Part 12
Meine Braut und jetzige Gattin, erzählte Ferdinand, wußte von meiner Irrfahrt, sie war mir immer um einige Stationen voraus, und so trafen wir uns, um Abrede zu nehmen, in dem alten Schlosse Glich, oberhalb Bamberg, wo sie in der Maske eines Förstermädchens erschien. Hier hatte ich Gelegenheit, das Nähere mit ihr zu besprechen, und wir nahmen die Abrede, in Würzburg oder Heidelberg uns zu verbinden.
Sieh! sieh! rief Wachtel aus, drum! drum! Ei ja freilich, es ist auch dasselbe hübsche Gesichtchen. -- Er sah hiebei Walther mit einem bedeutenden Blicke an, und dieser lächelte halb verlegen.
In Würzburg aber, erzählte Ferdinand, kam ein junger Pole, der Begleiter eines Herrn von Bärwald, meiner Geliebten auf die Spur. Er machte Anstalt, sich ihrer zu bemächtigen, und sie, benachrichtigt davon, rief mich auf zur Hülfe, da sie mich in jene Bude hatte eingehn sehn, wo wir uns, kindisch genug, mit einer russischen Schaukel ergötzten. In der Bude aber stand, ohne daß ich es wissen konnte, neben dem Herrn des Kunststückes, eben dieser junge Pole, der meine Braut persönlich kannte, und ihren Namen laut ausrief, als sie in die Bude hineinblickte. Alles stürzte ihr nach, ich aber, als der Schnellste, fand Mittel, sie im Getümmel des Jahrmarktes zu verbergen und vor den Nachstellungen zu retten.
Ei! rief Wachtel aus, unser Freund Walther, welcher den Jungfrauenraub zu bestrafen ausgereiset war, saß indessen mit eingelegter Lanze hoch oben wie ein rächender Gott in der einsamen Bude.
In Heidelberg, fuhr Ferdinand fort, erfuhr ich endlich aus ihren Briefen, daß unser gütiger Onkel sich unser annehmen und Alles schlichten wolle, nur machte er es zur Bedingung, daß wir umkehrten, um nicht als Abentheurer in fremden Regionen den Ruf meiner Geliebten unnöthig auf das Spiel zu setzen. In eines jungen Gelehrten, Keyser's, Gesellschaft, welcher seine Braut besuchte, sprach ich die geliebte Maschinka, und wir beredeten unsre Rückreise. Aber wir durften uns noch nicht vereinigen, um uns nicht dem Ungestüm der Verwandten, welche uns verfolgten, auszusetzen. Ich hatte in Briefen und aus dem Munde meiner Braut von einem wüthenden und rachsüchtigen Hellbusch gehört, und konnte mir nicht träumen lassen, daß dieser derselbe freundliche Mann sei, an dessen Seite ich die schöne Reise durch Deutschland machte. So kehrten wir denn um, und schrieben hie und da Merkworte ein, die der Andre fand und die kein Fremder verstehen konnte. In der Höhle von Liebenstein trafen wir uns an jenem schönen Sonntage, und dort, als ich mich hatte von der Barke auf dem unterirdischen Gewässer übersetzen lassen, sprach ich im Dunkel, und von der ganzen Welt abgesondert, meine Geliebte. Bei Tharand bestellte sie mich und ich traf sie in der Nacht dort im schönen Thal. Sie reisete sogleich hieher nach Guben, ihrem gütigsten Oheim entgegen, und der großmüthige Mann hat auch mich seinen Neffen genannt und durch seine Güte alle die Irrsale geschlichtet. --
So fuhren sie nach Guben zurück und ergötzten sich an den kleinen Begebenheiten ihrer Reise. Von dort begaben sie sich mit dem Oheim nach der Schweiz, und Walther, welcher seinen Reisegefährten Ferdinand herzlich liebgewonnen hatte, bat sich die Erlaubniß aus, mit ihnen reisen zu dürfen, um in ihrer Gesellschaft einige Zeit in dem schönen Lande dort zu leben.
* * * * *
Es waren zehn Jahre verflossen, als dem Erzähler dieser Geschichte Walther und Ferdinand wieder begegneten. Die seltsamen Begebenheiten des Befreiungskrieges hatten uns in Prag im Sommer des Jahrs 1813 vereinigt. Ferdinand war mit seiner Frau, die noch immer schön zu nennen war, glücklich, er hatte einige allerliebste Kinder, mit denen er gern spielte. Auch Walther war verheirathet, und wir erfreuten uns Alle des Wiedersehns und der erneuten Vertraulichkeit. Nur war es mir merkwürdig, daß der schwärmende Ferdinand jetzt ein eifriger, möcht' ich doch sagen, einseitiger Verfechter der protestantischen Lehre war, und Walther im Gegentheil war zur katholischen Kirche übergetreten und mit vollem Ernst und ganzem Herzen ein Bekenner ihrer Glaubens-Artikel.
Wie dieses sich zugetragen hatte, läßt sich vielleicht in Zukunft mittheilen, da es für denkende Leser, die selbst etwas erlebt haben, nicht ohne Interesse seyn dürfte. Auch läßt sich um so unparteiischer diese Seelengeschichte erzählen, da beide Freunde, sowie der dritte, der humoristische Wachtel, vor Jahren nach Italien gereiset sind, und dort froh und glücklich leben. Als heitre Beilage und Episode dürften alsdann auch die beiden Novellen, welche die freundlichen Feinde, die sich als solche nicht kannten, im Gasthofe zu Chemnitz ausarbeiteten, nicht unwillkommen seyn.
Die Wundersüchtigen. 1831.
Der Geheimerath von Seebach lebte in seinem großen, wohleingerichteten Hause glücklich in der Residenz. Da er reich war und eine angesehene Stelle bekleidete, viele Verbindungen hatte, und eine große Correspondenz führte, so war bei ihm oft der Sammelplatz angesehener und merkwürdiger Fremden und Reisenden. Häufig aber waren unter diesen Besuchenden auch solche Gestalten, die von seiner Familie weniger gern, oder nur mit Mißtrauen gesehen wurden, weil der Rath früher ein Mitglied mancher Gesellschaften gewesen war, die sich höherer Kenntnisse oder wunderbarer Geheimnisse rühmten, und obgleich der thätige Geschäftsmann schon seit Jahren alle diese Verhältnisse aufgelöset, und sich von diesen Verbindungen zurückgezogen hatte, so sorgte die Tochter, die den Vater genau kannte, doch immer, daß irgendwo ein Faden wieder aufgenommen werden möchte, der nicht zerrissen war, um Verwicklung, Zeitverlust, oder auch wohl Kummer zu veranlassen. Der lebhafte, heitre Sohn war gegen viele Wanderer mehr deswegen eingenommen, weil ihr Einsprechen dem Rathe manches Geldstück kostete, denn so wie er die Geheimnisse und Wunder verlachte, war er doch neugierig genug, immer wieder auf die Erzählung von seltsamen Entdeckungen oder unbegreiflichen Begebenheiten mit Eifer hinzuhören.
In alten Papieren kramend, saß der Rath an seinem Schreibepulte, und neben ihm Anton, sein Sohn, ihm gegenüber sein Schwiegervater, der Obrist von Dorneck, der schon seit lange seinen Abschied genommen hatte.
Ich kann das Dokument nicht finden, sagte der Rath endlich unwillig, und begreife nicht, wie, oder wohin es kann verloren seyn. In diesem fatalen Prozeß, der mich nun schon seit zwei Jahren beunruhigt, gilt es mir die volle Summe von zwanzigtausend Thalern, wenn ich diesen wichtigsten Beweis nicht herbei schaffen kann.
Der Obrist erwiederte: Lieber Sohn, ich bin überzeugt, daß Sie es irgendwo recht sorgsam hingelegt haben, weil es Ihnen eben so wichtig war, und daß Ihre Geschäfte Sie nur den Ort haben vergessen machen. Geben Sie sich Ruhe, und es fällt Ihnen wohl am ersten bei, indem Sie gar nicht darüber denken, wie es mit Namen von Menschen so oft geht, die wir durchaus nicht wieder finden, indem wir es von uns erzwingen wollen, und die uns dann plötzlich, ungesucht, indem wir zerstreut, oder unterhalten sind, wieder beifallen.
Sie mögen Recht haben, antwortete der Rath; soll sich aber ein Geschäftsmann solcher Vergeßlichkeit nicht schämen? Ich habe niemals die zerstreuten Menschen leiden mögen, und nun muß mir selbst dergleichen begegnen.
Anton warf ein: wenn wir jetzt nur den berühmten Grafen Feliciano hier hätten, von dem so viele Wunderdinge erzählt werden, so könnte er mit einer einzigen Geisterbeschwörung die Sache aufhellen und in Ordnung bringen.
Gewiß, sagte der Obrist, wenn er sich zu uns herablassen wollte, denn Bücher, Zeitungen und Briefe seiner Freunde erzählen ja Dinge von ihm, die noch viel wundervoller sind, als dies kleine Mirakel, das er auf unser inständiges Bitten vielleicht verrichten möchte.
Der Rath schwieg, indem er wieder eifrig suchte. Was sind das für Figuren da? fragte der Sohn, indem er nach einem Blatte langte.
Du bist zwar kein Eingeweihter, erwiederte der Vater, indessen ist das Papier auch nicht von denen, durch welche ich eine Indiscretion begehe, wenn Du es betrachtest. Vor vielen Jahren hat ein Freund, ich weiß nicht aus welchem astrologisch-magischen Zauber-Manuscript, mir diesen Unsinn als denkwürdig abgeschrieben.
Bin ich auch kein Geweihter, erwiederte der Sohn, so habe ich doch, wie Sie wissen, so Manches über diese Verbrüderung gelesen, so manche kabbalistischen Manuscripte durchblättert, daß mir gerade der Unsinn mancher Leute nicht ganz fremd ist, wenn er mir auch immer unverständlich bleibt.
Die Figur war eigentlich eine vieleckige, in Gestalt eines Sternes. Die meisten Linien waren Zeilen, theils Sprüche der Bibel, theils Gebete, manche auch wundersame Namen, die, wie man sah, Geister bezeichnen sollten, nach allen Richtungen begegnete sich das Wort Abracadabra, bald in einzelnen Sylben und Buchstaben, bald vor-, bald rückwärts geschrieben, bald von Sternzeichen, Hieroglyphen und andern seltsamen Figuren unterbrochen. In der Mitte las man Adonai, gegenüber Jehovah, mit lateinischen und auch mit hebräischen Lettern geschrieben. Auf der Rückseite war bemerkt, daß dieses heilige Amulet von vielfältigem Gebrauche sei, im Kriege wie gegen Krankheit, vor Einwirkung der bösen Geister schütze, und Demjenigen, der die Kunst inne habe, Geister herbeizurufen, unentbehrlich sei.
Der Rath und der Obrist lachten, als der junge, stets heitre Anton das aberwitzige Blatt mit so ernsthafter, tiefsinniger Miene betrachtete. Ich will ein andermal auch über diesen Unsinn spotten, unterbrach sie Anton, aber gestehen Sie mir nur ein, daß das Ding auch eine ernsthafte Seite habe, die man wohl in Betrachtung ziehen dürfe. Nicht wahr, derselbe Menschengeist, der fähig ist, Philosophie und Kunst zu umfassen, der die Bahn der Sterne berechnet und die Unermeßlichkeit des Himmels mißt, der in Liebe und Andacht sich dem Ewigen nähert, -- derselbe hat auch dieses Blatt so umrissen, bekritzelt und durchfurcht mit einer thörichten Lüge, die doch irgendwo im Anfang mit der Wahrheit zusammen hängt, in dieser nur wurzelt, und aus dem Guten als stachlichtes Unkraut empor gewachsen ist.
Das mag seyn, nahm der Obrist das Wort, denn alles Schlechte und Nichtige keimt wohl aus dem Guten; nur möchte es schwer zu entdecken seyn, wo und wie es Lüge und Thorheit wird.
Der Rath war ebenfalls plötzlich ernsthaft geworden, und fügte hinzu: das ist eben die große Frage, ob das Böse ein zeitliches, oder ewig sei. Ein Nichts ist es, und wird, vom Menschengeist erweckt, ein Ungeheures, nimmt von diesem Kraft und Thätigkeit, und wandelt als Schicksal und Unglück umher, das Länder verwüstet und Tausende opfert. Wahrlich, hier möchte das Auge das Herbeirufen von Geistern aus dem Abgrunde, das Beleben eines Todtenreiches wahrnehmen können, viel größer und wundersamer als Alles, was man von alten oder neuen Thaumaturgen erzählt.
Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, antwortete Anton, daß durch die Leidenschaften der Menschen, die sich in das Unwahre oder dem Nichts ergeben, die Weltgeschichte großentheils durch Gespenster regiert und fortgetrieben wird, die, wenn sie nicht im wilden Kampf der Verwirrung aufgeweckt werden, unsichtbar bleiben, oder höchstens nur Erscheinungen sind, über welche der Spekulant oder Witzige gutmüthig lächeln möchte. Wenn mir dies auch wahr scheint, so ist es mit diesem Blatte hier denn doch etwas anders.
Eigentlich nicht, sagte der Vater: denn dasselbe, was hier nur Spiel ist, hat auch schon zum Feldgeschrei und Panier der Schlachten gedient. Es wäre zu wünschen, daß der böse Geist mit allen seinen Wirkungen sich immerdar in solchen Galimathias hinein zaubern ließe. Aber er wird auch von dergleichen Kinderei irgend einmal wieder erweckt, und so fluthet und ebbet die Masse der Erscheinungen hin und her, und das eigentliche Fortschreiten, das wahre Besserwerden der Welt ist nur aus einer weiten Ferne wahrzunehmen.
Ich werde mir dieses künstlich verzauberte Blatt in geweihter Stunde an meinen Hals hängen, sagte Anton, so durch alle Gemächer des Hauses um Mitternacht schreiten, und so hoffe ich jenes Dokument zu entdecken, das uns Allen so wichtig seyn muß.
Nein, sagte der Obrist, gieb es mir, lieber Enkel: von alten Zeiten bin ich noch mit den Leuten in Verbindung, die jetzt in der Residenz des Nachbar-Landes wieder anfangen, sich auszubreiten. Ich meine jene, die sich für die rechtgläubigen Brüder halten, und die vernünftigen verlästern und verfolgen. Immer erhalte ich noch Briefe und Anmahnungen, mich ihnen wieder anzuschließen. Diesen kann ich vielleicht mit dieser sinnverwirrten Schrift ein angenehmes Geschenk machen.
Nehmen Sie es, sagte der Rath, so ist in meinem Hause eine Thorheit weniger. Man erzählt, daß sich diese abergläubischen Menschen aus leicht zu errathenden Absichten an den Erbprinzen dort drängen, um sich ihm angenehm und unentbehrlich zu machen. Wer weiß, was uns die Zukunft noch für Erscheinungen zeigt, welcher Aberglaube sich von Neuem entwickelt, so sicher wir jetzt zu seyn glauben, und, wenn ich meiner Aengstlichkeit folgte, so möchte ich darum das Papier nicht aus meiner Hand geben. Es kann auch Schaden stiften, so kindisch es ist.
Lassen Sie, lieber Sohn, sagte der Alte, beunruhigen Sie Ihren Geist nicht, wenn dergleichen auch geschehn könnte, so ist es doch nur wie ein Steinwurf ins Wasser. Der Kreis wird immer größer, aber verliert sich, wenn er sich am weitesten ausgebreitet hat. So lange noch solche Geister in Deutschland regieren, wie hier uns nahe Friedrich der Zweite, und dort Joseph der Zweite, so lange noch ein Mann wie Lessing schreibt und wirkt, haben wir Nichts zu fürchten. Und warum sollen denn unsre Nachkommen eben wieder ausarten?
Er schlug lächelnd das Papier zusammen, und freute sich schon im Voraus, welche Erquickung Viele in jener Brüderschaft aus ihm ziehen würden, die sich für Rosenkreuzer und Adepten hielten, und so ernsthaft nach dem Stein der Weisen forschten, wenn, wie der Obrist zu verstehen gab, auch wohl Einige unter ihnen seyn mochten, die das Spiel nur mitmachten, um andere, irdischere Zwecke durchzusetzen.
Friedrich der Zweite, fing der Rath wieder an, ist alt, vielleicht auf der Neige, und es ist möglich, daß er bald abgerufen wird. Wissen wir denn auch, wie jene Gesellschaften, über die wir jetzt nur lächeln, verbreitet sind, wie sie in Zukunft ihre Netze weit hinausspinnen mögen? Daß andre Brüderschaften gegen sie kämpfen, mag an der Zeit und nothwendig seyn. Wie glücklich, daß ich alle diese Dinge, die mich früherhin interessirten, und mein Leben in Bewegung setzten, hinter mir habe, und auf alle diese Strömungen mit klarem gleichgültigen Auge hinab sehn kann.
Der Bediente gab einen Brief ab, der eben von der Post gekommen war. Das Siegel war wunderlich, und als der Geheimerath den Brief durchgesehn hatte, sagte er: nun wahrlich, sonderbar genug! Nicht gerade der berühmte Wunderthäter Graf Feliciano wird zu uns kommen, aber doch ein andrer seltsamer Mann, von dem auch schon oft die Rede gewesen ist: jener Sangerheim, der sich ebenfalls berühmt, große Geheimnisse zu besitzen, der auch Geister erscheinen läßt, Todte und Abwesende befragt, und einen neuen Orden gründet.
Anton freute sich, da er vernahm, daß dieser Wundermann ihr Haus zuerst besuchen würde, aber der alte Obrist Dorneck wünschte, daß man sich mit dem Abentheurer nicht einlassen möge. Sie wissen, lieber Sohn, beschloß er, wie ängstlich Ihre Frau und Ihre Tochter bei solchen Gelegenheiten sind, und es ist wahr, man kann niemals wissen, welches Unheil uns mit solchen wirren Geistern über die Schwelle schreitet. Sie haben ihre Bestimmung darin gesetzt, die Menschen zu täuschen, und es ist nicht zu berechnen, auf welche Art sie hintergehn, welche Schwächen, die wir selbst nicht kennen, sie benutzen und erwecken, und wie weit wir in ihren Wandel verflochten werden.
Seien Sie ganz ruhig, lieber Vater, sagte der Rath heiter; dieser Brief macht es mir unmöglich, den wunderlichen Mann ganz abzuweisen, um so weniger, da ich so vielen Andern mein Haus schon eröffnet habe; diese Bekannten, die ich achten und schonen muß, und die mir diesen Mann so dringend empfehlen, würden mein Betragen unbegreiflich und sich beleidigt finden.
Und, gestehn Sie nur, lieber Vater, rief Anton im frohen Muthe aus, daß Sie eben so neugierig sind, wie ich. Nein, er komme nur, der große Wundermann, er prophezeie uns, er zeige uns Geister, er grabe Schätze, was und so viel er will, wir wollen Alles dankbar von ihm annehmen. Ist doch außerdem schon lange nichts Neues vorgefallen, ist doch im ganzen Europa Friede. Wollen sich die Lebendigen nicht rühren, so müssen die Todten in Bewegung gesetzt werden.
Als die Mutter und Tochter bei Tische diese Neuigkeit erfuhren, nahmen diese die Sache weniger heiter und leicht auf, als die Männer. In ihrem stillen Rath war vorzüglich Clara verdrüßlich und verstimmt. Wohin, sagte sie fast weinend zur Mutter, soll es nur führen, daß wir unser Leben so gar nicht für uns selbst einrichten und ableben sollen? Der Vater hat nun, wie er sagt, alle diese Verbindungen aufgegeben, und ist doch seitdem neugieriger und gespannter auf Alles, was in dieser Art vorgeht, als ehemals, -- und mein Verlobter, dieser gute Schmaling, die Leichtgläubigkeit selbst. Ist es wohl recht, den Wunderglauben dieses Jünglings immer von Neuem aufzuregen? Wissen wir denn, wie weit diese Sucht gehn kann, oder vermögen wir es, ihr Schranken zu setzen? Wenn ich nachher unglücklich bin, Schmaling verwirrt, und leidenschaftlich aufgeregt, mit den geheimnißvollen Menschen verflochten: wird mir denn ein Trost meines Vaters, oder ein Spaß meines leichtsinnigen Bruders ersetzen können, was ich verloren habe?
Der Obrist trat zu ihrer kummervollen Berathung und sagte, nachdem er die Klagen gehört hatte: Uebertreibt nicht die Sache, Kinder, hier meine verständige Tochter, Deine Mutter, kennt ja Deinen Vater, liebe Clara. Und Schmaling wird Vernunft und guten Rath annehmen, er ist kein Kind. Glaube mir, meine liebe Tochter, es ist nicht gut, wenn man immerdar dem Menschen alle Steine, an die er sich stoßen könnte, aus dem Wege zu räumen sucht. Jede Leidenschaft in uns, die es wirklich ist, muß wachsen, reifen, und sich selber erkennen lernen. Der Mensch muß sie dann aus eigner Kraft, nicht bloß durch fremde Hülfe zu überwinden vermögen. Dann wird das, was wohl als Thorheit erscheinen mochte, oft Kraft und Charakter, und der Mann gewinnt in dieser Schule gerade seinen edelsten Besitz. Wird er aber in der Jugend gehindert, ganz sich in seinen Gelüsten kennen zu lernen, erfährt er gar nicht, wohin sie ihn führen können, so bleibt er Zeitlebens ein Näscher, der immer wieder von Neuem der Verführung ausgesetzt ist.
So muß, sagte die Mutter, dies die Geschichte meines Mannes seyn. Denn glauben Sie mir nur, Vater, stelle er sich, wie er will, hätte er nicht die vielen Geschäfte, die ihm sein Amt auferlegt, und die ihm oft die Nächte rauben, so würde er mit Heftigkeit Alles, was sich ihm aus dieser sonderbaren Gegend des Geheimnisses anbietet, ergreifen. Er meint, diesen Wunderglauben, die Geheimnißkrämerei, ganz überwunden zu haben, aber ich habe ihn seit so vielen Jahren beobachtet, und kenne ihn besser, als er sich selbst: Alles reizt, Alles beschäftigt ihn. Er spräche vielleicht nicht so oft, und mit solcher Bestimmtheit über diese Gegenstände, wenn er seiner selbst ganz sicher wäre. Sie haben sich oft verwundert, warum ich mit Ihnen und andern Freunden nicht in den Wunsch einstimme, daß er seine Stelle niederlegen und auf dem Gute leben möchte: ich kann es nicht, aus Furcht, er könne sich in andre Geschäfte und Arbeiten dann leidenschaftlich verwickeln, die weder so nützlich seyn dürften, noch seinem Geist die Kraft und den Adel zuführen würden, mit denen wir ihn jetzt so freudig seinen Beruf erfüllen sehn.
Am folgenden Tage schon erschien Sangerheim, der sonderbare Freund, als Gast im Hause des Geheimenrathes. Er war ein schöner, großer und schlanker Mann, der eben nicht viel älter als dreißig Jahr seyn konnte: sein Auge war feurig, der Ton seiner Stimme wohllautend, und der Accent des Ausländers, eine Fremdheit in seinen Manieren stand ihm gut. Sein Wesen und seine heitre Gesprächigkeit gewannen ihm auch bald das Wohlwollen, selbst das Vertrauen des Rathes, indessen ihn der alte Obrist schärfer und mißtrauisch beobachtete. Am meisten aber war ihm Clara aufsässig, denn der junge Rath Schmaling war völlig in Rede und Gespräch des merkwürdigen Fremden verloren. Ein Gelehrter, Ferner, nahm Antheil an der Gesellschaft, so wie der Arzt des Hauses, Huber, und Jeder beobachtete von seinem Standpunkt aus den Reisenden, der sich Jedem mit ungezwungener Offenheit mittheilte. Darum war auch Anton heiter und gesprächig und die Mutter ließ bald ihren Widerwillen fahren, mit dem sie zuerst sich am Tische an der Seite des verdächtigen Mannes niedergelassen hatte.
Als die Mahlzeit geendigt war, begaben sich die Männer in ein andres Zimmer, und die Frauen verließen die Gesellschaft. Nach einigen unbedeutenden Reden kam man auf den Gegenstand, der Alle interessirte, da Jeder wünschte, daß der Fremde von sich und seinem Treiben etwas Bestimmteres aussagen möge. Schmaling machte sich vorzüglich an den vorgeblichen Wunderthäter und nahm jedes Wort, was dieser sprach, begierig auf; doch der Obrist, der mit Clara Mitleid hatte, und ihre Aengstlichkeit gewissermaßen theilte, suchte diese Gespräche zu stören. Ob es denn niemals, fing er an, um die Unterredung zu lenken, irgend mit Sicherheit wird ausgemacht werden, wie alt diese weltbekannte Gesellschaft der Freimaurer eigentlich sei.
Vielleicht, antwortete der Rath, ist der ganze Streit mehr um Worte und Buchstaben, als um die Sache geführt worden. Mögen wir annehmen, daß dieses geheim öffentliche Institut, wie es in unsern Tagen besteht, schon uralt sei, daß es in frühern Jahrhunderten, unter ganz andern Bedingungen, als andre Bedürfnisse waren und man die jetzigen nicht kannte, habe daseyn können: behaupten wir dies alles, und geben nur zu, wie wir es müssen, daß diese Vereinigung, im Fall sie alt ist, sich völlig verwandelt und nach den verschiedenen Zeiten auch verschiedene Zwecke beabsichtigt habe, so ist mit dieser Einräumung auch der Streit, wenn nicht völlig geschlichtet, doch beseitigt.
Um so mehr, sagte Ferner, der Gelehrte, da wir es selbst erlebt haben, wie in kurzen Zeiträumen sich viele Zwecke der Brüder verändern, sie mit einander streiten, jede Sekte die richtige und älteste Constitution zu haben vorgiebt, eine Verfassung die andre verdammt, und immerdar neue Einrichtungen die vorigen ablösen.
Freilich, sagte der Rath, und so ist es nur Geheimnißkrämerei und Sucht zum Wunderbaren, die Entstehung der Gesellschaft hoch hinauf zu setzen, sie in andern Verbindungen wieder erkennen zu wollen, und anzunehmen, daß Tradition aus den ältesten Zeiten uns in dieser Einrichtung, die oft sich so geheimnißvoll stellt, mit dunkeln Geschichten und Sagen in unmittelbare Verknüpfung setzen könne.
Und doch, sagte Schmaling, handelt es sich hierum einzig und allein, oder die ganze Sache verliert ihr Interesse.
Das Wunderbare, fuhr der Geheimerath fort, aber das Interesse wohl nicht. Oder wir können es auch so ausdrücken: daß unsre Bildung eben dahin sich ausarbeiten soll, um zu erfahren, was wir mit Recht wunderbar nennen. Es fragt sich, ob dann nicht ein ganz umgekehrtes Verhältniß erscheinen wird, daß alles jenes Wunder, welches unsre unerfahrne Jugend reizte, uns gleichgültig oder lächerlich wird, und wir das ächte Wunder da wahrnehmen, wo das blöde Auge gar Nichts, oder das Gleichgültige erschaut.