Part 9
Daß wir die meisten Dinge der Welt aus einem verschiedenen Standpunkte ansehen, erwiederte Walther, macht mir ihn nur lieber, seine Schwärmerei und sein Hang zum Aberglauben ist mir an ihm interessant; aber -- um ganz aufrichtig zu seyn -- seit wir da oben auf dem Schlosse bei Bamberg waren, in Glich, bin ich mißtrauisch gegen seinen Charakter geworden. Wenn ich seine frommen Reden bedenke, wenn ich höre, wie sentimental er von der Liebe spricht, wie verschämt er in Gesellschaft roher Menschen thut, für einen Mann fast tadelnswürdig jungfrauenhaft, und denke dann daran, wie er uns entlief und wieder zu dem schönen Mädchen nach dem einsamen Saale hinaufeilte, so halte ich ihn für einen Lüstling, der zugleich heuchelt und den Tugendhaften spielt. Mich wundert nur, daß jenes schöne Kind, die Tochter des Försters, ihn sogleich erhören konnte, wie es doch schien. Er erhält Briefe, die er verheimlicht, er weicht uns oft aus und entfernt sich unter den nichtigsten Vorwänden; hat er etwas Wichtiges zu verschweigen, so sollte er mir dies wenigstens eingestehn; sind aber seine Heimlichkeiten immer kleine unerlaubte Liebeshändel, so ist sein Charakter nicht so beschaffen, daß ich ihn zum Freunde behalten möchte.
Mein Herr, sagte Wachtel mit einiger Feierlichkeit, sind Sie etwa damals in Glich auf unsern Freund gar nicht eifersüchtig gewesen? denn das schöne Mädchen schien Ihnen auch zu gefallen. Was er liebt, wie er liebt, wie orthodox oder heterodox, sentimental oder liberal er die Sache betreibt, ob sein Herz nur Raum für einen Gegenstand hat, ob es vielen zugleich Quartier geben kann, ob die eine seine Göttin ist und andere nur Dienerinnen, oder Zerstreuerinnen seiner Melancholie, über alles Dieses erlaube ich mir kein Urtheil und keinen Richterspruch, wenn er mich nicht selbst in seine Geheimnisse einweiht. Aber er ist gut und edel, darauf kenne ich ihn von Jugend auf. Geheimnißkrämerei ist immer seine Liebhaberei gewesen. Und Sie sind ebenfalls geheimnißvoll gegen ihn. Mir scheint, keiner weiß vom Andern etwas Bedeutendes, Zufall und Laune haben Sie vereinigt, aber das Leben, die Verhältnisse eines Jeden sind dem Andern verborgen. Ich kenne Ferdinand seit lange und bin vertraut mit seinem früheren Leben, aber was seit zehn Jahren mit ihm geworden ist, liegt für mich auch ganz im Dunkel.
Walther reichte ihm die Hand und sagte: Sie haben nicht Unrecht; ich hoffe, im Verlauf der Reise wird sich noch die Gelegenheit finden, daß wir unsere Verhältnisse näher kennen, dann sollen Sie erfahren, warum ich jetzt Ihnen so wenig als Ferdinand von meinen Verbindungen und Absichten etwas vertrauen kann.
Beim Badehause fanden Sie Ferdinand lesend unter den Bäumen, unter welchen die lange Mittagstafel schon bereitet war. Ich konnte es in der Höhle, sagte er, nicht aushalten, so beängstigte mich der Schimmer und der Dunst der Lampen. Jetzt kamen die Gebrüder Hardenberg und nach und nach versammelte sich die Tischgesellschaft. Der Herzog von Meiningen speisete auch an der Table d'hote, und der Anblick der Landleute, die sich versammelt hatten, und neugierig oben vom Hügel zwischen den grünen Bäumen auf ihren Fürsten und die Fremden herniederschauten, alle diese fröhlichen Gesichter von Alt und Jung machten einen sehr erfreulichen Anblick.
Nach Tische ließ sich der Fürst durch Hardenberg, den er schon längst persönlich kannte, dessen Freunde vorstellen. Er sprach lange und freundlich mit ihnen, indem er ungesucht vielfache Kenntnisse und eine echte Bildung zeigte. Er war schlank, hatte blondes, fast graues Haar, ein gealtertes Gesicht, in welchem der Ausdruck des Ernstes und der Melancholie vorherrschte, das sich aber schnell in Freundlichkeit und schalkhaften Ausdruck verwandeln konnte.
Es war eine mittelmäßige Schauspielertruppe, die zuweilen in einem kleinen Saale ihre Vorstellungen gab. Heut aber wurde in einem andern Local ein Puppenspiel mit großen Marionetten aufgeführt; die übrigen Freunde interessirten sich für diese Kinderei nicht, aber Ferdinand, der dergleichen Seltsamkeit leidenschaftlich liebte, freute sich auf den Genuß dieses Abends.
Walther ging mit Hardenberg spazieren, Wachtel blieb im Badehause und Ferdinand eilte dem Marionettentheater zu. Er zahlte für den ersten Platz und drängte sich in den übervollen Saal. Bauern, Bauermädchen, Bürger, Soldaten, Offiziere, Alles war so fest ineinandergeschoben, daß sich weder Hand noch Fuß regen konnte. Ferdinand wollte seinen ersten Platz gewinnen und bat, ihm Raum dahin zu gönnen, weil er meinte, er befände sich noch auf der letzten und wohlfeilsten Stelle. Was ihm am empfindlichsten auffiel, war, daß Tabaksdampf, der ihm verhaßt war, den ganzen Saal anfüllte, denn Alles, bis auf die Bauernknechte, rauchte aus größeren oder kleineren Pfeifenköpfen. Er hoffte, da hier Alles noch stand, vorn zum Sitzen zu gelangen und sich aus den stinkenden Wolken zu entfernen; vor ihm war ein Mann im grünen Ueberrock, welchen er anstieß und höflich sagte: Machen Sie mir gefälligst etwas Raum, denn ich habe für den Ersten Platz bezahlt. -- Ja, erwiederte der Mann, der aus einem ungeheuern Meerschaumkopfe rauchte, das, mein guter Freund, haben wir Alle, hier sind wir Alle gleich, wie im Paradiese. Indem Ferdinand etwas näher gekommen war, erkannte er in diesem Sprechenden den Fürsten. Gewiß war er also auf dem ersten und vornehmsten Platze und genoß der Ehre, den Fürsten zu drängen und von ihm geklemmt zu werden. Von der früheren Vorstellung und dem feinen Hof- und wissenschaftlichen Gespräch war in dieser Atmosphäre nicht mehr die Rede, ja es wäre lächerlich gewesen, sich darauf zu beziehen, denn der Herr erschien hier ganz verwandelt. Ihn störten nicht die plumpsten und ungezogensten Späße seiner Umgebung, manche Militairs trieben die Ausgelassenheit und den Scherz mit einigen Bauerdirnen über jede Grenze, und diese Armen hatten Mühe, aus dem Gedränge zu entkommen und das freie Feld wieder zu gewinnen. Als schon manche von den Honoratioren sich entfernt, der Fürst selbst nach einiger Zeit die Bude verließ, so zögerte auch Ferdinand nicht länger, im Wald und auf dem Berge wieder eine reinere Luft zu athmen.
Im Saale war Ball, in welchem Alle, die Theil nehmen wollten, ohne Gene tanzten: Edelleute, Damen und Handlungsdiener; auch die Herzogin von Hildburghausen war unter den Tanzenden und gütig und herablassend mit Jedermann. In einem andern Saale wurde gespielt, und hier traf Walther seinen Freund Freysing in seinem glänzenden Beruf. Die Bank, die dieser aufgelegt hatte, war sehr ansehnlich. Walther sah nur zu, ohne mitzuspielen. Er fand wieder, was ihn so oft entsetzt hatte, wenn er in den Spielsälen stand, diese verzerrten Gesichter, die Habgier oder Wuth und Verzweiflung ausdrückten, einige, die kalt und gleichgültig scheinen wollten, waren todtenblaß, sie zwängten den Zorn und die Angst in sich zurück. Freysing betrug sich wie ein König, nur etwas zu stolz, weil bei seinen aufgethürmten Goldhaufen ihm der Satz der Pointirenden wohl zu unbedeutend scheinen mochte.
Walther hatte seit lange einen Mann beobachtet, welcher schon viele Goldstücke verloren hatte und dem der kalte Todesschweiß über das bleiche Antlitz in großen Tropfen rann. Er verließ oft ingrimmig und wie verzweifelnd den Saal, ging draußen mit sich ringend auf und ab und kam dann nach einiger Zeit zurück, nachdem er von Neuem Geld von seinem Zimmer geholt hatte, welches er dann eben so schnell, wie die vorigen Friedrichsd'or verlor. Er spielte so leidenschaftlich und wild, daß er durchaus nicht die gehörige Aufmerksamkeit auf sein Spiel haben konnte. Freysing beobachtete ihn sehr aufmerksam von seinem Sitze und schien nur ungern die Goldstücke des Armen einzuziehen. Im Nebenzimmer erkundigte sich Walther bei einem freundlichen Manne, wer dieser tollkühne Spieler sei, und erfuhr, er sei ein Geschäftsmann aus Meiningen, der mit Frau und einigen Kindern von einem mäßigen Gehalt leben müsse. Er habe sich wohl verleiten lassen, seine Umstände verbessern zu wollen, der Verlust setze ihn in Angst, und er suche, was er verloren wie mit Gewalt wiederzugewinnen. Diese Leidenschaft, sagte der Erzählende, in welche die Pointeurs immerdar gerathen, ist eigentlich das sicherste Capital der Bank. Der arme Mann, der ansehnlich verloren hat, wird nun Schulden machen müssen, er verliert seinen Namen, seine Familie darbt und er endet vielleicht in Verzweiflung.
Als Walther in den Spielsaal zurückging, kam ihm dieser Herr Anders mit verzerrten Mienen der Todesverzweiflung entgegen. Er lief eilig aus dem Hause und schien keinen der Anwesenden zu bemerken, die ihm mitleidig oder auch wohl mit Hohn und Schadenfreude nachsahen.
Er kam nicht wieder, und Walther war überzeugt, er habe Alles verloren. So verging eine geraume Zeit, neue Spieler kamen, geplünderte entfernten sich, doch vermehrte sich die Anzahl um den Spieltisch. Da trat jener Anders wieder taumelnd herein, er schwankte umher und sein bleiches Angesicht schaute den Spielenden mit gläsernen Augen über die Schultern. Er biß sich auf die Lippen, als er einige Pointeurs bedeutende Summen gewinnen sah. Plötzlich machte er sich Platz und schob den einen Zuschauer mit Ungestüm zurück, indem er sich neben den erschreckten Walther eilig hinstellte. Er griff hastig nach einer Karte und, ohne sie fast zu betrachten, besetzte er sie mit einigen Goldstücken. Die bleichen Lippen zitterten ihm, und sowie die Karte verlor, zuckte es wie ein Blitz über sein Antlitz hin. Er schob mit krampfhaftem Zittern die Goldstücke dem Bankier hin, und dieser, ihm einen scharfen Blick zuwerfend, schleuderte sie wieder nach des Spielers Platz, indem er kalt sagte: Führen Sie so die Nymphen auf der Gasse mit solchem Golde ab. Es war eine Todtenstille im Saale, Walther fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Der Hausvater, der Geschäftsmann, die unauslöschliche Beschimpfung des Aermsten, seine wahrscheinliche Verzweiflung, Alles dies ergriff ihn mit ungeheurer Gewalt. Ein Moment, in welchem er vernichtet war, aber schnell ermannte er sich und rief mit festem Tone dem Bankier zu: Herr Bankier, Sie thun meinem Freunde, dem Herrn neben mir, sehr Unrecht; ich habe ihm aus Versehen die Spielmarken statt der Goldstücke eingehändigt, weil ich sie bei mir trug, ich bin mit ihm Moitié, und so zahle ich den Verlust. Sie werden nicht glauben, daß ein solcher Irrthum ein vorsätzlicher war, da Sie mich persönlich kennen.
Freysing erhob sich von seinem Sitze, bückte sich sehr tief und sagte, da er die Absicht seines Bekannten sogleich durchschaute: Mein Herr Baron, ich bitte Sie und den Herrn, mit welchem Sie gemeinschaftlich spielen, hiemit um Vergebung. Ich war im Unrecht, die geehrten Herren mögen von der Güte seyn, meine Uebereilung, die ungeziemlich war, zu vergessen.
Walther hatte mit einem stummen Druck den beängstigten Anders neben sich auf einen Stuhl niedergezogen. Er spielte jetzt und gewann binnen Kurzem eine ansehnliche Summe, der Haufen Goldes, welcher vor ihm lag, wuchs mit jeder Minute. Als dreihundert oder mehr Goldstücke gewonnen waren, stand er auf und sagte höflich: Jetzt, Herr Anders, haben Sie die Güte, mir zu folgen, daß wir uns berechnen können.
Er führte den Zitternden und Erstaunten auf sein Zimmer und händigte ihm hier die ganze Summe ein, indem er sagte: Hier, Sie Armer, Bethörter, empfangen Sie, was ich in Ihrem Namen gewann, es ist, so viel ich habe beobachten können, um ein Beträchtliches mehr, als Ihr Verlust. Richten Sie sich ein, spielen Sie nicht wieder, Sie sehen, wie unglücklich man werden kann.
Mein Wohlthäter, sagte der Zerknirschte stammelnd, was Sie mir geben, ist mehr als das Vierfache meines Verlustes. Es giebt Thaten, für die jeder Dank zu klein ist. Sie retten meine Familie, meine Ehre, mein Leben, denn ich mußte mich nach dieser Beschimpfung ermorden, wie ich auch beschlossen hatte, wenn ich verlor.
Mit Thränen entfernte sich der Beglückte und Walther begleitete ihn vor das Haus. Wachtel, der im Alkoven Alles angehört hatte, sagte für sich: Das ist bei alle dem ein kreuzbraver Kerl, dieser Walther!
Walther ging in den Spielsaal und sagte in einer Pause heimlich zu Freysing: Ich hätte Sie für großmüthiger gehalten, warum einen solchen Elenden vernichten?
Ich sollte es wohl seyn, erwiederte Jener, der Aerger übereilte mich. Sie haben mir aber eine hübsche Lection gegeben, an welche ich bei einem ähnlichen Falle denken werde.
* * * * *
In Gesellschaft Hardenberg's und dessen Bruders, sowie der Verwandten, die sich in Liebenstein zusammengefunden hatten, oder die in der Nähe wohnten, ging die Zeit gar anmuthig hin. Man erzählte viel charakteristische Züge von den sonderbaren Launen des trefflichen Fürsten; dabei aber verkannte man nicht, was er für die gute Einrichtung dieses Bades, vorzüglich aber für die Wohlfahrt seines Ländchens gethan hatte.
An der heitern Mittagstafel, als die Freunde unter sich und keine Damen zugegen waren, sagte Wachtel: Ich bin Euch noch schuldig, meine Freunde, wie ich gestern Nachmittag meine Zeit hingebracht habe, zu berichten. Ich mochte das Puppentheater so wenig wie den glänzenden Ball besuchen, aber ich hatte erfahren, daß der berühmte Oberforstmeister Cramer von Meiningen hieher in das Bad, aber nur für diesen Sonntag gekommen sei. Wie Ferrara seinen Ariost und Tasso, Florenz seinen Dante, Leipzig seinen Gottsched, Anspach seinen Utz und Weimar seinen Göthe hat, so besitzt seit lange schon Meiningen seinen Cramer. Ich sah den Mann, er ist groß, ziemlich corpulent, und sein Gesicht eins von denen, die das Glück und die Auszeichnung haben, gar keinen Ausdruck zu besitzen. Diese sogenannte Gutmüthigkeit oder Bonhommie, wie man dergleichen nennt, welche nur die trivialste Alltäglichkeit ist, lockt jeden noch so simpeln Dummkopf herbei, um sich ohne Aengstlichkeit in der Gegenwart eines solchen harmlosen Autors ganz seiner Einfalt zu überlassen und den berüchtigten Vetter Michel für den Vorsteher der Grazien zu halten. Glücklicher Weise habe ich in früheren Jahren, weil ich ein unnützer Bengel war, die meisten Romane dieses Cramer, vom Erasmus Schleicher bis zum Paul Ysop, gelesen. Ich sah neben ihm einen Halbbekannten und benutzte dies, um mich dem genialen Deutschen vorstellen zu lassen. Wir setzten uns dann dorthin, vor dem Badehause, dem Geländer nahe, den Blick auf die Landstraße gerichtet. Der große Mann hatte kein Arg daraus, ob ich ihn auch für den Autor erkannte, für den ihn die Abonnenten der Leihbibliotheken eine Zeitlang hielten. Ein schmaler, schwindsüchtiger Medicus sagte: O Bruder Cramer, erinnerst Du Dich noch unseres verewigten Freundes auf der Universität, des seligen Lange, mit dem wir so manchen seligen Abend durchschwärmt haben?
Wohl, sagte Cramer, indem er sein Glas erhob und der große Mund lächelnd durch die Nähte der Pockennarben brach: das war ein großer Mensch! Himmel, wie idealisch konnte er beim Sonnenaufgang oder in den Frühlingsmonaten gestimmt seyn! Es war eine Wonne, mit der kräftigen Menschheit des Kerls zu harmoniren. Viele von Klopstocks Oden wußte er ganz auswendig; wenn er sie deklamirte, zitterte er vor Entzücken, wie ein eingefangenes Rothkehlchen. Wir nannten ihn nur Selmar, -- und das arme Vieh hat nachher so miserabel crepiren müssen!
Wie so? fragten die Freunde, indem sie die Weingläser niedersetzten.
Weil der Schwernothshund, sagte der Autor mit edelm Ingrimm, es nicht lassen konnte, sich trotz seines Aufschwungs mit liederlichen Menschern einzulassen. Das war nun einmal seine schwache Seite. Petrarch und Laukhard, oder ein Anderer der Zunft, Bahrdt, oder wer es sei, war er in demselben Augenblick. O seine zarte, himmlische Jenny! was das hohe Wesen über diese zu weit getriebene Vielseitigkeit des hochgestimmten Schwärmers gelitten hat! Die Creatur war doch wirklich so, als wenn ein himmlischer Engel in dieses Erdenleben herabgestiegen wäre, um uns eine Darstellung der hohen Flüge eines Plato im sterblichen Abbild zu geben. Mehr als Sophronia und Clorinde des Tasso, höher als Werthers Lotte, oder die Sophie des Fielding war sie so einzig, daß die Brutalität selbst in ihrer Nähe zur Tugend wurde. Tausendschwernoth noch einmal! Wenn sie so mit ihrem Inamorato dahinwalzte! Als den nun, wie Ihr wißt, Freunde, an der schlechten Krankheit der Teufel so rein weggeholt hatte, so gab sie endlich den Bitten des dünnbeinigen Assessors Gehör und verheirathete sich mit der verfluchten Massette. Sie hatte aber schon von ihrer ersten Liebe ein Kind gehabt, das sie heimlich erziehen ließ. Der Junge bekam nachher das böse Wesen und verreckte im Hospital. Die himmlische Laura ergab sich dem Branntwein und es war, wegen des Athems, in den letzten Jahren nicht mehr bei ihr auszuhalten. So verwelken die edelsten Blüten des Lebens.
Und Alfonso, fragte der Schmächtige, jener aufgeklärte Theologe, er hieß eigentlich Wackelbein, -- was ist aus dem geworden?
Im Narrenhause, sagte Cramer, hat er an der Kette verendet. Er war zu genialisch, und wollte immer Werther und Guelfo in den Zwillingen von Klinger zugleich seyn. Als er in der Stadt lebte und der Superintendent ihn zum Adjunctus in sein Haus nahm, hatte er seine höchste genialische Zeit. Was er damals schrieb oder sagte, war classisch. Er selbst aber immer besoffen. Das Schwärmen hätte ihn aber doch nicht so sehr daran gehindert, daß der große Geist wäre in eine gute Stelle gesetzt worden; -- aber, wie nun sein schönstes Buch sollte gedruckt werden (eine Nachahmung meines Erasmus, wo er zugleich den Bambino Klingers hineingebracht hatte), kam es heraus, daß die Köchin im Hause von ihm schwanger und die Kirchenkasse bestohlen, ja eigentlich ganz weggeraubt sei. Von beiden war er der Thäter, und er konnte es nicht leugnen; schon täglich besoffen, wurde er vom Kummer verrückt und fuhr so dahin. -- So habe ich so manche echte Genies, die die Zierde unseres Vaterlandes werden konnten, zum Teufel fahren sehen. Ich habe mich gehalten, so viel ich auch erlebt, so viel ich auch erduldet habe. Der Dienst der Musen ist kein leichter. Mit dem Teufel ist nicht zu spaßen.
Ferdinand erzählte, wie schlimm es ihm in dem Marionettenspiel gegangen sei, worauf Walther sagte: Sie haben also, meine Freunde, einmal recht die deutscheste Deutschheit verkostet. Sonderbar, daß es noch immer viele Gegenden und Gesellschaften giebt, wo ein solcher Ton für das Herzliche und Biedere gilt. Bei diesen steht dann Grazie und Urbanität als Heuchelei und Affektation im schlimmsten Verruf. Aus den Büchern, in welchen der hiesige Ariost die Sitten edler und treuherziger Männer geschildert hat, bildeten sich früherhin manche Studenten auf der Universität, und aus diesen Reminiscenzen schrieben Manche wieder in späteren Jahren Bücher in demselben Ton. Diese rohe Manier verliert sich jetzt mehr und mehr bei unsern Landsleuten.
Ich zweifle, fuhr Ferdinand fort, daß der Gebildete in irgend einem andern Lande an dieser vorgeblichen Herzlichkeit, Biedertreue und Ungeschlachtheit zu leiden hat. Dies Marionettenspiel selbst war eben so schlecht, daß, wer nach diesem meine Vorliebe für diese groteske Unterhaltung beurtheilen wollte, mir sehr Unrecht thäte. Es werden jetzt ungefähr zehn Jahre seyn, als ich auf einer Reise durch den Harz in Quedlinburg dieses wunderliche Drama zuerst entdeckte. Ich kann es wohl eine Entdeckung nennen, denn es wich völlig von jenem Zeitvertreib der gebräuchlichen Puppenspiele ab, und dieses, wie jene gewöhnlichen dienten nur dem Volke zur Aufheiterung, und der Gebildete wendete sich mit Verhöhnung ab. Diese Figuren, die ich jetzt kennen lernte, waren ziemlich groß und wurden sehr geschickt durch eine künstliche Wage und Gewichte regiert, die die Glieder in Bewegung setzten, indem die Fäden an den Fingern der Dirigirenden hingen. Am künstlichsten aber war die Figur des Lustigmachers oder des Casperle, wie er hier genannt wurde. Nach einiger Zeit glaubte man ein wirkliches lebendes Wesen zu sehn; man zweifelte nicht mehr an dem Mienenspiel und er machte mich so lachen, wie ich es nur selten im Leben vermocht habe. Ich erkannte hieraus, wie die Maske, wenn ein gutes Gedicht nur übrigens gut gespielt würde, gewiß nicht die Täuschung stören oder aufheben könne. Am meisten aber überraschten und interessirten mich die wunderbaren Stücke, die gespielt wurden. Sie waren so originell, so großartig erfunden und so kühn durchgeführt, daß ich sie mit keinen andern bekannten vergleichen konnte. Der Don Juan z. B., den sie darstellten, wich sehr von jenem ab, der nach dem Moliere und den Italienern gearbeitet ist. Nach einigen Jahren sah ich mit Erstaunen, daß er nach dem eigentlichen Original des Spaniers Tirso de Molina umgewandelt war. Von einem andern Stücke entdeckte ich später, daß es ganz, aber so, wie dieses Marionettentheater es brauchen konnte, nach einem höchst wunderbaren und religiösen Schauspiel des Mira de Mescua gearbeitet sei. Eine »heilige Dorothea« folgte ziemlich genau der Tragödie, welche die Engländer Massinger und Decker über diesen Gegenstand gedichtet haben. Ich wollte die Directoren der hölzernen Truppe schon damals bereden, in Berlin ihre Künste zu zeigen, was sie aber jetzt noch nicht wagten, sondern erst sieben oder acht Jahre nachher den Versuch machten und großen Beifall fanden, vorzüglich bei den Freunden der ältern Poesie. Die Herren Dreher und Schütz (diese waren die Dirigenten) erzählten mir, daß alle ihre Manuscripte alt seien, daß sie noch viele besäßen, die sie aber niemals darstellten, unter andern einen König Lear, der aber mit dem weltbekannten Gedichte kaum eine Aehnlichkeit habe. Ich wollte sie überreden, mir diese Gedichte zur Ansicht zu vertrauen, was sie aber standhaft verweigerten, so wie sie auch von dem Rath nichts wissen wollten, diese Sachen durch den Druck bekannt zu machen. Sie glaubten, daß sie sich ihre Aufführungen dadurch verderben möchten. Ich wußte, daß zu Shakspeare's Zeiten von einsichtigen Mechanikern eine neue Art war erfunden worden, ziemlich große Marionetten künstlich in Bewegung zu setzen. Die Spiele dieser Puppen machten Aufsehen und fanden großen Beifall. Ben Jonson spottet selbst einmal darüber, daß dieses hölzerne Theaterspiel Mode sei und von Manchem dem der Komödien vorgezogen werde. Man gab die Schauspiele, die die populärsten waren, und gute Köpfe, die gerade nichts Besseres zu thun hatten, arbeiteten für diese Bühne und nahmen die besten Komödien berühmter Dichter, um sie für die Marionetten abzukürzen und mit mehr Spaß und Tollheit auszustatten. Die Marionetten zogen hierauf nach den Niederlanden, und in Brüssel und Antwerpen, wo damals viele spanische Komödien gespielt wurden, nahmen sie von diesen die beliebtesten und wunderbarsten in ihr Repertoir auf. Manchen, die ich damals und später in Berlin sah, habe ich noch nicht auf die Spur kommen können; sehr merkwürdig war die Geschichte eines Königssohnes, der sich wahnsinnig stellte, aber nichts mit Hamlet gemein hatte. Der verlorne Sohn ist nach einem alten englischen Schauspiel, und jener landkundige Faust, der unserm großen Dichter in seiner Jugend wohl zuerst den Anstoß zum wunderbarsten seiner Werke gab, ist im Wesentlichen dem Faust des Marlow nachgebildet. Man kann dem Barocken und toll Poetischen nur mit einer gewissen Leidenschaft sich hingeben, eine ruhige kritische Billigung ist unpassend und dem Gegenstande nicht angemessen; und so gestehe ich gern, daß ich damals diese mir noch neuen Spiele vielleicht überschätzte, aber auch jene Menschen, die sich ganz davon abwendeten, nicht tadeln konnte. -- Hier aber war von jenem Poetischen, was mich damals so sehr erfreute, auch keine Spur mehr. Die Marionetten waren schlecht und spielten ungeschickt, der Text war ganz modern, aus Kotzebue und einigen beliebten Opern zusammengestoppelt, so daß mich weder Publikum noch Theater auf lange fesseln konnte. Große, wunderbare Verhältnisse, das Tolle, Phantastische und ganz Tragische paßt nur für diese Volksbühne.