Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle
Part 14
In der Pause erschien der Vorstand mit düsterer Miene.
Wedekind -- unschuldsvoll:
„Oh, hätten Ihre Damen doch nur ein kleines Weilchen überdauert! Jetzt kommt nichts Schlimmes mehr.“
*
Ich saß nach dem Vortrag langelang mit ihm im historischen ‚Schwan.‘ Die arme schöne Frau Wedekind hielt wie eine Märtyrerin aus. („Tilly, du bist schläfrig -- Kellner, noch eine Flasche Roten!“)
Da sprach Wedekind von seinem damals so schweren Kampf ums Dasein.
Ich warf flüchtig hin:
„Gehen Sie doch dem Publikum einmal, nur einmal entgegen! Machen Sie ein lustiges Stück -- Sie werden reich werden und von nun an immerzu schreiben können, was Ihnen gefällt.“
Wedekind lächelte nachsichtig. „Das wäre unökonomisch. Ich müßte mich überwinden, um Geld zu verdienen, und dann erst dürfte ich das Geld wieder in Freude umsetzen. Diese doppelte Umsetzung wäre Kraftverlust. Lieber schreibe ich gleich, was mir gefällt, und habe meine Freude daran.“
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Unsre gemeinsame Vortragsreise endete in München. Seit Menschengedenken hatte das Polizeipräsidium niemals Zensur an Vorträgen geübt -- weder an Wedekinds, noch an meinen Texten; wir beide an einem Abend aber schienen der Polizei doch allzu bedenklich, und man forderte unser Programm ein.
Mir strich die Polizei nichts; Frank Wedekind strich sie so manches.
Sonst pflegte ich den Abend zu eröffnen und zu schließen -- diesmal wollte Wedekind es tun.
Er trat auf und sprach (mit gebleckten Zähnen):
„Meine Damen und Herren! Mein Vorrtrrag wirrd sich in zwei Teile gliederrn: errstens die von der Polizei genehmigten, zweitens die von der Polizei verrbotenen Liederr.“
Und er hielt pünktlich Wort. Er sang alle verbotenen Lieder ab.
Zur Ehre der Münchener Polizei sei es gesagt: kein Hahn hat darnach gekräht.
Was aber unsern Frank nicht verhinderte, dem Polizeipräsidenten später eines seiner allerboshaftesten Bänkel zu weihen:
„... Wofür läßt sich Von der Heydte bezahlen? Für den Weltrekord In Kulturskandalen!
Verendet an ihm Auch München, die Kunststadt -- Berlin lacht heiter: Schadet det uns wat?“
Ich weiß nicht, ob die Verse in Wedekinds Gesammelte Werke aufgenommen sind; in meinem Exemplar stehen sie nicht.
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Auch Girardi hat den Krieg mitgemacht -- auf seine Weise:
Es war an der bukowinischen Front, im Frühling 1916 -- da hatten im Schützengraben bei Rarantsche die Beobachter der Batterie Oberleutnant Materna ein Grammophon. Sie ließen es eines Feiertags fleißig spielen: Sänge von Girardi.
Die russischen Feldwachen stellten das Schießen ein und klatschten Beifall.
Beim nächsten Lied steckten sie, um besser zu hören, die Köpfe aus der Deckung.
Beim dritten kamen sie -- ohne Waffen -- ganz heran. Und sind auch gleich dageblieben.
So hat Alexander Girardi bei Rarantsche vierzehn Gefangene gemacht.
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Lange vor dem Krieg pflegte Wedekind wahrzusagen:
„Der Militarismus Europas -- vierzig Jahre Probe und keine Aufführung... Schrecklich, schrecklich, wie das Stück einst durchfallen wird!“
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Einmal saßen in einem Wiener Nachtlokal in drei benachbarten Logen Girardi, der ungarische Minister Baron Banffy und Wedekind.
Ein Fremder umfaßte die drei Logen mit einer Gebärde und rief:
„Die drei größten Komiker von Europa.“
Girardi nickte -- der Minister lachte -- Wedekind aber... zeigte seine Zähne.
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An der Wand im halbdunkeln Zimmer hängt Frank Wedekinds Totenmaske. Verstehend wie sie, hat der Dichter immer gelächelt -- so zart, so gütig nur im Tod.
Unter der Maske auf dem Sofa sitzt Anna Pamela, Wedekinds erstgeborne Tochter. Sie zählt noch nicht dreizehn, glaube ich -- und blickt ernster als je ein Mädchen ihres Alters.
„Singen Sie uns, Anna Pamela!“
Da huscht ein winzig kleines Lächeln über dies erschütternd echte Jungwedekindgesicht. Sie langt sich Wedekinds Laute. Wie ein wimmelnd Heer von Däumlingen rennen und stürzen unverfolgbar flink die Fingerchen über das Griffbrett; und ein kleiner, gläserner Sopran läutet des Vaters Balladen.
Franks lose Lieder aus dem unschuldigen Mündchen eines Mägdleins!
Und das Mägdlein bei all seiner Lieblichkeit des sardonischen Vaters Abbild.
Und jeder Ton wieder, jede Hebung und Senkung des Stimmchens ist Frank Wedekinds Ton, Vortrag und Ausdruck; als sänge er aus den Sphären mit Engelszunge.
Sie ist es garnicht, Anna Pamela -- sie weiß ja nicht, was sie singt; Frank lebt und singt in ihr -- und sie lacht hie und da über ihn, dankbar für einen Scherz, den er, ihr verständlich, machte.
Schön und furchtbar zugleich, daß ein Leichnam so lebendig bleiben kann in seinem Werk und in seinem Kind.
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Otto Julius Bierbaum erzählte mir einmal, wie er Liliencron in München traf: arm, aber stolz, ja überglücklich. Er habe, berichtete Liliencron, jetzt ein Weib gefunden, das sei aller Weiber Preis; jung, zierlich, mit weißen Fingerchen und rosigen Wangen; Saphiraugen, goldnem Haar und elfenbeinernen Zähnchen; sie sei millionenreich und klug wie Phryne; eine Reichsgräfin vom ältesten Adel; Bierbaum müsse augenblicks mitkommen in den Hofgarten, um Liliencrons Glück mitanzusehen.
Bierbaum folgte dem Dichter. Er fand ein Nähmädchen da, Centa Müller. Sie war nicht einmal sonderlich hübsch.
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Kennen Sie den Liederzyklus ‚Amneris‘? Ein junger Dichter hat ihn geschrieben auf seinem Tiroler Schloß. Jawohl, er besaß ein Schloß in Tirol, denn er war ein nicht unbemittelter Dichter -- und er schrieb einen Zyklus ‚Amneris‘ in Tirol, denn er war glücklich, war selig in seiner jungen Ehe.
Als die Handschrift aber fertig vor ihm lag (ein Jahr nach der Hochzeit) -- da beschloß der Dichter, den Zyklus vertonen zu lassen. Und er lud einen aufstrebenden tüchtigen Musiker zu sich aufs Schloß.
Musiker wissen die Frau noch ganz anders zu bezaubern als son Dichter. Sie empfinden auch heißer.
Eines Tages ging der Musiker mit der Schloßfrau nach Italien durch; nicht ohne den Zyklus ‚Amneris‘ mitzunehmen.
Und schickte von seiner Reise malzumal ein paar Notenblättchen an den Dichter -- die Vertonung von ‚Amneris‘.
’s ist eine sehr einheitliche Schöpfung worden -- der Text und die Musik. Kein Wunder: wo beide Urheber inspiriert von Einer Frau waren.
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Wie einen das Leben manchmal um eine Freude und Ehrung bringt, hat Max Halbe einst erfahren müssen und pflegt es zu guter Stunde zu erzählen:
Seine ‚Jugend‘ war in Berlin mehr als dreihundertmal gegeben worden, da schrieb er den ‚Amerikafahrer.‘
Am Tag der Aufführung kam Siegmund Lautenburg, Direktor des Residenztheaters, auf den Dichter zu und sprach verheißungsvoll:
„Mein lieber Halbe, Sie wissen nicht, was Ihnen bevorsteht. Wenn Ihr Stück heute Erfolg hat, werde ich Ihnen Brüderschaft anbieten.“
Nach der Vorstellung rief Lautenburg:
„Sie, Herr Doktor Halbe! Ich wünsche Ihnen gute Nacht.“
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Hugo Salus ist Frauenarzt in Prag.
Eines Tages nun saß ein Knabe in Salussens Wartezimmer. Niemand beachtete ihn -- er mochte mit der Mutter gekommen sein.
Doch die Sprechstunde war längst zu Ende, und der Junge saß noch immer da.
Da fragte ihn Salus nach Wunsch und Begehr.
Das Bübchen wollte ein Autogramm.
„Du, Dreikäsehoch -- ein Autogramm? Hast du denn je etwas von mir gelesen?“
„Nein.“
„Weißt du, wer ich bin?“
„Nein.“
„Wie kommst du also dazu, ein Autogramm von mir zu verlangen?“
Das Bübchen schlug die Augen nieder und sagte:
„Ich bitte, der Kohn aus Horowitz hat auch eins.“
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Gustav Meyrink bekam einmal -- zu Beginn seiner Dichterlaufbahn, als er, weiß Gott, noch sehr, sehr wenig Geld verdiente -- vom Steueramt den Auftrag, ein offenes Geständnis abzulegen, wie hoch sich sein Einkommen belaufe.
Meyrink, der in Gedanken immer in Indien lebt, murmelte ein Mantram, eine Zauberformel, und begann den Bogen auszufüllen.
Ich habe anderswo niemals Steuern bezahlt und weiß nicht, wie es da ist; bei uns in München gleichen die Steuerbogen der Spezialkarte einer hochkultivierten Ebene: unzählige Felder und Felderchen, durch saubere Linien begrenzt -- ein Teil schraffiert, das sind dann die Forste; andre von breiten Kanälen umzogen, in der Mitte geteilt und kreuz und quer durchschnitten. Niemand kennt sich aus.
Auch Gustav Meyrink nicht. Er muß irgend was in die falsche Rubrik gesetzt haben -- wahrscheinlich die Millionen seiner Träume -- denn plötzlich sollt er 28000 Mark Steuer zahlen -- viel mehr, als er jemals eingenommen hatte.
Er ging aufs Steueramt und wehrte sich.
„Herr,“ antwortete man ihm, „Sie haben selbst angegeben...“
Doch Meyrink sah garso kläglich drein -- da fragte der Beamte:
„Was sind Sie von Beruf?“
„Schriftsteller.“
„O mei, o mei,“ rief der Beamte. „Schriftsteller. Des is a traurigs Gschäft. Da zahlen S’ halt 2 Mark 80.“
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Vor Jahren einmal schrieb ich in Starnberg bei München mit Gustav Meyrink ein Stück. Wir arbeiteten wie die Bienen -- von morgens früh bis abends spät.
Da hatten wir eine Figur in unserm Stück, den alten Rittmeister Repelaar, einen alten, gebrechlichen Mann, der in einer Sauerstoffzelle lebte. Nur zu den Aktschlüssen holten wir ihn aus seiner Zelle. Er sprach dann drei, vier Sätze: und sie mußten das Witzigste sein, was Meyrink und Roda irgend ersinnen konnten.
Eines Sonntags gegen fünf nachmittag waren wir wieder so weit: Repelaar sollte auftreten. Doch wir hatten seit dem Morgen geschrieben -- uns fiel das rechte Aperçu für unsern Repelaar nicht ein.
Da schlug ich vor, die Arbeit für heut abzubrechen. Ich werde mit dem Dampfer nach Leoni fahren (aufs andre Seeufer). Meyrink bleibt die Nacht daheim in Starnberg. Wir beide werden nachdenken, werdens überschlafen, was unser Repelaar zum Stichwort ‚Kuh‘ zu sagen hätte.
Gut, wir nehmen Abschied voneinander -- Meyrink bleibt -- ich besteige den Dampfer.
Als der Dampfer aber -- Sonntag nachmittag, dick besetzt mit Ausflüglern -- den Starnbergersee quert, bemerke ich eine sonderbare Bewegung auf Deck. All die hundert Menschen drängen nach Steuerbord.
Ich folge der Schar und sehe ein Schiff von fern mächtig heranschießen -- der Ruderer will offenbar den Kurs des Dampfers kreuzen. Die Leute auf Deck sind gespannt, ob es dem Ruderer gelingen werde...
Es ist Meyrink. Er kommt heran, findet mich unter den Hunderten heraus, formt die Hände zur Trompete und schreit mir zu:
„+Die wackere Kuh -- sie liefert uns den trefflichen Spinat.+“
... Ihm war die vielgesuchte Wendung des Dialogs eingefallen -- er beeilte sich, sie mir noch rasch mitzuteilen...
Zuerst glotzten die hundert Ausflügler nur dumm. Einen Augenblick später bebte der Sonntagsdampfer unter ihrem Gelächter.
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Es war einmal von den Sachsen die Rede. Da sagte Gustav Meyrink:
„Es muß viel mehr Sachsen geben, als die Statistik aussagt. Bekanntlich zählt die Wissenschaft fünfhundert Millionen Chinesen. Man macht aber täglich die Erfahrung, daß einem Hunderte von Sachsen begegnen, ehe man auf einen Chinesen stößt.“
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Zu München, in der Torggelstube. Man sprach von dressierten, von klugen Tieren. Colin Roß von einem singenden Hund; Albert Heine hatte einen Bären gesehen, der ging frei umher und spielte mit Kindern; Lackner wußte von einem Alligator...
Marc Henry, das Haupt der Elf Scharfrichter, erzählte:
„Alles nicks.“ (Henry ist Pariser.) „Ick gehe in dem Jardin du Luxembourg, da fliegt eine Smetterling um mich. Am nächsten Tag: wieder die Smetterling. Am dritten Tag nehme ich etwas Zucker mit und sstreue mir auf die Ssulter. Richtig setzt sich dieselbe Smetterling darauf und bleibt ganz sstill. Nach ein paar Wochen hatte ick die Smetterling soweit: wenn ick nur den Jardin betrat, kam mir die Smetterling entgegen, flog mir auf die And und kam mit mir überall hin. Wenn ick ihn fragte: „Wie ssprickt die Smetterling?“ -- da antwortete er:
(Hier begann Henry mörderisch zu bellen.)
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Vor vielen Jahren einmal kam ich zu Felix Dörmann und bat ihn, er möchte mein Drama lesen und es dem Deutschen Volkstheater empfehlen.
„Lesen?“ rief Dörmann. „Wozu? Wenn das Stück gut ist, nehmen die im Volkstheater es doch nicht; und wenn es schlecht ist, macht es von selbst seinen Weg.“
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Zu Emil Szomory, dem ungarischen Dichter, kam eines Tags ein Mann und sprach:
„Herrlich, was Sie da wieder im gestrigen Abendblatt geschrieben haben; packend, treffend, ganz mir aus der Seele. -- Ich hatte übrigens Ihrer Arbeit wegen einen erregten Auftritt an meinem Stammtisch; die Herren sagten nämlich: es wär der größte Blödsinn, der ihnen jemals untergekommen ist.“
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Ich, Roda Roda, hielt einmal einen Vortrag in Spandau.
Um acht, als es anfangen sollte, noch kein Mensch im Saal.
Na -- ein paar Minuten kann man ja warten.
Plötzlich strömte Publikum herein -- gleich zwei Damen auf einmal.
Die erste lispelte:
„Verzeihung -- bin ich hier recht bei August Rodin?“
Die zweite enttäuscht:
„Nanu? Nur een Herr? Ick dachte doch, Roda Roda -- det sin so zwee Zusammjewachsne?“
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In Wien wurde ich einer Mäzenatin vorgestellt, der Frau Konsul Maurer. Sie war sehr erfreut und sagte:
„Seit Jahren schon sehne ich mich danach, Sie kennenzulernen. Sooft ich eines Ihrer Stücke sehe, frage ich meine Freunde: ‚Warum bringt ihr den Mann nicht einmal her zu mir? Einen so glänzenden Namen?‘ -- Wie ist übrigens Ihr werter Name?“
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Als Theodor Etzel, der Fabeletzel, noch ein strammer Jüngling war, schrieb er natürlich lyrische Gesänge.
Man weiß, die Verleger pflegen sich um derlei Poesie nicht eben zu reißen. Etzel aber hatte Glück. Er fand einen Verleger. Sogar einen, der ihm Honorar zahlte.
War schon nach diesen Anzeichen an der gesunden Vernunft des Verlegers zu zweifeln, so sollten Etzels Bedenken sich in der Folge noch steigern.
Als nämlich der ungeduldige Lyriker den Verleger nach ein paar Wochen fragen kam: wie es denn mit der ersten Auflage der Gedichte stünde? Ob sie schon verkauft wäre? -- da sagte der Verleger:
„Mein lieber Herr Etzel! Ich habe Ihnen ja gleich gesagt, die erste Auflage eines so jungen, wenn auch hoffnungsvollen Autors würde schwerlich abgesetzt werden können, und zu verdienen war erst recht nichts daran. Da habe ich mich kurz entschlossen, habe die erste Auflage eingestampft und gebe jetzt die zweite heraus.“
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Paul Walden, der Maler, war damals noch ein Junge und sehnte sich nach seinem Spielgefährten, meinem Sohn. Da fuhr Pauls Mutter, Else Lasker-Schüler, von Berlin zu uns nach Tegernsee.
Sie war nie vorher auf dem Land gewesen. Und fand es einfach unerträglich.
Die Seeluft nahm ihr den Kopf ein.
Der Kuhstall roch ihr nach Typhus.
Dann das viele Frühlingsgrün:
„Alles Spinat!“ rief sie verzweifelt -- und reiste von der Stelle ab.
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Ein Maurer rief seinem Kollegen den bayerischen Segen nach.
Der Argentinier-Schmied, Rudolf Johannes Schmied legte dem Maurer schwer die Hand auf die Schulter.
„Mann!“ sprach er bewegt. „Mann!! Woher haben Sie dieses Wort?? Das Wort ist von mir.“
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Man redete von volkstümlichen Dichtern.
Da wandte sich Schmied an Hanns Heinz Ewers:
„Doktor! Was sagt Ihr zu unserm Gegenstand -- Ihr, der Aschinger der Magie?“
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Kennen Sie die lustigen Stücke ‚Der gutsitzende Frack,‘ ‚Der Gatte des Fräuleins,‘ ‚Ein Ehemann, der alles weiß‘? Die Stücke sind von Gabriel Drégely, einem immer noch jungen Ungarn.
Drégely war Ingenieur, eh er Komödiendichter wurde, und wohnte in einem Hinterhaus zu Budapest, zwei Treppen hoch. Ihm gegenüber, im Vorderhaus, amtierte der Hauswirt, ein Patentanwalt; Drégely konnte dem Anwalt von oben her grade und genau in die Bude gucken.
Eines Tages, als es besonders heiß und langweilig war, setzte sich Drégely an sein Telephon und rief den Hauswirt drüben an:
„Hallo, hallo, Herr Anwalt -- hier Livingstone aus Edinburg, Erfinder. Haben Sie Interesse für einen Fernseher?“
„Ob ich +was+ habe?“ fragte der Patentanwalt.
„Na, möchten Sie mir eine Vorrichtung abkaufen, mit der man mittels eines gewöhnlichen Fernsprechers in die Ferne blicken kann?“
„Sie scherzen, Herr Livingstone.“
„Durchaus nicht. Ich sehe Sie, Herr Anwalt, in meinem Apparat. Sie stehen in Hemdärmeln da -- begreiflich bei dieser Hitze -- schneiden ein kurioses Gesicht und haben die rechte Hand in der Hosentasche. Warum ziehen Sie sie eben hervor? Nach ihrem Gesichtsausdruck zu schließen, sind Sie sehr verwundert?“
Da sagte der Anwalt:
„Herr, Ihre Erfindung ist großartig. Sie werden Milliarden damit verdienen. Da macht es Ihnen wenig aus, wenn ich Ihre Miete vom nächsten Monat an um fünfzig Kronen erhöhe. Nach Ihrem Gesichtsausdruck zu schließen, sind Sie sehr verblüfft, Herr... Livingstone?“.
*
Einst lernte Gabriel Drégely in Karlsbad eine nette Dame kennen. Man promenierte ein Stündchen und schied mit dem Wunsch, einander wiederzusehen.
„Morgen um vier?“ fragte Drégely. „Paßt es Ihnen?“
„Gern. In der Konditorei.“
Tags darauf also um vier wartete Drégely in der Konditorei; wartete lange Zeit; niemand kam.
-- -- -- Etliche Jahre später begegnet Drégely einer Dame, die deutlich zeigt, daß sie gegrüßt sein wolle... Wer mag sie nur sein? Richtig: die Blondine damals aus Karlsbad.
„Auch ich habe Sie schwer wiedererkannt,“ beginnt die Dame, „Sie sind etwas rundlich geworden.“
„Kein Wunder“ brummt Drégely. „Wenn Sie einen sechs Jahre in der Konditorei warten lassen?“
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Saßen wir da einmal im Café Luitpold -- zwei Maler, zwei Literaten: Major v. Vestenhof, Albert Weisgerber -- der Edelanarchist Erich Mühsam und ich. -- (Die sonderbare Mischung der Gesellschaft braucht einen garnicht wunderzunehmen: wir sprachen nie über Politik -- und wollte Erich Mühsam mal davon beginnen, so verbat sichs der Herr Major höflich, Weisgerber hingegen mit weißblau geweckter Löwenenergie.)
Den Malern fiel ein Mann drüben auf, der mir ähneln sollte.
Wirklich, er glich mir Zug um Zug: die Bulldoggvisage, hohe Stirn -- sogar das Einglas hatte er sitzen; nur die rote Weste fehlte, denn der Fremde hatte eine weiße.
Da sagte Major v. Vestenhof:
„Wißt ihr auch, wer der Mann ist? Der Staatssekretär der Kolonien, Exzellenz Solf.“
„Herrgott,“ rief Erich Mühsam, „-- ein Staatssekretär! Und aus Samoa... Der Mann muß doch mächtig viel Geld haben. Den Mann geh ich anpumpen.“
Schritt auf ihn zu, stellte sich artig irgendwie vor und verlangte zwanzig Mark.
Solf griff nach einigem Besinnen in die Westentasche und zog ein Zehnmarkstück.
-- -- -- Dieses Geschehnis wird hier keineswegs um einer Pointe willen erzählt -- als welche ja, wie man sieht, garnicht vorhanden ist.
Es wird noch weniger erzählt, um den Staatssekretär a. D. Dr. Solf herabzusetzen -- oder um Erich Mühsam zu erhöhen, den Bayerischen Minister des Äußern von anno Räterepublik.
Sondern ich meinte, mein Gerechtigkeitsgefühl beruhigen zu sollen -- indem ich glaube, daß der arme, geschädigte Dr. Solf bis heute nicht weiß, wem er damals jene goldnen zehn Mark dargeliehen hat, und sie gern wiederhätte, ohne Ahnung, von wem er sie verlangen sollt.
Für diesen Fall also gebe ich Exzellenz Solfen Mühsams Adresse an:
Festung Niederschönfelde, Zelle 9 -- auf fünfzehn Jahre, anderthalb hiervon bereits abgebüßt.
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Ein junger Dichter -- sein Name bleibe verschwiegen -- ein junger, hoffnungsvoller Dichter verkaufte sich mit Haut und Haar einem Verleger. Für ganze fünfhundert Mark, die ein einzigesmal, eben heut, zu zahlen waren; und dafür wollt er sein ganzes Leben lang alle seine Werke jenem Verleger ausschließlich und zuerst einreichen.
„Mensch,“ riefen des Dichters Freunde, „du bist ja verrückt! Wie konntest du mit deinen fünfundzwanzig Jahren eine Verpflichtung eingehen, die dich fünfzig, sechzig Jahre binden kann?“
Der junge Dichter lächelte. -- „Macht doch nischt. Hab ick denn nich schon mit en andern Verlag in Großlichterfelde jenau den jleichen Vertrag? Und er hat mich noch nie geniert.“
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Pascin zu demselben Dichter:
„Lieber Freund, wenn ich Ihr Talent hätte, wär ich längst Millionär. Dann hätte mich nämlich mein Vater Kaufmann werden lassen.“
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Leo Birinski hatte in Wien irgendeinen Husarenleutnant kennengelernt und sich recht mit ihm angefreundet.
Eines Tages geht Birinski durch den Stadtpark. Da stürzt der Husar auf ihn zu und ruft:
„Lieber Freund! Alles Geld auf dem Turf verloren. Sag rasch, aber rasch: wie schreibt man ein Stück?“
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In Rodaun war ein Eckensteher mit Namen Spitzkopf; er war ein Schulkollege von Stefan Zweig und dutzte ihn.
Als Stefan Zweig nun Doktor geworden und gar ein berühmter Lyriker, da schämte er sich ein wenig des verkommenen Jugendfreundes und vereinbarte mit ihm:
„Weißt du was, Spitzkopf? Ich werde dir alle Neujahr fünf Kronen geben, und du sagst zu mir Sie.“
Jahrelang währte der Pakt zu beiderseitiger Zufriedenheit.
Am letzten Neujahrstag aber kam Spitzkopf zu Stefan Zweig und sprach -- glucksend von einem ausgiebigen Sylvesterrausch:
„Gu’n Tag, Dokter! I wünsch dr vüll -- hups! vüll Glück!“
„Spitzkopf! Sie sollen doch Sie zu mir sagen?!“
„Bei -- hups! -- bei der Valuta, Dokter, mach i -- hups! -- mach i dös für fünf Kronen net.“
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Catherine Godwin fuhr von Garmisch nach München. Sie ist reizend, die Godwin.
Ihr gegenüber saß ein junger Holzknecht, ein bildsauberer Kerl, und verschlang sie mit den Blicken. Endlich fing er ein Gespräch an:
„Saan Sö verheirat, Fräuln?“
„Nein,“ sprach sie lächelnd.
„Kommen S’ oft raus nach Garmisch?“
„Nun ja... manchmal.“
Er darauf schelmisch, begeistert und doch schüchtern:
„So scheen saan S’, Fräuln, so scheen -- i tat Eahna gern grad am Fuß treten. Aber,“ fuhr er traurig fort, „i hab Gnagelte an.“
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Münchener Schwänke
Szene.
Inmitten der Isarbrücke am Geländer stand ein Mann und starrte mit weitoffnen Augen in den Fluß.
Frau Geheimrat Röckl, die seelengute, ging vorüber -- fand das Benehmen des Mannes auffällig -- zögerte -- guckte -- faßte endlich Mut, trat auf den Mann zu und sprach:
„Lieber Herr! Verzeihen Sie einer Unbekannten... -- aber glauben Sie mir: Sie sind jung -- Sie müssen nicht verzweifeln...“
Der Mann schwieg.
Frau Geheimrat -- noch inniger:
„Gott sieht uns alle -- er fühlt auch Ihren Schmerz und wird ihn lindern. Machen Sie kein Ende, Herr -- das Leben wird Ihnen noch allerhand Schönes bieten.“
Da schüttelte der Mann ernst den Kopf und sagte:
„Gnä Frau täuschen Ihnen. I denk ja an kan Selbstmord net. I steh oft stundenlang hier auf der Brucken und schau mir so viel gern die Donau an.“
„Herr,“ rief Frau Geheimrat, -- „das ist doch die Isar??“
„Also segen S’, gnä Frau, wie kurzsichtig ich bin!“
Bayern.
Der Zug hielt in Treuchtlingen -- unendlich lang.
Endlich beugte sich die kleine Frau aus dem Fenster und fragte schüchtern:
„Ach bitte, Herr Schaffner! Um welche Stunde fahren wir wohl?“
„Bal mr fertig saan,“ knurrte er.
Da sprang ein Herr auf und schrie den Schaffner an:
„Sö dreckigs Rindviech, Sö dreckigs! Wern S’ glei orntli antworten? Wann fahren mir?“
„6 Uhr 10,“ beeilte sich der Schaffner zu erwidern. „tschujding scho -- i hab net gwußt, daß d’ Herrschaften hiesige saan.“
Auskunft.
Meister Kullinger porträtiert jetzt einen amerikanischen Milliardär.
Heut morgen tritt der Milliardär ins Zimmer und fragt:
„~How about watercolours?~“
Kullinger mit einer höflichen Verbeugung:
„Gleich rechts ums Eck, bitt schön -- die erste Tür.“
Enttäuschung.
Die Sache spielte sich auf der Strecke von München nach Wien ab, und der Mann, um den es sich handelt, ein Schwerelegant von 190 Pfund Lebendgewicht plus 1 Pfund Gold und Edelsteine, war, (wie sich bald herausstellte) Herr Generaldirektor Kluibinger von der Bifag-Filmgesellschaft.
Er las ein dickes Buch -- schweißtriefend von der ungewohnten Beschäftigung -- und unablässig, wenn auch lautlos bemüht, die Aufmerksamkeit der Mitreisenden darauf zu lenken, daß er seiner Bildung obliege.
Von Rosenheim an wiegte er immer merklicher das Haupt, blätterte erregt vorwärts im Buch, ohne zu finden, was er suchte -- und endlich fing er ein Gespräch an.
Schon nach einigen Worten gewann ich sein Vertrauen, und er beichtete mir seine Nöte.
„A so a Sauschwindel,“ sprach er. „Für fuchzehn Markeln kauf i mir a Romanbüchl. ‚Ben Hur‘ steht drauf. No also! Nachher lies i un lies -- ja, kschamster Diener: ka aanzige Schweinerei im ganzen Buch.“