Part 25
Die Nachtigall sang eben vor seinem Fenster, und er sah, daß es stürmte und regnete. Vorsorglich nahm er sie herein und stellte sie hoch auf einen alten Wandschrank hinauf. Indem er sich überbog, um den Käfig sicher zu stellen, riß die Kette, an welcher er das Bildniß seiner Geliebten trug, und das Gemälde rollte nach der Wand zu, und hinter den eichenen alten Brettern hinab. Der Unglückliche wird auch von Kleinigkeiten erschreckt. Eilig stieg er hinunter, um sein geliebtes Kleinod wieder zu suchen. Er bückte sich, aber so sehr er auch forschte, war es unter dem großen schweren Schranke nicht anzutreffen. Alles, das Große wie das Kleine in seinem Leben, schien ihn wie eine Bezauberung zu verfolgen. Er schüttelte an dem alten Gerüste, und wollte es aus der Stelle schieben, aber es war in der Mauer verfestigt. Sein Ungestüm wurde mit jedem Hinderniß heftiger. Er faßte eine alte Eisenstange, die er im Vorzimmer fand, und arbeitete mit aller Anstrengung seiner Kräfte, den Schrein zu rücken, und endlich, nach vielem Heben, Stemmen und hundert vergeblichen Bemühungen geschah ein Riß mit lautem Krachen, als wenn eine eiserne Klammer oder Kette gesprungen wäre. Jetzt wich allmählig das Gebäude und Antonio vermochte es endlich, sich zwischen dieses und die Wand einzudrängen. Er sah sogleich sein geliebtes Bildniß. Es lag auf dem breiten Knauf einer Thür, die in der Mauer war. Er küßte es, und drehte den Griff, welcher nachgab. Die Thür öffnete sich, und er fiel darauf, den großen Schrank noch etwas mehr zurück zu schieben, um diese Seltsamkeit näher zu untersuchen, denn er glaubte, daß der Besitzer des Hauses diese geheime Oeffnung, die mit so vieler Sorgfalt, und wie es schien, seit so langer Zeit verdeckt war, selber nicht kenne. Als er sich mehr Raum verschafft hatte, sah er, daß hinter der Thür eine enge gewundene Stiege sich hinabsenkte. Er stieg einige Stufen hinunter, die dichteste Finsterniß umgab ihn. Er schritt weiter und immer weiter, die Treppe schien bis in die untern Gemächer hinabzuführen. Schon wollte er umkehren, als er auf eine Hemmung stieß, denn die Wendelstiege war nun zu Ende. Indem er in der Dunkelheit auf und nieder tastete, traf seine Hand auf einen erznen Ring, den er anzog, und sogleich öffnete sich die Mauer und ein rother Glanz quoll ihm entgegen. Noch ehe er in die Oeffnung hineintrat, untersuchte er die Thür und fand, daß eine Feder, die der Ring in Bewegung gesetzt, sie ihm aufgethan hatte. Er lehnte sie an und schritt behutsam in das Gemach. Rothe kostbare Teppiche schmückten es, mit Purpurdecken von schwerer Seide waren die Fenster verhängt, ein Bett, von glänzendem Scharlach mit Gold verziert, stand im Zimmer. Alles war still, man hörte das Getöse der Straße nicht, die Fenster gingen nach dem kleinen Garten. Mit beklemmter Brust stand der Jüngling im Gemach, er horchte aufmerksam und endlich dünkte ihm, er vernähme das Säuseln des Athems, wie von einem Schlafenden. Mit klopfendem Herzen wandte er sich um, und ging vor, um zu spähn, ob auf dem Bette jemand ruhe, er schlug die seidenen Vorhänge zurück -- und glaubte nur zu träumen, denn vor ihm lag, leichenblaß, aber süß schlummernd, das Bildniß seiner geliebtesten Crescentia. Der Busen hob sich sichtlich, wie eine leichte Röthe war den blassen Lippen angeflogen, die, zart geschlossen, von einem sanften Lächeln unmerklich bewegt wurden. Das Haar war aufgelöst und lag in seinen schweren dunkeln Locken auf den Schultern. Das Kleid war weiß, der Gürtel eine goldne Spange. Lange stand Antonio im Anschauen versenkt, endlich, wie von einer übernatürlichen Gewalt getrieben, faßte er die weiße, schöne Hand, und wollte die Schläferin gewaltsam emporziehen. Diese stieß einen klagenden Schrei aus, und erschreckt ließ er den Arm wieder fahren, der ermüdet in die Kissen sank. Doch war der Traum, so schien es, entflogen, das Netz des Schlummers, welches das wundersame Bildniß umschlossen hielt, war zerrissen, und wie Wolken und Nebel sich im leisen Morgenwinde in wallenden Gestaltungen an den Bergen hinbewegen und wechselnd auf und nieder sinken, so rührte sich die Schläferin, dehnte sich wie ohnmächtig, und strebte in langsamen anmuthigen Bewegungen dem Erwachen entgegen. Die Arme streckten sich empor, so daß die weiten Aermel zurück fielen und die volle schöne Rundung zeigten, die Hände falteten sich und sanken dann wieder nieder; das Haupt erhob sich und der glänzende Nacken richtete sich frei auf, doch waren die Augen immer noch geschlossen, die Locken fielen schwarz in das Gesicht hinein, doch strichen die feinen langen Finger sie zurück; ganz aufrecht sitzend kreuzte die Schöne nun die Arme über die Brust, stieß einen schweren Seufzer aus und plötzlich standen die großen Augen weit offen und glänzend.
Sie betrachtete den Jüngling, als sähe sie ihn nicht, sie schüttelte das Haupt und ergriff jetzt die goldne Quaste, die über ihr am Bette befestigt war, richtete sich kräftig auf, und auf den Füßen stand jetzt in der purpurnen Umhüllung hoch aufgerichtet die große schlanke Gestalt, sie schritt dann sicher und fest vom Lager herunter, ging auf Antonio, der zurück gewichen war, einige Schritte zu, und mit einem kindischen Ausruf der Ueberraschung, wie wenn Kinder sich plötzlich über ein neues Spielzeug erfreuen, legte sie ihm die Hand auf die Schulter, lächelte ihn holdselig an und rief mit sanfter Stimme: Antonio!
Dieser von Furcht, Entsetzen, Freude, Ueberraschung und dem tiefsten Mitleiden durchdrungen, wußte nicht, ob er fliehen, sie umarmen, zu ihren Füßen stürzen, oder in Thränen aufgelöst sterben sollte. Das war derselbe Ton, den er sonst so oft und so gern vernommen hatte, bei dem sich sein ganzes Herz umwendete. Du lebst? rief er mit einer Stimme, die sein überschwellendes Gefühl erstickte.
Das süße Lächeln, das von den blassen Lippen aus über die Wangen bis in die strahlenden Augen aufgegangen war, zerbrach plötzlich und ging in einen starren Ausdruck des tiefsten, des unsäglichsten Schmerzes unter. Antonio konnte den Blick dieser Augen nicht aushalten, er bedeckte mit den Händen sein Gesicht und schrie: bist Du ein Gespenst?
Die Erscheinung trat noch näher, drückte mit ihren Händen seine Arme nieder, so daß sein Antlitz frei wurde, und sagte mit sanft bebender Stimme: Nein, sieh mich an, ich bin nicht todt, und lebe doch nicht. Reich' mir die Schaale dort.
Eine duftende Flüssigkeit schwebte in dem kristallenen Gefäß, er reichte es ihr zitternd, sie setzte es an den Mund und schlürfte den Trank in langsamen Zügen. Ach, mein armer Antonio! sagte sie dann, ich will nur diese irdischen Kräfte erborgen, um Dir den ungeheuersten Frevel kund zu thun, um Hülfe von Dir zu erflehen, um Dich zu vermögen, mir zu der Ruhe zu verhelfen, nach welcher sich alle meine Gefühle so inbrünstig sehnen.
Sie war wieder in den Armstuhl gesunken, und Antonio saß zu ihren Füßen. Höllische Künste, fing sie wieder an, haben mich scheinbar vom Tode erweckt. Derselbe Mann, den meine unerfahrene Jugend wie einen Apostel verehrte, ist ein Geist des Abgrunds. Er gab mir den Schatten dieses Lebens. Er liebt mich, wie er sagt. Wie schauderte mein Gefühl vor ihm zurück, als ihn mein erwachendes Auge erkannte. Ich schlummere, ich athme, ich kann ganz, wenn ich will, zum Leben wieder genesen, so hat es mir der Böse verheißen, wenn ich mich ihm mit ganzem Herzen ergebe, wenn er, in geheimer Verborgenheit, mein Gatte werden darf. -- O Antonio, wie schwer wird mir jedes Wort, jeder Gedanke. Alle seine Kunst zerbricht an meiner Sehnsucht zum Tode. Das war fürchterlich, als mein Geist, schon in der Ruhe, schon in der Entwickelung neuer Anschauungen, aus dem stillen Frieden so gräßlich zurückgerissen wurde. Mein Leib war mir schon fremd, feindlich und verhaßt worden. Zurück kam ich, wie der befreite Sklave zu Ketten und Gefängniß. Hilf mir, Treuer, rette mich.
Wie? sagte Antonio: Gott im Himmel! was erleb' ich? Wie muß ich Dich wieder finden? Und Du kannst, Du darfst nicht ganz zum Leben zurückkehren? Du kannst nicht mir und Deinen Eltern wieder angehören?
Unmöglich! rief Crescentia mit einem ängstlichen Ton, und ihre Blässe wurde vor Entsetzen noch bleicher. Ach! das Leben! Wie kann der es wieder suchen, der schon davon gelöst war? Du Armer fassest die tiefe Sehnsucht nicht, die Liebe, das Entzücken, womit ich den Tod denke und wünsche. Noch inniger, wie ich Dich ehemals liebte, noch brünstiger, wie meine Lippen am Osterfeste nach der heiligen Hostie schmachteten, ist mein Wunsch zu ihm. Dann liebe ich Dich freier und inniger in Gott. Dann bin ich meinen Eltern wiedergegeben. Dann leb' ich, sonst war ich gestorben, jetzt bin ich Nebel und Schatten, mir und Dir ein Räthsel. Ach, wenn Deine Liebe und unsre Jugend in mein jetziges Dasein hinein schien, wenn ich von oben herab die wohlbekannte Nachtigall hier in meiner Einsamkeit schlagen hörte, welch süßes Grauen, welche finstre Freude und Angst rieselte dann durch die Dämmerung meines Wesens. O hilf mir los von der Kette.
Was kann ich für Dich thun? fragte Antonio.
Die Reden hatten wieder die Kraft der Erscheinung gebrochen: sie ruhte eine Weile mit geschlossenen Augenliedern, dann sagte sie matt: Ach! wenn ich eine Kirche betreten könnte, wenn ich zugegen wäre, indem der Herr im Sakrament erhoben wird und der Gemeinde erscheint, dann würde ich in diesem seligen Augenblicke vor Entzücken sterben.
Was hindert mich, sprach Antonio, den Bösewicht anzugeben, ihn den Gerichten und der Inquisition zu überliefern?
Nein! nein! nein! ächzte das Bildniß in der höchsten Angst: Du kennst ihn nicht, er ist zu mächtig, er würde entfliehn und mich wieder mit sich in den Kreis seiner Bosheit reißen. Stille, ruhig nur kann es gelingen, wenn er sicher ist. Ein Zufall hat Dich zu mir geführt. Du mußt ihn ganz sicher machen, alles verschweigen.
Der Jüngling sammelte seine Sinne, er sprach viel mit seiner vormaligen Braut, ihr ward das Reden immer schwerer, die Augen fielen ihr zu, sie trank noch einmal von dem Wundertrank, dann ließ sie sich nach dem Lager führen. Lebe wohl, rief sie schon wie träumend, vergiß mich nicht. -- Sie bestieg das Bett, legte sich ruhig nieder, die Hände suchten das Crucifix, das sie mit geschlossenen Augen küßte, dann reichte sie dem Liebenden die Hand, und winkte ihn hinweg, indem sie sich zum Schlummer hinstreckte. Antonio betrachtete sie noch, dann ließ er die Feder die unsichtbare Thür wieder einfugen, schlich die enge Wendeltreppe bis zu seinem Gemache wieder hinan, stellte den Schrank an seine vorige Stelle, und brach in heiße Thränen aus, als ihn der Gesang der Nachtigall mit seinen schwellenden Klagetönen bewillkommte. Auch er sehnte sich nach dem Tode, und wünschte nur vorher diejenige, die noch vor wenigen Wochen seine irdische Braut gewesen war, von ihrem wundersamen schrecklichen Zustande zu erlösen.
* * * * *
Um seinem Lehrer auszuweichen, wenn er von seiner Reise zurück käme, hatte Antonio die Schritte nach der einsamsten Stelle des Waldes gelenkt. Es war ihm ungelegen, daß ihm hier sein Freund, der Spanier, begegnete, denn er war nicht gestimmt, ein Gespräch zu führen. Doch konnte er dem Gespielen nicht mehr ausweichen, und so ergab er sich in stiller Trauer der Gesellschaft, die ihm sonst erfreulich und tröstend gewesen war. Nur halb hörte er auf dessen Reden, und erwiederte nur sparsam. Wie fast immer war wieder Pietro der Gegenstand von Alfonso's ungemessener Bewunderung. Warum seid Ihr heut so karglaut? fing er endlich verdrüßlich an: ist Euch meine Gesellschaft zuwider, oder seid Ihr nicht mehr wie sonst fähig, unsern erhabenen Lehrer zu verehren, und ihm den Preis zu geben, den er verdient?
Antonio mußte sich sammeln, um nicht ganz in seinen träumenden Zustand zu versinken. Was ist Euch? fragte Alfonso wieder, es scheint, daß ich Euch beleidigt habe. -- Ihr habt es nicht, rief der Florentiner, aber wenn Ihr mich irgend liebt, wenn Ihr nicht meinen Zorn erregen wollt, wenn nicht die bittersten Gefühle mein Herz zerreißen sollen, so unterlaßt heut das Lobpreisen Eures vergötterten Pietro. Sprechen wir von andern Gegenständen.
Ha! bei Gott! rief Alfonso aus, die Pfaffen haben Euch doch noch den schwachen Sinn umgewendet. Geht nur fernerhin Eures Weges, junger Mensch, denn die Weisheit, das seh' ich nun wohl ein, ist Euch ein zu erhabenes Gut. Euer Kopf ist dieser Kost zu schwach, und Ihr sehnt Euch wieder nach den Kinderspeisen Eurer ehemaligen Seelenwärter. Bleibt nur bei diesen so lange, bis Euch die Milchzähne ausgefallen sind.
Ihr sprecht übermüthig, rief Antonio erzürnt, oder vielmehr wißt Ihr gar nicht, was Ihr sagt, und ich verdiene das nicht um Euch.
Wodurch verdient es unser Lehrer, sagte der Spanier eifrig, der Euch wie ein Vater aufgenommen hat, der Euch vor allen Jünglingen dieser Universität so hoch würdiget, daß Ihr in seinem Hause wohnen dürft, der Euch sein innigstes Vertrauen schenkt, wodurch hat dieser es verschuldet, daß Ihr ihn so kleinmüthig verleugnet?
Wenn ich nun antworte, sprach Antonio zornig, daß Ihr ihn nicht kennt, daß ich Ursache, und die vollständigste habe, anders von ihm zu denken, so würdet Ihr mich wieder nicht verstehn.
Ihr seid wohl schon, sagte Alfonso höhnisch, so hoch in seine geheime Philosophie hinein gestiegen, daß der gewöhnliche, unbegünstigte Erdensohn Euch nicht zu folgen vermag? Wieder zeigt es sich, daß das halbe und Viertel-Verdienst sich am höchsten aufbläht. Pietro Abano ist demüthiger, als Ihr, seine schwächliche Copie.
Ihr seid ungezogen, rief der junge Florentiner in der höchsten Erbitterung aus. Wenn ich Euch nun bei meiner Ehre, bei meinem Glauben, beim Himmel und bei allem, was mir und Euch heilig und ehrenwerth seyn muß, versichere, daß es in ganz Italien, in Europa, keinen so argen Bösewicht, keinen so verruchten Heuchler giebt als diesen --
Wen? schrie Alfonso.
Pietro Abano, sagte Antonio gemäßigt: was würdet Ihr dann sagen?
Nichts, rief jener wüthend, der ihn nicht hatte endigen lassen, als daß Ihr und jedermann, der dergleichen zu sprechen wagt, der nichtswürdigste Schurke sei, der je das Heilige zu lästern sich erfrechte. Zieht, wenn Ihr nicht eine eben so verächtliche Memme, als ein niederträchtiger Verleumder heißen wollt.
Das gezogene Eisen begegnete dem Ausfordernden schon eben so schnell, und es half nichts, daß ihnen eine heisere ängstliche Stimme: Halt! zurief. Alfonso war in der Brust verwundet, und zu gleicher Zeit rann Blut aus dem Arm Antonio's. Der alte Priester, der die Erbitterten hatte trennen wollen, eilte nun herbei, er verband die Wunden und stillte das Blut, darauf rief er andere Studirende herzu, die er in der Nähe schon gesehen hatte, die den ermatteten Alfonso nach der Stadt führen sollten. Ehe sich dieser entfernte, ging Antonio noch einmal zu ihm, und raunte ihm ins Ohr: wenn Ihr ein Edelmann seid, so kommt von der Ursache unsers Zwistes kein Wort über Eure Lippen. In vier Tagen sprechen wir uns wieder, und wenn Ihr dann nicht meiner Ueberzeugung seid, bin ich zu jeder Genugthuung erbötig.
Alfonso versprach feierlich, auch alle Umstehenden versicherten, daß die Wunde so wie das Gefecht selbst verschwiegen bleiben sollten, um den jungen Florentiner keiner Gefahr auszusetzen. Als sich alle entfernt hatten, ging Antonio mit dem Priester Theodor tiefer in den Wald. Warum, fing dieser an, wollt Ihr Euch, eines Verdammten wegen, selber der Hölle überliefern? Ich sehe, daß Ihr jetzt anderer Meinung seid; aber ist das Schwert wohl der Redner, der andre bekehren darf? -- Antonio war ungewiß, in wie weit er sich dem Mönche entdecken sollte, doch verschwieg er ihm noch die wunderbare Begebenheit, welche er erlebt hatte, und bedung sich nur die Erlaubniß aus, bei dem nahe bevorstehenden Osterfeste, während des Hochamtes, durch die Sakristei in der Nähe des Altars zum großen Tempel eingehen zu dürfen. Nach einigen Einwürfen gab Theodor nach, ob er gleich nicht begriff, was der Jüngling mit dieser Erlaubniß bezwecken könne. Ich will einen Gast so in die Kirche einführen, sagte dieser nur noch, dem man am großen Thor den Eingang vielleicht versagen würde.
* * * * *
Alle Glocken der Stadt läuteten, um das heilige Osterfest in Freuden und Andacht zu begehn. Das Volk strömte nach dem Dom, um das froheste christliche Fest zu feiern, und auch den berühmten Apone in seiner neuen Würde zu erblicken. Die Studirenden begleiteten ihren berühmten Lehrer, der vom Adel, dem Rath und der Bürgerschaft ehrfurchtvoll begrüßt in anscheinender Frömmigkeit und Demuth dahin wandelte, Allen ein Beispiel, der Stolz der Stadt, das begeisternde Vorbild der Jugend. An der Thür des Tempels wich das Gedränge in scheuer Verehrung zurück, um dem Gefeierten Platz zu machen, der in der Tracht des Prälaten, mit der goldenen Kette geschmückt, im weißen Bart und lockigen Haupthaar einem Kaiser oder einem alten Lehrer der Kirche in seinem majestätischen Anstande zu vergleichen war.
In der Nähe des Altars war dem berühmten Manne ein erhobener Sitz zubereitet, daß Schüler und Volk ihn sehn konnten, und als die Menge der Andächtigen in den Tempel hereingeströmt war, begann das Hochamt. Theodor, der kleine Priester, las an diesem Tage die Messe, und Jung und Alt, Vornehm und Geringe war in Freudigkeit, das Fest der Auferstehung des Herrn würdig zu begehn, den wiederkehrenden Glanz zu schauen, und sich nach den Tagen der strengen Fasten, nach den betrübenden Vorstellungen der Leiden und des Schmerzes an dem Gefühl des wieder erwachten Lebens zu trösten.
Schon war der erste Theil des Gottesdienstes geendigt, da sah man mit Erstaunen an der Seite des Altars Antonio Cavalcanti in die Kirche treten, der eine dicht verschleierte Figur an seiner Hand führte. Er stellte diese auf die Erhöhung, dem Pietro dicht gegenüber, und warf sich dann betend am Altare nieder. Die Verschleierte stand starr und hoch da, und man sah unter der Verhüllung die brennend schwarzen Augen. Pietro erhob sich vom Sessel, und sank bleich und zitternd in denselben zurück. Die Musik der Messe strömte und wogte in volleren Accorden, jetzt wickelte sich die Verhüllte langsam aus ihren Schleiern, das Antlitz war frei, und die Nächsten erkannten mit Entsetzen die gestorbene Crescentia. Ein Schauder ging durch die ganze Kirche, auch die Fernsten faßte ein heimliches Grauen, das todtenbleiche Bild so hoch dort stehn zu sehn, das so andächtig betete und die großen feurigen Augen nicht vom Priester am Altar verwendete. Auch der große mächtige Pietro schien in eine Leiche verwandelt, man hätte ihn den entstellten Zügen nach für todt halten können, wenn sich sein Leben nicht im heftigen Zittern verrathen hätte. Nun wendete sich der Priester, und erhob die geweihte Hostie, Trompeten verkündigten die erneute Gegenwart des Herrn, und mit einem Jubelton, mit hochentzücktem Antlitz, die Arme weit ausgebreitet, indem sie laut Hosiannah! rief, daß die Kirche wiedertönte, brach nun die bleiche Erscheinung zusammen, und lag todt, starr und bewegungslos zu Pietro's Füßen hingestürzt. Das Volk lief hinzu, die Musik verstummte, Fragen, Verwundern, Entsetzen und Schreck sprach und forschte aus jeder Miene, der Adel und die Studirenden wollten den ehrwürdigen Greis, der so tief erschüttert schien, trösten und unterstützen, als Antonio mit gellendem Tone: Zeter! Zeter! schrie, und die furchtbarste Anklage, die schrecklichste Erzählung begann, die höllische Kunst, die verworfene Magie des zagenden Sünders aufdeckte, von sich und Crescentia und ihrem schaudervollen Wiederfinden sprach, so daß Zorn, Wuth, Verwünschung, Abscheu und Fluch, wie ein stürmendes Meer, um den Geängsteten tobte und ihn zu vernichten, im Wahnsinn des Grimmes zu zerreißen drohte. Man sprach von Schergen und Fesseln, die Inquisitoren nahten, als sich Pietro wie rasend erhub, mit geballten Fäusten um sich stieß und schlug, und riesenhaft sich auszudehnen schien. Er trat zu Crescentia's Leichnam, der lächelnd wie das Bild einer Heiligen dalag, betrachtete sie noch einmal, und ging dann brüllend und mit funkelnden Augen durch die Menge. Ein neues Entsetzen ergriff das Volk, man machte dem Ungeheuren Platz, alles wich zurück. So kam Pietro auf die freie Straße, doch nun besann sich der Pöbel, und mit Geschrei, Verfluchung und Schimpfreden verfolgte er den Fliehenden, der in Eil dahin rannte, indem sein Talar ihm weit nachflog, und die goldne Kette schallend auf Brust und Schultern schlug. Das Gesindel grub die Steine aus dem Boden und warf nach ihm, da es ihn nicht einholen konnte, und verwundet, blutend, triefend von Schweiß, die Zähne klappend vor Angst erreichte Pietro endlich die Schwelle seines Hauses.
Er verbarg sich in den innersten Gemächern, und der neugierige Beresynth trat fragend und forschend dem Pöbel und dem Andrang des Volkes entgegen. Nehmt die Teufelslarve, den Famulus, schrieen alle, zerreißt den Gottvergessenen, der nie eine Kirche besucht hat! Er wurde in die Straße geführt und gestoßen, auf seine Fragen, Bitten, auf sein Heulen und Schreien ward ihm keine Antwort, auch vernahm man in dem stürmenden Getümmel nichts anders als Flüche und Todesdrohung. Bringt mich ins Verhör! schrie endlich der Zwerg, da wird meine Unschuld offenbar werden! Die herbeigerufenen Schergen ergriffen ihn, und führten ihn nach dem Gefängniß. Alles Volk drängte sich nach. Hier hinein! rief der Anführer der Häscher, Ketten und Holzstoß warten Deiner. Er wollte sich losreißen, die Schergen packten ihn und stießen ihn hin und her, der faßte ihn am Kragen, jener am Arm, der hing sich an sein Bein, um ihn fest zu halten, ein anderer packte den Kopf, um seiner gewiß zu werden. Indem sie ihn so unter Geschrei, Fluchen und Lachen hin und wieder zerrten, fuhren alle plötzlich auseinander, denn jeder hatte nur ein Kleidungsstück, Aermel, Mütze oder Schuh des Mißgeschaffenen, er selbst war nirgend zu sehn. Entflohen konnte er nicht seyn, er schien verschwunden, doch keiner begriff wie.
Als man Apone's Zimmer erbrochen hatte, fanden ihn die Eindringenden todt und verblutet auf seinem Bette liegen. Man plünderte das Haus, die magischen Instrumente, die Bücher, der seltsame Hausrath, alles wurde den Flammen übergeben, und durch die ganze Stadt erscholl nichts als Verfluchung des Mannes, den gestern noch alle wie einen Abgesandten der Gottheit verehrt hatten. Der Abscheu, mit welchem sie sich von dem Trugbild wendeten, war nun um so größer.
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Als sich das Getümmel des aufgeregten Volkes etwas beruhigt hatte, wurde der Leichnam Pietro's still in der Nacht, außerhalb des geweihten Kirchhofes, beigesetzt. Antonio und Alfonso versöhnten sich wieder, und schlossen sich dem frommen Theodor an, der zum zweitenmal, mit Feierlichkeit und einer andächtigen Rede, den Leichnam der schönen Crescentia in die ihr bestimmte Gruft legen ließ. Antonio konnte nun nicht länger in Padua bleiben, er wollte seine Vaterstadt wieder besuchen, um seine Angelegenheiten zu ordnen, und sich dann vielleicht in einem Kloster aufnehmen zu lassen. Alfonso faßte den Entschluß, nach Rom zu wallfahrten, wohin der heilige Vater ein Jubeljahr und Ablaß von Sünden ausgeschrieben hatte. Nicht nur in Italien regte sich alles, sondern auch aus Frankreich, Deutschland und Spanien kamen viele Züge von Pilgrimmen an, um diese bis dahin unerhörte Feierlichkeit, dieses große Kirchenfest in der heiligen Stadt zu begehn.
Nachdem die Freunde sich getrennt hatten, verfolgte Antonio seine einsame Bahn, denn er vermied die große Straße, theils um seiner Schwermuth desto ungestörter nachhängen zu können, theils um die Schwärme zu vermeiden, die sich auf dem großen Wege drängten, und in den Nachtlagern beschwerlich fielen.