Part 3
Mir ist es über die Gebühr zuwider, sagte Theodor, und darum betrachtete ich euch schon alle gestern Abend darauf, denn es giebt einen eignen Pfeifenzug im Winkel des Mundes und unter dem Auge, der sich an einem starken Raucher unmöglich verkennen läßt; deshalb war ich schon gestern über eure Physiognomien beruhigt. Mir scheint die neuste schlimmste Zeit erst mit der Verbreitung dieses Krautes entstanden zu sein, und ich kann selbst auf den gepriesenen Compaß böse sein, der uns nach Amerika führte, um dies Unkraut mit manchen andern Leiden zu uns herüber zu holen.
Wie einige Züge im Gesicht durch die Pfeife entstehn, sagte Lothar, so werden die feinsten des Witzes und gutmüthigen Spottes, so wie die Grazie der Lippen durchaus durch die oft angelegte Pfeife vernichtet.
Ich ließe noch die kalte Pfeife gelten, sagte Ernst, so hielt sich einer meiner Freunde eine von Thon, um sie in der gemüthlichsten Stimmung zuweilen in den Mund zu nehmen, und dann recht nach seiner Laune zu sprechen; aber der böse, beizende, übel riechende Rauch macht das Ding fatal. Ich lernte einmal einen Mann kennen, der mir sehr interessant war, und der sich auch in meiner Gesellschaft zu gefallen schien; wir sprachen viel mit einander, endlich, um uns recht genießen zu können, zog er mich in sein Zimmer, ließ sich aber beigehn, zu größerer Vertraulichkeit seine Pfeife anzuzünden, und von diesem Augenblick konnte ich weder recht hören und begreifen, was er vortrug, noch weniger aber war ich im Stande, eine eigne Meinung zu haben, oder nur etwas anders als Flüche auf den Rauch in meinem Herzen zu denken, -- »nicht laute, aber tiefe« -- wie Macbeth sagt.
Lothar lachte: mit einem trostlosen Liebhaber, fuhr er fort, ist es mir einmal noch schlimmer ergangen, er hatte mich hingerissen und gerührt; bei einer kleinen Ruhestelle der Klage suchte er seine Pfeife, Schwamm und Stein, schlug mit Virtuosität schnell Feuer, und versicherte mich nachher in abgebrochenen rauchenden Pausen seiner Verzweiflung. Ich mußte lachen, und nur zum Glück daß mich der Rauch in ein starkes Husten brachte, sonst hätt' ich dem guten Menschen als ein unnatürlicher Barbar erscheinen müssen.
Es läßt sich wohl, sagte Theodor, alles mit Grazie thun, ich kenne wenigstens einen großen Philosophen, dem in seiner Liebenswürdigkeit auch dies edel steht. Mit dem Caffee wird nach der Mahlzeit eine lange Pfeife gebracht, die der Bediente anzündet, es geschehn ruhig und ohne alle Leidenschaft einige Züge, und eh man noch die Unbequemlichkeit bemerkt, ist die Sache schon wieder beschlossen. Aber schrecklich sind freilich die kurzen, am Munde schwebenden Instrumente, die jede Bewegung mit machen müssen und sich jeder Thätigkeit fügen, die den ganzen Tag die Lippen pressen und selbst die Sprache verändern.
Mir ist es nicht unwahrscheinlich, sagte Anton, daß diese Gewohnheit, die so überhand genommen, die Menschen passiver, träger und unwitziger gemacht hat. Wir sollen keinen Genuß haben, der uns unaufhörlich begleitet, der etwas Stetiges wird, er ist nur erlaubt und edel durch das Vorübergehende. Darum verachten wir den Säufer, ob wir alle gleich gern Wein trinken, und der Näscher ist lächerlich, der seine Zunge durch ununterbrochenes Kosten ermüdet; vom Raucher denkt man billiger, weil es eben Gewohnheit geworden ist, die man nicht mehr beurtheilt, doch begreif' ich es wenigstens nicht, wie selbst Frauen jezt an vielen Orten dagegen tolerant werden.
Könnt ihr euch, sagte Lothar, einen rauchenden Apostel denken?
Eben so wenig, sagte Ernst, als den adlichen Tristan mit der Pfeife, oder den hochstrebenden Don Quixote.
Dem Sancho aber, sagte Lothar, fehlt sie beinah; hätten manche umarbeitende Uebersetzer mehr Genie gehabt, so hätten sie diese lieber hinzu fügen, als so manche Schönheit weglassen dürfen.
Vielleicht ist dieses Bedürfniß, fiel Friedrich ein, ein Surrogat für so manches verlorne Bedürfniß des öffentlichen Lebens, der Galanterie der Gesellschaft, der Freiheit und der Feste. Vielleicht soll sich zu Zeiten der Mensch mehr betäuben, und dann ist es wohl möglich, daß er jenen alten verrufenen blauen Dunst für ein wirkliches Gut hält. Nicht bloß Taback, auch philosophische Phrasen, Systeme, und manches andre wird heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden ebenfalls mit unleidlichem Geruch.
Nicht so melankolisch, sagte Theodor, laßt uns diese tiefsinnige Betrachtung wenden, denn am Ende kömmt doch in keiner Tugend der ganze Mensch so rein zum Vorschein, als in den Thorheiten. Die Berge rauchen oft und die Thäler sind voll Nebel, viele Gegenden verlieren ihn oft in Monaten nicht, die See dampft, und so laßt denn unserm guten Zeitalter auch seinen Dampf. Nur wir wollen unsrer Sitte treu bleiben. Besorgt bin ich aber für Manfred, daß er sich diesen Zustand als Appendix der Ehe möchte angewöhnt haben, um seine weisen Lehrsprüche aus dampfendem Munde, wie Orakel aus rauchenden Höhlen, verehrlicher zu machen, und ich gestehe überhaupt, daß ich mich ihm nur mit einer gewissen heimlichen Furcht wieder nähern kann.
Du bist ohne Noth besorgt, sagte Lothar. Seit lange kenne ich unsern Freund in seinem häuslichen Zustande, und ich habe nicht bemerken können, daß er seinen jugendlichen Frohsinn und seine muthwillige Laune gegen jene altkluge Hausväterlichkeit vertauscht habe, im Gegentheil, kann er oft so ausgelassen sein, daß die Schwiegermutter im Hause so wenig lästig oder überflüssig ist, daß sie vielmehr zuweilen als kühlende und besonnene Vernunft zum allgemeinen Besten hervortreten muß.
Wenn alles übrige, sagte Theodor, auf denselben Fuß eingerichtet ist, so ist seine Haushaltung die vollkommenste in der Welt.
Noch mehr, fuhr Lothar fort, diese Frau ist noch anmuthig und reizend, und man glaubt es kaum, daß sie zwei erwachsene Töchter haben könne. Sie hat selbst einige annehmlich scheinende Parthien ausgeschlagen, und Männer haben sich um sie beworben, die an Jahren weit jünger sind.
Wenn die Mutter schon so gefährlich ist, sagte Theodor, so muß der Umgang mit den Töchtern gar herz- und halsbrechend sein.
Die Gattin unsers Manfred, erzählte Lothar weiter, ist sehr still und sanft, von zartem Gemüth und rührend schöner Gestalt, er hat noch das Betragen des Liebhabers, und sie das blöde geschämige Wesen einer Jungfrau; ihre jüngere Schwester Clara ist der Muthwille und die Heiterkeit selbst, launig, witzig, und fast immer lachend, im beständigen kleinen Kriege mit Manfred; man sollte glauben, wenn man sie beisammen sieht, er hätte diese lieben müssen, und die ältere, ihm so ungleiche Schwester, hätte ihn nicht rühren können. Allein die Liebe fordert vielleicht eine gewisse Verschiedenheit des Wesens und des Charakters.
Ich komme darauf zurück, sagte Ernst, daß wir immer noch nicht wissen können, wie viel in Manfred angewöhnte Manier ist, und wie viel Natur; ich habe oft bemerkt, daß er ernst, ja traurig war, wenn die Umgebung ihn für ausschweifend lustig hielt. Er hat es von je gescheut, seine innersten Gefühle kund zu thun, und so wirft er sich oft gewaltthätig in eine Laune, die ihn quälen kann, indem sie andre ergötzt.
Wie wird es aber, fragte Theodor weiter, mit den Kindern gehalten? Wahrscheinlich hat sich doch auch zu ihm die neumodische und weichliche Erziehung erstreckt, jene allerliebste Confusion, die jeden Gegenwärtigen im ununterbrochenen Schwindel erhält, indem die Kinderstube allenthalben, im Gesellschaftszimmer, im Garten und in jedem Winkel des Hauses ist, und kein Gespräch und keine Ruhe zuläßt, sondern nur ewiges Geschrei und Erziehen sich hervor thut, eine unsterbliche Zerstreutheit im scheinbaren Achtgeben; jenes Chaos der meisten Haushaltungen, das mir so erschrecklich dünkt, daß ich die neuen Pädagogen, die es veranlaßt haben, und jene Entdecker der Mütterlichkeit gern als Verdammte in einen eignen Kreis der Danteschen Hölle hinein gedichtet hätte, der nur eine solche neuerfundene allgegenwärtige Kinderstube mit all ihrem Wirwarr und Schariwari moderner Elternliebe darzustellen brauchte, um sie als einen nicht unwürdigen Beitrag jener furchtbaren Zirkel anzuschließen.
Auch von dieser neuen, fast allgemein verbreiteten Krankheit, erzählte Lothar, findest du in seinem Hause nichts: seine junge Gattin ist eine wahre Mutter, fast so, wie es unsre Mütter noch waren; sie liebt ihre beiden Kinder über alles, und hat eben darum eine Art von Schaam, in Gesellschaft die Mutter zu spielen, und die Kinder wie Dekorationen an sich zu hängen; die Wartung und alle Erziehung der Kleinen wird von ihr still im Heiligthum eines entlegenen Zimmers besorgt, und weil sie ordentlich ist, und weiß, was sie befiehlt, so darf sie die Kinder zu Zeiten dem gehorsamen Gesinde überlassen, und sie kann ruhig und heiter an der Gesellschaft Theil nehmen, weil sie die Stunde beobachtet; kurz, man nimmt an den allerliebsten Creaturen nur so viel Theil, als man selbst will, und ich, der ich die Kinder kindlich liebe, bin immer gezwungen, sie aufzusuchen.
Vortrefflich! sagte Ernst, dies beweist am meisten für die Schwiegermutter, die die Töchter sehr gut und zur Ordnung muß erzogen haben. In deiner Beschreibung finde ich gerade die ehrwürdigsten Mütter wieder, die ich je gekannt habe. Alles Gute und Rechte soll nur so geschehn, daß es ein unachtsames Auge gar nicht gewahr wird. Unser Vaterland aber ist das Land der geräuschvollsten Erziehung, und die Nation wird bald nur aus Erziehern bestehen; für Mütter und Kinder sind Bibliotheken, und hundert Journale und Almanache geschrieben, alle ihre Tugenden und Pflichten hat man tausendfältig in Kupfer gestochen und zur größern Aufmunterung illuminirt, und aus dem Natürlichsten und Einfachsten, was kaum viele Worte zuläßt, haben wir mit Kunst einen Götzen der vollständigsten Thorheit geschnitzt, und es im ausgeführten System so weit gebracht, daß wir durch Beobachtung, Philosophie und Natur uns von allem Menschlichen und Natürlichen auf unendliche Weite entfernt haben. Nicht genug, daß man die Kinder fast von der Geburt mit Eitelkeit verdirbt, man ruinirt auch die wenigen Schulen, die etwa noch im alten Sinn eingerichtet waren; man zwingt die Kinder im siebenten Jahr, zu lernen, wie sie Scheintodte zum Leben erwecken sollen, man verschreibt Erzieher aus den Gegenden, in welchen diese Produkte am besten gerathen; ja die Staaten selbst verbieten das Buchstabiren, und machen es zur Gewissenssache, das Lesen anders als auf die neue Weise zu erlernen, und fast alle Menschen, selbst die bessern Köpfe nicht ausgenommen, drehen sich im Schwindel nach diesem Orient, um von hier den Messias und das Heil der Welt baldigst ankommen zu sehen; aber gewiß, nach zwanzig Jahren verspotten wir aus einer neuen Thorheit heraus diese jetzige. Dies sind auch nur Schildwachen, die sich ablösen, und so viel neue Figuren auch kommen, so bleiben sie doch immer auf derselben Stelle wandelnd. Jeder Mensch hat etwas, das seinen Zorn erregt, und ich gestehe, ich bin meist so schwach, daß die Pädagogik den meinigen in Bewegung setzt.
So scheint es, sagte Lothar; ein geistreicher Mann sagte einmal: wir sind schlecht erzogen, und es ist nichts aus uns geworden, wie wird es erst mit unsern Kindern aussehn, die wir gut erziehn!
Mir däucht, sagte Theodor, es wäre nun wohl an der Zeit, auch eine Wochenschrift »der Kinderfeind« zu schreiben, um die Thorheiten lächerlich zu machen, und der ehemaligen Strenge und Einfalt wieder Raum und Aufnahme vorzubereiten.
Du fändest keine Leser, sagte Ernst, unter dieser Ueberfülle humaner Eltern und gereister, ausgebildeter Erzieher.
Friedrich war schon vor einiger Zeit vom Tisch und Gespräch aufgestanden, und auf seinen Wink hatte sich Anton zu ihm gesellt. Sie gingen unter einen Baumgang, von welchem man weit auf die Landstraße hinaus sehen konnte, die sich über einen nahe liegenden Berg hinweg zog. Mich kümmern alle diese Dinge nicht, sagte Friedrich, treib' es jeder, wie er mag und kann, denn mein Herz ist so ganz und durchaus von einem Gegenstande erfüllt, daß mich weder die Thorheiten noch die ernsthaften Begebenheiten unserer Zeit ernstlich anziehn. Er vertraute seinem Freunde, der seine Verhältnisse schon kannte, daß es ihm endlich gelungen sei, alle Bedenklichkeiten seiner geliebten Adelheid zu überwinden, und daß sie sich entschlossen habe, auf irgend eine Weise das Haus ihres Oheims, des Geheimeraths, zu verlassen; dieser wolle einen alten Lieblingsplan fast gewaltthätig durchsetzen, sie mit seinem jüngeren Bruder, einem reichen Gutsbesitzer, zu vermälen, weil er sich so an die Gesellschaft des schönen liebenswürdigen Kindes gewöhnt habe, daß er sich durchaus nicht von ihr trennen könne, er sei gesonnen, nach der Heirath zu diesem Bruder zu ziehn, um in seinem kinderlosen Wittwerstande gemeinschaftlich mit ihm zu hausen. Es scheint vergeblich, so endete Friedrich, diesem Plan unsre Liebe entgegen zu setzen, wenigstens hält es Adelheid für unmöglich, und zwar so sehr, daß der Oheim noch gar nicht einmal von meinem Verhältnisse zu ihr weiß; so erwarte ich nun bei Manfred morgen oder übermorgen einen Boten, der unser Schicksal auf immer entscheiden wird. Eine drückende Lage wird oft am leichtesten durch eine Gewaltthätigkeit gelöst, und ich hoffe, daß Manfred mir durch seine Klugheit und seinen Muth beistehen wird. Ich würde mich unserm Ernst auch gern vertrauen, wenn er nicht gar zu gern tadelte, wo aller Rath zu spät kömmt.
Doch kann Vorsicht nicht schaden, sagte Anton, und hüte dich nur, dich von Manfred, der alles Abentheuerliche übertrieben liebt, in einen Plan verwickeln zu lassen, dessen Verdrießlichkeiten vielleicht dein ganzes Leben verwirren. Denn es ist gar zu anlockend, auf Unkosten eines andern muthig und unternehmend zu sein, der Mensch genießt alsdann das Vergnügen des Wagehalses zugleich mit der Lust der Sicherheit.
Mein Freund, sagte Friedrich, ich habe lange geduldet, gefühlt und geprüft, und mich gereut, daß ich nicht schon früher gethan habe, was du übereilt nennen würdest. Sind wir ganz von einem Gefühl durchdrungen, so handeln wir am stärksten und konsequentesten, wenn wir ohne Reflexion diesem folgen. Doch, laß uns jezt davon abbrechen.
Ich mißverstehe dich wohl nur, sagte Anton, weil du mir nicht genug vertraut hast.
Auch dazu werden sich die Stunden finden, antwortete Friedrich. In der Entfernung hatte ich mir vorgesetzt, dir alles zu sagen, und nun du zugegen bist, stammelt meine Zunge, und jedes Bekenntniß zittert zurück. Ihre Gestalt und Holdseligkeit tönt wie auf einer Harfe ewig in meinem Herzen, und jede säuselnde Luft weckt neue Klänge auf; ich liebe dich und meine Freunde inniger als sonst, aber ohne Worte fühl' ich mich in eurer Brust, und jezt wenigstens schiene mir jedes Wort ein Verrath.
Träume nur deinen schönen Traum zu Ende, sagte Anton, berausche dich in deinem Glück, du gehörst jezt nicht der Erde; nachher finden wir uns wieder alle beisammen, denn irgend einmal muß der arme Mensch doch erwachen und nüchtern werden.
Nein, mein lieber zagender Freund, rief Friedrich plötzlich begeistert aus, laß dich nicht von dieser anscheinenden Weisheit beschwatzen, denn sie ist die Verzweiflung selbst! Kann die Liebe sterben, dies Gefühl, das bis in die fernsten Tiefen meines Wesens blitzt, und die dunkelsten Kammern und alle Wunderschätze meines Herzens beleuchtet? Nicht die Schönheit meiner Geliebten ist es ja allein, die mich beglückt, nicht ihre Holdseligkeit allein, sondern vorzüglich ihre Liebe; und diese meine Liebe, die ihr entgegen geht, ist mein heiligster, unsterblichster Wille, ja meine Seele selbst, die sich in diesem Gefühl losringt von der verdunkelnden Materie; in dieser Liebe seh' ich und fühl' ich Glauben und Unsterblichkeit, ja den Unnennbaren selbst inmitten meines Wesens und alle Wunder seiner Offenbarung. Die Schönheit kann schwinden, sie geht uns nur voran, wo wir sie wieder treffen, der Glaube bleibt uns. O, mein Bruder, gestorben, wie man sagt, sind längst Isalde und Sygune, ja, du lächelst über mich, denn sie haben wohl nie gelebt, aber das Menschengeschlecht lebt fort, und jeder Frühling und jede Liebe zündet von neuem das himmlische Feuer, und darum werden die heiligsten Thränen in allen Zeiten dem Schönsten nachgesandt, das sich nur scheinbar uns entzogen hat, und aus Kinderaugen, von Jungfraunlippen, aus Blumen und Quellen uns immer wieder mit geheimnißvollem Erinnern anblitzt und anlächelt, und darum sind auch jene Dichtergebilde belebt und unsterblich. An dieser heiligen Stätte habe ich mich selbst gefunden, und ich müßte mir selbst verloren gehn, ich müßte vernichtet werden können, wenn diese Entzückung in irgend einer Zeit ersterben könnte.
Seinem Freunde traten die Thränen in die Augen, weil ihn die Krankheit weicher gemacht hatte, und er ohnedies schon reizbar war; er umarmte den Begeisterten schweigend, als beide die Landstraße einen offenen Wagen mit vier geschmückten hüpfenden Pferden herunter kommen sahn, von einem mit Bändern und Federbüschen aufgeputzten Kutscher geführt: in wunderlicher bunter Tracht folgte ein Reiter dem Wagen, und die Sprechenden nebst den andern drei Freunden gingen vor das Thor des Gasthofes hinaus, um das sonderbare Schauspiel näher in Augenschein zu nehmen. Ists möglich? rief plötzlich Theodor aus, er selbst, Manfred ist es! und eilte den brausenden Pferden entgegen. Diese standen, auf den Ruf ihres Führers, er sprang vom Sitz, indem er die Leinen vorsichtig in der Hand behielt, und umarmte Theodor und die übrigen Freunde nach der Reihe. Er war freudig überrascht, auch Ernst zu finden, den er so wenig wie Theodor hatte erwarten können. Ich komme, euch abzuholen; so steigt nur gleich ein! rief er in zerstreuter Freude aus.
Der Reiter war indeß abgestiegen und Anton erkannte ihn zuerst: Wie? der verständige Wilibald läßt sich auch zu solchen bunten Mummereien gebrauchen? rief er verwundert aus.
Muß man nicht, erwiederte dieser, mit den Thörigten thörigt sein? Wir wollten euch recht glänzend abholen, und euch zu Ehren seh ich fast so wie der Lustigmacher bei herumziehenden Comödianten aus.
Alle betrachteten und umarmten ihn, lachten, und stiegen dann ein, um in einer Waldschenke einige Stunden vom Städtchen anzuhalten, und dann noch bei guter Zeit die letzten Meilen bis zu Manfreds Wohnung zurück zu legen. Manfred begab sich ernsthaft auf seinen Sitz, Wilibald auf sein Pferd, und so rollten sie im Gallopp auf der Felsenstraße davon, indem ihnen aus jedem Fenster der Stadt ein verwundertes oder lachendes Angesicht nachblickte.
* * * * *
Ist es nicht ein reizender Aufenthalt? fragte Wilibald, indem er mit Theodor in den Gängen des anmuthigen Gartens auf und nieder schritt.
Manfred ist sehr glücklich, antwortete Theodor; aber wo ist unsre Gesellschaft?
Ernst und Lothar sind ausgeritten, erwiederte jener, um einen alten Thurm und Mauerwerk in der Nähe zu betrachten, Friedrich und Manfred haben sich eingeschlossen, und rathschlagen, so scheint es, über Herzensangelegenheit, und Anton, dünkt mich, wandelte vor kurzem noch in empfindsamen Gesprächen mit Rosalien, der jungen Frau, und Manfreds Schwester, Augusten. Ich fürchte, das Ende vom Liede ist, daß wir uns hier alle verlieben.
Und warum nicht? sagte Theodor. Ich sehe wenigstens kein Unglück darin. Im Gegentheil finde ich es natürlich und schicklich, daß in jeder gemischten Gesellschaft, in welcher sich junge Männer und anmuthige Frauen und reizende Mädchen befinden, kleine Romane gespielt werden, dies eben erweckt den Witz und belebt und schafft den feinern Geist der Unterhaltung; auch kleine Eifersucht kann nicht schaden und artige Verläumdung, samt allen Künsten eines edlen Spiels und jener Laune, die den Weibern angeboren scheint und wodurch sie die Männer so unwiderstehlich fesseln. Dadurch können verlebte Tage von solchem poetischen Glanz bestrahlt werden, daß wir das ganze Leben hindurch mit Freuden an sie denken, da sie uns außerdem ziemlich trivial und langweilig verflossen wären.
Es kann aber mit Anton bei seiner Reizbarkeit Ernst werden, wandte Wilibald schüchtern ein; nicht jeder hat die Geschicklichkeit, behutsam genug mit der Flamme zu spielen.
Dafür laß du ihn sorgen, sagte Theodor; oder sollte etwa schon die Eifersucht aus dir sprechen, mein Theurer? O ja, warlich, deine grämliche Miene und dein suchender umschauender Blick sagen mir nichts geringeres. Nun, wer ist denn deine Schöne? Clara? oder die junge anmuthige Gattin? oder Manfreds Schwester, Auguste? oder die liebenswürdige Schwiegermutter, die ihr alle lieber Emilie nennt, und die auch freundlich diesem Taufnamen entgegen horcht? oder liebst du sie gar alle?
Du bleibst ein Thor, fuhr Wilibald halb lachend auf, und ihr alle seid so seltsame liebe und unausstehliche Menschen, daß man eben so wenig ohne euch, als mit euch leben kann. In der Ferne sehn' ich mich nach euch allen und bin ungemuth, und in der Nähe ärgre ich mich über alle eure mannichfaltigen Thorheiten.
Nun, fragte Theodor, was hast du denn Großes an uns auszusetzen?
Du solltest mich nicht zu solchen Klageliedern auffordern, antwortete Wilibald: daß ihr alle immer nur so sehr vernünftig und geistreich seid, wo es nicht hin gehört, und niemals da, wo ihr Vernunft zeigen müßtet! da ist der Manfred, der sich für einen Heros der Männlichkeit hält, welcher meint, sich und seine Empfindungen so ganz in der Gewalt zu haben, und sich heraus nimmt, jeden zu verachten, den irgend ein Kummer quält, und der doch selbst ohne alle Veranlassung so unerträglich melankolisch sein kann, daß er über die ganze Welt die Schultern zuckt, weil sie eben schwach genug ist, nur zu existiren; so sitzt er in dieser Stimmung Tagelang im Winkel und findet jeden Scherz geistlos und jedes Gespräch albern, sein Blick und kümmerliches Gesicht schlagen aber auch jede Freude und Heiterkeit aus seiner Gesellschaft zurück; er ist zu träge, spazieren zu gehn, oder irgend etwas zu treiben: aber nun fällt ihn die Laune an, nun soll jedermann lustig sein, nun findet er es unbegreiflich, wenn irgend jemand nicht an seinen schwärmenden Phantasien Theil nimmt, nun ist jeder ein Philister, der nicht zum Zeitvertreib halb mit dem Kopf gegen die Felsen rennt, nun muß man mit ihm durch Garten und Gebirge laufen, fallen und klettern; oder er zwingt alles Musik zu machen und zu singen; oder, was das Schlimmste ist, er liest vor, und verlangt, jedermann soll an irgend einer Schnurre, oder einem alten vergessenen Buche denselben krampfhaften Antheil nehmen, zu welchem er sich spornt. So geschah es gestern, als er plötzlich den Philander von Sittewald herbei holte, ewig lange las, und sich verwunderte, daß wir nicht alle mit demselben Heißhunger darüber herfielen, wie er, der das Buch in Jahren vielleicht nicht angesehen hat; und so bringt er wohl morgen den Fischart, oder Hans Sachs. Wobei er sich auch nicht einreden läßt, sondern auf seine Lebenszeit hat er sich verwöhnt, daß alle Menschen ihm nur eben als Werkzeuge dienen, an welchen sich seine schnell wandelnde Laune offenbart. Nur ein solcher Engel von Frau kann mit ihm fertig werden, und mit ihm glücklich sein.
Fahre fort, sagte Theodor; und Friedrich, der sich mit ihm eingeschlossen hat.