Schriften 23: Novellen 7

Part 21

Chapter 213,725 wordsPublic domain

Er sann hin und her, was er beginnen könne, aber jede Aussicht war verschlossen. Sein Trug mußte entdeckt werden, dem Manche schon auf die Spur gekommen waren. Die prophetische Gabe seiner unglücklichen Gattin konnte ihm auch Nichts mehr fruchten, um seine künstlichen Lügen mit halber Wahrheit oder seltsamen Entdeckungen zu unterstützen. Er dachte wohl daran, ob er nicht einige von Denen um Hülfe ansprechen sollte, denen er, als ihm große Summen zu Gebote standen, reichlich geholfen hatte, aber er verwarf diesen Gedanken sogleich als unstatthaft, weil er einsah, daß Dieselben, die ihn in der Noth als ein göttliches Wesen behandelt hatten, ihm jetzt kalt den Rücken kehren würden. Und so, dachte er, habe ich von meinem verlornen Leben nicht einmal den Nutzen, den jeder Dieb genießt, bevor er zum Galgen geführt wird, daß er Geld und Gut besitzt, oder mit seinen Spießgesellen schwelgt, und Wein und Wollust ihn übersättigen.

Er fiel darauf, sich dem geheimen Rath ganz zu entdecken. Dachte er aber an das Auge des ernsten Mannes, und wie viel er von ihm gezogen hatte, so verwarf er auch diesen Gedanken. Nein, rief er, die Ehre verbietet mir diese schmähliche Auskunft, die mich zu sehr erniedrigen würde.

Sonderbar, daß in der Verzweiflung und tiefsten Selbstverachtung die Menschen noch von diesem Phantom regiert werden können, das nur Wesenheit erhält, wenn der Edle, Tugendhafte sich von Rücksichten lenken läßt, um die gute Meinung seiner Zeitgenossen, sei es auch im Vorurtheil, zu erhalten. Der Lügner will aber oft mit den abscheulichsten Lügen die Erde lieber verlassen, als durch eine Handlung der Tugend, seine erste vielleicht, indem er die Wahrheit bekennt, vor der Menge beschämt werden. Diese Ehre hielt ihn von dem edlen, mitleidigen Manne zurück, und stellte sich zwischen ihn und diesen wie eine Mauer.

Denn mit den besten Gesinnungen für den Unglücklichen langte der alte Seebach an. Er kannte zwar Sangerheims Verbindungen nicht, und wußte eben so wenig, wie diese jetzt so ganz von ihm abgefallen waren, aber er war der Ueberzeugung, daß Sangerheim sein Versprechen nicht halten könne, und er war darauf gefaßt, die große Summe schwinden zu lassen, ohne ihm seine Schriften zurückzuhalten, oder ihn öffentlich zu beschimpfen, wozu der Magier ihm ein Recht gegeben hatte, wenn er seinem Worte untreu würde. Wie erstaunte daher der Rath, als ihm Sangerheim mit großem Vertrauen und fester Sicherheit entgegentrat, und auf übermorgen mit leichtem Sinn die Auslösung der Schriften verhieß. Er war selbst heiter, obgleich er mit Schmerz von dem Tode seiner geliebten Gattin sprach. Dies Betragen war so, daß der Rath selbst wieder unsicher wurde, und dem schönen großen Manne gegenüber sich im Stillen Vorwürfe machte, daß er ihm so sehr Unrecht gethan habe.

Der Tag ging hin unter Besuchen und Zerstreuungen. Der Arzt Huber, dieser fanatische Anhänger Sangerheims, erzählte viel von seinen Hoffnungen, deren Erfüllung er in kurzer Zeit zu erleben gedachte.

Am andern Morgen machte der Rath mit dem Arzte, Sangerheim, Ferner und noch einigen Vertrauten einen Spaziergang. Als sie die Stadt im Rücken hatten, entspann sich in der Kühlung des schönen Morgens ein sonderbares Gespräch. Sangerheim sprach von der Flüchtigkeit des Lebens, das, gegen die unerschöpflichen Tiefen der Kunst und Wissenschaft gehalten, viel zu kurz sei.

Sie gingen einem Bach vorüber. Alle diese Wellen, sagte Sangerheim, gelangen in den Ocean, der dadurch nicht voller wird. Ist es nicht eben so mit unsern Seelen? Der Tod entführt sie -- wohin? Zu Gott, der keinen Mangel kennt, und durch sie nicht größer wird.

In der Einsamkeit sagte er endlich: Nur zu sehr hatte jener Feliciano Recht, daß ich schwere Kämpfe mit den Geistern, die nur ungern gehorchen, würde zu bestehn haben. Sie wollen es nicht dulden, daß ein Sterblicher so große Gewalt über sie erringe. In jeder Minute muß ich wachsam seyn. Verabsäume ich gewisse Gebete, könnte ich diese oder jene unerläßlichen Vorkehrungen vergessen, so wäre mein Leben Augenblicks in Gefahr. Von wie vielen ausgezeichneten Männern, die das Reich der Geister sich unterwürfig gemacht, wissen wir es nicht, daß sie eines unnatürlichen oder gewaltsamen Todes gestorben sind. Oft war es auch die Veranstaltung dieser rebellischen Geister, daß die weltliche Macht sich eines dieser Männer als eines solchen bemächtigte, der mit der Hölle im Bunde stehe, und ihn nach dieser falschen Beschuldigung auf den Scheiterhaufen setzte.

Hin und her wurde über diese Behauptung gestritten. Plötzlich rief Sangerheim: Still! meine Freunde. -- Er blieb stehn, als wenn er auf Etwas horchte, dann nickte er, schüttelte mit dem Kopfe, murmelte einige Worte, und machte wieder die Geberde, als wenn er gespannt einer Rede zuhöre. Nach einer Weile sagte er: Warten Sie hier einen Augenblick. Wovon ich eben sprach, hat leider stattgefunden. Eine Kleinigkeit habe ich heute beim Aufstehn unterlassen, das Zeichen vor meinem Bette und an der Thür meines Schlafzimmers ist nicht in rechter Weise aufgelöset worden, nun jagen mir die Ungestümen nach und wagen es, zu drohen. Warten Sie hier einen Augenblick, dort in der Einsamkeit werde ich sie schon zu zwingen wissen, sie sollen zitternd ihren Meister erkennen, und mir nicht zum zweiten Male drohen.

Er entfernte sich mit triumphirender Miene und in stolzer Zuversicht. Als er hinter den Gebüschen verschwunden war, hörte man Zank und Streit von vielen verschiedenen Stimmen, und Sangerheims donnernden Ton abwechselnd dazwischen, dann einen Knall, wie einen Schuß. Hierauf Stille.

Alle sahen sich erwartend an. Der Rath ging ahndungsvoll zuerst nach dem Platz. Der Unglückliche lag todt am Boden, das Pistol neben ihm.

Die Geister haben ihn ermordet! schrie der Arzt heftig: o die Elenden, Schändlichen! O Liebster, so bist Du denn doch das Opfer Deines Enthusiasmus, Deines brennenden Eifers für die Wissenschaft geworden!

Der Rath sagte kein Wort; jedes schien ihm überflüssig. -- Man machte in der Stadt eine Anzeige von diesem Vorfall, und am folgenden Tage ward der Leichnam beerdigt.

Seltsam genug, daß manche der aufgeklärten Freimaurer, die von diesem Sangerheim so schlimm waren verfolgt worden, jetzt auch die Meinung aussprachen, er sei von seinen Geistern, die aber bösartige wären, zur Strafe aller seiner Frevel vernichtet worden. --

Am andern Tage versammelte der geheime Rath die vertrautesten Freunde des Abgeschiedenen in seiner Wohnung. Man lösete langsam und bedächtig die Siegel des geheimnißreichen Paketes, eine Scheide nach der andern, und wickelte einen Umschlag aus dem andern. Jener Knall, der schon einmal den Rath erschreckt hatte, ließ sich wieder hören. Keiner von Allen war in solcher Spannung, als der Arzt Huber. Endlich war Nichts mehr aufzuknüpfen und kein Petschaft mehr aufzubrechen, und offen lag vor Aller Augen der Inhalt. -- Eine alte französische Grammatik, drei alte Kalender, viel Makulatur.

Die Erbschaft eines Wunderthäters, sagte der Rath kalt. Erst jetzt verachtete er den Magier völlig. Nein! rief Huber in großem Eifer; die boshaften Geister haben auch seine wichtigen Geheimnisse scheinbar verwandelt, um unser Aller Augen auf eine Zeitlang zu blenden. Wenn wir uns nicht thören lassen, so müssen bald die ächten Skripturen an die Stelle dieser Makulatur zurückkehren. Und so bemächtige ich mich, im Namen der Kunst, dieser unscheinbaren Papiere, um sie vom Untergange zu retten. Kann auch seyn, daß im Bande, zwischen den Blättern, oder in Punkten und unterstrichenen Buchstaben das Mysterium niedergelegt ist. Ich werde wenigstens Tag und Nacht studiren.

Man ließ ihn gewähren und würdigte ihn keiner Antwort. --

* * * * *

Das Schicksal Sangerheims war beschlossen, und die meisten seiner ehemaligen Bewunderer gaben ihre Bestrebungen auf, retteten Geld und Zeit und kehrten zu besseren Beschäftigungen zurück. Nur Huber saß unermüdet bei seinen Makulaturen, den alten Kalendern und seiner französischen Grammatik, suchte und rechnete, und glaubte, nachdem er lange studirt hatte, auch viel Wichtiges gefunden zu haben.

Schmaling und Clara waren verheirathet. Ihr Glück ward durch gute und gesunde Kinder erhöht und man konnte die Familie des Rathes eine glückliche nennen, wenn nicht Anton in ihr gefehlt hätte, von dem man seit Jahren gar keine Nachricht hatte. Auch Feliciano, nachdem er lange an verschiedenen Orten in Europa mit mehr oder minder Glück seine Rolle gespielt hatte, war endlich, da Keiner mehr, auch der erst Verblendete nicht, an seinem Betruge zweifelte, nach manchen Abentheuern untergegangen.

Die Gattin des Rathes pflegte ihre Enkel, und Clara, die jetzt Nichts mehr zu bekämpfen hatte, durfte mit Sicherheit ihren Charakter, so wie die Anlagen ihres Geistes ausbilden. Sie fürchtete nun nicht mehr die Bilder der Phantasie, die poetischen Mährchen, oder das Geheimnißvolle in dieser oder jener Dichtung, weil es ihr nicht mehr feindlich gegenüber stand, und sie über den Charakter ihres liebenswürdigen Gatten beruhigt war. Dieser, einmal enttäuscht, fühlte niemals die Versuchung wieder, sich in jenes Labyrinth zu begeben, dessen Irrgänge er hatte kennen lernen, und denen er so glücklich entflohen war.

So waren im ruhigen Glücke mehr als zwölf Jahre verflossen, als sich an einem Morgen früh beim geheimen Rathe ein Fremder anmelden ließ, der darauf bestand, den Herrn selbst zu sprechen, und sich vom Diener nicht wollte abweisen lassen. Die Thüre des Arbeitszimmers ward ihm endlich geöffnet, und es trat ein Mann von mittlerem Alter hinein, verwildert, ohne Haltung und Betragen, der, als ihn der Rath fragte, was er begehre, nur kurz antwortete: Und Sie kennen mich wirklich nicht mehr? Eine Ahndung ergriff den Vater: Sie sind doch nicht -- Du bist doch nicht Anton? -- Er schwankte und der unkenntlich gewordene Sohn fing ihn in seinen Armen auf. Sie umfingen sich zärtlich und gerührt, dann setzten sich Beide, um sich von ihrer Erschütterung zu erholen.

Bist Du wieder da? fing der Vater nach einer Weile an; aber es ist Dir, wie es scheint, nicht gut ergangen.

Ja, lieber Vater, sagte Anton, Ihr Kind, wenn Sie es noch dafür erkennen wollen, tritt fast wie der verlorne Sohn in sein väterliches Haus wieder ein. Mein Schicksal ist ein elendes, mein Leben ein verlornes. Wenn Sie mich verstoßen, so bin ich aller Schmach wieder dahin gegeben, dem kläglichsten Jammer, dem ich freilich gern entfliehn möchte.

Wenn ich Dich Sohn, Anton nenne, sagte der Vater, so heißt das, daß Du mir eben das seyn wirst, was Du mir ehemals warst. Du hattest Dich verblenden lassen, und ich wenigstens kann Dir kein strenger Richter seyn.

Wohl war ich verblendet, erwiederte Anton, und wie sehr! so, daß ich noch jetzt immer vor diesem Zustande meiner Seele zurück schaudre. Das gemeinste Kunststück, die elendeste Kundschafterei hatte damals den Charlatan in den Besitz meines Geheimnisses gesetzt, das ich vor Ihnen und vor allen meinen Freunden sorgsam verborgen hielt. Ich gestand mir meine eigne Schlechtigkeit nicht, und hoffte, thöricht genug, Alles solle sich wieder zurecht finden und ohne Spur vorüber gehn. Denn der Gedanke war mir fürchterlich, Ihnen oder gar meiner Mutter eine solche Schwiegertochter vorzuführen, in der Stadt alle meine Verbindungen zu zerstören, und durch diese auffallende That mir selbst jeden Vorschritt im bürgerlichen Leben unmöglich zu machen. Wie jener Feliciano nun mein Gemüth so durch eine plötzliche Erschütterung, durch ein scheinbares Wunder in seine Gewalt bekommen hatte, war ich ihm unbedingt und leibeigen angehörig. Er war mir kein Sterblicher mehr, und dieselben Künste und Studien, die ich noch kürzlich verlacht hatte, schienen mir jetzt die einzigen würdigen. Ich wollte mein Leben an ihre Erforschung setzen. Auch bildete ich mir ein, der Lieblingsschüler meines großen Meisters zu seyn, der mich verachtete, weil mein hartes einfaches Wesen für seine Absichten unbrauchbar erschien. -- Welche Gaukeleien er hier trieb, wie sich selbst meine verständige Mutter eine Zeitlang von ihm bethören ließ, von allen diesen Dingen sind Sie selbst Zeuge gewesen. Aber wie wundersam vielgestaltig ist die menschliche Natur. So unbegreiflich, und doch wieder so verständlich. Meine Gattin, dieses schlichte Bauernmädchen, dieses ehrliche Wesen, dem früher meine Liebe das Höchste, ja das einzige Gut des Lebens gewesen war, ward bald ein Liebling meines großen Lehrers. Er behauptete, sie sei von der Natur ganz eigen begabt, um der wichtigsten Geheimnisse theilhaftig zu werden, sie würde in den weiblichen Logen bald die höchsten Grade ersteigen, und dann ebenso wie seine eigne Gattin, das Mysterium finden, Jahrhunderte zu überleben, und mit Geistern und Abgeschiedenen Gemeinschaft zu haben. Ich glaubte Alles und erwartete von jeder Woche, dann von jedem Monat, ebenfalls ein Eingeweihter zu werden. Mein Lehrer spielte indessen dort im Norden eine wichtige Rolle und ein großes Spiel. Gold und Juwelen, die größten Summen, schienen ihm, wie er damit umging, nur Tand. Was verhieß er mir, welche Aussichten eröffnete er meinen trunkenen Hoffnungen. Aber auch Opfer begehrte er von mir. Um mich zur Weihe vorzubereiten, mußte ich die Gesellschaft meiner Gattin vermeiden, fasten, jede weltliche Lust und Zerstreuung fliehen. Meine Frau, die mir schon im Wissen vorgeschritten war, drang jetzt darauf, damit sie kein Hinderniß mehr fände, sich mit den Geistern in Verbindung zu setzen und selbst eine Unsterbliche zu werden, ich sollte einwilligen, daß wir durch die Gerichte förmlich wieder getrennt und geschieden würden. Man hatte meine Phantasie so erhitzt, ich erwartete selbst so wundersame Dinge zu erfahren, sie strebte so eifrig nach dem höchsten Grade, daß ich mich endlich überreden ließ, ja daß ich endlich die Nothwendigkeit dieser Scheidung selber einsahe. Bald darauf war sie verschwunden. Der Meister erklärte sich nicht, sondern sprach nur in geheimnißvollen Winken, und gab zu verstehen, daß sie in diesen Augenblicken eines großen Glückes genösse. Meine Einweihung zu den höheren Graden lehrte mich aber nichts Neues, und ohnerachtet meiner blinden Ergebenheit und meines Aberglaubens fing ich doch an, ungeduldig zu werden. Man beschwichtigte mich wieder. Eine Thorheit löste die andere ab und so verging die Zeit.

Wir mußten uns endlich schnell entfernen, und unsere Abreise glich fast einer Flucht. Der Magier sagte mir zwar, daß große Begebenheiten und Operationen, die sich nicht länger aufschieben ließen, ihn nach einem fernen Lande riefen, indessen sah ich doch die Angst des Meisters, ich bemerkte, wie seine wichtigsten Anhänger sich von ihm entfernten, und die Binde fiel allgemach von meinen Augen nieder. Da ich aufmerksam geworden war und ihn nicht mehr so, wie bisher fürchtete, konnte ich ihn auch beobachten. Auf unsrer übereilten Reise gab er mir Bücher und Papiere, auch viele offene Briefe, die, wie er mir sagte, keinen Werth hätten, und die ich gelegentlich verbrennen könne. Für mich waren diese aber sehr bedeutend, denn da ich, indem ich vorangeschickt wurde, um sein Quartier zu machen, nur einen flüchtigen Blick in einige Blätter gethan, sah ich wohl, daß der Weiseste der Menschen in Angst und Uebereilung einen dummen Streich gemacht hatte. Er dachte nicht daran, die Sachen zu vernichten, und Zeit mangelte ihm, sie anzusehn. Viele Briefe enthielten die Geschichte meiner Frau. Sie war einem reichen Fürsten geradezu verkauft worden. Sie hatte um die ganze Verhandlung gewußt und sich mit der größten Feinheit und List betragen, und zwar so sehr, daß sie den bethörten Fürsten vermocht hatte, sie zu seiner Gemahlin zu erheben. Dieser aber, so wie sie, hatten dem Magier dafür, daß er mich zur Scheidung bewogen und daß er den Fürsten ebenfalls verblendet hatte, große Summen zahlen müssen. So war sie denn, was die Welt so nennt, glücklich geworden. Gegen mich hatte sie sich schlecht betragen, indessen verzieh ich ihr, da ich früher gegen sie nicht besser gewesen war, und ich empfand einen tiefen Schmerz und Reue, indem ich die Veranlassung gewesen, daß ein schlichtes einfaches Wesen so die Talente zu List und Betrug zur Verderbniß ihrer Seele entwickelt hatte. Denn aus den Briefen ging hervor, daß sie und der Graf sich völlig verstanden, daß sie mit ihm über die Einfalt der Menschen, vorzüglich über die meinige, lachte.

Als ich mit meinem großen Beschützer an Ort und Stelle gelangt war, blieb ich noch eine Zeitlang in seiner Nähe, um seine Künste zu beobachten, zu denen er mich oft gebrauchte. Ich lebte im Ueberfluß, aber ich kam mir vor, als sei ich der Croupier eines falschen Spielers.

Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich schrieb ihm Alles, was ich von ihm wußte und dachte, und verließ ihn. Und gut, daß ich es gethan, denn sonst wäre ich mit in jene Prozesse verwickelt worden, die sich bald gegen ihn erhoben. Ich war nun frei, aber auch Nichts als frei, das heißt, der armseligste Sclave, der Tyrannei eines jeden Augenblicks Preis gegeben, vom Mangel und den Bedürfnissen der Natur gemißhandelt. Mich Ihnen zu nähern, zurückzukehren, verbot mir eine mächtige Scham, wohl eine falsche, denn Nichts wird so sehr mißverstanden, als das Wort und der Begriff Ehre. Bald war ich Schreiber, bald Aufseher in einem Hause, einigemal Comödiant, auch versuchte ich mich als Schriftsteller. Ich konnte mich nie ganz fallen lassen und zu jener naiven Niederträchtigkeit hinunter steigen, die ich an andern meines Gelichters wahrnahm. Endlich nun, an mir und allen Menschen verzweifelnd, thu' ich den Schritt, den ich vor manchem Jahre hätte wagen sollen.

Der Vater tröstete, beruhigte den Sohn. Er ließ ihm Kleider und Wäsche holen, damit die Mutter nicht zu sehr erschreckt würde, wenn sie ihn in dieser Gestalt wieder sehn sollte. Freude und Trauer war über seine Rückkehr zugleich in der Familie, indessen fand man sich nach und nach wieder zurecht und in einander und Anton zog auf das väterliche Gut hinaus. Hier arbeitete er redlich mit dem Verwalter, lernte die Landwirthschaft kennen und konnte nach einigen Jahren selber die Bewirthschaftung desselben übernehmen. Er gewann die Liebe eines reichen Fräuleins, mit der er als nützlicher Landmann glücklich lebte.

Ferner hatte indessen von seinem verlorenen Sohne nie wieder Etwas erfahren, so sehr er sich auch bemüht und nach allen Gegenden geschrieben hatte. Er war verschollen und der Vater glaubte, er sei gestorben. Der Gelehrte mußte in Familienangelegenheiten eine Reise nach dem südlichen Deutschland unternehmen. In einer mäßigen Stadt zeigte ein Italiener, ein Taschenspieler, seine Künste. Der Professor war sonst kein Freund dieser Gaukeleien, indessen ist auch der strenge Mann in der Fremde leichteren Sinnes, als zu Hause, und da man von dem jungen Mann als einem wahren Wunderthäter sprach, der Dinge zeige, die selbst andre Spieler nicht begreifen könnten, so ging Ferner mit einer Gesellschaft, neugierig gemacht, nach dem Saale. Was der junge Künstler ausführte, war in der That bewunderungswürdig, besonders durch die leichte Sicherheit, mit der er das Schwierigste scherzend zu Stande brachte. Indem der Professor die schönen leichtfertigen Hände des Spielers betrachtete, fiel ihm ein kleines braunes Mal am rechten Zeigefinger auf, er ward aufmerksamer, betrachtete das Gesicht und forschte in den Augen, und glaubte endlich überzeugt seyn zu können, dieser Taschenspieler sei sein verlorener Sohn. Sein Herz war bewegt, und er konnte an den vielen wunderbaren Erscheinungen keinen Antheil mehr nehmen.

Als das Schauspiel vorüber war, und sich die Zuschauer vergnügt und befriedigt entfernten, blieb er, unbeobachtet, allein im Saale zurück. Als dieser ganz leer war, redete er den fremden Künstler italienisch an, um seine Frage vorzubereiten, dieser aber antwortete gleich deutsch, und warf sich dem Vater in die Arme.

Nach einigen Reden, in welchen der Vater die Verlornen Jahre des Sohnes beklagte, sagte dieser: Liebster Vater, ich erkannte Sie sogleich, als Sie in den Saal traten, und alsbald nahm ich mir auch vor, mich Ihnen zu erkennen zu geben, ob ich gleich bis jetzt gezögert habe, an Sie zu schreiben, und mich Ihnen wieder zu nähern. Schelten Sie mein Handwerk nicht, denn es nährt seinen Mann. Sie sehn auch, daß ich mich Professor schreibe. Zwar habe ich Ihren geehrten Namen nicht beibehalten wollen, sondern spiegle dem Volke vor, ich sei ein Italiener. Glauben Sie nur, was ich jetzt treibe, ist ehrsam und achtenswürdig gegen das, was ich bei jenem berühmten Grafen spielen mußte. Es ist Gnade des Himmels, daß ich kein Bösewicht geworden, und noch so mit einem blauen Auge davon gekommen bin. In der Hinsicht habe ich bei meinem Wunderthäter meine Zeit nicht ganz verloren, indem ich ihm sehr scharf auf die Hände gesehn habe. Ich habe Vieles von ihm gelernt, und so zeige ich unschuldig für Geld so Manches, was er zu schlimmen Absichten und Betrug gebrauchte. Ich unterhalte die Menschen, er plünderte sie, indem er sie zugleich wahnsinnig machte. -- Ich verspreche Ihnen, nie nach Ihrer Stadt zu kommen, aber besuchen Sie mich, wenn ich einmal in Ihrer Nähe bin. Schreiben wir uns, Liebster, damit wir in Verbindung bleiben.

Diese Abrede wurde genommen und man führte sie aus. Der Vater war über seinen Sohn beruhigt, und dieser gewann durch die Leichtigkeit seiner Hand ein ziemliches Vermögen. --

In Seebachs Hause wäre Alles glücklich und heiter gewesen, wenn der neunzigjährige Obrist nicht Clara, die Mutter und Schmaling neuerdings geängstigt hätte. Gegen ihn, der schwach wurde, ließ sich der Rath am meisten gehn, und so war der Greis der Vertraute von so manchem kleinen Geheimniß, das den Uebrigen verschwiegen wurde. Diesen erzählte der Obrist in vertrauten Stunden, daß sein Schwiegersohn sich wiederum in eine Correspondenz eingelassen habe, die ihm gar nicht gefallen wolle. Der Ton dieser Briefe sei sehr fromm und mysteriös: Anfangs habe der Rath Alles von sich gewiesen, dann habe er nach und nach Interesse gefaßt, sei gläubiger geworden, und hoffe nun doch noch von ehrbaren Männern, die sich ihm in jedem Briefe näherten und bestimmter bezeichneten, etwas Großes zu erfahren. Und so ist es merkwürdig, schloß der Alte seinen Bericht, daß eine bestimmte Leidenschaft zwar schlafen, aber bei den meisten Menschen nie ganz vertilgt werden kann.

Diese Briefe kamen aus dem südlichen Deutschland und sprachen von Geheimnissen, die nicht entweiht werden dürften, die sich aber doch wohl allgemach geprüften Männern mittheilen ließen. Der Rath war unvermerkt in eine gläubige Stimmung gekommen, und war in seinen Antworten auf Manches näher eingegangen, was jene Unbekannten erwähnten. So hatte er sein Abentheuer mit Sangerheim und seine Beobachtungen und Erfahrungen über ihn mitgetheilt, auch alle seine Zweifel und was ihm dunkel geblieben. Auf diese Punkte antwortete der neueste Brief.

Geliebter Bruder in dem Herrn!

Was Sie uns von jenem verlorenen Bruder Sangerheim melden, war uns nicht neu. Allerdings stand der Unglückliche mit uns in Verbindung, ihm wurde, als einem hoffnungsvollen Lehrlinge, Einiges mitgetheilt. Als er von uns schied, bemächtigten sich andre Menschen seiner, die in weltlichen Planen handthieren und das himmlische Kleinod entweihen. Er verrieth uns diesen, so viel er es vermochte, und hat sich so selbst sein tragisches Schicksal bereitet, da er der Lüge und dem Betruge anheim gefallen war. Auch jene Weltlichen sahen seinen Sturz gern und entzogen sich ihm, weil sie fürchten mußten, daß er sie ebenfalls verrathen könne. Kommen wir uns näher, so wird Ihnen, Geehrter, Nichts dunkel bleiben und größere Dinge werden sich Ihnen erschließen. Zwar sind Sie nicht für unsre Kirche, aber doch nicht unbedingt gegen sie, und wir gehn Ihnen mit dem größten Vertrauen entgegen. Kommt Jemand zu Ihnen, der Ihnen das Wort Emanuel sendet, so nehmen Sie ihn auf, als von uns. Er wird das erste Kleinod Ihren treuen Händen übergeben. --