Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle

Part 4

Chapter 43,439 wordsPublic domain

~Inter arma silent Musae.~ (Übersetzung für malende, der lateinischen Sprache also unkundige Leute: ‚Zwischen Waffen schweigen Musen.‘) Kunst gedeiht im Frieden, in ruhigem, behäbigem Wohlstand. -- Krieg, Kriegsgefahr, Wirren und Wahlen -- Erhitzungen der Volksseele -- machen das Thermometer des Kassenrapportes sinken. Die Kunst läßt erhitzte Bürger kalt.

Ein milder Absolutismus, eine mit demokratischem Fett geölte, geräuschlose Staatsmaschine dient der Kunst am besten. Der Protz als Mäzen, Bürger und Edelmann als Genießer, der Arbeiter als halb zufriedener Räsoneur -- diesen Zustand müssen wir erstreben.

Republik oder Monarchie? Ist völlig gleichgültig. Es gibt sone und solche Monarchien: England und Afghanistan; sone und solche Republiken: die Schweiz und Haiti.

Ein Künstler, der zur Revolution aufruft, ist blitzdumm; ist vielleicht ein Fanatiker mit herrlichen Instinkten; Politiker ist er nicht.

Eine Hand wäscht die andre: der weise Autokrat (als welcher Louis Quatorze oder Clemenceau heißen kann, Hohenzollern oder Schulze) -- der weise Autokrat wird die Kunst nach Möglichkeit fördern, wird gern sehen, daß seine Untertanen Geld verdienen, Bilder kaufen, für Rilke und Arthur Schnitzler schwärmen, Bibliophilitiker werden und sich Ex libris zeichnen lassen von Willi Geiger, Hubert Wilm und George Grosz. -- Robespierre, Marat und Bakunin hingegen hatten keine Ex libris.

Die Kunst umspannt freilich alle Erscheinungen des Lebens -- es gibt auch eine kriegerische, eine Barrikadenkunst. Es gibt auch Meteoreisen. Die Industrie ist dennoch auf Hochöfen angewiesen; die Kunst auf den Frieden.

Es mußte endlich einmal ausgesprochen werden: Wählt Kerschensteiner, wenns wieder einmal dazukommt!

Mich, wie gesagt, geht das alles garnichts an. Und schließlich ist, was ich sagte, auch nicht meine Meinung.

Eine politische Rede,

die ich noch nie zu halten wagte

„Sehr geehrte Versammlung! Viele haben heute zu Ihnen gesprochen und auf den Gegenstand der Beratung ihr Licht geworfen. Sie, meine Freunde, sind eben daran, nach stundenlangem, eifrigem Zuhören einen Beschluß zu fassen. Ich fordere aber, daß Sie nicht abstimmen, ohne auch mich gehört zu haben.

Meine Herren! Entscheiden Sie zunächst, ob diese Versammlung die einzige ihrer Art ist -- oder ob zur selben Stunde oder vorgestern oder übermorgen... ob überhaupt Volksversammlungen im Deutschen Reich getagt haben, tagen oder tagen werden, die sich rühmen dürfen, der eben anwesenden Menge gleichwertig an Geisteskräften zu sein. Ich glaube, Sie werden nach einiger Überlegung zugeben, daß die gegenwärtige Versammlung andern gewesenen, gleichzeitigen und zukünftigen Versammlungen in keiner Hinsicht überlegen ist.

(‚Alles, was wahr ist -- da hat er recht.‘)

Wir sind also Leute von durchschnittlicher politischer Bildung. Gut, diese Erkenntnis wollen wir festhalten! -- Nun sind zwei Fälle möglich:

Entweder unsre Einsicht reicht aus, in die Lenkung des Staates einzugreifen -- oder sie reicht nicht aus.

Reicht sie nicht aus -- dann möge niemand versuchen, uns mit öffentlichen Angelegenheiten zu befassen; uns ‚politisieren‘ hieße ja nur: Dummköpfen einreden, sie wären Staatsmänner. In diesem Fall bitte ich Sie vielmehr, jeglichen Beschluß zu unterlassen und still und betrübt heimzugehen.

Dürfen wir im Saal hier uns aber eines mindestens mittlern Verständnisses für die Lenkung des Staates bewußt sein -- dann, meine Damen und Herren, laßt uns keine Zeit versäumen! Sie räumten mir ja ein, es gäbe tausend Versammlungen im Reich gleich uns; dann ist offenbar so viel politische Klugheit in Deutschland -- so kristallne Weisheit in seiner Regierung, daß Ihr Beschluß völlig überflüssig ist...“

So weit bin ich gekommen -- da wird mich vermutlich eine Stimme unterbrechen:

„Roda, das ist ein Witz!“

Ich werde antworten:

„Herr, es ist das Ernsteste, was über die deutsche Gegenwart zu sagen blieb.“

Die Schaubude auf dem Oktoberfest

„Herrreinspaziert, meine Herrschaften -- ’ziert, meine Herrschaften -- ’ziert meine ’schaften -- ’schaften! Was die sämtlichen Weltteile, was Amerika und der Ozean wirklich Gediegenes bieten -- hier wird es gezeigt und sieht man es, hier entrollt es sich dem staunenden Besucher. Hier amüsiert man sich, hier unterhält man sich, hier ist das Vergnügen zu Haus, die Wonne, Seligkeit und Unterhaltung. -- Kuriositäten, Raritäten, Athleten, Magneten samt Geräten. -- Der Löwenmensch, der herrliche Jüngling in scheußlicher Tiergestalt, ein kolossales Weltmonstrum von wunderbarer Schönheit. Er liest die Bibel, altes und neues Testament, er verspeist Kerzen, Nägel, Lederwaren, Eisen -- frißt Thermometer, Quecksilber und Kohlen -- er frißt die Bibel, altes und neues Testament; ein Mensch von wunderbarer Monstrosität, innen und außen mit blonden Haaren bewachsen, ein Liebling der Damen. -- Nur zwanzig Pfennig -- zwei Sechser, meine Herrschaften! -- Die große Negerkarawane. Nicht ein Neger, nicht zwei Neger oder drei Neger, sondern eine unzählige Karawane, nämlich vier Neger. Wo der Äquator seinen Gürtel um die Erde spannt, da ist diesen Negern deren Heimat. Schöne Neger, graziöse Neger, die schwarze Schmach, Lieblinge der Damen. Menschenfleisch ist ihre Nahrung, Muhammed ihr Gebet. Sie sprengen Fesseln, und sie fressen Feuer. Mit wunderbarer Muskulatur sprengen sie Fesseln, mit herrlicher Muskulatur fressen sie Feuer. -- Die scheußliche Brillenschlange Provoca -- vom Kopf bis zum Schwanz zehn Fuß lang, vom Schwanz bis zum Kopf abermals fünfzehn Fuß, im ganzen fünfunddreißig Fuß -- das giftigste Insekt der Erde. Ohne Preisaufzahlung wird sie gähnen und dem zitternden Besucher ihren Rachen zeigen -- ein Liebling der Kinder. Das interessiert den Gelehrten, meine Herrschaften, interessiert den Soldaten, das ist Wissenschaft. -- Die Riesendame, unsre schöne Zessa, zu Zürich in der Schweiz geboren. Schon mit sieben Jahren verlor sie ihren Vater und kam in Klostererziehung. Sie wiegt 837 Pfund. Die schwerste, die zierlichste Dame der Erde, ein Liebling der Herren. Soeben ist der Beginn der Galavorstellung, soeben wird ein Kavalier auf ihren Busen steigen. Gegen eine Extravergütung von zehn Pfennig können die Herren ihre Waden umspannen. Nur anständig, meine Herren, nur anständig! Zehn Pfennig Extravergütung -- dieses ist ihr Douceur, dieses ist ihre Gage. -- Die herrliche Miß Sivilla, die Dame ohne Unterleib -- ein Gnadengeschenk des Himmels an die schönheitsdürstende Menschheit. Keine Spiegelung, meine Herrschaften, und keine Täuschung -- Sivilla, die Dame ohne Unterleib, doch die Schöpfung hat ihr den Unterleib versagt -- ein herzergreifendes Unglück. Mit tränennassen Augen wird sie Ihnen ihr Schicksal erzählen -- Sivilla: von Seeräubern entführt, vom Sultan von Zanzibar gefangen, von General Lettow-Vorbeck befreit und retourniert. -- Koko und Toto sind ihre Kinder -- die zusammengewachsenen Zwillinge, ein launisches Spiel der Natur. -- Das achte Weltwunder, Miß Leonora, die tätowierteste Dame der Welt. Diese Anmut, Künstlerschaft und Grazie! Sehen Sie die Hand, meine Herrschaften, das Korsett und Füßchen! Alles über und über in dreizehn Farben tätowiert. Ich verspreche Ihnen nicht zuviel -- sie trägt auf dem Oberschenkel das wohlgelungene Porträt weiland des hochseligen Königs Leopold von Belgien. In der Achselhöhle die Tugend, die neun Musen, das Abendgebet. Auf den Hüften Seine Majestät, den Präsidenten Ohm Krüger von Transval. Glaube, Liebe und Hoffnung. Der Beruf des Seemanns. Ich könnte Ihnen die Eleganz bis zu den Schultern zeigen -- ich könnte Ihnen die Eleganz bis zu den Knien zeigen -- ich zeige Ihnen die ganze Eleganz. Hier amüsiert man sich, hier ist die Bildung zu Hause, hierher führt man seine Kinder. Das ist kein Schwindel oder Humbug, sondern Amüsement und Eleganz. Sie hören die Glocke, Musik und die Klingel. Im Augenblick beginnt die große Festvorstellung: der Löwenmensch, die vier Riesenneger, die schöne Zessa, die Brillenschlange, Miß Leonora, die Dame ohne Unterleib mit ihren Söhnen -- Sivilla -- zu herabgesetzten Preisen. Soeben sprengt man die ersten Fesseln, soeben gähnt die Schlange -- wer seine Familie liebt, ergreift die Gelegenheit. Nur für Erwachsene, ausschließlich für Männer. Heute ausnahmsweise auch für Damen; Kinder zahlen die Hälfte.“

Die vierte Dimension

Seit einigen Monaten haben wir eine Hochkonjunktur der Geisterwelt. Übernatürliche Kräfte, die jahrelang ausgeruht zu haben scheinen, erwachen zu desto unheimlicherer Vitalität. Da zeigen sich Phänomene, gar überraschend und einprägsam; und Gelehrte, die dergleichen unlängst noch mit überlegenem Lächeln als Schwindel, Sinnestäuschung von sich gewiesen hätten, formen besorgte Stirnfalten zu Fragezeichen: ob wir da nicht Erscheinungen auf der Spur wären, die der beobachtenden Wissenschaft annoch entschlüpften. Offenbar ist die Wissenschaft so zerstreut gewesen, eine ungeheure Sphäre des Weltgetriebes völlig zu übersehen.

Das Gesellschaftsspiel mit der Übersinnlichkeit ist außerordentlich anregend. Es hebt das Niveau der bürgerlichen Unterhaltung und belebt sie. Dem Minderbegabten tut es wohl, der dünkelhaften Systematik mit den einfachsten Mitteln ein Schnippchen schlagen zu können: eine Weidenrute, ein Draht in der Hand eines Schusters findet Erzgänge und Wasseradern, wo alle Geologie versagte; ein Siderisches Pendel (der an einem Faden befestigte Ehering von Frau Lehmann) stellt Tiziane als echt fest -- die Kunstgeschichte ging kurzsichtig daran vorbei; ein kleines Tischchen mit drei Beinen sagt Entwickelungen der Politik voraus, von der Diplomaten, selbst Gewerkschaftssekretäre noch nichts ahnen... Dann der Aufenthalt in verdunkelten Räumen, die wechselreiche Berührung mit netten Nebenmenschen: das Monopol des Kinos ist gebrochen; ein unverstandenes Wesen von etwas Fleisch und Bein kommt auch bei der Nekromantie auf seine Rechnung. Endlich bietet es mir, dem Mann aus dem Volk, nicht geringe Genugtuung, täglich, sooft ich irgend will, einer Unterredung mit Exzellenz Goethen teilhaftig zu werden und unsern verstorbenen Vetter Siegfried drüben (nein, diese Ehre -- wer hätt es je gedacht?) in stetigem Umgang mit der hochseligen Kaiserin Elisabeth zu wissen.

Von gedämpfter Musik und zärtlichen Fragen angelockt, naht der Griesgram Schopenhauer und gibt Tante Laura einen guten Tip in Frühkartoffeln; Schopenhauer war ja auch im Leben kaufmännisch sehr behend. Maria Stuart rät zu Haussespekulationen: Deutschland werde sich unbedingt erholen. Leider hat die zudringliche Neugier Karl Rößlers die dienstbereite Maria vorzeitig verscheucht: Rößler fragte sie, ob sie beim Bakk auf fünf nachzukaufen pflege.

Man kann all die Geheimnisse, die da aus den Ritzen der Wunderwelt hervorlugen, nicht ernst genug betrachten. Wenn wir von den Interessen der Metaphysik absehen: die praktisch verwendbaren Abfallprodukte der Erkenntnis schon sind verblüffend. Oder bedeutet es nichts, daß letzthin mit Hilfe der Telepathie Diamantenfelder in Oberföhring festgestellt wurden? Lichtzeichen, die von tüchtigen Medien ausgehen, sind jetzt die einzigen Phanale in der Finsternis des Wirtschaftslebens. Gestern erst hat mir eine Psychographologin (Honorar zehn Mark) Winke gegeben -- aus einem Brief, ich bitte, der garnicht von mir geschrieben, nicht einmal an mich gerichtet war -- Winke, die mich in eine neue Laufbahn weisen; nur muß ich vorher meine Schüchternheit und die asketische Lebensverneinung überwinden; was mir umso leichter fällt, als sich auch meine Finanzlage binnen kurzem ins grade Gegenteil verkehren wird. Ein berühmter Forscher hat nach einem einzigen Blick in meine Achselhöhle nicht nur die günstige Prognose des Psychographenweibes bestätigt -- er mahnt mich auch, gewisse Begabungskeime nicht zu vernachlässigen. In der Musik, sagt er, würde ich es zur Meisterschaft bringen; und ich Esel hatte die Musik bisher so wenig gepflegt, daß ich die große Trommel von der Klarinette nur nach Anfrage bei den Nächstbeteiligten unterscheiden kann. -- Derselbe Forscher macht obgenannte Tante Laura auf ihr Talent für Barmherzigkeit aufmerksam. Barmherzigkeit verrät sich dem Kenner äußerlich durch die emporgerichteten Nasenlöcher, wie ich mir erklären ließ. Für das Tierreich scheint die Regel nicht zuzutreffen -- wenigstens galt Barmherzigkeit bisher nicht für den hervorstechendsten Charakterzug der Möpse.

-- -- -- Ich habe tief in der Zukunft gepopelt und zahlreiche Astralleiber interviewt. Wenn ich die okkulten Vorgänge der letzten Wochen zusammenfassend überschaue, muß ich allerdings sagen: daß mich die Engstirnigkeit der lieben Verstorbenen ein wenig enttäuscht. Erstaunlich, um wie kleine Dinge die Abgeklärten sich bekümmern -- und selbst die Jenseitsintelligenz der Allergrößten scheint das hinieden übliche Durchschnittsmaß nicht erheblich zu übersteigen. „Die Lebenden,“ sagt Meyrink irgendwo, „wissen eben ihre Albernheit geschickt zu verhüllen; nach dem Tod kommt sie kristallklar hervor.“

Darum übe ich gegen Geister zunächst eine -- vielleicht übertriebene -- Vorsicht und Zurückhaltung.

Ich habe beschlossen, meine Weltanschauung nicht gleich gänzlich aufzugeben.

Ich möchte vielmehr angesichts der verwirrenden Fülle der Vorgänge eine Weile noch im Stande rationalistischer Unschuld verharren.

Zeigt sich später, daß es ein Fortleben nach dem Tode gibt: nun, dann habe ich ja immernoch Zeit, meine Ansichten zu revidieren und mich durch Klopftöne bemerkbar zu machen.

Die Musen und die Parzen

Da es uns gelang, Margarine und Feigenkaffee durch schmackhafte Chemikalien zu ersetzen, Kunstseide durch Brennesselfasern und die alte Regierung durch eine neue Regierung -- nun erschrecken wir auch nicht mehr, wenn die Feinde drohen, die Musen von der deutschen Kunst abzusperren, die deutsche Kunst von den Musen.

Apollo ist längst zum Variété gegangen; seitdem taugten die neun Frauenzimmer ohnehin nicht viel.

Wir werden Ersatz finden; ich schlage folgende neue Musen vor:

* * * * *

Terpzichorie, die Muse des Chantantcafés;

Eklio, die Muse der Malerei;

Metropolyhymnia, die Muse der Operette;

Pêle-Mêlepomene, die Muse der Revue;

Taillia, die Muse des Modeballetts;

Kallipygiope, die Muse des Orpheums;

Plagiato, die Muse des Humors;

Hurrania, die Muse der Kriegslyrik;

Hinterterpe, die Muse des Kinos.

* * * * *

Das sind die neun.

Die Parze Atropos, die mit der Schere, ist journalistisch beschäftigt -- doch es will

Lozelachesis als Muse der Zeitgeschichte fungieren.

Tanz

Das war ein unvergeßlicher Abend gestern abend, dieser Abend in den ‚Vier Jahreszeiten,‘ bei gehobenen Gefühlen und ebensolchen Eintrittspreisen.

Als sich der Vorhang mitten spaltete, erblickte man einen zweiten Vorhang, er war blau wie Rotwein.

Vorn stand ein Holzgerüstchen, zartvergoldet. Eine Harfe? Ein Schafott? Es war ein Sessel, Gotisch-Fraktur.

Weiter hinten stand die Tänzerin, mit einem verkürzten Bein. Schon nach der dritten Nummer zeigte sich, daß ihr Bein nicht wirklich verkürzt ist, sondern es war nur eine künstlerische Verkürzung, nach einer Radierung von Slevogt.

Wie hieß sie doch, die Tänzerin? Kita Rido. Nein, Rita Kido. Oder so ähnlich.

Das Klavier seufzte auf, und die Tänzerin begann zu tänzen.

Sie tänzte Spondäen, hie und da Anapäst und Amphibrachys.

Sie tänzte schwermütige Allegretti und muntre Nänien.

Dann etwas Spanisches, wobei sie durch Knacken der Schlüsselbeine die Castagnuolas zu markieren suchte. Man hörte es nicht sehr, denn Riki Tado ist gut genährt.

Vom Ägyptischen Tanz kann man nur sagen: pyramidal; das wenn der hochselige König Schöps, Erbauer der Schöpspyramide, hätt erleben dürfen!

Was Unkundigen als Gelenkübung im Bademantel erschien, war die Versunkene Kathedrale von Debussy.

Bei ‚Großmutters Polka‘ waren Tari Kidos Hösinnen sehr lang, jedoch durchsichtig, mit kleinen Rüschchen oben und unten. Überdies staken niedlich gelbe Flügel an den Hüften. Ich entsinne mich nicht, Großmutter jemals in so praktischer Kleidung gesehen zu haben.

Den Totentanz von Saint Saëns machte sie +zu+ herzig -- am liebsten wollt man ihr zurufen: Geh, Dickchen, schwoof nochmal den Totentanz von Saint Saëns!

Dann war ‚Tanz ohne Musik.‘ Eine Glanzleistung. Tiki Rado sollt auf dieser Linie kühn weiterschreiten; auch den Tanz noch weglassen. Wenn man so gebaut ist, hat mans wirklich nicht nötig.

Endlich ein ‚Bacchanal.‘ Musik:

„Das ist mein Wien im Foxtrottfimmel, Da fühlt sich selbst der Ochs im Himmel.“

Ich war im Himmel.

-- -- -- Trotzdem muß ich sagen, daß mich die Tanzabende seit einiger Zeit eher ernüchtern.

Denn wie sehr das Erotische des modernen Tanzweibes unser gesundes Empfinden stachelt: man hat das jetzt daheim, beim Sonntagstee in der deutschen Familie viel lasterhafter. Und durch Gewöhnung stumpft sich der Reiz doch etwas ab.

B. G. Nuschitsch nacherzählt

Das Vertrauen der Öffentlichkeit

Gestern kam eine Abordnung unsres Bezirks zu mir. Ich begrüßte die Herren ungemein freundlich.

Die Herren sagten, sie kämen mit einer Bitte. Unwillkürlich hielt ich mir die Taschen zu. Doch ein Blick in die Mienen meiner Besucher hieß mich, meine taktlose Reflexbewegung einstellen. Nein -- diese harmlosen Größen des Bezirks wollen mich nicht zu Wohltätlichkeiten zwingen.

Es entspann sich zwischen mir und der Abordnung ein anregendes Gespräch.

+Die Herren:+ Das Volk wünscht, Sie als seinen Vertreter ins Parlament zu entsenden.

+Ich:+ Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf den Umstand lenken, daß auch ich mich gern als Vertreter des Volks im Parlament sähe. Der merkwürdige Zusammenklang meiner eignen Wünsche mit denen der Nation verdient gewiß Ihre Beachtung.

+Die Herren:+ Das Volk braucht einen Vertreter, der die Rechte der Nation verteidigt und sich für ihre Interessen einsetzt -- mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen.

+Ich:+ Daran solls nicht fehlen. Ich gelobe, mich aufzuopfern. Man stellt mir da eine Aufgabe, die ebenso verantwortungsreich wie einträglich ist -- und ich will mich gern der Mühe unterziehen, die Aufgabe zu lösen. Ich werde nicht der erste sein, der den Beruf eines Parlamentariers ergreift.

+Die Herren:+ Das Volk wird Sie durch sein Vertrauen belohnen...

+Ich:+ Verzeihen Sie, daß ich Sie wiederum unterbreche. Was die Belohnung betrifft, möchte ich die Last von den Schultern meiner geehrten Wähler soviel wie möglich abwälzen. Ich werde mich wegen meiner Belohnung an die Regierung wenden.

+Die Herren:+ Wir denken hier nicht an die Taggelder...

+Ich:+ Auch in diesem Punkt klingen wir durchaus überein. Ich denke hier ebensowenig wie Sie an die Taggelder. Taggelder sind eine Sache für sich -- ich werde sie bekommen, ob ich die Sache des Volkes vertrete oder nicht. Sie wissen ja: auch ein ganz unnützes Mitglied des Parlaments -- die ganze Opposition zum Beispiel -- bekommt Taggelder. Ich spreche vielmehr von gewissen Nebeneinkünften, die mir die Regierung wird gewähren müssen -- im Hinblick auf die Wünsche und Bedürfnisse meiner Wähler.

+Die Herren:+ Wir verstehen Sie nicht.

Ich: Ich würde sehr bedauern, wenn sich zwischen meine Wähler und mich jetzt schon Mißverständnisse drängten. Später, wenn ich das Mandat erst in Händen habe, werden sich Mißverständnisse ohnehin nicht mehr vermeiden lassen. Ich wäre der erste Abgeordnete nicht, den seine Wähler nicht verstehen -- Sie nicht die ersten Wähler, die den Kopf über Ihren Vertreter schütteln. Vorläufig aber, heute noch, müssen wir einig sein. Ich gebe Ihnen also hier feierlich mein Wort und bitte Sie, was ich sage, allen Wählern zu bestellen: daß ich jedesmal, wenn ich Liebesgaben von der Regierung annehme, meinen Bezirk im Auge behalten werde. Sooft ich, sagen wir... -- ich führe nur einen beliebigen Fall an, der mir grade in den Sinn kommt -- sooft ich also von der Regierung das Recht erbitte, eine Spiritusbrennerei zu gründen, werde ich sie gewiß in meinem Wahlbezirk gründen; wenn man mir Lieferungen für die Reichswehr oder die Eisenbahn überträgt, werde ich aus meinem Bezirk liefern. Denn warum sollt ich einen Bezirk ausbeuten, der mich nicht einmal gewählt hat? Die Liebe -- die Liebe zur Heimatscholle soll mich leiten für und für.

Die Herren trocknen sich die Augen.

+Ich:+ Wischen Sie die Tränen nicht ab, Zeichen Ihrer Rührung, die mich so sehr für Sie einnimmt! Sagen Sie mir nur: weinen Sie in eignem Namen oder im Namen der ganzen Wählerschaft?

+Die Herren:+ Wir haben uns im Lauf einer jahrelangen politischen Tätigkeit angewöhnt, immer im Namen aller Wähler zu weinen.

+Ich:+ Dank Ihnen, meine Herren! Dieser sinnige Volksbrauch war mir nicht bekannt -- ich stehe nicht an, ihn als einen der schönsten zu bezeichnen, die mir je begegnet sind. -- Pflegen Sie gewöhnlich vor oder nach der Wahl zu weinen?

+Die Herren:+ Gewöhnlich +nach+ der Wahl.

+Ich:+ Man muß an solchen Überlieferungen festhalten. Ich bin ein warmer Verehrer alter Sitten. Sparen Sie also die Volkstränen für jene Zeit auf, wo ich schon im Parlament sitzen werde.

+Die Herren:+ Wir bitten Sie nun, uns Ihr Programm zu entwerfen.

+Ich:+ Programm? Sie bringen mich ein wenig in Verlegenheit -- ich habe, bei Gott, kein Programm vorbereitet. Wozu mich mit dergleichen erst plagen?

+Die Herren:+ Das Volk ist das schon so gewohnt...

+Ich:+ Gut, ich will die Gewohnheit ehren und mit einem Programm in der Wahlversammlung erscheinen.

+Die Herren:+ Mit welchem?

+Ich:+ Das kann Ihnen doch wirklich gleichgültig sein. In unserm sechzig- oder siebzigjährigen parlamentarischen Kampf haben wir ja nicht viel erreicht. Eins dennoch: die Programme der Abgeordneten sind Wort für Wort festgelegt. Man kann sagen: alle Programme sind prächtig -- ohne Unterschied der Partei. Welches Programm immer ich zu dem meinen mache -- Sie können zufrieden sein: es wird Hunderte von Verheißungen enthalten -- für Arm und Reich. Es gibt kein Versprechen, und sei es noch so kühn, das ich dem Volk vorenthalten werde -- ohne Rücksicht auf die Kosten der Erfüllung. Seien Sie überzeugt, daß mich kein lebender Parlamentarier an Versprechungen übertreffen wird, soweit unsre Zunge klingt -- das gelobe ich Ihnen mit Herz und Hand -- fürs Vaterland.

-- In freudiger Erregung, bereichert um tausend große Hoffnungen, nahmen die Herren Abschied. Und schließlich: was wäre das Leben, wenn es keine Hoffnungen gäbe?

Einfälle

„Alle Menschen sind Brüder.“ -- Daher der ewige Zank unter ihnen.

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„Seit er sein Auskommen hat, ist dieser Schlieben ganz genießbar.“

Ach -- die Menschen alle wären Charaktere, wenn sie genug zu essen hätten.

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Estnisches Sprichwort:

‚~Kött tais, mel hä.~‘ -- ‚Bauch voll, Gemüt gut.‘

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Der Drang, sich künstlerisch zu betätigen -- und die Begabung: zwei Eigenschaften, die zufällig mal zusammentreffen -- wie etwa ein Gärtner einen Buckel haben kann.

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Es gibt Juden, die über Juden schimpfen.

Es beflegelt Max Jungnickel das Philisterium.

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Darf man die Weisheit der Schöpfung noch anzweifeln, wenn man erfährt, daß ~Pyrethrum hybridum~, die Insektenpulverpflanze, grade in Dalmatien und Persien wild gedeiht?

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Es genügt die kleinste Nuance komischer Betonung, ein Gedicht lächerlich zu machen.

Es genügt der kleinste Toilettefehler eines Schauspielers, eine Tragödie zu schmeißen.

Ich werde jenen Darsteller für den größten halten, dem es gelingt, den König Lear mit sichtbaren Unterhosenbändchen zu spielen und die Menge weinen zu machen.

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Der Absolutismus, von anständigen Menschen ausgeübt, von großen, vollen Menschen, wäre durchaus erträglich. Vom Bolschewismus gilt dasselbe.

Auf die Staatsform kommt es weniger an als auf die Menschen, die sie erfüllen.

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Was aus den zwei Schwestern Kümmerl geworden ist?

Die eine hat der Herr zu sich genommen, die andre der Herr Schmitz.

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Ein Wiener Autor wird nicht müde, auf die Arbeit hinzuweisen, die er an seinem Stil leistet.

Es gibt auch Menschen, die sich ihres gewaschenen Halses rühmen.

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