Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle
Part 13
In München gabs einmal ein Bankett zu Ehren von Paul Heyse -- ich glaube, an seinem siebzigsten Geburtstag -- und wie das so zu geschehen pflegt, wurde unendlich viel geredet -- von beamteten und nicht beamteten Persönlichkeiten.
Nach etlichen siebzehn Trinksprüchen erhob sich noch ein Student, um den greisen Dichter auch im Namen der Jugend zu feiern. Eine sehr schöne, wohlgemeinte Rede -- doch sie hatte einen Fehler: kein Ende zu nehmen; und einen zweiten: sie war ein wenig durcheinandergeraten. Der arme Student, das war klar, hatte den Faden verloren und bemühte sich heiß, leider ohne Erfolg, ihn wiederzufinden.
Max Halbe saß dem Studenten gegenüber und hätte ihm gern einen Rat gegeben: doch um des Himmels willen endlich mit einem Hoch zu schließen. Diesen Rat kleidete Halbe in eine Gebärde, indem er, nach dem Studenten gewendet, immer wieder ermunternd sein Glas erhob.
Der Redner, ohnehin nicht Herr der Stunde, errötete noch glühender unter Halbes Blick -- und als Halbe fortfuhr, sein Glas ermunternd zu schwingen, schloß der Unglückliche die lange Rede auf Paul Heyse plötzlich mit dem Ruf:
„Und so erheben... erheben wir unser Glas mit dem donnernden Ruf: Max Halbe lebe hoch!“
*
Paul Heyse konnte blindgrimmig hassen.
Einst kam ein junger Literaturhistoriker zu Heyse, um ihn über dies und jenes zu befragen. Im Lauf der Unterhaltung kam Heyse auf den ‚Verfall‘ der deutschen Dichtkunst zu sprechen.
„Ich will Ihnen nur gleich ein Beispiel vorführen,“ sagte er, „wie tief wir gesunken sind...“
Ergriff ein Buch und las daraus mit Schauder...
Es waren Liliencrons ‚Ausgewählte Gedichte.‘
-- -- -- Ein andermal zeigte Paul Heyse auf den Flügel in seinem Salon und rief:
„Das Instrument ist, Gottseidank, noch nie durch Wagners Höllenmusik entweiht worden.“
M. G. C., der zufällig dasaß, konnte sich nicht enthalten, auf dem heiligen Flügel alsbald den Hochzeitsmarsch aus dem ‚Lohengrin‘ anzuschlagen.
*
Als der alte Björnson -- zu Paris -- gestorben war, erschien ein junger norwegischer Arzt im Trauerhaus und bat um die Auszeichnung, den großen Toten einbalsamieren zu dürfen.
Offen gesagt: der Familie kam das Angebot recht zupaß; denn sie stak angesichts der vielen plötzlichen Geldauslagen in einiger Verlegenheit.
Man schenkte dem Arzt, als er fertig war -- was denn nur geschwind? Nun, ein Bild Björnsons; Björnson selbst hatte es -- noch kurz vor seinem Tod -- einem Dichter zugedacht als Gegengabe für ein Buch.
Als der Arzt das Bild zu Hause besah, fand er auf der Rückseite eine Inschrift von der Hand des Toten:
„Herzlichen Dank für die wohlgelungene Arbeit.“
*
Ein Jugendfreund Liliencrons, jetzt Oberstleutnant außer Dienst, hat mir erzählt, wie er vor Jahren Liliencron in Hamburg besuchte. Damals war Liliencrons Triumph noch nicht vollendet, Schmalhans war Küchenmeister.
Der Oberstleutnant lud den Dichter zum Abendessen. Man ging in den Gasthof. Liliencron bestellte sofort ‚ein Beefsteak für Seine Exzellenz,‘ ‚einen Johannisberger für Seine Exzellenz.‘
„Warum denn Exzellenz?“ fragte der Oberstleutnant.
Liliencron gab keine Auskunft.
Als sie aber gegangen waren, sagte Liliencron:
„Herr Oberstleutnant, lieber, alter Freund! Ich danke Ihnen für die Bewirtung; noch mehr aber dafür, daß Sie meinen Kredit in diesem Gasthof so stark gehoben haben.“
*
Er hatte niemals Geld und fand es, wo er es suchte.
Einst war er bei Frau St. zu Gaste, einer der reichsten Frauen Deutschlands.
„Denken Sie sich,“ erzählte mir die Dame später, „-- der Baron hat mir sein Leid geklagt -- so lange geklagt, bis ich ihm, tief gerührt, einige Tausend Mark gab...“
„Das war schön von Ihnen, Gnädigste, das war edel.“
„Ach,“ fuhr sie fort, „ich war ja selbst so glücklich, dem Dichter helfen zu können. Er schied selig von mir. Ging... traf unten im Torflur meinen Schwiegersohn... klagte über seine Armut... und borgte sich noch hundert Mark.“
*
Liliencron war nach Prag zu einer Vorlesung geladen worden und sollte dafür etliches Gold bekommen und außerdem Gast sein des besten Hotels auf Kosten des Literarischen Vereins.
Als Liliencron aber den goldnen Lohn empfangen hatte, dachte er keinen Augenblick daran, aus dieser schönen alten Stadt zu scheiden, wo es so viele Bänkelsänger gab und Harfenzupfer, Gaukler, Schwertschlucker und Volkspoeten. Und Liliencron blieb noch drei, vier, fünf Nächte bei diesen Menschen.
Als er endlich abreisen wollte, da konnte ers gar nicht mehr: sein Geld war beim Teufel.
Da ging er reuevoll zurück zu seinen Literaten und hieß sie, eine Generalversammlung des Vereins berufen.
Und stellte in aller Form den Antrag: dem Baron Liliencron wäre mit Rücksicht einerseits auf seine literarischen Verdienste, anderseits auf seine peinliche Lage für seine Vorlesung doppeltes Honorar zu zahlen.
Der Antrag wurde einstimmig angenommen.
*
Ein berühmter Dichter ließ sich zum zweitenmal scheiden und heiratete eine dritte Frau.
Max Liebermann kam am Abend in eine Gesellschaft.
„Meister,“ fragt man ihn, „kennen Sie schon des Dichters dritte Frau?“
„Nö,“ sagte Max Liebermann.
„Wollen Sie sich ihr nicht vorstellen lassen, lieber Meister?“
„Nö, die überspring ick.“
*
Ein Erlebnis Ludwig Ganghofers, das er mir einmal selbst erzählt hat:
Er hatte als Schüler auf dem Gymnasium zu Regensburg ein langes Lied verfaßt ‚Sehnsucht‘. Es schilderte die ferne Waldheimat. „Und schaue ich,“ (hieß es da ungefähr) „im Geist die vertrauten Berge wieder, die blühenden Täler --
-- da denk ich nur das Eine: Ich weine!“
Jede Strophe schloß mit dem Kehrreim:
„Da denk ich nur das Eine: Ich weine!“
Es gelang dem jungen Dichter, das Lied in der Zeitung unterzubringen.
Stolz las Ganghofer eines Sonntags sein Gedicht gedruckt.
Doch wie schrecklich hatte ein Druckfehler die letzte Strophe verstümmelt:
„Ich seh die Anverwandten alle -- Mit geistgem Aug, so fern sie sind. Der Oheim sitzet in der Halle -- Die Tante wiegt ihr blondes Kind. Der Vetter füttert seine Pferde, Die Base kocht und bäckt am Herde -- Da denkt ich nur das Eine: Schweine!“
*
Als Ludwig Ganghofer im Jahre 1881 sein erstes Lustspiel aufführen ließ ‚Anfang vom Ende,‘ -- auch da versauerte ihm ein Druckfehler den Erfolg. Ein Wiener Blatt schrieb: man hätte sich vorzüglich unterhalten bei dem Erstlingswerk ‚des blinden Aasgeiers.‘
Es mußte natürlich ‚blonden Allgäuers‘ heißen.
*
Egon Friedell, dem Eckermann Peter Altenbergs, verdankt man viele Geschichten über den Wiener Diogenes. Friedell drohte Petern immer, er werde die Geschichten nach Peters Tode gesammelt herausgeben -- worüber sich Peter wütend ärgerte.
„Denn,“ fragte er mit Recht, „warum sollen andre Leute mit meinen Geschichten mehr Geld verdienen, als ich selbst je im Leben verdient habe?“
-- -- -- Behauptete da Peter Altenberg einmal, er sei so abgehärtet, daß er die kälteste Winternacht bei offenen Fenstern verbringe.
Eckermann wandte ein:
„Lieber Peter, das scheint doch nicht ganz zu stimmen. Ich ging gestern zeitig morgens an deiner Wohnung vorüber -- alle Fenster waren fest geschlossen.“
„Nu,“ schrie Peter, „war gestern die kälteste Nacht?“
*
Peter Altenberg sah, wie gesagt, nicht allzu gern, wenn andre Leute Geld heimsten.
Und er fand auch sonst, wenn er grade übler Laune war, tausend Gründe, seinen besten Freunden gram zu sein.
Einmal schrieb er an Adolf Loos (der sich sooft für Petern geopfert hatte) einen saftiggroben Brief.
Adolf Loos ging damit zu einem befreundeten Antiquar und ließ Peters Brief ins Schaufenster hängen mit der Aufschrift:
„Autogramm -- Preis 10 Gulden.“
Da hättet Ihr Peters Verblüffung sehen sollen.
*
Peter Altenberg wäre bizarr gewesen? -- launenhaft? -- unberechenbar? Ganz und gar nicht. Er war der folgerichtigste Denker, der mir je begegnet ist, unter allen Charakteren der am schärfsten umrissene.
Eben weil er sein Volumen bis in die letzten Kanten füllte wie ein wohlgebildeter Kristall -- darum stieß er so hart an die Mitwelt; stieß immerzu an und überall, wo andre rundlich ausgewichen wären. Und diese diamantne Konsequenz auch in den letzten Auswirkungen -- -- die Bürger, überrascht und befremdet, nannten sie Laune, Bizarrerie, Unberechenbarkeit.
Peter Altenberg hatte sich selbst zum Kunstwerk gestaltet -- ja, diese Gestaltung schien ihm wichtiger und hatte ihn mehr Hirnphosphor gekostet als seine Schriften; er sah nicht ein, warum sich ihm grade die Arbeit an der Persönlichkeit, seine mühseligste, nicht lohnen sollte. Zogen die andern Genuß aus Peters Dasein und Anwesenheit: dann mußten sie ihn dafür auch bezahlen; das verlangte er mit Recht.
Einst war Herr Muhr dahergekommen, ein Bergwerksbesitzer aus Kärnten -- Freund, Anbeter und Mäzen Peter Altenbergs.
Peter sprach:
„Müssen nur Unternehmer gutbürgerlich essen, Kapitalisten, Banausen, Schiffsreeder, Verleger, Fabrikanten? Warum Dichter nicht, die das Feine doch am innigsten zu würdigen verstehen?“
Hierauf lud Herr Muhr seinen Peter in den Gasthof Sacher.
Sie aßen und tranken.
Peter freute sich: an der wohltemperierten Kühle und Heiligkeit des Saales; an dem diskreten Benehmen der Kellner; der blitzenden Sauberkeit des Tischzeugs; der wohltuenden Ruhe...
Und Peter geriet in außerordentlich lebhaften Zorn: warum, warum hat es der Dichter nicht immer so? -- täglich? -- sein Leben lang? Warum muß Peter sich in lauten, schmutzigen Kneipen herumschlagen, bei grellem Tellerklappern, warum ekeln Geierfraß schlingen von zersprungen-mißfarbigen Schüsseln?
Warum ist gedämpfte Musik seltener als schmetternde Musik, diskrete Bedienung kostspieliger als indiskrete, warum schönes Porzellan teurer als geschmackloses -- wo doch eins mit dem gleichen Kraftaufwand wie das andre herzustellen wäre?
Warum überhaupt ist das vornehme Leben unerschwinglich, statt Allgemeingut zu sein?
Peter schnaubt:
„Wieviel kostet denn dieses gutbürgerliche Mahl?“
Muhr lächelt:
„Wenn du es durchaus wissen willst? Ich werde die Rechnung verlangen.“
„Verlang sie!!“
-- -- -- Da aber fährt Peter erst recht empor:
„Ist es nicht eine ausgesuchte Gemeinheit, einen armen Menschen durch Protzentum so zu reizen? Für ein einziges blödsinniges Essen eine Summe zu vergeuden, von der ein Dichter wochenlang zufrieden leben könnte??“
Dem Mäzen blieb nichts übrig als: den Betrag der Rechnung noch einmal zu erlegen -- in Peters Hand.
*
Café Zentral, Wien. Ich hatte eben eine hübsche Geschichte gelesen und reichte sie Peter Altenberg.
Er las sie.
Plötzlich hieb er auf den Tisch.
„Dieser Hund,“ schrie er, „-- wie heißt der Hund? Rehwald? Abgeschrieben hat ers von mir.“
„Nein, Peter. Nirgends in deinen Büchern steht was Ähnliches. Die Geschichte ist herrlich, aber nicht von dir.“
„Was heißt das? Wörtlich, wort-wörtlich von mir. Genau so hätt ich sie geschrieben.“
*
Gerhart Hauptmann in einem Berliner Salon. Man redet von der bevorstehenden Uraufführung der ‚Jungfern von Bischofsberg.‘
Der Hauswirt allein scheint über die literarische Tätigkeit des Gastes nicht auf dem laufenden zu sein. Er ruft überrascht:
„Sie haben ein neues Stück geschrieben, Herr Hauptmann? Wann ist denn die Uraufführung?“
„Dienstag.“
„Wie schade! Grade Dienstag bin ich nicht frei.“ -- Und setzt gleich, sich und den Dichter beruhigend, hinzu: „Na, hoffentlich wird das Stück noch ’n zweitesmal gegeben.“
*
Paul Scherbart kam von der Aufführung eines seiner Stücke ins Kaffeehaus.
Er war sehr erbost. Die Zuschauer hatten der wilden Phantasie des Dichters nicht folgen können.
„Sechzehnmal,“ rief er, „-- sage und schreibe sechzehnmal hab ick in dem Stück denselben Witz jemacht. Meenst de, de Leute haben jelacht??“
*
Saß da einmal die knappe Mehrheit der seligen Elf Scharfrichter im Café Stefanie -- saß mit betrübten Mienen, und alle wünschten sich eins: es möchte doch der russische Hofrat kommen, der immer so nobel zu helfen versteht, wenn man in der Klemme ist. Rosenboot hieß er und bohrte sich immer in der Nase; darum nannte man ihn kurzweg Rosenbohrer.
Im Augenblick öffnet sich die Tür, und der russische Hofrat erscheint. Mit einem Blick hat er die Lage erfaßt -- beim nächsten Schlag seines guten Herzens beschließt er, einzugreifen. Er langt in die Westentasche und sagt:
„Meine Herren, ich erinnere mich eben, daß ich jedem von Ihnen zehn Mark schulde. Verzeihen Sie, daß ich mich so spät erinnere!“
Langt in die Westentasche und drückt Mann für Mann zehn Mark in die Hand -- dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften.
Der sechste aber -- Paul Schlesinger ruft ungehalten:
„Verzeihung, Herr Hofrat! Von mir haben Sie sich zwanzig Mark geborgt!“
*
Man sollte meinen, die Elf Scharfrichter hätten zweiundzwanzig Beine gehabt. Das wäre aber ketzerischer Irrglaube -- sie hatten einundsiebzig. Die Sache erklärt sich zwanglos aus dem Umstand, daß die Elf Scharfrichter sechsunddreißig Mann stark waren und einer davon ein Holzbein hatte.
Dieser eine, jetzt ein berühmter Lyriker, machte am Abend die Bekanntschaft eines jetzt ebenso berühmten Architekten. Man fand Gefallen aneinander und trank. Man fand mehr Gefallen aneinander und trank mehr. Als man viel getrunken hatte, wollte man heimgehen. Nun, so weit wandern -- bis nach Haus -- mit dem Holzbein ist nicht angenehm. Und der Lyriker bat:
„Lieber Architekt, möchtest du mich nicht bei dir übernachten lassen?“
„Gewiß, mein lieber Lyriker!“
Im Junggesellenheim des Architekten sank der Dichter auf den Diwan und verfiel sofort in Agonie. Der Architekt fand, es wär unmenschlich, den nächtlichen Gast in seinen Kleidern schlafen zu lassen. ‚Ich will ihm wenigstens die Stiefel ausziehen.‘ Er schnürte die Stiefel auf und zog -- zog -- und zog plötzlich das ganze Bein mit.
Warf es hin in panischem Schrecken und entfloh.
Nur Eingeweihte werden erraten, daß der Architekt Max Langheinrich hieß und der Dichter Ludwig Scharf.
*
Väterchen Rößler war einst Charakterspieler und Utilität am Hoftheater zu Detmold.
Eines Abends, nach einer besonders braven Leistung Rößlers kam der Hofmarschall auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter und rief begeistert:
„Mein Lieber, ich habe Sie nun als Franz Moor gesehen; als Mephisto; als Zigeunerbaron; als Bettelstudenten; als Baumeister Solneß. Immer derselbe, mein lieber Rößler -- immer derselbe.“
*
In Teplitz spielte Karl Rößler den Wallenstein.
Da hatte er -- im fünften Akt -- zu sagen:
„Ich denke einen langen Schlaf zu tun, Denn dieser letzten Tage Qual war groß.“
Sprachs -- ging hinten ab -- -- öffnete nach einer Weile wieder spannweit die Tür und stellte seine Reiterstiefel zum Putzen auf die Bühne.
Er ist ohne Kündigung entlassen worden.
*
In einem oberösterreichischen Flecken irgendwo hatte Vater Rößler ein Sommerengagement. Wohnte in der Mansarde des ersten Gasthofs und fühlte sich da wohl.
Eines Tages kommt der Wirt und sagt:
„Herr von Rößler! Mittwoch müssen S’ ausziegen.“
„Warum denn, um des Himmels willen, Herr Wirt? Ich habe doch immer pünktlich die Miete gezahlt? Habe nie gestört?“
„Alles schön und gut, lieber Herr von Rößler -- aber i brauch grad des Zimmer, grad des -- d’ Leut saans scho so gwohnt. Mittwoch is Markt. Die Hur kimmt.“
*
Eines Tages kam ein Mann zu Rößler und sprach:
„Herr von Rößler -- gel? -- Sö saan jetz Dichter? Alsdann da hätt i Eahna an Idöö für a Lustspiel. A großartigs Lustspiel -- so was zum Lachen war no net da. -- Hören S’ zu, Herr von Rößler! -- Erschter Akt -- Stammtisch mit Herren -- a Bayer; a Weaner; a Sachs; a Heß; a Preiß: Ein Witz; Eine Laune; Eine Komik nach der andern. Zweiter Akt a Kaffeegsellschaft -- die Gemahlinnen von dene Herren: Ein Humor; Ein Scherz; Schlager folgt auf Schlager...“
„Und der dritte Akt?“ fragte Rößler.
Da sprach der Mann kopfschüttelnd:
„Alles ich, Herr Rößler? Etwas könnten S’ doch aa selber derzu dichten.“
*
Rößler wohnte Jahre hindurch in Dachau. Eine halbe Stunde von München.
Natürlich verbrachte er den Tag in der Stadt. Und versäumte regelmäßig den letzten Abendzug -- daher verbrachte er in München auch die Nacht. Nur höchst selten gelang es ihm, sein Dachauer Heim zu erreichen.
Eines Morgens zog er eben in Dachau ein -- nach recht langer Abwesenheit. Sein Töchterchen, die kleine Lotte, erblickte ihn von weitem und rief:
„Mama, Mama! Sieh nur, da kommt Herr Rößler!“
*
Wir lebten zu Gmunden im Gasthof, Karl Rößler und ich, und arbeiteten gemeinsam an einer Komödie.
Rößler ist kein Frühaufsteher. Er erhob sich gewöhnlich gegen drei Uhr nachmittag, wenn die ersten Morgennebel gewichen waren -- und dann schrieben wir bis in die Nacht.
Mit dieser durchaus normalen Lebensweise war aber Rößlers greiser Vater nicht einverstanden. Er erschien täglich um sieben Uhr früh im Gasthof und stellte an Rößler das Ansinnen, das Gold aus dem Munde der Morgenstunde zu holen.
Zwei Tage kämpften Vater und Sohn.
Am dritten Tag hatte sich Rößler schon ein stilles zweites Zimmer im Seitenflügel des Gasthofs gemietet, wo er die gewohnte Lebensweise fortsetzte.
Das erste Zimmer aber wurde dem alten Herrn vom Stubenmädchen in völlig aufgeräumtem Zustand gezeigt mit der Behauptung: der Dichter wäre heute schon seit fünf Uhr früh auf den Beinen, um im einsamen Wald seiner Kunst obzuliegen.
*
Väterchen Rößler borgte sich hundert Mark und versprach mir Bezahlung zu Neujahr -- auf Ehrenwort.
Er zahlte natürlich nicht.
Gestern aber bin ich ihm begegnet und kriegte mein Geld.
„Freund,“ sagte er, „eigentlich hätt ich dirs zu Neujahr geben sollen, ich habs dir feierlich versprochen; ich hab auch Geld gehabt. Aber, weißt, ich wollte keinen Präzedenzfall schaffen.“
*
Als Otto Erich Hartleben seinen Theatersieg mit dem ‚Rosenmontag‘ errungen hatte, suchte Brahm den Dichter an sein Lessing-Theater zu binden und setzte ihm ein Jahrgehalt aus von 2400 Mark. Dagegen sollte Hartleben verpflichtet sein, alle Stücke zuerst dem Lessing-Theater anzubieten.
Hartleben unterschrieb.
Am Abend sagte er im Freundeskreis:
„Noch einen solchen Vertrag, und ich rühre in meinem Leben keine Feder mehr an.“
*
Die Herren der Literarischen Gesellschaft zu Halle an der Saale erzählen einem, wenn man sie darum fragt, gern von ihrem Hartlebenabend.
Schon zwei Tage vor der Vorlesung war Otto Erich in Gesellschaft eines Freundes eingetroffen und widmete sich umfassenden Portweinstudien.
Man fragte den Dichter nach seinem Programm.
„Ist noch nicht fertig,“ entgegnete er. „Ich schreibe eben erst an der Geschichte, die ich morgen lesen will.“
Er war auch am Vorabend noch nicht damit zu Ende, nicht des Morgens, nicht zu Mittag. Erst eine Stunde vor der Vorlesung, in einer Kneipe bei sehr viel Rotwein beendete er die Novelle.
Und saß am Abend (sein Freund mit ihm) im Saal der Freimaurerloge auf dem Podium und war unbändig gut aufgelegt. (Der Freund desgleichen.) Sie brauchten einander nur anzusehen und lachten schon. Die Geschichte, die Hartleben da vortragen sollte, war garzu köstlich. (Fand auch der Freund.) Ein klein wenig locker war sie überdies.
Ich weiß nicht, ob es allgemein bekannt ist, daß Halle keineswegs eine hemmungslose Stadt ist. Die Damen in Halle wenigstens haben ziemlich strenge Begriffe von Zucht und Sitte. Sie fanden es nicht in der Ordnung, daß man sich so benehme, wie sich Hartleben benahm (und sein Freund).
Hartleben las und las und freute sich immer auf die kommende Pointe und lachte schon, ehe er sie gesagt hatte (der Freund nicht minder).
Da gingen die Damen, eine nach der andern -- und Hartleben blieb schließlich nur mehr mit seinem Freund und drei, vier Herren des Vorstands im Saal zurück und las ihnen bei einer neuen Flasche Rotwein sein Werk zu Ende.
Wer da wissen will, was Hartleben in Halle las, schlage in seinen Werken nach. Die Geschichte ist ‚gewidmet den Damen der Literarischen Gesellschaft zu Halle.‘
*
Ein andres Abenteuer Hartlebens. Quelle: Max Halbe.
Es muß nach dem Erfolg des ‚Rosenmontags‘ gewesen sein -- Otto Erich Hartleben saß im Café ‚Florian‘ am Markusplatz in Venedig.
Ein schwarzer Mann kam und bewarb sich bei Hartleben um die Erlaubnis, das erfolgreiche Stück ins Italienische übersetzen zu dürfen.
„Ick sprecke nickt ganz gut deutß,“ sagte er, „aber ick verstehe vollkommen. Ick abe ßon mehre Sstück hübersetzen. Ick abe hübersetzen ‚Weber‘ von Gerart Auptmann: Flasche. -- Ick abe hübersetzen ‚Sodoms Ende‘ von Sudermann: Flasche. -- -- ‚Probepfeil‘ von Blumenthal: Flasche...“
„Erlauben Sie,“ fragte Hartleben, „warum sagen Sie denn immer: Flasche?“
„O -- Sie verstehen nickt? Fiasko, Fiasko aben ick gemackt.“
*
Vor vielen Jahren wars, da kam Frank Wedekind nach Berlin. Es war eben zur Zeit, als er am schwersten um seine Anerkennung ringen mußte.
Er trat -- in Begleitung einer kleinen Kabarettdiseuse -- ins Bierhaus Siechen und fand da Hartleben.
Rasch wollte er sich abwenden -- denn er war auch mit Hartleben zerkracht -- da erhob sich Hartleben, ging auf Wedekind zu und begrüßte ihn:
„Frank -- wenn alle dich anfeinden, will wenigstens ich mich mit dir versöhnen. Reich mir die Hand!“
Wedekind antwortete gerührt:
„Gestatte, lieberr Otto Errich, daß ich dirr zum Zeichen meines tiefen Dankes dieses junge Mädchen dediziere.“
*
Frank Wedekind traf einst meinen Freund Karl Rößler.
„Grüß Gott!“ rief er. „Und ich gratuliere dir herzlich zum Erfolg der ‚Fünf Frankfurter.‘ -- Ich höre übrigens, daß du jetzt an einem literarischen Stück arbeitest...?“
Rößler darauf:
„Ich -- an einem literarischen Stück? Ich werde doch nicht schlechte Geschäfte machen, wenn ich gute machen kann?“
*
Es war in Zürich, anfangs der neunziger Jahre, zur Zeit der heftigsten Literaturkämpfe -- da geriet einer unsrer Dramatiker in Streit mit ein paar Studenten. Er war gegen Schiller losgezogen und sie -- am Nebentisch -- verbaten sich das. Schiller, der Dichter des ‚Tell‘, wäre der erste Dichter und Heiligtum der Nation.
Der junge Dramatiker war sprachlos. Wie? Zwei Leute, die nicht einmal zur Gesellschaft gehören, zwei Fremde mischen sich ins Gespräch mit einem geharnischten Protest? -- Und er rief:
„Sie scheinen aus einem jener schweizerischen Täler zu stammen, wo der Kropf endemisch ist.“
Die Fortsetzung des Gesprächs kann man sich vorstellen.
Als der junge Dramatiker im Nebenzimmer gewaschen, verbunden und gelabt wurde, rief er bös:
„Nicht einmal seine künstlerischen Ansichten darf man hier äußern. Und das nennt sich dann die freie Schweiz.“
*
Wie ich Girardi kennen lernte:
Es war vor zehn oder zwölf Jahren, in München -- um vier Uhr morgens klingelt wütend mein Telephon. Ich ärgere mich, wühle den Kopf ins Kissen und lege mich aufs andre Ohr. Das Telephon rast. Endlich muß ich aufstehen.
In der Muschel die scharfe und doch chinesisch höfliche Stimme Wedekinds. Er tut überaus verwundert:
„Ist es möglich -- sollten Sie am Ende schon schlafen? Ich würde unendlich bedauern, Sie gestört zu haben. Herr Girardi möchte Sie sehen. Wollen Sie nicht so freundlich sein, in den Bayerischen Hof zu kommen?“
*
Ein Berliner Impresario hatte das Ehepaar Wedekind und mich auf eine gemeinsame Vortragsreise geschickt. Unser erster Abend sollte zu Frankfurt am Main stattfinden, in einem Vereinshaus.
Eine halbe Stunde vor Beginn kommt der Vorstand des Vereines uns begrüßen.
„Herr Wedekind,“ sagt er, „der Saal ist übervoll; wir konnten nicht verhindern, daß auch junge Mädchen sehr zahlreich erschienen... Gott, es sei selbstverständlich fern von mir, Ihnen Vorschriften zu machen -- doch Sie verstehen, nicht wahr? Ich bin in großer Verlegenheit... Wenn Sie gütigst Rücksicht auf die jungen Mädchen nähmen...?“
Wedekind zeigte seine Vorderzähne (das bedeutete bei ihm niemals Gutes) und schnarrte chinesisch höflich:
„Herrr Vorrstand, Sie werrden zufrrieden sein...“
-- -- -- Ob er wirklich zufrieden war, der Herr Vorstand, weiß ich nicht. Die Mädchen waren es keineswegs; denn sie wurden schon nach Wedekinds erstem Bänkelsang von ihren bestürzten Müttern stumm zum Aufbruch gezwungen. Leis raschelnd, auf den Zehenspitzen sickerten zuerst und strömten bald die Huldinnen nach den Türen.