Part 5
Seltsam, aber nicht selten, fiel Friedrich ein, ist die Erscheinung (die deinen Unglauben fast bestätigen könnte), daß Menschen, die von Jugend auf sich scheinbar mit dem Geiste des klassischen Alterthums genährt, die immer das Ideal von Kunst im Munde führen, und unbillig selbst das Schönste der Modernen verachten, sich doch plötzlich aus wunderlicher Leidenschaft so in das Abgeschmackte und Verzerrte der neuern Welt vergaffen können, daß ihr Zustand sehr nahe an Verrücktheit gränzt.
Weil sie die neue Welt gar nicht kannten, antwortete Lothar, war ihre Liebe zur alten auch keine freie und gebildete, sondern nur Aberglaube, der die Form für den Geist nahm. Mir kam auch einmal ein scheinbar gebildeter junger Mann vor, der, nachdem er lange nur den Sophokles und Aeschylus angebetet hatte, ziemlich plötzlich und ohne scheinbaren Uebergang als ächter Patriot unsern ungriechischen Kotzebue vergötterte.
Ich bin deiner Meinung, so nahm Ernst das Wort: kein Mensch ist wohl seiner Ueberzeugung oder seines Glaubens versichert, wenn er nicht die gegenüber liegende Reihe von Gedanken und Empfindungen schon in sich erlebt hat, darum ist es nie so schwer gewesen, als es beim ersten Augenblick scheinen möchte, die ausgemachtesten Freigeister zu bekehren, weil von irgend einer Seite ihres Wesens sich gewiß die Glaubensfähigkeit erwecken läßt, die dann, einmal erregt, alle Empfindungen mit sich reißt, und die ehemaligen Ansichten und Gedanken zertrümmert. Eben so wenig aber steht der Fromme, der nicht mit allen seinen Kräften schon die Regionen des Zweifels durchwandert hat, seine Seele müßte dann etwa ganz Glaube und einfältiges Vertrauen sein, auf einem festen Grunde.
Vorzüglich, sagte Friedrich, sind es die Leidenschaften, die so oft im Menschen das zerstören, was vorher als sein eigenthümlichstes Wesen erscheinen konnte. Ich habe Wüstlinge gekannt, wahre Gottesläugner der Liebe und freche Verhöhner alles Heiligen, die lange mit der stolzesten Ueberzeugung ihr verächtliches Leben führten, und endlich, schon an der Grenze des Alters, von einer höhern Leidenschaft, sogar zu unwürdigen Wesen, wunderbar genug ergriffen wurden, so daß sie fromm, demüthig und gläubig wurden, ihre verlorne Jugend beklagten, und endlich noch einigen Schimmer der Liebe kennen lernten, deren Himmelsglanz sie in besseren Tagen verspottet hatten.
Könnte man nur immer, fügte Anton hinzu, jungen Menschen, welche in die Welt treten, und sich nur leicht von den scheinbar Reichen und Freien beherrschen und stimmen lassen, die Ueberzeugung mitgeben, wie arm und welche gebundene Sklaven jene sind, die gern alle ihre falschen Flitterschätze um ein Gefühl der Kindlichkeit, der Unschuld, oder gar der Liebe hingeben möchten, wenn es sie so beglücken wollte, in ihren dunkeln Kerker hinein zu leuchten. Wie oft ist der überhaupt in der Welt der Beneidete, der sich selber mitleidswürdig dünkt, und weit mehr Schlimmes geschieht aus falscher Schaam, als aus wirklich böser Neigung, ein mißverstandner Trieb der Nachahmung und Verehrung verlockt viel häufiger den Verirrten, als Neigung zum Laster.
Wie aber das Böse nicht zu läugnen ist, sagte Ernst, eben so wenig in den Künsten und Neigungen das Abgeschmackte, und man soll sich wohl vor beiden gleich sehr hüten. Vielleicht, daß auch beides genauer zusammen hängt, als man gewöhnlich glaubt. Wir sollen weder den moralischen noch physischen Ekel in uns zu vernichten streben.
Aber auch nicht zu krankhaft ausbilden, wandte Manfred ein. -- Ein Weltumsegler unsers Innern wird auch wohl noch einmal die Rundung unsrer Seele entdecken, und daß man nothwendig auf denselben Punkt der Ausfahrt zurück kommen muß, wenn man sich gar zu weit davon entfernen will.
Dies führt, sagte Theodor, indem er mit Wilibald anstieß, zur liebenswürdigen Billigkeit und Humanität.
Es führt, antwortete dieser, wie alles, was die letzte Spitze und den wahrhaften Schwindel mit einem gewissen Witze sucht, zu gar nichts. Theurer Lothar, laß uns wieder vernünftig sprechen, und führe deine Vergleichung einer Mahlzeit und des Schauspiels noch etwas weiter.
Um deiner Wißbegier genug zu thun, fuhr Lothar fort, erklär' ich also, daß bei einem Schauspiele die Einleitung eine der wichtigsten Parthien ist; sie kann hauptsächlich auf dreierlei Art geschehen. Entweder, daß in ruhiger Erzählung die Lage der Dinge auf die einfachste und natürlichste Weise auseinander gesetzt wird, so wie in »den Irrungen,« oder daß uns der Dichter sogleich in Getümmel und Unruhe wirft, woraus sich nach und nach die Klarheit und das Verständniß eröffnen, so wie im »Romeo« und dem »Oldcastle,« die gar mit Schlägerei beginnen, oder auf die dritte Weise, die uns zwar auch sogleich in die Mitte der Dinge führt, aber mit ruhiger Besonnenheit, wie in »Was ihr wollt.« Es ist keine Frage, daß die letztere Art beim Gastmahl die vorzüglichere sei, und daß deshalb die zivilisirten Nationen, und Menschen, die nicht bizarr leben und essen wollen, ihre Mahlzeit mit einer kräftigen, aber milden, ruhig bedächtigen Suppe eröffnen. Wie nun alle Menschen Hang zum Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen schläft, daß alles Drama sei, so hüten sie sich mit Recht, zu witzig, zu geistreich, oder auch nur zu gesprächig zu sein, so lange die Suppe vor ihnen steht.
Emilie lachte und winkte ihm Beifall, und Lothar fuhr also fort: so wie sich in dem eben genannten Lustspiele nach der fast elegischen Einleitung die anmuthigen Personen des Junkers Tobias, der Maria und der Fieberwange als reizende Episode einführen, so genießt man zum Anbeginn der Mahlzeit Sardellen, oder Kaviar, oder irgend etwas Reizendes, welches noch nicht unmittelbar das Bedürfniß befriedigt, und so, um nicht zu weitläufig zu werden, wechselt Befriedigung und Reiz in angenehmen Schwingungen bis zum Nachtisch, der ganz launig, poetisch und muthwillig ist, wie jenes Lustspiel sich nach seinem Beschluß mit dem allerliebsten albernen, aber bedeutenden Gesang des liebenswürdigsten Narren beschließt, wie »Viel Lärmen um nichts,« und »Wie es euch gefällt« mit einem Tanze endigen, oder das »Wintermährchen« mit der lebendigen Bildsäule.
Ich sehe wohl, sagte Clara, man sollte das Essen eben so gut in Schulen lernen, als die übrigen Wissenschaften.
Gewiß, sagte Lothar, ziemt einem gebildeten Menschen nichts so wenig, als ungeschickt zu essen, denn eben, weil die Nahrung ein Bedürfniß unserer Natur ist, muß hiebei entweder die allerhöchste Simplizität obwalten, oder Anstand und Frohsinn müssen eintreten und anmuthige Heiterkeit verbreiten.
Freilich, sagte Ernst, stört nichts so sehr, als eine schwankende Mischung von Sparsamkeit und unerfreulicher Verschwendung, wie man wohl mit vortrefflichem Wein zum Genuß geringer und schlecht zubereiteter Speisen überschüttet wird, oder zu schmackhaften leckern Gerichten im Angesicht trefflicher Geschirre elenden Wein hinunter würgen muß. Dieses sind die wahren Tragikomödien, die jedes gesetzte Gemüth, das nach Harmonie strebt, zu gewaltsam erschüttern. Ist das Gespräch solcher Tafel zugleich lärmend und wild, so hat man noch lange nachher am Mißton der Festlichkeit zu leiden, denn auch bei diesem Genuß muß die Schaam unsichtbar regieren, und Unverschämtheit muß in edle Gesellschaft niemals eintreten können.
Dazu, sagte Anton, gehört das übermäßige Trinken aus Ambition, oder wenn ein begeisterter Wirth im halben Rausch zudringend zum Trinken nöthigt, indem er laut und lauter versichert, der Wein verdien' es, diese Flasche koste so viel und jene noch mehr, es komme ihm aber unter guten Freunden nicht darauf an, und er könne es wohl aushalten, wenn selbst noch mehr darauf gehn sollte. Dergleichen Menschen rechnen im Hochmuth des Geldes nicht nur her, was dieses Fest kostet und jeder einzelne Gast verzehrt, sondern sie ruhen nicht, bis man den Preis jedes Tisches und Schrankes erfahren hat. Wenn sie Kunstwerke oder Raritäten besitzen, sind sie gar unerträglich, und ihr höchster Genuß besteht darin, wenn sie in aller Freundschaftlichkeit ihren Gast können fühlen machen, daß es ihm, gegen den Wirth gerechnet, eigentlich wohl an Gelde gebreche.
Das führt darauf, fuhr Lothar fort, daß so wie in den Gefäßen und Speisen Harmonie sein muß, diese auch durch die herrschenden Gespräche nicht darf verletzt werden. Die einleitende Suppe werde, wie schon gesagt, mit Stille, Sammlung und Aufmerksamkeit begleitet, nachher ist wohl gelinde Politik erlaubt, und kleine Geschichtchen, oder leichte philosophische Bemerkungen: ist eine Gesellschaft ihres Scherzes und Witzes nicht sehr gewiß, so verschwende sie ihn ja nicht zu früh, denn mit dem Confect und Obst und den feinen Weinen soll aller Ernst völlig verschwinden, nun muß erlaubt sein, was noch vor einer Viertelstunde unschicklich gewesen wäre; durch ein lauteres Lachen werden selbst die Damen dreister, die Liebe erklärt sich unverholner, die Eifersucht zeigt sich mit unverstecktern Ausfällen, jeder giebt mehr Blöße und scheut sich nicht, dem treffenden Spott des Freundes sich hinzugeben, selbst eine und die andre ärgerliche Geschichte witzig vorgetragen darf umlaufen. Große Herren ließen ehemals mit dem Zucker ihre Narren und Lustigmacher hereinkommen, um am Schluß des Mahls sich ganz als Menschen, heiter froh und ausgelassen zu fühlen.
Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die kleinen Kinder herein, wenn sie nicht schon alle in Reih' und Glied bei Tische selber gesessen haben.
Freilich, sagte Manfred, und das Gespräch erhebt sich zum Rührenden über die hohen idealischen Tugenden der Kleinen und ihrer unnennbaren Liebe zu den Eltern, und der Eltern hinwieder zu den Kindern.
Und wenn es recht hoch hergeht, sagte Theodor, so werden Thränen vergossen, als die letzte und kostbarste Flüssigkeit, die aufzubringen ist, und so beschließt sich das Mahl mit den höchsten Erschütterungen des Herzens.
Nicht genug, fing Lothar wieder an, daß man diese Unarten vermeiden muß, jede Tischunterhaltung sollte selbst ein Kunstwerk sein, das auf gehörige Art das Mahl accompagnirte und im richtigen Generalbaß mit ihm gesetzt wäre. Von jenen schrecklichen großen Gesellschaften spreche ich gar nicht, die leider in unserm Vaterlande fast allgemeine Sitte geworden sind, wo Bekannte und Unbekannte, Freunde und Feinde, Geistreiche und Aberwitzige, junge Mädchen und alte Gevatterinnen an einer langen Tafel nach dem Loose durch einander gesetzt werden; jene Mahlzeiten, für welche die Wirthin schon seit acht Tagen sorgt und läuft und von ihnen träumt, um alles mit großem Prunk und noch größerer Geschmacklosigkeit einzurichten, um nur endlich, endlich der Fete los zu werden, die man schon längst von ihr erwartet, weil sie wohl zwölf und mehr ähnliche Gastmahle überstanden hat, zu der sie nun zum Ueberfluß noch jeden einladet, dem sie irgend eine Artigkeit schuldig zu sein glaubt, und gern noch ein Dutzend Durchreisende in ihrem Garne auffängt, um ihrer Besuche nachher entübrigt zu bleiben; nein, ich rede nicht von jenen Tafeln, an welchen Niemand spricht, oder Alle zugleich reden, an welchen das Chaos herrscht, und kaum noch in seltnen Minuten sich ein einzelner Privatspaß heraus wickeln kann, wo jedes Gespräch schon als todte Frucht zur Welt kommt, oder im Augenblicke nachher sterben muß, wie der Fisch auf dem trocknen Lande; ich meine nicht jene Gastgebote, bei denen der Wirth sich auf die Folter begeben muß, um den guten Wirth zu machen, zu Zeiten um den Tisch wandeln, selbst einschenken und frostige Scherze in das Ohr albern lächelnder Damen niederlegen; kurz, schweigen wir von dieser Barbarei unserer Zeit, von diesem Tode aller Geselligkeit und Gastfreiheit, die neben so vielen andern barbarischen Gewohnheiten auch ihre Stelle bei uns gefunden hat.
Die krankhafte Karikatur von diesen Anstalten, fügte Wilibald hinzu, sind die noch größern Theegesellschaften und kalten Abendmahlzeiten, wo das Vergnügen erhöht wird, indem alles durch einander läuft, und wie in der Sprachverwirrung die Bedienten, gerufen und ungerufen, mit allen möglichen Erfrischungen balanzirend, dazwischen tanzen, jeder Geladene durch alle Zimmer schweift, um zu suchen, er weiß nicht was, und ein Ordnungsliebender gern am Ofen, oder an irgend einem Fenster Posto faßt, um in der allgemeinen Flucht nur nicht umgelaufen, oder von der völkerwandernden Unterhaltung erfaßt und mitgenommen zu werden.
Dieses, sagte Manfred, ist der wahre hohe Styl unsers geselligen Lebens, Michel Angelo's jüngstes Gericht gegen die Miniaturbilder alter Gastlichkeit und traulicher Freundschaft, der Beschluß der Kunst, das Endziel der Imagination, die Vollendung der Zeiten, von der alle Propheten nur haben weissagen können.
Vergessen wir nur nicht, unterbrach Ernst, die Festlichkeiten des Mittelalters, wo nicht selten Tausende vom Adel als Gäste versammelt waren; doch hatte jener freimüthige frohe Sinn nichts von der Zerstreutheit unserer Zeit, und ihre glänzenden Waffenkämpfe, diese Spiele, bei denen die Kraft mit der Gefahr scherzte, vereinigten alle Gemüther zu einem herrlichen Mittelpunkte hin. Die Schätze der Welt sind wohl noch niemals so öffentlich und in so schönem großen Sinne genossen worden.
Wie soll denn nun aber nach deiner Vorstellung ein Gastmahl endigen? fragte Wilibald; was sollte denn wohl auf diesen lustigen Leichtsinn folgen können, um würdig zu beschließen, oder wieder in das gewöhnliche Leben einzulenken?
Der orientalische Ernst des Caffee, antwortete Lothar, und nach diesem, wie neulich schon ausgemacht wurde, vielleicht sogar die Pfeife. Da befinden wir uns plötzlich wieder in der Mitte eines herabgestimmten Lebens, und denken an unsere vorige Lust nur wie an einen Traum zurück.
Sollte man so bewußtlos leben, essen und trinken, warf Clara ein, so wäre es eben eine herzliche Last, sich mit dem Leben überall einzulassen.
Es kömmt wohl nur auf die Uebung an, sagte Theodor, haben doch Elephanten gelernt auf dem Seile tanzen. Die meisten Menschen machen sich außerdem ihr Leben noch viel beschwerlicher, und sie leben es doch ab: o warlich, hätten sie nur etwas Leichtsinn in den Kauf bekommen, so entschlössen sich viele, sich sterben zu lassen.
Ich sage ja nur, antwortete Lothar, daß uns dunkel dergleichen Vorstellung eines Drama vorschwebt, wie bei allen Dingen, in die wir uns bestreben, Sinn und Zusammenhang hinein zu bringen.
Da man sich schon dem Nachtische näherte, so ließ Manfred heißern Wein geben und ermunterte seine Freunde zum Trinken. Du wolltest, dünkt mich, noch über die Tischgespräche etwas sagen, so wandte er sich nach einiger Zeit an Lothar.
Ich wollte noch bemerken, antwortete dieser, daß nicht jedes Gespräch, auch wenn es an sich gut ist, an die Tafel paßt, oder wenigstens nicht in jede Gesellschaft. Beim stillen häuslichen Mahl darf unter wenigen Freunden oder in der Familie mehr Ernst, selbst Unterricht und Gründlichkeit herrschen, je mehr es sich aber dem Feste nähert, um so mehr müssen Geist und Frohsinn an die Stelle treten.
Frage nun, sagte Wilibald, ob wir auch die gehörigen Diskurse führen? Bist du, dramatischer Lothar, in deinem Gewissen ganz beruhigt?
Auch hiebei, erwiederte dieser, ist das gute Bestreben alles, was wir geben können, auch hier muß jenes Glück unsichtbar hinzutreten und die letzte Hand anlegen, um ein erfreuliches wahres Kunstwerk hervor zu bringen.
Während dieser Gespräche, sagte Manfred, ist mir eingefallen, daß ich wohl unsre Schriftsteller und Dichter nach meinem Geschmack mit den verschiedenartigen Gerichten vergleichen könnte.
Zum Beispiel? fragte Auguste; das wäre eine Geschmackslehre, die mir sehr willkommen sein würde, und wonach ich mir alles am besten merken und eintheilen könnte.
Ein andermal, sagte Manfred, wenn du für dergleichen ernsthafte Dinge mehr gestimmt bist; jezt würdest du es wohl nur sehr frivol aufnehmen, und ich bin doch überzeugt, daß diese Vergleichungen sich eben auch so gründlich durchführen lassen, wie alle übrigen.
Es war eine Zeit, sagte Emilie, in der es die Schriftsteller, die über die Poesie schrieben, niedrig und gemein finden wollten, das Geschmack zu nennen, was in Werken der Künste das Gute von dem Schlechten sondert.
Das war eben in jener geschmacklosen Zeit, sagte Theodor.
Wer noch nie über das Tiefe und Innige des Geschmacks, über seine chemischen Zersetzungen und universellen Urtheile nachgedacht hat, versetzte Ernst, der dürfte nur einiges über diesen Gegenstand in den Schriften mancher Mystiker lesen, um zu erstaunen, und die Verächter dieses Sinnes zu verachten.
Er dürfte auch nur hungern, sagte Wilibald, und dann essen.
Lieber noch dursten, sagte Anton, und dann trinken, indem er selber bedächtig trank.
Am kürzesten ist es gewiß, antwortete Friedrich, indeß wie selten werden wir darauf geführt, das zu beobachten, und uns über dasjenige zu unterrichten, was wir in uns Instinkt nennen, und doch ist der Philosoph nur ein unvollkommener, der in diese Gegend seinen spähenden Geist noch niemals ausgesendet hat.
So ist es freilich mit allen Sinnen, fuhr Ernst fort, auch mit denen, die schon dem Gedanken verwandter scheinen, wie das Ohr und das noch hellere Auge. Wie wundersam, sich nur in eine Farbe als bloße Farbe recht zu vertiefen? Wie kommt es denn, daß das helle ferne Blau des Himmels unsre Sehnsucht erweckt, und des Abends Purpurroth uns rührt, ein helles goldenes Gelb uns trösten und beruhigen kann, und woher nur dieses unermüdete Entzücken am frischen Grün, an dem sich der Durst des Auges nie satt trinken mag?
Auf heiliger Stätte stehen wir hier, sagte Friedrich, hier will der Traum in uns in noch süßeren, noch geheimnißvolleren Traum zerfließen, um keine Erklärung, wohl aber ein Verständniß, ein Sein im Befreundeten selbst hinein zu wachsen und zu erbilden: hier findet der Seher die göttlichen ewigen Kräfte ihm begegnend, und der Unheilige läßt sich an der nämlichen Schwelle zum Götzendienste verlocken.
Die Kunst, sagte Manfred, hat diese Geheimnisse wohl unter ihren vielfarbigen Mantel genommen, um sie den Menschen sittsam und in fliehenden Augenblicken zu zeigen, dann hat sie sie über sich selbst vergessen, und phantasirt seitdem so oft in allen Tönen und Erinnerungen, um diese alten Töne und Erinnerungen wieder zu finden. Daher die wilde Verzweiflung in der Lust mancher bacchantischen Dichter; es reißen sich wohl Laute in schmerzhafter üppiger Freude, in der Angst keine Scheu mehr achtend, aus dem Innersten hervor, und verrathen, was der heiligere Wahnsinn verschweigt. So wollten wild schwärmende Corybanten und Priesterinnen ein Unbekanntes in Raserei entdecken, und alle Lust die über die Gränze schweift nippt von dem Kelch der Ambrosia, um Angst und Wuth mit der Freude laut tobend zu verwirren. Auch der Dichter wird noch einmal erscheinen, der dem Grausen und der wilden Sehnsucht mehr die Zunge lößt.
Schon glaub' ich die Mänade zu hören, sagte Ernst, nur Paukenton und Cymbelnklang fehlt, um dreister die Worte tanzen zu lassen, und die Gedanken in wilderer Geberde.
Sein wir auch im Phantasiren mäßig, und auch im Aberwitz noch ein wenig witzig, bemerkte Wilibald.
Ja wohl, fügte Auguste hinzu, sonst könnte man vor dergleichen Reden eben so angst, wie vor Gespenstergeschichten werden; das beste ist, daß keiner sich leicht dergleichen wahrhaft zu Gemüth zieht, sonst möchten sich vielleicht wunderliche Erscheinungen aufthun.
Du sprichst wie eine Seherin, sagte Manfred, dieser Leichtsinn und diese Trägheit erhält den Menschen und giebt ihm Kraft und Ausdauer zu allem Guten, aber beide reißen ihn auch immerdar zurück von allem Guten und Hohen, und weisen ihn wieder auf die niedrige Erde an.
Es gemahnt mir, bemerkte Theodor unhöflich, wie die Hunde, die, wenn auch noch so geschickt, nicht lange auf zwei Beinen dienen können, sondern immer bald wieder zu ihrem Wohlbehagen als ordinäre Hunde zurück fallen.
Laßt uns also, erinnerte Wilibald, auch ohne Hunde zu sein, auf der Erde bleiben, denn gewiß ist alles gut, was nicht anders sein kann.
Wir sprachen ja von Künsten, fuhr Theodor fort, und ich erinnere mich dabei nur mit Verdruß, daß ein Mensch, der seine Hunde ihre mannichfaltigen Geschicklichkeiten öffentlich zeigen ließ, jeden seiner Scholaren mit der größten Ernsthaftigkeit und Unschuld einen Künstler nannte.
O welch liebliches Licht, rief Rosalie aus, breitet sich jezt nach dem sanften Regen über unsern Garten! So ist wohl dem zu Muthe, der aus einem schweren Traum am heitern Morgen erwacht.
Ich werde nie, sagte Ernst, den lieblichen Eindruck vergessen, den mir dieser Garten mit seiner Umgebung machte, als ich ihn zuerst von der Höhe jenes Berges entdeckte. Du hattest mir dort, in der Waldschenke, mein Freund Manfred, nur im allgemeinen von dieser Gegend erzählt, und ich stellte mir ziemlich unbestimmt eine Sammlung grüner Gebüsche vor, die man so häufig jezt Garten nennt; wie erstaunte ich, als wir den rauhen Berg nun erstiegen hatten, und unter mir die grünen Thäler mit ihren blitzenden Bächen lagen, so wie die zusammenschlagenden Blätter eines herrlichen alten Gedichtes, aus welchem uns schon einzelne liebliche Verse entgegen äugeln, die uns auf das Ganze um so lüsterner machen: nun entdeckt' ich in der grünenden Verwirrung das hellrothe Dach deines Hauses und die reinlich glänzenden Wände, ich sah in den viereckten Hof hinein, und daneben in den Garten, den gerade Bäumgänge bildeten und verschlossene Lauben, die Wege so genau abgemessen, die Springbrunnen schimmernd; alles dies schien mir eben so wie ein helles Miniaturbild aus beschriebenen Pergamentblättern alter Vorzeit entgegen, und befangen von poetischen Erinnerungen fuhr ich herunter, und stieg noch mit diesen Empfindungen in deinem Hause ab, wo ich nun alles so lieblich und reizend gefunden habe. Ich gestehe gern, ich liebe die Gärten vor allen, die auch unsern Vorfahren so theuer waren, die nur eine grünende geräumige Fortsetzung des Hauses sind, wo ich die geraden Wände wieder antreffe, wo keine unvermuthete Beugung mich überrascht, wo mein Auge sich schon im voraus unter den Baumstämmen ergeht, wo ich im Freien die großen und breiden Blumenfelder finde, und vorzüglich die lebendigen spielenden Wasserkünste, die mir ein unbeschreibliches Wohlgefallen erregen.
Mit derselben Empfindung, antwortete Manfred, betrat ich zuerst diese Gegend, dieser Garten lockte mich sogleich freundlich an. Ich liebe es, im Freien gesellschaftlich wandeln zu können, im ungestörten Gespräch, die Blumen sehen mich an, die Bäume rauschen, oder ich höre halb auf das Geschwätz der Brunnen hin; belästigt die Sonne, so empfangen uns die dichtverflochtenen Buchengänge, in denen das Licht zum Smaragd verwandelt wird, und wo die lieblichsten Nachtigallen flattern und singen.
Mit Entzücken, so redete Ernst weiter, muß ich an die schönen Gärten bei Rom und in manchen Gegenden Italiens denken, und sie haben meine Phantasie so eingenommen, daß ich oft des Nachts im Traum zwischen ihren hohen Myrthen- und Lorbeergängen wandle, daß ich oftmals, wie die unvermuthete Stimme eines lange abwesenden Freundes, das liebliche Sprudeln ihrer Brunnen zu vernehmen wähne. Hat sich irgendwo ein edles Gemüth so ganz wie in einem vielseitigen Gedicht ausgesprochen, so ist es vor allen dasjenige, welches die Borghesische Villa angelegt und ausgeführt hat. Was die Welt an Blumen und zarten Pflanzen, an hohen schönen Bäumen besitzt, allen Reiz großer und freier Räume, wo uns labend die Luft des heitern Himmels umgiebt, labyrinthische Baumgewinde, wo sich Epheu um alte Stämme im Dunkel schlingt, und in der süßen Heimlichkeit kleine Brunnen in perlenden Stralen klingend tropfen, und Turteltauben girren: der anmuthigste Wald mit wilden Hirschen und Rehen, Feld und Wiesen dazwischen, und Kunstgebilde an den bedeutendsten Stellen, alles findet sich in diesem elysischen Garten, dessen Reize nie veralten, und der jezt eben wieder wie eine Insel der Seligen vor meiner Einbildung schwebt.