Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle

Part 11

Chapter 113,666 wordsPublic domain

„Bedaure,“ sagt der fremde Herr, „indem daß ich Ihnen mein Ehrenwort gib mit zwei Fingern in der Höh, daß nichts Unrechtes nicht vorgegangen is im Hotel mit ’m Fräuln Paula, so hoffe ich, Sie werden ihr verzeihen. Überhaupt hat sie nur mit mir besprochen, ob ich Ihnen nicht könnt eine bessere Anstellung verschaffen bei unsrer Firma, und ich leite es bereits energisch in die Wege.“

Auf das hat der Hugo, der Bräutigam, natürlich nichts sagen können -- und die Hochzeit wird stattfinden. Weil, Gott sei Dank, der fremde Herr ein vornehmer Mann is und der Hugo, der Bräutigam, die Paula wirklich liebt und ihr nichts Unrechtes nicht zutraut... Aber sagen S’ selber: is nicht genug Unannehmlichkeit geschehen durch die Klatschsucht von dem elenden Menschen, dem Hilfskassierer? Dem Hugo und der Paula nicht -- die haben sich ja wieder. Aber dem fremden Herrn: der Arme hat müssen das Auto zahlen.“

Die Schuldsumme

Der folgende merkwürdige Fall hat sich in der berühmten, hochlöblichen und überaus ehrsamen Reichsstadt Nürnberg ereignet:

Zum Rechtsanwalt Bitter kam einmal ein Bursche vom Land und sprach:

„Jetzten, wie is des, Herr Dokter -- därf i mei Bäuerin verklogen? Auf tausend Mark? Daß s’ mr’s zahlen muß?“

„Ja, ja -- des därfst lei -- wann sie dir’s schuldig is.“

„Schuldi is s’ mr’s scho.“

„Kannst aber aa Beweise bringen?“

„An Beweis wüßt i scho.“

„Und kannst du auch schwören?“

„Mei, schwören -- da feit si nix.“

„Du hast ihr wohl ein Darlehen gegeben?“

„Han??“

„Geborgt wirst ihr halt tausend Mark haben...“

„Naa, naa -- borgt hab i ihr nix.“

„Oder is ’s a rückständiger Lohn?“

„Naa, naa -- des nit.“

„Oder gebührt dir ein Gewinnanteil aus an Gschäft?“

„Naa, naa. Klagen S’ nur auf tausend Mark -- d’ Bäuerin waaß scho.“

„So geht das nicht. Auch das Gericht will wissen, wofür du ’s Geld verlangst.“

„No, wann i ’s sagen muß?? Alstern i bin zwanzig Jahr alt -- net? Und d’ Bäuerin is vierzig, der Bauer sechsevierzig. -- ‚Martin,‘ sagt s’ mir amaal, d’ Bäuerin, ‚Martin, wann i a Kind krieget -- i gäbet gern tausend Mark.‘ -- No -- und ’s Kind is da. Alstern verlang i mei tausend Mark.“

-- -- -- -- -- --

(Wie schön wäre die Geschichte erst, hätt ich sie auf gut Bayerisch erzählen können!)

Der Kindelwein

Als ich noch in Radkersburg diente, da pflegten wir alle im Jägerhorn zu essen: drei Offiziere der detachierten Batterie, der Bezirksrichter mit seinen vier Beamten, der politische Adjunkt und ein paar ledige Herren der kaiserlichen Forstverwaltung. Wenn niemand von uns Offizieren kommandiert worden war und von den Beamten keiner auf Kommission, alles in allem grade dreizehn Mann. Dann mußte sich Bertha zu uns an den Tisch setzen.

Bertha war nämlich die Kellnerin. Ein sehr nettes Mäderl. Ungefähr siebzehn Jahre alt und von jener Sicherheit, die eben nur ganz, ganz unverdorbene Landkinder an sich haben.

Eines Tages... -- ich kann nicht einmal sagen, daß es mir besonders aufgefallen wäre; denn auf die Dauer gab es in Radkersburg doch keinen Gesprächsstoff, und so schwiegen wir meist. Eines Tages also wars an unserm Tisch muckmäuschenstill. Drückend still. Alle dreizehn da, und Bertha doch nicht am Tisch.

Da erhob sich der Bezirksrichter, bat Bertha, ein wenig draußen zu bleiben -- schloß die Tür ab, räusperte sich und sprach:

„Meine Herren, Sie wissen, um was es sich handelt. Wer sich nicht beteiligen will, braucht es ja nicht zu tun. Ich glaube aber: es ist am besten, wir zahlen jeder monatlich einen Gulden -- und zwar von heute an -- so lang, bis das Kind volljährig ist.“

Niemand sträubte sich. Alle atmeten erleichtert auf. Dem Bezirksrichter, als dem Ältesten zu Ehren, sollte das Kind Albert heißen. Albert Themeier. (Gegebenenfalls Albertine.)

Und ich schickte pünktlich an jedem Ersten einen Gulden nach Radkersburg -- viele, viele Jahre.

Um 1902 kam ich durch Graz. (Da war ich schon außer Dienst.) Und es reizte mich, meinen alten Bezirksrichter wiederzusehen, der jetzt in Pension in Radkersburg lebt. Auch den alten Tisch und das alte Städtchen und am Ende -- na, sehr neugierig bin ich ja nicht, aber wenns das Schicksal grade will: am Ende auch Albert Themeier.

Im Jägerhorn zu Radkersburg fand ich -- es war am 19. Juli -- die Tafel prächtig gedeckt.

Oho, man feiert ein Fest? Wie dumm. Ich hätte mich doch so gern mit zu Tisch gesetzt, wenn ich das erste bekannte Gesicht erblickte.

Doch lauter fremde, neue Leute.

Ah, der Oberforstrat! (Damals war er noch Forstgeometer.) Er erkennt mich, und... ist verlegen.

Dann der Gemeindearzt. Er erkennt mich und... errötet.

Endlich der Bezirksrichter selbst -- jetzt schon im Ruhestand.

Er erbleicht.

„Sie sind grade zurechtgekommen,“ sagt er mir. „Wir haben so eine kleine... Erinnerungsfeier, ganz intern... Oh ich bitte, Sie müssen natürlich teilnehmen.“

„Was ist denn los?“

Der Bezirksrichter wippt von einem Bein aufs andre, ficht unbeholfen mit einer Hand in der Luft -- endlich faßt er sich ein Herz und beichtet:

„Also, wissen Sie... dieser Albert Themeier, der ist schon ziemlich lange tot. Einige Jahre. Und die Herren, die von hier weggezogen sind, die schicken doch jeden Monat am Ersten den Gulden? Sollten wir die Lappalie zurückgehen lassen? Das macht doch Umstände auf der Post. Da haben wir einen Fonds gegründet, und an jedem Neunzehnten trinken wir den Herren Vätern von Albert Themeier zu Ehren den Kindelwein.“

Die schiefe Ebene

s = ct + ((gt^2)/2)sin(α)

„Ein total unbenutzbares Publikum,“ pflegte Niki jeden Abend zu sagen, und seine Blicke fegten ärgerlich den Saal.

Da war unser Nachbartisch: eine ungarische Familie; die Frau, drei halbwüchsige Jungen, ein Pinscher und ein Ehemann -- Pferdehändler, Theaterdirektor oder sowas.

Da waren die Leute aus Meran; er und sie stumm und dumm.

Die Berliner hatten eine nette Tochter. „Aber,“ sagte Niki, „ich bin nicht hergekommen, fremder Leute Kinder sexuell aufzuklären. Eh’ der Balg begreift, ist der Winter um.“

Kurz: langweilige Bande. Wir dachten schon ans Kofferpacken.

Mit einemmal wurde alles anders. Eines Morgens, wir hatten eben gefrühstückt und standen in der Halle und wollten rodeln gehen -- da sehe ich im Vorgarten ein fremdes Paar. Madame war schlank und melodiös, in Distinktion getaucht; die Schultern ein wenig zu beweglich.

„Trotzdem eine Weltdame vom Scheitel bis zur Sohle.“

„Glaubst du, Niki?“

„Das sieht man auf den ersten Blick.“

Niki schob seine Kappe auf Courage, und wir folgten dem Paar nach hinten in den Park. Vor dem verschneiten steinernen Herkules blieb Madame stehen und debattierte mit ihrem Mann -- wahrscheinlich über Herkules: denn der Fremdling stellte sich in Positur und blähte seinen Pelz auf. Sie lachte herzlich und sah, wie von ungefähr, zu uns herüber.

Die beiden schritten weiter -- wir ihnen nach -- und Madame blinzelte sooft zurück, daß ich besorgt wurde.

„Niki, paß auf, der Herkules haut dir dieser Tage eine herunter.“

Ich hatte es noch nicht gesagt, da wandte sich Madame schon wieder um. Herkules folgte ihrem Blick. Er hatte einen Kneifer auf und Parkettbürsten an den Backen; redete auf Madame ein -- offenbar von uns -- schien aber ansonsten nicht übel gelaunt.

Als sie im Parktor standen und Madame wiederum nach uns blickte, stiegen mir neue Bedenken auf. Niki schien sie zu teilen.

„Denn,“ sagte er, „wenn sie wirklich eine Dame wär, müßt sie wissen, daß sie so viel Acquit nicht zu geben braucht. Es kann sich nur mehr darum handeln, wo das Hühnchen wohnt.“

Sie wohnte sehr anständig, vorn hinaus, Nr. 7, im ersten Stock. Es ist das Zimmer mit den Himmelbetten und goldnen Engeln darüber.

Niki holte Rodel und Fäustlinge und schritt nach der krausten Linde. Er kalkulierte: „Früher oder später kommt das Hühnchen auch hin. Rodelt sie -- gut. Rodelt sie nicht, wird sie Lust äußern, es zu lernen. Das Weitere findet sich.“

Wir warteten und warteten -- sie kam nicht. Als wir, halb erfroren, einrückten, saß sie mit Herkules im Lesezimmer. Herkules zückte immerfort die Uhr, knurrte und schüttelte die Mähne -- er paßte offenbar auf die Freßglocke.

Das Diner über lachte Madame uns immerzu an. Ich behauptete: mich. Niki behauptete: ihn. Niki meinte, wir müßten jetzt aus Repräsentationsgründen Sekt trinken. Sekt bei Tage macht sich sehr gut.

Der Kellner fragte: „’tschujding, Herr Baron -- auf welche Rechnung därf ich es notieren?“ Und guckte uns beide an.

Niki fixierte ihn. „Entweder Sie sind Demagog, oder Sie sind Kellner. Ich ziehe lautlose Bedienung vor.“

Der Kellner entmaterialisierte sich. Niki aber war ungehalten und verdächtigte mich, ich hätte meine Wochenrechnung bezahlt, um Eindruck beim Hotelpersonal zu schinden. „Traurige Freundschaft,“ sagte er, „die Raum für so kleinlichen Ehrgeiz läßt.“

Wie unbegründet der Vorwurf war, erwies sich sofort: als wir auf unsre Bude kamen, lagen Duplikate unsrer Wochenrechnungen auf dem Tisch, das Wort ‚Duplikat‘ war zweimal unterstrichen.

„Niki, die Leute gehen scharf ins Zeug.“

„Sei unbesorgt. Mein Schwager ist ein wenig langsam im Geldanweisen. Aber endlich schickt er doch.“

„Wenn er aber nicht schickt...?“

„Wenn --! Wenn --! Damit jagt man keinen Hund vom Ofen. Er +wird+ schicken.“

Drei Tage verrannen: Frühstück -- Rodeln -- Diner -- Rodeln -- Schlafen. Und Warten, Warten. -- Nichts. Das Hühnchen lachte uns an -- Herkules ging ihr nicht von der Seite. Und kein Lebenszeichen von Nikis Schwager.

Zu solchen Zeiten wird Niki Philosoph. Als wir zu Bett gingen, redete er dummes Zeug. „Glück in der Liebe,“ sprach er, „ist eine Funktion des Besitzes. Geld ist ein Aphrodisiacum. Nicht nur, daß Geldbesitz beim Mann die Weiber wahnsinnig aufregt -- grad wie eine Tenorstimme, Kraft, Uniform, Titel -- sondern Liebe braucht auch Gelegenheit -- und um der Liebe eine Gelegenheit zu schaffen, braucht man Geld. Ohne Kapital kann man das Geschäft nicht betreiben.“

„Wozu sagst du mir das, Niki?“

„Weil du kein Gesicht machen sollst wie sieben Meilen Karrenweg. Ich weiß schon, dich reun die paar Moneten, die wir hier verbrauchen. Du weißt, was wir wollen. Und so was kann man nicht übers Knie brechen.“

„Schön, Niki. Woher aber Geld nehmen? Wir haben zusammen... viel ists jedenfalls nicht. Die Hotelschuld...“

„Bitte, diesmal ist das meine Sache -- so haben wirs vereinbart, und dabei bleibts.“

Es blieb dabei. Doch der Schwager rührte sich nicht. Das Hühnchen kam nicht rodeln. Herkules machte runde Augen, wenn wir uns nur blicken ließen.

Der Mißerfolg auf allen Linien machte Niki gereizt. Er brummte. Nach dem Abendessen setzte er sich hin und schrieb. Ich dachte mir: an den Schwager.

Dann rief er das Stubenmädchen.

„Fräulein, da haben Sie einen Brief. Wissen Sie -- die türkisblaue Dame? Aus Nummer Sieben? Verstehen Sie? Aber aufpassen, wenn sie allein ist! Ja nur, wenn sie allein ist. Ich gebe Ihnen ein hochgräfliches Trinkgeld -- nachher.“

„Niki, was hast du getan?“

„Ihr geschrieben. Wenn du einen so ekligen Schnabel ziehst...? Da kann man ja nicht systematisch vorgehen. Uebrigens: wer weiß? Vielleicht ist es besser so. Werden ja sehen, was das Stubenmädel für eine Antwort bringt.“

Da öffnet sich die Tür, und herein...

... herein tritt Herkules.

Er setzt sich in den Klubsessel an der Tür -- um uns den Rückzug abzuschneiden?

Grinst uns an, schlägt ein Bein übers andre und weidet sich an unsrer... an unsrer...

Niki versuchte, an die Fensterscheibe zu trommeln, doch ihm zitterten die Finger. Ich wollte pfeifen -- die Zähne klapperten mir.

Da zog Herkules in aller Gemütlichkeit einen Brief aus der Tasche -- Nikis Brief. Und quarrte:

„Meine Herren, Ihr Interesse für meine... Frau ist sehr schmeichelhaft. Wissen Sie: ich merke das schon seit einigen Tagen. Wissen Sie: ich will auch ein Ende machen. Ich reise ab -- noch heute. Die Person lasse ich hier. Für eine Person, was anderweitig kokettiert, habe ich keine Verwendung. Sie können sie sofort greifbar übernehmen -- auf Nummer sieben.“ Er erhob sich. „Angenehme Feiertage! Das Zimmer ist bis heute abend beglichen.“ -- Und weg war er.

Wir wankten den Flur entlang -- da meldete uns der Portier:

„Es is Geld da für den Herrn Baron.“

Mit warmer Anteilnahme in der Stimme.

„Wieviel?“

„Zweitausend.“

Ah, der Pump ist also gelungen.

Es freute uns nicht einmal. Das Appartement mit den goldnen Engeln kostet hundertfünfzig Mark täglich.

Niki betrachtete die Banknoten -- zweitausend Mark -- und seufzte.

„Das schöne Geld soll man jetzt diesen Hotelräubern abgeben. Sag mal, ist das dein bester Smoking?“

„Ja, Niki.“

„So tu genau wie ich.“ Er zog über den Smoking seinen Frack an.

„Bist du irrsinnig, Niki?“

„Ich sag dir: tu genau wie ich.“ Er schloss in den Cutaway. „So, jetzt das Reisegewand! Immer einen Anzug über den andern! Und die Rodeljacke! Alle Wäsche in den Rucksack. Den Rucksack aus dem Fenster schmeißen! Nichts, nichts darf hier bleiben als die leeren Koffer.“

Ich verstand endlich und griff zu. Dann schlenderten wir so recht harmlos und aufgeräumt zum Tor hinaus.

„Die Herren gehen noch rodeln??“ fragte der Portier. „So spät?“

Niki grüßte mit einem Finger. Und sagte zu mir laut, möglichst laut:

„Am schönsten ist es doch bei Mondschein. Den Pulverschnee muß man genießen.“

Als wir draußen waren, umarmten wir einander und tanzten und lachten -- lachten diebisch. Schulterten die Rodeln -- und auf zur krausten Linde!

Um 7 Uhr 15 geht vom Bahnhof unten ein Zug nach München. Den erreichen wir noch.

Am Ablauf bobten wir, sprangen auf -- und los in die Nacht. Niki voran. Ich hinterher. So ist noch niemand in die S-Kurve gesaust. Der Schnee stob, die Kufen zischten. Himmlischer Herrgott! Zweitausend Mark in der Tasche -- die Qual hinter uns, die Freiheit vo...

„Halt!“ schrie Niki und überschlug sich und lag im Schnee.

Ich bremste, daß mir die Gelenke knackten.

In diesem Augenblick -- Niki war an eine Baumwurzel geraten -- rauschte es über uns, und etwas großes Schwarzes stürzte auf uns zu und knirschte und krisch und stoppte neben uns: ein Bobsleigh.

Der Portier, der Oberkellner, der Hoteldirektor.

Der Portier packte Niki am Kragen, der Direktor mich.

„’tschujdingen,“ sagte der Oberkellner, „die Herren haben noch einiges zu regulieren vergessen. Därf ich gleich bitten?“

Wir mußten diese Nacht keuchend, mit so viel Kleidern bepackt, im tiefen Schnee bis auf den Bahnhof waten. Die Rodeln hatten uns die Hunde entrissen.

Musik

Oben Flöten, Klarinetten, Rechts ein Horn, ein Bombardon, Und mein stiller Kompagnon Unten rührt die Kastagnetten; Harfen, Zithern und Gitarren Schnarren. Trummeln Rummeln, Und die Bratschen Quatschen.

Gegenüber baut man grade. Brausend fährt die Straßenbahn Hart an unserem Altan Ihre kreischend-krummen Pfade.

Mit Musike ziehn die Truppen Gruppen. Ein getretner Kater plärrt Schmerzverzerrt. Tollgewordne Autohupen Stärken das Konzert.

Stampfend im Asphalt rumoren Pflasterer der Obrigkeit. Im Parterre dem Schuster Veit Ward ein Zwillingspaar geboren, Welches unisono schreit.

Lächelnd lehne ich am Fenster, Kratz die Geige hell und zart Und dank Gott mit tiefer Inbrunst, Daß ich taub geboren ward.

Schwänke

Von den Malern

Sie kennen wohl die Bayerische Schönheitsgalerie, sechsunddreißig Frauenbildnisse; hängen im Saalbau der Residenz. Josef Stieler, Ludwigs des Ersten Hofmaler, hat sie geschaffen.

In Mailand porträtierte derselbe Josef Stieler den Vizekönig Eugen; in Wien Beethoven und den Kaiser Franz; in München den König; in Weimar Goethen und den ältern Humboldt.

Josef Stieler hatte zwei berühmte Söhne: Karl, den Dialektdichter -- er starb vor einem Menschenalter; Eugen Ritter von Stieler (nach Eugen Beauharnais genannt) lebt wohlgemut, der alte Herr, war viele Jahre Syndikus der Münchener Kunstakademie und ist jetzt Geheimer Rat im Ruhestand.

Eugen von Stieler war ein Schüler Pilotys -- gleich Defregger, Lenbach, Makart, Gabriel Max, Leibl, Hermann Kaulbach. Er durfte Münchens glänzendste Vergangenheit miterleben und erzählt gern davon im Scherz und Ernst. Hier ein paar Geschichten, die ich ihm verdanke.

*

Dem alten Kaulbach war eben ein Knabe geboren worden. Schwanthaler begegnete dem glücklichen Vater und gratulierte ihm.

Doch eine bissige Bemerkung konnt er sich nicht verkneifen:

„Mein lieber Professor -- dös hätten S net tun sollen -- a Famüli gründen; jetzt saan S net mehr der einzige Kaulbach.“

Kaulbach, der Sarkast, antwortete gereizt:

„Bei Ihnen is es grad umgekehrt, Herr Professor Schwanthaler.“ (Schwanthaler hatte stets zahlreiche Aufträge auf Denkmäler.) „Sie sollten heiraten, dann könnt Ihre Witwe s Gschäft fortführen.“

*

Schwind und Wilhelm Kaulbach hatten sich in einer Akademiesitzung überworfen und waren als Feinde voneinander gegangen. Die Zwietracht erregte Münchens Künstlerschaft aufs höchste. Alle Versuche, die beiden Herren zu versöhnen, blieben erfolglos.

Eines Tages saß Kaulbach mit ein paar Freunden im Hofbräuhaus -- und wie sichs so trifft, ging er sich die Hände waschen. Vor der Tür traf er mit Schwind zusammen, der zu demselben Zweck gekommen war.

Der sonst so grobe Schwind trat zurück. „Bitte, Herr Direktor, Sie haben den Vortritt!“

„Oh, durchaus nicht,“ sprach Kaulbach, „unter keinen Umständen. Sie waren zuerst da.“

So komplimentierte man einander an das Waschbecken. So lang sich Kaulbach wusch, stand Schwind wartend dabei. Dadurch fühlte wieder Kaulbach sich verpflichtet, auf Schwind zu warten. Und endlich betraten die seit Jahren verfeindeten Meister versöhnt das Bräustübel.

*

Im alten München gabs eine sogenannte Lokalausstellung. Sie wurde nicht eben von den Besten beschickt.

Eines Tages traf Menzel auf der Durchreise in München ein. Professor Stieler suchte ihn im Gasthof auf und erfuhr zu seinem Erstaunen, Menzel wäre in die Lokalausstellung gegangen. Er fand ihn dort in Betrachtungen versunken vor einem recht uninteressanten Landschaftsbild.

„Sehen Sie,“ sagte Menzel, „wenn man sich nur recht bemüht, kann man in jedem Bild etwas Gutes finden.“

„Haben Sie auch hier etwas Gutes gefunden, in diesem Bild?“

„Ja,“ sagte Menzel. „Den guten Willen.“

*

Als Menzel in Berlin seinen achtzigsten Geburtstag feierte, da gab es allerhand Festlichkeiten auf der Kunstakademie: Abordnungen aller deutschen Schulen und Museen waren gekommen -- die brachten Menzeln ihre Wünsche dar; der Kaiser hatte die Schloßgardekompagnie als Ehrenwache hingeschickt.

Am Abend ein Bankett im Kaiserhof: Prinzen, Minister, Exzellenzen ohne Zahl. Alles war pünktlich erschienen, nur einer fehlte: die Hauptperson, das Geburtstagskind, Exzellenz Menzel.

Bange zehn Minuten verstrichen; da schickte man einen Eilboten nach Menzels Wohnung.

Seine Exzellenz aber stand im Pelz, mit warmer Mütze vor dem Haustor; die dicken Handschuhe hatte er im Eifer abgelegt, den Pelz geöffnet -- ein Dutzend Orden war sichtbar auf der Brust. Und der alte Menzel zeichnete und zeichnete das Hofgespann, das ihn holen gekommen war zum Jubiläumsmahl.

Der Bote wollt ihn stören -- Menzel ließ nicht ab. Feste, sagte er, gäbs mehr als genug; ein so schönes Gespann aber komme einem nicht alle Tage in den Wurf.

*

Stieler war damals Vorsitzender der Deutschen Kunstgenossenschaft. Menzel nahm ihn im Verlauf des Banketts beiseite (es war Sonntag abend) und bat ihn und zwanzig, dreißig andre Herren zum Schoppen für Dienstag früh. Wohin? Das wollte Menzel den Herren schon noch sagen lassen.

Stieler wäre gern Montag abgereist. Doch um eines Frühstücks mit Menzel willen -- nicht wahr? -- bleibt man gern noch einen Tag.

So warteten denn dreißig Herren, Stieler mit ihnen, auf die Nachricht von Menzel.

Bis Dienstag morgen keine Zeile. Seine Exzellenz hatte offenbar vergessen...

Man fürchtete: Menzel sitze nun irgendwo an einem Tisch mit einunddreißig Gedecken, ganz allein, und warte auf seine Gäste. Um ihm die Verlegenheit zu ersparen, ließ man bei ihm bescheiden anfragen: wie es denn mit dem Frühstück stände?

Er, der schon längst wieder mitten in der Arbeit war -- er knurrte: ob denn die Herren Sonntag abend nicht genug gegessen hätten?

*

Stieler hatte mit Menzel irgendeine Angelegenheit zu besprechen, die er gern beim Frühstück erledigt hätte. Nun mußte er den Meister wohl oder übel im Atelier aufsuchen.

Auf langes Klingeln öffnet Menzel endlich. Er ist eben im Begriff, einen Herrn zu verabschieden, wohl einen Kunsthändler.

Der Fremde: „Dreitausend also, wenn ich recht gehört habe?“

„Dreitausend,“ bestätigt Menzel -- begrüßt den neuen Besucher und geleitet ihn den langen finstern Flur entlang ins Atelier.

„Halt,“ ruft er plötzlich, „ich muß dem Mann noch was sagen.“

Stürzt an die Tür und schreit ins Treppenhaus, dem Kunsthändler nach:

„Taler! Wohl verstanden: Taler!“

*

Als Knaus, damals schon eine Größe, in München einzog, empfing ihn eine Abordnung von Künstlern -- darunter auch Leibl.

Leibl hatte von der herkulischen Stärke des Professors Knaus gehört -- Knaus nicht weniger Erstaunliches über Leibls Riesenkraft.

Man stellte sie einander vor; und nun reichten sie sich die Hände und quetschten -- alles in Gegenwart des Begrüßungskomitees -- und drückten und preßten, bis ihnen die Augen aus den Höhlen traten -- keiner wollte nachlassen, keiner um Schonung bitten -- nicht der Riese Leibl, nicht der Athlet Knaus.

*

~Naturam expellas furca~...

Defregger war schon ein sehr, sehr gefeierter Mann, und seine Bilder wurden nicht mit Gold, nein, mit Dollarnoten aufgewogen -- da hatte er ein Grundstück in München an der Mandlstraße; ein hübsches Haus, einen hübschen Garten mit ein paar sonnigen Flecken. Hier im Garten pflegte Defregger zu malen.

Nun wars Mai, das Gras üppig gewachsen, Defregger ließ es mähen. Und weil die Leute doch eben an der Stelle, wo er zu malen pflegte, mit den Sensen an der Arbeit waren, mußte Defregger seine Arbeit unterbrechen und ging Freunde besuchen.

Man sitzt in anregendem Gespräch -- da stutzt Defregger plötzlich, blickt hinaus auf den Himmel, der sich ein wenig verfinstert hat -- blickt hinaus mit großen Augen und stammelt bleich:

„Um Gottes willen -- ein Regen zieht herauf.“

„Haben Sie denn keinen Schirm, Meister?“ fragte liebenswürdig die Hausfrau.

„Was -- Schirm? Aber mein Heu, mein Heu!“ schreit Defregger.

Und stürzt verzweifelt davon -- das Heu des Gärtchens vor dem Regen zu retten. Zwei, drei Schiebkarren Heu im ganzen.

Er, der berühmte Professor -- nein, der Tiroler Bauer Defregger.

~Natura tamen usque recurret.~

*

Irgendwo in einer bayerischen Stadt lebte eine Witwe und hatte ihren Sohn verloren -- was sie aber am meisten schmerzte: sie hatte kein Bild des Toten.

Auf den Rat irgendeines Freundes fuhr die Witwe nach München zu Lenbach. Ihr Sohn hatte ihr ja einmal, vor sieben Jahren, des langen und breiten erzählt, er wäre mit Lenbach in Italien zusammengetroffen -- und wieviel anregende Stunden er in des Meisters Gesellschaft verbracht hätte. Da dachte sich die Witwe: am Ende hat Lenbach ihren Sohn, den prächtigen Jungen, zufällig einmal skizziert oder gar gemalt.

Doch Lenbach konnte sich des jungen Mannes nicht einmal entsinnen.

Die Witwe immer dringender:

„Wissen Sie nicht, Herr Professor? Dort und dort -- in Verona, in Neapel -- müssen Sie ihn gesehen haben -- er schrieb mir, Sie hätten ihn beschenkt, mit Wein bewirtet...“

Da stieg in Lenbach eine ferne, dunkle Erinnerung auf... Er langte nach Bleistift und Papier und zeichnete mit raschen Strichen einen Mann hin.

„Ist es der, liebe Frau?“

„Nein.“

„Dann vielleicht dieser hier?“ -- Blitzschnell war ein andrer Kopf entstanden.

Die Mutter jubelte auf, die Tränen traten ihr in die Augen. Das war ihr Sohn.

Zwei Tage später hatte sie ein Oelbild ihres Sohnes in Händen.

*

Stieler hatte als Präsident der Münchener Künstlergenossenschaft nach langer Mühe den Bau des Künstlerhauses durchgesetzt. Lenbach war entzückt. Als Stieler am Abend in der Allotria erschien, hielt Lenbach eine Rede auf Stieler und pries ihn über den grünen Klee.