Schriften 23: Novellen 7

Part 8

Chapter 83,646 wordsPublic domain

Das Reisen selbst, erwiederte Ferdinand, ist für Den, welcher es versteht, eine so poetische Kunst, daß ich mich in diesem Sinne gern als gebornen Vagabunden bekenne. Mich dünkt, der merkwürdige Theophrastus Paracelsus sagt schon, das Reisen sei das Lesen eines herrlichen Buches, in welchem man die Blätter mit den Füßen umschlage. Die Natur und jede ihrer Launen kennen zu lernen, sich ihr ganz zu eigen zu geben, Heiterkeit und Genuß wie Regen und Sturm mit Dank empfangen, dies verstehn nur wenige, und die es vermögen, sind schon Eingeweihte. Dann die Kunst, zu lernen, wie man mit dem Volke leben kann, daß man aus allen Gesinnungen etwas Neues hört, daß man die Spur findet, wo auch in anscheinender Einfalt die Weisheit unbewußt spricht, wie die Wahrheit immer hinter allen Masken der Lüge hervorblitzt, alles Dies dient, unsern Geist zu erheben und reif zu machen. Dazu die Wunder, das Staunenswürdige, das uns Kunst, Natur, das Firmament und die Elemente bieten, oft auch die unscheinbare Gesellschaft und der zufällige Spaziergang. Schon in Teplitz sah ich dergleichen, und ihr Alle, die ihr doch gern staunen mögt, habt es ebenfalls angeschaut, doch ohne es zu beachten. Dorthin kommen alle Sommer aus dem innersten Ungarn Menschen, welche die deutsche Sprache nicht verstehen. Sie verkaufen Draht, Mäusefallen und andere geringfügige Sachen, dabei bessern sie kupfernes Geschirr aus und umflechten Töpfe und Schüsseln. Sie gehen in braunen, langen und weiten Jacken, und nur in dem Einen Aermel steckt in der Regel der eine Arm, sie haben keine Schuhe und Strümpfe nach unserer Art, sondern tragen eine Art von Sandalen, und mit Tuch oder Leinwand ist das Bein umwickelt, so wie es vor der Erfindung der Strickerei und Weberei gebräuchlich war. Ihr Gang hat nichts von unserer Dressur, sondern ist so frei und leicht, wie ihn kein Tanzmeister erreichen oder nur nachahmen könnte; dabei ist in ihren Schritten aber nichts von dem festen Springegang, den man an den Tyrolern beobachten kann. Eben so hat ihr Auge nichts von dem kühnen Umblick jener Bergjäger, sondern es sieht ruhig und in stiller Schwermuth geradeaus und nieder, ist aber niemals forschend oder neugierig. Diese Armen, weil ihr Gesicht von ihrem Geschäft in der Regel schwarz und ungewaschen und von der Sonne und dem langen Wege gebräunt ist, werden von manchem Badegast wie Banditen und Bösewichter angesehen. Ich bin ihnen stundenlang nachgegangen, um sie zu beobachten, ich habe mich mit ihnen zu verständigen gesucht und ihnen manche Gabe zukommen lassen, weil mir ihr Wesen so edel und echt menschlich schien. Sie sammeln, was sie an kleiner Kupfermünze einnehmen, und schütten es in einen Aermel ihrer Kutte, den sie unten zubinden, um mit dem geringen Erwerb mühsam in ihr fernes Vaterland zurückzukehren. Der Ausdruck ihres Gesichtes ist so schwermüthig, daß man sich angezogen fühlt, und was das Merkwürdigste ist, ich habe niemals einen von ihnen lachen, oder auch nur lächeln sehn, sei es ein junger Mensch oder ältlicher Mann, selbst wenn ich ihnen eine Gabe mittheilte, die ihre Erwartung übertraf. Ein milder, dankender Blick hat mich gerührt, und sie waren augenblicks so ruhig, wie immer. Wer sind diese Menschen, die mir als ein Wunder in unsrer Welt erschienen? Sind sie eine Art Paria? Mit den Zigeunern haben sie keine Aehnlichkeit. Ich konnte sie nicht ausfragen, weil sie mich nicht verstanden, die übrigen Menschen gingen gleichgültig an ihnen vorüber, und ich würde einen Otaheiten oder Chinesen nicht mehr als diese umherwandernden Kesselflicker anstaunen.

Du magst nicht Unrecht haben, sagte Wachtel, es thut mir leid, daß ich diese Slawaken, oder Croaten und Wallachen nicht besser beachtet habe. Kommt mir einmal wieder einer in den Wurf, so will ich ihn gewiß unter mein Mikroskop nehmen.

Nach Tische verließ die Gesellschaft Würzburg und begab sich nach dem Lustschlosse Werneck. Im Garten dieses ehemals fürstbischöflichen Schlosses sind noch einige schöngeflochtene Berceaus, nach alter französischer Art, und Ferdinand ergoß sich in Lobpreisungen dieser jetzt verschmähten Gartenkunst, für welche er eine fast übertriebene Vorliebe zeigte. Nichts so Entzückendes, rief er aus, als ein solches dichtgeflochtenes hohes Gewölbe von glänzendem, jungem Buchenlaub. Die Sonnenhitze kann nicht durchdringen, und man wandelt wie in einem lebendigen Saale oder dem Schiff einer Kirche, dessen Wölbung das glänzende Licht in Smaragden verwandelt. Die erfrischende Kühle spielt durch den weiten, langen Raum; im Sturm und Regen ist der Gartenfreund hier wie im Schlosse selbst gesichert. Um zu lesen oder ein vertrautes Gespräch zu führen, ist ein solcher Gang vorzüglich geeignet, ja er erzeugt durch das Offene, Heitere und zugleich Abgeschlossene Vertrauen, und das auffallend Künstliche dieser Bogenwölbung, so innigst mit der Baumschönheit verbunden, ist so lieblich und phantastisch, daß es wie von selbst Poesie und zarte Wunderträume erregt. Preise man nur nicht so unmäßig jene monotonen, melancholischen englischen Gärten, die weit eher ein Rückschritt zur Barbarei zu nennen sind, als daß sie die echte, höhere Gartenkunst sich rühmen, oder gar für die einzig wahre ausgeben dürften.

Sie blieben die Nacht in Schweinfurt, einem wohlhabenden, behaglichen Städtchen. Am folgenden Morgen verließen sie die Chaussee, um auf schlechten Wegen nach dem Badeort Kissingen zu gehen; der Ort ist nur klein und es waren nur wenige Trinkgäste zugegen. Eine Meile entfernt ist das Dorf und Bad Bocklet. Hier ist eine schöne grüne Natur, waldbewachsene Hügel, frische Thalwiesen und eine anmuthige, feierliche Einsamkeit. Nach einem ziemlich langen Spaziergang kamen sie in den Speisesaal zur versammelten Gesellschaft. Ferdinand traf einige Damen und Fräulein, die er wohl sonst in Berlin gesehen hatte. Es überraschte ihn seltsam, in diesem einsamen kleinen Orte Figuren wiederzufinden, die er sich bis dahin nur in den großen erleuchteten Salons hatte denken können.

Hören Sie, sagte Walther zu Wachtel, den er bei Seite nahm, mit welchem Enthusiasmus unser Freund wiederum von seinen berlinischen Freundinnen, vorzüglich aber von der Familie aus Madlitz spricht. Er ist übermäßig glücklich, daß er einige Dämchen getroffen hat, die doch einigermaßen, wenn auch ungern, in das Lob seiner Schönheiten einstimmen; denn es ist mehr als ungalant, man kann es unartig nennen, gegen junge Damen andere abwesende in so hohen Tonarten zu loben. Bemerken Sie nur, wie alle diese Badeschönheiten die zierlichen Lippen aufwerfen und die Näschen rümpfen, wie sie so leicht und schonend diesen und jenen Tadel der gefeierten Grazien einschlüpfen lassen, um der zu schmetternden Trompete unsers Freundes einen kleinen Dämpfer aufzusetzen. Er ist nicht zu entschuldigen, wenn er nicht dort, wie ich zu glauben Ursach habe, schon versprochen ist.

Bei Tische war man heiter, und nur Ferdinand, der es wohl fühlte, daß die anwesenden Schönen nicht mit ihm zufrieden waren, verließ mit einem kleinen Mißmuth den Saal. Er ging mit Wachtel und Walther auf den Kirchhof des Ortes, um das Grab der Auguste Böhmer, der Stieftochter Wilhelm Schlegels, aufzusuchen. Nicht ohne Thränen konnte er ihrer gedenken, und sagte endlich: Wie schwach sind doch die Menschen, daß sie nur selten das Lob eines vorzüglich begabten Menschen, sei er durch Schönheit, sei er durch Geist ausgezeichnet, mit edler, wahrer Theilnahme anhören können. Gleich glauben sie, es würde ihnen etwas entzogen, oder man setze sie gar herab, und so eilen sie denn, sich in Reihe und Glied zu stellen, was im Grunde lächerlich ist, weil sie voraussetzen, man müsse sie ebenfalls zu jenen Hochbegabten rechnen. Von den Verstorbenen ertragen sie schon eher die rühmliche Nachrede. Wie traurig, daß das Andenken eines so schönen Wesens, wie diese Auguste war, so schnell erlöschen muß. Diese natürliche Heiterkeit, der Frohsinn dieses Mädchens, ihr unschuldiger Witz und sanfte Schalkheit, gepaart mit Verstand und Geschmack, war in ihrer schönen Jugend eine zauberhafte Erscheinung. Schlegel hat ihrem Andenken einige vorzüglich schöne Trauergedichte gewidmet. Diese liebliche Erscheinung gehörte ebenfalls zu der frohen, geistreichen Gesellschaft, von der ich neulich in so starken Ausdrücken sprach, so wie die feine, geistreiche Mutter dieser Auguste, eine höchst gebildete Frau, die jetzt die Gattin Schellings ist. Diese Frau hatte ein so feines, geübtes Ohr, daß Schlegel sie bei seinen Gedichten und Uebersetzungen zu Rathe zog, und sie entschied fast immer, wenn er zwischen drei oder vier verschiedenen Lesearten ungewiß war, welche er als die wohllautendste oder passendste wählen sollte. Diese Frau, so wie die Gattin Hubers und noch wenige, gehörten ohne Zweifel zu den frühesten und entschiedensten Bewunderern unsers Göthe; viele der künftigen Literatoren werden es vielleicht nicht glauben wollen, wie sehr edle und geistreiche Frauen in unserer deutschen Literatur den Ausschlag gegeben haben. Als ich vor ungefähr zehn Jahren Berlin wiedersah, war unter den vorzüglichsten der dortigen Frauen Das längst ausgemacht, was Recensenten, Dichter und Gelehrte nicht begreifen wollten, daß Göthe unser größter Nationaldichter sei, ein Poet in wahrster und höchster Bedeutung, und daß die großen Talente, die mitunter selbst im Einzelnen etwas Größeres als er leisten möchten, sich doch mit der Großheit und Vollendung seines Wesens nicht messen dürften. Die Mutter Auguste's reisete vor drei Jahren hieher, um die Bäder zu brauchen, und mußte ihre schöne, liebenswürdige Tochter hier begraben sehen.

Am Abend gelangten sie noch bis Neustadt an der Sale. Die Formen der Berge waren hart und rauh, Alles schien nördlich und unfreundlich. Die Freunde waren zu verdrossen, um die Ruine, eine der ältesten, in der Nähe der Stadt zu besteigen.

Bei der Fortsetzung der Reise schalten sie am folgenden kalten Morgen über die finstern, widerwärtigen Gestalten der Berge. Kurz vor Meiningen liegt die Ruine Henneberg zwischen schönen Tannen. In Meiningen fragten sie nach Jean Paul, der aber schon nach Franken gezogen. Durch schöne Gegenden und Thäler fuhren sie nach Bad Liebenstein, dessen romantische Lage sie wieder erfreute, und fanden hier ihren Freund Carl von Hardenberg wieder, den ein jüngerer Bruder, Anton, begleitet hatte.

Die schöne Gegend wurde am folgenden Tage durchstreift, die alte Burg, die kräftigen Wälder, die grottenartigen Felsen besucht. Man speisete im Freien unter schönen großen Bäumen, durch den Berg gegen Winde geschützt. Am Nachmittage fuhr ein prächtiger Postzug mit vier schönen Rappen vor, und die Freunde glaubten irgend einen Prinzen ankommen zu sehen, als zu Walther's Erstaunen jener Freysing, den er vor zehn Jahren in Erlangen gekannt hatte, aus dem Wagen springt, von seinen Bedienten unterstützt. Sind Sie's wirklich? fragte Walther, und der Fremde eilte, den lange nicht Gesehenen zu umarmen.

Nachdem man sich begrüßt hatte, gingen Walther und Freysing zu einer einsamen Stelle, ziemlich weit vom Bade entfernt. Es freut mich, fing Walther an, Sie so wohlhabend und reich wiederzufinden; Sie müssen in glücklichen Umständen leben.

Glücklich? rief Freysing aus: Sie sehen den unglücklichsten Kerl auf Erden vor sich! Reich? o ja, insofern ein Spieler sich so nennen kann. Sie wissen um den sonderbaren Zufall, daß ich damals in Nürnberg jene große Summe gewann, durch welche ich alle meine Gläubiger befriedigen konnte. Statt nach meiner Heimath zurückzukehren und eine Bestimmung zu suchen, ging ich mit den dreihundert Goldstücken, die mir noch übrig waren, nach einem großen Badeorte, Wo hoch gespielt wurde, und gewann wieder auf seltsame, unerhörte Weise. Ich war in dem Zaubernetz gefangen, daß ich nur Karten dachte und träumte. War die Nacht schon weit vorgerückt und ich übermüdet und demnach fieberhaft aufgereizt, so war es, als wenn ein Dämon meine Finger in meiner Betäubung regiere, und ich, so stumpf ich war, bestimmt wisse, welche Karte gewinnen müsse. Wer es nicht selbst erlebt und diese quälende Lust an sich erfahren hat, hat keinen Begriff davon, wie teuflisch wild, wie gräßlich heiter das Leben eines Spielers ist. Ich war bald reich genug, selbst Bank zu halten. So ist der grüne Tisch, Gold und Karten meine Heimath, mein Ein und Alles, mir Frau und Kind und Religion und Natur. Ich habe keinen Sinn für irgend was. Wenn meine Gehülfen schon in der Nacht kaum noch die Augen aufzwingen können, fluche ich über mein verdammtes Geschäft, lege mich betäubt und krank nieder, wandle umher, esse, und kann die Zeit nicht erwarten, bis das Geklirr und Rauschen des Goldes auf dem grünen Tische wieder anhebt. Ich stehe auf, um fünf- oder sechstausend reicher, und es macht mir keine Freude; ich verliere ebensoviel, und es ist mir ganz gleichgültig, und doch ist der verfluchte Gewinn der Sporn, welcher mich stachelt. Wenn ich reise, so kommt oft, wie ferne Erinnerung aus Wald und Fels, ein edles Gefühl auf mich zu, eine Wehmuth ergreift mich über mein zerstörtes Leben, und ich entlaufe dem Gefühl im Pharo; oft schon dachte ich, ein schönes, liebes Mädchen könne an meiner Seite mit mir meines Reichthums genießen; aber plötzlich fallen mir die Fratzenbilder der Kartendamen ein, und welche mir schon große Summen gewonnen, und Leben und Schönheit erblaßt vor diesen Gespenstern. Meine Eltern sind gestorben und ich habe sie nicht wiedergesehen. Wenn ich einmal Alles verlieren sollte, so werde ich mir mit der größten Kaltblütigkeit eine Kugel durch mein zerrüttetes Hirn jagen.

Walther würde vielleicht von dem Wahnsinn und Elend seines ehemaligen Freundes noch tiefer erschüttert worden seyn, wenn er nicht stets nach der großen, wunderbaren Höhle geblickt hätte, in deren Nähe sie wandelten, die jetzt verschlossen war, und die morgen, am Sonntage, magisch erleuchtet werden sollte, zu welcher Festlichkeit sich viele Menschen aus der Umgegend, sowie aus Meiningen versammelten. In dieser Menschenmasse hoffte er denn morgen auch seinen Feind, den er so lange schon vergeblich verfolgt hatte, sowie die schöne Maschinka, anzutreffen.

* * * * *

Der Sonntag, der 24. Julius, war erschienen. Ferdinand begriff nicht, weshalb Walther so feierlich sei; dieser, indem er jede Art von Unterhaltung vermied, schien auf etwas gespannt, das sich im nächsten Augenblicke erklären müsse.

Ferdinand schien ebenso bewegt, und Wachtel beobachtete die beiden Freunde, indem er zu sich selber sagte: Narren sind beide, das ist gewiß, aber jeder nimmt einen aparten Anlauf, um vollständig thöricht zu seyn. Der Ferdinand bereitet sich auf die Höhlenerleuchtung vor, wie auf das Einweihungsfest eines Rosenkreuzers, und der Walther, der weit mehr Baron ist, wird, so bärbeißig er auch jetzt thut, die Sache nachher als Lappalie behandeln. Kürzlich soll der Pfarrer einmal in der Höhle gepredigt haben, kann seyn, daß man nächstens ein Melodram, ein Banditenstück, oder ein allegorisches, mit Erdgeistern drin spielt.

Beim heitern Sonnenlicht ging man eine Stunde vor Mittag in die große und von vielfachen Gängen durchschnittene Höhle, welche man erst seit einigen Jahren entdeckt hatte. Schwebende Lampen erhellten von oben das Gewölbe, versteckte Lichter, die unten und ungesehen brannten, erleuchteten seltsam die Gänge, die bald höher, bald niedriger, bald breiter oder enger sich durch die Räume zogen. Ferdinand war bezaubert, Walther erstaunt und Wachtel geblendet. Unglaublich viele Menschen waren in diesen unterirdischen Räumen versammelt und wogten hin und her, redend, flüsternd, lachend, allerhand Dinge erzählend, und andere wieder lallend bewundernd, oder bei jeder Beugung des Ganges staunende Ausrufungen ausstoßend. Wahrlich, sagte Wachtel, wer sich hier ein Liebchen herbestellen könnte, Oheim, oder Vater, oder Vormund zum Trotz, der hätte ein Rendezvous, um nicht das dumme Stelldichein zu brauchen, allhier, wie sonst in Europa kein zweites. Läuft nicht Alles wie Feen und Geister so zwitschernd und flüsternd durcheinander? Und bei der Geistercompagnie hört man nichts Bestimmtes, man vernimmt nur wie unterirdische Chöre. Man sieht nicht deutlich, sondern ist nur geblendet, bald ist es finster, bald zu hell, und der Widerschein von den dunkeln Felsengruppen mischt sich wie ein Traum in jedes Verständniß. Meine alte Muhme, sowie meine häusliche liebe Gattin könnten mir hier zur Helena oder einem thessalischen Zauberbilde werden. Stoßen Sie mich nicht so sehr mit dem Ellenbogen, mein Herr von Spuk; zwar in der Unterwelt vergessen sich alle Höflichkeiten.

Was der Freund hier im Gebiet der Phantasterei schwadronirt, sagte Walther, doch horch -- still -- was ist das? --

Wundersame Musik von Waldhörnern klang herüber. Ein Chor von blasenden Musikanten war oberhalb, ohne daß man sie sehen konnte, in einer Felsennische aufgestellt. Immer wunderbarer! rief Walther aus. Mich schwindelt! Und es war nicht unbegreiflich, da surrend, brummend, flüsternd und halb leise sprechend so viele Gestalten vorübergingen, sich begegnend, grüßend, andere geblendet und sich nicht kennend. --

Jetzt standen sie vor einem kleinen See. Ein Nachen fuhr von jenseit herüber, und Ferdinand stieg hinein. Ein anderer Fremder drängte sich hinzu, und Walther vernahm von einer weiblichen Stimme den leisen Ausruf: Romeo!

Walther machte die Bewegung, in den Kahn nachzusteigen, als dieser schon abfuhr und sich in der Dämmerung entfernte. Bei dem ungewissen Licht konnte er die Gestalten nicht mehr unterscheiden; ja, er war selber ungewiß, ob sich Ferdinand auch unter jenen Gestalten befunden, die im Dunkel schon ganz verschwunden waren. Er wendete sich rückwärts, um Wachtel wieder aufzusuchen, der sich ihm im Getümmel verloren hatte, aber er konnte, so sehr er sich bestrebte, Niemand genau erkennen, so blendeten die vielfach zerstreuten und sich kreuzenden Lichter. Sinnverwirrend war das Geflüster, und die hin und wieder fliehenden Worte und Reden der Wandernden, die sich begegneten, kreuzten, suchten und sich wieder verloren. Endlich sah er Wachteln und bat diesen, bei ihm zu bleiben. Wachtel stellte sich neben ihn, und da die Musik der Hörner jetzt wieder begann, so kehrten sie um, um die wunderbare Harmonie näher zu hören. Können Sie es begreifen, sagte Wachtel, daß unser Ferdinand die Höhle und dieses magische Schauspiel, welches doch recht eigentlich für ihn eingerichtet zu seyn scheint, schon wieder verlassen hat?

Wie? rief Walther, ich hätte schwören wollen, ich habe ihn da hinten den finstern Kahn besteigen sehn, um die stygische Flut zu überschiffen.

Nein, sagte Wachtel, er ist unlängst mir vorbeigelaufen, um, wie er sagte, zur alten Burg hinaufzusteigen, weil ihn dies Getümmel hier zu sehr betäube.

Man wird thöricht und verwirrt, erwiederte Walther, so wunderlich und romantisch das Ganze auch angeordnet ist.

Jetzt ließen sich einige polnische Reden in der Nähe vernehmen, und da Walther der Sprache kundig war, so verstand er, daß zwei Männer ein Frauenzimmer suchten, die mit einem Hauptmann in der Höhle spazieren wandle. Jetzt war Walther überzeugt, diese wären Mitwissende und könnten nur von der verlorenen Maschinka reden. Er hielt sich in der Nähe dieser Fremden und verlor darüber seinen Freund Wachtel wieder aus dem Gesichte.

Die Polen wurden immer eifriger im Suchen, endlich sagte der eine in seiner Sprache: ich fürchte nur, bei ihrer großen Reizbarkeit und Nervenschwäche wird sie nach diesem sonderbaren Tage wieder auf lange krank seyn.

Doch, antwortete der Andere, übersteht sie oft Alles besser, als man es fürchten muß, wenn sie ihre Imagination nur beschäftigen kann, und diese findet doch hier des Spieles genug. Nur ruhen muß sie nachher.

Ein lauter Ausruf entstand, indem man sich vorwärts bewegte, denn ein Kind war gefallen, welches einige Damen liebkosend und tröstend aufhoben. Indem glaubte Walther in der gedrängten Gruppe die Gestalt Ferdinands wieder wahrzunehmen. Als er sich aus dem Gedränge freigemacht hatte, waren, indem er umherblickte, die Polen seinem Auge wieder entschwunden. Er eilte verwirrt nach einer andern Richtung und jetzt glaubte er deutlich wahrzunehmen, daß Ferdinand in einiger Entfernung vor ihm hergehe und ein schön gewachsenes, reich gekleidetes Frauenzimmer am Arme führe. Er suchte in ihre Nähe zu kommen, und indem er schon seinen Arm ausstreckte, um seinen Freund zu berühren, rief die Stimme des Polen dicht hinter ihm: Maschinka! Jetzt sah er, daß Derjenige, welcher die Dame führte, nicht Ferdinand sei, aber seine Ahndung, hier Maschinka und ihren Entführer endlich zu treffen, war doch in Erfüllung gegangen. Er packte also den Fremden ziemlich unsanft am Arm und rief: Hier habe ich Sie also doch, nach vielen Mühungen, mit Ihrer Maschinka entdeckt! Indem war der Pole mit einem Ausruf der Verwunderung ebenfalls näher gekommen, und wie erstaunt und beschämt war Walther, als er in dem Festgehaltenen seinen Reisegefährten Wachtel erkannte und sich jetzt die Dame, eine hochbejahrte Frau, herumwendete. Wie? mein Herr! fragte der Pole: Sie wagen es, meine Schwester zu beleidigen?

Keine Beleidigung, mein Herr, rief Walther, ich hielt die Dame und diesen meinen Freund für ganz andere Wesen, und bitte, mir meinen Irrthum und die Uebereilung zu verzeihen.

Die alte Dame faßte jetzt den Arm des Bruders, indem sie sagte: Als ich Dich verloren hatte und ziemlich ängstlich umherirrte, war dieser Herr so gütig, sich meiner anzunehmen. Der Pole dankte Wachteln mit artigen Worten und dieser erwiederte lachend: Es ist Nichts natürlicher, als daß man in diesem unterirdischen Reiche der Phantasterei etwas confuse wird.

Das Gedränge von Menschen, welches sich in dem engen Raume aus Neugier versammelt hatte, lösete sich wieder auf, und Walther eilte jetzt verdrossen und verstimmt aus der Höhle und Wachtel folgte ihm, um ihm im Freien seine Klagen vorzutragen.

Mein Theuerster, fing er, als sie im Felde standen, an, Sie haben mitunter sonderbare Launen, die man nicht begreift. Was haben Sie mit dem Namen Maschinka, daß er Sie immer so außer sich versetzt? Sie haben mich so stark in meinen Arm gezwickt, als wenn Sie ihn mir zerbrechen wollten, und in Ihrem Tone, mit dem Sie sprachen, lag etwas so Drohendes und Beleidigendes, daß ich vorher recht böse auf Sie hätte werden mögen.

Sie haben ja gehört, rief Walther unmuthig aus, daß ich mich geirrt, daß ich Sie für wen ganz Andern nahm. Eine gewisse Maschinka ist eine Bekannte von mir, eine junge Dame, ein Frauenzimmer, das ich kenne, eine weitläufige Anverwandte, die ich gerne wiedersehen möchte, und die sich wahrscheinlich im Auslande befindet, ein wohlgebildetes Fräulein, die wohl vielleicht schon verheirathet ist, -- mit einem Worte, eine Dame, die ich gerne wiedersehen möchte.

Wachtel lachte laut auf und sagte dann: Ich danke für dieses herzliche Vertrauen und diese offene Mittheilung. Er lachte wieder, und Walther, dessen Verlegenheit sichtbar war, bat ihn, wieder ernsthaft zu seyn und ihm zu vergeben, daß er ihm nicht mehr sagen könne. Haben Sie die Gefälligkeit für mich, fügte er dann hinzu, unserm Ferdinand von dieser lächerlichen Scene nichts zu erzählen. Genug, daß ich vor Ihnen und jenen Fremden beschämt und verlegen gestanden habe, und daß Sie mich so von Herzen auslachten, scheint mir Strafe genug. Versprechen Sie mir das, denn ich bin in diesem Punkt vielleicht etwas zu empfindlich.

Ich gebe Ihnen mein Wort, ihm kein Wort davon mitzutheilen, antwortete Wachtel; aber auch gegen meinen Ferdinand sind Sie seit einiger Zeit nicht mehr so herzlich, als Sie es im Anfange unserer Pilgerschaft schienen. Wenn Sie auch in den meisten Dingen anderer Meinung sind, so sollten Sie doch sein Gutes und seine Freundschaft für Sie anerkennen.