Part 23
Weiß es, weiß es, liebes, schönes, junges Kind. Ja, ja, es werden jetzt schon fünfzehn Jahre seyn, daß sie gestorben ist. Ach ja, sie mußte wohl dazumal in der bösen Zeit den Geist aufgeben. Und Euer lieber, guter Vater, dem habe ich es einzig zu verdanken, daß die Richter mich nicht einige Jahre nachher auf den Scheiterhaufen setzten, sie hatten sich's einmal in den Kopf genommen, ich sei eine Hexe, und da half kein Widersprechen. Aber der Herr Guido kämpfte mich durch, mit Vernunft und Drohung, mit Bitten und Zorn, und sie haben mich denn bloß aus dem lieben Lande verbannt. Und nun bringt mir das Donnerwetter den Sohn meines Wohlthäters in meine kleine, arme Hütte. Gebt mir doch auch die Hand darauf, junges Blut.
Antonio gab sie der Alten schaudernd, die er jetzt erst näher betrachten konnte. Sie grinste ihn freundlich an, und zeigte zwei schwarze, lange Zähne, die einen widerwärtigen Mund noch häßlicher machten, die Augen waren klein und scharf, die Stirn gefurcht, das Kinn lang, sie streckte zwei dürre Arme nach ihm aus, und als er sie wider Willen umfassen mußte, fühlte er den Höcker, der die Häßlichkeit noch abscheulicher machte. Nicht wahr? sagte sie mit erzwungenem Lachen, ich bin nicht sonderlich hübsch, war es auch in meiner Jugend nicht. Es ist mit der Schönheit etwas Besonderes, man kann eigentlich niemals sagen und beschreiben, worin sie besteht, es ist immer nur eine Abwesenheit von gewissen Dingen, die, wenn sie in ihrer Bestimmtheit da sind, das ausmachen, was die Leute die Häßlichkeit nennen. Sagt mir einmal, was findet Ihr denn nun so an mir wohl am widerwärtigsten?
Liebe Alte, sagte der Jüngling verlegen --
Nein, rief sie, rund mit der Wahrheit heraus, ohne alle Schmeichelei! Jeder Mensch hat doch nun einmal die oder jene Gabe, und so bilde ich mir nicht wenig darauf ein, daß mir alles das abgeht, was sie in der Welt schön nennen. Nun, zeigt einmal Euren Geschmack. Sprecht!
Wenn ich muß, stotterte Antonio, dem trotz seiner Trauer ein Lächeln jetzt auf die Lippen trat, die beiden Zähne wollen mir --
Ha, ha! rief die Alte laut lachend, die beiden guten lieben alten schwarzen Zähne wollen Euch am wenigsten gefallen. Ich glaub' es wohl, sie stehen wie zwei verbrannte Palisaden an einer zerstörten Vestung da in dem weiten leeren Raum. Aber Ihr hättet mich vor zehn Jahren sehn sollen, da war das Ding noch viel schlimmer. Dazumal hatt' ich den ganzen Mund voll solcher entsetzlichen Hauer, und die mich lieb hatten, wollten mir sagen, es sähe gräßlich aus. So fielen sie denn nach und nach aus, und die beiden Stammhalter sind nur noch übrig geblieben. Wenn sie einmal abgehn, so klappt das Maul völlig zu, die Oberlippe wird dreimal so lang, und man kann wieder nicht wissen, was für ein Bildniß dadurch zu Stande kommt. Die Zeit, mein lieber junger Freund, ist, wie schon vor vielen Jahren einer gesagt hat, eine thörichte Künstlerin, sie macht ein Bild leidlich hübsch, dann künstelt, schnitzelt, reckt und stümpert sie am Menschen herum, zieht Nase und Kinn in die Länge, drückt die Backen ein, pinselt die Stirn voller Falten, bis sie ein Fratzengesicht zu Stande gebracht hat; dann schämt sie sich am Ende, schmeißt den ganzen Bettel hin und deckt ihn mit Erde zu, damit nicht alle Welt ihre Schande sehe. So glatt bleibt Ihr auch nicht, wie Ihr jetzt in Eurer Politur glänzt. Ah! zeigt! freilich, Ihr habt Zähnchen wie die reinsten Perlen. Schade, daß die müssen gebraucht werden, um Brod und Rinderbraten zu kauen. Ei, ei, -- zeigt -- weiter auf den Mund -- die stehn aber so sonderbar, -- hm! und der Augenzahn! Nun, das ist zu bedenken.
Antonio wußte nicht, ob er schelten oder lachen sollte; doch zwang er sich heiter zu seyn, und dem Geschwätz der Alten nachzugeben, die gleichsam wegen früher Bekanntschaft mit der Familie eine sonderbare Gewalt an ihm ausübte. Wie fuhr er aber entsetzt zusammen, als sie plötzlich: Crescentia! ausrief.
Ums Himmels willen! sprach er erschüttert, kennt Ihr sie? Saht Ihr sie? wißt Ihr von ihr?
Was ist Euch? heulte die Alte, muß ich sie doch wohl kennen, da sie meine eigne Tochter ist. Seht nur selbst, wie die träge Dirne da eingeschlafen sitzt, das Feuer ausgehn und die Suppe verkühlen läßt.
Sie nahm die Lampe und näherte sich dem Heerde; aber wie ward dem Jünglinge, als er seine Geliebte heute zum zweitenmale wiedersah, fast eben so, wie am Abend. Das blasse Haupt lag gesenkt, die Augen geschlossen, alle Lineamente, auch die dunkeln Locken seiner Braut, eben so hatte sie die kleinen Händchen gefaltet, zwischen welchen sie ebenfalls ein Christusbild hielt. Das weiße Gewand half die Täuschung erhöhen, nur fehlten die Blumen, doch webte die Dämmerung wie Kränze schweren dunkeln Laubes um ihre Locken. Sie ist todt, seufzte Antonio, sie starr betrachtend. -- Faul ist sie, die träge Dirne, sagte die Alte, und schüttelte die schöne Schläferin wach; nichts als beten und schlummern kann das unnütze Geschöpf.
Crescentia ermunterte sich, und ihre Verwirrung erhöhte noch ihre Anmuth. Antonio fühlte sich dem Wahnsinne nahe, daß er diejenige wieder vor sich sah, die er doch auf ewig verloren hatte. Alte Zauberin! rief er heftig aus, wo bin ich? Und welche Gebilde führst Du vor die irren Sinne? Sprich, wer ist jenes holdselige Wesen? Crescentia, bist Du wieder da? Erkennst Du mich noch als den Deinen? Wie bist Du hieher gerathen?
Holla! mein junger Prinz, schrie die Alte, Ihr faselt ja, als wenn Ihr Euer bischen Verstand verloren hättet. Rumort Euch das Gewitter im Kopf herum? Hat der Blitz etwa in Euern Witz geschlagen? Es ist meine Tochter, und ist es von je an gewesen.
Ich kenne Euch nicht, sagte die bleiche Crescentia hold erröthend. Ich bin nie in der Stadt gewesen.
Setzt Euch, unterbrach sie die Alte, genießt, was da ist. Die Suppe wurde aufgetragen, einige Früchte, und aus einem kleinen Wandschrank nahm die Alte eine Flasche köstlichen florentinischen Weins. Antonio konnte nur wenig genießen, sein Auge war auf Crescentia hingebannt, und seine verwirrte und erschütterte Phantasie wollte ihn immer wieder von Neuem bereden, diese sei seine gestorbene Braut. Oft glaubte er dann wieder, in einem schweren Traum gefesselt zu liegen, oder von einem Wahnsinn befangen zu seyn, der alle Gegenstände um ihn verwandele, daß er vielleicht in der Stadt, oder in seiner Heimath weile, nur seine Einbildungen sehe, und keinen seiner Freunde erkenne und vernehme, die wohl tröstend oder klagend um ihn stehn möchten.
Das Gewitter hatte ausgetobt, und die Sterne glänzten am beruhigten dunkeln Himmel. Die Alte aß mit Begier und trank noch eifriger von dem süßen Weine. Nun endlich, junger Antonio, fing sie nach einiger Zeit an, erzählet uns doch, was Euch nach Padua, was Euch hieher getrieben hat.
Antonio fuhr wie erwachend auf. Ihr könnt wohl, erwiederte er, einige Nachrichten von Eurem Gaste verlangen, da Ihr obenein meinen Vater, und vielleicht auch meine Mutter gekannt habt.
Wohl habe ich sie gekannt, sagte die Alte schmunzelnd, kein Mensch so gut als ich. Ja, ja, sie starb sechs Monat zuvor, ehe Euer Vater seine zweite Ehe mit der Marchese Manfredi stiftete.
Also das wißt Ihr auch?
Ist mir doch, fuhr jene fort, als sähe ich das schmucke Püppchen noch immer vor mir. Nun, lebt die schöne Stiefmutter denn noch? Als sie mich aus dem Lande jagten, war sie noch in ihrer schönsten Blüthe.
Ich mag es Euch nicht wiederholen, sagte Antonio mit einem Seufzer, was ich durch diese mir fremde Mutter litt; sie hatte meinen Vater wie bezaubert, der lieber allen seinen alten Freunden, lieber seinem Sohne Unrecht thun, als sie irgend beleidigen wollte. Endlich aber änderte sich dieses Verhältniß, doch brach mein Herz fast beim Anblick dieses Hasses, wenn es früher nur über erlittene Kränkungen geblutet hatte.
Also recht bitter böse, fragte die Alte mit widerwärtigem Lächeln, ging es in der Haushaltung zu?
Antonio betrachtete sie mit scharfem Blicke und sagte verwirrt: Ich weiß nicht, wie ich dazu komme, hier von meinem und dem Elend meiner Eltern zu erzählen.
Die Alte leerte ein Glas rothen Wein, der wie Blut im Glase stand. Mit lautem Lachen sagte sie dann: weiß ich mir doch kein herrlicheres Vergnügen, versteht, was man so recht Wonne und Seligkeit nennen kann, als wenn so zwei Ehehälften, die früher einmal zwei Liebesleute waren, sich wie Katze und Hund, oder wie zwei Tigerthiere herumbeißen, schelten, einander verfluchen, und Herz und Seele dem Satan opfern möchten, um eins das andere zu kränken, oder seiner los zu werden. Das, junger Fant, ist die wahre Herrlichkeit des sterblichen Lebens. Besonders aber, wenn die beiden Verbündeten vorher aus Liebe recht geraset haben, alles, auch das Ungewöhnliche für einander gethan, wohl gar manches begangen, was andre fromme Leutchen Verbrechen nennen, um nur zu einander zu kommen, um nur endlich und endlich das nun so verhaßte Band zu schlingen. Glaubt mir, das ist alsdann für den Satan und die ganze Hölle ein hohes Fest, ein Jubeln und Cymbelnklang der Unterirdischen. Und hier nun gar, -- doch, ich schweige, ich könnte leicht zu viel sagen.
Crescentia sah den Erstaunten wehmüthig an. Verzeiht ihr, sagte sie lispelnd, Ihr seht, sie ist trunken, die Unglückliche.
In Antonio's Seele aber erwachte die Vorzeit und alle ihre trüben Scenen mit frischer Kraft. Der trübe Tag kam ihm zurück, als er seine Stiefmutter auf ihrem Sterbebette sah, als sein Vater verzweifelte und sich und die Stunde seiner Geburt verfluchte, als er den Geist seiner ersten Gattin anrief und um Vergebung flehte.
Habt Ihr nichts mehr zu erzählen? fragte die Alte, und weckte ihn dadurch aus seiner staunenden Träumerei.
Was soll's? sagte Antonio im tiefsten Schmerz, scheint Ihr doch alles zu wissen, oder durch Weissagung erfahren zu haben. Brauche ich es Euch zu sagen, daß ein alter Diener, Roberto, sie vergiftet hatte, von ihrem Haß verfolgt und zur Rache angespornt? Daß dieser boshaft und verrucht meinem Vater das Verbrechen zuwälzen wollte? Er entsprang aus dem Gefängnisse, übersteigt die Gartenmauer und stößt in der Grotte meinem Vater den Dolch in die Brust!
Der alte Roberto? Roberto? rief die Alte, fast wie im frohen Jubel; ei, sieh doch! was man an den Leuten nicht erlebt! Ja, ja, der Schleicher war in jüngern Jahren so ein rechter Tuckmäuser, ein scheinheiliger Hund, ist aber nachher ein resoluter Bursche geworden, wie ich höre. In der Grotte also? Wie sich alles so wunderbar fügen muß. Da saß Euer Vater in frühern Jahren so oft mit der ersten Gattin, dort hat er ihr zuerst, als ihr Bräutigam, ewige Liebe geschworen. Dazumal trug Roberto gewiß schon jenen Dolch, wußte aber nicht, daß er ihn erst nach zwanzig Jahren so sonderbar brauchen sollte. Dort hat auch die zweite Gemahlin oft bei dem kühlen Brunnen geschlummert, da lag der Mann wieder zu ihren Füßen. Nicht wahr, Antonio, Kind, das Leben ist ein recht buntes, recht dummes, recht abgeschmacktes und recht grauliches Fabelgemisch? Kein Mensch kann sagen: dahin will ich nicht! Die Schmerzen und Gefühle, die Stacheln und das Rasen, die die schwarzen Gesellen in der Hölle schmieden, das alles kommt und kommt langsam, wunderlich, näher und immer näher, mit einemmale ist das Entsetzliche im Hause, und der Verzweifelte sitzt dann damit im Winkel und nagt daran, so wie der Hund am Knochen. Trink, trink, mein Söhnchen, durch diesen Saft wird alles besser, wenn seine Geister in die Seele steigen. -- Nun, und Du? Erzähle doch weiter.
Ich schwur dem Vater Rache, sagte Antonio.
So ist es recht, erwiederte die Alte; sieh, mein Kind, wann so ein Brand erst in ein Haus geschleudert ist, so muß er niemals, niemals wieder erlöschen. Von Geschlecht zu Geschlecht, zum Enkel und zum Vetter erbt das Gift, die Kinder rasen schon, die Wunde blutet immer wieder, ein neuer Aderlaß muß wieder das Unglück retten und auf die Beine bringen, das sonst vielleicht gar verscheiden könnte. O Rache, Rache ist ein köstliches Wort.
Aber Roberto, sagte Antonio, war entflohen und nirgends zu finden.
Schade, Schade, rief die Alte aus. Nun trieb Dich Deine Rache wohl in die Welt?
Ja wohl, ich erwuchs, ich sah Italien, forschte in allen Städten, konnte aber keine Spur des Mörders entdecken. Der Ruf Pietro's von Abano hielt mich endlich in Padua fest. Ich wollte von ihm Weisheit lernen, aber als ich in das Haus des Podesta kam --
Nun? sprich heraus, Kind!
Was soll ich sagen? Ich weiß nicht, ob ich rase oder träume. Dort sah ich die Tochter, die holde, die liebreizende Crescentia. Und ich sehe sie jetzt wieder vor mir, ja sie ist es selbst, jener Leichenzug war ein böser, ungeziemender Scherz, und diese Verkleidung, diese Flucht in die Wüste hieher ist wieder eine unziemliche Verlarvung. Gieb Dich endlich, endlich zu erkennen, theure, holdselige Crescentia. Weißt Du es ja doch, daß mein Herz nur in Deinem Busen lebt. Wozu diese grausamen Proben? Sind Deine Eltern vielleicht dort in der Kammer, und hören alles, was wir sprechen? Laß sie nun endlich, endlich herein treten, es sei nun der grausamen Prüfung, die mich wahnsinnig machen kann, genug geschehn.
Die bleiche Crescentia sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke an, eine solche Wehmuth im Angesicht, daß ihm die Thränen aus den Augen stürzten. Er ist wahrlich schon betrunken! heulte die Alte. Sprecht, sagt, ist denn die Tochter des Podesta todt? Gestorben wäre sie? und wann?
Heut Abend, sagte der Weinende, bin ich ihrer Leiche begegnet.
Also auch die? fuhr die Alte lustig fort, indem sie wieder einschenkte. Nun, da wird sich ja die Familie Markone in Venedig freuen.
Warum?
Weil sie nun die einzigen Erben des reichen Mannes sind. Das haben die Klugen immer gewünscht, es aber niemals hoffen können.
Weib! rief Antonio mit neuem Entsetzen aus, Du weißt ja Alles.
Nicht Alles, erwiederte Jene, aber Etwas. Und manches läßt sich dann auch wohl errathen. Und freilich, etwas Hexerei ist auch im Spiele. Erschreckt nur nicht gar zu sehr. Es war auch nicht so ganz um gar nichts, daß mich die Herren Florentiner auf den Holzstoß setzen wollten, einige kleine unbedeutende Ursächelchen konnten sie immer für diesen Wunsch anführen. -- Schau mir ins Gesicht, Knabe, streiche die Locken aus der Stirn: gut! Nun gieb die linke Hand: die rechte; ei! ei! sonderbar und wunderlich! Ja, ja, Dir steht ein nahes Unglück bevor, aber wenn Du es überlebst, wirst Du Deine Geliebte noch wiedersehn.
Jenseit! seufzte Antonio.
Jenseit? was ist Jenseit? rief die Alte im Taumel; nein, diesseit, was wir hier auf Erden nennen. Was die Narren für Worte brauchen. Es giebt kein Jenseit, alberner Kindskopf, wer hier nicht schon das Fett von der Brühe abschöpft, der ist übel betrogen. Aber damit kirren sie die Gelbschnäbel, daß sie hübsch im Geleise bleiben, wohin man sie lenken will, wer aber ihren Fabeln nicht glaubt, der ist auch dafür frei, und kann thun, was ihn gelüstet.
Antonio sah sie zürnend an, und wollte ihr heftig erwiedern, aber die blasse Crescentia legte einen so demüthig flehenden Blick für ihre Mutter ein, daß sein Zorn entwaffnet wurde. Die Alte gähnte und rieb sich die Augen, und es währte nicht lange, so war sie, vom häufigen Genuß des starken Weins betäubt, fest eingeschlafen. Das Feuer auf dem Heerde war erloschen, und die Lampe warf nur noch matte Schimmer. Antonio fiel in ein tiefes Nachsinnen, und Crescentia saß am Fenster auf einem niedrigen Schemel. Kann ich wo schlafen? sagte der erschöpfte Jüngling endlich.
Oben ist noch eine Kammer, sagte Crescentia schluchzend, und er bemerkte nun erst, daß sie die ganze Zeit über heftig geweint hatte. Sie putzte die Lampe, daß sie heller brenne, und ging schweigend voran. Er folgte eine schmale Treppe hinauf, und als sie oben in dem engen finstern Behältnisse waren, setzte das Mädchen die Leuchte auf einen kleinen Tisch und war im Begriff sich zu entfernen. Doch schon an der Thür kehrte sie noch einmal um, betrachtete den jungen Mann wie mit einem Todtenblicke, stand bebend vor ihm, und fiel dann laut schluchzend und in unverständlichen heftigen Klagen wie in Krämpfen zu seinen Füßen nieder. Was ist Dir, mein holdes Kind? rief er aus, und wollte sie aufheben; beruhige Dich: sage mir Dein Leid.
Nein, laßt mich hier liegen, rief die Klagende, ach! wenn ich doch hier zu Euren Füßen, wenn ich doch jetzt sterben könnte! Nein, es ist zu entsetzlich! Und daß ich nichts thun, nichts hindern kann, daß ich den Gräuel nur stumm und ohnmächtig anschauen muß. Aber Ihr müßt es erfahren.
So sammle Dich nur, sagte tröstend Antonio, daß Du nur Deine Stimme, daß Du nur die Worte wieder findest.
Ich sehe, sprach jene vom Weinen unterbrochen heftig fort, Eurer gestorbenen Geliebten ähnlich, und ich bin es, die Euch an der Hand in die Mördergrube führen muß. Meine Mutter kann leicht prophezeien, daß Euch ein nahes Unglück bevorsteht: kennt sie doch die Gesellen, die allnächtlich hier einkehren. Dieser Höhle ist noch Keiner lebendig entronnen. Jede Minute führt ihn näher und näher, den greulichen Ildefons, oder den verruchten Andrea, mit ihren Knechten und Gehülfen. Ach! und ich kann nur der Herold Eures Todes seyn, Euch keine Hülfe, Euch keine Rettung bieten.
Antonio entsetzte sich. Bleich und zitternd faßte er nach seinem Schwert, versuchte seinen Dolch, und sammelte Muth und Entschlossenheit wieder. So sehr er den Tod erst gewünscht hatte, so war es ihm doch zu furchtbar, in einer Räuberhöhle endigen zu müssen. Du aber, fing er an, Du mit diesem Angesichte, mit dieser Gestalt, kannst es über Dich gewinnen, eine Gesellin, eine Gehülfin der Verruchten zu seyn?
Ich kann nicht entfliehen, seufzte die Trostlose, wie gern entwiche ich diesem Hause. Ach! und diese Nacht, morgen soll ich von hier und über das Meer geschleppt werden, die Gattin des Andrea oder Ildefons soll ich seyn. Ist es nicht besser, jetzt zu sterben?
Komm, rief Antonio, die Thür ist offen, entflieh mit mir, die Nacht, der Wald werden uns ihren Schutz verleihen.
Seht Euch nur um, sagte das Mädchen, seht nur, wie hier und im untern Gemache die Fenster mit starken Eisenstäben verwahrt sind, die Thür des Hauses ist mit einem großen Schlüssel versperrt, den die Mutter nicht von sich giebt. Saht Ihr nicht, wie sie die Thür ins Schloß warf, als Ihr hereingetreten wart?
So falle die Alte zuerst, rief Antonio, wir entreißen ihr den Schlüssel --
Meine Mutter sterben! schrie die blasse Mädchengestalt, und klammerte sich mit Heftigkeit an ihn, um ihn fest zu halten.
Antonio beruhigte sie. Er schlug ihr vor, der Alten, da sie berauscht sei, und fest schlafe, den großen Schlüssel der Thüre leise von ihrer Seite zu nehmen, dann zu öffnen und zu entfliehen. Von diesem Plane schien Crescentia einige Hoffnung zu fassen, sie gingen still wieder in das untere Gemach und fanden die Alte noch fest schlafend. Crescentia machte sich zitternd an sie, suchte und fand den Schlüssel, und es gelang ihr nach einiger Zeit, ihn vom Bande des Gürtels abzulösen. Sie winkte dem Jüngling, behutsam näherten sie sich der Thür, mit Vorsicht brachten sie den eisernen Schlüssel in das Schloß, mit fester Hand wollte Antonio jetzt ohne Geräusch den Riegel zurückschieben, als er fühlte, daß draußen eben so geräuschlos ein andrer am Schlosse arbeite. Die Thür öffnete sich sacht und herein trat, Antlitz an Antlitz dem Antonio, ein großer wilder Mann. Ildefonso! schrie das Mädchen auf, und der Jüngling erkannte in ihm auf den ersten Blick den Mörder Roberto.
Was ist das? sagte dieser mit dumpfer Stimme; woher habt Ihr den Schlüssel? Wohin?
Roberto! schrie Antonio und faßte den ungeheuren Mann wüthend an der Kehle. Sie rangen heftig mit einander, doch gelang es der Kraft des Jünglings, den Bösewicht auf den Boden zu werfen, dann kniete er ihm auf die Brust und senkte seinen Dolch ihm in das Herz. Mit lautem Geschrei war indessen die Alte erwacht, sie sprang auf, als sie den Kampf sah und riß unter Geheul und Verwünschungen die Tochter hinweg, sie schleppte sie zur Kammer hinauf, und verriegelte von innen die Thür. Jetzt wollte Antonio hinauf, um sich die Kammer mit Gewalt zu öffnen, als mehrere dunkle Gestalten herein traten, und nicht wenig erstaunten, ihren Anführer todt am Boden zu finden. Jetzt bin ich Euer Hauptmann! rief eine breite, bärtige Figur, indem dieser das Schwert zog. Wenn Crescentia mein ist! antwortete trotzig ein jüngerer Räuber. Beide, auf ihrem Sinne bestehend, fielen sich mörderisch an. Die Lampe ward umgestürzt, und unter Geheul und Fluchen wälzte sich der Kampf in der Finsterniß von einer Ecke zur andern. Seid ihr unsinnig? schrie eine andre Stimme dazwischen; ihr laßt den Fremden entfliehn, schlagt ihn zuerst darnieder und fechtet dann eure Händel aus! Doch jene, vor Wuth blind, vernahmen ihn nicht. Schon dämmerte der erste graue ungewisse Strahl des frühen Morgens. Da fühlte Antonio die Mörderfaust an seiner Brust, aber schnell und rüstig stieß er den Angreifenden nieder. Ich bin erschlagen, rief dieser, auf den Boden fallend: Wahnsinnige, besetzt die Thür, laßt ihn nicht entrinnen. Antonio hatte indessen diese gefunden, er sprang durch den kleinen Garten und über den Zaun, die Räuber, welchen unterdeß die Besinnung gekommen war, eilten ihm nach. Er war nur um wenige Schritte voraus, und sie suchten ihm die Bahn abzugewinnen. Einer warf mit Feldsteinen nach ihm, die aber ihres Ziels verfehlten. Unter Geschrei und Drohworten waren sie in den Wald gekommen. Hier zeigten sich verschiedene Richtungen, und Antonio war ungewiß, welche er wählen sollte. Da sah er zurück und die Räuber getrennt, er stellte sich dem nächsten und verwundete ihn im Kampf, daß jener das Schwert mußte sinken lassen. Doch zugleich vernahm er Geschrei und sah von einem Seitenwege neue Gestalten daher eilen, die ihm den Weg bald verrennen mußten. In dieser höchsten Noth traf er auf einer kleinen Waldwiese sein Roß wieder an. Es schien sich von der gestrigen Uebermüdung erholt zu haben. Er schwang sich hinauf, nachdem er schnell den Zaum ergriffen und geordnet hatte, und mit der größten Schnelle, als wenn das Thier seine Gefahr gefühlt hätte, trug es ihn auf einem gebahnten Pfade aus dem Walde. Nach und nach ertönte das Geschrei seiner Verfolger immer ferner und ferner, der Wald lichtete sich, und als er schon glauben mußte, nichts mehr befürchten zu dürfen, sah er die Stadt im Sonnenglanze vor sich liegen.
Menschen begegneten ihm, Landleute gingen dieselbe Straße zur Stadt, Reisende gesellten sich zu ihm, und so kam er nach Padua zurück, indem er nur weniges auf die vielfachen Fragen und Erkundigungen antwortete, warum sein Anzug so verwildert, warum er ohne Hut sei. Die Bürger sahen ihn mit Verwunderung an, als er vor dem großen Hause des Podesta abstieg.
* * * * *
In der Stadt hatte sich in derselben Nacht etwas Wunderbares zugetragen, was bis jetzt noch allen Menschen ein Geheimniß war. Kaum hatte sich die Finsterniß dicht und dichter verbreitet, als Pietro, den man gemeiniglich nur von seiner Geburtsstadt Apone, oder Abano nannte, im innersten Zimmer seines Hauses alle Geräthe, alle seine künstlichen Instrumente zu einer geheimen und seltsamen Operation in Ordnung richtete. Er selbst war in lange Gewänder gekleidet, die mit wunderlichen Hieroglyphen bezeichnet waren, in seinem Saal hatte er die magischen Kreise beschrieben, und alles kunstreich geordnet, um seiner Wirkung gewiß zu seyn. Er hatte den Stand der Gestirne genau erforscht, und erwartete jetzt den günstigsten Augenblick.
Sein Gefährte, der häßliche Beresynth, war auch mit magischen Kleidern angethan. Er holte und stellte auf den Befehl seines Gebieters alles so, wie dieser es nöthig erachtete. Bemalte Decken waren an den Wänden verbreitet, der Boden des Zimmers verkleidet, der große Zauberspiegel aufgerichtet, und näher rückte und näher der Moment, den der Magier für den glücklichsten erachtete.