Schriften 23: Novellen 7

Part 7

Chapter 73,580 wordsPublic domain

Von meinen Aussichten, Plänen, meinem künftigen Glück weiß ich Ihnen noch nichts zu sagen. Alles zieht sich in die Länge, Alles wird fast ungewisser, als es war. Ein junger Mann in Heidelberg, Keyser, der mein ganzes Herz gewonnen hat, führte mich nach Zweibrücken zu seiner reizenden und liebenswürdigen Braut, und hier fand ich denn endlich einen Brief vom Onkel, der etwas Bestimmteres aussagte, und der, sonderbar genug, mich wahrscheinlich bald wieder in Ihre Nähe führen wird, da ich bis jetzt glauben mußte, Basel sei die Richtung, die ich nur nehmen könne, und die Schweiz sei mein künftiger Aufenthalt. Indessen ist schon viel gewonnen, daß der einflußreiche angesehene Mann sich zum Vermittler anbietet. Ich mag Ihnen von manchen Dingen, die mir zugestoßen sind, nichts Näheres mittheilen, weil ich Alles einem mündlichen Gespräche vorbehalte, man auch nicht wissen kann, wie ein Brief verunglückt, oder, bei der größten Vorsicht, in die unrechten Hände geräth.

Von dem schönen Heidelberg aus haben wir eine kleine Fußreise gemacht, um Neckar-Steinach und die drei Ruinen zu sehen, die dort dicht neben einander liegen. Das eine wüste Schloß war der Aufenthalt des berüchtigten Lindenschmidt. Ein runder, steiler Hügel, der Dielsberg, macht dort einen sonderbaren Anblick; hier verließ uns Keyser, der uns begleitet hatte, um nach Heidelberg zurückzukehren. Wir hatten jetzt einen schönen Weg nach Hirschhorn, welches am Neckar liegt. Ein altes Schloß und Kloster sind hier, die uns durch ihre Alterthümlichkeit große Freude machten. Wir nahmen ein Schiff, und fuhren, von einem Pferde gezogen, den Neckar stromaufwärts. Die Gegend ist reizend, viele alte Schlösser, die noch ganz in ihrem ehemaligen Zustande sind, werden bewohnt. In Eberbach war viel Getümmel und ein Aufzug der Bürger. Nach einigen Stunden jenseits dieses Städtchens verließen wir das Schiff wieder, um zu Fuß zu wandern. Minneberg und zwei Hügel dort bilden eine reizende Gegend. Bei Neckar-Els öffnet sich das Thal. Vor der Stadt nahm uns ein schlechtes Wirthshaus auf und Walther miethete aus Eigensinn ein sonderbares Fuhrwerk, um sich nur mit keinem Hauderer, der vielleicht auch nicht vorzüglich gewesen wäre, einzulassen. In den meisten Menschen, selbst vernünftigen, offenbart sich zuweilen eine falsche Poesie, die sie im Leben selbst suchen oder unmittelbar in dieses hineintragen wollen. Bei den ganz dummen Wirthsleuten hatte er auf Erkundigung erfahren, sie hätten einen leichten Einspänner, der auf zwei Rädern laufe. Vielleicht fielen ihm die italienischen Sedien oder ein flüchtiges Cabriolet ein; genug, er miethet das Ding, um so mit uns am folgenden Mittag in Heilbronn anzukommen. Ich entsetzte mich nicht wenig, als am Morgen das elende Gespann vorfuhr. Was war es? Ein viereckter, grob geflochtener Korb, der auf zwei hohen Rädern unmittelbar auf der Axe lag. Man hatte Säcke und Stroh hineingelegt. Ich schlug vor, lieber zu Fuß zu wandern, aber der boshafte Wachtel hatte seine Freude an diesem Skandal, und Walther wollte sich kein Dementi geben. Wir klemmten uns, so gut es gehn wollte, in den verwünschten Korb hinein, und ein blödsinniger Knecht unternahm es, uns mit einem steifen Gaul so in Heilbronn im Triumph aufzuführen. Zwei Stunden von dort liegt der Hornberg, welchen Götz von Berlichingen von Conrad Schott kaufte und wo er den größten Theil seines Lebens hauste. Der steile Berg ist auf zwei Seiten mit Wein bebaut, von oben hat man die Aussicht über das offene Neckarthal und über die gegenüber liegenden niedrigern Felsen. Auf der Hinterseite des Berges ist ein enges Thal und ein herrlicher Wald, der sich bis dicht an die Burg erstreckt. Alles ist oben, auf dem Wege zur eigentlichen Festung, mit wüstem, verwachsnem Gestrüpp bedeckt. Aus den Zimmern und Sälen des Schlosses genießt man einer vortrefflichen Aussicht. Vor kurzem hätte das ganze Haus noch mit wenigen Kosten zum Bewohnen erhalten werden können, jetzt ist es verfallen und wird nach einigen Jahren wohl ganz zerstört seyn.

Wir fuhren dann durch ein Städtchen Gudelsheim, das den deutschen Herrn gehört, und ließen uns nach Wimpfen übersetzen. Vor Heilbronn verließen wir doch, trotz unsrer Aufklärung, unsern Karrn und zogen zu Fuß in die Stadt ein. Alles wurde hier zur Huldigung des neuen Herrn eingerichtet, der Altar in der protestantischen Kirche war abgetragen, recht gut scheinende Gemälde waren, ihm zu Ehren, neu übermalt und verdorben. Kirche und Thurm gehören zu den merkwürdigen Gebäuden. Der berühmte wasserreiche Brunnen der Stadt hat durch eine neue schlechte Balustrade, um die man die alte Einfassung, die besser war, wegreißen mußte, viel an seinem Wasser verloren. Am Rathhause wurde eben ein schönes steinernes Geländer weggebrochen, um Latten besser anbringen zu können, an welchen die Lampen zur Illumination befestigt werden. Wir besuchten die Orte, die uns von früher Jugend auf durch den Berlichingen und Göthe's Werk so merkwürdig sind. Auch den gewundenen Thurm kletterten wir hinauf und standen oben, neben dem Ritter, wie mich dünkt, dem heiligen Kilian.

Hätten wir es unterlassen können, nach Weinsberg hinauszufahren? Durch Bürger's Romanze ist dieser Ort und die That der Weinsberger Frauen im Munde alles deutschen Volkes. So manches die Kritik gegen Bürger's Balladen und Romanzen mit Recht ausstellen kann, so vorsätzlich er so oft den alten einfachen Ton, jenes Geheimniß, im Wenigen und im Verschweigen viel zu sagen, worin Göthe der größte Meister ist, vermied und nicht finden konnte, so bin ich doch überzeugt, Bürger's Balladen werden bei uns länger, als die von Schiller leben, der (in wenigen ausgenommen) noch mehr jene stille Einfachheit verletzt hat.

Um Heilbronn ist eine schöne grüne Natur und wir waren alle mit unserm Tagewerk zufrieden. Wie schön ist es, in einem Lande zu leben, wo Städte, Bildwerke, Felsen und Berge auf alte Geschichte, auf große Kaiser und merkwürdige Begebenheiten hinweisen. Wie herrlich ist in dieser Hinsicht Deutschland ausgestattet! Mir kommt es fürchterlich vor, in Amerika leben zu müssen. Und die verschiedenen Epochen der Kaiserherrschaft, des Aufblühens der Familien, des stets wechselnden Verhältnisses, der großen wie kleinen Fehden und die mannigfaltigen Gestaltungen und Umwandlungen des Ritterthums, von der höchsten Bildung und der schwärmenden, poetisch-fanatischen Verehrung der Frauen bis zum niedrigen, rohen Räuberhandwerk hinab, alles Dies, glaube ich, hat sich nirgends so wundersam, vielseitig, grell abstechend gewiesen, als in unserm Deutschland. Unsere unwissenden Autoren, die diese Gegenstände behandeln, haben sich aber eine gewisse rohe Manier gebildet, die immer in Zank, Großsprecherei und leeren Worten wiedertönt, ohne uns auch nur im mindesten ein Bild und anschauliches Gemälde jener Zeiten zu geben. Andre sehen nur Greuel, Verwilderung und Mord in jenen Tagen der merkwürdigsten Entwicklung, und bedenken nicht, daß, wenn die Welt so beschaffen gewesen wäre, wie sie sie verlästern, in kurzem weder Gute noch Böse, Freie und Knechte würden übrig geblieben seyn.

Wie aber Gefühle absterben, wie der Sinn für das Schönste sich verlieren kann, muß ich täglich mehr erfahren. Rührt uns schon in Stadt und Feld die Hinweisung auf Geschichte und belebt und weiht den todten Stein und den Wald, wie viel mehr jenes Mahnen an die Wunder und die Süßigkeit unserer Religion. Und diese forttönende Poesie, dieses Erklingen der feierlichen Harfensaiten, diesen still lebenden und stumm beredten Gottesdienst in der Einsamkeit der Natur, im Gewühl des Marktes, in Felsgrotten und Wäldern, im Verherrlichen der Brücken und Ströme finde ich nur noch in den katholischen Provinzen. An Zoll und Polizei, an Argwohn und Paß, an Aufsicht und Visitation werden wir im Protestantischen genug erinnert, an die Bedeutung des Christenthums fast niemals. Ja, jene Wundersagen, jene Bildwerke, Hymnen, Klöster, Mönche, heilige Jungfrauen, Vorbitten und Schutzheilige sind Gegenstände des Spottes und Hasses. Und die besten Menschen können sich oft von diesem Aberglauben gegen den Aberglauben, von dieser Gespensterfurcht, daß der Glaube an Gespenster wieder kommen könnte, nicht frei erhalten. So konnte es mein neu erworbener Freund, Keyser, nicht begreifen, wenn ich behauptete, die Reformation sei zwar eine nothwendige gewesen, sie habe der Welt und namentlich Deutschland unendliches Heil gebracht; aber viel Schönes, Großes und Heiliges sei mit Zerstörung des Schlechten zugleich vernichtet worden, und dies sei es, was der eifrige Protestant nie anerkennen wolle und was die Katholiken selbst nicht zu würdigen wissen. Auch ein schlechtes Bild an der Landstraße rührt mich, weil es auf jene Geheimnisse hindeutet, die wir nie vergessen sollen, wenn wir sie gleich auf dem gewöhnlichen Wege niemals begreifen können. Die Fratzen in manchen Kirchen stören mich so wenig wie die oft ungelenken Priester; denn auch im unansehnlichen Dornbusch blüht der Frühling heraus und bewegt mich, als ein Zeichen der allgemeinen Auferstehung des Lebendigen.

Dies Gefühl des Mitleidens in der höchsten Liebe, daß wir durch Selbstaufopferung das Opfer der Liebe vergüten möchten, diese schönsten Gefühle sind es gerade, die die meisten Menschen von sich abweisen oder die Härteren als unrecht verdammen. So heben sie sich für den Sonntag, für Orgel und Predigt die feierlichen Empfindungen auf, oder sie schließen einen verständigen Contrakt mit dem unbegreiflichen Wesen, welches sie Gott nennen, um gegenseitige Pflichten und Verbindlichkeiten klar im Auge zu behalten. Der Vers eines Liedes aber, Abends unter einem Crucifix still und andächtig gesungen, der Blick des betenden Greises auf einsamem Waldplatz zum leidenden Heiland hinauf, der Kuß, den das Kind auf seinen Rosenkranz drückt, die Thräne der Mutter, welche auch den Sohn verlor, vor der Mater dolorosa, sagen mehr, als alle jene kalte Weisheit verkündigen und lehren kann.

Sie kennen ja aber, theure Freundin, meine Gesinnungen über diese Gegenstände und stimmen mir bei. Ich hoffe Sie bald zu sehn; im Herbst gewiß.

* * * * *

Walther war aus andrer Ursache nachdenklich von Weinsberg zurückgekommen. Er hatte an der Wand der Kapelle, auf welcher die Geschichte der treuen Weinsberger Weiber gemalt ist, mit Bleifeder frisch angeschrieben deutlich die Worte gelesen: »Romeo, in der Höhle zu Liebenstein findest Du den 24. Juli M -- Julia.« -- Seine Gefährten hatten die Schrift nicht bemerkt, ihm aber flüsterte sein Genius zu, diese Hinweisung rühre von jener vielgesuchten Maschinka her, die den Mann, welchen er verfolgte, in Liebenstein erwarte. Sein Entschluß war daher gefaßt, nach Liebenstein zu gehn und gewiß am 24. Julius in dieser Höhle zu seyn, in welcher er diesen Romeo zu entdecken hoffte. Er konnte sich selber keine Rechenschaft davon geben, warum er sich die wenigen Worte so erklärte, warum er der Meinung war, sie müßten von jener entflohenen Maschinka herrühren, deren Handschrift er niemals gesehn hatte. Aber dieser blinde Trieb, dieser Instinkt schien ihm gerade ein Beweis dafür, daß er auf der richtigen Spur seyn müsse.

Am folgenden Morgen trug er, ohne seine Gründe anzugeben, darauf an, daß man noch einiges Merkwürdige in der Nähe betrachten, dann aber nach Liebenstein reisen möge. Mein theurer Freund, sagte Ferdinand, mit einiger Heftigkeit: wie kommen Sie auf diesen Entschluß? Warum nach Liebenstein? Ich hoffte, wir würden von hier aus uns mehr südlich und nach dem Schwarzwald, vielleicht sogar nach der Schweiz wenden, um einen Theil des Herbstes in den schönen Alpengegenden und an den erfrischenden Seen zuzubringen. Und nun schon, noch so zeitig im Jahre, uns wieder nach Norden wenden? das sieht schon wie Rückkehr aus, die ich in diesem wahrhaft schönen Sommer, der uns vielleicht noch lange begünstigt, weit hinausschieben möchte.

Schon umkehren? rief Wachtel aus: wie? Ich habe auf den Rhein und die schönen Weinplätze Bacharach, Rüdesheim, Nierenstein gehofft -- und nun wieder in das kalte Bierland hineinreisen? Ei, welch ein böser Geist hat Ihnen, verehrter Freund, den bösen Gedanken zugeraunt?

Sie wissen, fuhr Ferdinand fort, mir ist nur in den Gegenden, wenn ich in der Fremde bin, recht wohl, wo ich die alten Münster, den katholischen Cultus, die Bilder und Feierlichkeiten, so wie Alles, was damit zusammenhängt, sehe und mein Gemüth erhebe. Haben wir doch oft genug darüber gestritten. Es ist fast, als wenn ich eine Geliebte verlassen, indem ich diesen schönen Provinzen wieder den Rücken wenden soll.

Geliebte! sehr wahr! rief Wachtel, fast schluchzend. Ich kenne das schon, um wie viel theurer und schlechter der Wein in den Gegenden dort oben ist. Nun habe ich mein Herz hier so weit hinweg spazieren geführt und es so recht gemüthlich im Sonnenschein der Andacht ausgelabt und eingesommert. Ich kann schwören, mit jeder Meile, die mich von meiner Frau um eine mehr entfernt, fühle ich meine Liebe zu der vortrefflichen Person inniger und brünstiger. Welchen schönen Liebesträumen hing ich nun nach, daß noch wenigstens hundert Meilen sich zwischen uns legen sollten, um mich so recht und voll in die erste Jugendliebe hinein reisen und rasen zu lassen. Das hätte vielleicht eine so ausbündige Verliebtheit zu Stande gebracht, wie nur jemals zwischen Abälard und Heloisa stattgefunden hat, -- und nun soll ich plötzlich ernüchtert werden, denn das weiß ich im voraus, mit jeder Meile, die ich jetzt schon, um so vieles zu früh, der Theuern näher komme, wird mein Herz kälter, und Sie haben es zu verantworten, Baron, wenn ich als ein rechter Gimpel, als kalter Frosch, als miserabler Philister meiner Alten ganz herzlos und krüppelmatt an den Hals falle.

Walther sagte lachend: liebe Freunde, es kann nicht meine Absicht seyn, Sie irgend in Ihrer Reiselust hemmen oder auf falsche Wege verlocken zu wollen. Unsre Trennung, wenn sie jetzt so viel früher eintritt, wird mich schmerzen; aber wir finden uns wohl später wieder. Was mich jetzt nach Liebenstein zieht, ist ein kleines Geschäft. Sie wissen, wir Alle hatten bei unsrer Abreise von Dresden keinen festen Plan, wir wollten uns leichtsinnig dem Zufall und unsrer Laune ganz überlassen. Vergessen haben Sie aber ganz, daß wir beim Abschiede in Karlsbad unserm Freunde Carl Hardenberg fest versprachen, ihn in Liebenstein wiederzusehn. Diese Zeit ist jetzt, und versäumen wir sie, so treffen wir ihn dort nicht mehr an und er hat uns vergeblich erwartet.

Es ist wahr, sagte Ferdinand, wie aus tiefem Nachsinnen erwachend; dieses Versprechen, welches fast ein feierliches war, ist mir seitdem ganz entschwunden. Und so begleite ich Sie denn, lieber Walther, theils um meiner Pflicht gegen jenen Freund zu genügen, andrerseits aber, um länger in Ihrer Gesellschaft zu seyn und mit Ihnen die Schönheiten unsrer Reise zu genießen.

Sei's drauf gewagt, rief Wachtel, sollte ich auch mit ganz eiskaltem und erfrornem Herzen zu meiner vielgeliebten Gattin zurückkommen. Ich weiß nicht, ob es Heilige giebt, denen sich ein kalt werdender Liebhaber und Gatte empfehlen kann, oder ob Protektoren der zärtlichen Ehe angestellt sind, die die Flammen so anfachen, wie der heilige Kilian sie auslöscht; wenn Du mir, Ferdinand, keinen zu nennen weißt, so ist das eine große Lücke in Deinem vielgepriesenen, bilderreichen und wundervollen katholischen Cultus. Der Abälard, der dazu passen könnte, war außerdem schon ein Ketzer; und seine Heloisa gilt auch für eine fromme Sünderin; und so hat die Kirche die beste Gelegenheit versäumt, durch zeitgemäßes Canonisiren diesem Bedürfniß abzuhelfen.

* * * * *

Die Freunde reiseten nach diesem Entschlusse queer durch das Kocherthal und besuchten Neustadt an der Linde. Von einer außerordentlich großen Linde hat dieses Städtchen seinen Beinamen. Nach dieser anmuthigen Gegend kamen sie durch den Harthäuser Wald. Das Thal der Jaxt ist zerrissen, die Weinberge schroff, kahl und weiß, und das Land ist hier weniger fruchtbar, als das Thal der Kocher. Eine sehr große und schöngebaute Brücke führt über den Jaxtfluß, der jetzt so klein war, daß er fast gar kein Wasser enthielt.

Aus Verehrung für Göthe betraten sie das alte Haus, die Burg Jaxthausen, in einer feierlichen Stimmung. Der berühmte Gottfried, oder Götz, hat hier nur in seiner Kindheit und frühen Jugend gelebt. Ein älterer Bruder, Philipp, erbte diesen Stammsitz der Familie, und lebte, wie es scheint, ruhig und glücklich auf diesem seinem Schlosse.

Alles ist hier alterthümlich, fest und mannhaft, wenn auch nicht großartig. Das Archiv ist in einem großen, runden Thurm. Die Wandschränke, viele Sessel und Stühle schienen noch aus der Ritterzeit. Die Wendeltreppe ist vortrefflich gebaut. Fest kann, ungeachtet der Gräben, das Haus doch nicht gewesen seyn; es liegt niedrig, auf ebenem Boden und hat das Ansehn eines reichen Adelhofes.

Ein neues, anmuthiges Schloß von mäßigem Umfang, welches eine Familie Gemmingen bewohnt, liegt nahe bei Jaxthausen, und nicht weit davon, an der Jaxt die Ruine der alten Burg Berlichingen, die alle Leute in der Gegend dort Berlinchen nennen.

Eine Meile von Jaxthausen findet man in anmuthiger Waldgegend das Kloster Schönthal. Hier ist das Erbbegräbniß der Berlichingen; Götz ist als der letzte hier begraben worden, weil nachher die Familie protestantisch war. Die Kirche ist schön, und Ferdinand hörte die Erzählung mit Ingrimm, daß man nicht nur alle goldne und silberne Gefäße, sondern selbst zwei heilige Leiber bei der Aufhebung des Klosters den Juden verkauft habe.

Ein Mönch verzeichnete die Bücher der Bibliothek, weil diese abgeliefert werden sollte. Der Mann schien unwissend und sich mit den alten Drucken oder Handschriften, bei denen er die Titel nicht finden konnte, sehr zu quälen. Ferdinand machte sich an ihn und half ihm bei einigen. Im Verlauf des Gespräches jammerte der Mönch über die Aufhebung des Klosters. Ferdinand stimmte mit ein und sprach von den Vortheilen und Reizen der Einsamkeit, und wie schön die Einrichtung gewesen, daß vielen Geistern, die den Beruf gefühlt, Freistätten seien gestiftet worden, in welchen sie sich ganz und völlig von der Welt unabhängig, den Betrachtungen der höchsten Gegenstände hätte widmen können. Seit lange aber, fuhr er fort, ist die Einsamkeit verrufen, Alle, so hört man immerdar, sollen und müssen in die vielfachen Wirbel und in die Verwirrung der Welt hineingetrieben werden; praktisch, so ruft man schon dem Kinde zu, mußt Du werden, um die Geschäfte, die Aufgaben des Lebens verwalten und lösen zu können. Die Namen eines Stubengelehrten, einsamen Denkers, stillen Forschers sind wie die Benennungen Einsiedler, Klostermönch, abergläubischer Priester, zu Schimpfnamen geworden. Und dennoch -- wenn man diese Weltmenschen kennt und beobachtet, die in den Rädern der großen Weltmaschine hanthiren und immerdar mit dem Gewühle der verwirrten Masse umtreiben -- wie ist ihr Gemüth abgestumpft und keiner großen Eindrücke und Entschließungen fähig. Ungewohnt, einen wahren, echten Gedanken zu fassen, eine belebende Idee zu ergreifen und sie dann anwendbar zu machen, ist ihr ganzes praktisches Treiben nur wie das des Maulthieres in der Drehmühle, thätig ohne Geschäft, im Mechanismus als Maschine arbeitend. Lehrt uns denn nicht die Geschichte, daß so oft jene stillen Menschen, die sich der Einsamkeit ergaben, in Zeiten der Noth hervortraten, um Das zu ordnen und zu beschwichtigen, was allen Weltregierenden und in der Welt Erzogenen zu mächtig geworden war? Einige der edelsten Päpste nicht nur waren in der Stille des Klosters gebildet und herrschten im großen Sinne, als sie berufen wurden, auch außer so manchen Bischöfen und Aebten waren es oft einfache Mönche, die in Zeiten der Drangsal auftraten, um mit dem Seherblick, den gerade die Einsamkeit geschärft hatte, Kräfte zu entdecken, die die verderblichste Verwirrung in lichte Ordnung umwandelten.

Darum, sagte der Mönch, der von Zeit zu Zeit von seinem Cataloge aufsah, ist es Unrecht, wie man jetzt mit uns umgeht. Nicht anders, als wenn wir Mordbrenner und Landesverräther wären. Und grausam ist es obenein. Denn unser eins hat nun von Jugend auf nichts anders gelernt, wir können uns auf keine andre Weise ernähren, und doch stößt man uns in die Welt ohne alle Versorgung, denn die armselige Pension, die man uns auswirft, kann kaum gerechnet werden.

Ferdinand wendete sich mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung von dem Manne ab. Als sie draußen waren, fragte ihn Wachtel: was ist Dir nur, daß Du plötzlich so sehr verstimmt bist? -- Wenn mir, rief Ferdinand aus, der ich ein Laie, ein Protestant bin, das Herz brechen möchte, weil ich in einem Zeitalter geboren bin, in welchem eine ganze Welt von Herrlichkeit, Poesie und Kunst in ein großes Grab höhnend geschüttet wird, eine Welt, in welcher so Großes erwuchs und geschaffen wurde, die für Bildung, Gelehrsamkeit und echte Freiheit so viel that, die durch so viele geistliche Helden und Märtyrer verherrlicht ist, -- und ich sehe einen Mönch, der diesem zerstörten Tempel angehört, um nichts als sein tägliches Brot seufzen, den nur die Küche dauert, die zugleich mit dem Wunderdom zerfällt, so möchte ich verzweifeln. Er fühlt sich nicht gekränkt und im tiefsten und heiligsten Ehrgefühl seines hohen Standes verletzt, nein, er wäre zufrieden, wenn er nur in irgend einem Pallast seiner Verfolger wieder Küchenjunge werden könnte. Giebt es freilich viele dieser Art, haben manche Regierende wohl selber so gedacht, so ist diese große Kirchenanstalt in sich selbst, auch ohne äußern Anstoß und ohne die weltliche Habsucht, zusammengebrochen.

Sei nicht unbillig, rief Wachtel aus, wie soll ein gewöhnlicher Mönch, von frühster Jugend zum unbedingten Gehorsam gewöhnt, dessen größte Tugend es seyn mußte, den eignen Willen zu brechen, Deinen Enthusiasmus theilen oder verstehn? der bei Dir auch nur um so feuriger ist, weil Du, in einer ganz anders gestalteten Fremde erzogen, als Fremdling in diese zerstörte Welt hineinschaust. Du bist noch ziemlich jung, wohlhabend, hast niemals Mangel empfunden, kannst es also in Deinem übermüthigen Blute nicht wissen, wie bitter die Nahrungssorgen sind. Außerdem bist Du so erzogen und unterrichtet, daß Du im äußersten Fall zu hundert Geschäften greifen könntest, um Dich zu ernähren; hast auch, durch den Weltumgang, Dreistigkeit gewonnen, mit Menschen umzugehn und Dir Beschützer zu suchen. So ein Armer aber, wie dieser, von frühester Kindheit verschüchtert, erniedrigt und eingezwängt, wenn dem die Maschine zerbrochen wird, an der er arbeitet, und er gar nichts gelernt hat, als an dieser einen Stift einzufugen, der ist unendlich zu bedauern.

An diesem Tage kamen die Reisenden noch bis Mergentheim und setzten am folgenden Morgen ihren Weg fort, längs der Tauber. Die Gegend bis Bischofsheim ist nicht schön, das Thal der Tauber ziemlich kahl. Von Bischofsheim bis Würzburg war die Gegend auch nicht interessant und Ferdinand sagte: ich glaube fast, daß wir gestern den letzten eigentlich poetischen Tag unserer Reise genossen haben.

Sie sind nur, antwortete Walther, gegen das Zurückkehren und scheinen mir eine zu große Vorliebe für das unbestimmte Herumschwärmen zu verrathen.

So ist es, rief Wachtel aus, das war von früher Jugend an seine Passion. Er ist ein schlechter Staatsbürger und Patriot.