Part 13
Sehr wahr, fuhr der Gelehrte fort, die Natur, das Erkennen derselben, Kunst und Wissenschaft, das einfache, edle Leben unschuldiger Menschen, die Gegenwart unverdorbner Kinder, der Liebreiz des Frühlings, das Verständniß der Poesie und die Fähigkeit, ihn, den Ewigen allenthalben wahrzunehmen, hier findet der ächte Schüler das Wunder und dessen Verständniß. Verwandelt der Schwärmer dagegen Wissenschaft, Natur, ja seinen Glauben an den Höchsten in ein Gespenst, sieht er mit seltsamen Grauen in die Natur und den Geist des Menschen hinein, kitzelt er sich mit dem Gefühl, durch Zahlen, Zeichen, willkührliche Worte und Geberden Annäherung zu fremdartigen Geistern, ja Herrschaft über sie zu erlangen, so ist er schon für das Verständniß der Dinge und jene Freiheit des Geistes verloren, die den gesunden klaren Menschen so liebenswerth und so ehrwürdig macht.
Gut gesagt, erwiederte Schmaling; aber er wird auch hier an Worten und Zeichen sich zerstoßen, sein Geist wird dürsten und verschmachten, und wenn er recht in das Innre dieser scheinbaren Erkenntnisse eindringen will, so wird er sich verirren, und wenn er erwacht, sich in einer tauben, leeren Wüste wieder finden. Ist denn nicht eben jene Glaubensfähigkeit, die sie Wunderglauben oder Wundersucht taufen und schelten, die innerste Federkraft unsrer Seele? In ihr schlummert der Funke, der zu Licht und Flamme sich ausbreitet und erhellt. --
Mag es seyn, erwiederte der Rath, daß wir ohne diese Fähigkeit des Glaubens, ohne dies Gefühl der Liebe und eines unbedingten Vertrauens weder glücklich seyn könnten, noch die Stufe der Menschheit erreichen, zu der wir bestimmt sind. Diese einfache Liebe und Hingebung aber, die zur Glaubenskraft erstarken soll, ist völlig von jenem Vorwitz unterschieden, der ergründen, fassen und beherrschen will, was dem Menschen versagt ist, und der sich, weil er Nichts erobern kann, nun in das Gebiet der Nichtigkeit stürzt, sich mit dem Schein und der Lüge verbindet, und so den Geist des Menschen, seine Seele bis an die Selbstvernichtung führt. Denn so kann man doch wohl das nennen, wenn der Mensch für die nächste und unentbehrlichste Wahrheit Träume und Hirngespinnste eintauscht.
Jetzt nahm Sangerheim das Wort und sagte: Hier aber ist es, wo der Streit ein wirklicher wird, denn es läßt sich doch auch fragen: wer denn die Wahrheit zu solcher stempeln soll? Demjenigen, der nüchtern und einfach fort lebt, der sich niemals erhebt, dem dürfen die Wahrheiten der Religion, wie die Ahndungen der Geisterwelt als leere Träume erscheinen. Wer es aber erlebt und erfahren hat, wie jedes Wort und jede Gestalt nur dadurch wahres Sein erhält, daß sie vieldeutig sind, daß das Alltägliche und Aeußere auf ein Inneres und Geheimnißvolles deutet, der kann unmöglich alle höhere Forschung und Erkenntniß als unzulässig abweisen, weil sich ihm das, was in früherer Entfernung Traum und Aberwitz schien, nun näher gerückt, deutlich in nahe Wahrheit, in die unerläßliche Bedingung aller ächten Erkenntniß verwandelt.
Schmaling gab dem Fremden die Hand, von diesem Worte hoch erfreut. Der Fremde fuhr fort: Ist es wahr, daß diese ächten Geheimnisse, wie alles Große und Geistige, schlecht bewahrt und mit falschem Sinne erkannt, verwahrloset und durch Mißbrauch bis zur Sünde herabgewürdigt werden können, so ist es gut und nothwendig, wenn sie sich in dunkeln, tiefsinnigen Schriften dem Verständniß der blöden Menge entziehn, wenn eine beschlossene Gesellschaft edler Menschen sie als etwas Frommes und Heiliges bewahrt. Es ist löblich und nothwendig, daß, da der Zutritt nicht eigensinnig versagt werden kann, Prüfung und Läuterung voran geht, und nur Auserwählte, die in verschiedenen untern Graden bewiesen haben, daß sie der Erleuchtung fähig und würdig sind, zum Lichte vordringen dürfen. So war es seit uralten Zeiten, und diese Ueberlieferung bewahrt unser Bund, und dies ist es, was wir versprechen können. Darum werden jene andern nüchternen Sekten der Brüderschaft, die alle nicht wissen, was sie wollen, von selbst verschwinden und sich vernichten.
Dieser Gesang, antwortete der geheime Rath, ist nicht neu, er läßt sich von Zeit zu Zeit immer wieder vernehmen. Die wahre ächte Maurerei, die ich für solche erkenne, ist aber diesem Glauben und dieser Absicht völlig entgegen gesetzt.
Und diese ächte Maurerei? fragte der Fremde. Anton trat hinzu und sagte: Darf ich, als der einzige Ungeweihte hier, auch zugegen bleiben? -- Der Vater erwiederte lächelnd: Ich werde nichts verrathen, was nicht Jeder hören dürfte. -- Wie sich die Menschheit in Gesellschaft und Staat gebildet hat, und diese nicht entbehren kann, so fühlte der Einsichtsvollere doch auch zu allen Zeiten, daß mit diesem unendlichen Gewinnst gegenüber ein Verlust verbunden sei, und seyn müsse, der wohl eben so schmerzlich falle, als der Gewinn gegenüber erfreuen dürfe. Die Gesetze ordnen und zerstören, die Religion erhebt und verfolgt, die Moral veredelt und verdammt, und Alles in so großen Verhältnissen, so durchgreifend und nach allen Seiten, daß es unmöglich scheint, die Ausgleichung und Versöhnung dieser Wohlthaten und Uebel zu finden. Religiöse, wie dichterische Sagen setzen diesen unerläßlichen Zwiespalt schon vor alle Schöpfung hinaus; Mystiker suchen aus ihm die Entstehung der Welt zu erklären. Der Inhalt unsrer Religion ist die Lehre der Versöhnung, um durch ein neues Räthsel das ältere zu lösen. Schon die alte Mythologie und Dichtung der Griechen wollte ebenfalls manche Schuld, grause Verbrechen, die jedes Gesetz verdammt, zur Tugend, zur Aufgabe eines Gottes machen, und Orest ist eine wundersame Frage an den innern Geist, wie Timoleon in spätern Zeiten. Durch alle Adern des Daseins dringt der Tod des nothwendigen Buchstaben, und jeder Edle, sei er Fürst, Staatsmann, Krieger oder Handwerker und Bauer, findet in seinem Leben tausendfältige Gelegenheit, hülfreich zu seyn, wo Staat, Religion, Gesetz und Lehre nicht ausreichen, um zu vermitteln, wenn er seinen Sinn frei genug erhalten hat, und so das Geistigste, das, was unantastbar seyn sollte, und was doch immerdar verletzt werden muß, still und behutsam zu schützen. Nur in den allerneuesten Zeiten war es möglich, daß verschiedene Freigesinnte, edle Menschen darauf fielen, in einen geheim öffentlichen Bund zusammenzutreten, um dieses Unsichtbare, Unaussprechliche zu wirken, dieses ächte, große Geheimniß zu bewahren, welches sich freilich niemals verrathen läßt, weil es ganz geistiger Natur ist, das schon verschwindet, indem man es nur in bestimmte Worte fassen will.
Anton sagte lebhaft: Ja freilich, so angesehn, ist eine solche Vereinigung verständiger Männer das Edelste, was man sich denken kann: die ächte Aufklärung, um ein so oft gemißbrauchtes Wort einmal in seinem wahren Sinne zu brauchen.
Der Vater winkte ihm freundlich, und fuhr fort: Wenn Menschen, so gestimmt, sich zusammenfanden, so durften sie hoffen, daß die Vereinigung ihre Gesinnungen stärken, ihnen das Gute, was sie ausrichten wollten, erleichtern würde. Der Unterschied der Sekten, der Glaubensmeinungen und Stände hörte in dieser geistigen Gemeinschaft auf. Sie konnten nicht darauf fallen, Etwas gegen den Staat zu unternehmen, so sehr sie dessen Gebrechen fühlten, denn sie hätten sich ja dadurch dem todten Buchstaben wieder hingegeben, dem sie entfliehen wollten. Es genügte, klar zu sehn, fein zu fühlen, den Leidenschaften und Vorurtheilen nicht zu huldigen. Um so mehr Patrioten, um so weniger legten sie Hand an, Räder auszuheben, oder die Maschine anders einzurichten. Es genügte, daß sie ohne That und Kampf das Gute wieder vorbereiteten; der Fromme mußte frei genug seyn, um in und durch die Gesellschaft seine Sekte nicht verbreiten zu wollen; noch weniger aber konnte es dem Aufgeklärten beikommen, die Religion des Landes untergraben zu wollen, nüchterne Freigeisterei zu befördern, oder feindselige Gesinnungen zu verbreiten, er fühlte, daß Liebe, Milde, Sanftmuth und Duldung genügten. Je frommer der Fromme war, so weniger konnte er aber auch, als Mitglied solcher Gesellschaft, den Satzungen eigensinniger Priester huldigen, oder eine geschichtliche Form der Religion für etwas Anders als Form und Buchstaben halten. In dieser ächten Loge meines Sinnes, wie konnte es in ihr mehr als einen Grad geben? Was hätten die Eingeweihten denn noch finden und entdecken sollen? Genügte irgend einem dieses hohe, unsichtbare und unaussprechliche Geheimniß nicht, so stand er ja in dieser Ungenügsamkeit wieder außen, und hatte Weihe und Erkenntniß verloren.
Und wo, wo, rief Anton lebhaft aus, wo sind diese ächten, wahren Maurer zu finden, daß auch ich mich ihnen mit allen meinen Kräften anschließe?
Wo? antwortete der Vater; nirgend in aller weiten Welt sind sie zu finden, nirgend und allenthalben; denn jeder wahre Mensch ist dieses Salz der Erde, und ist ohne Gesellschaft, Eid und Verbindniß dieser ächte Freimaurer. -- Als nun Christoph Wren in London die neue Loge stiftete, oder nur neu belebte, ging von hier aus wohl eine Gesinnung, oder eine ihr ähnliche aus, wie ich eben geschildert habe. Unter jenen Freimaurern ist Ashmole der erste, der davon spricht, und wenn er die Gesellschaft und Verbrüderung eine sehr alte nennt, so mögen meinethalben die Baukorporationen schon längst ihre Constitutionen und Symbole gehabt haben, doch war dieser erlaubte und edle Kosmopolitismus in dieser Gestaltung den früheren Jahrhunderten unbekannt und unmöglich.
Und wie selten, wie wenig mag er auch in England, wie in Deutschland, zum Bewußtsein gekommen seyn, fiel der Obrist Dorneck ein. In meiner Jugend schloß ich mich, aus einem unbestimmten Wissenstriebe, Menschen an, die sich für erleuchtet ausgaben. Die Gesellschaft war aber damals nicht so ausgebreitet, wie jetzt, noch war sie in so viele Sekten und Constitutionen getheilt. Schon die Menge der Lehrlinge, die Kassen, die der Aufzunehmenden bedürfen, die weltlichen Absichten, die sich mehr oder minder eingeschlichen haben, machen jene Vereinigung, von der Sie, theurer Sohn, sprechen, völlig unmöglich. Und es ist zu fürchten, wie es denn auch schon begonnen hat, daß sich kluge Köpfe dieser Verbindungen bemeistern werden, um völlig das Gegentheil aus ihnen zu machen, wozu sie bestimmt waren. Bemächtigt sich erst ein solcher Schwindel der Zeit, so steht wohl zu besorgen, daß ein viel schlimmerer Buchstabe mit tödtender Kraft herrschen wird, als vormals in der äußern Welt, und ihren Gesetzen, Gewöhnungen und Rechten.
Wie gesagt, erwiederte der Rath, die Zeit erklärt und erzeugt Alles. Manche Völker, vorzüglich Deutschland, waren nach dem Frieden von 1648 in sich selbst matt zurück gesunken, bei uns war alles öffentliche Leben dahin, das Interesse für den Staat völlig abgeschwächt. Hier in Deutschland konnte sich allgemach der Gedanke erzeugen, statt des öffentlichen Geistes einen unsichtbaren still wohlthätig walten zu lassen. Vielleicht, daß hie und da, auf kurze Zeit, die ächte Maurerei, nach meinem Sinne, ausgeübt wurde. Entstellungen zeigten sich früh, Mißbräuche schlichen ein, und Alle ängstigten sich, geheim oder eingestehend, daß sie kein sprechendes, faßliches Mysterium den wißbegierigen Lehrlingen zu verrathen hatten, worin doch eben, daß sie dessen ermangelten, ihr Wesen und ihr Stolz hätte bestehen müssen.
Dieses Geheimniß, fiel der Obrist ein, hat mich schon in meiner Jugend herumgejagt. Ich ließ mich früh aufnehmen, und unser Meister vom Stuhl war denn auch ein Wunderthäter. Bald war die Stadt, es war im Anfange des Krieges, nicht sicher genug. Ein Schloß im Gebirge, das einsam lag, ward zu den Versammlungen der Geweihten auserlesen. Der geheimnißvolle Meister setzte uns junge Leute immerdar in ängstliche Thätigkeit. Jetzt kam diese geheime Botschaft, und nun jene, dieser große Monarch, dann jener benachbarte Fürst waren dem Magus auf die Spur. Nachtwachen, gerüstete Freunde, Waffen und Schwur sollten den seiner Weisheit wegen Verfolgten beschützen. Eine berittene Garde umgab bei Tag und Nacht das Castell, und streifte in der Gegend umher, um Kundschaft einzusammeln. Je mehr wir uns ängstigten, je größer und erhabener erschien uns unser Meister. Freilich waren auch einige prosaische Zweifler unter uns, und diese folgten eben so unermüdet der Spur des Betruges, wie wir der der Verfolgung, und ermittelten endlich mehr als wir. Unser hohe Magus war am Ende nichts, als der gemeinste Betrüger, vom niedrigsten Stande, der sich schon früh vieler verächtlichen Schelmereien schuldig gemacht hatte, und nicht einmal Maurer war. Ein strenger, rechtlicher Mann nahm sich nun unsrer an, und eine Zeitlang wollten und fühlten wir Alle etwas Aehnliches, als Sie, Herr Sohn, uns vorher geschildert haben.
Die Sage, fing der Rath wieder an, ward nun beliebt, daß die Freimaurerei eine Fortsetzung und neue Belebung des alten Ordens der Tempelherren sei, der so willkührlich und mit so vieler Grausamkeit aufgehoben wurde. Wie ich schon aussprach, ich will über Dergleichen nicht streiten. Mögen die Einsichtigen des Templerordens die Freimaurer ihrer Zeit gewesen seyn, möglich, daß ihr Bund sich der fast allmächtigen Hierarchie und dem weltlichen Despotismus widersetzte; daß aber die neue Brüderschaft eine Fortsetzung des vertilgten Ordens, unmittelbar von entflohenen Brüdern gestiftet, sei, wird man niemals befriedigend nachweisen können. Andre können mit demselben Recht die Wiklefiten zu Maurern machen. Wohin wir sehen, giebt es Verbindungen in der Geschichte, die sich der herrschenden Kraft mit Glück oder Unglück, mit Gewalt oder heimlich widersetzen. Oft ist die Weisheit und das Bessere beim Widerspruch; oft aber wird dies auch früh vom Schlechten, Frevelhaften vertilgt. Warum sollen, so verstanden, die ersten Albigenser nicht ebenfalls Freimaurer gewesen seyn? Daß sie Rebellen wurden, dazu zwang sie vielleicht die zu rasche Maßregel der Kirche und die Grausamkeit der Priester. Ich kann Nichts dagegen haben, will man den Orden in den uralten Culdeern auf den schottischen Inseln wiedererkennen, die sich schon in den frühesten Jahrhunderten dem anwachsenden Papstthum widersetzten, und eine reinere Lehre, ein ursprünglich ächtes Christenthum zu besitzen glaubten. Warum will man die Gnostiker ausschließen? Ja die jüdische Sekte der Essäer? Auch hindert uns Nichts, die Pythagoräer dafür zu nehmen. Oder die besseren der ägyptischen Priester: eben so Diejenigen, die die ächte Lehre der Perser bewahrten. Man kann sich das früheste Judenthum, oder selbst das religiöse Geheimniß der Patriarchen so denken. Wie aber Abrahams Judenthum (wenn man es so nennen will) ein ganz andres war, als das der Pharisäer zu Josephus Zeiten, oder als jene jüdischen Sekten, die die Kabbala und alle wunderlichen sinnreichen Träume der Rabbinen annehmen und aus diesen erst rückwärts die Propheten und Moses verstehn, so ist auch jene willkührlich so genannte Freimaurerei von der neuesten noch weit mehr unterschieden, und ihr völlig unähnlich. Denn so können wir die Bundeslade, das verlorne Feuer, die wiedergefundenen Bücher, und was wir nur wollen, willkührlich deuten, und es geschieht der Sache nicht zu viel, wenn wir Noahs Arche zu einer Loge machen, und den Gründer der Brüderschaft in Seth, oder selbst Abel suchen. Ist man mit Typen und Vorbildern zufrieden, so ist es keine so gar schwere Kunst, aus Allem Alles zu machen, und es sollte mich nicht großes Studium kosten, die Brüderschaft, ihre Geschichte und Symbole aus der Comödie des Dante, oder aus der wilden Prosa des Rabelais heraus zu deuteln.
Scherzen Sie nicht, sagte der Gelehrte, es ist noch nicht aller Tage Abend, und wir können nicht wissen, welche Aufgaben sich der Scharfsinn und die Combinations-Gabe unserer Tage noch setzen werden. Es ist sonderbar genug, daß die Säule Boaz noch niemals auf den vielbesprochenen Baffomet ist gedeutet worden.
Oder beide Säulen J und B, Jachin und Boaz, auf Jacob Böhme, der doch gewiß bei den Parazelsisten und Adepten der Brüderschaft eine große Rolle gespielt hat.
Vielleicht, sagte Schmaling, da ich noch nicht durch viele Grade gedrungen bin, erfahre ich künftig dies und noch mehr. Könnte aber ein wissender Meister nicht neue Deutungen in die Symbole legen?
Dergleichen, erwiederte der Rath, ist vielfach geschehen; und so sind durch Erklärungen Geheimnisse, und aus diesen wieder neue Erklärungen entstanden, um eine Sache zu verwirren, die nur in schlichter Einfalt wohlthätig und segensreich seyn konnte.
Wie kommt es nur, sagte Ferner, der Gelehrte, daß man noch niemals die Schulen der Magie und Zauberei, oder Nekromantik, Nekromancie, wie die Dichter des Mittelalters sie nennen, für Logen gehalten hat? Nach Toledo in Spanien, als dem Centrum und der wahren Universität oder großen Mutterloge, weisen alte Gedichte hin. Kunststücke, Zauberei, Verwandlung, Beherrschung der bösen und guten Geister wurde dort gelehrt. Auf dem Vatikan liegt ein Gedicht von den Heymonskindern und dem Zauberer Malegys. Dieser lernt aus den Büchern eines andern Magus, Balderus, die hohe Kunst, er besiegt nachher diesen und einen andern berühmten Künstler Iwert; und so hätten wir denn vielleicht hier wieder das I und B, was in der Maurerei eine so bedeutende Rolle spielt.
Halten Sie ein, Professor! rief Anton aus, sonst machen Sie noch alle unsre reisenden Taschenspieler zu Meistern vom Stuhl, oder unbekannten Obern.
Doch ohne allen Scherz gesprochen, erwiederte Ferner, ich wundre mich, daß unter den vielen Maurern und Freunden der Maurerei, von denen doch so viele Bücher gelesen und für die Sache geschrieben sind, noch keiner sich die Mühe gegeben hat, ein höchst merkwürdiges Gedicht aus dem Mittel-Alter zu studiren, das, wenn irgend eins, eine Geheimlehre enthält, ein Christenthum, Mythe und Symbolik, die gewiß nicht mit den herkömmlichen und angenommenen der katholischen Kirche übereinstimmen. Dieses Gedicht heißt »die Pfleger des Graal,« und besteht aus zwei Theilen, wovon der erste Parzifal, und der zweite Titurell genannt wird. Dieser heilige Graal ist ein Geheimniß, das nur Eingeweihten zugänglich und verständlich ist, eine Erfüllung aller Wünsche, eine Heiligung alles Menschlichen und Irdischen, er giebt Gesundheit, Leben, Freude und Glück. Durch Forschen, Fragen, wenn der Ritter zufällig in den Saal tritt und aufgenommen wird, macht er sich des Mysteriums würdig, und der junge Parzifal, weil er zu bescheiden ist, verscherzt in früher Jugend auf lange durch sein Stillschweigen diesen Besitz. Die Heidenschaft und der Calif der Muselmänner erscheinen nicht so feindlich und gehässig, wie in den übrigen Gedichten des Zeitalters. Eine kirchliche christliche Gemeinschaft der Frommen und Edlen, eine mystische Lehre wird vorgetragen, die selten mit dem allgemein Gültigen jener herrschenden Kirche überein zu stimmen scheint. Auch der Tempel und die Baukunst sind mystisch behandelt und sind dem Werke höchst wichtig, wenn gleich die heilige Masseney, die Tempelherren oder Tempeleise ganz in Art und Weise der Ritterwelt dargestellt sind. Auch der Priester Johannes spielt eine große Rolle, und Alles bezieht sich in verschiedenen Richtungen auf Johannes den Evangelisten. Wie sehr der Täufer bei den Maurern gilt und geehrt wird, ist bekannt, und, wenn sie wirklich älteren Ursprunges seyn sollten, so ist wohl noch zu untersuchen, ob nicht ursprünglich der Evangelist gemeint sei. Die Forschungen über dieses tiefsinnige Gedicht des Mittelalters sind auch in anderer Hinsicht noch lange nicht abgeschlossen, und der Maurer, der die Geschichte der Poesie kennt, dürfte hier auf manche Entdeckung gerathen, die seinem gläubigen Vorurtheil mehr und stärkere Waffen gäbe, als jener Sanct Albanus, der die Bauleute in England zuerst beschützte, oder der Prinz Edwin, oder die Culdeer, Wiklefiten, oder was man nur sonst in die Untersuchung gezogen hat.
Mir fällt eine Frage ein, sagte Anton: hat man noch nie den sinnigen Shakspeare zum Maurer gemacht? Viele seiner Sprüche, z. B. »es giebt viele Dinge im Himmel und auf Erden, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen läßt« hat man oft genug gebraucht und gemißbraucht. Es ist aber bekannt, daß der edle Philipp Sidney ein Freund und Beschützer des berühmten und berüchtigten Jordanus Bruno war, den man nachher als Ketzer in Italien verbrannte. Wie, wenn diese beiden Männer ächte Maurer gewesen wären, und in jener merkwürdigen Zeit eine Loge gestiftet hätten, in welcher unser Shakspeare später wäre aufgenommen worden? In dem kleinen London und in einem kurzen Zeitraum von dreißig Jahren waren so viele große und herrliche Männer, wie sich nur selten auf Erden so enge zusammen drängen.
Jetzt stand Huber, der Arzt, auf und sagte: ich habe bis jetzt geschwiegen, weil ich nicht andern Meinungen voreilen wollte. Dieses Geheimniß eines Nicht-Geheimnisses, wie es unser Freund Seebach ausgeführt hat, will mir keinesweges gefallen. Es sei, daß die Maurerei Nichts gegen Staat und Religion unternehmen soll, und daß wir deshalb jene frühen englischen Logen tadeln mögen, von denen die Sage berichtet, daß sie unter Cromwell bedeutend zur Wiedereinsetzung der Stuarts mitgewirkt haben. Aber eben dadurch, daß der Maçon von Politik und Kirche sich zurückhält, um nicht zu stören, ist ihm ein so größerer und schönerer Wirkungskreis in der Natur eröffnet. Weisen wir die früheren Sagen von Adepten ab, so ist eben jener Elias Ashmole, der einer der frühesten authentischen Maurer der neuen Zeit ist, zugleich als ein Freund der Astrologie und der Verwandlungskunst bekannt genug. Beschäftigen sich also die Universitäten, um die Jugend nicht irre zu führen, mit der Naturwissenschaft in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes, so ist es um so erfreulicher, wenn ein Kreis erfahrner Männer, zum Geheimniß durch Wort und That verbunden, jenen Geist aufsucht und herbeiziehn will, jene Kraft, Wunder zu wirken, die wohl schon sonst auserwählten Sterblichen beigewohnt hat, kurz, sich in dem zu üben und zu vervollkommnen, was gemeinhin Magie genannt wird. Diese Wissenschaft, die Natur aufzuschließen und sie zu verwandeln, ist des Strebens der Edelsten nicht unwürdig. Es ist leichter, sie zu verlachen, als die Meister dieser Kunst und die Anschauungen, die uns entgegen kommen, abzuweisen und zu widerlegen; und namentlich die Kunst des Adepten, Gold zu machen, den Stein der Weisen hervor zu bringen. Die nüchterne Welt kennt nur einen Weg, indem sie die Erzählung von Flamel als Lüge verschreit, was Paracelsus erzählt und ein Mann wie Helmont betheuert, Mährchen nennt, den tiefsinnigsten der Philosophen, Jacob Böhme, nicht anhört und versteht, und Alles, was in unsern Tagen ein erleuchteter Saint Martin begeistert predigt, nur mit mitleidigem Achselzucken beantwortet. Aber ist es denn nun schon unwidersprechlich dargethan, daß uns Saint Germain belog und betrog? Die Kunst, Gold aus andern Metallen zu machen, scheint so nahe zu liegen, da wir so viele Verwandlungen hervor bringen können. Sie soll ja nur den Meister beurkunden, ihm seinen Meisterbrief schreiben, als einen Beweis, daß er die Natur bezwungen hat, und sie beherrscht. Die moralische Besserung und Vergeistigung des Menschen ist die höhere Kunst des Adepten. Aber Wunder zu glauben, in der Vorzeit, um Religionen und Heilige zu bekräftigen und ihrem Wirken Glauben zu verschaffen, und anzunehmen, daß diese Kraft erlöschen müsse, und in unsern Tagen und niemals wieder erweckt werden könne und dürfe, heißt, um mich gelinde auszudrücken, auf das Mindeste sehr inkonsequent glauben und lehren. Mein Freund Seebach kennt meine Ueberzeugung, die ich hiemit wiederhole. --