Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren

Part 13

Chapter 13489 wordsPublic domain

Gleich darauf verschwand sie mit ihrer Begleiterin durch die Thür, alle andern in einer leicht begreiflichen Aufregung und Verblüfftheit zurücklassend. Der Frau Pfarrerin zitterten ganz die Kniee, so sehr hatte sie das eben Vernommene angegriffen, und ihre Töchter hatten lange zu thun, die bekümmerte Mutter über den Gedanken zu beruhigen, daß die Tochter ihres Bruders ein so emanzipiertes Mädchen geworden sei.

»Du hast alles versucht, was in deiner Macht stand, Mütterchen, Ellen von ihrem Vorsatz abzuhalten,« tröstete Klara, »nun liegt dir auch jede Verantwortung fern und es bleibt uns nichts übrig, als das verblendete Wesen Gottes Schutz zu empfehlen.«

»Ja, das wollen wir,« bestätigte die alte Dame einigermaßen getröstet, aber es lastete doch seitdem wie ein geheimer Druck auf ihr und so beeilten sich die Gäste, Alma und Aennchen, die aufgeregte Familie lieber allein zu lassen. So hatte dies letzte Beisammensein in Marthas Hause heute einen unerwartet trüben Abschluß erhalten, der noch lange Zeit nachher die Gemüter Aller beschäftigte.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Schluß.

Mehrere Wochen später war eine große Gesellschaft auf dem Bahnhof der Stadt um zwei junge Mädchen in niedlicher Reisekleidung versammelt, welche der nächste Eilzug in wenigen Minuten entführen sollte. Es waren Aennchen und Alma, beide von ihren Familien begleitet; außerdem hatte sich natürlich auch Martha, die unzertrennliche Freundin der beiden, eingefunden und deren Mutter. Herr von Stolzau führte die zarte Klara am Arme, welche das geliebte Stieftöchterchen mit Thränen scheiden sah; sie hätte so gerne gewünscht, sie hier zu behalten, doch hatte Almas Vater es für besser gefunden, dieselbe, wie bereits früher beschlossen gewesen, wirklich in die Pension zu senden – in einem halben Jahr sollte sie einmal auf einige Tage zurückkehren dürfen, um der Vermählung des Vaters beizuwohnen. Für heute aber galt es nun, ernstlich Abschied zu nehmen – der Zug pfiff, es war höchste Zeit einzusteigen, und kaum waren sie im Waggon, so läutete die Glocke zum zweitenmale.

In Thränen aufgelöst, hing Martha an Aennchens Halse.

»Gelt, Liebling, du vergißt mich nicht?« schluchzte sie immer und immer wieder.

»Nein, nie im Leben!« versicherte Aennchen, beinahe ebenso tief bewegt, »ich werde immer in Gedanken bei dir sein und dir täglich Briefe in Tagebuchform schreiben. Verlaß dich darauf, Liebling.«

»Die Billets, meine Herrschaften!« scholl die Stimme des Schaffners dazwischen, die Freundinnen wurden getrennt, beide griffen nach ihren Täschchen, der Mann nahm die Billets und schlug die Thür zu, ein lautes, grelles Pfeifen der Lokomotive, die Glocke läutete zum drittenmal, Aennchens Brüder schwenkten die Mützen und riefen: »Hurra, nun geht’s auf die Hochschule!« Die weißen Tücher flatterten im Winde und im raschen Flug entführte der Bahnzug die Mädchen dem neuen Lebensziel entgegen.

Welches die Schicksale der drei Freundinnen in den weiteren Jahren waren, das werde ich meinen jungen Leserinnen ein andermal berichten.

Druck von Maschning & Kantorowicz, Berlin S., Gneisenaustr. 41.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Lange Folgen von Gedankenstrichen wurden auf eine einheitliche Länge gekürzt.

Korrekturen:

S. 132: son → schon und gutem Ausdruck {schon} eine Anzahl