Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle
Part 10
„Es ist Sitzung der Lenz-Gesellschaft. Im Eberlbräu... Laß mir den Smoking bereitlegen!“
„Den Smoking...??“
„Ja. Es ist Festsitzung.“
Das ging viele Jahre so.
Manchmal kam ~Dr.~ Kitzheimer zu uns ins Haus, und ich fürchtete sehr, entlarvt zu werden. Aber nein. Kitzheimer benahm sich tadellos. Meine Frau fragte lauernd (denn sie ist ein wenig mißtrauisch):
„Die Herren haben einander wohl lang nicht mehr gesehen?“
Dann hob Kitzheimer in seiner müden Art die Lider, und ohne sich auch nur durch einen Blick auf mich zu verraten, sprach er:
„Roda war doch wohl Freitag in der Lenz-Gesellschaft?“
Ich konnte seelenruhig erwidern:
„Letzthin habe ich leider gefehlt, Herr Doktor -- aber vor zwei Wochen bin ich dagewesen.“
„Schon zwei Wochen?“ murmelte ~Dr.~ Kitzheimer träumerisch. „Wie die Zeit vergeht...“
Und das Schwert des Damokles war glücklich vorbeigesaust, ohne mir ein Haar gekrümmt zu haben; oder hing vielmehr wie eh und je an seinem Haar.
-- -- --
Auch mein Freund Schütz gehört zu den fleißigen Mitgliedern der Reinhold Lenz-Gesellschaft. Jede Woche wirft mir Frau Schütz vor:
„Ihr mit euerm abscheulichen Verein! Mein Mann ist erst um fünf Uhr morgens heimgekommen.“
Ich antworte in schönem Baryton:
„Gnädigste, wo es solche Ziele gilt -- die Förderung junger Talente -- muß einen das Opfer an Stunden nicht gereuen.“
Schütz summt unterdessen sphärische Arien vor sich hin. Der Racker hat also immernoch seine Gesangselevin...
-- -- --
Als zweiten Vorsitzenden hatte ich meiner Frau stets den Geheimrat v. Huber angegeben, einen uralten Griesgram, der sich nie, oh, niemals in unsern Kreisen blicken läßt. Unseligerweis mußte grade er mit meiner Frau zusammentreffen, und sie verfehlte nicht, von jenem ‚ersten Entwurf zum Urfaust‘ zu reden, den -- nach meiner Angabe -- die Lenz-Gesellschaft damals in so festlicher Gewandung beraten hätte.
Schon spaltete v. Huber die Lippen, um zu versichern: er wisse nicht das mindeste, keine Spur...
Da trat ich dem alten Mann so energisch auf die Zehen, daß er, selbst er, sofort verstand und sprach:
„Au! Sie tun mir ernstlich wehe --“
-- ein Schmerz, den meine Frau, die zartfühlende, sich dahin deutete, daß der Geheimrat irgendwie -- sei es von Goethen, sei es von Faust abstammen müsse, und die Erwähnung seiner toten Verwandten berühre sein Familiengefühl.
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Der Fall Huber-Urfaust war mir eine fürchterliche Warnung. Ich beschloß, den Aufenthalt unter dem Damoklesschwert aufzugeben und endlich mal nach so viel Jahren wirklich in die Lenz-Gesellschaft zu gehen.
Freitagabend. Die Extrastube im Eberlbräu. Ein freundlich gedeckter Tisch.
Neun Uhr. Ich der erste Lenz-Gesellschafter.
Zehn Uhr. Noch hat sich mir niemand zugesellt.
„Kathi,“ locke ich die Kellnerin -- „ich bin hungrig geworden. Bringen Sie mir die Speisekarte!“
Ich esse ein Schnitzel mit Kartoffeln -- Käse -- eine Omelette... (unglaublich, wie hungrig Einen das Warten macht) --
-- und als auch 10^h30 noch kein zweites Mitglied da ist, beschließe ich in meiner Verwunderung, beim Vorsitzenden telephonisch anzufragen: ob denn die Sitzung am Ende verschoben wäre?
Nein. Die Gemahlin ~Dr.~ Kitzheimers bestätigt mir: es sei heute Sitzung.
Punkt elf abend. Ich -- mutterseelenallein.
Offenbar irrt sich Frau Kitzheimer -- ich klingle bei Huber:
„Halloh! Herr Geheimrat zu sprechen?“
Eine dünne schläfrige Stimme erwidert mir:
„Mein Mann ist seit sieben Uhr im Eberlbräu -- in der Reinhold Lenz-Gesellschaft.“
Nun bin ich beruhigt.
„Kathi -- zahlen!“
Ich gehe. Ihr Eberlräume seht mich nun ein Dezennium nicht wieder.
Doch die Reinhold Lenz-Gesellschaft will ich fortan regelmäßig besuchen und leichtern Herzens.
Mein letzter Wille
Wir leben -- was übrigens viele meiner Mitbürger noch nicht bemerkt zu haben scheinen -- in einer schweren, schweren Zeit. Fast gewaltsam heißt es sich durchs Leben schlagen -- dabei nimmt seit kurzem die Gesetzlichkeit des Alltags wieder erschreckend überhand und beraubt einen aller halbwegs leichten Erwerbsmöglichkeiten. Ein Schritt abseits vom ehrlichen Weg, dem längsten zum Elend -- und du bist die Beute der Polizeihunde. Feste arbeiten, intensiv und rechtzeitig vorsorgen tut not. Vorsorgen nicht nur für sich -- nein, seit die Witwenverbrennung abgeschafft ist, diese prächtige wirtschaftliche Maßregel unsrer Altvordern -- auch Vorsorgen für die geliebten Rechtsnachfolger.
In dieser Erwägung habe ich beschlossen, schon jetzt mein Testament zu machen. Es ist im Entwurf fertig.
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„Bei vollkommen klarem Verstand, so klar, wie ich ihn mein Leben lang nicht gehabt habe, verfüge ich, was folgt, als meinen letzten Willen:
Mein Vermögen mit allen Bar- und Liegenschaften gehört meiner Frau. Die Barschaften sind in verschiedenen Westentaschen zerstreut, ein großer Teil liegt, mit einem Verbot behaftet, auf dem Gerichtsdepositenamt. Mein unbewegliches Vermögen besteht aus dem Stammgut meiner Familie, das mir mein älterer Bruder samt dem Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht überlassen hat. Ich trage ihm die Übervorteilung aber weiter nicht nach.
Unbeschadet dieser Verfügung über mein Gesamtvermögen soll mein Freund ~Dr.~ Hermann Sinsheimer das Recht haben, sich aus meinem Nachlaß als Andenken einen beliebigen Gegenstand auszuwählen, jedoch im Wert nicht über 1 ℳ 50, schreibe: eine Mark fünfzig Pfennig R.-W.
Die Tantiemen aus meinem vor sechzehn Jahren verfaßten Lustspiel ‚Der Räuber von Crucina‘ schenke ich meinem Verleger -- unter der Bedingung, daß er bei der Uraufführung persönlich die Titelrolle krëiere. Die im letzten Akt vorgeschriebenen Torturen müssen aber echt durchgeführt werden.
Viele meiner Bekannten waren Maler. Ich begnade sie nun mit den Bildern, die sie mir einst gestiftet haben. Doch soll jeder Maler ein von seinem Nebenbuhler gemaltes Bild erhalten.
Meinem Paten Paul Geier fällt jener schwersilberne Löffel zu, den er mir zu meiner Taufe gespendet hat. Der Löffel ist stark abgenutzt und schwärzlich. Er muß daher vernickelt werden, um genau so täuschend auszusehen wie damals. Zwei andre, mit R. v. D. gravierte prächtige Löffel hinterlasse ich meinem liebenswürdigen Gastfreund und Mäzen Rudolf von Delius. Er wird sie hocherfreut begrüßen, sie fehlen an seinem Dutzend.
Alle meine Kämme, Schwämme, Bürsten und dergleichen vermache ich Erich Mühsam, dem Münchener Freund und Kommunisten. Er möge sie nicht achtlos beiseitelegen, sondern die Gebrauchsanweisung, die ich für ihn verfaßt habe, lesen und beherzigen -- dann wird er die Scheu vor Kamm und Seife bald überwinden. ~Credat experto.~
Mein Patent als Freischwimmer hinterlasse ich der Kirche meines Heimatsortes.
Das Sterbequartal meines k. u. k. Pensionsanspruchs von 28 Gulden habe ich vor Jahren Herrn Moritz Knochenmehl verpfändet. Man bestreite es ihm nicht.
Ich wünsche, an meinem Rasiertag zu sterben -- und bei heftigem Regen, jedoch ohne überflüssigen Pomp begraben zu werden. Drei oder vier Priester, etwas Chor und fünfzig bis sechzig Meter Vereine genügen mir. -- Von Blechmusik hingegen sehe man ab; die Leute verlangen jetzt schon 20 M. pro Kopf und Bestattung -- ein Preis, der in keinem Verhältnis mehr zu dem Vergnügen steht. -- Am Grab möge Friedenthal jene Rede halten, die uns von frühern Trauerfeierlichkeiten her so vertraut ist.
Künstliche Blumen weise ich als gesundheitsschädlich zurück, andre Liebesgaben erbitte ich in bar. Meine treue Schreibmaschine soll, mit einem neuen Farbband gezäumt, hinter meinem Sarge hergeführt und dann mit mir bestattet werden.
Ich wünsche, in Deutschland begraben zu sein -- meine Eingeweide aber bitte ich in meinem teuern Österreich beizusetzen. Die Leber, mein kostspieligstes Organ, händige man unserm Hausarzt aus, worauf er seine Diagnose vermutlich doch noch ändern und die ärztliche Praxis aufgeben wird.
Bezüglich meiner Grabstelle ordne ich weiter nichts an, ich zähle aber auf die Pietät meiner Erben, wenn ich erwarte, daß man mich neben meine letzte Geliebte, Frau......[C] betten wird. Sollte sich das nicht durchführen lassen, dann lege man mich zwischen meine literarischen Freunde Franz Blei und Karl Kraus. Man traue aber ihrer einfachen Versicherung nicht und überzeuge sich, am besten durch Beträufeln mit siedendem Siegellack, ob sie wirklich schon tot sind. Jedenfalls muß mein Sarg eine Vorrichtung erhalten zum Verriegeln von innen.
Den Sarg befehle ich hölzern. In einem Metallsarg könnte ich mich niemals behaglich fühlen. Mein Schädel muß eine Etikette tragen mit der Jahreszahl 19.. -- ausdrücklich: ~post Christum natum~. Ich will nicht nach ein paar Jahren als Neandertaler herumgezeigt werden.
Über die Vollziehung all dieser Anordnungen hat als Testamentsvollstrecker mein Rechtsanwalt zu wachen, dem ich da zum erstenmal Vertrauen schenke.
Freunden und Feinden, die ich je im Leben mündlich, schriftlich oder tätlich beleidigt habe -- ihnen allen sei hiemit verziehen.
Geschlossen und gefertigt zu München im Hornung[D] 1921.“
Fußnoten:
[C] Der Name ist mir natürlich heute noch nicht bekannt; ich werde ihn nachtragen.
[D] Hornung -- so nennt der gebildete Münchener mit Recht den Karnevalsmonat sive Februar.
Der große Serbe
Ein sonderbares Organ, das Gehirn. Wunderlich wie alle seine Funktionen ist auch seine Treue: das Gedächtnis.
-- -- -- Ich frage die schöne Dame:
„Gnädigste interessieren sich wohl nicht für Politik? Für Russland und Polen? Für Griechenland und die Türkei?“
„Doch, doch, Roda. Besonders die Balkangeschichten -- ich höre sie immer gern. Und für einen Menschen dort habe ich gradezu geschwärmt.“
„Der Glückliche! Wer ist es denn?“
„... Dieser große Serbe...“
„Wer?“
„Na, wie heißt er gleich?“
Sie faltet ungeduldig die Brauen, sie schnalzt burschikos mit den Fingerchen. Endlich ruft sie fast bös:
„So erinnern Sie mich doch, zum Kuckuck! Der große Serbe -- der elegante, entschlossene Mensch...“
„?“
„Sie selbst, Roda, haben mir ihn wiederholt genannt -- tausendmal stand sein Name in der Zeitung, sein Bild sogar in den Schaufenstern...“
„??“
„Helfen Sie -- der große Serbe mit den schönen Augen?! Ich habe den Namen auf der Zunge -- mit P fing er an, und alle Welt sprach von ihm.“
„Meinen Sie Putnik, den Wojwoden von 1912, Generalissimus im Weltkrieg?“
„Nein, anders.“
„Dann also Paschitsch? Von König Milan zum Tod verurteilt, später Serbiens Bismarck und jetzt sein Unterhändler?“
„Auch nicht. Einer mit P, von dem soviel die Rede war.“
„Am Ende Patschu, einst Arzt in Belgrad, Serbiens Miquel?“
„Nein, nein. Einer mit P, ein ritterlicher Kerl mit Feueraugen.“
„Ah -- -- Pribitschewitsch? Oesterreichischer Oberleutnant, nun serbischer Minister?“
„Herrgott, sind Sie ungeschickt! Oder stellen Sie sich nur so? Der soignierte, tapfere große Serbe mit P, für den ich so geschwärmt habe, der berühmte Mann... Er war Gesandter in Paris, hat dann den Sultan entthront... (Freudig:) Ich habs! Er hieß Enver-Bey. -- Sagen Sie, Roda: warum hört man jetzt nichts von ihm?“
Das Plagiat
Als ich diese beiden Worte hingeschrieben hatte -- jawohl, die Worte, die Sie eben überfliegen: den Titel ‚Das Plagiat‘ -- da pochte man an meine Tür, und herein trat ein Mann, den ich nie vorher gesehen hatte. Ein vierschrötiger, rothaariger Mann mit durchsichtigen Augen.
„Ich bin Kolonel Mac Gee,“ sprach er, „Schriftsteller aus Northampton, Massachusetts. Ich komme in einer Angelegenheit, die Ihre Ehre berührt.“
„Um des Himmels willen,“ rief ich bestürzt. (Ich bin ehemaliger k. u. k. Kadett-Titular-Korporal in der Reserve der Sanitätstruppe.)
„Jawohl, Ihre Ehre berührt, Herr Roda. -- Sie haben eine meiner Erzählungen plagiiert.“
„Kolonel, ich habe Ihre Arbeiten nie gelesen, ich kenne nicht einmal Ihren Namen.“
„Es ist, wie ich sage,“ erwiderte er mit ruhiger Sicherheit. „Hier in meiner Tasche steckt die Nummer des Massachusetts Herald vom 23. November vorigen Jahres. Sie enthält meine Geschichte -- jene, die Sie später wörtlich abgeschrieben -- wörtlich abgeschrieben, Herr! -- unter Ihrem Namen veröffentlicht haben.“
„Unmöglich, Kolonel! Welche meiner Arbeiten soll denn Ihr Eigentum sein?“
„Diese hier.“
„Mit Verlaub -- was heißt das: diese hier?“
„Nun -- ‚Das Plagiat‘ -- eben diese, die hier gedruckt steht.“
Ich sah den Amerikaner starr an. Nicht ein Tropfen Blut kann in meinem Hirn geblieben sein. Ich fühlte deutlich, wie darin alle mühsam geordneten Begriffe mit einem Schlag in Verwirrung gerieten. Die Vergangenheit und die Gegenwart (ich hatte sie bisher immer in zwei Fächer verteilt gehabt) stürzten aus der obern Lade in die untere, brachen durch und bildeten mit meinem Gewissen einen dickflüssigen Brei. Die Großhirnrinde platzte der Länge nach -- man konnte die stärksten patriotischen Empfindungen durch die Spalte stecken. Die Ursachen quollen über in das Fach ‚Nebenflüsse des Indus,‘ lösten die Raumbegriffe auf und überschwemmten die Ganglienzellen ‚Gesang‘ und ‚Botanik.‘
Mit dem letzten Rest von Besinnung, den ich eben noch retten konnte -- etwa wie man einen fallenden Spazierstock auffängt -- gelang es mir, ein Endchen Bewußtsein festzuhalten.
„Wissen Sie auch,“ rief ich, „mit wem Sie reden, Kolonel? Ich werde doch nicht Stoffe stehlen gehen? Mir fällt täglich beim Zähneputzen ein ganzseitig illustrierbarer Originalwitz ein. Ich schüttele Novellen aus dem Ärmel -- verstehen Sie? Und aus dem andern Ärmel hochkomische Lustspiele in fünf Akten. Ich entwerfe zwischen Frühstück und Mittag einen Kolportageroman, zwischen je zwei Löffeln Suppe Balladen, dichte nachmittags lyrisch und gehe selten schlafen, ohne eine Jambentragödie an die Bühnen verschickt zu haben. Ich habe mehr Einfälle als andre Leute Sünden und könnte mit all dem literarischen Stoff, den ich jährlich unverarbeitet lasse, die Waisenkinder Ihrer Heimat bekleiden. Schlagen Sie sich also Ihre Idee aus dem Kopf, Kolonel! Ich habe noch niemals plagiiert.“
Mac Gee blieb kalt wie ein erfrorner Gartenlaube-Intrigant und antwortete:
„Sie verlegen sich aufs Leugnen? -- Gut. Ich werde Sie öffentlich brandmarken.“
Ich erbebte.
Als ich in rasender Eile nachsann, was zu tun wäre, legte ich in meinem Innern sozusagen das Ei des Kolumbus. -- Mensch, dachte ich mir, wie konntest du dich von dem Narren ins Bockshorn jagen lassen? Es ist doch klar, daß ‚Das Plagiat‘ kein Plagiat sein kann -- war ich doch nach den beiden ersten Worten durch den Besuch gestört worden und die Fabel zur Zeit der Unterredung noch garnicht geschrieben. Er kann sie also auch noch nicht gelesen haben -- ja, es hängt ganz von meiner Laune ab, ob ich sie überhaupt jemals verfassen werde. -- Das hielt ich dem Amerikaner denn auch mit mildem Theologenernst vor.
Ein Nashorn wäre der Gewalt meiner Logik unterlegen. Kolonel Mac Gee aber war kein Nashorn. Er zog sein Dokument aus der Tasche, den Massachusetts Herald vom 23. November, und hielt mir ihn vor die Nase.
„Lesen Sie und dann... reden Sie noch, wenn Sie können.“
Ich las... und... l... a... s..., und mein Gesicht wurde i... m... m... e... r länger..., denn... der Mann hatte recht: jedes Wort, jede Pointe meiner Geschichte hatte schon im Herald gestanden. Grade wie ich war Mister Mac Gee, nachdem er zwei Zeilen seiner Arbeit geschrieben hatte, von einem Besucher gestört worden -- nur war der Besucher damals O’Connor, ein Redakteur aus Arizona. Grade wie ich hatte Mac Gee den Vorwurf anfangs empört zurückgewiesen, war dann auf Minuten in Fieber und Irrsinn verfallen und hatte endlich vor dem grausam augenscheinlichen Beweise stutzen, das Unbegreifliche glauben müssen. -- So stand es in Mac Gees Aufsatz.
Es gibt rätselhafte Dinge auf der Welt. Unsre Schulweisheit hat einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Das Unglück ist also geschehen, ich bin ein Plagiator. Meine literarische Ehrenhaftigkeit steht unter dem Gefrierpunkt.
Wie bitter, nach einem langen, durchaus unbescholtenen Lebenswandel plötzlich ohne eignes Verschulden -- oh, ich kanns beschwören: ohne eignes Verschulden -- das teuerste Gut des Mannes, die Ehre -- oh, die Ehre -- zum Teufel gehn zu sehen!
Ich raffte alle Kraft zusammen.
„Kolonel,“ sagte ich, „Ihr Belegstück hat mich platt niedergedrückt -- ich gebe mich geschlagen. Sie werden meine Lage besser als sonst jemand begreifen, denn Ihnen ist es einst ebenso gegangen. Ihr Henker war O’Connor aus Arizona. Er kam, wie Sie jetzt zu mir, und stampfte den Blumengarten Ihrer Hoffnungen mit plumpen Stiefeln nieder.“
„Auch diese Redensart ist von mir,“ murmelte Mac Gee.
„Es kommt auf die eine nicht mehr an. Sie haben sie ja von O’Connor. -- -- Doch ich bin ein reuig Gotteskind. Sie werden mir die Erfüllung einer kleinen Bitte nicht verweigern...“
„Sprechen Sie!“
„... Kolonel, welchen Schluß haben Sie damals Ihrer Geschichte ‚Das Plagiat‘ gegeben?“
Zu Tränen gerührt -- ein schöner Zug von Menschlichkeit bei diesem harten Mann -- legte er mir noch einmal den Herald hin, damit ich ihm auch die letzten Zeilen stehlen könnte. -- O’Connor hatte sich seinerzeit Mac Gee gegenüber ebenso edel benommen.
Die Post
Eine Treppe unter mir wohnt ein Herr Robert Roder.
Ich aber heiße Roda Roda.
Da geschieht es denn manchmal, daß der Briefträger die Adressen zu flüchtig liest und meine Post unten abgibt. Regelmäßig öffnet dann dieser Robert Roder meine Briefe und schickt sie mit einem Entschuldigungszettel herauf:
Er habe in der Eile den Umschlag aufgerissen, da er aber schon aus den ersten Zeilen ersehen habe, daß der Brief nicht ihm, sondern mir gehört, erlaube er sich... usw.
Gestern wurde mir das zu dumm. Ich bat meinen besten Freund, mir einen Brief mit den Anfangsworten zu schreiben:
„Sie gemeinschädliches Gesinnungskrokodil, Büffelkönig beider Welten und Vorsitzender des Reichsverbandes der Idiotenvereine...“
Diesen Brief also schickte ich geöffnet an Herrn Roder mit einer Karte:
„Ich habe das beifolgende Schreiben im Versehen angenommen -- da aber schon aus den ersten Zeilen hervorgeht, daß es für Sie bestimmt ist, hochverehrter Herr... usw.“
Robert Roder hat mir über die Treppe zugerufen: er wolle von nun an scharf auf die Adressen achten.
Das Marienkäferchen -- ein Glückssymbol?
Handelnde Personen dieses kleinen Dramas sind alles in allem:
~Dr.~ +Eugen Meier+, Universitätsdozent,
+Agathe+, seine junge Frau.
Der erste Akt spielt am Abend nach Meiers Hochzeit; spielt im Fremdenzimmer eines vornehmen Gasthofs.
Am Anfang des Dramas steht ein Entzückungsschrei: während nämlich der Dozent ein Köfferchen auspackt und die dessen Eingeweiden entnommenen Gegenstände auf das Spiegeltischchen reiht, ist die junge Frau Agathe wie ein Schwälbchen durchs Zimmer geflattert; glaubt auf den Kissen ihres Bettes ein Marienkäferchen erblickt zu haben und quiekt:
„Sieh! Sieh nur Eugen! Es bedeutet Glück!“
Der Dozent langsam:
„Ich vermag die Behauptung, daß ein Marienkäfer Glück bedeute, nicht zu teilen. Glück in deinem Sinn heißt wohl: der gefällige Ablauf einer Folge von kleinen persönlichen Erlebnissen. Im allgemeinen wird an der Kausalität dieser Erlebnisse durch das akzessorische Erscheinen eines Insektes nichts geändert. In dem hier vorliegenden besondern Fall ist deine vom Erinnerungsbild eines Volksaberglaubens angeregte Assoziation ‚Marienkäfer-Glück‘ umso weniger berechtigt, als dem von dir aufgefundenen Insekt die charakteristischen sieben Punkte des Marienkäfers fehlen; es hat ferner nicht, wie der Marienkäfer, karneolrote sondern dunkelbraune Flügeldecken, der Körper ist nicht kuppelförmig sondern ausgesprochen flach -- kurz, was du für einen Marienkäfer, ~Coccinella septempunctata~ hältst, ist in Wahrheit eine ~Cimex lectuaria~ oder Bettwanze.“
-- -- -- Wenn ~Dr.~ Eugen Meier hier die Bedeutung des Marienkäfers als Glückssymbol leugnete, so traf sein -- wissenschaftlich nicht unbegründetes -- Urteil insofern ins Schwarze:
als Frau Agathe in ihrem jüngst dem Amtsgericht überreichten Scheidungsbegehren grade den anläßlich der Auffindung des Marienkäfers vom Ehegatten gehaltenen geschwollenen Sermon als ersten Erreger ihrer unüberwindlichen Abneigung gegen den Gatten (§ 115, Bürgerliches Gesetzbuch) bezeichnet hat.
Die höchste Leistung des Geistes
Wir wissen, wer Liebigs Fleischextrakt erfunden hat -- wer aber erfand das Brot? Wer das Feuermachen? Wer die Kunst des Webens? Des Schmiedens? Wer entwarf den Plan der Pyramiden, wer dichtete die Ilias?
Die höchsten Leistungen des Menschengeistes sind namenlos.
-- -- -- Im Jahr 480 vor Christi rückte der Perser Darius mit 100000 Mann gegen die Athener.
Miltiades, der Sieger von Marathon, hatte nur 9000 Mann. Dazu kamen noch ein Bataillon Platäer und etliche Kompagnien bewaffneter Sklaven.
Miltiades kämpfte -- wie Hindenburg -- mit starken Flügeln: rechts Athen, links Platää. Die Sklaven standen im Zentrum.
Die Perser durchbrachen das Zentrum. Da schloß sich die Hindenburgsche Zange und vernichtete die Perser. Man sieht: die Gesetze der Taktik sind ephemer -- Strategie ist Ewigkeit.
-- -- -- Aus der Mitte der Athener nun löste sich ein junger Bürger und lief zwei deutsche Meilen weit nach der Vaterstadt.
Dem Rausch des Blutes war er entstürzt, dem betäubenden Geklirr der Schlacht, dem Rachen des Todes.
Rannte, was ihn die Beine trugen, nach Athen.
Schmetterte mit dem letzten Atemzug die Jubelnachricht heraus:
+~Nenikêkamen!~+ Wir haben gesiegt!
und sank tot um.
Wahrlich:
daß dieser Mann -- auch sein Name ist uns nicht überliefert -- daß dieser Athener in so viel Erregung, Gefahr und Mühe, trotz Lebensbangnis und Sterbensnähe das Perfektum von ~nikáo~, ~nikân~, erste Person Pluralis, durch Reduplikation der Anfangssilbe richtig konstruierte: es ist eine der höchsten Leistungen des menschlichen Geistes.
Die Männer sein klatschsüchtig
„Die Männer sein manchesmal noch klatschsüchtiger als wie die Frauen,“ sagte plötzlich meine Sitznachbarin. Dabei kannte ich sie garnicht -- sie war nur hier im Kino zufällig neben mich geraten. Ein Mädchen, etwa dreißig, schon im Verblühen. Sie ging sicherlich nicht darauf aus, eine ‚Bekanntschaft zu machen.‘ Nein. Die packenden Vorgänge dort auf der Leinwand -- ‚Rache des Andalusiers‘ -- hatten das Mitteilungsbedürfnis meiner Nachbarin so mächtig angeregt.
„Die verklatschten Männer richten auch mehr Unglück an...“
„Warum grad die Männer?“ fragte ich.
Und meine Nachbarin, der ein Erlebnis auf der Zunge brannte, legte ohne Hemmung los:
„Segen S’, ma glaubt denen Männern eher -- darum. Zum Beispiel: auf unserm Büro, da is meine Freundin, die Paula -- das heißt, meine Freundin is sie nicht -- wir sitzen halt nebenanand. Die Paula is verlobt mit an Magazineur, und in sechs Wochen hätt’ sollen die Trauung sein. Die Möbeln sein schon bestellt.“
„Und die Sache ist auseinandergegangen?“
„Warten S nur! Da -- gestern kommt der Hilfskassierer, der was schon bei der Tageskasse sitzt, der Kragelsberger -- überhaupt ein sehr ein großer Intrigant -- der Hilfskassierer also kommt zum Magazineur, zum Bräutigam, und sagt ihm:
„Wissen S, Herr Hugo, wo überhaupt ihner Fräulein Braut is, die Paula? Mit an fremden Herrn is s’ im Hotel.“
„Sie lügen!!“ sagt der Hugo un is ganz aufgebracht.
„So? Ich lüg?“ sagt der Kragelsberger, der Intrigant. „Einen Lügner heißen Sie mich für meine Freundschaft? Eh daß Sie so etwas Gemeines behaupten können, daß ich ein Lügner bin, wo ich die Paula selber hab gesehen hineingehen, laufen S ins Hotel und überzeugen S Ihnen mit eigene Augen!“
Richtig -- der Hugo lauft davon -- aber nicht zu Fuß -- nein, in ein Auto hat er sich gesetzt, daß er die Paula ganz gewiß überrascht -- und is bis zum Hotel Kliebusch, hat lassen den Schofför warten und hat gelauert.
Auf einmal kommt ganz fröhlich die Paula heraus mit einem fremden Herrn. -- Gel, da schaugst? -- Ja, jetz hätt die Verlobung sicher müssen in Brüche gehn, wo die Möbeln schon bestellt sein. -- Aber der fremde Herr, das war kein so ein klatschsüchtiger Mensch -- sondern ein sehr nobler Charakter war er.