Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren
Part 2
Aennchen aber war ganz eingenommen von ihrer Nachbarin und diese verstand so reizend und witzig zu plaudern und ihr heimlich eine Menge Scherzhaftes zuzuflüstern, daß sie ganz den Unterricht vergaß und sich nur immer unterhalten wollte. Schon machte Herr Milde ernste Augen und sah oftmals herüber zu den kleinen Klatschmäulchen – Martha stieß die Nachbarin heimlich mit dem Fuße an, doch ruhig zu sein – allein Aennchen war wie bezaubert und die Folge ihrer Unachtsamkeit war schließlich, daß der Lehrer, ordentlich böse geworden, ihr am Schluß der Stunde die doppelte Hausaufgabe zuerteilte, als den andern, und Alma wurde gar ein Tadel ins Buch geschrieben.
Aufs tiefste beschämt nahm Aennchen die Strafe hin und suchte beim Aufbruch ganz zerknirscht ihre sieben Sachen zusammen; Alma jedoch flüsterte ihr zu, sich doch nichts daraus zu machen, dergleichen würde wohl noch öfter vorkommen. Sie faßte die neue Freundin unter dem Arm und zog sie mit auf die Straße. Unten an der Ecke des Hauses hielt ein reizender kleiner Wagen mit zwei munteren Ponies bespannt. Wie staunte Aennchen, als Alma darauf zusprang, in einem Nu den Bock erreichte und dem Kutscher die Zügel aus der Hand nahm.
»Adieu, mein Herz, auf Wiedersehen morgen!« rief sie lachend, dann schlug sie auf die Pferdchen ein und fort ging es im sausenden Galopp.
Aennchen stand noch lange und sah ihr nach; sie kam sich recht armselig vor, so zu Fuß nach Haus traben zu müssen, während die Freundin so stolz kutschieren konnte. Als sie noch dastand, kam eben die kleine bescheidene Martha vorübergegangen. Sie blieb stehen und fragte freundlich:
»Willst du vielleicht mit mir kommen, Aennchen?«
»Wo wohnst du denn?« fragte diese ziemlich kühl, »wir haben sicher nicht denselben Weg.«
»O doch,« erwiderte Martha. »Wir wohnen sogar sehr nahe zusammen und ich habe dich schon oft in eurem schönen Garten spielen sehen, denn meine Mutter hat die Wohnung in eurem Hinterhause seit einiger Zeit gemietet.«
»Aber warum bist du denn dann niemals zu mir in den Garten gekommen?« fragte Aennchen überrascht.
»Mutter erlaubte es nicht; sie sagte, wir hätten kein Recht dazu,« war die bescheidene Antwort. »Auch habe ich zum Spielen beinahe keine Zeit. Ich muß Mütterchen zu Hause an die Hand gehen und meiner kranken Schwester Gesellschaft leisten.«
»Aber du bist ja noch so klein?« staunte Aennchen.
Ein wehmütiges Lächeln fuhr über das sanfte Gesichtchen Marthas. »Freilich bin ich noch klein und schwach,« sagte sie, »aber ich thue eben, was ich kann; später wird es schon besser werden.«
Sie waren an Aennchens Haus angelangt; eine große, prächtige Eingangspforte führte hinein; weiter unten bildete eine schmale Thüre einen Durchgang, welcher zum Hinterhause führte. Hier schieden die beiden Schulmädchen voneinander; Aennchen sprang fröhlich und leichtherzig die Treppe hinauf und Martha schlich still von dannen.
Was hatte Aennchen heute zu Mittag alles zu berichten! Ihre ganze Phantasie war noch von der neuen Freundin Alma angefüllt, so daß sie ganz darüber vergaß, der Mama von der kleinen verwachsenen Martha zu erzählen. Sie kam sich den Brüdern gegenüber höchst wichtig mit ihren Erlebnissen vor und als Bruder Fritz sie wie sonst necken wollte, da meinte sie sehr stolz, diese Zeiten seien vorbei, sie sei nun ein Schulmädel und wolle sich nichts mehr gefallen lassen.
Nach Tisch mußte Fritz wieder in die Schule fort; Annchen aber hatte keine Stunde und da es fatalerweise zu regnen begann, so konnte nicht einmal in den Garten gegangen werden. Aennchen rief die kleinen Brüder zu sich auf den Hausflur zum Spielen; sie wußte zwar, daß um diese Zeit, wenn Papa schlafen wollte, nicht viel Geräusch gemacht werden durfte, und anfangs ging alles ganz still und artig zu. Bald aber fing sie mit den kleinen Knaben an, laut herumzutollen und Hermännchen so lang zu necken, bis er tüchtig zu schreien begann. Nun kam der Vater mit rotem Kopf zornig zur Thüre heraus und rief:
»Du nichtsnutziges kleines Mädel! Kannst du mich denn niemals schlafen lassen? Hast du keine Hausaufgabe für die Schule zu machen?«
Aennchen murmelte »Ja.«
»Dann marsch in die Stube und nicht eher heraus, bis alles gut fertig ist!«
So schlich denn Aennchen recht beschämt in die Kinderstube und setzte sich an den großen Tisch, wo sie sich auf ihrer Tafel bemühte, die aufgegebene Arbeit gut fertig zu bringen. Sie ächzte und seufzte dabei und sah immer sehnsüchtig aus dem Fenster, denn es hatte bereits zu regnen aufgehört und die Kinderfrau hatte die Brüderchen in den Garten genommen. Wie schwer doch das Stillsitzen war und die i’s standen alle so bucklig auf den Linien; doch endlich waren beide Seiten der Tafel bedeckt und nun atmete sie auf und sprang empor, ließ Griffel, Tafel und Ränzchen liegen, wie sie ausgebreitet waren – es zog sie hinunter nach dem Garten.
Doch halt, was tönte da für ein fröhlicher Lärm die Straße herauf. Pfeifen und Trommeln und Lachen und Schreien. Eben stürmte Fritz mit den Büchern unterm Arme den Hausflur herein: »Aennchen, komm, es giebt etwas zu sehen.« Und sofort flog diese mit ihm hinaus und starrte mit entzückten Augen die Wunder an, welche da vorüberzogen. Voran winzig kleine Pferde, auf welchen buntgekleidete Kinder saßen und standen, dann eine Schar Musikanten mit Pfeifen und Trommeln, dann ein großer großer Elefant, auf dessen Rücken lustige Aefflein Grimassen schnitten, und diesen nach ein großes braunes Kamel. Und nun folgten noch ein Zebra und eine Menge anderer Tiere, welche Aennchen nicht kannte, es war ein Lärm und Getöse und die Gassenjugend jubelte und stürmte hinterdrein. Aennchen wußte sich vor Entzücken kaum zu fassen und als vom ganzen Zug endlich nichts mehr zu sehen war, da stürmte sie mit Bruder Fritz die Treppe hinauf, den Eltern das Wunder zu berichten. Papa hatte auch aus dem Fenster geschaut und meinte nun freundlich:
»Ja, ja, solch eine Menagerie ist wohl interessant und wenn meine beiden großen Schulkinder sich bis morgen recht gut aufführen und gute Noten nach Hause bringen, dann führe ich euch morgen abend in die Vorstellung.«
Wer war glücklicher als die beiden Geschwister! Sie sprangen und jubelten und konnten den andern Tag kaum erwarten. Fritz mußte Aennchen alles erzählen, was er in der Schule schon von fremden Tieren erfahren hatte, wo die Heimat der Elefanten und Kamele sei und wie sich die verschiedenen andern Tiere alle benennen. Und gleich begannen sie dann im Garten selbst mit den kleinen Brüdern Menagerie zu spielen.
Als Aennchen spät abends endlich erhitzt zum Schlafengehen herauf kam, zankte Lisette tüchtig und sagte:
»Du hast heute wieder eine schöne Unordnung hinterlassen, Wildfang. Als ich hereinkam, waren die Kleinen über deine Sachen her und ich konnte sie nur gerade noch retten, indem ich alles rasch ins Ränzel zusammenwarf. Nun magst du selbst sehen, ob alles in Ordnung ist.«
»Es wird schon in Ordnung sein,« erwiderte Aennchen leichtsinnig und blickte nicht mehr nach dem Ränzchen um; sie ließ sich auskleiden und schlief fröhlich ein.
Drittes Kapitel.
Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft.
Der andere Morgen brach recht verdrießlich für Aennchen an, indem sie verschlief. Lisette, welche sich heute bei der großen Wäsche, die im Hause war, zu schaffen machte und der bei solchem wichtigen Ereignis alles andere unbedeutend erschien, kam zu spät, sie zu wecken und anzukleiden. So geschah es, daß Aennchen zuerst mit dem linken Fuß aus dem Bett fuhr und deshalb schon beim Ankleiden recht verdrießlich und weinerlich war. Mit knapper Not konnte sie noch einige Tropfen Milch zu sich nehmen, dann mußte sie eiligst nach dem Ranzen greifen und ihren Weg, vielmehr ihren Sturmlauf, nach der Schule antreten.
Dennoch gelang es ihr nicht, sie noch rechtzeitig zu erreichen, denn als sie noch auf der Straße war, schlug die große Turmuhr bereits neun Schläge aus und in atemloser Hast rannte sie daher in das Schulgebäude hinein, die Treppe hinauf und in das Klassenzimmer, wo sie, unbekümmert um die Störung und das Aufsehen, welches sie verursachte, ihren Platz zu erreichen strebte. Aber Herr Milde trat ihr ernst und streng entgegen und faßte sie bei der Hand:
»Langsam, langsam, mein Kind! Weißt du nicht, daß man beim Betreten eines Zimmers höflich und fein grüßen muß? weißt du nicht, daß man pünktlich in der Klasse zu erscheinen hat und wenn dies nicht der Fall ist, wenigstens eine triftige Entschuldigung für die Verspätung vorbringen muß?«
»Lisette hat mich zu lange schlafen lassen,« stotterte Aennchen verlegen und unter den neugierigen Blicken der andern tief errötend.
»Nun und wie bittet man jetzt um Verzeihung?« fragte Herr Milde.
»Verzeihen Sie,« flüsterte Aennchen, aber die Bitte kam sehr gezwungen heraus, denn es war zu peinlich für das Trotzköpfchen, hier so öffentlich Abbitte thun zu müssen; bereits begann sich ihre üble Laune wieder zu regen und indem sie die Unterlippe schmollend hängen ließ, schlüpfte sie auf ihren Platz.
Hier begrüßte sie Alma sogleich lebhaft durch heimliches Zupfen, Nicken und Flüstern und schon wollte Aennchen ein leises Gespräch mit ihr beginnen, da stand Herr Milde vor ihr und begehrte die gefertigte Hausaufgabe zu sehen. Hastig begann sie den Ranzen aufzuschnallen, daß Bücher und Hefte durcheinander purzelten, und zog die schöne neue Schiefertafel hervor mit einem Gefühle heimlicher Befriedigung:
»Nun wird Herr Milde sicher Respekt bekommen, wenn er die vielen i’s sieht!«
Aber was war denn das? Die Seite war ja leer! Höchst erstaunt drehte sie die Tafel auf die andere Seite, doch auch hier war kein einziges i zu erblicken, nur ein wirres Durcheinander von Strichen und kleines Gekritzel. Verblüfft starrte Aennchen darauf hin – war dies denn ihre Tafel und wie war die Verwandlung vor sich gegangen?
»Nun, wo ist die Hausaufgabe? Du faules Mädchen hast sie wohl am Ende gar nicht gefertigt?« fragte Herr Milde ernstlich erzürnt.
»Freilich, Herr Lehrer,« schluchzte sie, »ich hatte die beiden Seiten vollgeschrieben und weiß nicht, warum sie jetzt leer sind – doch halt,« ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf, »gewiß waren es die unartigen kleinen Brüder, welche mir darüber gekommen sind.«
»Wie konnten diese zu deiner Büchertasche gelangen? Hattest du sie denn nicht gut verwahrt?«
»Nein,« weinte Aennchen, »weil die Menagerie vors Haus kam, ließ ich alles liegen und sprang davon.«
»Also bist du wirklich allein schuld daran,« tadelte Herr Milde ernst, »denn ein Mädchen, ob es noch so klein ist, soll vor allen Dingen stets ordentlich reinlich und pünktlich sein. Solange sie das nicht ist, muß sie für ihre Fehler bestraft werden, bis sie dieselben abgelegt hat. Ich kann dir nicht helfen, Aennchen, ich muß deinen Eltern Anzeige von dem Vorfall erstatten, damit diese dich nach ihrem Ermessen bestrafen können.«
Damit entfernte sich Herr Milde und ließ Aennchen in einer trostlosen Verfassung zurück. Ach, sie wußte wohl, womit ihre Eltern sie bestrafen würden; warum mußte ihr das Unglück auch gerade heute passieren!
In dumpfem Brüten saß sie auf ihrer Bank und vernahm kaum etwas von dem Unterricht und doch erzählte Herr Milde in solch schlichter fesselnder Weise eine Geschichte vom lieben Heiland.
Als um zehn Uhr zur Freiviertelstunde die Mädchen alle wieder fröhlich aus der Klasse strömten, da hatte sie heute nicht die geringste Lust, ihnen zu folgen; doch Alma faßte sie einfach am Arm und zog sie mit sich fort in den Garten hinunter. Und hier begann sie lebhaft auf sie einzureden, sie solle doch nicht so thöricht sein und sich solche Kleinigkeit so sehr zu Herzen nehmen, ihre Eltern würden ihr sicher nicht gleich den Kopf deswegen abreißen.
»Du hast gut reden, Alma,« schluchzte Aennchen, »meine Eltern hatten mir versprochen, mich, wenn ich eine gute Zensur mit nach Hause brächte, in die Menagerie zu führen, und nun ist es nichts damit.«
»Weiter nichts?« meinte Alma geringschätzig, »aus dieser gewöhnlichen Menagerie machst du dir etwas? Ich sage dir, da ist ein Kunstreiterzirkus viel schöner und ich habe schon oft einen gesehen. Soll ich dir zeigen, wie sie dort tanzen?«
Damit faßte sie ihr Röckchen zierlich an beiden Seiten, senkte sich tief zu Boden und machte eine anmutige Verbeugung. Nun begann sie vorwärts und rückwärts zu schreiten, erst langsam, dann immer schneller, jetzt drehte sie sich rings im Kreis herum, die schmalen Fußspitzen berührten den Boden kaum und im raschen Reigen flog sie auf und nieder. Wie gebannt hingen Aennchens Blicke an der reizenden Erscheinung; auch die andern Schülerinnen hatten ihre Spiele eingestellt und standen atemlos im Kreis herum.
Als sie endlich ihren Tanz mit einer nochmaligen Verbeugung schloß, da erschallte lautes Beifallsrufen aus den Reihen der Mädchen, nur einige, welche Alma nicht leiden mochten, verharrten in mißgünstigem Schweigen und ein größeres blasses Mädchen mit unfreundlichem Gesicht flüsterte hämisch:
»Wie eine Gauklerin!«
Alma hatte die Bemerkung wohl vernommen und mit dunkelglühenden Wangen stürzte sie auf die Sprecherin zu:
»Warum hast du mich Gauklerin genannt, Sarah Elich? nimm es gleich zurück!«
Sarah Elich aber schwieg verstockt still, da drang Alma mit erhobenen Armen auf sie ein und nur mit Mühe gelang es den Mädchen, die beiden auseinander zu bringen. Zur rechten Zeit rief gerade die Schulglocke die Kinder wieder ins Haus zurück, die leidenschaftliche Alma aber folgte mit Thränen des Zornes und knirschenden Zähnen ihrem Ruf, und ihr wunderschönes Gesicht sah ganz entstellt aus, als sie vor sich hin murmelte: »Dieser Sarah werde ich es noch gedenken!«
Aennchen erschrak beinahe, als sie sie anblickte, und unwillkürlich mußte sie, als sie wieder auf ihrem Platz saß, ihre Blicke vergleichend zu ihrer Nachbarin zur Linken hinüberfliegen lassen, welche sie heute den ganzen Morgen noch nicht beachtet und kaum eines Grußes gewürdigt hatte. Martha war auch um zehn Uhr nicht in den Garten gegangen, da sie sich vor dem wilden Mädchen gefürchtet hatte; doch saß sie mit ihren sanften stillen Augen ganz zufrieden auf ihrem Sitz, als ob ihr das größte Vergnügen zuteil geworden wäre. Unwillkürlich, beinahe ohne zu wissen, was sie that, reichte ihr Aennchen die Hand hinüber und mit einem überraschten beglückten Ausdruck legte Martha ihr schmales Händchen hinein. Gesprochen wurde nichts dabei, aber Aennchen fühlte sich mit einemmal viel ruhiger und der Gedanke flog ihr durch den Sinn: Könnte ich doch diesem Mädchen ein wenig ähnlich werden!
Nun begann wieder der Unterricht und diesmal war Aennchen eine achtsame Schülerin. Herr Milde las schöne Gedichte und Lieder vor, um sie der Kinder Gedächtnis einzuprägen für die nächste Singstunde. Gar zu gut gefiel Aennchen das schöne Lied:
»Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?«
Und als sie das hübsche Liedchen lernen mußte: »Ich hatt’ einen Kameraden« – da schwebte merkwürdigerweise in ihrer Phantasie als »treuer Kamerad« ihr nicht die schöne glänzende Alma, sondern die kleine verwachsene Gestalt der armen Martha vor. So verging die Zeit diesmal so rasch, daß sie beinahe mit Bedauern zwölf Uhr schlagen hörte, und nun kehrte ihr auch ihr ganzes Unglück wieder ins Gedächtnis zurück, als Herr Milde mit einem Briefchen auf sie zutrat und dasselbe ihren Eltern zu bringen befahl. O sie wußte wohl, was es enthielt, und wie schrecklich war es, dasselbe selbst übergeben zu müssen!
Den ganzen Heimweg über zermarterte sie sich den Kopf, wie sie sich des Briefchens am besten entledigen könnte – wie? wenn sie es am Ende unterschlug und gar nicht abgab, dann würde sie doch heute abend die Menagerie besuchen dürfen! Aber »pfui Aennchen!« schalt sie sich selbst aus, »das wäre ja abscheulich schlecht gehandelt und das Schlimmste, was man begehen könnte!«
So schlich sie denn, zu Hause angelangt, recht kleinlaut die Treppe hinauf, wo ihr die Mutter mit freundlichem Gruß entgegenkam: »Nun, mein liebes kleines Mädchen, hast du eine recht gute Zensur mit nach Haus gebracht?«
Bitterlich weinend, verbarg Aennchen ihr beschämtes Gesicht in der Mutter Rock: »Ach nein, Mama, ich bin ein recht unartiges Mädchen gewesen, der Herr Lehrer hat dir alles in dem Briefe geschrieben, aber das Schlimmste, das Schlimmste weiß er doch nicht und ich kann es dir nur leis ins Ohr sagen.« Damit drückte sie den Mund fest an das Ohr der Mutter und flüsterte:
»Ich wollte das Briefchen unterwegs zerreißen und nichts davon sagen.«
Erschrocken rief die Mama: »O Aennchen, das hast du thun wollen! Wie gut, daß dein frommer Engel dich noch rechtzeitig von solch schlimmem Unrecht zurückgehalten hat. Was du auch je im Uebermut und Leichtsinn begehen magst, es wird mich zwar immer sehr betrüben, aber ich kann es dir doch eher verzeihen, als wenn du zur Unwahrheit und Heuchelei deine Zuflucht nimmst! Und nun geh hinein, mein Kind, und wasche deine verweinten Augen; ich werde indes Papa des Lehrers Brief bringen; freilich kann es mit dem versprochenen Vergnügen für heute Abend nun nichts werden.«
Ja, leider wurde nichts daraus, wenn auch die Eltern dem reuigen Aennchen bald verziehen, als es so zerknirscht um Verzeihung bat. Die kleinen Brüder bekamen auch Strafe, daß sie sich über die Tafel der Schwester gewagt hatten. Als am Abend der Papa mit Bruder Fritz, der eine gute Zensur mit nach Hause gebracht hatte, zur Vorstellung fortging, da mußte sie brav bei Mama zu Hause sitzen und ihre Aufgaben sorgfältig machen. Aber sie war heute doch voll Eifer dabei und es ging ihr leichter von der Hand und als sie dann zu Bette ging, da betete sie heute bei Mama in ganz besonders andächtiger Weise:
»Hab ich Unrecht heut gethan, Sieh es, lieber Gott nicht an – Mache Du durch Christi Blut Gnädig allen Schaden gut.«
Viertes Kapitel.
Die Handarbeitsstunde.
Dienstag nachmittag sollte Aennchen die erste Handarbeitsstunde bekommen. Als es zwei Uhr schlug, fand sie sich mit ihrem nagelneuen Strickkörbchen, in welchem der rosenrote Wunderknäuel lag, in der Schulstube ein, wo heute anstatt des Lehrers eine Dame den Vorsitz führte. Es war ein liebes altes Fräulein mit silberweißen Haaren, welche zu beiden Seiten der Stirne als dichte Löckchen unter der großen schneeweißen Spitzenhaube hervorquollen. Sie trug ein grauseidenes Kleid und weißen Kragen und Manschetten und sah so lieb und gütig aus wie Aennchens Großmama, so daß diese gleich ein Herz zu ihr faßte und zutraulich auf sie zusprang. Und auch alle andern Mädchen hingen mit innigster Liebe an dem gütigen alten Fräulein, sie durften sie alle »Tante« nennen und die wildesten wurden sanft und artig, wenn sie sie mit ihren milden Augen fragend anblickte. Sie hatte für alle ein gütiges Wort, einen freundlichen Scherz und in ihrem großen Pompadour, den sie an der Seite trug, bewahrte sie für die allerartigsten sogar immer kleine Schokoladeplätzchen auf, die sie dann am Schluß der Stunde austeilte.
Das war eine gar lustige Stunde, in welcher sich die Mädchen bald so heimisch wie zu Hause fühlten; das Fräulein sprach mit den Kindern leichte französische Sätze, die sie bald verstehen lernten, und wenn sie recht artig gewesen waren, wurden in der letzten Viertelstunde fröhliche Liedchen gesungen. Aennchen hatte wie immer ihren Platz zwischen Martha und Alma eingenommen und zeigte sich am Anfang nicht wenig ungeschickt in der Führung der Stricknadeln, welche immer anders wollten, als sie selbst sollte. Ach, und die Maschen hatten eine so unüberwindbare Neigung, herunterzufallen – es war wirklich zu ärgerlich! Wie staunte Aennchen, als sie die kleine Martha gleich in der ersten Stunde an einem wunderschön gestrickten großen Strumpf stricken sah; doch meinte diese lächelnd: »Das ist nicht mein erster. Meine Mutter hat mich schon lange stricken gelehrt und beinahe alle Strümpfe, die ich trage, habe ich mir selbst gestrickt.«
Das war wirklich fabelhaft und Aennchen hätte beinahe den Mut verloren über einem solchen Ausbund von Vortrefflichkeit, wie sie sich ausdrückte, wenn nicht ihre Nachbarin Alma sich auch so ungeschickt wie sie selbst gezeigt hätte und dazu nicht einmal den guten Willen besaß, es besser zu machen. Sie rümpfte das Näschen über die »langweiligen Arbeiten«, wie sie sagte, und meinte: »Ich werde es ja gottlob doch niemals nötig haben, meine Strümpfe selbst zu stricken.« Alma hatte diese letzte Bemerkung so laut gegen Aennchen geäußert, daß selbst das Fräulein sie vernehmen mußte auf ihrem Platz am Katheder. Langsam richtete sie die sanften grauen Augen auf das unter ihrem Blick errötende Mädchen und sprach mit ihrer leisen gütigen Stimme:
»Wenn ich dich recht verstanden habe, liebes Kind, so bist du der Meinung, für dich wäre es nicht nötig, dich mit Handarbeiten abzumühen, weil deine lieben Eltern durch Gottes Gnade so sorgenfrei gestellt sind, daß auch deine Zukunft vollkommen gesichert erscheint. Vielleicht interessiert es dich daher, eine kleine Geschichte von einem Mädchen zu hören, das auch in seiner frühesten Jugend ähnliche Gedanken hegte wie du, und dafür bitter bestraft wurde. Sie wuchs in einem hohen stolzen Schlosse auf und hatte gütige Eltern, welche ihr alles gewährten, was ein Kinderherz entzücken kann; sie speiste auf Silber und Kristall und eine Schar von Dienern stand stündlich nur zu ihren Befehlen bereit. Und an solchen mangelte es dem kleinen herrschsüchtigen Persönchen nie, bald wollte sie auf dem großen Teich im Garten gerudert sein, bald wollte sie in ihrer Pony-Equipage fahren oder es sollten ihr aus der Stadt neue Spielsachen besorgt werden. Sie war so stolz, daß alle armen Kinder ihr zu gering schienen, sie nur anzusehen, denn sie glaubte sich über allen erhaben, und wenn ihre Lehrerin von ihr verlangte, sie solle eine Aufgabe lösen, dann stampfte sie mit dem Füßchen und behauptete, das Arbeiten sei nur nötig für arme Leute.
Aber sie sollte für ihren Uebermut hart bestraft werden, denn eines Tages trat ihr Papa eine weite Reise an, von der er nicht wiederkehrte – das Schiff, auf dem er fuhr, ging mit ihm unter. Nun war ihre Mama eine Witwe und fremde Männer kamen ins Schloß, die Reichtümer zu ordnen. Aber so sehr man suchte und suchte, es fanden sich keine vor, im Gegenteil nur eine große, große Summe von Schulden, so daß man auf das herrliche große Schloß und den Garten und die Felder und Wälder Beschlag legte und der Mutter des kleinen Mädchens gar nichts mehr übrig blieb, so daß sie eines trüben Tages das Schloß mit ihrem Kinde verlassen mußte. So jung das kleine Mädchen auch war, es empfand dennoch schon schwer die furchtbare Umwandlung, welche mit der Mutter und ihr vorgegangen war; sie sah ihre arme Mama Tag und Nacht weinen und sich abhärmen und in der kleinen kalten Dachkammer, in der sie wohnten, war ihr einziger Gefährte die bittere Sorge und Not. Wohl mühte sich Marguerites Mutter bis tief in die Nacht hinein mit ihren feinen Fingern ab, Handarbeiten zum Verkauf zu verfertigen, aber der Erlös reichte kaum hin, die beiden vor dem Verhungern zu retten.