Part 8
Daher, sagte Ernst, der mißverstandene Spott dieser niedrigen Menschen über die Hochgestimmten und ihre Liebe, daher die scheinbare Waffenlosigkeit dieser Unschuldigen, und bei ihrem Reichthum ihre unbeholfene Beschämung von jenen Bettlern. Diese Uneingeweihten lästern die Liebe und alles Göttliche, und sind von allem Scherz und Spiel, auch wenn sie witzig zu sein scheinen, weit entfernt, denn sie sind in Kampf und Krieg gegen die Sehnsucht nach dem Ueberirdischen. Um nun auf das Vorige einzulenken, so lebte Boccaz freilich schon an der Gränze jener heroischen Zeit, als die Menschheit, weniger gesund, sich aus der Tragödie und dem großen Epos mehr nach dem Lustspiel und der Parodie sehnte, als die Trennung des Gemüthes sich schon schärfer gegenüber stand, und eine kräftiger robuste Malerei den sanften Schmelz und die stille Harmonie der alten großsinnigen Gemälde verdunkelte. Sein Dekameron ward deshalb nach einiger Zeit das Lieblingsbuch aller Nationen, und die komische, lächerliche und niedrigere Natur der Liebe ward immer mehr gesungen, gepriesen und gefühlt, ihr holdes Wesen schien immer tiefer zu entarten, und immer mehr den Menschen dem Thiere näher zu führen, (indeß nun diesem Streben gegenüber schon die ganz reine, überirdische Idee der Liebe, oft bis zum Götzendienste entstellt, sich auszubilden suchte) bis wir in Peter Aretins und Brantome's Schriften endlich die kalte Frechheit ohne allen Reiz und Grazie auftreten sehn. Doch kann diese Beschuldigung nicht den Boccaz und seine freien Scherze treffen, denn in ihm regt sich und spricht der edle und vollständige Mensch, der zwar ohne ängstliche Züchtigkeit, aber nicht ohne Schaam ist, der wie Ariost immer die Schönheit fühlt und singt, und der nur jene frecheren Blumen nicht zu seinem Kranze verschmäht, sondern sie im Gegentheil gern so reicht und flicht, daß ihr symbolischer Sinn unverholen in die Augen fällt. Sein Buch kann uns also wohl nicht leicht verletzen; aber freilich müssen wir jezt, da verdorbene Generationen und Bücher voran gegangen sind, und edlere Menschen die Verwerflichkeit mancher schaamlosen Produkte eines Diderot, Voltaire und andrer einsahn, um nur den Ruhm der Züchtigkeit zu empfangen, auch den Schein einer gewissen Prüderie beibehalten, die das Zeitalter einmal zum Kennzeichen der Sitte gestempelt hat. So hat der Mensch nach überstandener Krankheit noch lange das Ansehn eines Kranken, und muß auf einige Zeit noch etwas von dessen Diät beibehalten. Eben so verbreitete sich in England nach einem Zeitalter der Zügellosigkeit, von der Sekte der Puritaner aus, eine Aengstlichkeit und steife Feierlichkeit der Sitte, die seitdem noch immer das Wort führt, so daß ein gesittetes Mädchen oder eine züchtige Frau von jezt oder aus Shakspears Zeit zwei im Aeußern sehr verschiedene Wesen sein mögen. Die Reformation hatte in Deutschland schon früher eine ähnliche Stimmung hervor gebracht, und auch die katholischen Provinzen bestrebten sich seitdem, eine strengere Sitte zur Schau zu tragen, um von dieser Seite die Vorwürfe ihrer Gegner zu entkräften. Fast allenthalben aber werden wir nur Heuchelei statt der Züchtigkeit gewahr, denn wenn die ehrbaren Herren unter sich sind, ergötzen sie sich um so lebhafter an der rohesten und unsittlichsten Frechheit, und weil der öffentliche Scherz und die Gegenwart der Grazien und Musen, so wie die liebenswürdigen Weiber von diesen Orgien völlig ausgeschlossen sind, so sind sie nun in ihrer Einsamkeit um so niedriger und verächtlicher geworden, am schlimmsten, wenn sie das Gewand der Moral umlegen, und wehe dem Zarteren, der das Unglück hat einem Ottern- und Krötenschmause beiwohnen zu müssen, den sich eine solche tugendhafte Gesellschaft giebt, die darauf ausgeht, recht vollständig ihren Haß gegen die Untugend an den Tag zu legen.
Als in Spanien, sagte Lothar, ein etwas zu strenger Geist in der Poesie zu herrschen anfing, und Cervantes die frühere Celestina als zu frei tadelte, als man in Frankreich und Italien die schaamlosesten Werke las und schrieb, und in Deutschland sich kaum noch Spuren von Witz oder Unwitz antreffen ließen, erhob der edle Shakspear, das, was so viele hatten verächtlich machen wollen, wieder zum Scherz, geistreichen Witz und zur Menschenwürde, und dichtete seine schalkhaften Rosalinden und Beatricen, die freilich unser jetziges verwöhntes Zeitalter ebenfalls anstößig findet.
Was ist es denn, was uns wahrhaft anstößig, ja als Menschen unerträglich sein soll? rief Friedrich, der wieder zur Gesellschaft getreten war, im edlen Unwillen aus. Nicht der freieste Scherz, noch der kühnste Witz, denn sie spielen nur in Unschuld; nicht die kräftige Zeichnung der thierischen Natur im Menschen und ihrer Verirrung, denn nur als solche gegeben, spricht sie niemals unserm edleren Wesen Hohn: sondern dann soll sich unser Unwille erheben und ohne alle Duldung aus uns sprechen, wenn ein Sophist uns sagen will, und in jeder Dichtung beweisen, daß gegen die Sinnenlust keine Tugend, Andacht oder Seelenerhebung bestehen könne. Ein solcher durchaus zu verwerfender ist der jüngere Crebillon, und nicht ist jener Deutsche, der ihn so vielfältig nachgeahmt und die edlere Natur des Menschen verkannt hat, von dem Vorwurf einer verdorbenen Phantasie und eines zu nüchternen Herzens frei zu sprechen: für schwache Wesen, (aber auch nur für solche) können diese beiden Schriftsteller allerdings gefährlich werden, so sehr sich auch der letzte gegen diese Beschuldigung zu verwahren gesucht hat, denn nicht darin besteht das Verderbliche, daß man das Thier im Menschen als Thier darstellt, sondern darin, daß man diese doppelte Natur gänzlich läugnet, und mit moralischer Gleißnerei und sophistischer Kunst das Edelste im Menschen zum Wahn macht, und Thierheit und Menschheit für gleichbedeutend ausgiebt.
Seine Bücher, sagte Emilie, haben mich immer zurück geschreckt, und ich habe früher meinen Töchtern lieber manche andre erlaubt, die nicht in so gutem Rufe stehn, denn gerade ihre weichliche Zierlichkeit habe ich für schädlich gehalten. Ich hoffe, jezt können sie auch diese ohne allen Nachtheil lesen, da ihr Geist gestärkt ist, und ihr Sinn das Edlere erstrebt.
Mit Recht, sagte Manfred, macht Jean Paul Thümmeln den Vorwurf, daß er zu unsauber sei (denn dessen Reisen gehören recht zu jenen eben gerügten Werken, und die Bekehrung des lockern Passagiers in den letzten Bänden ist noch die schlimmste Sünde des Autors); ich aber möchte unserm witzigen Jean Paul mit demselben Rechte einen andern Vorwurf machen, daß er zwar nicht zu keusch, wohl aber zu prüde sei. Ein Autor, der so das Gesammte der Menschennatur, das Seltsamste, Wildeste und Tollste in seinen humoristischen Ergießungen aussprechen will, darf in diesen Regionen des Witzes und der Laune kein Fremdling sein, oder aus mißverstandner Moral mit der Unzucht und Unsitte auch die Schalkheit verachten wollen. Noch seltsamer aber, daß er die medizinischen und wahrhaft ekelhaften Späße liebt, die kaum Witz zulassen und meist nur Widerwillen erregen, wenn man nicht die Feder des Rabelais besitzt, der freilich wohl sein Kapital von der ^Gaya Ciencia^ schreiben durfte. Aber, theure Emilie, und Gattin und Schwestern, um auf das zurück zu kommen, wovon wir ausgingen, so mag freilich wohl hie und da in unsern Dichtungen (vielleicht nur in meinen, der ich ein oder zweimal das Hausrecht brauchen und den Wirth spielen möchte) etwas vorkommen, was die übertriebene Delikatesse kränkelnder Menschen (ich meine dich, Anton, nicht hiemit) anstößig finden möchte, was aber, hoffe ich, nach dem in unserm Gespräch angegebenen Unterschied keinem gebildeten und heitern Menschen ärgerlich werden kann. Wir wollen aber weder zu viel versprechen noch drohen, sondern laßt uns vielmehr beginnen, und wählt also, ihr Frauen, denjenigen aus, welcher zuerst der Anführer und Gebieter im Felde unsrer poetischen Spiele und Wettkämpfe sein soll.
Clara gab ihren Blumenstrauß dem neben ihr sitzenden Anton und sagte: Sie haben fast immer geschwiegen, sprechen Sie nun. Anton verbeugte sich und heftete die Blumen an seine Brust: so wollen wir denn, sagte er, mit Mährchen der einfachsten Composition beginnen, und jeder bringe morgen das seinige vor unsre Richter.
Mit Mährchen, sagte Clara, fängt das Leben an; in ihnen entwickelt sich das Gefühl der Kinder zuerst, und ihre Spiele und Puppen, ihre Lehrstunden und Spaziergänge werden von ihrer Phantasie zu Mährchen, die ich noch immer ganz vorzüglich liebe, das heißt, wenn sie so sind, wie ich sie liebe.
So gebe die Muse, daß Ihnen die unsrigen wohl gefallen, sagte Anton.
Indem stand die Gesellschaft auf, um vom nächsten Hügel den schönen Untergang der Sonne zu genießen. Auch ein Mährchen, sagte Rosalie, indem sie die Hand vor die Augen hielt, und dem blendenden Scheine nachsah; so wie der Frühling und die Pracht der Blumen, es blüht auf in aller Fülle und Herrlichkeit, der Schatten faßt den Glanz und zieht ihn hinab, und wir schauen ihm sehnsuchtsvoll nach.
So wie dem Mährchen-Gedicht der Schönheit, sagte Anton; und Friedrich fügte hinzu: doch bleibt unser Herz und seine Liebe die unwandelbare Sonne. --
* * * * *
Ein glänzender Sternenhimmel stand über der Landschaft, das Rauschen der Wasserfälle und Wälder tönte in die ruhige Einsamkeit des Gartens herüber, in welchem Theodor auf und nieder ging und die Wirkungen bewunderte, welche das Licht der Sterne und die letzten goldnen Streifen des Horizontes in den springenden Quellen hervorbrachten. Jezt ertönte Manfreds Waldhorn aus dessen Zimmer und die melankolischen durchdringlichen Töne zitterten vom Gebirge zurück, als Ernst, der von den Hügeln herunter kam, durch das Thor des Gartens trat, und sich zu dem einsamen Theodor gesellte. Wie schön, fing er an, schließt diese heitre Nacht die Genüsse des Tages; die Sonne und unsre Geliebten sind zur Ruhe, Wälder und Wasser rauschen fort, die Erde träumt, und unser Freund gießt noch einen herzlichen Abschied über die entschlummerte Natur hin.
Anton, sagte Theodor, schläft auch noch nicht, er sitzt im Gartensaale und schreibt ein Gedicht, welches unsern Vorlesungen als Einleitung oder Vorrede dienen soll. Seine Genesung wird sich hier ganz vollenden.
Ich hoffe, sagte Ernst, auch Friedrich soll genesen; ich hege das schöne Vertrauen, daß unser aller Freundschaft sich hier noch fester knüpfen und für die Ewigkeit härten wird. Sieh, mein Geliebter, das Flimmern in lauer Luft dieser vergänglichen flüchtigen Leben, die wie Diamanten durch das dunkle Grün der Gebüsche zucken, und bald in zitternden Wolken, bald einzeln schimmernd, wie sanfte Töne, unsre Rührung wecken, -- und über uns den Glanz der ewigen Gestirne! Steht nicht der Himmel über der stillen dunkeln Erde wie ein Freund, aus dessen Augen Liebe und Zuversicht leuchten, dem man so recht mit ganzem Herzen in allen Lebensgefahren und allem Wandel vertrauen möchte? Diese heilige ernste Ruhe erweckt im Herzen alle entschlafenen Schmerzen, die zu stillen Freuden werden, und so schaut mich jezt groß und milde mit seinem menschlichen Blick der edle Novalis an, und erinnert mich jener Nacht, als ich nach einem fröhlichen Feste in schöner Gegend mit ihm durch Berge schweifte, und wir, keine so nahe Trennung ahndend, von der Natur und ihrer Schönheit und dem Göttlichen der Freundschaft sprachen. Vielleicht da ich so innig seiner gedenke, umfängt mich sein Herz so liebend, wie dieser glühende Sternenhimmel. Ruhe sanft, ich will mich auf mein Lager werfen, um ihm im Traum zu begegnen.
Die Freunde trennten sich. Da erhub eine Nachtigall ihr klagendes Lied aus voller Brust, und zündete, wie eine Feuerflamme, rings in den Gebüschen die Töne andrer Sängerinnen an; aus einer Jasminlaube erklangen die Laute einer Guitarre, und der glückliche Friedrich wollte sein Leid, diese Phantasie singend, besänftigen:
Wenn in Schmerzen Herzen sich verzehren, Und im Sehnen Thränen uns verklären, Geister: Hülfe! rufen tief im Innern, Und wie Morgenroth ein seliges Erinnern Aufsteigt aus der stillen dunkeln Nacht, Alle rothen Küsse mitgebracht, Alles Lächeln, das die Liebste je gelacht, O dann saugt mit ihrem Purpurmunde Himmels-Wollust unsre Wunde, Sie entsaugt das Gift, Das vom Bogen dunkler Schwermuth trifft. Wie die kleinen fleißgen Bienen Gehn, um Blumenlippen zu benagen, Wie sich Schmetterlinge jagen, Wie die Vögel in dem grünen Dunkeln Springen, und die Lieder tönen, Also gaukeln, flattern, funkeln Alle Worte, alle Blicke, süße Mienen Von der schönsten einzgen Schönen, Und in tiefer Winternacht Lacht und wacht um mich des Frühlings Pracht, Und die Schmerzen scherzen mit den Zähren, Und im Weinen scheinen mild sich zu verklären Leiden in den Freuden, Wonnen in dem Gram, Wie in der holden Braut die Liebe kämpft mit Schaam, Und Leid und Lust nun muß vereinigt ziehen Und schweben nach der Liebe süßen Harmonien.
Erste Abtheilung. 1811.
Die Gesellschaft stand vom Tische auf und ging in den Garten, um die Luft zu genießen, welche am Morgen ein Gewitter lieblich abgekühlt hatte. Nun, sagte Clara, sind Sie alle Ihres Versprechens eingedenk gewesen? Wo sind die Mährchen?
Du bist sehr eilig, sagte Manfred, weißt du doch nicht, ob sie dir wirklich Freude machen werden.
Sie müssen, antwortete sie lachend, wenn ich nicht auf die Autoren sehr ungehalten werden soll.
Es ist schwer, sagte Anton, zu bestimmen, worin denn ein Mährchen eigentlich bestehen und welchen Ton es halten soll. Wir wissen nicht, was es ist, und können auch nur wenige Rechenschaft darüber geben, wie es entstanden sein mag. Wir finden es vor, jeder bearbeitet es auf eigne Weise und denkt sich etwas anderes dabei, und doch kommen fast alle in gewissen Dingen überein, selbst die witzigen nicht ausgenommen, die jenes Colorit nicht ganz entbehren können, jenen wundersamen Ton, der in uns anschlägt, wenn wir nur das Wort Mährchen nennen hören.
Die witzigen, sagte Clara, sind mir von je verhaßt gewesen. So habe ich den Hamiltonschen nie viel Geschmack abgewinnen können, so berühmt sie auch sind; die dahlenden im Feen-Cabinet zogen mich vor Jahren an, um mich nachher desto gründlicher zu ermüden und zurück zu stoßen, und unserm Musäus bin ich oft recht böse gewesen, daß er mit seinem spaßhaften Ton, mit seiner Manier, den Leser zu necken, und ihm queer in seine Empfindung und Täuschung hineinzufallen, oft die schönsten Erfindungen und Sagen nur entstellt und fast verdorben hat. Dagegen finde ich die arabischen Mährchen, auch die lustigen, äußerst ergötzlich.
Es scheint, sagte Anton, Sie verlangen einen still fortschreitenden Ton der Erzählung, eine gewisse Unschuld der Darstellung in diesen Gedichten, die wie sanft phantasirende Musik ohne Lärm und Geräusch die Seele fesselt, und ich glaube, daß ich mit Ihnen derselben Meinung bin. Darum ist das Göthische Mährchen ein Meisterstück zu nennen.
Gewiß, sagte Rosalie, in so fern wir mit einem Gedicht zufrieden sein können, das keinen Inhalt hat. Ein Werk der Phantasie soll zwar keinen bittern Nachgeschmack zurück lassen, aber doch ein Nachgenießen und Nachtönen; dieses verfliegt und zersplittert aber noch mehr als ein Traum, und ich habe deshalb das herrliche Mährchen von Novalis, so weit ich es verstehn konnte, diesem weit vorgezogen, welches auch alle Erinnerungen anregt, aber uns zugleich rührt und begeistert und den lieblichsten Wohllaut in der Seele noch lange nachtönen läßt.
Du hast hiemit zugleich, sagte Manfred, die große Mährchenwelt des Ariost getadelt, dem es auch an einem Mittelpunkte und wahrem Zusammenhange gebricht. Die Frage ist nur, ob ein Gedicht schon vollendet ist, dessen einzelne Theile es sind, und in wie fern die Seele dann bei einer so vielseitigen Composition jene Foderung eines innigeren Zusammenhanges vergessen kann.
Diese Frage, fiel Ernst ein, kann gar nicht Statt finden, denn diese Theile sind ja nur durch das organische Ganze Theile zu nennen, können aber ohne dieses im strengeren Sinne nur Fragmente von und zu Gedichten heißen und als solche geliebt werden. Bei aller dieser scheinbaren Vortrefflichkeit fehlt die beherrschende ordnende Seele, die der flüchtigen Schönheit den ewigen Reiz geben muß. Der Dichter will
Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen, Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen, Die reizend unterhalten und zuletzt Wie lose Worte nur verklingend täuschen.
Ich kenne dich und Friedrich schon, sagte Manfred, als Rigoristen und Ketzermacher, aber ich und Theodor werden euch zu gefallen den Ariost nicht anders wünschen, als er nun einmal ist, die Reise nach dem Monde und den Evangelisten Johannes ausgenommen, denn beide sind für diese so kühne Fiktion etwas zu matt ausgefallen. Ueber diesen Dichter, sagte Anton, dürfte sich ein langer Streit entspinnen, der sich nur schwer beilegen ließe; sein Werk besteht, strenge genommen, nur aus Novellen, von denen er die längsten an verschiedenen Stellen mit scheinbarer Kunst durchschnitten hat, dasjenige, was alle verbindet, ist ein gleichförmiger Ton lieblichen Wohllauts; ich möchte also ebenfalls behaupten, daß sein Gedicht eigentlich weder Anfang, Mitte noch Ende hat, so wie ich davon fest überzeugt bin, daß nur wenige Verehrer, selbst in Italien, ihn oftmals von Anfang zu Ende durchgelesen haben, so sehr auch alle mit den einzelnen berühmten und anlockenden Stellen vertraut sind.
Es giebt, sagte Lothar, eine Gattung der Poesie, welche ich, ohne damit ihrer Vortrefflichkeit zu nahe treten zu wollen, die bequeme oder erfreuliche nennen möchte, und in dieser stelle ich den Ariost oben an. Sehn wir auf großer Ebene den hohen weit ausgespannten blauen Himmel über uns, so erschreckt und ermüdet in seiner Reinheit dieser Anblick; doch wenn Wölkchen mit verschiedenen Lichtern in diesem blauen Kristalle schwimmen, wenn die Sonne sich neigt, und unten am Horizont wie über uns die lebendigen Düfte in vielfachen Schimmer sich tauchen, dann erfüllt ein liebliches Ergötzen unsre Seele. So wollen wir die große Wiese mit Gebüschen und Bäumen unterbrochen sehn, und auf gleiche Weise fühlen wir in unsrer nächsten Umgebung, in unserm Hause, am dringendsten das Bedürfniß einer gewissen Kunst. Die weißen leeren Wände unsrer Zimmer und Säle sind uns unleidlich, Arabesken, Blumen, Thiere und Früchte umgeben uns in gefärbten und vielfach durchbrochenen Linien und Flächen mit mancherlei Gestalt, und selbst der Fußboden muß sich zum Schmuck und zur anständigen Zier zusammen fügen. Alles soll den äußern Sinn erregen und dadurch auch den innerlichen beschäftigen, und Rafaels Wandgemälde im Vatikan sind für Wohnzimmer vielleicht schon zu erhaben, und also als immerwährende Gesellschaft unbequem. Dieses durchaus edle Kunstbedürfniß des gebildeten Menschen erfüllt Ariost, er ist mehr Gefährte und Freund als Dichter, und wir thun wohl nicht Unrecht, wenn wir über die vollendete Schönheit des Einzelnen, über diese Fülle der Gestalten, über diesen zarten blumenartigen Witz, über diese ernste und milde Weisheit eines heitern Sinnes die Zusammensetzung vergessen.