Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle

Part 12

Chapter 123,662 wordsPublic domain

Die Sitzung der Künstlergenossenschaft war recht anstrengend gewesen. Stieler ging bald schlafen.

Am nächsten Tag kam einer nach dem andern von den Leuten der Allotria zu Stieler und fragte ihn:

„Herr, was haben Sie Lenbach angetan? Womit haben Sie ihn gereizt? Er ist, als Sie wegwaren, furchtbar gegen Sie losgezogen.“

Stieler fackelte nicht lang und ging gradenwegs zu Lenbach.

„Ist es wahr,“ fragte er ihn, „daß Sie gestern unmittelbar nach Ihrer Lobrede über mich...“

Lenbach ließ Stielern garnicht erst vollenden.

„Mein Lieber,“ sagte er, „bei mir ist alles möglich. Das sind eben Stimmungssachen. Aber Sie sollen sehen, daß ich Sie hochschätze: sagen wir einander von nun an ‚du‘.“

Und Lenbach drückte dem verblüfften Stieler den Bruderkuß auf die Lippen.

*

Nach Eröffnung der Prinzregentenbrücke gabs eine Hoftafel. Der Prinzregent fragte Lenbach:

„Was sagen Sie zu meiner neuen Brücke?“

„Königliche Hoheit! Wenn ich meine Meinung über den Architekten äußern soll: lassen Sie mich einen Tag Scharfrichter sein.“

*

Als Makart auf der Akademie studierte, hatte er einen strengen Lehrer in Piloty.

Makart hatte eine Gruppe von Landsknechten skizziert. Da sagte Piloty:

„Jetzt hören Sie aber, Makart! Ich dulde nicht, daß Sie mir das Bild wieder unvollendet lassen. Sie werden daran weiterarbeiten -- verstehen Sie? -- bis es fertig ist.“

Makart nickte.

Als Piloty am nächsten Tag zur Korrektur kam, saß Makart vor einem Bild: ‚Badende Nymphen.‘ Und erklärte seinem Lehrer:

„Ich hab an den Landsknechten weitergearbeitet und immer weiter. So sind mir halt Nymphen draus geworden.“

*

Einst hatte Makart eine purpurrote Quaste gefunden. Er hörte nun und sah niemand mehr -- saß mit seiner Quaste am Fenster, drehte sie zwischen den Fingern und freute sich an ihrem Farbenspiel. Auf der Akademie sagte man: „Er spinnt.“ Das bedeutet in München: er ist verrückt.

Er legte die Quaste aus der Hand, setzte sich an die Staffelei und skizzierte ‚Das Gastmahl der Kardinäle.‘ Da gabs was zu schauen von roter Pracht -- vom tiefsten Bordeaux bis zum strahlendsten Feuer. Leider ist das Bild, wie so viele andre seiner Skizzen, niemals ausgeführt worden.

*

Makart war ein wortkarger Mann. Einst wurde er Tischnachbar der Geistinger -- blieb aber still wie immer.

Eine Weile hörte sichs die Geistinger an. Dann sagte sie:

„Wissen S was, Makart? Schweigen mir jetzt von was anderm.“

*

Als Gedon und Leibl in Wien studierten, da wohnten sie zusammen in einem Zimmer.

Eines Abends, zu sehr vorgerückter Stunde, geriet Leibl in irgendeiner Kneipe in Streit mit Makart. Leibl, der Riese, setzte seinen Bierkrug auf den Tisch, daß er in Stücke ging und ihm die Hand zerschnitt. Gedon brachte den blutenden, trunkenen Kameraden heim und schaffte ihn ins Bett.

Gegen drei Uhr morgens ein Rascheln, ein Plätschern, ein Stühlerücken. Leibl hantierte mit der Waschschüssel, am Koffer, am Schrank.

Gedon fragte ihn überrascht: was er denn treibe?

Und Leibl noch überraschter:

„Ja, Mensch -- weißt du denn nicht? Ich muß doch fliehen -- ich habe Makart erschlagen.“

*

Und nun, nach so vielen Geschichten, deren Zeuge oder Erzähler Professor von Stieler war, auch eine Begebenheit, deren Held er selbst ist:

Ein junger Akademiker -- Trattner -- hatte Stielers schier übermenschliche Menschenliebe schamlos ausgenutzt; hatte sich im ersten Jahr eine runde kleine Summe von Stieler gepumpt und dann jedes Jahr das Schulgeld und etwas mehr dazu. Bis die Schuld zu ansehnlicher Höhe gewachsen war.

Und als wieder ein Termin verstrich und noch einer -- wohl der zwanzigste -- von Trattner keine Botschaft und kein Pfennig -- da rief Professor von Stieler, und seine Augen flackerten wild:

„An dem Kerl, an dem werd ich ein Exempel statuieren. Er wird was von mir erleben. Ohne Gnade...“ (hier schwollen des Professors Zornadern.) „... ohne Gnade schreib ich ihm einen Mahnbrief.“

*

Man muß wissen, daß Professor von Stieler aus einem Beruf kommt, der herzversteinernd wirkt: Stieler war einst, eh er sich der Kunst seines Vaters zuwandte, Jurist und so etwas wie Staatsanwaltsubstitut.

Man erzählt in München, wie er einst einen Muttermörder anklagen sollte. Der Muttermörder weinte und jammerte, wie schlecht es ihm immer ergangen wäre; nur in seiner äußersten Not hätt er dann endlich den Raubmord an der eignen Mutter verübt.

Der Staatsanwaltsubstitut ward gerührt und immer gerührter; fühlte das Elend des Angeklagten mit und stellte schließlich den Antrag: die Notlage dieses Menschen wäre wirklich fürchterlich gewesen; immerhin, für den Muttermord gebühre ihm ein Verweis.

Diese Geschichte hat sich niemals zugetragen -- sicherlich nicht. Doch der sie erfand, hat des alten Herrn Charakter damit aufs treffendste gezeichnet. So ist es ja in aller Welt wohl mit den Anekdoten; auch wenn sie sich zufällig nie abgespielt haben: ihr Geist ist immer wahr.

*

Meister Max Nonnenbruch erzählt von einem Besuch, den er vor ein paar Jahren dem verstorbenen Alma Tadema in London gemacht hat.

Alma Tadema führte den Münchener Kunstgenossen nicht ohne Stolz in seinem Palais umher und ließ alles nach Gebühr bewundern -- besonders die Palmen; es waren herrliche Bäume darunter.

„Man sieht, daß Sie hohe Preise für Ihre Bilder erzielen,“ meinte Nonnenbruch.

„O, sagen Sie das nicht. Ich habe erst unlängst ein Bild mit Müh und Not an den Mann gebracht.“

„Wie ist das möglich?“

Alma Tadema berichtete:

„Es war ein Akt, ich nannte ihn ‚Venus.‘ Dutzende von Kunsthändlern hatten bei mir vorgesprochen und sich mit verlegenen Mienen und Achselzucken abgewendet -- denn in England kauft man keine Akte. Da stellte ich das Ding in irgendeine Ecke und beachtete es weiter nicht. -- Kommt da unlängst wieder ein Händler zu mir und verlangt, ein Bild zu erwerben.“

„Ich habe nichts.“

Der Mann wird immer dringender.

„Ich habe nichts.“

„Doch, Sir -- hier in der Ecke, sehen Sie...“

„Ach, das ist eine Venus. Die ist nicht anzubringen.“

„Wenn ich sie aber haben möchte?“

„Ich sage Ihnen doch: sie ist nicht anzubringen. Kein Mensch will bei uns solch ein Bild im Zimmer hängen haben.“

„Nun,“ sagte der Mann, „ich bin volljährig und willens, mein Geld zu wagen. Was kostet das Bild?“

„Sie kennen meinen Preis: tausend Guineen.“

Der Mann schreibt einen Scheck aus, nimmt sein Bild und geht.

Nächstens begegne ich ihm in der Ausstellung und denke mir: dem Mann weichst du lieber aus.

Er aber kommt strahlend auf mich zu und ruft:

„Ein herrliches, ein glänzendes Geschäft. Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar, Sir Tadema!“

„Ja, Mensch, wie haben Sie es nur angefangen, das Bild loszuwerden?“

„Ganz einfach: ich nannte es ‚Die Unschuld‘; andern Tags hatte ich dreitausend Guineen dafür.“

*

Bei Max Nonnenbruch stand ein Mädchen Aktmodell -- ein junges Ding natürlich und wohlgewachsen. Kein Wunder eben, daß sie eines Tages einen Brillantring am Finger trug, das Geschenk eines nobeln Verehrers.

Doch allzu sicher der Noblesse schien sie nicht zu sein -- sie fragte Nonnenbruch, ob der Ring auch gewiß echt wäre.

„Fräulein,“ erwiderte Meister Nonnenbruch, „davon verstehe ich nichts. Sie müssen zu einem Juwelier gehen.“

Am nächsten Tag erzählte das Fräulein:

„Ich hab den Juwelier gefragt. Wissen Sie, wie hoch er den Ring schätzt? Drei Mark. Wissen Sie aber auch, was ich getan habe? Meinem Schatz hab ich gesagt: „Du,“ hab ich gesagt, „ich hab deinen Ring verkauft -- unter Garantie -- für fünfhundert Mark.“ -- Da ist der falsche Kerl fein blaß worden. -- „Und dann,“ sag ich, „hab ich meine Schneiderrechnung davon beglichen. Kaum hab ich sie beglichen, da kommt der Käufer wieder und nennt mich eine Betrügerin und will seine fünfhundert Mark -- der Ring wär unecht -- sonst bringt er mich ins Gefängnis. Ich fürcht mich nicht vor dem Gefängnis. Ich sag vor Gericht einfach, von wem ich den Ring hab -- und er muß echt sein.“ -- Da ist mein Schatz, der falsche Hund, ganz kreideweiß geworden und hat sein Tascherl zogen und hat mir fünfhundert Mark geschenkt.“

*

Studierte da ein junger Mann aus Jüterbog in München; hatte daheim im Norden einen Onkel sitzen, bezog eine Rente von ihm und lebte in München frisch und froh.

Plötzlich ein schrecklicher Umschwung: dem Onkel dort oben war des lieben Neffen Studium allgemach zu lang geworden, die Geldansprüche gar zu hoch -- der Onkel machte kurzen Prozeß und stellte die Rente ein.

Was tut man in solchem Fall? Man schreibt dem Onkel einen herzbeweglichen Brief.

Und der Junge tat es. Schrieb: wie dankbar er dem lieben Onkel allzeit wäre -- wie fleißig er studiert hätte, wie weit er es gebracht -- und jetzt grade, im letzten Augenblick, wolle der liebe Onkel ihn verlassen? Jetzt, wo der begabte Neffe sich schon einen Namen in München gemacht habe, wo er mit den Berühmtesten verkehre, mit Kaulbach, Grützner, Stuck und Defregger?

Der Oheim hörte es gern -- nur glaubte er es nicht recht; und fuhr augenblicks von Jüterbog nach München, um sich von seines Neffen Ruhm zu überzeugen.

Herrgott, der Onkel ist da! Da war guter Rat teuer. Doch der Neffe wußte einen: er veranstaltete einen netten Abend im Atelier, lud ein paar Freunde ein, die möglichst würdig aussahen, und stellte sie dem Herrn Oheim vor: Professor von Kaulbach, Professor Grützner, von Stuck und Defregger.

Nun konnte sich der Jüterboger Oheim freuen, mit den Berühmtesten der Palette am Tisch zu sitzen. Stuck bot ihm gar die Bruderschaft an.

Am Morgen darauf erwachte der Onkel mit furchtbarem Gehirnschmerz. Doch auch mit froher Seele: der Neffe, dieser Teufelskerl -- bei Allah -- er hatte sich durchgesetzt.

Und Onkelchens erster Weg war... ein Antrittsbesuch bei seinem neuen Freund von Stuck.

Nur dieser Uebereifer des alten Herrn aus Jüterbog hatte zur Folge, daß des Neffen schöner Streich mißlang und der Onkel ärmer um eine schöne Erinnerung wurde, um einen schönen Stolz.

Es gibt einen Bildhauer, dessen besondres Gebiet Grabsteine sind; und einen Maler, der über alles gern andre Menschen reizt und foppt. Der Maler heißt Erich Wilke.

Eines Tages telephoniert Erich Wilke den Bildhauer an:

„Hier Gräfin Erika Wilkinska. Sind Sie der gefeierte Mann, der Denksteine setzt? Mein Gemahl ist vor acht Tagen gestorben. Ich möchte ihm ein Grabmal stiften. Bitte, kommen Sie doch mit ein paar Entwürfen und mit Steinproben ins Hotel Vier Jahreszeiten.“

Der Bildhauer legt reine Wäsche an, einen Besuchsanzug und fährt mit seinen Entwürfen und Steinproben ins Hotel. Die Entwürfe allein sind ein so großer Packen, daß der Droschkenkutscher sich erst nach langem Zureden entschließt, die Mitnahme einer solchen Ladung zu gestatten. Und nun erst die Steinproben! Zwei riesige Koffer.

Im Hotel weiß natürlich niemand was von einer Gräfin.

Der Zufall will, daß acht Tage später eine wirkliche und wahrhaftige Gräfin beim Bildhauer anklingelt.

„Ich möchte eine Urne bei Ihnen bestellen. Ich bin die Gräfin...“

Weiter läßt der Bildhauer sie garnicht reden.

„Ach, die Frau Gräfin! Ihr Gemahl ist vor acht Tagen gestorben -- wie? Und eine Urne wollen Sie -- ha? Ich soll Entwürfe und Steinproben ins Hotel bringen -- he? Packen Sie die Asche Ihres Gemahls in eine Zigarrenschachtel und werfen Sie sie in die Isar! Schluß!“

Eine Stunde darauf fährt vor dem Atelier des Bildhauers ein Wagen vor. Eine Dame in Trauer entsteigt ihm keuchend und verlangt nichts weiter, als: den Mann zu sehen, der ihr einen so zynischen Rat gegeben hat.

*

Es gibt eine junge Dame in München, die entzückend malt. Keine Malerin -- das möchte sie erst werden.

Doch die Eltern spreizen sich hartnäckig. (Ist es denkbar? Es gibt immernoch solche Eltern -- sogar in München, der Kunststadt.) Sie schaudern bei der Vorstellung, daß ihr Töchterlein aktzeichnen sollte.

Die kleine Dame aber ist sich ihrer Sendung bewußt, sie gibt keinen Frieden -- bis die Eltern einen Ausweg ersinnen:

Vater verkehrt doch mit dem berühmten Meister... Der Meister wird unsrer Lisbeth Bilder ansehen, und sein Schiedsspruch soll dem kleinen Fräulein den Lebensweg weisen.

Lisbeth ists zufrieden -- Lisbeth vertraut auf ihr Können -- Lisbeth frohlockt. Ahnt garnicht, die Arme, daß der Meister längst von den Eltern heimlich und inständig bearbeitet ist: er wird bedingungslos, wird lebhaft abraten vom Malen.

Wirklich, er rät ab; es sei keine Begabung da, sagt er, und vor allem: ein unheilbarer Mangel an Technik.

Lisbeth ist mehr als verzweifelt -- sie ist vernichtet.

Und wie er sie so stumm und bleich umhergehen sieht, der berühmte Meister, und fühlt sein Gewissen schmerzhaft nagen -- da möcht er das Unrecht gern irgendwie gutmachen. Wie? Nun, mit einem Geschenk.

Er ruft Lisbeth zu sich und sagt ihr:

„Na, Mädel -- dieser Tage hab ich Urteil über dich sprechen müssen -- -- sag jetzt du: welches von meinen neuen Bildchen gefällt dir am besten?“

Sie wählt und schwankt und entscheidet sich endlich für die ‚Türkin in Gelb.‘

„Schön,“ ruft der Meister. „Sollst sie haben. Gratulier dir übrigens zu deinem Geschmack, Teufelsmädel! Die ‚Türkin in Gelb‘ ist mein Bestes.“

Und soviel sie sich wehrt gegen die kostbare Widmung -- er gibt nicht nach -- sie muß das Bild mitnehmen; denn er hat ihr eine Lüge abzubitten, braucht seine Seelenruhe wieder.

-- -- -- Das kleine Fräulein ist stolz auf ihr schönes Eigentum, die ‚Türkin in Gelb.‘ Betrachtet das Bildchen früh und spät -- endlich setzt sie sich an die Staffelei und kopiert es. Kopiert es so täuschend, daß wahrhaftig kein Mensch mehr Original und Abklatsch unterscheiden kann.

So weit ist es -- da vernimmt Lisel von Freunden des Hauses, wie des Meisters vernichtender Schiedsspruch damals zustande gekommen ist. Und hell empört beschließt sie, sich zu rächen.

Falschheit gegen Tücke: sie packt fein säuberlich ihre Kopie ein und wandert damit aufs Atelier zum Meister.

Schlägt scheinheilig die langen Wimpern auf und flötet:

„Meister, Sie haben mir unlängst die Wahl gelassen... ich bat um die ‚Türkin in Gelb.‘ Ich habe mirs indessen anders überlegt: ich möchte doch lieber die ‚Madonna‘.“

Der Meister begrüßt mit Freuden die ‚Türkin‘ wieder, sein Lieblingsbild... heut gefällt sie ihm besser als je... und entläßt Lisel mit der ‚Madonna‘.

Lisel zieht heim, mit dem Entschluß, vier Wochen schweigend zu warten. Nach vier Wochen, das ist gewiß, wird sie dem guten Meister gehörig die Meinung sagen über ihren ‚unheilbaren Mangel an Technik.‘

Und sollt die Kopie der ‚Türkin‘ mittlerweile als Meisters Werk verkauft sein: so wird das die gerechte Strafe des Meisters nur verschärfen.

*

Pascin ist eines Tages nach Paris verzogen -- so plötzlich, daß die Miete und Gasrechnung unbeglichen blieben.

In einer Anwandlung von Sentimentalität schrieb er seiner ehemaligen Berliner Wirtin: sie möge ihm auch fernerhin ihre Sympathien bewahren und einstweilen das Gasgeld für ihn auslegen; er würde demnächst zurückkommen und die Wirtin fürstlich belohnen.

Da antwortete die Wirtin:

„Herr Pascin, Ihr Jeehrtes erhalten, worin Sie sehr dicke tun. Der Jas looft sich die Füße ab un mit die fürstliche Belohnung so sehn Sie aus.“

*

Im Glas-Palast hing einst das Bild eines Geigers von Picasso.

Zwei Maler standen betrachtend vor dem Bild: der eine in Bewunderung -- Pascin; der andre kopfschüttelnd -- ein gewisser Rebitzer.

Rebitzer murrte:

„Man sollt diesem Picasso eine Photographie von Burmester schenken, damit er lernt, wie man eine Violine hält.“

Pascin darauf:

„Und Ihnen, Rebitzer, sollt man eine Photographie von Moltke schenken, damit Sie lernen, wie man das Maul hält.“

*

Andreas Szenes pflegt im Garmischer Keller zu essen.

Eines Abends, als die Gäste so ziemlich alle schon gegangen sind, setzt sich der Wirt freundschaftlich zu Szenes, dem letzten heute.

Und betrachtet aufmerksam eine Mappe mit Aktskizzen.

„Hm,“ sagt er. „Hm. Was soll das, Herr? Was ist das?“

„Studien,“ antwortet Szenes gutmütig.

Der Wirt verwundert:

„Sie? Studieren noch??“

„Nun, studieren muß man immer.“

„Und was... was werden Sie dann mit diesen Blättern beginnen? Wohl wegwerfen?“

„Bewahre!“ sagt Szenes. „Es gibt Kunstfreunde, die derlei sammeln -- Liebhaber, die es gut bezahlen...“

„Wie hoch?“

„Nun, mancher gibt gern drei, vierhundert Mark für eine Zeichnung.“

Der Wirt ruft hinüber nach seiner Frau:

„Mutter! Hör! Es gibt Leute, die drei, vierhundert Mark für +sowas+ zahlen!!“

Dann murrt er vor sich:

„Und ich Esel hab all mein Leben anständig gearbeitet.“

*

Von Prinzen, Komponisten, Architekten, Tänzerinnen

Es gibt einen kleinen Prinzen, der sehr geschickt Silhouetten schneidet. Einmal gelang ihm ein besonders hübsches Stück -- er klebte es auf einen Lampenschirm und brachte den Schirm heimlich, ganz heimlich, in Zivil zu einem Kunsthändler.

Der Kunsthändler verstand sofort, was der Prinz bei ihm suchte: nicht einen Geldverdienst, beileibe; sondern ein vom Rang des Herstellers unbeeinflußtes Urteil über den Scherenschnitt. Der Kunsthändler tat, als kenne er den Prinzen nicht, kaufte den Lampenschirm für einen guten Batzen und baute ihn mitten ins Schaufenster. Mein Gott: mit einer Hoheit muß man sich als Kunstkaufmann gut stellen.

Der Schirm mitten im Schaufenster fiel einem berühmten Komponisten auf; und als der Komponist gar flüstern hörte, wer... Kurz, andern Tags war der prinzliche Lampenschirm verkauft.

Der Komponist brachte stolz die Beute heim. Doch des Komponisten Gattin, weniger servil als der Gemahl, fand das Ding weit überzahlt; fand es überdies abscheulich -- -- und der Komponist war schließlich froh, das so umstrittene Kunstwerk mit Verlust weitergeben zu können -- an einen konservativ gestimmten Freund im fernsten Vorort.

Hoheit ermangelten nicht, sich für das Produkt dero Hände auch fernerhin innig zu interessieren. Hoheit in Höchstihrer Eitelkeit umschlichen das Schaufenster des Kunsthändlers, fanden es leer -- betraten den Laden -- gaben sich huldvoll ‚zu erkennen‘ -- hörten entzückt den Namen des berühmten Käufers und... sagten sich bei ihm zum Tee an ‚unter einem wohlbekannten Lampenschirm.‘

Ha, da mußte der Lampenschirm sofort wieder herbei -- um jeden Preis.

*

Georg David Schulz und ich veranstalteten einmal in Berlin einen Wohltätigkeitsabend. Da brauchten wir vor allem Leute, die uns Billette abnehmen.

„Keine Sorge,“ sagte Schulz. „Wir schreiben der alten Lewi, Kommerzienwitwe -- sie ist eine gepriesene Wohltäterin, eine Altruine -- die kauft sicherlich zwölf Stück.“

„Gut. Man muß aber den Leuten für ihr Geld doch auch was bieten...“

„Keine Sorge. Schreib einfach der Carmencitta. Nenn sie eine südliche Zaubergestalt und bitt sie, einen ihrer berückenden Fandangos bei uns zu tanzen.“

Ich schrieb.

Carmencitta antwortete eisig kühl: sie könne unmöglich kommen und sende anbei drei Mark für unsre Kasse.

Der andre Brief, von Frau Lewi, lautete:

„Meine Herren! Ich bin einundsiebzig Jahre alt. Deklamieren will ich in Gottes Namen gern, weil es zugunsten der Armen ist. Doch einen Fandango -- das können Sie nicht von mir verlangen.

*

Damals wußte man noch nichts von Rossius, er war ein kleiner, unbekannter Anfänger. Mit ein paar ersparten Groschen konnt er endlich eine Wohnung mieten; sogar eine im vornehmsten Stadtteil; doch Rossius bekam sie wohlfeil -- ein Arzt hatte sie Hals über Kopf verlassen.

Am Haustor fand Rossius die Aufschrift vor: ‚Nachtglocke zum Arzt.‘ Er radierte ein paar Buchstaben weg und machte daraus eine ‚Nachtglocke zum Architekten.‘

Die Geschichte von dieser Nachtglocke sprach sich um -- Rossius kam in aller Mund. Man wurde auf ihn aufmerksam -- er war ein gemachter Mann.

*

Eine Tänzerin, deren Name jetzt überall den besten Klang hat, war vor Jahren einmal als junges Ding das erstemal in Wien mit ihrer Kunst zu Gast gewesen.

Sie kam nach München heim, und man fragte sie:

„Nun, Gnädigste? Hatten Sie Erfolg in Wien? Hat es Ihnen da gefallen?“

Die Tänzerin entrückt:

„Es war kein Erfolg mehr, es war schon ein Succès. Und wie populär -- denken Sie sich nur! -- war ich schon nach zwei Tagen: ich ging am Graben spazieren -- da traten Kavaliere mit Zylindern auf mich zu, grüßten elegant und fragten:

„Fahren wir, Euer Gnaden!?“

*

Alpursa, die Tänzerin, ist aus sehr honetter Familie, sie hat sogar einen Pastor zum Onkel.

Er macht der Nichte empörte Vorhaltungen wegen ihres Gewerbes.

„Aber Onkel,“ ruft Fräulein Alpursa, „du bist in völligem, in grundlegendem Irrtum befangen. Mein Tanz ist kein ‚Gewerbe‘ -- er ist eine Äußerung der Kunst -- nicht geringer als eine Dichtung von Stefan George etwa, eine Komposition von Richard Strauß, ein Gemälde von Kokoschka -- mein Tanz hat ebenso hohe ethische Werte wie deine Predigt.“

„Mag sein,“ sagt der Herr Pastor. „Doch, liebe Nichte: ich predige nie mit entblößtem Unterleib.“

Von den Dichtern

Da ist mir ein Buch in die Hände geraten: ‚Dichter- und Schriftsteller-Anekdoten.‘ Es ist ja Sitte geworden, fremder Leute Witz zu sammeln und ihn als eignes Buch herauszugeben.

Diesmal gilts den Poeten. Mit vielem Fleiß sind Deutschlands, Frankreichs, Englands Geister im Blitzlicht merkwürdiger Aussprüche festgehalten. Wer aber meint, alle Blitze zündeten, der irrt sich; die meisten deutschen Wetter wenigstens führen kalte Schläge.

Von Modernen führt der emsige Autor nur zwei oder drei Episoden an. Sogar das bekannte Erlebnis Gottfried Kellers fehlt: wie Keller, der trinkfeste Mann, des Nachts zu Zürich im Graben lag und den Wächter fragte:

„Guete Fründ, chöned ihr mir ächt nüd sägge, wo de Gottfried Keller wohnt?“

„De Gottfried Keller? Hä, dä sid ihr ja sälber.“

„Säb han ich dich nüd gfraget, du chaibe Hagel! Wüsse will ich, wo--n--er wohnt.“

Sicherlich hat ein Dutzend Literaturhistoriker nachgewiesen, die Geschichte könne unmöglich wahr sein: weil Gottfried Keller niemals trank; oder weil er nie in Zürich wohnte; oder weil Zürich keine Nachtwächter hat; oder weil die Zürcher Nachtwächter auf keine Fragen antworten. Irgendeinen Grund werden die Herren Literaturhistoriker schon gefunden haben. Was tuts zur Sache? Hübsche Anekdoten sind niemals wahr.

Nun aber kommen ein paar wahre.

*

Es gibt einen Publizisten von Ruf und Talent, doch leider führt er eine wahrhaft groteske Kralle. Ein Sinologe, der einst eine Probe davon zu Gesicht bekam, erklärte sie zögernd für ‚wahrscheinlich südtibetanisch,‘ den Dialekt für ausgestorben und das Ganze für chiffriert. Ein einziger Setzer in der Druckerei vermag bei günstiger Witterung besonders langsam geschriebene Wörter zu entziffern, wobei persönliche Freunde und Familienangehörige des Verfassers mitwirken. Dafür bezieht der Setzer eine Zulage, hat zwei Nachmittage in der Woche frei und wird auf drei Schritt Distanz mit ‚Mein lieber Memminger‘ angesprochen. Von der Möglichkeit seines Scheidens aus der Druckerei spricht der Metteur nur mit gedämpfter Stimme.

Da begab es sich eines Tages, daß der Publizist in vornehmem Kreis eine politische Nachricht von Wichtigkeit erfuhr. Ans Telephon konnt er nicht eilen -- es wäre der Gesellschaft aufgefallen. Er verlangte vom Ober einen jener schmalen Zettel, die den Kellnern zur Berechnung der Zeche dienen, und warf einige Zeilen darauf:

„Dr. Kahr ist zum Ministerpräsidenten ausersehen“ und schickte das Ding mit der mündlichen Botschaft ‚Äußerst wichtig‘ auf die Redaktion.

Auf der Redaktion hielt man es zuerst für einen schlechten Spaß; doch erkannte man zum Glück bald den Schreiber.

„Na, dann ist ja leicht geholfen,“ sprach der Chef. „Wir lassen einfach unsern lieben Memminger rufen.“

O Verhängnis -- Memminger hatte seinen freien Nachmittag.

In die allgemeine Ratlosigkeit platzte der jüngste Redakteur mit dem Vorschlag, das Zettelchen in die... Apotheke zu schicken; die Herren Apotheker wüßten sich ja aus den schwierigsten Handschriften einen Reim zu machen.

Gesagt, getan.

Und als eine Viertelstunde vergangen war und noch eine -- da kam der bang erwartete Bote aus der Apotheke zurück. Und stellte stumm eine Flasche mit rötlichem Inhalt auf den Tisch.

*