Part 28
Ich kann wenigstens sagen, erwiederte Ernst, daß ich sie damals niederschreiben mußte, und daß ich von den oft besprochenen Schwierigkeiten des Sonetts nichts erlitt. Von dreierlei Art kann die geistliche Musik hauptsächlich sein. Entweder ist es der Ton selbst, der durch seine Reinheit und Heiligkeit die Andacht erweckt, durch jene einfache edle Sympathie, welche harmonisch die befreundeten Klänge verbindet und mit einander ausstrahlen läßt, wodurch jene hohe Musik entsteht, welche sinnige Alte dem Umschwung der Gestirne ebenfalls zuschreiben wollten. Dieser Gesang, ausgehalten, ohne rasche Bewegung, sich selbst genügend, ruft in unsre Seele das Bild der Ewigkeit, so wie der Schöpfung und der entstehenden Zeit: Palestrina ist der würdigste Repräsentant dieser Periode. Oder die Musik ist mit dem Menschen und der Schöpfung schon von dieser heiligen reinen Bahn gewichen: alles verstummt; da ergreift die Sehnsucht aus dem Innersten hervor den Ton, und will in jene alte Unschuld zurück stürmen und das Paradies wieder erobern. Leo, und vielleicht Marcello, so wie viele andre, charakterisiren diese Epoche. An diese schon mehr leidenschaftliche Kunst schlossen sich nachher die weltlichen Musiker. Drittens kann die geistliche Musik ganz wie ein unschuldiges Kind spielen und tändeln, arglos in der Süßigkeit der Töne wühlen und plätschern, und auf gelinde Weise Schmerz und Freude vermischt in den lieblichsten Melodieen ausgießen. Der oft von den Gelehrteren verkannte Pergolese scheint mir hierin das Höchste erreicht zu haben, den seine Nachahmer wohl eben so wenig verstanden, als Correggio von denen gefaßt wurde, die sich nach ihm bilden wollten. Das ähnliche sagen folgende Sonette, welche die Musik selber spricht.
Im Anfang war das Wort. Die ewgen Tiefen Entzündeten sich brünstig im Verlangen, Die Liebe nahm das Wort in Lust gefangen, Aufschlugen hell die Augen, welche schliefen,
Sehnsüchtge Angst, das Freudezittern, riefen Die selgen Thränen auf die heilgen Wangen, Daß alle Kräfte wollustreich erklangen, Begierig, in sich selbst sich zu vertiefen.
Da brachen sich die Leiden an den Freuden, Die Wonne suchte sich im stillen Innern, Das Wort empfand die Engel, welche schufen;
Sie gingen aus, entzückend war ihr Scheiden. Auf, Gottes Bildniß, deß dich zu erinnern Vernimm, wie meine heilgen Töne rufen.
* * * * *
Nacht, Furcht, Tod, Stummheit, Quaal war eingebrochen, Ihr Banner wehte auf besiegten Reichen, Erschrocken flohen vor dem giftgen Zeichen Mit stummer Zunge, welche erst gesprochen.
So ist denn ganz das Liebeswort zerbrochen? Es sucht im Wasserfall, will sich erreichen, Aus Bäumen strebt es, Quellen, grünen Sträuchen, In Wogen klagt es: was hab ich verbrochen?
Die Wasser gehn und finden keine Zungen, Dem Wald, dem Fels ist wohl der Laut gebunden, Die Angst entzündet sich im Thiere schreiend.
In Menschenstimme ist es ihm gelungen, Nun hat das ewge Wort sich wieder funden, Klagt, betet, weint, jauchzt laut sich selbst befreiend.
* * * * *
Ich bin ein Engel, Menschenkind, das wisse, Mein Flügelpaar klingt in dem Morgenlichte, Den grünen Wald erfreut mein Angesichte, Das Nachtigallen-Chor giebt seine Grüße.
Wem ich der Sterblichen die Lippen küsse, Dem tönt die Welt ein göttliches Gedichte, Wald, Wasser, Feld und Luft spricht ihm Geschichte, Im Herzen rinnen Paradieses-Flüsse.
Die ewge Liebe, welche nie vergangen, Erscheint ihm im Triumph auf allen Wogen, Er nimmt den Tönen ihre dunkle Hülle,
Da regt sich, schlägt im Jubel auf die Stille, Zur spielenden Glorie wird der Himmelsbogen, Der Trunkne hört, was alle Engel sangen.
Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.
Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, teilweise unter Verwendung der Erstausgabe, wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 20]: ... nothwendigen Gegenwicht eines gehaltvollen, oft fast ... ... nothwendigen Gegengewicht eines gehaltvollen, oft fast ...
[S. 67]: ... Drama haben, und dunkel dir Ahnung in ihnen ... ... Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen ...
[S. 69]: ... Jezt, sagte Theodor, bingt man um die Zeit die ... ... Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die ...
[S. 136]: ... Das Winter jährlich um sie legt, ... ... Daß Winter jährlich um sie legt, ...
[S. 137]: ... Ein Schauer flog durch meinem Sinn. ... ... Ein Schauer flog durch meinen Sinn. ...
[S. 151]: ... den Anbick und die Empfindung dieses Abends nie ... ... den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie ...
[S. 165]: ... hatte ihn so maches Jahr hindurch beglückt, ... ... hatte ihn so manches Jahr hindurch beglückt, ...
[S. 169]: ... Ein krummgebückte Alte schlich hustend mit einer ... ... Eine krummgebückte Alte schlich hustend mit einer ...
[S. 191]: ... traf dort den Greis schlafend, der ihn unlängst sein ... ... traf dort den Greis schlafend, der ihm unlängst sein ...
[S. 207]: ... abbrach und mit dem Ausruck des größten Schmerzes ... ... abbrach und mit dem Ausdruck des größten Schmerzes ...
[S. 213]: ... wird versagen können. Es las hierauf folgende Erzählung. ... ... wird versagen können. Er las hierauf folgende Erzählung. ...
[S. 226]: ... Hütte eine friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder ... ... Hütten ein friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder ...
[S. 241]: ... Er sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, ... ... er sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, ...
[S. 243]: ... sorgfaltig in seinen Sack, welchen er fest zusammen ... ... sorgfältig in seinen Sack, welchen er fest zusammen ...
[S. 245]: ... seinem Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, ... ... seinen Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, ...
[S. 260]: ... seinen neuen Frennd gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ... ... seinen neuen Freund gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ...
[S. 264]: ... Du schwestest dahin, ich taumle zurück -- ... ... Du schwebest dahin, ich taumle zurück -- ...
[S. 273]: ... es geschehen würde? Ihr habt euren Wnnsch, darum ... ... es geschehen würde? Ihr habt euren Wunsch, darum ...
[S. 280]: ... uns nur Recht in diese Nacht hinein wüthen, und ... ... uns nur recht in diese Nacht hinein wüthen, und ...
[S. 280]: ... nehmt kein Einrede von denen an, die sich verständig ... ... nehmt keine Einrede von denen an, die sich verständig ...
[S. 316]: ... wohl zufrieden, sie vertraute ihn nun gänzlich und ... ... wohl zufrieden, sie vertraute ihm nun gänzlich und ...
[S. 327]: ... Meeres lagen; dort waren die Wege an einsamsten und ... ... Meeres lagen; dort waren die Wege am einsamsten und ...
[S. 329]: ... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, dadamit ... ... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, damit ...
[S. 330]: ... und die langen schwarzen Wimper einen lieblichen ... ... und die langen schwarzen Wimpern einen lieblichen ...
[S. 349]: ... Namen auszusprechen; Quellen und Bäumen nennen ... ... Namen auszusprechen; Quellen und Bäume nennen ...
[S. 357]: ... Dann reiste Peter mir Magelonen zu seinen Eltern, ... ... Dann reiste Peter mit Magelonen zu seinen Eltern, ...
[S. 381]: ... Mund, daß sie sich verirrt habe, auf einem vorbeifahrenden ... ... Mund, daß sie sich verirrt habe, auf einen vorbeifahrenden ...
[S. 389]: ... Andres keidete sich an, und Marie bemerkte, daß ... ... Andres kleidete sich an, und Marie bemerkte, daß ...
[S. 390]: ... ihn bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet ... ... ihm bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet ...
[S. 400]: ... Netz zitterte wie beängstiget. Er brach im zunehmenden ... ... Netz zitterte wie beängstiget. Es brach im zunehmenden ...
[S. 407]: ... schlechten Zeit, und der Gutssitzer von den Verbesserungen, ... ... schlechten Zeit, und der Gutsbesitzer von den Verbesserungen, ...
[S. 408]: ... auf nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut ... ... auf und nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut ...
[S. 413]: ... das ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, ... ... daß ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, ...
[S. 415]: ... Aber seitdem war der Greis der Freund der Hauses, ... ... Aber seitdem war der Greis der Freund des Hauses, ...
[S. 416]: ... Lothar verneigte ich, und nahm aus dem Blumenkorbe ... ... Lothar verneigte sich, und nahm aus dem Blumenkorbe ...
[S. 428]: ... der über Klippen und hemmenden Gestein in ... ... der über Klippen und hemmendem Gestein in ...
End of Project Gutenberg's Schriften 4: Phantasus 1, by Ludwig Tieck