Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle
Part 3
Das Kasino ist teuer und vornehm. Luitpold ein Übergang. Der Donisel ist eine Kutscherkneipe an der Weinstraße. Sie öffnet um fünf ihr ängstlich schmales Türchen und läßt die Gäste ein: Nachtarbeiter, Chauffeure, Damen in Zobelpelzen, Lebemänner im Frack. Es dauert Sekunden, und alles ist besetzt: Gastzimmer, Flur, Küche, Tische, Bänke, Herd. Die Nägel an der Wand sind behängt: mit Kutscherpeitschen und Zobel. Man rauft sich um den Inhalt gargantuanischer Weißwurstkessel.
Beim Donisel endet die offizielle Münchener Nacht. Trainierte fahren noch auf den Hauptbahnhof, Kaffee trinken. Doch die ‚Gewappelten‘ haben dieser frivolen Überschreitung der Polizeistunde einen Riegel vorzuschieben gewußt: in die Bahnhofwirtschaft wird nur eingelassen, wer sich ‚im Besitz eins giltigen Fahrausweises befindet.‘ Es muß also, wer frühstücken will, vorher ein Billett nach Dachau lösen. Nur wenige verfügen zu so früher Faschingsmorgenstunde über das erforderliche Betriebskapital.
Und dann? Was nach dem Kaffee geschieht? Tumanbanga weiß es. Er allein, der schweigsame Gott -- und sagt es nicht.
Ich weiß nur: voriges Jahr kam eine junge Frau ihrem Gatten abhanden; drei Tage wartete er -- sie kehrte nicht zurück; er lief aufs Amt.
Auf dem Amt aber war ein Gastwirt erschienen mit der Meldung: in seinem Hotel liege seit drei Tagen eine junge Frau und weine.
Sie konnte nicht aufstehen, um heimzugehen; der niederträchtige Kavalier hatte ihr die Kleider gestohlen.
Münchener Sittlichkeit
Als wir noch die ‚schwarze Schmach‘ in Bayern hatten (ich persönlich habe mich unter der Zentrumsherrschaft sehr wohl befunden) -- damals klagte man viel über den Niedergang der Sittlichkeit. Ich fürchte, man werde auch in aller Zukunft noch in Schlagwortschätzen wühlen -- darum sage ichs vorweg:
Es geht nicht an, sich bei Abwägung der Sittlichkeit (diese im engherzigsten Sinn verstanden) auf das Gedächtnis der Generation zu verlassen. Ihr Urteil ist von Gefühlsmomenten gefälscht. Manch ein älterer Herr wird behaupten: in den Sechzigerjahren, selbst zur Zeit Ludwigs II. noch, wäre mehr als heut geliebt worden. -- Für die Wissenschaft sind solch wehmütige Erinnerungen natürlich ebenso wertlos wie das Gezeter jugendfeindlicher Neutra.
Wie aber die Wahrheit feststellen?
Mit amtlichen Daten? Der Polizeibericht erfaßt nur jene Damen -- und triumphiert: wir in München hätten -- mit Ausnahme der betagten Dame Ecke Maximilianplatz-Pfandhausstraße -- sozusagen überhaupt keine.
Da rümpfen die Herren Neutra besorgt die Achseln (warum besorgt? um den Fremdenverkehr??) und erwidern:
„Tja, der Polizeibericht ist eben unverläßlich; er beweist eher, daß die Polizei zu lax ist.“
Ein andres amtliches Material über das Wachsen oder Sinken der Sittlichkeit aber gibt es nicht. Das Leben scheint sich zum Verkehr mit den Behörden wieder einmal nicht zu eignen. -- Die Grenzen zwischen Tugend und Laster fließen, sogar zwischen Ehe und Nichtehe. -- Die Sozialwissenschaft versagt vollends: sie bedauert seit Jahren, die Liebe und ihre Ausartungen nicht statistisch erfassen zu können. -- Ein überaus heikles Thema, ein oedipëisches Problem. Man ist, kurz und gut, hilflos.
Da kann ich ihnen den Vorwurf nicht ersparen -- der Regierung, der Presse, den Anwälten allen des öffentlichen Lebens: daß sie nicht mich zuerst befragt haben, den einzigen vielleicht, von dem gewissenhafte Auskunft zu holen war.
Ich bin vermöge meines Alters an der Unsittlichkeit rundum persönlich unbeteiligt; ich bin aus Gründen, deren Darlegung man mir gütigst ersparen möge, an der größern oder geringern Willfährigkeit des Münchener Weibes nicht mehr unmittelbar interessiert. Trotzdem habe ich das Studium der Unmoral zu meiner Lebensaufgabe gemacht.
Doch ich habe meine Forschungen weise auf eine einzige unter den vielfältigen Formen der Unsittlichkeit beschränkt: auf den Ehebruch; ihn betrachtet mein akademischer Eifer seit langen Jahren.
Die Zunft der Sozialkritiker blickt scheel auf meine Arbeit -- selbstverständlich. ~Je m’en fiche.~ Ist der Ehebruch nicht eine gesellschaftliche Einrichtung? Die man wissenschaftlich betrachten kann wie... -- na, sagen wir: die Ehe selbst? Die man doch wohl als Objekt nützlicher und notwendiger Forschungen wird gelten lassen müssen? -- In Polynesien ist der Hausfreund eine behördlich anerkannte Person des Familienrechtes und wird in den dortigen Matrikeln geführt; ein Beweis, wie verbreitet die Institution ist...
Ich habe ohne staatliche Hilfe, ohne Anerkennung der Zunft fertiggebracht, woran sie alle verzweifelten, die Fachleute: eine Statistik des Ehebruchs; aus ihr werden Rückschlüsse auf die übrigen, ähnlichen Verirrungen zu ziehen sein.
Ich greife, indem ich die folgende Tabelle veröffentliche, zwei Quartbänden vor, die ich demnächst bei Perthes in Gotha herausgebe.
Meine Methode zwang mich, dem weitesten Kreis zunächst die Fragen vorzulegen:
„Wie oft haben Sie sich leider des Ehebruchs schuldig gemacht?
In wieviel Fällen hatten Sie das Pech, gefaßt zu werden?“
Dank dem Vertrauen meiner Freunde konnte ich ermitteln, daß von 123 Übertretungen erst 1,0 fatal endet (0,81 %).
Ein überraschendes Blitzlicht auf die Leichtgläubigkeit und Milde der Betroffenen wirft dann die unwahrscheinliche und doch (von mir) durchaus erwiesene Tatsache: daß erst jeder siebente Flagrantifall zur Ehescheidung führt.
Das Ei des Columbus. Ich mußte nurmehr die Zahl der Scheidungen auf Grund von Untreue (816 auf 1000) multiplizieren mit 123 mal 7, um zu folgendem Ergebnis zu gelangen:
Es entfallen auf den Kopf der Bevölkerung
Ehebrüche in München Wien Berlin 1917 0,047 0,048 0,048 1918 0,046 0,039 0,046 1919 0,047 0,049 0,047
Wiewohl sich meine Beobachtung nur auf einen kurzen Zeitraum erstreckt, wiewohl die letzten Jahre von mir noch nicht methodisch durchgearbeitet sind, lassen sich schon jetzt einige wichtige Lehrsätze gewinnen:
Die Unsittlichkeit bleibt in allen drei deutschen Großstädten auf der einmal behaupteten Höhe, ohne die Tendenz, zu fallen oder zu steigen.
Die Not des letzten Kriegsjahrs 1918 hat überall kalmierend auf die menschlichen Leidenschaften gewirkt -- am meisten in Wien -- worauf sich (und das ist höchst merkwürdig) grade im Tiefstand des Wirtschaftslebens, 1919, die Zahl der Verfehlungen wieder hob. Wollten sich die Leute trösten?
Die Frequenz ist überall ungefähr die gleiche -- Wien hat einen kleinen Vorsprung, nicht der Rede wert.
Gewiß aber ist, daß München immernoch sehr gut abschneidet -- mag man die Sache nun vom Standpunkt des Fremdenverkehrs betrachten oder vom andern der Sexualethik.
Meine Herren! Angesichts meiner Tabelle werden Sie nicht mehr zu jammern wagen, wir in München hätten uns vor andern Städten, Berlin besonders, auch nur im mindesten zu schämen.
Ein Schock neue Zeitschriften
Eine Zeitlang war das Papier knapp in Deutschland. Jetzt scheint die Blase irgendeiner Zentrale geplatzt zu sein; man erblickt an allen Litfaßsäulen die Plakate neuer Zeitschriften, und die Post bringt einem täglich die Versicherung: die und jene Revue werde vom nächsten Ersten an erscheinen -- zur empfindlichen Verstopfung einer Lücke.
Meist sind es politische Monats- und Wochenschriften: das vorige Geschlecht hat erwiesen, daß Talente Hungers sterben; da versucht das neue Geschlecht, von seiner Gesinnung zu leben.
In München haben wir jetzt zehn neue Zeitschriften. Eine heißt ‚Der Blitz‘ -- wohl nach ihrem flüchtigen Erscheinen; die andre ‚Janus‘ -- weil der Abonnentenkreis zwei Gesichter hat; sie gehört zu den erfolgreichern; die dritte ‚Helios‘ -- erscheint am Morgen und wird am Abend untergehen; die vierte ‚Agora‘ -- nach dem bekannten größten Gemeinplatz Athens; ‚Das Rätsel‘ geht seiner Auflösung entgegen; ‚Das wilde Roß‘ -- wer denkt daran, es zu halten? -- ‚Die Zirbeldrüse‘ -- ein winziges Organ, von dem niemand recht weiß, wozu es eigentlich da ist; ‚Der Vollmond‘ -- weil das Format von Woche zu Woche abnimmt; ‚Der Vulkan‘ ist zum Speien; endlich ‚Der Komet‘ -- -- doch nein, er hat den Schweif schon eingezogen und zeigt sich nicht mehr.
Es ist nicht nötig, all die Sachen zu bestellen -- Ew. Hochwohlgeboren müssen nur im Verzeichnis der Fernsprechteilnehmer stehen, um wöchentlich mit den Leidenschaften von zehn Herausgebern überspritzt, mit der Keilschrift von zehn Illustratoren gezüchtigt zu werden. Da nämlich jede der Zeitschriften eine ‚garantierte Auflage von 10000 Exemplaren‘ hat, München aber nur die gleiche Anzahl von lesenden Einwohnern, so ist klar, daß jede Zeitschrift denselben 10000 Leuten regelmäßig zugehen muß -- und ihre Adressen eben stehen im Telephonverzeichnis.
Neben den politischen gibt es immernoch auch kulturelle Zeitschriften. Den ‚Erdgeist‘ habe ich eigenhändig abonniert, was in den beteiligten Kreisen einiges Aufsehen erregte und große Hoffnungen wachrief für die Zukunft des neuen Unternehmens. In Nummer 1 schon fesselt mich ein Essay ‚Hochzeitsgebräuche im östlichen Grönland,‘ der zum Ergreifendsten gehört, was aus deutscher Feder je geflossen ist. Leider bricht der Artikel grade an spannendster Stelle ab, um erst im nächsten Heft weiterzulaufen. Ich werde einen vollen Monat warten müssen, um endlich zu erfahren: wie sich die Eskimobraut ‚hingegen in Upernivik‘ benimmt, ‚falls ihr geschiedener Gemahl kein Weiberboot besitzt.‘ Einen Monat wird mich peinigende Wißbegier verfolgen: schüttet die Braut das Tranbecken aus -- oder trinkt sie es leer? In Upernivik? Die von Ritenbenk hat es (unter interessanten Beschwörungen) ausgeschüttet. -- Die Herausgeber sollten einige Rücksicht nehmen auf die Nerven ihres Lesers.
Ich habe den Revuekommandeuren Münchens einen gewiß beherzigenswerten Vorschlag unterbreitet:
„Wozu,“ sagte ich, „all das Zeug erst drucken lassen? Wozu die hohen Auslagen für Satz und Papier? Laßt doch die Manuskripte selbst bei den Abonnenten zirkulieren! Damit ließe sich dann eine nette Manuskriptausstellung verbinden -- bei Schönwetter im Freien und an Regentagen unter Dach.“
Leider will man nicht auf mich hören -- die Menschen sind so starrköpfig, die Idee noch zu neu.
Glückliches Deutschland! Nicht genug, daß jeder Bauer sein Huhn im Topf hat -- nein: es entbehrt auch kein Jüngling seines eignen Vogels -- und, um ihn auszudrücken, hat er seine Privatzeitschrift; wo er sagen darf, ungehemmt von banausischen Redakteuren, wie es dem Reichspräsidenten ums Herz zu sein hat und wie sich diese herrliche Welt verbessern und wieder verbessern ließe -- durch einen gewaltigen Ruck nach links oder nach dem jetzt noch beliebtern Rechts.
Sooft mir eine neue Wochenschrift begegnet, muß ich meines Freundes Keller gedenken. Er, er ist der klügste Herausgeber gewesen, der tüchtigste und glücklichste. Er gründete das ‚Österreichische Marineblatt,‘ erster Jahrgang 1897.
Drei Jahre später begegnete ich ihm wieder. Ich äußerte Beileid; ich hätte in all der Zeit die Marinehefte mit keinem Auge gesehen -- das Unternehmen müsse wohl gestrandet sein?
„Im Gegenteil,“ rief Keller, „ich blühe und gedeihe. Sofort auf meinen Prospekt hin haben sämtliche Erzherzoge das Marineblatt abonniert, der Erzbischof von Wien, die Hofbibliothek fünf Exemplare, die Statthalter der Provinzen, die Ministerien. Alle, alle zahlen pünktlich 36 Kronen im Jahr. Und niemand hat noch bemerkt, daß das Marineblatt überhaupt nicht erscheint. -- Gestrandet?? Ich rechne auf ein sorgenloses Alter.“
Kleine Nachrichten
=Abermals Mißhelligkeiten= in der Münchener Künstlerschaft! Der Maler Oppenheimer-Mopp hatte bisher als Gründer und einziges Mitglied der Prager Gemeinschaft angehört. Infolge von Zerwürfnissen mit sich selbst ist er aus der Prager Gemeinschaft ausgetreten und schließt sich der neuen Künstlergruppe ‚Hakenkreuz‚ an, wiederum als einziger.
=Theo von Brockhusen= hat sein Verfahren der Van-Gogh-Plagiierung zum Musterschutz angemeldet. Brockhusen droht nun gegen jeden auf das Strengste einzuschreiten, der ihm künftig das Vorrecht auf Van Gogh streitig macht.
=Unangenehmes Erstaunen= erregte das jüngste Auftreten des Fräuleins Tiedemann im Schauspielhaus. Seit Monaten ein geschätztes Mitglied des Ensembles, hatte sie zu Klagen keine Ursache geboten. Umso peinlicher mußte es die beteiligte Direktion berühren, als sich Fräulein Tiedemann ohne den geringsten äußern Anlaß plötzlich als Talent entpuppte. Es sind bereits Unterhandlungen im Gang, um die widerspenstige Künstlerin für eine Berliner Bühne freizugeben.
=In der Wittelsbacher Kellerei= hat sich eine österreichisch-ungarische Partei gebildet, bestehend aus dem Hofrat a. D. Franz Pohlavka Edlem von Siegesdurst, dem Rentmeister Huber und Baron Simmen. Die drei Herren pflegen jeden Mittwoch von ½9 bis 10 Uhr die k. und k. Monarchie zu beweinen. Da Herr Hofrat Pohlavka oft verhindert ist, wird ein vierter Teilnehmer gesucht.
=Der Verein der Münchener Theaterprojektanten= hielt im Saal des Kindlkellers, einem der größten Europas, seine ordentliche Generalversammlung. Den Vorsitz hatte, wie immer, Dr. Karlsruher. Nach einer kurzen Begrüßung der Anwesenden, worin er der Versammlung die Bestrebungen des Vereins warm ans Herz legte, erteilte der Vorsitzende das Wort dem Vereinsschatzmeister. Das vergangene Kalenderjahr war eines der glänzendsten seit der Gründung des Vereins (1603). Nicht weniger als 129 neue Theaterprojekte waren seit dem Winter aufgetaucht, und jedes hatte durchschnittlich 5,3 Interessenten gefunden. 129 mal 5,3 beträgt denn auch die Zahl der neuaufgenommenen Mitglieder. (Beifall.) Das Vereinsvermögen ist auf 7 ℳ 60 ₰ angeschwollen, wovon die Hälfte zur Stillung der dringendsten Not an ältere, verdienstvolle Theaterprojektanten verteilt werden soll, während der Rest auf neue Rechnung gutgeschrieben wird. An Stelle des ausscheidenden Vorsitzenden tritt der durch Zuruf gewählte neue Präsident August Weigert.
=Zwischen der Luftschiffgesellschaft m. b. H.= in Friedrichshafen und Direktor Reinhardt-Salzburg ist endlich das geplante Übereinkommen zustande gekommen. Darnach erbaut die Luftschiffgesellschaft fünfzig Hallen in den größten Städten Deutschlands und versieht sie mit Zeppelinkreuzern. Sobald einer davon scheitert, bezieht unverzüglich Reinhardt die Halle und führt mit seinen Leuten den ‚Danton‚ auf. Scheitert wieder das Gastspiel, tritt ein neuer Zeppelin an seine Stelle. Man hofft, durch diese Kombination der beiden so groß angelegten und so waghalsigen Unternehmungen die gemeinsamen Riesenhallen aufs Intensivste ausnutzen zu können und dem Publikum ein stets wechselndes Repertoire zu bieten.
=Eine ärgerliche Überraschung= hat der zweite Vorsitzende des Männervereins zur Bekämpfung der Unsittlichkeit erlebt, als er am letzten Mittwoch die Redoute im Matthäserbräu besuchte. Er wurde vom ersten Vorsitzenden erkannt.
=‚Glaube und Heimat,‘= dies kernige Stück Schönherrs, hat die deutsche Bühne wiederum der Alpendichtung erobert. Allein die Darstellung konnte der wuchtigen Tragödie niemals gerecht werden. Dem deutschen Schauspieler fehlt leider nun einmal das charakteristische Organ des vollkommenen Tirolers: der Kropf -- ein Mangel, der alle Freunde echter Volkskunst mit Schmerz erfüllen mußte. Doch die Technik der Neuzeit ist nicht untätig geblieben. Schon sind zwei bewährte Konstrukteure, Gustav Meyrink und Roda Roda, der Natur zu Hilfe gekommen durch Erfindung eines künstlichen, umschnallbaren Lederkropfes für Theaterzwecke, ~DRP.~ Nr. 31069. Der ehrgeizige Bühnenleiter wird hinfort in der Lage sein, die Gestalten unsres Schönherr naturgetreu auszustatten. Die Erfinder liefern den patentierten Schmuck des Älplers, um auch den verwöhntesten Ansprüchen zu genügen, in mannigfacher Gestalt -- vom rosigen, kaum merkbaren Blähhälschen an (Marke ‚Ischler Deandl‘ -- für Alpenbälle) bis zum sonnverbrannten, sackartigen, doppelseitigen, voll ausgewachsenen Albatroskropf (Marke ‚Souvenir de Hallstadt‚). Ein Kropfabonnement, das die Fabrikanten zur Lieferung stets wachsender Nummern verpflichtet, erlaubt auch dem Minderbemittelten -- wofern er nur für Volkstum und Almenleben schwärmt -- die Anschaffung der unentbehrlichen Zierde. Das Tragen des künstlichen Kropfes stört den Denkprozeß nicht im mindesten. Der Meyrink-Rodasche Kropf hat sich denn auch besonders in der benachbarten Donaurepublik rasch eingebürgert und besonders in der grünen Steiermark, im treuen Tiroler Landel zahlreiche Verehrer gefunden. Den Vertrieb für Österreich besorgt Herr Siegfried Geyer in Wien, I.
Lostag der Nation
Das war ein paar Jahre vor dem Krieg -- ich ging eines Nachmittags nach dem Café Stefanie. Wir pflegten da Schach zu spielen: ein paar Maler, ein paar Dichter.
Nach der dritten Partie sagte ich so obenhin:
„Was war denn das heut für ’n Menschenauflauf...? Da in Schwabing?“
Weisgerber eine halbe Stunde später:
„Wo?“
Ich: „Vor der Schule... An die dreißig Menschen.“
Einer plötzlich erleuchtet:
„Eben fällt mir ein -- ich glaube, heut ist Reichstagswahl.“
Nach der siebenten Partie entspinnt sich eine Debatte: wer denn wohl Abgeordneter von Schwabing wäre?
Niemand weiß es.
Wir rufen den Kaffeewirt zu Hilfe. Er sagt: Abgeordneter von Schwabing sei, wenn er nicht irre, der Schulrat Kerschensteiner.
-- -- -- -- --
Kinder, das war Schwabinger Politik.
Kinder, das waren Zeiten!
Politik
Diese folgende Betrachtung ist, wie man gleich sehen wird, eine durchaus unpolitische Betrachtung -- sozusagen eine Münchener Lokalangelegenheit -- noch weniger: eine Privatsache -- alles in allem nämlich nichts als eine Diskussion zwischen dem Künstler und einem Berg von Fragen, an dem die Künstler gewöhnlich ratlos stehen. -- Ich schreibe die Betrachtung nieder in der Gewißheit, wieder einmal ernstlich das Beste gewollt zu haben und nur Gelächter zu ernten -- törichtes, mißverstehendes Gelächter.
1.
In meinem Atlas finde ich eine Karte: ‚Schwefelproduktion der Erde.‘ Die Orte, wo Schwefel gedeiht, sind da durch gelbe und gelbere Klunker ausgezeichnet. Es leuchten Sizilien hervor, Hawai und Berlin.
Eine andre Karte: ‚Verbreitung der Raubtiere.‘ Ceylon erscheint dunkelblau, fast schwarz; das übrige Indien ultramarin; Stellingen ist ein kaum sichtbares Pünktchen. -- Oberbayern nicht einmal berücksichtigt -- wiewohl es das einzige Land der Erde ist, wo Löwen noch wirklich wild gedeihen. -- Ja, die Herren Gelehrten!
Drittes Blatt: ‚Graphische Statistik der Liebe.‘ Hauptorte: Odessa[B], Schanghai, Buenos Aires; Sterne zweiter Größe: Hamburg, Budapest; endlich an dreiundzwanzigster Stelle: Paderborn, Hammerfest, Quebeck, München.
Wo bleibt eine graphische Statistik der Künstler? Wenns eine gäbe, müßten Paris und München darauf obenan stehen. In und um München wohnen die meisten, die besten deutschen Dichter, Bildner, Musiker. Ich erwähne nur Richard Strauß (in Partenkirchen), Slezak (am Tegernsee) -- in München selbst: Samberger und Paul Klee (von denen der letzte, als Meister der Geige, ebensogut bei den Musikern erwähnt werden konnte). -- Die Münchener Dichter zu nennen, fange ich nicht nocheinmal an. Es gibt ihrer 133 mit Ewigkeitswert und 79 ephemere; Roda Roda zum Exempel wird bald dahin, bald dorthin gerechnet -- meistens dahin.
Genug: was die Kunst angeht, geht München an.
Fußnote:
[B] In Odessa: auf den Kopf der Bevölkerung je 0,5 Spezialarzt.
2.
Ich verspinne mich manchmal in folgende irrationale hypothetische Periode:
Angenommen, die Künstler wären bei Besinnung; wie hätten sie zur Politik zu stehen?
Garnicht? Die Politik ist doch das größte Zeitproblem. Politik ist die Kunst, die Energie von Gruppen in Geltung umzusetzen. Die Gruppen können Völker, ja Völkervereine sein (z. B. die Entente, bestehend aus Frankreich; oder die Mittelmächte, bestehend aus der Deutschnationalen Volkspartei. -- Ein Beispiel kleinerer Politik: unser Kerschensteiner, Oberstudienrat, der jahrelang den Stadtbezirk München ~I~ im Reichstag vertrat.)
Sollen sich die Künstler von der Politik ausschließen? Können sie’s? Unsinn. Freuen sie sich denn nicht und leiden sie nicht mit ihrem Volk?
Es gibt nationale und anationale Künste, gewiß: Musik, Malerei, Tanz auf der einen, die Dichtkunst auf der andern Seite. Trotzdem ist das Glück jeder, jawohl, jeder Kunst an das Gedeihen der Nation gebunden: Wagner sagt den Deutschen mehr als den Franzosen; Verdi am meisten den Italienern.
Homer, Shakespeare und Johannes V. Jensen sind Gegenbeispiele. Sie gehören der ganzen Welt, gewiß. Wird aber Georg Queri den Madagassen je etwas bedeuten? So geschickt er die oberbayerischen Dialekte handhabt?
Es läßt sich eine Regel formulieren, die allerhand Ausnahmen erlaubt:
‚Der Künstler lebt und stirbt mit seiner Nation.‘
3.
Wer sich nie mit Astronomie befaßt hat; wer nicht die eignen Schicksale immerfort, Sekunde um Sekunde, an der Ausdehnung der Milchstraße mißt, ist bewußtlos.
Wer sich um Politik nicht kümmert, ist ein Esel -- selbst wenn er Esotheriker wäre.
4.
In Fragen der europäischen, der Weltpolitik muß der Künstler mit seiner Nation gehen. Er kann, wenn er das Volk auf falschen Wegen sieht, warnen, protestieren. Im allgemeinen hat er mitzuhalten.
Da die deutsche Nation ihre äußern Geschäfte heut noch nicht selber führt; vielmehr nur Ein Recht hat: zu jammern, wenns wieder einmal schief gegangen ist: so wird sich der Künstler, was die äußere Politik betrifft, auf inbrünstigen Mitjammer zu beschränken haben. Hardens Zukunft erscheint wöchentlich; Preis 2 ~M~ 50; im Abonnement billiger.
5.
Neues Kapitel: Innere, kleine Politik.
Hier fragt sich, ob der Künstler sich mehr als Mensch, Glied des Ganzen, als Staatsbürger fühlt -- oder die egoistische Politik seines Standes, des Künstlerstandes machen will.
Es ist Geschmacksache. Ich bin Ausländer und in deutschen Dingen mitzureden nicht befugt; und auch ferner, wiewohl ich nicht das mindeste davon verstehe, willens, am Grundsatz der Nichteinmischung eisern festzuhalten.
Doch die wahlberechtigten, steuerzahlenden, die altsässigen Künstler? Sie müßten, meine ich, Standespolitik treiben, ob auch mancher und manche sagt: Ich fühle mich als Mensch. (Ich nenne keine Namen; sie sind ohnehin allgemein bekannt.)
Welche Politik nun hat der Künstler zu machen (machen zu helfen), wenn er zuerst seine eignen Interessen (nicht zuerst die der Volksgenossen) fördern will?
Kunst ist Luxus. Die Künstler sind Drohnen der Gesellschaft. Wie überflüssig wir alle sind, von Thomas und Heinrich Mann an bis zu Frau Fourths-Mahler -- es ließe sich sofort erweisen, wenn uns plötzlich beifiele, ein Jahr lang zu streiken; alle Welt würde befreit aufatmen -- vor allem die Verleger und Theater. Doch den Gefallen tun wir ihnen nicht. Ich nicht.
Kunst ist Luxus. In Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs wird sie zuerst getroffen -- was wir seit etlichen Jahren auf das empfindlichste spüren.
Die Kunst findet Förderung nur in einem reichen Staat. Je größer rings der Wohlstand, desto leichter hat es die Zufälligkeitserscheinung des Genies, sich durchzusetzen. Und die Erhöhung des Lebensstandards gelingt am ehesten im reglementierten Staat, wo wenig veruntreut, viel gespart und weitblickend regiert wird. Heimat der Kunst wird nicht etwa ein Zukunftsland sein, dessen einzelne Bürger ziemlich gleichmäßig und daher mittelmäßig mit Gütern gesegnet sind; nein, jenes andre Gemeinwesen mit unausgeglichenen Vermögensdissonanzen, wo über der großen, schuftenden Masse eine dicke Bourgeoisie steht und der exzessive Reichtum einzelner Prominenter. Demnach: nicht die Partei des Kleingewerbes hat der Künstler zu nehmen oder gar die des vierten, fünften, sechsten Standes; nein, die des Kapitalismus -- bei uns: freisinnige, manchmal sogar mild konservative Politik.