Schriften 23: Novellen 7

Part 4

Chapter 43,295 wordsPublic domain

Man hat an diesem herrlichen Buche, fiel Walther ein, ohne Noth so viel getadelt, was der weise Autor doch gerade mit vielem Bedacht seiner sinnreichen Geschichte eingewebt hat. Zum Beispiel kommen nicht die meisten Kritiker darin überein, die musterhafte Novelle des Neugierigen sei überflüssig und störend? Unser lieber Manchaner selbst, so treu, edel und herzhaft er ist, nimmt sich etwas vor, das, obgleich es schön und herrlich ist, es auszuführen er keine Mittel besitzt. Dieses Kämpfen für Recht und Unschuld, dieses Ritterthum und Kriegführen, wie er es sich vormalt, war aber auch zweitens niemals so in der Welt und konnte niemals so da seyn. Auch ein Herkules oder ein Amadis, mit allen Kräften und Tugenden ausgestattet, müßte einer solchen wahnsinnigen Aufgabe des Lebens erliegen. Nur hie und da, in verschiedenen Zeiten und Ländern, that sich etwas, mehr oder minder, von dieser poetischen Ritterwelt in der wirklichen Geschichte hervor. Die Phantasie des ebenso braven als poetischen Manchaners ist durch jene Bücher verschoben, die schon längst der Poesie ebenso sehr wie der Wahrheit abgesagt hatten. Das, was noch in ihnen poetisch war, oder jenes Phantastische, was das Unmögliche erstrebte, sowie die schönen Sitten der Ritterzeit, alles Dies durfte der ehrsame Herr Quixada wohl in einem feinen Sinne bewahren, ja sich zu jener adligen Tugend seines eingebildeten Ritters hinan erziehn; -- wenn er nicht darauf ausgegangen wäre, diese Fabelwelt in der wirklichen aufzusuchen und in diesem von Sonne und Mond zugleich beschienenen Gemälde den Mittelpunkt und die Hauptfigur selbst zu formiren. Er war aber im Recht, wenn er, manchen seiner Zeitgenossen entgegen, die Lichtseite und die Poesie jener entschwundenen Zeit und Sitte würdigte, wenn er sich selbst als Dichterfreund an dem ganz Thörichten und Phantastischen seiner Bücher ergötzte. Nun aber zog er aus, alles Das, was ihm begeisternd vorschwebte, selbst zu erleben; jenes unsichtbare Wunder, welches ihn reizte, wollte er mit seinen körperlichen Händen erfassen und als einen Besitz sich aneignen.

Sehr richtig, erwiederte Ferdinand, und deshalb ist die getadelte Novelle des Neugierigen nur ein tiefsinniges Gegenbild, welches von einer andern Seite die Thorheit des Manchaners erläutert. Auch Anselm will das Unsichtbare, welches wir nur im edlen Glauben besitzen, sichtbar, körperlich in der Hand haben; das Richtige, Irdische soll ein Himmlisches vertreten und ihm die Gewähr der Treue und Liebe seyn. So zerstört er durch Aberweisheit, durch ^impertinente curiosidad^, was wir nicht übersetzen können, die Keuschheit und den Adel seines Weibes, die ohne diese Anfechtung wohl nie jene List und schreckliche Kunstfertigkeit, die widerwärtigen Feinde der reinen Unschuld, in sich entwickelt hätte. Zweifel also auf der einen Seite, und ein thörichtes Bestreben, das Unsichtbare sichtbar zu machen, zerstören so einen geistigen Schatz, jene Treue, die der Zweifler eben so mit Recht Aberwitz schilt, wie der edle Glaube sie für felsenfest ansieht und durch eigene Kraft ihr die Unerschütterlichkeit mittheilt.

Wir sind hierüber einverstanden, antwortete Walther, geht es Ihnen aber, theurer Ferdinand, nicht vielleicht eben so? Ihre aufgeregte Phantasie würdigt die schöne und bildreiche Seite des katholischen Cultus, Sie sind in unsern späten Tagen von jener Rührung durchdrungen, die einst kräftige Jahrhunderte begeisterten. Seit kurzem ist ein religiöser Sinn bei jungen Gemüthern in Deutschland wiedererwacht, Novalis und dessen Freunde sprechen, reimen und dichten, um das verkannte Heilige in seine Rechte wieder einzusetzen; aber diese Anerkennung, diese süße Poesie des stillen Gemüthes in der Wirklichkeit suchen oder erschaffen wollen, scheint mir ganz derselbe Mißverstand zu seyn, den wir eben charakterisirt haben.

Sehr wahr, warf sich Wachtel eifernd dazwischen, -- wie schön ist es, wie uns Herder einmal auf den tiefen und rührenden Sinn mancher Heiligenlegenden hingewiesen hat; nachher hat der romanhafte Kosegarten einige mit mehr oder minder Glück vorgetragen. Im vorigen Jahre sah ich den Verfasser der Genovefa und des Oktavian wieder und er erzählte mir von einem Buch und zeigte mir einige Blätter davon, welches denselben Gegenstand behandeln sollte. Die Einleitung und Form war nicht unglücklich. In einem schönen Gebirgslande verirrt sich ein edler Jüngling, der ganz in der zweifelnden Aufgeklärtheit seiner Zeit erzogen, aber dabei schwärmerisch verliebt ist, in der Einsamkeit des Waldgebirges. Unvermuthet trifft er auf einen einsiedelnden Greis, der den Ermüdeten in seine Zelle aufnimmt und ihn erquickt. Des Alten Freundlichkeit gewinnt das Herz des jungen Mannes und sie werden ganz vertraut mit einander. Ueber den Beruf der Einsiedler, über die Wunder der Kirche, über die Legende und Alles, was sich in diesem Kreise bewegt, verwundert sich der Jüngling und kann es nicht unterlassen, auf seine Weise zu spotten und mit Witz des Zweiflers zu verhöhnen. »Wie? ruft der Greis dann aus, Du bist in Liebe entzündet, Du schwärmst für Deine Sophie und kannst doch kein Wunder fassen? Ist die Blume, das Band, welches Dein Mädchen berührt, die Locke, die sie Dir geschenkt hat, nicht Reliquie, empfindest, siehst Du an ihnen nicht Licht und Weihe, die kein andrer Gegenstand Dir bietet? Wo Du mit ihr wandelst, ist heiliger Boden, wenn sie Dir die Hand oder die Lippen zur Berührung reicht, bist Du verzückt, -- und doch verkennst Du in der Geschichte der Vorzeit den Ausdruck dieser Liebe, in den seltsamen Entwicklungen begeisterter Gemüther, bloß weil sie diese Sehnsucht und Herzenstrunkenheit nicht auf ein Weib hingelenkt haben?« -- Der Jüngling wird nachdenkend und besucht den Alten nun, so oft er die Stunde erübrigen kann. In diesen Zeiträumen erzählt ihm der Greis jene wundersamen Legenden von Einsiedlern, Jungfrauen, Männern und Kirchenältesten, die ihr ganzes Gemüth der Beschauung des Himmlischen, der Entfaltung jener geheimnißvollen Liebe widmeten. Diese Kämpfe des Zweifels, diese Erscheinungen aus fremder Welt, diese uns unbegreiflichen Aufopferungen werden nach und nach vorgeführt, wo sich aus dem Erzählten selbst die Erklärung und das Verständniß ergiebt. Nach einigen Monaten kommt der junge Liebende wieder zum Greise und dankt ihm, wie einem Vater, der ihm den Geist geweckt und ihm ein neues Leben erschaffen habe; er sei darum auch entschlossen, in den Schooß der alten Kirche zurückzukehren. »Nein, ruft der Greis bei dieser Erklärung, verwechsele nicht diese unsichtbare Liebe, mein Sohn, mit den Zufällen der Wirklichkeit. Du würdest, anstatt des Göttlichen, nur die Schwachheit unserer Priester kennen lernen. Wozu, daß Du Deine innern Entzückungen, die im Geheimniß Deiner Brust Wahrheit und Bedeutung haben, in die kalte Wirklichkeit verpflanzen willst, an welcher sie erstarren und verwelken müssen?« So rieth ihm derselbe Greis ab, der ihn erst in die Liebe und Bedeutung jener Visionen eingeweiht hatte. -- Und ich wende das Resultat jenes noch nicht erschienenen Buches wieder auf Dich an, mein Ferdinand. Das erste Wahrnehmen, der Blick der Begeisterung, die Aufregung der Liebe findet immer und trinkt den reinen Brunnquell des Lebens; -- aber nun will der Mensch im Schauen das Wahre noch wahrer machen, der Eigensinn der Consequenz bemächtigt sich des Gefühls und spinnt aus dem Wahren eine Fabel heraus, die dann oft mit den Wahngeburten der Irrenhäusler in ziemlich naher Verbindung steht.

Somit wäre also, rief Ferdinand aus, der Indifferentismus, der nur Alles gesehn und erfahren hat, nichts aber seinem Gemüthe sich einbürgern läßt, die höchste Weisheit und Menschenwürde! Es kann aber die Zeit kommen, in welcher edle Geister sich wieder öffentlich zu dieser Kirche, dem alten, echten Christenthum bekennen.

Möglich, sagte Walther, wüßte man nur bestimmt und klar, welches das älteste Christenthum sei. Jeder deutet sich die Sache in seiner Weise aus. Auch möglich, daß die jetzt vergessenen Pietisten durch diese religiöse Anregung und Begeisterung wieder erwachen; vielleicht giebt es in einigen Jahren deutsche Puritaner und Methodisten. Die geistige feine Linie, auf welcher hier das Wahre und Schöne schwebt, kann so leicht hüben und drüben überschritten werden; -- und bemächtigt sich erst die Menge, die Leidenschaft, die Turba dieser Vision -- welche Religions-Manieristen mögen da noch zum Vorschein kommen, wenn nicht sogar Verfinsterung und Verfolgung, Inquisition und Haß von katholischen Priestern und vermeintlich orthodoxen Protestanten wieder gepredigt wird. -- Das scheint aber wohl, daß Verliebte in ihrer erhöhten Stimmung mehr der katholischen, als einer andern Kirche zugeneigt seien, und daß Sie, lieber Ferdinand, ein Verliebter sind, habe ich Ihnen angefühlt, seit wir uns dort hinten auf der Oder zuerst kennen lernten.

Ferdinand ward blutroth, und verleugnete schwach und stotternd die Anklage. Er ist eigentlich kein Jüngling mehr, sagte Wachtel, aber seit ich ihn kenne, ist er immerdar verliebt gewesen. Doch so tief, wie er jetzt seyn mag, ist es ihm wohl noch niemals ins Herz gegangen, denn er ist bedenklich und viel tiefsinniger und launenhafter als in ältern Zeiten.

In einer schönen Mondnacht fuhren die Freunde von Baireuth ab und kamen früh, schon vor Sonnenaufgang, in Streitberg an. Sie bestiegen die Berge und besuchten die merkwürdigen Höhlen. Ferdinand, der, wie die Uebrigen, die Gegend schon kannte, war wie trunken von der schönen Natur. Ueber Ebermannstadt näherte man sich dann der Ebene; hinter diesem Orte sind die Wege so schlecht, daß man einen Vorspann von Ochsen herbeiholen mußte, um aus der versumpften Stelle den nicht schweren Wagen fortbringen zu können.

Hinter Bayersdorf streckt sich die sandige Ebene aus und man sieht ein großes, wüstes Schloß, welches in neuem Styl errichtet, aber nicht ausgebaut ist und als wunderliche Ruine dasteht.

Sehr begierig bin ich, so erzählte Ferdinand, hier einen ehemaligen Bekannten wieder aufzusuchen. Ich war ihm vor geraumer Zeit begegnet, und so kam er vor einigen Jahren wieder zu mir; er ist gelehrt und ein Enthusiast für die Dichtkunst; er läßt aber nur einzig und allein die Griechen aus der großen Zeit für Dichter gelten, und unter diesen stellt er wieder seinen Liebling Sophokles allen voran. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß er diesen auswendig weiß. Er kennt alle Commentatoren seines Freundes genau, er ist unermüdet, ihn zu studiren und die schwierigen Stellen zu erklären, so daß wir von diesem Eifer gewiß schöne Früchte erwarten dürfen. Dieser wackre Termheim, denn so heißt er, hat aber gar keinen Sinn für die Schönheiten der Neueren; oder vielmehr, er behauptet, sie, von seinem Standpunkte aus, zu verstehn und von dort ihre Nüchternheit und Verwerflichkeit einzusehn. Er belächelt mitleidig Diejenigen, welche den Shakspeare bewundern; er behauptet, die Barbarei dieses Naturkindes sei höchstens für den Psychologen interessant, der von seiner Stelle diese Waldnatur allenthalben zurecht weisen könne. Die Leidenschaften fast pathologisch richtig zu schildern, sei noch lange nicht hinreichend, um sich der Schönheit auch nur von fern zu nähern. Die Großheit der Alten habe recht geflissentlich alles das verschmäht, worauf die Neuern ihren Stolz gründen wollten. Unsern Göthe nennt er nur eine Ausgeburt neuester Kränklichkeit, der, zu schwach, das Große und Starke zu erfassen, und zu vornehm, um die eigentliche Gestalt des Lebens zu verstehn, in einer unsichern, schwankenden Mitte nur der Verzärtelung fröhne. Das klare Aetherlicht, der Hinüberblick über die Natur und Welt, jene gesunde Freiheit des Menschen, der Alles sieht und fühlt und sich nur dem Besten befreundet, sei nur in Homer, Pindar, Aeschylus und Sophokles zu finden, in Herodot, Thucydides, Plato und Aristoteles; mit Euripides und Xenophon melde sich schon das Krank- und Schlaffwerden der edeln Lebenskräfte. Unter den Neueren kann fast einzig und allein unser Winkelmann bei ihm Anerkennung finden.

Wenn dieser gelehrte Mann, sagte Wachtel, kein Pedant ist, so ist er ein Narr, der auch mehr vor das Forum der Pathologie, als der Kritik gehört.

Sein wir nicht so unbillig, erwiederte Walther, es kann wohl seyn, daß ein innigstes Durchdringen, ein tiefsinniges Anerkennen der echten Schönheit den Blick für die nah verwandte, wie vielmehr für die entfernte, abstumpft.

Das leugne ich eben, sagte Wachtel, die neue Zeit muß uns die alte, und umgekehrt die alte die neue erklären. Es sind zwei Hälften, die sich, um ein echtes Erkenntniß zu gewinnen, nicht trennen lassen. Solche absprechende, hochmüthige Einseitigkeit kann nur so sicher und stolz in sich selber ruhn, wenn ein völliger Mangel an Kunstsinn jeden Zweifel, wie jede tiefsinnigere Untersuchung unmöglich macht.

Spät nur kamen sie in Erlangen an. Dieser fränkische Kreis, sagte Wachtel im Gasthofe, bildet eigentlich das ganze Deutschland recht hübsch im Kleinen ab. Hier sind wir nun wieder in der sandigen Mark Brandenburg; Tyrol im Kleinen ist nicht fern, der Rhein und die Donau werden von dem artigen Mainstrom recht hübsch gespielt, und Schwaben und Baiern liegen in den fruchtbaren und heiteren Landesarten dieses anmuthigen Kreises, in welchem die Physiognomie der Natur immer so schnell wechselt. Ich habe immer den Instinkt oder die Einsicht unsers alten Maximilian bewundern müssen. Wie er sich zur Martinswand hinauf verirrt hatte, stand er ziemlich hoch, vielleicht ist ihm in der Todesangst die Eingebung gekommen, sein deutsches Reich so richtig in zehn Kreise einzutheilen, wo in jedem Natur und Menschenstamm sich so bestimmt von benachbarten absondern; oder die dortige Vogelperspektive gab ihm den richtigen Ein- und Ueberblick.

Am folgenden Morgen machte ein jeder der Reisenden seine Besuche. Walther erhielt einen Brief, indem er allein war, und sowie er ihn öffnete, rief er: ha! in Bamberg also! Endlich doch eine bestimmte Hinweisung. Ferdinand hatte seinen älteren Freund, den Professor Mehmel, besucht, wo er die Bekanntschaft des reformirten Pfarrers Le Pique machte, zu dessen warmer Herzlichkeit er sich sogleich hingezogen fühlte.

Nachmittags gingen die Freunde zu dem griechischen Gelehrten Termheim. Er freute sich sehr, Ferdinand wiederzusehen, indem er sich, ganz erhitzt, aus einem Schwall von Büchern und Papieren erhob. Jetzt werden wir einig seyn, rief er dem Freunde zu, wie sehr hatten Sie Recht, Verehrtester, mich wegen meiner einseitigen Bestrebungen zu tadeln. Jetzt begreife ich erst Ihre Natur, Freundlichster der Menschen, denn gewiß müssen wir uns unter dem Nächsten umsehn, um uns mit dem Fernen zu verständigen.

Erlauben Sie, unbekannter Herr, fiel Wachtel ein, ich will gewiß keine Blasphemie sagen, aber Sie verstehn mich wohl, wenn ich den Spruch hierauf anwende: wer seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? -- Die Neueren, von Dante an, Ariost, dann Shakspeare und besonders unser Göthe, alle Diese sind unsre Brüder und Gespielen, mit uns aufgewachsen, und wenn ich von Denen nichts begreife, die doch in demselben Elemente mit mir hantiren, -- wie soll ich jene fassen, die mir durch Jahrtausende entrückt sind?

Sehr wahr, rief der Begeisterte aus, und so freuen Sie sich denn mit mir, Sie fremder oder längstgekannter Freund, daß unser Werth mir endlich aufgegangen ist; ich habe ihn, den Deutschen, nun endlich ausgefunden, der die Griechen überwiegt und übersieht.

So haben Sie, rief Ferdinand, Göthe's schöne Natur endlich verstanden? Wenn Sie auch sein Lob übertreiben (und kann man wohl einen so großen Mann _über_schätzen?), so freue ich mich doch, daß wir jetzt, nach Jahren, endlich derselben Ueberzeugung geworden sind.

Göthe! rief der Gelehrte mit einem sonderbaren Ausdruck des Unwillens aus, -- dieser verstimmte, kranke Geist! Nein, so sehr werde ich mich nie vergessen, diesen über meine angebeteten Griechen zu erheben.

Nun, fragte Ferdinand sehr gespannt, wer ist es denn also von unsern Deutschen, der Ihnen das Verständniß eröffnet hat?

Und Sie zweifeln noch? rief jener; kann man so verblendet seyn? Sehen Sie denn nicht hier die vielen Bände seiner unvergleichlichen Werke? Wer als der einzige, unvergleichliche Kotzebue kann mit den Heroen der Welt um die Krone ringen? Unablässig, tief in die Nächte hinein, studire ich jetzt die begeisternden Productionen dieses Genius. Seine Schalkheit, sein Witz, seine Darstellung der Leidenschaften, seine Charakterzeichnung der Menschen aus allen Ständen und Ländern, die Malerei seiner naiven Mädchen, das tiefe Gefühl der Liebe, die Scenen der Armuth und des Erbarmens, diese lächerlichen Personagen, die doch nicht übertrieben sind, die Mutter-, die Kindesliebe, die Kenntniß der Vorzeit, Alles, Alles, was man nur als rühmlich erwähnen kann, vereinigt dieser Geist in seinen Werken und überflügelt durch seine Vielseitigkeit Sophokles und alle Griechen.

Gewiß! rief Wachtel, der sich zuerst von seinem Erstaunen erholt hatte, diese Griecherei ist nur eine Kriecherei und Kotzebue kann künftig als Fluch oder Betheuerung dienen, wie man wohl mißbräuchlich Kotzsapperment! oder Kotzelement statt Gottes Element auf ungezogene Weise sagt.

Mehr als verwundert über diese neue Lehre gingen die Reisenden in ihren Gasthof zurück.

* * * * *

In Erlangen war am Johannistage ein Student beim Baden ertrunken. Die besten Schwimmer hatten ihn nicht retten, die künstlichen Mittel den Jüngling nicht ins Leben zurückrufen können. Man war einem alten, angesehenen Manne böse, welcher Alles für unnütz erklärt hatte, weil jeder Fluß an diesem bedenklichen Tage sein Opfer fordere. Die jüngern Leute vorzüglich schalten mit Heftigkeit auf solchen Aberglauben, der in manchen Gegenden den gemeinen Mann wohl selbst hindere, rettend beizuspringen. Wachtel bemerkte, daß es in Deutschland noch immer Provinzen und Städte gebe, wo der Bürgersmann des festen Glaubens sei, daß am Johannistage einer aus dem Orden der Freimaurer vom Teufel geholt werde. Als man bei Le Pique, dem verständigen Pfarrer versammelt war, wo sich der scharfsinnige Naturforscher Serbeck, sowie der Professor Mehmel eingefunden hatten, hielt, nachdem viel über die Fortschritte in jener Kunst gesprochen war, durch welche Scheintodte wieder zum Leben gefördert werden können, Wachtel folgende Rede:

Verehrte Gesellschaft und präsumtive Zuhörer!

Ich will gewiß nicht zurückbleiben, die Größe unserer Zeit anzuerkennen, blicken wir aber rückwärts, um nicht zu einseitig zu werden, so gebe ich mich für den Geschichtschreiber, oder Bemerker, oder Würdiger einer nicht ganz neuen, aber noch eben nicht besprochenen Kunst -- der Kunst nehmlich, die _Scheinlebendigen zu tödten_.

Es sei mir erlaubt, von unsern Vorfahren anzuheben. Ehe die Welt, nehmlich unsere Erde und ihre atmosphärischen Pertinenzien zur Schöpfung, wie der Rahm, zusammengeronnen war, gab es, dem Sein gegenüber, ein Nichtsein. Von diesem Nichtdaseienden wurde lange Zeit keine Notiz genommen, denn es machte sich nicht merkbar. Leiber und Geister trieben ihr Wesen hand- und fußgerecht, und man lebte so recht frisch auf Gottes Güte und in den alten Kaiser hinein, als wenn diese Zeitlichkeit schon die reelle künftige Ewigkeit wäre. Neben kräftiger Tugend und vielfachen Thaten nahmen sich Uebermuth und Laster denn freilich auch Vieles heraus, und wie rüstige Kupferschmiede hämmerten Gute und Böse mit leidenschaftlichem Treiben auf das Leben los, daß Propheten und fromme Menschen oft dachten und weissagten, die ganze Schöpfung müsse zusammenbrechen. Jahre kamen, Jahre gingen. Schwermuth, Empfindsamkeit, Sentimentalität, Ohnmacht und Unkraft zu Tugend oder Laster gingen im Schwange: -- es war nehmlich die Zeit gekommen, wo sich das uralte Nichts allgemach in das Dasein eingeschustert und eingeschlichen hatte. Ich konnte aus der Welt und meinen sonst löblichen Nebenmenschen nicht klug werden, bis mir denn ein Seherblick einmal in einem merkwürdigen Traume aufging. Im Orbis Pictus hatte ich in meiner Kindheit mir wohl die Umrisse in feinen Punkten eingeprägt, welche in jenem Buche die Formen der Seelen ausdrücken sollten. Wie ich also im Traume meinen Guide, einen weisen Geist, nach dem Zustande der Dinge fragte, that mir dieser mein inneres Auge auf, und -- o Jupiter! o Gemini! wie sah ich Alles anders! Viele Menschen waren robust, voll, kurz angebunden, von sich und ihrer Meinung überzeugt. Andere thätig im Gewerk und Landbau, -- aber Unzählige liefen, von allen Ständen und Altern, so als fein gepunktete Schaaren herum, nichts wissend, wollend, denkend, aber sich vieler Dinge anmaßend. Wundre dich nicht, sagte mein Engel oder was mein Führer seyn mochte, über diese Entdeckung, welche du jetzt machst. Es ist nicht ohne, daß die Welt allgemach wieder ihrem Untergange entgegenwandelt. Die Nichtigkeit hat sich in alle Räder und Schwungtriebe der großen Maschine eingeschlichen. Der Mensch war als der Mittelpunkt mit seiner Kraft hingestellt, um den Körper der Welt, damit er niemals ein Leichnam werde, frisch zu erhalten. Jetzt werden es, ich weiß nicht wie viele Jahre seyn, daß die Menschheit auch mit Nullitäten angefüllt ist. Alles das Punktirte, was du wahrnimmst, sind Leiber ohne alle Seelen. Diese Körper stellen sich nur lebendig an und führen ein Scheinleben.

Abscheulich! rief ich aus: ich sehe fast mehr Tättowirte, als wirkliche Menschen. Kann die Vorsehung denn dergleichen zugeben oder gestatten?

Die Vorsehung, erwiederte mein geistlicher Präceptor, bedient sich in allen Dingen mittelbarer Mittel, und greift niemals persönlich in ihr geschaffenes, vielseitiges Getriebe. So hat sie denn, damit diese Scheinlebendigen nicht am Ende alles wirkliche Leben verdrängen und allein von der Erde Besitz nehmen, Gesetzgeber, Fürsten und echte Volkslehrer inspirirt, die sich, so viel es möglich ist, diesem Unwesen widersetzen und das Reich der Nichtigkeit auf verschiedene Weise zu zerstören suchen.