Part 4
O, ihr! -- sagte Wilibald, wärt ihr nur nicht sonst so gute Menschen, so sollte euch ein Verständiger wohl so abschildern können, daß ihr vielleicht in euch ginget, und ordentlicher und besser würdet. Dieser Friedrich, der immer in irgend einen Himmel verzückt ist, und den Tag für verloren hält, an welchem er nicht eine seiner verwirrten Begeisterungen erlebt hat, wie könnte er sein Talent und seine Kenntnisse brauchen, um etwas Edles hervor zu bringen, wenn er sich nicht so unbedingt diesem schwelgenden Müssiggange ergäbe. Auch erschrickt er alle Augenblicke selbst in seinem bösen Gewissen, wenn er von diesem oder jenem thätigen Freunde hört, wenn er ihre Fortschritte gewahr wird. Will man nun recht von Herzen mit ihm zanken, so wirft er sich in seine vornehme hyperpoetische Stimmung, und beweist euch von oben herab, daß ihr andern die Taugenichtse seid, er aber bleibt der Weise und Thätige. Man soll seinem Freunde nichts Böses wünschen, aber so wie er sich nun, weiß Gott wegen welches raren Geheimnisses mit dem Manfred eingeschlossen hat, so wäre es mir doch vielleicht nicht ganz unlieb, wenn dieser die Gelegenheit der Einsamkeit benutzte, um ihm auf prosaische Weise etwas der überflüssigen Poesie auszuklopfen.
Sacht! sacht! rief Theodor, woher diese Neronische Gesinnung? Ergieb dich der Billigkeit, Freund, oder du sollst so mit albernen Späßen und Wortspielen, welche dir verhaßt sind, gegeißelt werden, daß du den Werth der Humanität einsehn lernst. Nun schau auf, geht drüben nicht unser Anton einsam, sanft und stille, sein Gemüth und die schöne Natur betrachtend? Wie unrecht haben wir ihm so eben gethan.
Dieses mal, antwortete Wilibald, und wissen wir doch nicht, ob ihn die Weiber nicht so eben verlassen haben, denen er mit seinem sanften, lieben, zuvorkommenden Naturell stets nachschleicht, die ihm gern entgegen kommen, weil sie ihm anfühlen, daß er auch das Schwächste und Verwerflichste in ihnen ehrt und vertheidigt; denn nicht in ein Individuum, sondern in das ganze Geschlecht ist er verliebt: macht er hier nicht Claren, ihrer Mutter, der jungen Frau und Augusten emsig den Hof? die übrigen lächeln ihn auch stets an, nur sollte er es doch fühlen, daß er der letztern zur Last fällt und sie in Ruhe lassen. Alle andere Menschen ändern sich doch von Zeit zu Zeit und legen ihre Albernheiten ab, ihn aber kannst du nach Jahren wieder antreffen, und er trägt dir noch dieselben Kindereien und Meinungen mit seiner ruhigen Salbung entgegen, ja, wenn man ihn erinnert, daß er vor geraumer Zeit die und jene Angewöhnung gehabt, oder jene Sinnesart geäußert, so dankt er dir so herzlich, als wenn du ihm einen verlornen Schatz wieder fändest, und sucht beides von neuem hervor, im Fall er es vergessen haben sollte.
Dann muß dir aber doch der wandelbare und empfängliche Lothar ganz nach Wunsche sein, erwiederte Theodor.
Noch weniger als Anton, fuhr Wilibald in seiner Kritik fort, denn eben seine zu große Empfänglichkeit hindert ihn, sich und andre zu der Ruhe kommen zu lassen, die durchaus unentbehrlich ist, wenn aus Bildung oder Geselligkeit irgend etwas werden soll. Er kann weder in einer guten noch schlechten Gesellschaft sein, daß ihn nicht die Lust anwandelt, Comödie zu spielen, ^ex tempore^ oder nach memorirten Rollen; es scheint fast, daß ihm in seiner eigenen Haut so unbehaglich ist, daß er lieber die eines jeden andern Narren über zieht, um seiner selbst nur los zu werden. Die heilige Stelle in der Welt, sein Tempel, ist das Theater, und selbst jedes schlechte Subjekt, das nur einmal die Bretter öffentlich betreten hat, ist ihm mit einer gewissen Glorie umgeben. Gestern den ganzen Abend unterhielt er uns mit seiner ehemaligen Bekehrungssucht und Proselytenmacherei, wie er jeden armen Sünder zum Shakspear wenden und ihn von dessen Herrlichkeit hatte durchdringen wollen; er erzählte so launig, wie und auf welchen Wegen er nach so manchen komischen Verirrungen von dieser Schwachheit zurück gekommen sei, und, siehe, noch in derselben Stunde nahm er den alten Landjunker von drüben in die Beichte und suchte ihm das Verständniß für den Hamlet aufzuschließen, der nur immer wieder darauf zurück kam, daß man beim Aufführen die Todtengräber-Scene nicht auslassen dürfe, weil sie die beste im ganzen Stücke sei. Mir scheint es eine wahre Krankheit, sich in einen Autor, habe er Namen wie er wolle, so durchaus zu vertiefen, und ich glaube, daß durch das zu starre Hinschauen das Auge am Ende eben so geblendet werde, wie durch ein irres Herumfahren von einem Gegenstande zum andern. Selbst bei Weibern, die Schmeicheleien von ihm erwarten, bricht er in Lobpreisungen des Lear und Macbeth aus, und die einfältigste kann ihm liebenswürdig und klug erscheinen, wenn sie nur Geduld genug hat, ihm stundenlang zuzuhören.
Gegen unsern Ernst kannst du wohl schwerlich dergleichen einwenden? fragte Theodor.
Er ist mir vielleicht der verdrießlichste von allen, fiel Wilibald ein; er, der alles besser weiß, besser würde gemacht haben, der schon seit Jahren gesehn hat, wohin alles kommen wird, der selten jemand aussprechen läßt, ihn zu verstehn sich aber niemals die Mühe giebt, weil er schon im voraus überzeugt ist, er müsse erst hinzufügen, was in der fremden Meinung etwa Sinn haben könne. Er ist der thätigste und zugleich der trägste aller Menschen: bald ist er auf dieser, bald auf jener Reise, weil er alles mit eigenen Augen sehen will, alles will er lernen, keine Bibliothek ist ihm vollständig genug, kein Ort so entfernt, von dem er nicht Bücher verschriebe; bald ist es Geschichte, bald Poesie oder Kunst, bald Physik, oder gar Mystik, was er studirt; er lächelt nur, wenn andre sprechen, als wollt' er sagen: laßt mich nur gewähren, laßt mich nur zur Rede kommen, so sollt ihr Wunder hören! Und wenn man nun wartet, und Jahre lang wartet, ihn dann endlich auffordert, daß er sein Licht leuchten lasse, so muß er wieder dieses Werk nachlesen, jene Reise erst machen, so fehlt es gerade am Allernothwendigsten, und so vertröstet er sich selbst und andre auf eine nimmer erscheinende Zukunft. Die übrigen ärgern mich nur, er aber macht mich böse; denn das ist das verdrüßlichste am Menschen, wenn er vor lauter Gründlichkeit auch nicht einmal an die Oberfläche der Dinge gelangen kann: es ist die Gründlichkeit der Danaiden, die auch immer hofften, der nächste Guß würde nun der rechte und letzte sein, und nicht gewahr wurden, daß es eben an Boden mangle.
Wollt ihr mir nun nicht auch von mir »ein liebes kräftig Wörtchen sagen?« neckte ihn Theodor.
An dir, sagte Wilibald, ist auch das verloren, denn so wie du mit jeder Feder eine andere Hand schreibst, klein, groß, ängstlich oder flüchtig, so bist du auch nur der Anhang eines jeden, mit dem du lebst; seine Leidenschaften, Liebhabereien, Kenntnisse, Zeitverderb, hast und treibst du mit ihm, und nur dein Leichtsinn ist es, welcher alles, auch das widersprechendste, in dir verbindet. Du bist hauptsächlich die Ursach, daß wir, so oft wir noch beisammen gewesen sind, zu keinem zweckmäßigen Leben haben kommen können, weil du dir nur in Unordnung und leerem Hinträumen wohlgefällst. Heute sind wir einmal recht vergnügt gewesen! pflegst du am Abend zu sagen, wenn du die übrigen verleitest hast, recht viel dummes Zeug zu schwatzen; bei einer Albernheit geht dir das Herz auf, -- doch ich verschwende nur meinen Athem, denn ich sehe du lachst auch hierüber.
Allerdings, rief Theodor im frohesten Muthe aus, o mein zorniger, mißmuthiger Camerad! du Ordentlicher, Bedächtlicher, der die ganze Welt nach seiner Taschenuhr stellen möchte, du, der in jede Gesellschaft eine Stunde zu früh kommt, um ja nicht eine halbe Viertelstunde zu spät anzulangen, du, der du wohl ins Theater gegangen bist, bevor die Casse noch eröffnet war, der auch dann im ledigen Hause beim schönsten Wetter sitzen bleibt, um sich nur den besten Platz auszusuchen, mit dem er nachher im Verlauf des Stückes doch wieder unzufrieden wird. Ich habe es ja erlebt, daß du zu einem Balle fuhrst, und mich und meine Gesellschaft so über die Gebühr triebst, daß wir anlangten, als die Bedienten noch den Tanzsaal ausstäubten und kein einziges Licht angezündet war. Diese deine Ordnung willst du in jede Gesellschaft einführen, um nur alles eine Stunde früher als gewöhnlich zu thun, und gäbe man dir selbst diese Stunde nach, so würdest du wieder eine Stunde zuverlangen, so daß man, um mit dir ordentlich zu leben, immer im Zirkel um die vier und zwanzig Stunden des Tages mit Frühstück, Mittag- und Abendessen herum fahren müßte. Weil gestern die Gesellschaft noch nicht versammelt war, als die Suppe auf dem Tische stand, und jeder nach seiner Gelegenheit etwas später kam, darüber bist du noch heut verstimmt, du Heimtückischer, Nachtragender! noch mehr aber darüber, daß wir aus Scherz die geheime Abrede trafen, dich durchaus von Augustens Seite wegzuschieben, zu der du dich mit öffentlichem Geheimniß so geflissentlich drängst, und meinst, wir alle haben keine Augen und Sinne, um deine feurigen Augen und wohlgesetzten verliebten Redensarten wahrzunehmen. Sieh, Freund, man kennt dich auch, und weiß auch deine empfindliche Seite zu treffen.
Wilibald zwang sich zu lachen und ging empfindlich fort; indem sah man Lothar und Ernst von der Straße des Berges, der über dem Garten und Hause lag, herunter reiten. Der einsame Anton gesellte sich zu Theodor und beide sprachen über Wilibald; es ist doch seltsam, sagte Anton, daß die Furcht vor der Affektation bei einem Menschen so weit gehen kann, daß er darüber in ein herbes widerspenstiges Wesen geräth, wie es unserm Freunde ergeht; er argwöhnt allenthalben Affektation und Unnatürlichkeit, er sieht sie allenthalben und will sie jedem Freunde und Bekannten abgewöhnen, und damit man ihm nur nicht etwas Unnatürliches zutraue, fällt er lieber oft in eine gewisse rauhe Manier, die von der Liebenswürdigkeit ziemlich entfernt ist.
So will er die Weiber auch immer männlich machen, sagte Theodor, ging' es nach ihm, so müßten sie gerade alles das ablegen, was sie so unbeschreiblich liebenswürdig macht.
Eine eigne Rubrik, fügte Anton hinzu, hält er, welche er Kindereien überschreibt, und in die er so ziemlich alles hinein trägt, was Sehnsucht, Liebe, Schwärmerei, ja Religion genannt werden muß. Wie die Welt wohl überhaupt aussähe, wenn sie nach seinem vernünftigen Plane formirt wäre?
Selbst Sonne und Mond, sagte Theodor, halten nicht einmal die gehörige Ordnung, des Uebrigen zu geschweigen. Die Abweichung der Magnetnadel muß nach ihm entweder Affektation oder Kinderei sein, und statt sich in den Euripus zu stürzen, weil er die vielfache Ebbe und Fluth nicht begreifen konnte, hätte er ruhig am Ufer gestanden, und bloß den Kopf ein wenig geschüttelt und gemurmelt: läppisch! läppisch!
Bis zum Abentheuerlichen unnatürlich sind die Cometen, versetzte Anton, ja alle Existenz hat wohl nur wie ein umgekehrter Handschuh die unrechte Seite herausgedreht, und ist dadurch existirend geworden.
Zweifelt ihr daran, ihr armen Sünder? rief Wilibald aus dem nächsten Laubengange heraus, in welchem er alles gehört hatte; könnt ihr euch euren doppelten unbefriedigten Zustand anders erklären? Habt ihr dies nicht schon oft im Ernst denken müssen, wenn ihr überhaupt darüber gedacht habt, was ihr jezt als Spaß aussprecht? Und wenn die Menschenseele sich selbst unvollendet und umgedreht empfindet, warum soll denn alles übrige Geschaffene richtiger und besser sein? Ihr hoffärtigen Erdenwürmer neigt euch in den Staub, und macht euch nicht über Leute lustig, die, wenn es die Noth erfordert, auch wohl über Milchstraßen und Trabanten und Sonnensysteme zu sprechen wissen.
Ernst und Lothar traten hinzu und erzählten viel von der anmuthigen Lage der merkwürdigen Ruine, und Ernst zürnte über den frevelnden Leichtsinn der Zeit, der schon so viel Herrliches zerstört habe und es allenthalben zu vernichten fortfahre. Wie tief, rief er aus, wird uns eine bessere Nachwelt verachten, und über unsern anmaßlichen Kunstsinn und die fast krankhafte Liebhaberei an Poesie und Wissenschaft lächeln, wenn sie hört, daß wir Denkmale aus gemeinem, fast thierischem Nichtachten, oder aus kläglichem Eigennutz abgetragen haben, die aus einer Heldenzeit zu uns herüber gekommen sind, an der wir unsern erlahmten Sinn für Vaterland und alles Große wieder aufrichten könnten. So braucht man herrliche Gebäude zu Wollspinnereien und schlägt dürftige Kammern in die Pracht alter Rittersäle hinein, als wenn es uns an Raum gebräche, um die Armseligkeit unsers Zustandes nur recht in die Augen zu rücken, der in Pallästen der Heroen seine traurige Thätigkeit ausspannt, und große Kirchen in Scheuern und Rumpelkammern verwandelt.
Ist ihnen doch die Vorzeit selbst nichts anders, sagte Lothar, und des Vaterlandes rührende Geschichte, eben so haben sie sich in diese mit ihren unersprießlichen Zwecken hinein geklemmt, und verwundern sich lächelnd darüber, wie man ehemals nur das Bedürfniß solcher Größe haben mochte.
Jezt zeigte sich die übrige Gesellschaft. Manfred führte seine Schwiegermutter, Friedrich, welcher verweinte Augen hatte, die schöne Rosalie, Anton bot seinen Arm der freundlichen Clara, und Wilibald gesellte sich zu Augusten, indem er dem lächelnden Theodor einen triumphirenden Blick zuwarf. Man wandelte in den breiten Gängen, welche oben gegen den eindringenden Sonnenstrahl gewölbt und dicht verflochten waren, in heitern Gesprächen auf und nieder, und Lothar sagte nach einiger Zeit: wir sprachen eben von den Ruinen altdeutscher Baukunst, und bedauerten, daß viele Schlösser und Kirchen gänzlich verfallen, die mit geringen Kosten als Denkmale unsern Nachkommen könnten erhalten werden; aber indem ich den Schatten dieser Gänge genieße, erinnere ich mich der seltsamen Verirrung, daß man jezt vorsätzlich auch viele Gärten zerstört, die in dem sogenannten französischen Geschmack angelegt sind, um eine unerfreuliche Verwirrung von Bäumen und Gesträuchen an die Stelle zu setzen, die man nach dem Modeausdrucke Park benamt, und so bloß einer todten Formel fröhnt, indem man sich im Wahn befindet, etwas Schönes zu erschaffen.
Du erinnerst mich, sagte Ernst, an die Eremitage bei Baireuth und manchen andern Garten; wenn diese Einsiedelei auch manche aufgemauerte Kindereien zeigt, so war sie doch in ihrer alten Gestalt höchst erfreulich; ich verwunderte mich nicht wenig, sie vor einigen Jahren ganz verwildert wieder zu finden.
Es fehlt unsrer Zeit, sagte Friedrich, so sehr sie die Natur sucht, eben der Sinn für Natur, denn nicht allein diese regelmäßigen Gärten, die dem jetzigen Geschmacke zuwider sind, bekehrt man zum Romantischen, sondern auch wahrhaft romantische Wildnisse werden verfolgt, und zur Regel und Verfassung der neuen Gartenkunst erzogen. So war ehemals nur die große wundervolle Heidelberger Ruine eine so grüne, frische, poetische und wilde Einsamkeit, die so schön mit den verfallenen Thürmen, den großen Höfen, und der herrlichen Natur umher in Harmonie stand, daß sie auf das Gemüth eben so wie ein vollendetes Gedicht aus dem Mittelalter wirkte; ich war so entzückt über diesen einzigen Fleck unsrer deutschen Erde, daß das grünende Bild seit Jahren meiner Phantasie vorschwebte, aber vor einiger Zeit fand ich auch hier eine Art von Park wieder, der zwar dem Wandelnden manchen schönen Platz und manche schöne Aussicht gönnt, der auf bequemen Pfaden zu Stellen führt, die man vormals nur mit Gefahr erklettern konnte, der selbst erlaubt, Erfrischungen an anmuthigen Räumen ruhig und sicher zu genießen; doch wiegen alle diese Vortheile nicht die großartige und einzige Schönheit auf, die hier aus der besten Absicht ist zerstört worden.
Hier wurde das Gespräch unterbrochen, indem der Bediente meldete, daß angerichtet sei.
* * * * *
Man ging durch die großen offenen Thüren des Speisesaales, der unmittelbar an den Garten stieß, und aus dem man den gegenüber liegenden Berg mit seinen vielfach grünenden Gebüschen und schönen Waldparthien vor sich hatte; zunächst war ein runder Wiesenplan des Gartens, welchen die lieblichsten Blumengruppen umdufteten, und als Krone des grünen Platzes glänzte und rauschte in der Mitte ein Springbrunnen, der durch sein liebliches Getön gleich sehr zum Schweigen wie zum Sprechen einlud.
Alle setzten sich, Wilibald zwischen Auguste und Clara, neben dieser ließ Anton sich nieder, und ihm zunächst Emilie, zwischen ihr und Rosalien hatte Friedrich seinen Platz gefunden, an welche sich Lothar schloß, und neben ihm saßen die übrigen Männer. Auf dem Tische prangten Blumen in geschmackvollen Gefäßen und in zierlichen Körben frische Kirschen. Wie kommt es, fing die ältere Emilie nach einer Pause an, daß es bei jeder Tischgesellschaft im Anfang still zugeht? Man ist nachdenkend und sieht vor sich nieder, auch erwartet Niemand ein lebhaftes Gespräch, denn es scheint, daß die Suppe eine gewisse ernste, ruhige Stimmung veranlaßt, die gewöhnlich sehr mit dem Beschluß der Mahlzeit und dem Nachtische kontrastirt.
Vieles erklärt der Hunger, sagte Wilibald, der sich meistentheils erst durch die Nähe der Speisen meldet, besonders, wenn man später zu Tische geht, als es festgesetzt war, denn Warten macht hungrig, dann durstig, und wenn es zu lange spannt, erregt es wahre Uebelkeit, fast Ohnmacht.
Sehr wahr, sagte Rosalie, und die Herren sollten das nur bedenken, die uns Frauen fast immer warten lassen, wenn sie eine Jagd, einen Spazierritt, oder ein sogenanntes Geschäft vorhaben.
Lassen denn die Damen nicht eben so oft auf sich warten, erwiederte Wilibald, und wohl länger, wenn sie mit ihrem Anzug nicht einig oder fertig werden können? Da überdies die meisten niemals wissen, wie viel es an der Uhr ist, ja daß es überhaupt eine Zeitabtheilung giebt.
Recht! sagte Manfred; neulich wollten sie einen Besuch in der Nachbarschaft machen, noch vorher eine Oper durchsingen, und ein wenig spazieren gehn, um dabei zugleich das kranke Kind im Dorfe zu besuchen, dann wollte man bei Zeiten wieder zu Hause sein und etwas früher essen als gewöhnlich, weil wir den Nachmittag einmal recht genießen wollten; als man aber, um doch anzufangen, nach der Uhr sah, fand sichs, daß es gerade nur noch eine halbe Stunde bis zur gewöhnlichen Tischzeit war, und die lieben Zeitlosen kaum noch Zeit sich umzukleiden hatten.
Doch bitt' ich mich auszunehmen, sagte Rosalie, tadelst du mich doch sonst immer, daß ich zu pünktlich, zu sehr nach der Stunde bin, sonst würde es auch mit den Einrichtungen der Wirthschaft übel aussehn.
Dich nehm' ich aus, sagte Manfred, und einer Hausfrau steht auch nichts so liebenswürdig, als eine stille, unerschütterliche Ordnung: aber auch nur die stille Ordnung, denn noch schlimmer als die Unordentlichen sind die für die Ordnung Wüthenden, in deren Häusern nichts als Einrichtung, Abrichten der Domestiken, Aufräumen und Staubabwischen zu finden ist; eine solche Frau haben, wäre eben so wie unter der großen Kirchenuhr und den Glocken wohnen, wo man nichts als den Perpendikel und das fürchterliche Schlagen der Stunden hört: auch eine männlich ordentliche und unternehmende Therese ist widerwärtig. Aber in aller liebenswürdigen weiblichen Unordnung schweift meine theure Schwester Auguste etwas zu sehr aus.
Das weiß Gott! fuhr Wilibald etwas übereilt heraus; denn wenn ein Spaziergang abgeredet ist, so muß man wohl anderthalb Stunden mit dem Stock in der Hand unten stehn und warten, und dann hat die liebenswürdige Dame entweder den Spaziergang ganz vergessen, und besinnt sich erst darauf, wenn man einigemal hat erinnern lassen, oder sie kommt auch wohl endlich, aber nun hat man nicht an Handschuh und Sonnenschirm und Tuch gedacht; man geht zurück, man kramt, und fällt dabei nicht selten wieder in eine Beschäftigung, die den Spaziergang von neuem mit Schiffbruch bedroht. O Gott! und nach allen diesen Leiden soll unser eins nachher noch liebenswürdig sein!
Das ist ja eben die Liebenswürdigkeit, sagte Auguste, denn wenn euch alles entgegen getragen, allen euren Launen geschmeichelt wird, wenn man euch so schlicht hin für Herrscher erklärt, daß ihr dann zuweilen ein wenig liebenswürdig seid, ist doch warlich kein Verdienst.
Um wieder auf die Suppe zu kommen, die jezt genossen ist, sagte Lothar, so rührt es wohl nicht so sehr von einem materiellen Bedürfniß her, daß man bei ihr wenig spricht, sondern mich dünkt, jedes Mahl und Fest ist einem Schauspiel, am besten einem Shakspearschen Lustspiel, zu vergleichen, und hat seine Regeln und Nothwendigkeiten, die sich auch unbewußt in den meisten Fällen aussprechen.
Wie könnte es wohl einem verständigen Menschen etwas anders sein? unterbrach ihn Wilibald mit Lachen; o wie oft ist doch unbewußt der Lustspieldichter selbst ein erfreulicher Gegenstand für ein Lustspiel!
Laß ihn sprechen, sagte Manfred, magst du doch die Mahlzeit nachher mit einer Schlacht, oder gar mit der Weltgeschichte vergleichen; am Tisch muß unbedingte Gedanken- und Eßfreiheit herrschen.
Daß die abwechselnden Gerichte und Gänge, fuhr Lothar fort, sich mit Akten und Scenen sehr gut vergleichen lassen, fällt in die Augen; eben so ausgemacht ist es für den denkenden und höhern Esser (ich ignorire jene gemeinere Naturen, die an allem zweifeln, und etwa in materieller Dumpfheit meinen können, das Essen geschehe nur, um den Hunger zu vertreiben), daß eine gewisse allgemeine Empfindung ausgesprochen werden soll, der in der ganzen Composition der Tafel nichts widersprechen darf, sei es von Seiten der Speisen, der Weine, oder der Gespräche, denn aus allem soll sich eine romantische Composition entwickeln, die mich unterhält, befriedigt und ergötzt, ohne meine Neugier und Theilnahme zu heftig zu spannen, ohne mich zu täuschen, oder mir bittre Rückerinnrungen zu lassen. Die epigrammatischen Gerichte zum Beispiel, die manchmal zur Täuschung aufgetragen werden, sind gerade zu abgeschmackt zu nennen.
Im nördlichen Deutschland, sagte Ernst, sah ich einmal Zuckergebacknes als Torf aufsetzen, und es gefiel den Gästen sehr.
O ihr unkünstlich Speisenden! rief Lothar aus; warum laßt ihr euch den Marzipan nicht lieber als die Physiognomien eurer Gegner backen, und zerschneidet und verzehrt sie mit Wohlgefallen und Herzenswuth? dürften die Rezensenten, oder sonst verhaßte Menschen, gleich so auf den Märkten zum Verkauf ausgeboten werden?
Von höchst abentheuerlichen Festen, sagte Clara, habe ich einmal im Vasari gelesen, welche die Florentinischen Maler einander gaben, und die mich nur würden geängstigt haben, denn diese trieben die Verkehrtheit vielleicht auf das äußerste. Nicht bloß, daß sie Palläste und Tempel von verschiedenen Speisen errichteten und verzehrten, sondern selbst die Hölle mit ihren Gespenstern mußte ihrem poetischen Uebermuthe dienen, und Kröten und Schlangen enthielten gut zubereitete Gerichte, und der Nachtisch von Zucker bestand aus Schädeln und Todtengebeinen.
Gern, sagte Manfred, hätt' ich an diesen bizarren, phantastischen Dingen Theil genommen, ich habe jene Beschreibung nie ohne die größte Freude lesen können. Warum sollte denn nicht Furcht, Abscheu, Angst, Ueberraschung zur Abwechselung auch einmal in unser nächstes und alltäglichstes Leben hinein gespielt werden? Alles, auch das Seltsamste und Widersinnigste hat seine Zeit.
Freilich mußt du so sprechen, sagte Lothar, der du auch die Abentheuerlichkeiten des Höllen-Breughels liebst, und der du, wenn deine Laune dich anstößt, allen Geschmack gänzlich läugnest und aus der Reihe der Dinge ausstreichen willst.
Wüßten wir doch nur, sagte Manfred, wo diese Sphinx sich aufhält, die alle wollen gesehen haben, und von der doch Niemand Rechenschaft zu geben weiß: bald glaubt man an das Gespenst, bald nicht, wie an die Dulcinea des Don Quixote, und das ist wohl der Spaß an diesem Tagegeiste, daß er zugleich ist und nicht ist.