Part 11
Ferdinand begann: Es war nicht lange nach jenem berühmten Erdbeben in Calabrien, welches so viele Orte zerstört hatte, daß -- --
Hier entstand ein lautes Sprechen draußen, und ein Klopfen an der Thür, und der Genius des Verfassers, oder der Zufall wollte nicht, daß Ferdinand jetzt seine Erzählung weiter vortragen sollte. Der Fuhrmann kam nehmlich zurück und händigte den Freunden ein großes Paket ein. Der Herr, sagte er, der gestern mit mir fortreisete, hat mir gleich heut Morgen dieses vielfach versiegelte Schreiben eingehändigt und mir auf meine Seele befohlen, gleich, gleich zurückzueilen, und es ja noch heut Abend, wenn ich auch spät ankommen sollte, in Ihre Hände zu überliefern. Und da mich der wackre Herr sehr gut und über meine Erwartung belohnt hat, so schien es mir eine Gewissenssache, seine Befehle prompt und schnell auszurichten. Ich habe daher auch auf keine Retourgesellschaft gewartet, sondern mich eilig aufgemacht, um nicht zu spät anzukommen.
Walther beschied ihn auf morgen, wenn auch nicht sehr zeitig, damit die Pferde ausruhen könnten, überzählte, als sie allein waren, die Summe, welche Wachtel in Gold überschickt hatte, und las alsdann den Brief des Freundes vor:
Hiebei das Nöthige, gleich durch den Kutscher, weil die Post es sechsunddreißig Stunden später würde abgeliefert haben. Aber zugleich muß ich Euch melden, daß Ihr mich in Dresden nicht mehr treffen werdet, denn sowie ich diesen Brief geendigt habe, springe ich mit gleichen Beinen in eine schon bestellte Kalesche, und fahre nach Guben, um meinen umirrenden Ritterzug zu endigen. Glaubt Ihr denn, Ihr von mir leidenschaftlich Geliebteste, daß Ihr niemals langweilig seid? ^Anzi, pur troppo^, wie wir Italianisirten zu sagen pflegen. Sapperment noch einmal! Ihr vergeßt es ja immerdar, daß ich, wenn ich mich recht besinne, ein zärtlicher Gatte bin. Soll ich meine Liebe denn ganz vernachlässigen und so in der öden, weiten Welt herumrasen? Wer freilich so ledern ist, wie Ihr Beide, so ganz ohne Liebessehnsucht, wessen Herz niemals im Enthusiasmus überschwillt, kurz, wer so nur der Gegenwart und dem flüchtigen Augenblick lebt, wie Ihr, Nächte am Spieltische vergeudet, jungen hübschen Mädchen in allen Ruinen nachläuft, oder wie ein Deserteur auf dem hölzernen Esel stundenlang in der russischen Drehmaschine unverwandt und stieren Blicks die dürren Bretter einer hölzernen Bude anschauen kann, -- solche Leute sind für Schwärmer, wie ich einer bin, eine zu trockne Gesellschaft. Mein pochendes Herz treibt mich zu meiner Gattin, die gewiß bei jedem Kloß, den sie einrührt, dieses meines Herzens gedenkt. Und dann, -- hat das Vaterland, -- meine Vaterstadt -- keine Rechte, keine Forderungen an mich? Man verliert in dieser Kosmopoliterei allen Sinn für das Einheimische, selbst Heimische und Heimelnde; und wenn Ihr auch heimlich gegen mich wart, und Jeder von Euch seine Heimlichkeiten vor dem Andern hat, so ist mein heimelndes Heimathgefühl, mein Heimweh, viel edlerer Natur. Wenn ich so bei den Sägemühlen die frischgeschnittenen Kienbretter roch, -- ha, alle Reize meines Guben standen vor mir. Wenn ich den Streusand über ein beschriebenes Blatt spritzte, so war mir Das, was der Kuhreigen dem biedern Schweizer ist. Kleinstädtisch, voll armseliger Rücksichten wurde ich auch in Eurer Gesellschaft; wenn ich mich einmal aufschwingen wollte auf den Adlersfittigen meiner Begeisterung, -- was habe ich von den kleinartigen, niemals nach vollen Zügen durstigen Seelen aushalten müssen! Von der Hippokrene, oder dem musenberauschenden Quell des Parnassus soll der Mensch gar nicht, oder recht tief, voll, in den mächtigsten Wogen trinken; so sprechen die weisen Alten. Man sei völlig nüchtern, -- oder -- nun ja, was? Ihr würdet als Plebejer vielleicht von knüppel- oder hageldick, oder was die guten Deutschen sonst noch kümmeltürkenartig an den schändlichen Ausdruck »besoffen« anknüpfen, sprechen: Sieben ist die böse, aber auch die heilige Zahl, und ein alter Jäger hier sagt von einem so Begeisterten: er sei halb Sieben. -- Herr Walther kann mir also das Geld, welches er mir noch schuldig ist, nach meiner geliebten Vaterstadt senden. Vielleicht besucht mich derselbe hohe Mann, sowie der Crucifix- und Nepomuksjäger, der zarte katholisirende Ferdinand dort. Wenn derselbe einmal mit christlichem Legendencostüm als ein Wegweiser ausgehauen und mit Grün und Gold angemalt an die Landstraße gestellt würde, hätte er seine Harmodius- und Aristogiton-Statue und Vergötterung verdient und erreicht. Seh ich Euch, Freunde, in diesem sterbenden Leben oder in dieser lebenden Sterblichkeit noch einmal wieder, so wird es mir immer, so viel ich auch höher strebe, einige, wenn auch nicht die größte Freude gewähren.
Wachtel.
Dresden, den 9. August 1803.
Nachdem dieser Brief gelesen war, fragte Ferdinand, ob er jetzt in seinem Manuscripte fortfahren solle; doch Walther, der noch mit dem Briefe beschäftigt schien, war sehr zerstreut und verstimmt, sodaß er kurz aufbrach, ein Licht nahm und seinem Gefährten eine gute Nacht wünschte. Als Walther allein war, las er für sich das Postscript noch einmal aufmerksam, welches so lautete: -- Indem ich hier im Engel alles Dies abfertige, drängt sich ein junger Herr in mein Zimmer, derselbe Herr von Bärwald, den wir in der Kirche zu Graupen zu bewundern Gelegenheit hatten, und zwingt mir noch diesen versiegelten Zettel für den Herrn Walther auf. Er meint, der Inhalt sei für Sie von der allergrößten Wichtigkeit.
»In Dresden werde ich die Ehre haben, Sie zu sehn, und Sie werden auch Denjenigen kennen lernen, welcher Ihnen einliegendes Blatt sendet.«
Das versiegelte Blatt enthielt folgende Worte: »Den Entführer, welchen Sie suchen, können Sie nur den vierzehnten August bei, oder in Guben treffen, wenn Sie ihn im Hause des Herrn Wachtel erfragen wollen, wo alsdann die sichere Nachricht, wo sich dieser Herr von Linden aufhält, Sie erreichen soll.«
Sonderbar! sagte Walther zu sich selbst, also dort soll ich den Elenden nun antreffen, von wo gewissermaßen mein Umstreifen in diesen deutschen Provinzen begann? Und -- kann ich es mir verleugnen? -- jetzt, nach Monaten erscheint mir die Ahndung seiner That und die Bestrafung dieses Mannes nicht mehr so nothwendig, wie damals, als ich mich zu diesem Geschäfte drängte. Scheint es doch auch, daß mein Vetter in Warschau sich längst getröstet hat; indessen habe ich mich einmal damit eingelassen und mich dazu verpflichtet, sodaß die kühlere Ueberlegung zu spät kommt. Und ist die schöne Maschinka am Ende mit diesem Entführer glücklich, so möchte ich mich jetzt fragen, was diese Leiden und Freuden mich eigentlich angehn, da die Verwandten des Mädchens, wenn doch einmal etwas geschehn sollte, Jenen verfolgen und zur Rechenschaft ziehn konnten. Sie haben nicht weniger Muße dazu, als ich. Nun wird also doch zum Beschluß meiner Reise eintreffen, was nach meiner Meinung am Anfange geschehn sollte.
Nachdem man am andern Morgen mit dem Gastwirth die Rechnung berichtigt hatte, fuhr man, als die Hitze schon eingetreten war, nach Freiberg ab. Dort verweilten die Freunde nur, um einige Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, und kamen, nachdem es schon Nacht geworden war, in Tharand an.
Walther freute sich darauf, am folgenden Morgen die Schönheit dieser Thäler, des Buchenwaldes und der Aussicht von der Ruine zu genießen, als Ferdinand ihm plötzlich ankündigte, er würde noch in dieser schönen kühlen Nacht zu Fuß nach Dresden gehn. Die Einwendungen Walther's wurden nicht angehört, sondern, obgleich es dunkel war, Ferdinand wanderte sogleich wohlgemuth weiter, nachdem er nur eben aus dem Wagen gestiegen war. Walther glaubte bemerkt zu haben, daß ein Unbekannter ihm beim Ankommen einen Brief überreicht habe, den Ferdinand in größter Hast, beim ungewissen Schein eines flackernden Lichtes angesehn habe und durch ihn in diese Unruhe gerathen sei.
Zum Argwohn aufgereizt, konnte es Walther nicht unterlassen, dem Gefährten, nachdem dieser in der Dunkelheit manchen Schritt voraushatte, eilig und ohne Geräusch nachzugehn. Als er das Städtchen verlassen hatte, glaubte er in der stillen Einsamkeit Stimmen, ganz nahe vor sich, zu vernehmen. Als er weiter schritt, mußte er vermuthen, daß es nur das Rauschen des Gebirgstromes sei, welches ihn so getäuscht habe. An der waldbewachsnen Bergwand hinwandelnd, glaubte er im Dunkeln eine weiße weibliche Gestalt neben einer dunkeln männlichen zu unterscheiden; bald überzeugte er sich auch von der Wahrheit, aber es waren Menschen, die ihm entgegenkamen und wohl zur Mühle des Ortes zurückwandern mochten. Noch mehr wie einmal glaubte er in der Entfernung Klagen, Zank oder Gelächter zu vernehmen, und immer wieder mußte er sich überzeugen, daß es das Geräusch des kleinen Stromes sei, das ihn in der stillen Nacht so getäuscht habe. Beschämt ging er endlich zurück, verdrüßlich über sich selbst, daß er sich, ohne etwas erfahren zu haben, zum Horchen und Belauschen herabgewürdigt habe.
Am klaren frischen Morgen durchstreifte er die reizenden Gegenden bei Tharand, die dem Naturfreunde immer neu und anmuthig bleiben, wenn er auch aus der Schweiz oder Tyrol eben zurückkehrt. Diese Thäler, die so einsam von der lärmenden Straße entfernt sind, vom köstlichen Waldstrom durchrauscht, von schönen Hügeln und Buchen und Tannen bekränzt, sind so lieblich, daß man hier gern die weiten Blicke über den schönen Elbfluß vergißt. Von der Natur geläutert, Alles, was er in Guben wollte, oder gestern Abend ihn bewegt hatte, vergessend, fuhr er dann bei schönem Wetter nach Dresden und stieg bald nach der Tischzeit vor dem goldnen Engel von seinem Wagen.
Als er sein Geschäft mit seinem Bankier berichtigt hatte, fiel es ihm erst auf, daß er seinen Reisegefährten Ferdinand noch nicht war ansichtig geworden. Er forschte im Gasthofe nach ihm, aber er hatte sich hier nicht, wie die Freunde doch abgeredet hatten, gemeldet. Sonderbar! sagte Walther zu sich selbst, ich bin ihm noch eine bedeutende Summe schuldig, er hatte, so viel ich weiß, gar kein Geld bei sich, und so entschwindet er nun plötzlich, ohne Abschied, ohne Nachweisung, ob und wo wir uns treffen können.
Jetzt suchte ihn der junge Baron von Bärwald in seinem Zimmer auf. Was mir das leid gethan hat, rief der junge Mensch, daß wir uns vor einigen Wochen in Graupen und Teplitz verfehlt haben; ich hätte wahrscheinlich die ganze Reise mit Ihnen machen können, und mein Freund, der mit mir war, ebenfalls.
Doch wie, fragte Walther, sind Sie auf die sichre Spur jenes Linden gekommen?
Eben jener junge Freund, der auch mit mir in Graupen und Teplitz war, antwortete der Baron, hat mir umständlich die ganze Geschichte erzählt. Er ist mit beiderseitigen Familien, sowohl der des Herrn von Linden, als der schönen Maschinka, befreundet. Er steht mit jenen Bekannten in Warschau in ununterbrochenem Briefwechsel, und von dort, ich weiß nicht, wie, hat er erfahren, daß an jenem Tage, den ich Ihnen meldete, die schöne Maschinka sowie der Herr von Linden in Guben seyn werden. Was sie dort, oder wohin sie von dort wollen, ist mir freilich unbekannt.
Der bestimmte Tag war ganz nahe. Walther, um nicht mit dem jungen ungestümen Baron zu reisen, der sich ihm schon angeboten hatte, schützte Geschäfte vor, die er auf einigen Gütern abzumachen hatte, und begab sich auf die Straße nach Guben. Die öde Gegend, durch welche er reisete, vermehrte seinen Mißmuth.
Am zweiten Tage, als es schon spät am Abend war, erreichte er Guben. Im Dunkeln fragte er sich nach Wachtel's Hause hin, aber dieser sowohl, als seine Gattin war nicht zugegen, und man wußte, so sagte der Dienstbote, nicht, wann sie zurückkommen würden. -- So wollte Walther nach dem Innern der Stadt zurückkehren, verfehlte aber, weil er die entgegengesetzte Richtung nahm, den Weg und gerieth in die freie Landschaft. Es kam ihm nicht darauf an, sich nicht noch etwas zu ergehn und abzukühlen. Er gerieth auf eine Wiese und glaubte hinter einigen Gebüschen Klagelaute zu vernehmen. Er suchte sich mit Behutsamkeit, um im Finstern nicht zu fallen, der Stelle zu nähern, und als er die Worte unterscheiden konnte, hörte er deutlich folgendes Gespräch: So raffe Dich nur auf. -- Was, raffen! das ist ein dummes Wort! Was kann man an sich selber raffen? Hier liegt sich's gut, und ich will wenigstens bis zur Regenzeit hier wohnen bleiben. -- Was für ein Kreuz mit solchem Mann! Kannst Du denn wirklich gar nicht stehn? -- Als wenn das eine nothwendige Sache wäre, wenn man so angenehm liegt, wie ich hier. -- Wenn nur ein Mensch zur Hülfe in der Nähe wäre! -- Ja, keiner, weil sie Alle in meiner Position, wenn auch nicht derselben Situation, in ihren Betten liegen.
Walther hatte gleich im Anfang Wachtel's Stimme erkannt, und halb gerührt über die Wehklage der Frau, halb lachend über den so ganz unverbesserlichen Reisegefährten, ging er näher, um seine Hülfe anzubieten, damit der Trunkene so nach Hause geschafft werden könne.
Ach Gott! seufzte die Frau, immer muß so ein fremder Herr als ein Engel vom Himmel mir zur Hülfe herbeikommen. -- Mit gemeinsamer Anstrengung richteten sie den Taumelnden endlich auf, der in seinem Rausch den Reisegefährten nicht wiedererkannte. Walther und die Frau faßten ihn unter die Arme und richteten ihre künstliche Wanderung nach der Stadt, die aber, so sehr sie den Zögernden auch schoben oder zogen, dennoch nur sehr langsam vor sich gehen konnte. Ja, gnädigster Herr, klagte die Gattin, er hat sich da, so wunderlich er nun ist, einen höllischen Trank verschrieben und kommen lassen, den er die Menschenessenz nennt, und behauptet, Abraham und Isaak hätten den Soff schon im Paradiese gehabt. So rennt er nun heut so heraus, wie er es treibt, um die Nachtwelt aufzusuchen und ihr vorzupredigen, und da denkt er, die dumme Nachtwelt antwortet ihm, wenn es die Frösche sind, die im Sumpfe quaken.
Frösche, Sumpf, quaken! rief Wachtel im Zorn: schlechte Worte! Quaken, was das ein Mißlaut ist! Und dann, wie einfältig, die ordinäre Nachtwelt, zu welcher freilich Frösche, Eulen und Fledermäuse gehören, mit meiner Nachtwelt, die ich heut aufgesucht und gefunden habe, zu verwechseln! -- Er hielt an, stemmte sich mit aller Kraft an Walther und bestrebte sich, ihm in das Gesicht zu sehn. -- Erlauben Sie mir, unbekannter Herr Menschen-, aber nicht Wortführer, Ihnen eine authentische Nachricht von jener Begebenheit zu geben, welche diese Person, die eine Frau und zugleich meine Frau ist, ziemlich confuse vorzutragen sich bemüht, als ob sie keine Frau, sondern ein Narr wäre. -- Jetzt ging er wieder weiter, mit seiner ganzen Schwere auf Walther gestützt, der schon, von der Anstrengung erhitzt, häufigen Schweiß vergoß. -- Sie werden es oft empfunden haben, fuhr Wachtel, etwas lallend fort, daß der denkende Mann mit seiner Gegenwart und der ganzen Zeit unzufrieden ist. Alles, was wir denken, wissen, wollen, die edelsten Bestrebungen unsers bessern Menschen, auch wenn wir nicht soeben die echte Menschenessenz genossen haben, legen wir sauber hin auf den großen Ladentisch dieser alten Krämermadam, der Zeit. Sie sitzt nun immer da, mit der Brille auf der spitzen Nase und die blöde gewordenen Augen aufreißend und zukneifend, und sucht aus und wählt, hebt auf und registrirt, schreibt ein und streicht aus, und weiß vor vielem Thun und Wissen nicht, was sie thut, und vergißt immer wieder, was sie sich merkt. Die Kunden stehn vor dem Tisch übelgelaunt da und fordern und fragen, und erhalten nichts oder nur schlechtes Zeug. Der will vom feinsten Battist und kriegt alten, abgelegenen Cattun in die Hände, der will eine schöne politische Blondengarnitur, und die dumme Alte schiebt ihm ein verwittertes, längst aus der Mode gekommenes legitimes Haubenmuster hin, mit erstickter Stickerei und ausgewaschenen Knötchen. Treffliches Westenzeug möchte der recht blank und glänzend sich aneignen, und alten Hosencamelot aus Osten steckt sie ihm zu. Die beste reformirte Religionskräuselei und Krause fordert der, und sie will ihn mit schlechtem steifgestärkten moralischen Pietismus abspeisen. Schreit der nach der einfachen Kunst ohne Form und Gesetz, ein Bildwerk für des Herzlichsten Herz, so fährt sie ihm mit einer alten Mosaik entgegen, lauter zusammengesetzte schroffe Einzelheit; der will das Platonische, sie giebt ihm das Platte oder höchstens Plattirte: Lucretius und Lucretiensaft, Archangel und Erzengel, Peter Madsen und Matthison, Shakspeare und Käsebier, Racine und Ratzen, Alles verwechselt die dumme Creatur. Die Käufer laufen fort, die besten Arbeiter wollen ihr nichts mehr liefern, denn sie verzettelt die schönsten und edelsten Zeuge, daß sie unter den großen Ladentisch fallen, wo nachher sich Hunde und Katzen ihre Nester drin bauen. Und die Nachwelt -- nun, die steht in der Ferne, sperrt das Maul auf, und wünscht doch etwas aus unsrer Zeit zu überkommen. Den Unfug hatte ich nun lange geduldig mitangesehn, und hatte mich überzeugen müssen, daß die gute Nachwelt nur Schund und Schofel, Spreu und Asche, Sägespäne (die auch vielleicht für Shakspeare ausgeschrien werden) und Kohlenstaub in Magen, Herz und Gehirn kriegen wird. So, gestärkt durch einen starken Zug aus dem Quell der Begeisterung, machte ich mich heut an diesem heißen Tage, an welchem das Thermometer hoch auf Zukunft steht, auf, um mit der Nachwelt selbst zu sprechen und ihr im voraus die Lehren, Gedanken und Winke zu überliefern, die ich für die besten unsrer Tage halte. Dort in der Einsamkeit des Waldes fand ich sie denn auch, sie hatte sich's bei der großen Hitze bequem gemacht, und war fast ohne Hülle, sie war so aufgelöst und auseinander gequollen, daß sie in der That in unsre Gegenwart, die sich auch hatte gehn lassen, hineinreichte. Sie nahm alles von mir gütig auf und sagte freundlich zu Allem Ja; sodaß unsrer Enkel Enkel durch meine redliche Bemühung doch etwas von den guten Fabrikationen unsrer Zeit ungefälscht erhalten haben. Und dies, mein geehrter Herr Lieutenant, der Sie im Gehn gewissermaßen meine Stelle vertreten und mein Treten wieder übergehn müssen, ist Das, was der vorige einfältige Berichterstatter als Nachtwelt, als Sumpf, als Frosch und Quaken charakterisiren wollte. Sie aber, erleuchteter Mann, sehn jetzt genau ein, wie Alles zusammenhängt. -- Sollten wir nicht aber schon in der Stadt und vor meinem derzeitigen Hause seyn?
Und so war es in der That. Der Trunkene dankte für die Ehre der Begleitung, die ihm ein fremder Mann in so später Nacht erwiesen hatte, und ging mit der Frau in seine Thür, wo ihn ein Diener und die Magd schon erwarteten.
Am andern Morgen war Wachtel ganz ernüchtert, als Walther zu ihm eintrat; er konnte ihm über Alles Rede und Antwort geben, was dieser nur zu wissen begehrte. Es ist wirklich wahr, erzählte er, das junge, schöne Frauenzimmer, welches schon einmal bei uns gewohnt hat, ist wieder hier durchgekommen und hat wieder eine Nacht oben geschlafen; ein alter Diener und eine Magd, welche mit ihr waren, nannten sie Maschinka. Sie war wieder ebenso eilig, wie damals, sodaß ich sie fast gar nicht gesehn habe, und ist dann über die Oder gegangen. Aber ein junger Mann hat sich auch gemeldet und nach Ihnen gefragt, Sie möchten nur an Herrn von Linden ein Billet schreiben, so würde dieser sich gewiß in den nächsten Stunden stellen, im Fall Sie ihn nur an der Oder erwarten möchten.
Wachtel schrieb also einige Zeilen, welche binnen kurzem auch wirklich abgeholt wurden. Der Herr von Bärwald stellte sich ebenfalls ein und bot sich zum Sekundanten Walther's an, und Wachtel, der ängstlich um seinen Reisegefährten war, ließ es sich nicht ausreden, diesen ebenfalls zu begleiten.
Sie hatten sich einen Platz an der Oder zur Ruhestätte erwählt, nachdem sie den Wagen verlassen hatten, von wo sie einen großen Theil des Flusses übersehn konnten und gegenüber die sogenannte Kretschem vor sich hatten. Als es etwas kühler wurde, sahen sie, wie die Fähre herüberruderte. Sie bemerkten, daß eine elegante herrschaftliche Kutsche darauf stand, und wie das Fahrzeug näher kam, unterschieden sie, wie zwei Männer, Arm in Arm, da standen und nach dem Ufer hinüberschauten. Der ältere und größere glänzte in einer reichen Uniform.
Man war nicht wenig verwundert, als Walther und Wachtel beim Anlanden der Fähre in dem jüngeren Manne ihren Freund Ferdinand erkannten. Man umarmte sich und Ferdinand sagte eilig: ich kann hier bei Ihnen nicht verweilen, denn mich erwartet ein dringendes Geschäft, welches ich erst abthun muß, dann wollen wir uns sprechen.
Mit mir ist es eben so beschaffen, erwiederte Walther; aber wir sehn uns hoffentlich bald wieder und verbringen in der Stadt den Abend fröhlich mit einander.
Der General, denn dies war der angesehene Fremde, mischte sich in das Gespräch und der junge Herr von Bärwald, der nicht Zeit und Umstände gern berücksichtigte, brach mit der Nachricht heraus, daß Walther auf einen Herr von Linden wartete, um mit diesem ein Duell auszufechten.
Ferdinand trat mit Erstaunen von Walther zurück, und der General rief aus: Wie? Sie sind jener Herr von Hellbusch, der meinen Neffen gefordert hat?
So ist es, erwiederte Walther, dieses ist auch mein wahrer Name, ich reisete unter einem erborgten, um, wie ich mir einbildete, besser beobachten und, selbst weniger bemerkt, Nachrichten einziehn zu können.
Sonderbar! höchst sonderbar! rief jetzt Ferdinand aus: ich nahm drüben und in Warschau den Namen Linden an, um mich nachher in Deutschland leichter den Nachforschungen meiner Gegner und den Verwandten meiner Frau entziehn zu können.
Frau? fragte Walther jetzt mit der größten Lebhaftigkeit. Allerdings, sagte der General lächelnd, vor drei Tagen ist meine Nichte Maschinka meinem guten Neffen Ferdinand drüben im Preußischen in meiner Gegenwart und auf mein Wort und meine Bürgschaft, als seine rechtmäßige Gemahlin angetraut worden. Und Sie, Herr von Hellbusch (indem er sich an Walther wendete), können mit dem besten Gewissen Kampf und Krieg aufgeben, denn Brüder und Verwandte sind durch meine Vermittlung mit dem neuen Gatten ausgesöhnt, und Ihr Vetter, welcher Ansprüche auf Maschinka zu haben glaubte, hat sich ebenfalls verheirathet.
Da Alles sich so gefügt hat, sagte Walther, so bin ich der glücklichste aller Menschen; denn ich darf den Mann als Freund umarmen, den zu lieben und hochzuschätzen mir schon längst auf meiner Reise zum Bedürfniß geworden war.
Indem öffnete ein Jäger den Schlag der Kutsche und eine schöne Dame stieg aus derselben, um Walther höflich zu begrüßen. Wachtel, der sie mit Verwundrung angesehn hatte, rief aus: Ei, wie kann man denn so reizend seyn! das heißt mit dem Schönsein kein Maß halten! Das versteht meine Frau viel besser, die sich wohl hütet, die häßlichste auf der Welt zu seyn. Aber eigen ist es zugegangen, daß zwei Menschen, die sich als Todfeinde verfolgen, ein paar hundert Meilen in ein und demselben Wagen so gelassen und schläfrig neben einander sitzen.
Jetzt nahm Ferdinand das Wort und erzählte, wie Maschinka seinetwegen ihre Familie verlassen und in Angst nach Deutschland herübergekommen sei. Sie fürchtete, zu einer Verbindung gezwungen zu werden, und da der Oheim abwesend war, so wußte sie keinen andern Rath, als sich den Ihrigen, welche sie tyrannisirten, zu entziehen. Ferdinand war vorangegangen, um einen sichern Aufenthalt zu suchen. So kam sie über die Oder, und von einem Briefe einer Freundin gelenkt, suchte sie sich, wenn auch nur auf kurze Zeit, bei der Gattin Wachtel's zu verbergen, der die Freundin sie empfohlen hatte, ohne von ihren Schicksalen etwas Näheres zu melden. Hier erfuhr sie, daß man ihr nachstelle, daß ein Vetter des Mannes, dem sie hatte vermählt werden sollen, von Warschau ihr nachgereiset sei, und daß die Brüder dieses aufdringlichen Bräutigams sie ebenfalls suchten. Sie war also, nachdem sie ihrem Geliebten eine kurze Nachricht nach Madlitz gesendet hatte, schon wieder entschwunden, als dieser nach Guben kam.
Ich habe die gnädige Erscheinung damals, wie jetzt, sagte Wachtel, nach meinen besten Kräften beherbergt.