Part 9
Es scheint mir sehr richtig, fuhr Anton fort, daß diese gesellige Kunst auch in der Poesie sich zeigen dürfe, und hier finde ich Gelegenheit, an unser gestriges Gespräch über die Gärten zu erinnern, welches nach meiner Meinung abbrach, ohne zu beschließen. Die hohe Empfindung, welche uns der Anblick der Natur gewährt, sei es das Gefühl des Waldes, des Meeres oder Gebirges, läßt sich in keinen Garten ziehn, denn diese Gefühle sind wechselnd, unbeschränkt, unaussprechlich. Diejenigen, welche in Parks das Seltsam-Schauerliche, oder das Erhaben-Majestätische erregen wollten, haben sich im größten Irrthume befunden, und es war natürlich, daß ihre Bestrebungen in Fratzen ausarten mußten. Das Schöne und Rührende ist es, welches Hügel, Baumgruppen, kleine Flüsse, Wasserfälle und Seen erregen können, ein schwärmendes musikalisches Gefühl, welches ziemlich deutlich den Künstler, welcher den Garten anlegen will, bewegen muß, und welches im Beschauen eben so wiedertönt. Dieser Gärtner wird also wohl die Natur, aber nicht das Natürliche ausschließen, und darum zieht mancher Künstler gern kleine Saatfelder in seinen Park, um eine ganz bestimmte Empfindung von der beschränkten Beschäftigung der Landwirthschaft zu erregen, ein kleiner Weinberg zeigt sich wohl auch, als ein reizendes Widerspiel der Haine und Baumgruppen. Wie mich nun zwar alles an die Natur erinnert, so kann ich sie doch hier so wenig, wie im Gedicht oder in der Malerei unmittelbar empfinden, sondern ich soll die Kunst in jedem Augenblicke genießen. Wenden wir uns nun zu der sogenannten französischen Gartenkunst, so finden wir hier eine dieser natürlichen völlig widersprechende. Wie sie alle Natur aus ihren Gränzen entfernt, eben so die Erinnerung an das Natürliche; denn so wenig Getreide und Obst ihren Platz hier finden, eben so wenig Baum-Parthien, die die Durchsicht decken, oder abwechselnd reizende Gebüsche, und jene süße Schwärmerei und musikalische Empfindung verschlungener Haine und malerischer Ansichten. Alles dient hier einer Empfindung, die ich am liebsten im Gegensatz jener musikalisch schwärmerischen Gefühle eine pathetische Entzückung nennen möchte; alles erhebt die Seele zur Begeisterung, alles ist klar und unverworren; gleich vom ersten Eintritt fühle und übersehe ich den Plan des Ganzen, und aus jedem Punkte finde ich mich unmittelbar in den Mittelpunkt der großartigen Composition zurück. Dazu dienen die großen freien Plätze, die geraden Baumgänge, die bedeckten und verflochtenen Lauben. Statuen und Wasserkünste verhalten sich zu diesem Garten so, wie gegenüber Saatfelder und Weinberge; sie wollen recht bestimmt das Gebildete aussprechen und darstellen, und wie man den Park mit Unrecht die Nachahmung einer gemalten Landschaft nennen würde, da der Gärtner und Maler vielmehr aus einer gemeinschaftlichen poetischen Quelle schöpfen, so thäte man auch diesem Kunstgarten Unrecht, ihn aus der Architektur abzuleiten, da auch der Architekt nur aus jener mathematischen Poesie des Gemüthes seine Erfindungen nimmt. Daher scheint es mir auch geradezu unmöglich, in Bergen einen Park anzulegen, weil die Natur, die unmittelbar hinein blickt, die Kunst-Effekte, die ihr hier verwandt sein sollen, vernichtet. Nach der Natur aber selbst sehnt sich gewiß jeder aus beiderlei Gärten vielmals hinaus und Niemand kann sie entbehren. Der regelmäßige Garten schließt vielleicht im Hintergrunde am angenehmsten mit einem parkähnlichen, so wie der englische am schicklichsten nahe am Hause freie Räume und eine gewisse Regelmäßigkeit ausspart. Es ergiebt sich auch von selbst, daß der regelmäßige Kunstgarten eine allgemeinere Form hat und leichter, vom Geschmack geleitet, zweckmäßig nachgeahmt werden kann, daß aber der Park sich nicht leicht wiederholen läßt, sondern in jeder neuen Gestalt ein anderes Individuum auftreten muß. Es ist aber wohl möglich, daß es demohngeachtet nur wenige Hauptformen giebt, unter welche alle Gärten dieser Art sich vereinigen lassen, und trotz der anscheinenden Einförmigkeit dürften dann die französischen Gärten wohl eben so viele Gattungen aufweisen können. Ist es erlaubt ein Ding durch ein vergleichendes Bild deutlich zu machen, so möchte ich am liebsten den Park mit einem Shakespearschen, und den regelmäßigen Garten mit einem Calderonschen Lustspiel vergleichen. Scheinbare Willkühr in jenem, von einem unsichtbaren Geist der Ordnung gelenkt, Künstlichkeit, in anscheinender Natürlichkeit, der Anklang aller Empfindungen auf phantasirende Weise, Ernst und Heiterkeit wechselnd, Erinnerung an das Leben und seine Bedürfnisse, und ein Sinn der Liebe und Freundschaft, welcher alle Theile verbindet. Im südlichen Garten und Gedicht Regel und Richtschnur, Ehre, Liebe, Eifersucht in großen Massen und scharfen Antithesen, eben so Freundschaft und Haß, aber ohne tiefe oder bizarre Individualität, oft mit den nehmlichen Bildern und Worten wiederholt, Künstlichkeit und Erhabenheit der Sprache, Entfernung alles dessen, was unmittelbar an Natur erinnert, das Ganze endlich verbunden durch einen begeisterten hohen Sinn, der wohl trunken, aber nicht berauscht erscheint. Ich lasse das Gegenbild des Gartens unausgemalt, aber man könnte selbst die Reden in Stanzen oder andern künstlichen Versmaßen (die sich gewiß ganz von dem, was die Naturalisten Natur nennen wollen, entfernen) mit den beschnittenen glänzenden Taxus- und Buxus-Wänden vergleichen, wenn man witzig im Bilde fortspielen wollte.
Auch diese, sagte Manfred, dürfen in einem Kunstgarten nicht fehlen, auch vertragen diese Baumarten die Scheere am besten, da ihr festes glänzendes Laub nur langsam wieder nachwächst, und sie sich überhaupt weit mehr als empfindsame Linden und jugendlich kühne Buchen darein fügen. Doch glaub' ich, können geschnitzte Piramiden und ähnliche Figuren füglich aus jedem Garten ausgeschlossen werden.
Unser Garten, liebe Mutter, rief Clara, ist nun hoffentlich auf alle Zeiten gerettet, denn es steht vielleicht zu erwarten, daß man in der Zukunft manche der natürlichen Parks wieder in dergleichen künstliche Anlagen umarbeiten möchte. -- -- Nicht wahr, mein Freund, (so wandte sie sich gegen Anton) es ist überhaupt wohl schwer zu sagen, was denn Natur oder natürlich sei?
Vielen Mißbrauch, erwiederte dieser, hat man oft mit diesen Worten getrieben, am meisten in jener Zeit, als man sich von einem steifen Ceremoniel zu befreien strebte, welches man irrigerweise Kunst nannte, und nun gegenüber ein Wesen suchte, welches uns unter allen Bedingungen das Richtige und die Wahrheit geben sollte. Kunst und Natur sind aber beide, richtig verstanden, in der Poesie wie in den Künsten, nur ein und dasselbe.
Am seltsamsten, sagte Theodor, ist mir das Geschlecht der Naturjäger vorgekommen, welches noch nicht ausgestorben ist, vor einigen Jahren aber noch mehr verbreitet war; diejenigen meine ich, welche auf Sonnen-Auf- und Untergänge von hohen Bergen, auf Wasserfälle und Naturphänomene wahrhaft Jagd machen, und sich und andern manchen Morgen verderben, um einen Genuß zu erwarten, der oft nicht kömmt, und den sie nachher erheucheln müssen. Diese Leute behandeln die Natur gerade so, wie sie mit den merkwürdigen Männern umgehn, sie laufen ihnen ins Haus und stellen sich ihnen gegenüber; da stehn sie nun an der bekannten und oftmals besprochenen Stelle, und wenn in ihrer Seele nun gar nichts vorgeht, so sind sie nachher wenigstens doch dort gewesen.
Die Natur, fuhr Anton fort, nimmt nicht in jeder Stunde jedweden vorwitzigen Besuch an, oder vielmehr sind wir nicht immer gestimmt, ihre Heiligkeit zu fühlen. In uns selbst muß die Harmonie schon sein, um sie außer uns zu finden, sonst behelfen wir uns freilich nur mit leeren Phrasen, ohne die Schönheit zu genießen: oder es kann auch wohl ein unvermuthetes Entzücken vom Himmel herab in unser Herz fallen, und uns die höchste Begeisterung aufschließen: dazu aber können wir nichts thun, wir können dergleichen nicht erwarten, sondern eine solche Offenbarung begiebt sich in uns nur. So viel ist gewiß, daß jeder Mensch wohl nur zwei- oder dreimal in seinem Leben das Glück haben kann, wahrhaft einen Sonnen-Aufgang zu sehn: dergleichen geht auch dann nicht, wie Sommerwolken, unserm Gemüth vorüber, sondern es macht Epoche in unserm Leben, wir brauchen lange Zeit, um uns von solcher Entzückung wieder zu erholen, und viele Jahre zehren noch von diesen erhabenen Minuten. Aber nur Stille und Einsamkeit vergönnen diese Gaben; eine Gesellschaft, die sich zu dergleichen auf einem Berge versammelt, steht nur vor dem Theater, und bringt auch gewöhnlich dieselbe alberne Freude und leere Kritik wie dort mit herunter.
Noch seltsamer, sagte Ernst, daß so wenige Menschen den wundervollen Schauer, die Beängstigung empfinden, oder sich gestehn, die in manchen Stunden die Natur unserm Herzen erregt. Nicht bloß auf den ausgestorbenen Höhen des Gotthard erregt sich unser Gemüth zum Grauen, nicht bloß
-- wenn es hin zur Fluth euch lockt, -- -- zum grausen Wipfel jenes Felsen, Der in die See nickt über seinen Fuß, -- Der Ort an sich bringt Grillen der Verzweiflung Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn, Der so viel Klafter niederschaut zur See, Und hört sie unten brüllen;
sondern selbst die schönste Gegend hat Gespenster, die durch unser Herz schreiten, sie kann so seltsame Ahndungen, so verwirrte Schatten durch unsre Phantasie jagen, daß wir ihr entfliehen, und uns in das Getümmel der Welt hinein retten möchten. Auf diese Weise entstehn nun wohl auch in unserm Innern Gedichte und Mährchen, indem wir die ungeheure Leere, das furchtbare Chaos mit Gestalten bevölkern, und kunstmäßig den unerfreulichen Raum schmücken; diese Gebilde aber können dann freilich nicht den Charakter ihres Erzeugers verläugnen. In diesen Natur-Mährchen mischt sich das Liebliche mit dem Schrecklichen, das Seltsame mit dem Kindischen, und verwirrt unsre Phantasie bis zum poetischen Wahnsinn, um diesen selbst nur in unserm Innern zu lösen und frei zu machen.
Sind die Mährchen, fragte Clara, die Sie uns mittheilen wollen, von dieser Art?
Vielleicht, antwortete Ernst.
Doch nicht allegorisch?
Wie wir es nennen wollen, sagte jener. Es giebt vielleicht keine Erfindung, die nicht die Allegorie, auch unbewußt, zum Grund und Boden ihres Wesens hätte. Gut und böse ist die doppelte Erscheinung, die schon das Kind in jeder Dichtung am leichtesten versteht, die uns in jeder Darstellung von neuem ergreift, die uns aus jedem Räthsel in den mannichfaltigsten Formen anspricht, und sich selbst zum Verständniß ringend auflösen will. Es giebt eine Art, das gewöhnlichste Leben wie ein Mährchen anzusehn, eben so kann man sich mit dem Wundervollsten, als wäre es das Alltäglichste, vertraut machen. Man könnte sagen, alles, das Gewöhnlichste, wie das Wunderbarste, Leichteste und Lustigste habe nur Wahrheit und ergreife uns nur darum, weil diese Allegorie im letzten Hintergrunde als Halt dem Ganzen dient, und eben darum sind auch Dante's Allegorien so überzeugend, weil sie sich bis zur greiflichsten Wirklichkeit durchgearbeitet haben. Novalis sagt: nur _die_ Geschichte ist eine Geschichte, die auch Fabel sein kann. Doch giebt es auch viele kranke und schwache Dichtungen dieser Art, die uns nur in Begriffen herum schleppen, ohne unsre Phantasie mit zu nehmen, und diese sind die ermüdendste Unterhaltung. -- Allein Anton mag uns jezt sein einleitendes Gedicht vorlesen, welches er uns versprochen hat.
Anton zog einige Blätter hervor und las:
Phantasus.
Betrübt saß ich in meiner Kammer, Dacht' an die Noth, an all den Jammer, Der rundum drückt die weite Erde, Daß man nur schaut Trauergeberde, Daß Lust und Sang und frohe Weisen Gezogen weit von uns auf Reisen, Daß Argwohn, Mißtraun unsre Gäste, So Furcht wie Angst bei jedem Feste, Daß jedermann nur frägt in Sorgen: Wie wird es mit dir heut und morgen? Dazu war ich noch schwach und krank, Mir war so Tag wie Nacht zu lang; Ich sorgte, was mein Arzt ermessen, Was ich nicht trinken durft' und essen, Wie meine Pein zu lindern wäre, Was mir den Schlaf, die Ruh nicht störe: So saß ich still in mich gebückt, Den Kopf in meine Hand gedrückt, Als ich, so sinnend, es vernahm Daß jemand an die Thüre kam, Es klopfte, und ich rief: herein! Da öffnet schnell ein Händelein So weiß wie Baumesblüth, herfür Trat dann ein Knäblein in die Thür, Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen, Die eben aus den Knospen losen, Wie Rosengluth die Lippen hold, Das krause Haar ein funkelnd Gold, Die Augen dunkel, violbraun, Der Leib gar lieblich anzuschaun. Er trat vor mich und thät sich neigen, Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen: Wie kömmts, mein lieber kranker Freund, Daß ihr hier sitzt, da Sonne scheint? Der Frühling geht umher mit Pracht, Hat Laub des Waldes angefacht, Es brennt das grüne Feuer wieder, Und drein ertönen tausend Lieder, Die Erde trägt ihr Sommerkleid, Der Plan erglänzt von Blumen weit, Es spielt der Fisch in blauem See, Vom Obstbaum hängt der Blüthenschnee, Die Lieb- und Segen-schwangre Luft Durchspielt in Wogen Kraft und Duft, Das Kindlein lacht die Blüthen an Aus rothem Mund mit weißem Zahn, Der Jüngling sieht sein Herz und Lieben In Blumenschrift mit Glanz geschrieben, Sich hebt der Jungfrau schöne Brust In ahndungsvoller Liebeslust, Der Greis erfrischt die alten Glieder Und dünkt sich in der Kindheit wieder, Und jedermann fühlt freudenschwanger Den dunkeln Wald, den lichten Anger. Du nur willst sitzen hier gekauert, In deinen Sorgen eingemauert, Von Schwermuths-Wolken rings umhängt, In Noth und Zweifeln eingeengt? Ich kenne dich nicht wieder schier; Hinaus mach' stracks dich vor die Thür, Und thu dein menschlich Angesicht Hinein in holdes Himmelslicht, Laß nicht die Stirn dir so verrunzeln, Der Lippen Frische ganz verschrunzeln, Das Auge, das sonst Strahlen scharf, Von seinem lichten Bogen warf, Ist tief hinein zum Haupt geschmolzen Und schießt nur schwer' und stumpfe Bolzen; Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen, Scherz, Kuß sind ihm wildfremde Sachen, In deiner gelb verschrumpften Haut Der Kummer sich im Spiegel schaut; Nicht, Creatur, mach' Schand' und Spott, Der dich geschaffen, deinem Gott, Schau aus, als seist nach seinem Bilde Formiret edel, heiter, milde, Verbrümmelt nicht und ungelachsen, Als sein in dir zusamm gewachsen All Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn, Mit Schimmel, Pilzen fest verworrn; Frisch auf, laß dich von mir regieren, Ins Frühlings-Reich will ich dich führen. Er schwang in seiner Rechten zart Die Tulpenblum seltsamer Art, Wie er sie auf und nieder regte Ein farbig Feuer sich bewegte, Und lichte Sterne kreisten, welche Sich schüttelten aus goldnem Kelche, Sie flogen wie die Vöglein munter Mir um das Haupt, herauf, herunter, Und neckten mich mit Flammenleuchte, Wie ich auch bang sie von mir scheuchte. Ich sprach halb zornig: wer bist du, Der mich gestört in meiner Ruh, Du Knäblein laut, vorwitziglich, Der du also bespöttelst mich, Und willst, weil du ein Kindlein frei, Daß alle Welt auch kindisch sei? Ich habe mehr gelernt, erfahren, Bin auch jetzund was mehr bei Jahren, Daß Spiel, unnützer Zeitvertreib Nicht mehr gefallen meinem Leib, Auch ist umher die ganze Welt Auf Ernst, Nachdenklichkeit gestellt, Daß der nur Thor jedwedem scheint, Der sich nicht höherm Zweck vereint, Du aber, Knäblein, bist inmitten Der Bildung nicht mit fortgeschritten, Meinst noch, daß man nach Blum' und Kraut Und all den Kinderein ausschaut, Das hält man jezt für Rauch und Dunst, Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst. Der Knabe lacht', daß sich das Gold Der Locken in einander rollt Und sprach: sonst hast mich wohl gekannt, Ich bin der Phantasus genannt, Heimathlich war ich sonst bei dir, Dein Spielgefährte für und für, Als du mich noch am Herzen hegtest Und väterlich und freundlich pflegtest, Da war dein Sinn anders gestellt, Mit dir zufrieden und der Welt War dir die Arbeit Lust und Scherz, Frisch und gesund dein junges Herz. Mein Auge, sprach ich, ist wohl blind; Du also bist dasselbe Kind, Das täglich Blumen mir gebracht, Holdseeliglich mich angelacht, Das mir verscherzt die muntern Stunden, Vielfältig Spielzeug mir erfunden? Seitdem bist du von mir entwichen Und anderwärts umher gestrichen, Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand, Und gaben mir in meine Hand Der Bücher viel und mancherlei Voll tiefen Sinns, Philosophei, Ich strebte, mich aus rohem Wilden Zum wahren Menschen umzubilden; Drauf ich auch zur Geschichte kam, Die Noth der Welt zu Herzen nahm, Die Chronikbücher unverdrossen Hab' ich in Nächten aufgeschlossen, Die Vorzeit stieg zu mir herüber Und immer ernster wards und trüber: Bald schien mich an ein flüchtig Blitzen, Dann glaubt' ich Wahrheit zu besitzen, Dann kam die Dämmrung, faßt' es wieder Und taucht' es in die Finstre nieder; Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger, Das neue Licht macht' mich noch banger, Wohl ahndend, daß, wenns ausgegohren, Die Finstre neu draus wird geboren: So wies Histori mir nur Noth, Im Leben auch nur Grab und Tod, Das Schöne stirbt, der Glanz löscht aus, Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus, Und spricht von seinem Felsenthron Den hohen Göttersöhnen Hohn: Natur hab' ich ergründen wollen, Da kam ich gar auf seltsam Schrollen, Verlor mich in ein steinern Reich, Ich glaubte all's, nichts doch zugleich, Wollt' Pflanz, Metall und Stein verstehn, Mußt' mir doch selbst verloren gehn, Hatt' viel Kunstworte bald erstanden, Ich selbst gekommen nur abhanden, Um endlich wieder zu gelangen Noch dummer wo ich ausgegangen: Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt, Hab' ich in Angst mich abgequält, Verstehst du wohl die alten Schriften, Wandelst wohl auch auf Weisheits-Triften? Doch still, ich will dich jezt nicht plagen, Komm, laß uns in den schönen Tagen So spielen, wie wir sonst gepflogen, Wenn du mir etwas noch gewogen.