Part 10
Die Freunde genossen noch die schöne Gegend um Liebenstein, alle diese reizenden Naturscenen, und nahmen dann von Wald und Berg und den freundlichen Menschen, die sie hatten kennen lernen, Abschied. Carl von Hardenberg begleitete sie noch bis Eisenach. Der Weg geht queer durch den Thüringer Wald, und reizend liegt das Jagdschloß Wilhelmsthal mitten in einem schönen Walde. Die Buchen hier und in der Umgegend sind von herrlichem Wuchs.
In Eisenach besuchte man die Wartburg und erinnerte sich des Gedichtes von Friedrich Schlegel. Der Deutsche, bemerkte Ferdinand, hat immer noch seine eigenthümliche Freude an der Herrlichkeit der Wälder; vor diesen Ausblicken, die uns entzücken, graut dem Italiäner und die übrigen Nationen empfinden doch schwerlich jenes heilige Grauen oder jene feierlich andächtige Stimmung, die uns in Waldgebirgen oder im einsamen dunkeln Forst ergreift.
Hardenberg kehrte nach Liebenstein zurück, und von Altenburg schrieb Ferdinand an seine Freundin Charlotte nach Berlin:
Altenburg, den 1. August 1803.
Kann man sich so ungewiß im Kreise drehen, wie ich es nun seit mehreren Wochen gethan habe? Menschen betrachte ich und lerne sie kennen, Frauen und Mädchen, Naturscenen gehn an mir vorüber, und nichts ergreift und durchdringt mich so, wie es sollte, weil eine Leidenschaft, eine Unruhe, eine unselige Melancholie mich allenthalben verfolgt. Ich habe die feste Hoffnung, möchte ich doch fast sagen die sichere Aussicht, daß sich in wenigen Tagen dieser Zustand ändern wird. Sie kennen mein Schicksal nicht, und können es also auch nicht fassen, in welchem seltsamen Räthsel ich mich umtreibe.
Ich müßte mich sehr irren, oder mein Reisegefährte Walther wird von einer ähnlichen Leidenschaft gequält, die er mir verheimlicht, geflissentlich Alles umgeht, was auf eine Spur führen oder eine vertrauliche Herzensergießung veranlassen könnte. Dieser Mann, der anfangs so kalt und ruhig schien, verliert immer mehr jene sichere Haltung, die den Gleichgültigen nur sich anzueignen möglich ist.
Zuweilen erscheint mir das Leben grauenvoll, wenn es mir jene kalte, gleichgültige Seite aufdeckt, die die Herzlosen für das wahre Antlitz, und Jugend, Empfindung und Liebe nur für eine schöne Larve erklären. Als wir in Würzburg waren, erinnerte ich mich einer Begebenheit, die mich schon vor Jahren manche Thräne gekostet hat. Ein junger Edelmann lebte hier, reich, gesund und schön, und mit dem schönsten Mädchen in der Stadt versprochen. Die Vermählung war nahe, das Glück der Liebenden beneidenswerth, als der Geliebte mit einem andern Offizier um eine unbedeutende Kleinigkeit in Streit geräth und von dem rohen jungen Mann so beschimpft und beleidigt wird, daß sich die Ehre des Gekränkten, nach unsern Begriffen, nur durch ein Duell wiederherstellen läßt.
Sie treffen sich im Walde und der Liebende hat das Unglück, seinen Gegner zu erstechen. Die Flucht ist unvermeidlich, und die Anverwandten des Erschlagenen, angesehene Familien, treiben es dahin, daß er mit gerichtlicher Strenge verfolgt wird und in sein Vaterland nicht zurückkommen darf. Er wagt es selbst nicht, unter seinem wahren Namen im Auslande zu leben, er kann nur selten und auf Umwegen schreiben und noch seltener kann er von seiner Familie oder seiner Braut etwas erfahren. So vergehn einige Jahre. Seine schlimmsten Feinde sterben indeß, die andern lassen sich versöhnen, und mit vieler Mühe wird ihm die Gnade des Fürstbischofs ausgewirkt, nachdem dieser überzeugt ist, daß er zu jenem unseligen Duell ist gezwungen worden. Er wirft sich, von frischer Jugend beseelt, in den Wagen, einige Meilen vor Würzburg besteigt er ein rasches Pferd, um noch früher in den Armen seiner Braut zu liegen. Schon sieht er die altbekannte Stadt und begrüßt jubelnd ihre Tempel und Paläste; sein Weg führt vor dem Kirchhofe vorbei, ein großer Zug, Alt und Jung, bewegt sich aus der Stadt dahin. Er fragt einen Vorübergehenden, wer die Leiche sei, und erfährt, seine Braut wird beerdigt. Der lange Gram, dann die Freude habe sie so geschwächt, daß ihr ermüdeter Körper dem Anfall eines Fiebers keine Lebenskraft mehr entgegenstellen konnte. Betäubt, entsetzt, lebensüberdrüssig kehrt er um, ohne seine Familie wiederzusehn. Er verläßt die Landstraße, irrt in Wäldern umher und begiebt sich endlich nach Erfurt, um hier im Orden der schweigsamen Karthäuser das Ordenskleid zu nehmen. Nun arbeitet er im Garten und an seinem Grabe, spricht mit Niemand und antwortet seinen Brüdern wie den Fremden nur mit dem trübseligen: ^Memento mori!^ -- Wie oft war ich in Erfurt in diesem einsam liegenden Kloster, sah die wandernden Brüder an, oder in der Kirche bei ihrem stillen Gottesdienste, und gedachte dieser Geschichte. Jetzt komme ich mit meinen Reisegefährten wieder nach Erfurt. Die Klöster sind alle aufgehoben und Mönche und Nonnen von ihren Gelübden befreit. Ich finde den jungen Prinzen W. wieder, der hier als preußischer Major in Garnison steht, und er bittet uns bei sich zu Tische. Er spricht mir von diesem Mönch, den er kennt, und sagt uns, er würde unser Tischgenosse seyn. Als wir uns versammelt haben, tritt ein ältlicher Mann in bürgerlicher Kleidung herein, der stattlich aussieht, dessen Embonpoint aber schon an das Komische grenzt. Sein Gesicht ist nicht unedel, aber ganz gewöhnlich, selbst unbedeutend, und der Ausdruck seiner Physiognomie ist mehr jovial, als ernst, oder tiefsinnig. Ich konnte mich bei diesem Anblick einer gewissen Verstimmung nicht erwehren. Er erzählte viel und mit großer Redseligkeit; es schien, als wollte er für sein vieljähriges Schweigen sich nun endlich wieder an mannichfaltigen und selbst überflüssigen Worten eine Güte thun. Von seiner melancholischen Jugendgeschichte redete er nicht, das wäre auch zu unangenehm gewesen; aber wohl setzte er auseinander, wie die Diät des Klosters, selbst die strenge, bei dem Mangel an Bewegung, den Körper anschwelle. Das Reiten, besonders das schnelle, wollte ihm noch nicht recht zusagen, aber dennoch sprach er mit wahrem Entzücken von den Exercitien der preußischen Cavallerie, die er zu Pferde angesehn und gewissermaßen mitgemacht habe; der Soldat, so fügte er hinzu, sei wieder mit allen Kräften in ihm aufgewacht, und wenn er nicht zu alt geworden sei, würde er sich mit Enthusiasmus diesem Stande widmen. Jetzt sei er entschlossen, die wenigen Jahre seines Lebens hier in Erfurt, mit seinen militärischen Freunden, deren er manche habe, zu verbringen und von seiner kleinen Pension zu leben. Seine Familie sei ausgestorben, Verwandte habe oder kenne er nicht, und die etwanigen Erben seines kleinen väterlichen Vermögens wolle er nicht in Verlegenheit setzen, daß sie den Argwohn faßten, er könne auf irgend etwas Ansprüche machen. --
Es ist verdrüßlich, wenn die mächtigsten Leidenschaften und wahrhaft tragische Begebenheiten nicht mehr Spur im Menschen zurücklassen. Und doch erscheine ich mir wieder in diesen Gefühlen unbillig und lieblos, weil ich nicht wissen kann, was der Arme gelitten hat, und mit welcher Scheu und Vorsicht er wohl immerdar vor dem Grabe seiner Jugend vorübergeht. Sollte er seinen Schmerz und seine Erfahrung einer gewöhnlichen frohen Tischgesellschaft mittheilen und das Edelste seines Lebens entweihen?
In Weimar war mir der Park, Göthe's Haus, alle Umgebung, wie heilig. Im Garten, der allenthalben so lieblich und edel die dort dürftige Natur verschönert und verdeckt, muß man bei jedem Schritte unsers Dichters gedenken. Er war nicht zugegen, aber den Herzog trafen wir, als wir das Schloß besichtigten. Der edle, geistreiche Fürst sprach lange mit uns über verschiedenartige Gegenstände. Das Schloß ist von dem Baumeister Genz, dem Bruder des politischen Schriftstellers, vortrefflich eingerichtet; Alles hier ist mit Sinn angeordnet, und der große Saal, für Feierlichkeiten bestimmt, erfreut besonders. Es war nicht leicht, aus Dem, was der große Brand von dem Gebäude hatte stehn lassen, diese zierliche und großartige Einrichtung herauszubringen. Von Friedrich Tieck sieht man schöne Basreliefs und Figuren, zwar nur in Gips, aber so gut ersonnen und ausgeführt, daß sie dem edeln Hause zum Schmuck gereichen.
Von Weimar begleitete uns ein junger Dichter, Thorbeck, dessen sich Göthe und Schiller freundlichst angenommen hatten. Er rezitirte uns im Wagen einige seiner Gedichte, in welchen ich nur zu sehr die Manier unsers Schiller wiederfand. Die Verse schienen mir für einen Anfänger fast zu gut.
In Jena führte uns Wachtel zur Fromann'schen Familie, die ich früher schon gekannt hatte. Den geistreichen Naturforscher Ritter fand ich hier, so wie Clemens Brentano. Von Beiden, die ohne Zweifel große Talente entwickeln können, muß man wünschen, daß sie sich nicht von einer falschen Genialität blenden lassen. Eine bewußtvolle Originalität ist keine; auch kann man dem jungen Dichter wohl allenthalben in seinen Versuchen, wo er recht neu und seltsam zu seyn glaubt, die Stellen nachweisen, die er nur nachgeahmt hat. --
Wann werde ich Sie wiedersehn? Unter welchen Umständen? Wo?
* * * * *
Von Altenburg begaben sich die Freunde nach Chemnitz. Walther schien völlig verstimmt, und als sie im Gasthofe abgestiegen waren, verschloß er sich in seinem Zimmer und ließ sich mit einer Unpäßlichkeit entschuldigen, die ihn verhindere, zum Abendessen zu kommen. Wachtel, der wohlgemuth war, ließ ihn gewähren und sagte nur zu Ferdinand: unser Moralist fängt an, etwas langweilig zu werden, und weil es ihm nicht so recht gelingen will, so wirft er sich in das verdrüßliche Fach; denn glaube mir, Freund, wer was Rechtes in der Langeweile leisten will, der muß schon früh, in der Jugend dazu thun, die Erziehung kann eigentlich nur den besten Grund dazu legen, und wenn das Genie freilich angeboren ist, so thun doch Ausbildung, Kunst, Uebung und tüchtige Vorbilder auch das Ihrige. Auf dem halben Wege stehen bleiben, wie es unserm lieben Walther begegnen kann, ist das Kläglichste. Ich habe Männer in dem Fache gekannt, die eigentlich von der Natur die herrlichste Anlage hatten, unausstehlich langweilig zu seyn; aber sie hatten das Unglück gehabt, eine Zeitlang unter die Geistreichen zu gerathen, und der Zunftgeist dieser Menschen hatte sich ihnen einigermaßen mitgetheilt, um sie zu ruiniren. Sie hatten die Gabe, Anekdoten ohne Salz und ohne Spitze breit, mit Parenthesen, sich wiederholend und sich widersprechend mit der größten Verwirrung vorzutragen, und zwar solche Geschichten, die jedes Kind schon weiß; aber demungeachtet waren ihnen, wie Fliegen in alten Spinnweben, einige gute Einfälle und Gedanken hängen geblieben, die demnach, wenn auch schlecht vorgetragen, das Kunstwerk ihres miserablen Vortrages hinderten, ein Vollendetes zu werden. Der rechte Virtuose müßte es dahin bringen können, einen heftigen, ungeduldigen und dabei verständigen Menschen geradezu umzubringen. Kann das durch Schreck geschehn, sind Menschen am Lachen oder an der Freude verschieden, so wäre es wohl der Mühe werth, einmal einen Künstler heranzubilden, den ein eifersüchtiger Fürst oder Minister nur auf diesen und jenen Verdächtigen oder Verhaßten loszulassen brauchte, um dem guten Kopf, welcher sich dem Wohl des Vaterlandes nicht fügen will, den Garaus zu machen. Was unsre löblichen Kanzelredner leisten, was Theater- oder religiöse und moralische Dichter thun, die Familiengemälde, viele Romanciers, das ist alles nur Bagatell. Bis zum Uebelwerden, selbst Erbrechen können es Gutmeinende bringen; was ist das aber gegen die Wirkung der Leidenschaften, der Elemente oder des Krieges? Wie oft hat man Gefangene, denen man übel wollte, molestirt und torquirt, Grausamkeiten mit spitzfindigem Grübeln ersonnen, -- bildeten Staaten und Schulen aber mehr jene wahrhaften Langweiligen aus, von denen das Ideal meiner regen Phantasie vorschwebt, so könnte das Unerhörte geleistet werden.
Hüte Dich nur, sagte Ferdinand lächelnd, nicht selbst ein Pfuscher in diesem Handwerke zu werden. Es steht keinem an der Stirne geschrieben, wie er einst im Alter endigen werde.
Am folgenden Morgen trat Walther mit einer gewissen Feierlichkeit bei den Freunden zum Frühstück ein. Ich habe eine schlechte Nacht gehabt, begann er dann, weil ich mich schäme, Euch etwas vorzutragen, das ich Euch doch mittheilen muß. Wir sind hier in einer kleinen Stadt, die nicht ohne Anmuth ist, aber wir würden doch nicht eben Ursach haben, lange hier zu verweilen, da wir so mancher viel merkwürdigern nur einige Stunden geschenkt haben, -- und doch begreife ich noch nicht, wie wir sobald von hier wegkommen wollen.
Wie käme denn das? rief Wachtel aus. Welcher Zauber sollte uns denn hier bannen können?
Der die ganze Welt bannt und fesselt, antwortete Walther. Ich habe die Reisekasse geführt und mich mit Euch berechnet, in Meiningen gabt Ihr mir, was Ihr noch bei Euch trugt, und es war mehr als reichlich, um nach Dresden, Berlin, Hamburg oder wohin wir noch streben mochten, zu gelangen. In Liebenstein spielte ich und gewann für einen Unglücklichen, der ohne meine Dazwischenkunft verloren war --
Sie haben sich herrlich gegen ihn benommen, rief Wachtel aus, und ich hörte auch noch die vortrefflichen Ermahnungen, die Sie dem Spieler gaben.
Ich hätte sie selber nur zu gut brauchen können, antwortete Walther. Seit vielen Jahren hatte ich nicht gespielt, nun ging es mir wie dem gezähmten Löwen, wenn er wieder einmal Blut kostet. Unmittelbar nach jenen moralischen Reden begab ich mich wieder an den Spieltisch und verlor, bis auf eine Kleinigkeit, Alles, was mir gehörte, und auch Euer Eigenthum. Ihr werdet bemerkt haben, wie knapp und ängstlich ich seitdem auf der Reise war, weil ich hoffte, mindestens bis Dresden auszureichen; gestern Abend gab ich unserm Fuhrmann als Trinkgeld das Letzte. Wir Alle führen keine Creditbriefe mit uns, weil die baare Summe übergenug war; so stehe ich denn hier, beschämt wie ein Schulknabe, vor Euch, und begreife jetzt selbst nicht, wie der Aberwitz mich ergriff, unser Vermögen zu verschleudern. In Dresden, so hoffe ich, können wir uns wieder helfen; aber wie die wenigen Meilen dahin zurücklegen? Sollten wir uns so beschimpfen, Uhren oder Ringe hier zu versetzen? Freysing hat mich in Liebenstein tüchtig ausgelacht, daß ich ihm solche Summe noch zugewendet habe.
Am klügsten und kürzesten ist es, rief Wachtel aus, daß ich mich so schnell als möglich nach Dresden hinstümpere, dort habe ich Bekanntschaft und Credit, ich schicke alsbald das Nöthige her, Ihr unterhaltet Euch indessen hier, so gut Ihr könnt, und wir treffen uns in Dresden wieder, wo Sie dann, Freund Walther, sich wieder in Baarschaft setzen können, um mir und Ferdinand Das wieder zu geben, was Sie uns schuldig geworden sind.
Als Walther das beschämende Geständniß überstanden hatte, lachte er mit den Uebrigen recht herzlich über seine Unbesonnenheit. Man ließ sogleich einen Fuhrmann der Stadt kommen, und Wachtel bat sich aus, das Geschäft mit diesem allein abzumachen. Der Mann kam und Wachtel fragte ihn: ob er im Stande sei, ihn noch an diesem Tage nach Dresden zu schaffen, ihn allein mit einem kleinen Gepäck. Der Fuhrmann sah dem Fragenden ins Gesicht, schaute dann an die Decke, hierauf zum Boden nieder, als wenn die Beantwortung dieser Frage viel Nachdenken und Grübeln erforderte. Es ginge zur Noth wohl, sagte er mit langer Verzögerung, wir haben noch lange Tage, meine Pferde sind gut, die Last nicht schwer. -- Und wie viel verlangt Ihr, Mann? -- Ja, sagte jener, wenn nur die Ernte nicht wäre, und das Vieh ist jetzt auch nicht so, wie späterhin, und das Futter ist jetzt theuer; unter sechs Speciesthalern kann ich es nicht thun. -- Aber ich kann sogleich abfahren? -- Gefressen haben die Pferde, erwiederte der Kutscher, also hat es keinen Anstand. -- So macht Euch fertig, Freund, ich setze mich gleich ein, Eure Forderung ist nicht unbillig, auch verlange ich Euern Schaden nicht, und verspreche Euch, wenn Ihr mich zeitig nach Dresden hinschafft, sieben Species, außer Euerm Trinkgelde. So kann ich Ihre Geschäfte, Herr Baron und Herr Graf (indem er sich mit der höflichsten Verbeugung an seine Reisegefährten wendete), gleich morgen früh besorgen, und wenn Sie mir in einem oder zweien Tagen nachfolgen, so treffen Sie Ihren ergebensten Diener im goldenen Engel. Nur eins noch, mein guter Fuhrmann, bedinge ich mir aus, daß Ihr Chaussee und dergleichen Alles, auch was ich im Gasthofe bedürfen möchte, auslegt, weil es mir unerträglich ist, mich mit Zoll und Geleit und Kellnern und Wirthschaft einzulassen, und daß Ihr mir morgen in Dresden Alles genau und gewissenhaft berechnet. Und so geht denn, Freund, und spannt an.
Der Fuhrmann entfernte sich in Demuth und zufrieden, und Wachtel sagte lachend: ich habe Dich, lieber Ferdinand, zum Grafen erhöht, um seine Auslagen leichter zu erlangen. Zum Glück geht die Reise nicht weit, es bedarf keiner großen Summe, und ich bin in Dresden meiner Bekanntschaft gewiß.
So reisete Wachtel ab, indem er sich noch einmal, beim Einsteigen, der Gewogenheit des Herrn Grafen und Barons empfahl. Wir können nun rechnen, sagte Walther, wenigstens noch zwei Tage in dieser kleinen Stadt bleiben zu müssen; heut Abend kommt unser Wachtel in Dresden an, ein Tag geht wenigstens hin, bis das Geld hieher kommt und vielleicht, wenn er es nicht durch den Fuhrmann senden will, währt es noch länger. Wir müssen also sehn, wie wir uns hier ergötzen.
Sie gingen aus, um die Stadt und Gegend näher kennen zu lernen. Nach ihrem Spaziergange trafen sie auf ein Haus, in welchem Bücher verliehen wurden, und Ferdinand nahm einige, deren Titel ihn anlockten, mit nach dem Gasthof. Sie blätterten in den Erzählungen, lasen abwechselnd einiges laut, und warfen sie dann verdrüßlich hin. Ist es nicht sonderbar, daß die Deutschen, welche so viel schreiben, immer noch nicht lernen (wenige Autoren abgerechnet), wie man eine Erzählung vortragen kann und soll? Gelingt es auch hie und da Diesem und Jenem, uns ein Interesse abzugewinnen, so trägt er uns gleich darauf Dinge vor, die nicht zur Sache gehören, die uns nichts angehn, und verschweigt im Gegentheil, worauf wir neugierig sind. So lernen es die wenigsten, sich der Form, selbst der leichtesten, zu bemächtigen, und schwanken ungewiß und unsicher hin und her, nirgend festen Fuß fassend, weitschweifig zur Ermüdung, und doch, wie Cervantes sagt, das Beste im Dintenfasse lassend.
Wir können bemerken, erwiederte Ferdinand, daß das Beste, was bei uns erscheint, indem es Mode wird, alsbald zur Nachahmung dient und sich tausendfältig schwächer und immer schwächer wiederholt; aber diese Scribenten, die ihr Vorbild verwässern, studiren nicht dessen Tugenden, oder machen sich klar, wodurch es vortrefflich ist, sondern sie bemächtigen sich nur obenhin der Manier und hängen an den Zufälligkeiten. Andre Modeschriftsteller ergreifen den rohen Stoff, sprechen Gesinnungen aus, die gerade an der Tagesordnung sind, heute Frivolität, morgen Pietismus, bald Patriotismus, bald Rebellion, Haß gegen die Obrigkeit oder süß frömmelnde Liebe, dann wieder Rohheit gemeiner Wachstuben, die sie uns für Rittersinn verkaufen, oder Gespenstergrauen, wenn nicht Familien der Landprediger sammt Liebe und Sehnsucht, die sich schon in den Kindern entwickeln. Es haftet und dauert von allen diesen schlechten Manieren keine, aber eine jede läßt ihre schlimmen Folgen zurück. So ist die Masse des Volkes, welches sich jetzt gern das gebildetste in Europa nennen hört, in Ansehung seiner Modelectüre ohne Zweifel das roheste von allen.
Wie entzückt Denjenigen, welcher zu lesen versteht, fuhr Walther fort, jede, auch die kleinste Novelle des Boccaz, des feinen Cervantes gar nicht einmal zu erwähnen. Aber auch die ruhige Klarheit eines Sacchetti erfreut, und fast jeder Italiener der früheren Zeit weiß die Sache, die er mittheilen will, geschickt vorzutragen. Und so können uns leicht und heiter aufgefaßte Geschichten ergötzen, die sonst gar keinen Inhalt haben, und manches in dieser Art haben die Franzosen auch sehr glücklich geleistet.
Man sollte vielleicht aus unsrer komischen Geldnoth, sagte Ferdinand, die uns hier zu bleiben zwingt, eine heitere Novelle bilden können. Zwei Reisende treffen zum Beispiel in einem Gasthofe von verschiedenen Gegenden her zusammen, sie beleidigen sich, und doch zwingt sie die Noth, daß einer sich dem andern eröffnet, um Hülfe von ihm zu begehren; nun erfährt jeder vom andern, warum sie sich nicht beistehn können, und wie jeder von ihnen in diese lächerliche Verlegenheit gerathen ist.
Recht, rief Walther aus, der eine kann, zum Beispiel, ein Mädchen entführt haben, sie wartet auf ihn in einer gewissen Entfernung, wohin sie ihn bestellt hat, und er kann nun durchaus nicht zu ihr, weil es ihm am Gelde mangelt.
Nicht übel, sagte Ferdinand, doch geriethen wir da vielleicht zu sehr in das Sentimentale. Könnten die beiden Fremden nicht Verwandte seyn, aus verschiedenen Ländern, die sich gegenseitig aufgesucht haben, und die jetzt ein läppischer Zwist daran hindert, sich einander zu erkennen, da sie unter erborgten Namen reisen? Es könnte so weit kommen, daß sie sich forderten, daß man alle Mühe anwenden müßte, um Diejenigen, die sich liebend seit lange suchen, vom mörderischen Kampfe abzuhalten.
Das würde mir darum nicht gefallen, sagte Walther mit verdrüßlicher Miene, weil es an die Komödie der Irrungen und an andre Geschichten, die auf ähnliche Art verwickelt sind, erinnert. Aber, fuhr er heitrer fort, bearbeiten wir jeder auf unserm Zimmer heute und morgen, da wir doch nichts anders zu thun haben, diesen Gegenstand und lesen wir uns morgen Abend unsre Productionen vor.
Es sei! rief Ferdinand mit Lebhaftigkeit aus, nur Schade, daß wir keinen Schiedsrichter haben, der einem von uns den Preis ertheilen möchte.
Jeder begab sich auf sein Zimmer, und Ferdinand, um sich zu zerstreuen, schrieb mit Laune und Heiterkeit, obgleich er nicht unterlassen konnte, einige Umstände aus seiner eigenen Geschichte einzuflechten. Die Aufgabe interessirte ihn dadurch so sehr, daß er unvermerkt dieses und jenes der Erzählung hinzufügte, was er um keinen Preis seinem Freunde erzählt haben würde. Er meinte aber, so vermischt mit der Erdichtung würde sich die Wahrheit als eine solche nicht verkündigen. Walther gab seiner Erzählung einen ernsteren Inhalt; aber sowie er fortfuhr, kam ungesucht die Aufgabe in die Geschichte, die ihn selbst auf die Reise getrieben hatte, nehmlich der Wunsch, einen Gegner, der, nach seiner Meinung, Strafe verdiene, aufzufinden; nur machte er aus diesem Gegner einen Nebenbuhler, damit sich die Fabel mehr runden möchte.
So waren die Freunde zwei Tage beschäftiget und kamen sehr heiter und mit sich selbst zufrieden zum Abendessen zusammen. Nachdem sie gesättigt waren, holten sie ihre Manuscripte und Walther sagte: Sie, von welchem der Gedanke unsrer Schriftstellerei ausging, müssen Ihre Novelle auch zuerst vortragen, damit die meinige alsdann beschließen könne, und morgen, nachdem wir geschlafen haben, soll jeder des andern Versuch kritisch prüfen und scharf untersuchen.
Ferdinand zog den Tisch, nachdem Alles entfernt war, an sich und fing an: _Der Taube von Benevent, Novelle_. -- Wie? rief Walther; ich muß mich sogleich als Rezensent melden und Einspruch thun, denn dieser Titel schon scheint mir gegen unsre Abrede zu seyn. Ich bildete mir ein, die Scene müsse nach Deutschland verlegt werden, und darum habe ich meine Erzählung genannt: _Der Weltentdecker in Verlegenheit_.
Auch sonderbar genug, sagte Ferdinand, hinter dem Titel sollte kein Mensch die verabredete Aufgabe suchen.
Doch, sagte Walther, ein Reisender, der schon die halbe Welt durchstrichen ist, der immer etwas Neues sieht und sucht, und sich nicht wenig damit weiß, für Alles Rath zu schaffen und die Menschen zu kennen, muß, wie Sie sehn werden, in dem elenden Wirthshause eines kleinen Städtchens lange kleben bleiben, und verliert so die wichtigsten Vortheile seiner Reise, ja gewissermaßen das Glück seines Lebens. Doch ich störe Sie und halte Sie auf.