Schutz- und Trutzbündnisse in der Natur
Part 2
Daß der Artenkampf heute noch im weitesten Umfange tobt, dafür braucht es als Zeugnis nur eines einzigen Kreuzspinnennetzes etwa mit seinen Schlachtopfern. An sich, als Kampffalle, ist solches Spinnennetz ja ein Wunderding. In jedesmal unendlicher Feinarbeit hat die Spinne erst ein Fadendreieck hergestellt, dann ein Viereck eingesetzt, in ihm Speichen gezogen und zuletzt über diese Speichen eine riesige Spirale aus Klebfäden gerollt. An einer Stelle des Ganzen lauert sie, bis eine Erschütterung in der Spirale sie wie mit einem Klingelzug benachrichtigt; nun fährt sie ein, packt das angeklebt sich sträubende Insekt, knebelt es in raschem Herumwirbeln ganz, tötet es durch Giftbiß und verzehrt es, indem sie eigenen Magensaft in den Leib des Opfers ergießt und den so vorverdauten Inhalt aufsaugt. Alle diese sinnreichen Dinge aber dienen nur dem Schlächterhandwerk. Kein Zweifel: hier ist reiner Kampf ohne Gnade; das Opfer, um verzehrt zu werden, wird gepackt und augenblicklich ganz zerstört. Der gleiche Kampf bietet aber nun auch ein Bild, wo es gelegentlich der Spinne selbst an den Kragen geht. Auf unsern Waldpfaden kann man die bekannten muntern Wegwespen (Abb. 4) beobachten, wie sie dicke Kreuzspinnen mit ihrem Giftstachel geschickt ins Bauchmark stechen und die so gelähmten in ihre Nesthöhlen schleppen, wo das wehrlose Opfer in einer Art Narkose oder Scheintod so lange liegen und warten muß, bis die junge Wespenlarve auskriecht und es wie eine Proviantwurst bei lebendigem Leibe auffrißt. Fabre hat, wie man weiß, anziehend von der Treffsicherheit solchen vorläufigen Stichs zu erzählen gewußt, und M. Müller hat gelegentlich festgestellt, daß die unglückliche Spinne über 70 Tage so in Lähmung, aber immer noch lebend, liegen kann. Man könnte sich aber vielleicht eine noch sinnreichere Methode denken, bei der das Ei unmittelbar in die Spinne selbst gelegt würde, die dann frei herumlaufen könnte und doch den Tod mit sich trüge. Und auch das machen Schlupfwespen mit gewissen Raupen vor (Abb. 5). Die Schmetterlingsraupen werden mit Wespeneiern bestiftet, die erst nach einiger Zeit in ihnen auskommen. Die Raupen leben eine Weile noch hin, als sei nichts geschehen, und mästen sich weiter wie kleine Fettschweinchen, die Schlächter aber sitzen ihnen im Leibe. Eines Tages kriechen die Larven auch hier aus und beginnen von innen zu fressen. Kommen die Raupen noch zur Verpuppung, so werden die Puppen leer gefressen und die Wespenpuppen treten an Stelle ihres Inhalts. Vollzieht sich das Verhängnis bereits in der Raupe, so wird berichtet, daß die Fresser anfangs noch die edleren Teile des Opfers schonen, um möglichst lange Profit von seinem Leben zu haben, und sogar ihre eigenen Exkremente unterdrücken, um ihr Mastschweinchen nicht vor der Zeit zu vergiften. Und erst wenn sie selber zur Verpuppung reif sind, durchlöchern sie rücksichtslos die Haut der entkräfteten Raupe, die nun unter letzten Qualen abstirbt. Die ausquellenden flockigen Wespenkokons an der vertrockneten Haut sind dann die „Raupeneier“ des Volksglaubens, es handelt sich aber, wie man sieht, um einen weit grausigeren Vorgang, als bloß eine normale Geburt wäre.
Bei diesen letzten Beispielen, die an sich ebenfalls kraß im Kampf verharren, erscheint doch, wie man beachten möge, schon ein feiner Unterschied. Auf der einen Seite schlägt der Raupenfall ausgesprochen in jene engere Kampfesart, die wir schon beim Bandwurm erwähnten: der Schlächter oder Fresser mietet sich unmittelbar im Opfer selbst ein. Lange ehe das Wort Symbiose geschaffen wurde, hat man das bereits gewohnheitsmäßig als „Parasitismus“ bezeichnet. Der Parasitismus ist offenbar von früh an eine der allererfolgreichsten Kampfesformen gewesen, denn seine Beispiele dort sind Legion, -- von der bösen ~Cuscuta~, dem Teufelszwirn, der sich wie ein Polyp an andere Pflanzen saugt, die eigene Wurzel aufgibt und dafür mit gierigen Freßmäulern in Gestalt eingesenkter Zellbündel den fremden Pflanzenleib durchwühlt und ausnutzt, -- bis zu einem so hochentwickelten Tier wie noch dem Fisch Neunauge, das als Inger Dorschen oder Butten unter den Bauch kriecht, die Haut durchraspelt, dann (man versteht, unter was für Qualen für das Opfer) mit ganzer Person einschlüpft und das Innere ausräumt. Eben dieser Parasitismus stellt aber zwischen Vernichter und Beute ganz von selbst ein näheres Verhältnis her in dem Sinne, daß sich dieser Vernichter zunächst noch eine Weile mit dem noch _lebenden_ Opfer beschäftigen muß. Er muß so lange mit ihm hausen, sich seinen eigenen Gewohnheiten anpassen, in eine tatsächliche kurze Lebensgemeinschaft mit ihm treten, wenn auch eine im letzten Zweck feindliche. Damit verknüpft sich aber alsbald ein zweites. Bei der Spinne als lebendiger Dauerwurst wie bei der Raupe als Fettschweinchen gewinnt der Schlächter im Banne der Naturzüchtung ein Interesse, sein Schlachttier vorübergehend (wenn auch mit bösester Endabsicht) in diesem Leben selber noch zu _schonen_, ja Mittel und Wege seiner zeitweisen Lebens_erhaltung_ von sich aus zu suchen, -- wie das ja besonders in der bloß narkotisierten Spinne hervortritt. Ein Schritt nur scheint es, daß das Opfer auch schon so lange gradezu geschützt, daß es mit verteidigt würde. Dazu aber nun ein weiteres Exempel.
Auf unsern Sumpfwiesen leben die kleinen Bernsteinschnecken, die mit ihrer Blätternahrung öfter die Brut eines Saugwurms, des ~Urogonimus macrostomus~, verschlucken und damit solchen lebenden Wurm als Parasiten in den Leib bekommen. Dieser Wurm hat aber nicht den Trieb, die Schnecke selbst innerlich auszufressen, sondern er erwartet, daß sie von einem Vogel, etwa einem Rotkehlchen, gefressen werde, worauf er im Vogeldarm wirklich bandwurmhaft saugen kann. Dabei aber liegt es ebensosehr in seinem Interesse, daß die Schnecke nicht bloß _einmal_ so gefressen werde, denn dann käme er jedesmal nur in einen Vogel, während seine Kraft tatsächlich langt, in solcher Schnecke schon mehrere Generationen aus sich hervorzutreiben, die für verschiedene Vögel reichten. Zu dem Ende stellt er an der Schnecke das sogenannte „Leucochloridium“ her, eines der wunderbarsten Gebilde des gesamten Naturkampfs. Er treibt nämlich je einen wurstartigen Schlauch, mit junger Brut gefüllt, in jeden der beiden Fühler der Schnecke, der diesen Fühler prall zum riesigen Kolben ausweitet, der die bunten Ringel und den Kopf einer fetten Insektenmade vortäuscht und sich auch in entsprechenden Windungen an der Schnecke bewegt (Abb. 6). Die Vögel reißen die Dinger in der Tat als vermeintliche Leckerbissen solcher Art ab und verschlucken sie, so mit dem Wurm in dieser Generation gesegnet, während die Schnecke im ganzen davonkommt und auf Grund erstaunlicher eigener Lebenszähigkeit bald die Verstümmelung ersetzt, -- worauf der Wurm bandwurmhaft sprossend ein neues Leucochloridium baut und einen neuen Vogel mit einer neuen Keimfracht seines Volkes täuschend belädt. Und so fort bis zum natürlichen Altersende von Schnecke und Wurm. Inmitten der Gewaltsamkeit des Kampfes treten hier offenbar neue lehrreiche Züge hervor. Einerseits bei der Schnecke selbst: sie opfert immer nur, wenn schon unter Gewalt und Verlust, einen _Teil_ von sich auf, kommt aber dafür im ganzen davon. Viel bedeutsamer aber noch ist das Verhalten des Wurms. In seinem Vorteil liegt es, die Schnecke zwar immer wieder zu einem Opfer zu nötigen, aber zugleich auch zum Zweck der Wiederholung zu erhalten. So erzwingt er das Teilopfer, rettet sie aber grade dadurch im ganzen; denn durch den befriedigenden Lockbissen des Leucochloridiums werden offensichtlich soundso viel herumstöbernde hungrige Vögel abgehalten, die Schnecke ganz aus ihrem Hause herauszufressen. Recht besehen, tritt auch hier bereits ein merkwürdiges _Wechsel_verhältnis beider Teile inmitten einer scheinbar noch wüsten Kampfbrutalität und Ausnutzung in Kraft: der Parasit hat Vorteil vom Opfer, aber auch dieses Opfer zieht jenseits aller Roheit des Eingriffs einen überwiegenden Vorteil vom Parasiten, indem er ihm sein Leben im ganzen verlängert und es gleichsam dazu erzieht, durch Aufgabe eines mehr oder minder überschüssigen Teils das Ganze zu retten.
Wir betrachten aber noch einen Fall. Ein kleiner hübscher Fisch unserer Gewässer aus der Verwandtschaft der Karpfen, der im Hochzeitskleid vielfarbig schillernde Bitterling, praktiziert mit Hilfe einer langen Legeröhre seine Eier sehr geschickt in die bekannten Malermuscheln (Abb. 7), wo in den Kiemen des lebendigen Muscheltiers die junge Fischbrut auskommt, -- im äußern Bilde also wie Wespe zu Raupe, nur daß sich diesmal die Jungfischchen mit der geschützten Wiege im Fremdtier begnügen und nachher gänzlich harmlos wieder ausschwärmen, ohne an der Muschel selber gefressen zu haben. Umgekehrt aber klammert sich die Jungbrut der Muschel, wenn sie ausgeschwärmt ist, an erwachsene Bitterlinge oder in Ermangelung andere Fische und läßt sich von ihnen eine Weile herumtragen, bis sie einen guten Fleck zum dauernden Neuansiedeln findet, -- wobei von ihr immerhin etwas, aber auch in der Regel harmlos, vom Fisch gezapft wird. Diesmal ist man wirklich schon nahezu über die Wasserscheide zwischen Kampf und Frieden hinaus. Man könnte fast versucht sein, von dem zu reden, was ein ebenfalls älteres Forscherwort „Synökie“ genannt hat (von ~oikos~ griechisch Haus): einfaches indifferentes Sicheinmieten eines Wesens bei einem andern ohne Schaden des Wirtes. So sitzen am Seestrande die allbekannten kleinen weißen Seepocken (in Wahrheit seßhafte Krebschen in ihren Kalkhäuschen) auf den blauen Miesmuscheln auf, sich selbst zur Bequemlichkeit, für die Muschel indifferent. Oder es geht der sogenannte Schiffshalterfisch mit einer Kopfscheibe gleichsam angeklebt am Bauch großer Haifische oder auch der Menschenschiffe friedlich mit als einem kostenlosen Fahrzeug zweiten Grades, das den kleinen „blinden Passagier“ gar nicht merkt. Immerhin ist bei der Muschel am Bitterling, wie gesagt, noch eine geringe Selbstschröpfung auch des Trägers da, aber es wäre ein leichtes, auch sie noch friedlicher umzudenken in der Weise eben jenes Schiffshalters, der nicht mehr an seinem Fisch körperlich saugt, wohl aber gern von den äußeren Nahrungsabfällen des Großen profitiert. Das Interessanteste aber ist wieder die Gegenseitigkeit der Hilfe: dem Fisch bietet die Muschel Unterschlupf und er selber ihr Fahrgelegenheit. Die Sache ist auch hier noch nicht ganz rein, sozusagen noch verzettelt; die Muschel kann gelegentlich auch andere Fische benutzen als den Bitterling wieder selbst; aber man fühlt, wie rasch diesmal ein ganz mathematisch klappender Fall auf ~do ut des~ unter weitestem Friedensanschluß sich durch etwas dramatische Zusammenschiebung auf Orts- und Zeiteinheit herausdenken ließe. Wenn aber jeder schließlich reinen Vorteil vom Domizil am andern hat: wie nahe läge auch hier irgend eine Mitverteidigung dieses gastlichen Domizils durch ihn selbst? Manche selbst winzigen Fischchen schirmen wütig ihr Nest, z. B. die Stichlinge: hier ist das Nest die Muschel, warum also nicht sie ebenfalls schützen, wovon dann sie selbst wieder den Dank ihrer Patenschaft hätte? Fast wundert man sich, daß es im Beispiel nicht wirklich schon so ist. Und selbst von den Muscheljungen am Fisch (den „Glochidien“, wie man sie zu nennen pflegt) ließe sich zur Not so etwas aussinnen, wenn man sieht, wie sich gelegentlich solche Mollusken (z. B. viele Schnecken) mit allerhand Stink- und Farbsäften (der bekannte Purpur ist nur solche Schutztinte), ja im äußersten Falle sogar mit richtiger ausgespritzter Schwefelsäure, die auch dem heftigsten Angreifer des Fischs nicht genehm sein könnte, verteidigen. Friedensschluß, Gegenseitigkeit, synökische Sitzgelegenheit für den Unrast und ebensolche Wandermöglichkeit für einen Sitzer, Nährabfall als bequemster Überschuß ohne Teilverlust am Leibe selbst, Waffenaustausch: -- mit diesen Einzelstücken können wir uns aber jetzt schon folgende Geschichte fast ganz aufbauen, soviel eigene Besonderheit sie im üppigen Proteusspiel der Natur wieder haben mag.
Jene Säureschnecken (es sind besonders die großen Tritonen, die so Seeigel wie mit chemischen Stichflammen in ihrem Stachelpanzer anbrennen und zersetzen) dürfen uns an ein anderes Tiervolk mit allgemein solchem ähnlichen Höllenapparat erinnern. Das war ja eine der schauerlichsten Vorstellungen alter Sage: der Lindwurm, der gegen seinen Siegfried rotes Feuer spie, -- eine Vorstellung, bei der ich in diesem Falle übrigens immer an die flammrote vorgeschnellte Zunge unserer heute noch großen und einst in junger geologischer Zeit riesigen Waraneidechsen habe denken müssen. Wenn auch nicht mit solchem echten Feuer, so doch mit Ätzhauch zu arbeiten, ist aber wieder eine wirkliche uralte Kampfpraxis der Natur. Der Bombardierkäfer macht Angriffe mit knallender Salpetersäure, unsere roten Waldameisen gehen mit hohen Garben Ameisensäure vor. In den kanülenhaft durchbohrten und bei Berührung oben abbrechenden Schutzhaaren der Brennessel wird das zum richtigen Giftdolch, in den Brenngift einfließt, und wieder dessen tierischer Gipfel ist der ähnlich hohle und von Giftspeichel durchströmte Mordzahn der Viper. Eng an die Brennessel knüpfen zunächst nun als Naturtechniker ersten Ranges auf diesem Gebiet auch die unmittelbar so genannten Nesseltiere (Cnidarien vom griechischen Wort für Nessel) an, als Stamm auch als Cölenteraten und Pflanzentiere, im engeren volkstümlicher als „Polypen“ bezeichnet, wobei aber nicht der Polyp als Tintenfisch (der zu den Mollusken zählt), sondern etwa unser kleiner grüner Süßwasserpolyp, die Hydra, oder, im Anschluß daran, alle Seerosen, Korallen und Genossen, sowie die auch wieder da hinein eng verschwisterten Quallen oder Medusen gemeint sind. Die meisten dieser Polypentiere führen trotz echter Tiernatur doch noch wieder ein pflanzenhaft seßhaftes Leben, und auch die zwar frei schwimmenden Quallen (die ursprünglich übrigens alle nur zeitweise zu Geschlechtszwecken abgelöste Sitzpolypen darstellen) haben bei schutzlos weichem, größtenteils wasserdurchsetztem Körper nur erst äußerst mangelhafte Selbstbestimmung. So taten hier brennesselhafte Wehr- und Lähmwaffen besonders not, die bei Fremdberührung gewissermaßen einen geheimen Zauberbann um die zarte tierische Blüte zogen und in denen das einfache Nesselprinzip sich dann mit dem Explosionsprinzip vereinigte. Auch diese Explosion, allerdings die nicht feurige, kalte, ist ja eine alte Naturtechnik: die wilde Balsamine, das „Kräutchen-rühr-mich-nicht-an“ unserer Wälder, streut schon durch Spiralfederschuß seiner Schoten bei Berührung seine Samenkörner herum, und die italienische Vexiergurke schleudert durch eine ähnliche innere Federmechanik beim Abbrechen dem Nichtsahnenden ihren ganzen Ekelinhalt weithin ins Gesicht. Am Polypen- und Quallenkörper aber sitzen durchweg ungeheure Massen winziger Kapseln, von denen jede eine Art solchen kleinen, aber mit Brennstoff zugleich geladenen Explosivkörpers darstellt, bereit, ebenfalls bei der Berührung oder schon bloßen Annäherung eines feindlichen Fremdkörpers auf ein Nervenzeichen hin mit aller Wucht zu explodieren. In zusammenfassendem Bilde (die Einzelmethoden schwanken je nach der Art) kann der Hergang etwa so beschrieben werden, daß auf irgend einen gröberen oder feinen, mechanischen oder chemischen Nervenreiz hin auf der Spitze der Kapsel ein Deckelchen sich lüftet, worauf Wasser (alles spielt sich ja im Wasser ab) in das Innere eindringt und dort eine quellbare Gallertsubstanz zur elastischen Explosion bringt; dadurch wird ein handschuhfingerartig hineingestülpter Schlauch mit voller Gewalt ausgekrempelt und ausgestoßen, mit scharfen Dornen in die Haut des Angreifers eingebohrt und nachgeschoben, während sich gleichzeitig aus seinem Innern die konzentrierteste Brennflüssigkeit in die Wunde ergießt. Die Verletzung ist höchst unangenehm, wie vielleicht im kleinen mancher Leser aus dem Zusammentreffen mit einer gewöhnlichen Qualle im Seebade weiß. Es gibt aber Riesenquallen und große schwimmende Quallenkolonien (z. B. Physalia), die nackte Schwimmer auf Tod und Leben so verbrennen können. Vielfach werden die Giftkapseln von besonderen Sammelstellen entsandt, oder sie können auch selber noch einmal an langen, über und über gespickten Schleuderlassos sitzen, und ihre Macht ist einzeln furchtbar genug, sich spielend selbst durch den harten Panzer eines Krebses zu ätzen. Wo die Polypen- oder Quallentiere, wie es in diesem Reiche häufig Brauch, zu größeren Familiengenossenschaften mit Arbeitsteilung der Geschwister zusammenhalten, da tritt auch diese Verteidigung sinnreich in den Verbandsdienst, indem sie besonderen Soldaten in der Kolonie einseitig anvertraut wird. In vielköpfigem Gewimmel sitzt in solchem Falle etwa ein Polypenvolk von in sich gleicher Art auf irgendeiner Unterlage beisammen, alle auf diesem Fundament noch einmal durch ein besonderes Wurzelgeflecht mit Kanalanschluß körperlich verknüpft. In diesem Kanal wird eine gemeinsame Familiensuppe rund getrieben, die von einigen besonders gierigen und maulbegabten „Freßpolypen“ für alle mit bereitet wird. Daß aber das Ganze nicht von außen bedroht werde und zugleich diesen „Familienmägen“ die nötigen Schlachtopfer zugewiesen werden können, dafür sorgen in der sinnigen Berufsteilung die „Wehrpolypen“, die, mit Kapseln wurfbereit ausgerüstet und gleichsam am ganzen eigenen schlanken Leibe in solche Schleuderlassos verwandelt, ständig auf der Lauer gegen Feinde oder zu lähmende unvorsichtige Beutetiere liegen. Blumenschön und blumenhaft wehrlos, wie diese bunten, oft kristallhaft durchsichtigen Nixenkinder in ihren Wassergründen erscheinen, bilden sie doch mit dieser raffinierten Technik dort eine keineswegs zu verachtende Großmacht des unteren Lebenskampfs.
Aber sonst leiden sie doch auch an mancherlei Übelständen der Seßhaftigkeit. Vom freien Ortswechsel auf der Nahrungssuche, diesem Obervorrecht sonst des Tieres, das doch nicht wirklich pflanzenhaft den Boden am Fleck aussaugen kann, erscheint der Polyp, solange er sitzt, leidig entfremdet. Wohl kann er seine Unterlage selbst gelegentlich sinnreich verbessern, sich durch eigene mineralische Ausscheidung sozusagen auf immer besseren Stuhl setzen, -- wie ja das hierher gehörige üppige Tropenvolk der Korallen in vereinter Kraft seiner Generationen durch solchen fort und fort nachwachsenden Kalkbau dem Sinken eines ganzen Ozeanbodens Trotz zu bieten wagt. Dennoch müßte der einzelnen Seerose oder solcher Polypenkolonie manchmal recht erwünscht sein, wenn sie auch noch die Gabe des Märchens besäßen, den Fels, an dem sie haften, nicht bloß aufwärts zu strecken, sondern wagerecht mit ihnen fortkriechen zu machen. Und da mag es seit alters geschehen sein, daß der Zufall nachhalf. Einzelne Kiesel, an die sich solche Seerose im sonst schlecht faßbaren Schlick angeklammert, rollten im Flutspiel ein Stück weit mit ihr dahin, oder ein leeres, leicht verschobenes Schneckenhaus tat noch williger diesen passiven Dienst. Aber es geschah auch, daß in diesem Haus von tierischer Arbeit noch die Erbauerin, die Schnecke selbst, saß. Die Seerose war dann wieder Gast der Hausbesitzerin in zunächst harmloser „Synökie“. Solcher Schnecke selbst aber war nicht bloß zufälliger, sondern jederzeit selbstwilliger, wenn auch langsamer Ortswechsel beschieden, bei dem sie alle Male jetzt den blinden Passagier auf dem Dach ihrer schwerfälligen dicken Postkutsche mitgehen ließ, oft jedenfalls neuen und besseren Fleischtöpfen zu, die ja auch die Schnecke selbst, wenn sie zu den räuberischen ihrer Sippe gehörte, aufsuchte. Noch heute beobachtet man vielfältig solche Seerosen auf Schnecken, besonders den zur Anheftung hervorragend geeigneten wulstigen Murexarten, zu denen die erwähnte sabbernde echte Purpurschnecke gehört. Bereits im alten Fischbuch Gesners von 1558 finde ich solche von zwei Polypen berittene Purpurschnecke in trefflichem Holzschnitt verewigt. Aber mit solchen Schneckenhäusern hatte es da unten in der Nixentiefe noch eine besondere Bewandtnis.
Zu den leeren und den noch von der Meisterin selbst bewohnten Schalen gibt es einen dritten, an sich auch allbekannten Möglichkeitsfall. Das ist jetzt wieder ein großes Kapitel im Naturkampf: Tiere, die sich selber mit Fremdmaterialien zweiter Hand verteidigen, anstatt bloß mit eigenem Organ. So wirft der kleine Ameisenlöwe automatisch aus seiner Grube mit Sand, und der Schützenfisch schießt nach Insekten mit hochgeschnellten Wassertropfen. Immer hat diese Stufe etwas, das bereits wie Vorspiel unserer menschlichen Werkzeugtechnik anmutet. Hierher gehört aber auch, daß ein Tier in findigem Instinkt sich den hinterlassenen Schutzpanzer eines andern zum eigenen Harnisch überstülpt. Und daraus haben gewisse Krebse, Tiere mit verwickelten Trieben wie auch nicht schlechter persönlicher Wahlintelligenz, bei Schneckenhäusern seit alters eine Spezialität gemacht. Von grauen Tagen an (die Spuren gehen wohl mindestens schon bis ins älteste Tertiär der Erdgeschichte zurück) holt das Volk der Paguriden, der Bernhards- oder Einsiedlerkrebse, sich durchweg solches leere Schneckenerbe, stopft den Hinterleib hinein und nutzt den fremden Küraß noch zu dem eigenen, wobei im Laufe der Dinge die Sitte bereits so fest geworden ist, daß sie der findigen Diebsgesellen eigenen Körperbau beeinflußt, den natürlichen Panzer wenigstens an dem so „hinten im Faß“ verwahrten Hinterteil als Ballast beseitigt und das Krebsende zugleich selber schneckenhaft in der Achse gedreht hat.
Auch auf solchen Fremdschalen mit Krebsinvasion aber siedelten sich Polypen und Polypenkolonien an. Und da sieht man denn auf den ersten Blick: das mußte doch noch wieder bedeutsam Neues hinzubringen. Der Krebs läuft trotz und mit der Huckepackschale immer noch gar viel behender als der Schneck, muß also seine blinden Passagiere, die er mit der Fremdkutsche übernommen, noch ganz anders zu ihrem Gewinn herumschütteln. Aber solcher Krebs ist auch, abgesehen vom Laufen, ein ganz anders unruhiger Geselle, immerzu strudelt er mit Beinen und Kiefern im Grundmoder herum, wühlt alle Sorten Stoff durch und durch, wirft herauf und auseinander, und als noch wilderer Räuber lebt er sozusagen auf Schritt und Tritt im Schlachthause, packt, zerbeißt und hackt, was er nur kriegen kann, daß die Abfallfetzen nur so fliegen. Hat das Polypenvolk also gelegentlich schon von der Schnecke nicht bloß als Kutsche zum Wirtshaus profitiert, sondern unmittelbar etwas Kriegskost mit abbekommen, so muß sich das hier gradezu zum Hauptnutzen steigern. Immer mehr kann der „Storch auf dem Dach“ da selber gebrauchen gleich den aufräumenden Marabus in unsern indischen Menschenstädten, und zuletzt ist ihm die Ortsbewegung wirklich fast gleichgültig gegen den Krebs in Person, der ihn, wo immer er Mittag hält, ohne Absicht aus den Brosamen seines Reichtums selber mitfüttert. Man versteht, daß Polypen auf Schalen mit solchen Bernhardskrebsen allmählich fetter wuchsen als irgendwo sonst, und daß also die Naturzüchtung (wie immer man sich im einzelnen nun deren Wege denken mag) grade solche Bewohnung als „Synökie“ mit freier Kost obenein auch in ihren Trieben begünstigen und die Polypen zum lebhafteren Anschlußbedürfnis grade hier herüber drängen mußte. Wie einfach war aber dann wieder eine weitere Logik.