles ein staatenbildendes Tier -- nach Darwin ein Tier -- nach Zola eine Bestie.
Dabei hat Zola meine Tante garnicht gekannt.
*
Auch wir werden bald die arabische Zeitrechnung einführen -- die Jahre zählen ‚von der Steuerflucht des Propheten.‘
*
„Ein tüchtiges Volk -- vornan in der Gesittung -- in allen Künsten, besonders der Musik -- mit einer tapfern Vergangenheit -- und macht sich so unbeliebt bei sämtlichen Nachbarn durch sein ewiges Säbelrasseln...“
„Ach, lassen Sie doch die alten Geschichten!“
„Alte Geschichten? Ich spreche von den Tschechen.“
*
Ich dachte mir:
„Dieser junge Mann singt im Kabarett allabendlich drei unanständige Lieder -- und davon lebt er. In Australien hegt man Schafe und schert sie, damit der junge Mann einen Frack bekomme. In Krefeld fabriziert man Lackleder aus holsteinischen Kalbfellen -- damit dieser junge Mann...“
„Herr Roda,“ unterbrach ich mich, „nicht weiter! Oder Sie sind ein Rückschrittler.“
*
Lord Stratford de Redcliffe war 1842 bis 58 englischer Botschafter in Konstantinopel. Er sagte:
„Die einzig denkbare vollkommene Lösung der orientalischen Frage ist, den Wasserstand des Mittelländischen und Schwarzen Meeres so zu erhöhen, daß die Fluten über den Rhodopebergen zusammenschlagen.“
*
Leidenschaft macht wissen, Wissenschaft macht leiden.
*
Jegliches Extrem hat den Verdacht gegen sich, falsch zu sein.
Die Großen wollten stets Extreme und beschieden sich auf mittlern Linien.
*
Das Postamt wurde statt um 9 Uhr erst um 9 Uhr 05 geöffnet.
Das deutet auf eine Zersetzung des Staatskörpers.
*
Der große Dieb:
„Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem...“
Endlich nahm er sich sogar das Leben.
*
Mit drei Dingen, erzählt mir der Japaner, drei Dingen in Europa könne er nicht fertig werden: dem Käse, den Wanzen und den Damen, die da lorgnettieren.
*
Sie schritt wie ein lebendes Standbild daher -- etwas üppig zwar, doch majestätisch. Auf ihrer östlichen Hemisphäre blühte eine Rose.
*
Ich kam heim -- da standen zwei Kinderbadewannen vor der Tür. Es waren Miß Ellinors Galoschen.
*
Alles hat sie von selbst gelernt -- was sie ist, ist sie von selbst geworden.
Ein Selfmännmädchen.
*
Gar Manche, die sich mir versagt, Die wollte später. Jedoch zum Teufel war der Äther -- Ich hab nicht mehr nach ihr gefragt.
*
Wenn die Friseure einen Schutzgott brauchen sollten: ich schlage Zebaoth vor, den Herrn der Haarscheren.
*
Wer lang hat, läßt tief blicken.
*
Ein wahrhaft fürstliches Essen: ganz durchlaucht.
*
„Oberst a. D.“ „General a. D.“ -- weltferne Gestalten.
Es gibt auch Städte a. D. -- zum Beispiel: Linz.
*
Die äußersten, dem Menschen gesteckten Grenzen sind von Asiaten erreicht worden: vom Priester Buddha, vom Krieger Djingiskan. Dort: Verzicht, Schonung, Verinnerlichung, Rückwärtsschauen, Liebe -- hier Genuß, Herrschen, Töten, Vorwärtsstürmen, Haß.
*
In Österreich sind Satiriker überflüssig; da macht sich die Staatsverwaltung immer selbst lächerlich.
*
„Der Sohn eines Seidenfabrikanten -- Führer der Bolschewisten?“
„Gib einem Juden einen Patsch auf den Kopf, so is er ein Uhrmacher.“
*
Die neuen Machthaber versuchen immerzu Methoden, deren Untauglichkeit die Verantwortlichen von gestern schon als Praktikanten begriffen haben.
Ich für meinen Teil lasse mich lieber von schlechten Professionals regieren als von übereifrigen Dilettanten.
*
Demosthenes stotterte, konnte kein R aussprechen und brachte es dennoch zum größten Redner.
Nicht weniger bewundernswert ist der Abgeordnete Wolf, der es trotz angebornem Schwachsinn zum Führer einer Partei gebracht hat.
*
Schon wieder kam eine Schneiderin mit religiösem Wahnsinn ins Irrenhaus.
Seit Menschengedenken aber passierte das noch keinem Bischof.
*
Ein zudringlicher Kerl; heut nacht erschien er mir sogar im Traum.
*
„Der Handelsgeist der Juden zeigt sich selbst in den Evangelien.“
„Ja. Und durch ihre Schwermut verraten die Berliner ihre slavische Abkunft.“
*
Ein Weib kann ledig, verheiratet, Witwe sein -- oder geschieden.
Doch der Ausdruck ‚geschiedene Frau‘ scheint mir langatmig. Ich schlage ‚Schiedwe‘ vor.
*
Der breite Epiker Homer hat zahllose Nachfahren. Nennen wir sie mal: Homeroiden.
*
Die Geschichtsschreiber -- rückwärts gewandte Propheten...
Oft sind sie nur verdrehte Journalisten.
*
In Italien wird sie bald heißen: ‚die gefürchtete Grafschaft Tirol.‘
*
Drei Tage im Jahr -- vermöge einer Religion oder nur aus irdischer Klugheit -- sollten einander die Menschen nicht hassen. In diesen drei Tagen würden die weisesten Dinge geschehen.
*
Das Ziegengebäude
Um das Jahr 1913 fuhr ein königlich preußischer Assessor aus Allenstein mit leichtem Gepäck nach Rom. Auf dem Rückweg wollt er sich mal München ansehen. Drei, vier Tage plante er zu bleiben. Es wurden vier Wochen daraus.
Sogar Monate: da war nämlich mittlerweile ein Onkel des Herrn Assessors gestorben, und der rührige Erbe verspürte keine Lust mehr, nicht die geringste Lust, heim ins heilige Amt zu gehen.
Ich weiß nicht, ob Sie Allenstein kennen und wie Sie darüber denken. Es hat ja dort letzthin eine Volksabstimmung darüber gegeben, ob Stadt und Kreis bei Deutschland bleiben sollten oder nicht. Wenn ich Allensteiner wäre und hätte mitzuentscheiden gehabt -- ich stimmte natürlich für Deutschland -- aber -- bei aller Vaterlandsliebe -- nur unter der Bedingung: daß sich das Reich endlich des vernachlässigten Ortes ein wenig annehme. So, wie es zur Zeit dort aussieht, ist es nämlich kein Leben, am allerwenigsten ein Nachtleben. Ha, es ist die Wüste.
Also empfand Assessor Gehricke schon im Jahr 1913 und zog München vor -- in zufriedenem Hinblick auf seine durch den Erbfall begründete wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Er wurde da unter dem Namen ‚Ziegengebäude‘ bald volkstümlich.
Der anscheinend sinnlose Beiname erklärt sich aus der Gewohnheit Gehrickes, unter gewissen Umständen, jedoch nie vor zwei Uhr morgens, Menschen, die ihm begegneten, als ‚verehrliche Ziegengebäude‘ anzureden.
Ziegengebäude nahm also Abschied von Staat, Regierung und Regierungsdienst und lebte fortan als Privatmann in München. Lebte da viele, viele Jahre.
Es kann keine Rede davon sein, daß er es ruhig tat. Nein. Er lebte unter beständigen Gewissensbissen, in heißen Kämpfen mit einem bessern Ich, das immerfort in seinem Innern brütete, an die harte Schale pickte, ohne sie jemals sprengen zu können.
Wie folgt spielte sich des Ziegengebäudes Dasein ab:
Abends um acht erhob er sich vom Lager und fragte nach dem gebotenen Häring. Der Häring stand, sauber geputzt, von der sorglichen Wirtin garniert, auf dem Tisch bereit.
Ziegengebäude verzehrte ihn und sprach:
„Frau Rummel, diesmal -- ich schwöre Ihnen -- diesmal solls das allerallerletztemal gewesen sein. Ich habe beschlossen und werde es halten: ich bin solid. Mit zwanzig Mark in der Tasche -- das ist doch nicht zuviel? -- gehe ich vom Hause weg, werde abendessen -- und in längstens zwei Stunden bin ich wieder da.“
„Wanns nur wahr is, Herr Zie... naa, Herr von Gehricke!“ entgegnete bekümmert die Wirtin.
„No, nacher schaun S’ mir halt zu!“ antwortete Gehricke -- (seine Sprache hatte, wie man bemerken kann, durch langjährige Übung schon Lokalkolorit angenommen.) „Überzeugen S’ Ihnen selber!“ -- Gehricke steckte ostentativ zwanzig Mark ein.
Und ging. In seine Stammbude ‚Zum Pfälzer.‘
Als er den Pfälzer gestärkt verließ -- da wandelte ihn eine ganz, ganz kleine Schwäche an. Um ihrer Herr zu werden, würde es, meinte er, genügen, in der Torggelstube ein einziges Gläschen Cognac zu nehmen. -- Er hat kein Geld? Nun, die Marie in der Torggelstube kennt ihn.
Und schon betrat er -- leider -- die Torggelstube. Er wandte sich an Marie mit den Worten:
„Ich komme vom Pfälzer.“
Über die tiefere Bedeutung dieser Einleitung soll später abgehandelt werden.
Die Nächte in München sind sehr windig -- der Wind bringt die besten Vorsätze ins Schwanken; daher der Stadtname München: vom altgriechischen ~mynomai~ = vorschützen, zaudern. -- Die Rauhheit des Klimas wieder erklärt den gesteigerten Schnapskonsum.
Und als Gehricke gegen elf -- nun schon ausgeglichenern Gemüts -- das Lokal wechselte, lautete sein Gruß in der Odeonbar:
„Ich komme aus der Torggelstube.“
Um eins huschte Gehricke ins Tabarin:
„Ich komme aus der Odeonbar“ -- während er um zwei den Ober bei Benz anschrie:
„Verehrliches Ziegengebäude! Ich komme von Kathi Kobus.“
-- -- -- -- -- Um sechs am Morgen -- vom ‚Club der Zukunft‘ (der in den Privaträumen der Kinodiva Hoheisl wirkt), nahm Gehricke ein Auto und schärfte dem Automedon ein, gegen Abend den Fuhrlohn abzuholen...
„I woaß scho, Herr Assessor,“ versicherte der Wackere. Er kannte ja seinen Kunden.
-- -- -- Gegen Abend, wie es ihm befohlen war, fuhr Automedon beim Ziegengebäude vor, Schwabing, Seestraße 18 -- und Gehricke stieg ein zum schwersten Werk des Tages, dem ‚Rückwärtskruch.‘ Als welcher sich folgendermaßen abzuspielen pflegt...
Gehricke fragt den Wagenlenker:
„Woher bin ich gekommen?“
„Von der Fräuln Hoheisl, Herr Assessor.“
Der Motor knattert, die flinken Räder schnurren.
Bei Fräulein Hoheisl zahlt Ziegengebäude seine Zeche und fragt:
„Woher bin ich gekommen?“
„Aus dem Bühnenclub.“
So muß Gehricke, von Prinzipien gepeitscht, von Haarweh gequält, alle Stationen seines gestrigen Kreuzwegs zurückschreiten -- alle Stationen, nicht eine bleibt ihm erspart; muß überall seine Schulden bezahlen...
-- -- -- bis er nach langlanger Wanderung von Maries süßen Lippen das erlösende Wort vernimmt:
„Sie sind vom Pfälzer gekommen, Herr Assessor!“
Nun weiß er, daß der Rückwärtskruch vollendet ist; denn im Pfälzer hat er regelrecht bezahlt.
-- -- -- „Ach,“ seufzt Gehricke so manchesmal, „wie lange werde ich die Strapazen dieses Daseins noch ertragen können?“
Und seine Sehnsucht ist öfter, als man glaubt, im stillen Allenstein, wo die Entfernungen kürzer, die Spirituosen wohlfeiler, die Versuchungen kleiner -- gradezu negativ sind.
Schach
In einem Stimmungsbild aus München, das die Augsburger Abendzeitung unlängst abdruckte, wurde ich als Schachmeister gefeiert. Nach langen, enttäuschenden Jahren habe ich also doch noch erlebt, jene Anerkennung zu finden, die ich mir so oft erträumte: Anerkennung meiner Verdienste auf den vierundsechzig Feldern der Ehre.
Schach ist ein königliches Spiel, eigentlich nichts für meinesgleichen. Doch grade die hocharistokratische Atmosphäre des Schachs atme ich so gern -- der arme Hund freut sich, wenigstens hier auf dem Brett Schiebungen vornehmen zu dürfen mit Bischöfen, Damen und Königen, die ja unserm Einfluß sonst entzogen sind.
Ein königliches, ein edles Spiel. Wers nicht nobel und edel treibt, lieber weit weg vom Handwerk bleibt.
Ich spiele Schach mit dem Major v. Vestenhof. Der Herr Major hat zahlreiche Feldzüge mitgemacht -- gegen Preußen, gegen Piemont und Montenegro -- und ich kann nur sagen: er ist ein unerschrockener Gegner. Seit Jahren kreuzen wir fast täglich unsre Bauern im Café Stefanie; ich habe den Major in Kriegslagen gesehen, wo jedem andern die Haare zu Berg gestanden wären. Vestenhof hat seine Kaltblütigkeit nicht verloren; kein Wimperzucken, kein fahler Schein im Aug des greisen Kriegers verriet Furcht.
Wir eröffnen gewöhnlich mit
~e2~ -- ~e4~;
der Gegner antwortet:
~e7~ -- ~e5~.
Bis hierher ist die Partie von uns theoretisch völlig durchgearbeitet.
Darauf folgt das Pensionistengambit der ältern Gebührenklasse. Der siebente Zug ist ein Rösselsprung, zugleich Angriff auf die weiße Dame. Nun sind zwei Fälle möglich: entweder Weiß bemerkt, daß seine Dame eingestellt ist und rettet sie -- das ist dann die Feldmochinger Variante; oder Weiß bemerkt den Angriff nicht, die Dame wird genommen: Partie Seiner Exzellenz, des k. u. k. Feldzeugmeisters ~ad honores~ Stieglitz v. Donnerschwert.
Auf diesen Zug hat der verstorbene Gendarmeriewachtmeister Göttlicher eine prachtvolle Erwiderung gefunden.
Herr v. Vestenhof verwirft Göttlichers Erwiderung und zieht den weißen Läufer in rasantem Bogen von ~a2~ nach ~h8~. Dies ~h8~ ist ein schwarzes Feld. Dadurch bekommt mein Gegner plötzlich zwei schwarze Läufer und ist in triumphierender Übermacht. (Man findet das interessante Endspiel veröffentlicht in der Schachecke der Allgemeinen Fleischerzeitung, Nr. 52, mit der Unterschrift: Weiß zieht und setzt in drei Minuten matt.)
Wie sichs für Meister schickt, spielen wir ~pièce touchée~ -- das heißt: alle Figuren werden angerührt, ehe wir eine ziehen. Ist aber der Zug geschehen und dem Gegner unangenehm, dann leuchtet unsre Ritterlichkeit im schönsten Glanz auf: auf Verlangen auch nur einer Partei, selbst eines Kibitzes wird der Zug zurückgenommen.
Ja, die Kibitze! Sie scharen sich in dichten Reihen um uns und stören uns mit ihren Ratschlägen. Wir folgen ihnen aus Höflichkeit. Allen können wirs doch nicht recht machen. Gustav Meyrink in seiner unausstehlich höhnischen Art vergleicht unsern Kampf mit einem Duell, bei dem man mit den Pulsadern pariert.
Ja, die Kibitze! Meist sind es Maler. Sie spitzen ihre Stifte, um unsre Gesichter zu studieren -- und, bei Gott, sie kommen auf ihre Rechnung.
Das Schach ist eine harmlose Lustbarkeit, wenn der Spieler die fünf, sechs, zehn, zwölf nächsten Züge des Gegners vorherweiß. Es ist, als hätte der Reichskanzler gesagt: „Wir leben im tiefsten Frieden, der stetige Gang der Politik ist auf Jahre hinaus gesichert.“ Da bleibt die Börse flau.
Auf unserm Schachbrett aber? Ist ewige Pein. Wir tanzen auf einem Vulkan, mit einem Fuß im Grab, und über uns an einem unsichtbaren Faden hängt das Schwert des Damokles. Rechts, links, hüben, drüben ahnt der Partner unermeßliche Gefahren. Der leiseste Zug kann den Tod bringen. Mir oder dir?
Das ists, was unsre Partie so scheußlich spannend macht. Wir spielen Hazard -- um die Ehre. Und die Kibitze studieren in unsern Gesichtern die Ausdrücke von Angst und Grauen.
Seit dreizehn Jahren gibt sich der Herr Major den fürchterlichen Erschütterungen des Glückspiels hin. Seine Hirnrinde ist ihm vor der Zeit ergraut. Ich aber sitze mit vibrierenden Nerven da, wenn mein Gegner wieder einmal die lauernde Frage tut: „Wer ist am Zug?“ Und er antwortet sich regelmäßig selbst: ein kleines Rücken von zwei, drei Figuren -- zunächst zu Versuchszwecken -- dann ein Basiliskenblick -- knurrige Flüche, die mich um alle Fassung bringen -- endlich ein riesiger Sprung des Rössels über drei oder vier Felder -- und mein Schicksal ist besiegelt.
Und stände mein Gegner allein da mit dem entthronten König gegen meine lückenlose Phalanx -- nie gibt er die Partie auf, nie die Hoffnung. Er glaubt an ein Wunder; oft genug ist es gekommen.
Einen so zähen Kämpen zu besiegen, ist nicht leicht. Die meisten Partien enden damit, daß der Herr Major sich weigert, aus dem Schach zu ziehen. Meyrink nennt das: ewiges Schach. So hat der tapfere Vestenhof schon manche verzweifelte Situation gerettet.
Der Münchener Zoo -- aufgelöst?
Was wird mit den Tieren geschehen?
Ich traf unlängst auf einer Reise nach Nymphenburg Meister Birkigt, den Musiker; er erzählte mir von ‚allerhand dummen Gerüchten, die jetzt in München umgingen:‘ unser Zoo solle aufgelöst werden. Kein Wort sei wahr.
Nun ist die Sache so, daß Meister Birkigt ein froher, kräftiger Mann ist mit guter Verdauung, daher Optimist -- er nennt Gerüchte, die da umlaufen, dumm und glaubt sie nicht. Ich aber als Dyspeptiker habe die Erfahrung gemacht, daß Gerüchte vielleicht manchmal der Wirklichkeit vorauseilen, aber schließlich dennoch irgendwie eintreffen. Es sei nur an König Gustav von Schweden erinnert: er wurde 1908 in München totgesagt; und zu Weihnachten 1909 starb -- zwar nicht er -- doch Leopold der Zweite von Belgien. Garso inhaltlos pflegen also Gerüchte, wie man sieht, nicht zu sein.
Schade, wirklich schade um unsern Zoologischen Garten. Ich habe ihn fast täglich, mit Inbrunst besucht, und noch heut in der Ferne, am Rand von Schwabing, denke ich gern an ihn. Ich bin auch Mitglied gewesen der ‚Gesellschaft zur Erhaltung des Tierparks,‘ zwei Mark jährlich -- und ohne Aufhebens damit machen zu wollen -- (nachträglich wird mans wohl sagen dürfen): jenes vielbewunderte Exemplar einer seltenen Dackelart mit Spitzohren und einem schon von Natur ausgerissenen Schweif -- dieses Exemplar also habe ich gestiftet.
Was wahr ist, wird man wohl sagen dürfen: der Zoo war nicht ganz richtig angelegt. Es ist ein alter Münchener Mißbrauch, daß in alles die Künstler dreinreden dürfen. In diesem Fall hätte man die Tierbändiger befragen sollen.
Ja, ich sage es unumwunden, auf die Gefahr hin, in München lautesten Widerspruch zu erregen: in öffentlichen Angelegenheiten, auch solchen, die nichts mit der Kunst zu schaffen haben, auf die Künstler zu hören, ist abgeschmackt. Was kommt dabei heraus? Die Künstler sind ja nicht einmal imstande, Fragen ihres eignen Fachs richtig zu beantworten. Wenn wir einem scheußlichen Gemälde begegnen -- wer hats hingeschmiert? Der Galeriebeamte etwa? Nein, ein Maler. Von wem rühren die mißlungenen Denkmäler und Brunnen her? Von Gemeinderäten? Nein, von Bildhauern. Und sämtliche Häuser, die im Lauf der letzten zehn Jahre einstürzten, waren, eine Privatstatistik hat es erwiesen, von Architekten errichtet worden. Also nur keine falsche Empfindlichkeit, ihr Herren Künstler! -- Sehen sich aber Maler und Bildhauer zusammen, um Standeskontroversen auszutragen -- ah: dann fehlt der Tierbändiger sehr.
Doch zurück zum Zoo! Ist das (von den Künstlern gestellte) Problem überhaupt lösbar: Tiere stets in ihrer natürlichen Umgebung zu zeigen? Der Räucherlachs lebt im Ozean, die Ratte in der Großstadt, die Gemse wieder auf den Gletschern, wo sie sich mit ihren Hörnern spärliches Moos aus den Spalten kratzt. Das Gebäude möchte ich sehen, wo sich alle Bedingungen für Ratte, Räucherlachs und Gemse vereinigen!
Da der Magistrat nun einmal die Unvorsichtigkeit begangen hatte, die Künstler zu befassen, haben sie, naturwissenschaftlich gebildet, wie sie nicht sind, bei einem Tierpark sofort an Tiger gedacht und sich für die Dschungeln von Hellabrunn entschieden.
Hellabrunn ist sumpfig und kalt. Schon am Eröffnungstag des Tiergartens, es war im März, sah ich, wie sich der Mantelpavian fester einwickelte. Sogar der Seehund war verschnupft. Nach kaum zwei Wochen kränkelte der Löwe in seinem feuchten Käfig, die chemische Untersuchung stellte einen Überschuß von Harnsäure und etwas Zucker bei ihm fest. Und was sagten die Herren Künstler? Sie wollten die Schuld an der Säure und dem Zucker auf die Apfelsinenschalen schieben, an denen sich der Löwe übernommen hätte. Gewiß, das Münchener Kindl pflegt dem Löwen Apfelsinenschalen zuzuwerfen, und der Löwe fraß sie. Doch Apfelsinen sind gesund -- der Löwe aber war krank -- und das ist zweierlei, meine Herren! Jetzt, wo es Apfelsinen doch so spärlich gibt, zeigt sich klar: der Löwe hat die Gicht. -- Das Wasser von Hellabrunn scheint den Tieren ebensowenig zuträglich zu sein -- der Schimpanse kriegte einen Kropf. Gut, beim Schimpansen machts nicht viel aus -- er verlor durchaus nicht die Sympathien des Landpublikums, im Gegenteil, er gewann sie. Wie aber, wenns den Flamingo betroffen hätte oder den wilden Schwan? An ihnen wären Kröpfe direkt unästhetisch.
Die Kriegsnot hat unter den Insassen des Tierparks gewütet. Dabei blieb der Nachwuchs sogut wie völlig aus. Als die Krokodilstute trächtig ging, sah man der Entwicklung der Angelegenheit hoffnungsvoll entgegen -- und was wurde schließlich geboren? Ein kümmerliches Achtmonateidechschen mit Gehirnwassersucht und greisenhaften Gesichtszügen. -- Dem Elefanten schlotterten die Pantalons zum Erbarmen; selbst Hofschneider erklärten einmütig, da wäre mit Bügeln und Wenden nichts mehr zu machen. -- Die türkisblaue Garnierung des Mandrils ward so schäbig, daß er sich mit Recht scheute, unter Menschen zu gehen. -- Das Zebra krepierte; man konnte es ja notdürftig ersetzen -- durch einen Schimmel der bayerischen Post, indem man ihn artig rastrierte. Doch die Giraffe ist durch eine Kuh, und sei sie noch so langhalsig, nicht darstellbar; ich wenigstens ließ mich keine Sekunde täuschen. -- Der Eisbär war in der Mottenversicherung, und der Verein zahlte jahrelang pünktlich die Prämien -- jetzt lehnt die Anstalt die Haftung ab; ich finde das wenig nobel.
Die Künstler wollten nicht Gitter zwischen sich und dem lieben Vieh aufrichten, und man nahm für den Münchener Zoo das System von Stellingen an, wo Hagenbeck die Tiere durch unsichtbare Gräben vor der Zudringlichkeit der Besucher geschützt hat; dieselben Gräben verhindern zugleich Rohheitsakte der Raubkatzen an den zahlenden Gästen. Sind die Gräben aber wirklich noch vonnöten -- heute, wo die Fleischkarte selbst den Panthern allen Übermut genommen hat? Nein. Wenn der Zoo wirklich aufgelöst werden sollte: ich bin der Erste, der die gefleckte Hyäne in seine Häuslichkeit aufnehmen und betreuen wird.
Ich kann sagen, ich freue mich auf die gefleckte Hyäne. Wir haben da seit vielen Jahren die sogenannte Halbesche Kegelbahn, jeden Mittwoch bis gegen vier Uhr früh. Sooft ich von da heimkehre, findet meine Braut es unmoralisch. Vergeblich pflege ich darauf hinzuweisen, daß -- im Sinne Kants wenigstens -- die Moral an keine Tageszeit gebunden ist; es gehe nicht an, Handlungen, die um acht Uhr abend als einwandfrei gelten, von drei Uhr morgens an aus sittlichen Gründen zu verdammen. Ich finde für diese Beweisführung kein Verständnis bei meiner Braut. Angenommen nun, ich kehre um die bezeichnete Stunde zurück und führe dabei an einer Leine die gefleckte Hyäne: was wird meine Braut noch viel sagen können?
Ferner wünsche ich mir einen Ibis und ein Känguruh. Beides sehr intelligente, dressurfähige Tiere. Mit dem Känguruh ginge ich einkaufen. In Australien macht man das allgemein: das Känguruh trägt dann die eingekauften Gegenstände in der Bauchfalte nach Hause.
Den Ibis habe ich von jeher bewundert, wie er stundenlang beschaulich zuerst auf dem rechten und dann wieder stundenlang auf dem linken Bein stand. Ich würde ihn zum Butterstehen abrichten.
O, wären meine Mittel nicht so karg -- die meisten Tiere fänden bei mir Aufnahme au pair. Leider ist ja nicht daran zu denken: das bescheidene Kamel nimmt mit einer Handvoll Datteln vorlieb; gut; woher aber Datteln nehmen? Selbst ein mittleres Nilpferd -- ich sage noch nicht einmal eines von den größten -- es würde mich in meiner bürgerlich dimensionierten Wohnung im wahrsten Sinn des Wortes an die Wand drücken.
So umfangreiche Tiere muß ich mir versagen. Doch es gibt kleinere, nicht weniger sympathische.
Da ist das Lama: wie treffend hat es immer meine Ansichten über die Vorübergehenden geäußert!
Oder der Schimpanse (wenn auch mit Kropf): er gleicht so täuschend meinem Freund, dem kleinen Hemmetsberger. Einmal kam meines Freundes Gattin nach Hellabrunn, blickte in den Baum und schrie plötzlich: „Hemmetsberger! Du -- hier?“ -- Ein andermal war der Schimpanse dem Affenhaus entlaufen, die Wächter verfolgten ihn. Hemmetsberger in seinem Autopelz ging nichtsahnend hin und ward gepackt. „Erlauben Sie,“ sagte er empört, „ich bin nicht der Schimpanse.“ „Das könnte jeder sagen,“ erwiderten höhnisch die Wärter. Zum Glück konnte Hemmetsberger sich legitimieren.
Der Paradiesvogel. Ich war dabei, als er entstand: Hagenbeck hatte 1173 ℳ 50 für einen Paradieshahn verlangt, loko Stellingen und ohne Gewähr. Unser junger Verein konnt es nicht erschwingen; man schmückte das Gesäß der Truthenne mit einem bunten Makartbukett, und sie machte sich prächtig.
So knüpfen sich für mich fast an jeden Insassen des Münchener Tierparks niedliche oder wehmütige Erinnerungen.