Schriften 04: Phantasus 1

Part 27

Chapter 273,651 wordsPublic domain

Gott im Himmel! rief die Alte und sprang heftig bewegt auf, du bist doch nicht Ferdinand?

So ist mein Name, sagte jener.

Ich bin Franziska, antwortete die Mutter.

Sie wollten sich umarmen, und fuhren schnell zurück. Beide betrachteten sich mit prüfenden Blicken, beide suchten aus dem Ruin der Zeit jene Lineamente wieder zu entwickeln, die sie ehemals an einander gekannt und geliebt hatten, und wie in dunkeln Gewitternächten unter dem Fluge schwarzer Wolken einzeln in flüchtigen Momenten die Sterne räthselhaft schimmern, um schnell wieder zu erlöschen, so schien ihnen aus den Augen, von Stirn und Mund jezuweilen der wohlbekannte Zug vorüberblitzend, und es war, als wenn ihre Jugend in der Ferne lächelnd weinte. Er bog sich nieder und küßte ihre Hand, indem zwei große Thränen herabstürzten, dann umarmten sie sich herzlich.

Ist deine Frau gestorben? fragte die Mutter.

Ich war nie verheirathet, schluchzte Ferdinand.

Himmel! sagte die Alte, die Hände ringend, so bin ich die Ungetreue gewesen! Doch nein, nicht ungetreu. Als ich vom Lande zurück kam, wo ich zwei Monden gewesen war, hörte ich von allen Menschen, auch von deinen Freunden, nicht blos den meinigen, du seist längst abgereist und in deinem Vaterlande verheirathet, man zeigte mir die glaubwürdigsten Briefe, man drang heftig in mich, man benutzte meine Trostlosigkeit, meinen Zorn, und so geschah es, daß ich meine Hand dem verdienstvollen Manne gab; mein Herz, meine Gedanken blieben dir immer gewidmet.

Ich habe mich nicht von hier entfernt, sagte Ferdinand, aber nach einiger Zeit vernahm ich deine Vermälung. Man wollte uns trennen, und es ist ihnen gelungen. Du bist glückliche Mutter, ich lebe in der Vergangenheit, und alle deine Kinder will ich wie die meinigen lieben. Aber wie wunderbar, daß wir uns seitdem nie wieder gesehen haben.

Ich ging wenig aus, sagte die Mutter, und mein Mann, der bald darauf einer Erbschaft wegen einen andern Namen annahm, hat dir auch jeden Verdacht dadurch entfernt, daß wir in derselben Stadt wohnen könnten.

Ich vermied die Menschen, sagte Ferdinand, und lebte nur der Einsamkeit; Leopold ist beinah der einzige, der mich wieder anzog und unter Menschen führte. O geliebte Freundin, es ist wie eine schauerliche Geistergeschichte, wie wir uns verloren und wieder gefunden haben.

Die jungen Leute fanden die Alten in Thränen aufgelöst und in tiefster Bewegung. Keines sagte, was vorgefallen war, das Geheimniß schien ihnen zu heilig. Aber seitdem war der Greis der Freund des Hauses, und der Tod nur schied die beiden Wesen, die sich so sonderbar wieder gefunden hatten, um sie kurze Zeit nachher wieder zu vereinigen.

* * * * *

Es war über dem Vorlesen dieser Mährchen viele Zeit verflossen, und man setzte sich sehr spät zu Tische. Der Abend war wieder so warm, daß man die Flügel des Saales eröffnen konnte, um die anmuthige Luft zu genießen. Man sprach noch vielerlei über die vorgetragenen Erzählungen, und es schien, daß die übrigen Frauen der Meinung Claras beitraten, welche die Geschichte vom blonden Eckbert allen übrigen vorzog. Emilie wollte im getreuen Eckart eine Disharmonie bemerken, Rosalie nahm die Magelone in Schutz und Wilibalds Erzählung, Auguste lobte die Elfen; nur in Ansehung des Runenberges und Liebeszaubers blieben alle bei ihrer vorgefaßten Meinung; und verwarfen sie gänzlich. Mein theurer Freund, sagte Manfred, zu Lothar gewandt, trösten wir uns darüber, daß die gegenwärtige Zeit uns nicht versteht, ich appellire an eine bessere Nachwelt, die mich dankbar anerkennen wird.

Wo ist die? fragte Lothar lachend.

Dorten schläft sie schon, sagte Manfred, nach der Kinderstube hinauf deutend; meine beiden Jungen meine ich; so wie sie nur ein weniges bei Kräften sind, lese ich ihnen meine Werke vor, und belohne ihren Beifall mit Zuckerwerk, und ich will sehn, ob sie mich nicht auf lange für den ersten aller Dichter halten sollen.

Wir sind aber unserm Freunde Lothar eine Vergütigung schuldig, sagte Clara, und da er heute als Autor so wenig Glück gemacht hat, so versuche er es einmal mit der Königswürde, er übernehme die nächste Abtheilung und bestimme sie nach seiner Willkühr.

Lothar verneigte sich, und nahm aus dem Blumenkorbe eine Lilie, um sie als Scepter zu gebrauchen. So befehle ich denn, sprach er, daß wir diese Mährchenwelt noch nicht verlassen, nur wollen wir den Dichtern die Mühe der Erfindung schenken; mögen sie allgemein bekannte Geschichten nehmen, wo möglich ganz kindische und alberne, und damit den Versuch machen, diesen durch ihre Darstellung ein neues Interesse zu geben; jedes dieser Mährchen soll aber ein Drama sein.

Wilibald hustete und Auguste sagte: nur bitten wir Mädchen, daß es auch hie und da etwas lustig darin zugehn möge, und nicht allzu poetisch.

Mir erlaube man auch eine Bitte, fügte Emilie hinzu, und zwar diejenige, daß wir mit der Zeit etwas ökonomischer umgehn und berechnen mögen, was sich vortragen und von den Zuhörern erdulden läßt, denn heute haben wir uns offenbar übersättigt, und der Genuß ist fast zur Pein geworden; Sie müssen bedenken, daß wir Frauen nicht so an das Verschlingen der Bücher gewöhnt sind, wie die Männer.

Auch dieses ist gewährt, sagte Lothar, ich werde mit meinen Räthen eine billige und zweckmäßige Einrichtung treffen, besonders bei diesen Dramen, von denen einige länger ausfallen dürften, als die meisten der heutigen Erzählungen.

Gute Nacht, sagte Manfred, ich bin so müde, und durch Beifall so wenig aufgemuntert, daß ich am besten thun werde, mich in die Dunkelheit meines Bettes zurück zu ziehn.

Als er sich entfernt hatte, sprach man noch über die seltsame Erscheinung, daß im Schrecklichen eine gewisse Lieblichkeit wohnen könne, die dem Reiz des Grauenhaften eine Art von Rührung und Wehmuth beigeselle. Die letzte der heutigen Erzählungen, sagte Emilie, hat zwar nichts Furchtbares, kommt man aber darin überein, wie doch die meisten Menschen zu glauben scheinen, daß die Liebe die Blüte des Lebens sei, so ist sie vielleicht die traurigste und rührendste von allen, weil die erzählte Begebenheit fast durchaus möglich ist und sich an das Alltägliche knüpft.

Anton bemerkte, daß die stille Lieblichkeit an sich leicht ermüde und einschläfre, wie die meisten neueren Idyllen, und daß man ihnen wohl einen Zusatz wünschen müsse, entweder von Schreck, oder Bosheit, oder irgend einem andern Ingredienz, um durch diese Würze den Geschmack des Lieblichen selber hervor zu heben, wie durch den Firniß die Farben der Gemälde.

Darum, sagte Lothar, hat man in Frankreich mit Recht etwas Wolf in manche Schäfereien hinein gewünscht. Die reine Unschuld, als solche, verträgt keine Darstellung, denn sie liegt außer der Natur, oder falls sie natürlich ist, ist sie höchst unpoetisch; ich meine nämlich jene hohe, sentimentale, die uns die Dichter so oft haben malen wollen. Ich sah einmal eine französische Operette, zwar nur von einem, aber desto längeren Akte, in welcher ein junger Mensch von Anfang bis zu Ende nichts weiter in der Welt wollte, als seinen Papa lieben, den er bekränzte, als er schlief, und ihm Früchte vorsetzte, als er erwachte, worauf beide sich umarmten und gerührt waren. Ich will nicht sagen, daß dergleichen nicht löblich sein könnte; aber was in aller Welt ging es denn die Zuschauer an, die unten standen, und höchst überflüßige Zeugen dieser Zärtlichkeit waren?

Die Idyllen der Neueren, sagte Ernst, sind früh sentimental geworden, oder allegorisch, in der letzten Zeit bei Franzosen und Deutschen meist fade und süßlich. Zwei Gedichte eines Deutschen aber sind mir bekannt, die ich vielen der schönsten Poesien an die Seite setzen möchte, den Satyr Mopsus nämlich und Bacchidon und Milon vom Maler Müller; die frische sinnliche Natur, der lyrische Schwung der Gesänge, die schön gewählten und kräftig ausgeführten Bilder haben mich jedesmal bis zur Entzückung hingerissen. Trefflich, wenn gleich nicht von dieser Vollendung, ist seine Schaafschur, reicher als dieses Gemälde aus unserer Zeit, sein Nußkernen. In dem Gedicht »Adams erstes Erwachen« befindet er sich freilich auch zuweilen in jener Leere, die sich nicht poetisch bevölkern läßt, aber einzelne Stellen sind von großer Schönheit, und in der Darstellung der Thiere scheint er mir einzig; ich weiß wenigstens keinen Dichter, der sie uns mit dieser geistigen Lebendigkeit vor die Augen führte. Wie Schade, daß dieses wahre Genie, welches sich so glänzend ankündigte, nicht nachher das Studium der Poesie fortgesetzt hat! Sein Geist scheint mir mit dem des Julio Romano innig verwandt; dieselbe Fülle und Lieblichkeit, das Scharfe und Bizarre der Gedanken, und dieselbe Sucht zur Uebertreibung.

Nach einigen Wendungen des Gespräches kam man auf die Seltsamkeit der Träume, und wie wunderbar sich das Ahndungsvermögen des Menschen oftmals in ihnen offenbare, und nachdem einige Beispiele erzählt waren, sagte Anton: mir ist eine Geschichte dieser Art bekannt, die mir glaubwürdige Freunde als eine unbezweifelt wahre mitgetheilt haben, und die ich Ihnen noch vortragen will, da sie uns nicht lange aufhalten wird. Ein Landedelmann ruhte neben seiner Frau in einem Zimmer des Schlosses. Mitternacht war schon vorüber, als er plötzlich aus dem Schlafe auffuhr, und seine Gattin weckte. Was ist dir, mein Lieber? fragte diese verwundert. Mich hat ein seltsamer Traum auf eine eigne Art bewegt, antwortete der Mann. Mir war, als ginge ich auf den Saal hinaus, und wie ich mich umsah, stand dein Kammermädchen vor mir, aber so geputzt und aufgeschmückt, wie ich sie niemals gesehn habe, auch trug sie einen grünen Kranz in den Haaren; sie warf sich vor mir nieder, umfaßte meine Knie, und beschwor mich, ich solle ihr beistehn, denn ihr Leben schwebe in der größten Gefahr. Ich habe sie so deutlich vor mir gesehn, und bin von ihren Thränen und Bitten so gerührt, daß ich nicht weiß, was ich davon denken soll. Wer wird, sagte die Frau, über einen zufälligen Traum grübeln! Schlafe wohl und störe mich nicht wieder. Beide schliefen ein. Nach einer halben Stunde erwachte der Mann in noch größerer Beängstigung; er rief seiner Gattin und sagte ihr, daß der nämliche Traum mit denselben Umständen ihm wieder vorgekommen sei, und das Mädchen habe noch dringender gefleht, noch schmerzlicher geweint. Die Frau schalt dieses Wichtignehmen eines leeren Traumes, Grille, fand die Wiederholung der nämlichen Scene sehr natürlich und begreiflich; nach einem kurzen Gespräche war auch der Mann derselben Meinung, und beide hatten sich wieder dem Schlafe überlassen. Sie erstaunte, als sie nach einiger Zeit von dem Geräusch erwachte, welches der Mann erregte, den sie angekleidet, und mit einem Lichte, welches er angezündet hatte, vor dem Bette stehen sah. Was ist dir nur heut? fragte sie halb unwillig. Sei es wie es sei, antwortete ihr Gatte, ich will diesesmal einem Traume glauben, wenn auch sonst nie wieder, denn das Mädchen ist mir jezt zum dritten male eben so erschienen, hat ihre Bitte wiederholt und mit ängstlichem Schreien hinzu gefügt: nun ist es die höchste Zeit, in einigen Minuten ist es zu spät! Ich will jezt hinauf gehn, und sehn was sie macht. Ohne eine Antwort zu erwarten, verließ er das Schlafzimmer. Wie erstaunte er, indem er sich die Treppe hinauf begeben wollte, daß die breiten Stiegen herunter das Mädchen ihm gerade so entgegen schritt, wie er sie im Traume gesehen hatte, im seidenen Kleide, welches ihr nur vor wenigen Tagen die gnädige Frau geschenkt hatte: mit Myrthen und Blumen in den Haaren, eine kleine Laterne in der Hand; das Licht, welches er trug, warf einen vollen Schein über die erschrockene Gestalt, die auf die Anrede, wohin sie gehe, und was sie vorhabe, anfangs in ihrer Verwirrung nichts zu antworten wußte. Endlich sammelte sie sich etwas und fiel ihrem Gebieter zu Fuß, dessen Knie sie mit Thränen umfaßte. O Vergebung, mein gnädiger Herr! rief sie aus, vergeben Sie, und machen Sie, daß die gnädige Frau mir verzeiht: in dieser Stunde wollte ich draußen im Garten hinter der Lindenallee den Gärtner treffen, der mir schon seit lange die Ehe versprochen hat, und mit dem ich verlobt bin; heute Nacht wollten wir uns heimlich in der Kapelle hier neben an trauen lassen, denn ich Unglückliche bin seit fünf Monden von ihm guter Hoffnung. Gehe ruhig in dein Zimmer zurück, sagte der Herr; ich will den Gärtner selber aufsuchen, ich habe gegen eure Verbindung nichts, nur diese Heimlichkeit ist mir anstößig. Er hat es durchaus so gewollt, antwortete sie, weil er der Ueberzeugung war, daß Sie uns beide nicht in Ihren Diensten behalten würden, wenn Sie die Sache erführen. Gieb dich für heut zufrieden, sagte der Herr; morgen wollen wir vernünftig darüber sprechen. O Gott, schluchzte sie, so habe ich doch heute mein Brautkleid umsonst angelegt! Mit diesen Worten ging sie die Treppe wieder hinauf. Der Baron ließ im Saale die Kerze stehn, und begab sich in den Garten. Die Nacht war finster und ohne Sterne, ein feuchter Herbstwind schlug ihm entgegen, die Bäume sausten winterlich. Er schritt durch die bekannten Gänge, und hinter den Linden, an der einsamsten und entferntesten Stelle des Gartens, sah er aus dem Boden ein Lichtlein schimmern. Als er näher ging, sah er, daß sein Gärtner in einer ausgehöhlten Grube stand, und beim Schein einer kleinen Blendlaterne eifrig die Höhle wie zu einem Grabe erweiterte. Ein Beil lag neben ihm. Ein Schauder ergriff den Herrn. Was macht ihr da? rief er ihn plötzlich an. Der Gärtner erschrak und ließ den Spaten fallen, indem er die Gestalt seines Gebieters gerade über sich erblickte. Ich will hier Früchte für den Winter einlegen, stotterte er verwirrt. Kommt mit mir in mein Zimmer, sagte der Baron, ich habe mit euch zu sprechen. Sogleich, gnädiger Herr, erwiederte der Gärtner. Er hob die Laterne auf, und stieg aus der Grube; aber statt sich nach dem Schlosse zu wenden, blies er plötzlich das Licht aus, sprang über die Gartenhecke, und lief in den nahen Wald hinein. Seitdem hatte ihn Niemand in der dortigen Gegend wieder gesehn. --

O weh! rief Clara, die schrecklichen Geschichten fangen von neuem an, und nun ist es gar Nacht und finster! Sie faßte ein Licht, und dasselbe thaten die übrigen Frauen, um sich auf ihre Zimmer zu begeben, als ein ungeheurer Schlag plötzlich gegen die Thüre erklang. Alle sahen sich schweigend an, und herein trat mit zentnerschwerem Schritt die Gestalt des steinernen Gastes. Er begab sich bis in die Mitte des Saales, indem noch keiner ein Wort auszusprechen wagte.

Ich bin es ja, ihr Narren, rief plötzlich Manfreds bekannte Stimme, indem er mit seinem natürlichen Gange näher kam. O er ist unerträglich, sagte Rosalie; glaubst du denn, daß ich nicht eben so stark schaudre, wenn ich gleich erkenne, daß das Gespenst nur eine weiße Maske ist, gerade deshalb, weil du, der Bekannte, der Befreundete, mir so grauenvoll erscheinst? Diese Vermischung dessen, was uns lieb und entsetzlich ist, ist gerade das Widerwärtigste. So will er auch immer nicht begreifen, daß ich mich vor ihm fürchte, wenn er, wandelt ihn einmal die Laune an, den Betrunkenen so natürlich spielt, und daß ich eben so gern einen wirklich Berauschten oder Wahnsinnigen vor mir sehen möchte. Geh, du Ungezogener, und wische dir den Puder aus dem Gesichte.

Nicht eher, sagte Manfred, bis du, und Auguste, und Clara, mir jede einen Kuß gegeben haben. Er ging auf sie zu, die drei Frauen aber flohen mit den Lichtern, die sie in den Händen hielten, durch den offenen Saal in den Garten, und die weiße behelmte Figur rannte ihnen nach. Man hörte sie kreischen, und sah die drei Lichter und schlanken Gestalten durch den Buchengang schweben, dann um die Laube biegen, und dem Springbrunnen vorüber sich in den großen Baumgang verlieren. Plötzlich vernahm man ein lautes Aufrauschen im größten Brunnen, wie wenn eine große Wucht hinein stürzte, und das Wasser klatschend darüber zusammen schlüge. Die Geängstigten stürzten mit ihren Lichtern herzu, und Manfred, welcher hinein gesprungen war, gab der zunächst stehenden Clara einen flüchtigen Kuß, dann seiner Gattin, und auch Auguste durfte sich nicht weigern, weil er schwur, widrigenfalls die ganze Nacht im Bassin zu verharren. Nun habe ich meinen Willen gehabt, sagte Manfred ruhig, und nun wird es wohl an der Zeit sein, mich umzukleiden oder vielmehr zu entkleiden, und mich im Bette zu erwärmen.

Man schalt und lachte, und Emilie war besonders unzufrieden. Die Frauen und Manfred gingen hinauf. Die übrigen Freunde blieben noch im Garten, wo sie nach einiger Zeit von dem obern Zimmer Gesang ertönen hörten, der lieblich durch den Garten scholl. Es war ein Singestück von Palestrina, welches die drei Frauen ohne Begleitung eines Instruments ausführten.

Friedrich sagte: alle Empfindungen, schöne wie unangenehme, verschütten sie jezt in diese Wogen des Wohllauts. So wird der Tag am schönsten beschlossen, und die Nacht am würdigsten gefeiert.

Ich halte es für ein Glück meines Lebens, sagte Ernst, daß ich zeitig genug nach Rom kam, um noch oftmals den Gesang der päpstlichen Kapelle hören zu können. Die Musik, die man Weihnachten in Maria Maggiore und in der Charwoche im Vatikan hörte, vielmals auch im päpstlichen Pallast auf Monte Cavallo, war eben so einzig, als es das jüngste Gericht von Michael Angelo oder die Stanzen Rafaels sind; man konnte diesen Genuß auch nur in dem einzigen Rom haben, und wie diese Hauptstadt der Welt der Mittelpunkt der Malerei und Skulptur war, so war sie auch die wahre hohe Schule der Musik. Diese Herrlichkeit ist nun auch zertrümmert, und man kann davon nur wie von einer alten wunderbaren Sage erzählen. Schon früher war es für mich eine Epoche meines Lebens gewesen, diesen alten wahren Gesang kennen zu lernen: ich hatte immer nach Musik, nach der höchsten, gedürstet, und geglaubt, keinen Sinn für diese Kunst zu besitzen, als mit der Kenntniß des Palestrina, Leo, Allegri, und jener Alten, die man jezt von den Liebhabern selten oder nie nennen hört; mein Gehör und mein Geist erwachte. Seitdem weiß ich wohl, was ich vorher suchte, und warum ehemals mich nichts befriedigen wollte. Seitdem glaube ich eingesehen zu haben, daß nur dieses die wahre Musik sei, und daß der Strom, den man in den weltlichen Luxus unserer Oper hinein geleitet hat, um ihn mit Zorn, Rache und allen Leidenschaften zu versetzen, trübe und unlauter geworden ist; denn unter den Künsten ist die Musik die religiöseste, sie ist ganz Andacht, Sehnsucht, Demuth, Liebe; sie kann nicht pathetisch sein, und auf ihre Stärke und Kraft pochen, oder sich in Verzweiflung austoben wollen, hier verliert sie ihren Geist, und wird nur eine schwache Nachahmerin der Rede und Poesie.

Du scheinst mir jezt zu einseitig, sagte Lothar; erinnere ich mich doch der Zeit recht gut, wo du den Mozart hoch verehrtest.

Ich müßte ohne Gefühl sein, antwortete Ernst, wenn ich den wundersamen, reichen und tiefen Geist dieses Künstlers nicht ehren und lieben sollte, wenn ich mich nicht von seinen Werken hingerissen fühlte. Nur muß man mich kein Requiem von ihm wollen hören lassen, oder mich zu überzeugen suchen, daß er, so wie die meisten Neueren, wirklich eine geistliche Musik habe setzen können. Aber er ist einzig in seiner Kunst. Als die Musik ihre himmlische Unschuld verloren, und sich schon längst zu den kleinlichen Leidenschaften der Menschen erniedrigt hatte, fand er sie in ihrer Entartung, und lehrte ihr aus bewegtem Herzen das Wundersamste, Fremdeste, ihr Unnatürlichste austönen; zugleich jene tiefe Leidenschaft der Seele, jenes Ringen aller Kräfte in unaussprechlicher Sehnsucht, nicht fremd sogar blieb ihr das gespenstische Grauen und Entsetzen. Ich sehe hierin die Geschichte des Orpheus und der Euridice. Sie ist gestorben; bei den Schatten, in der dunkeln Unterwelt weilt die Geliebte; er fühlt Kraft und Muth genug das Licht der Sonne zu verlassen, sich der schwarzen Fluth und Dämmerung anzuvertrauen; sein Zauberspiel rührt den ernsten, sonst unerbittlichen Gott, die Larven und Verdammten genießen in seinen Tönen einer schnell vorüber fliehenden Seeligkeit; Euridice folgt seinem Saitenspiel, aber nicht rückwärts soll er blicken, ihr nicht ins Angesicht schauen, sie nur im Glauben besitzen; sie lockt, sie ruft, sie weint, da wendet sich sein Auge, und blasser und blasser zittert die geliebte Gestalt in den gähnenden Orkus zurück. Der Sänger tritt mit der Kraft seiner Töne wieder in die Oberwelt, sein Lied singt und klagt die Verlorne, alle Melodieen suchen sie, aber er hat aus dem tiefen Abgrund, den kein Sänger vor ihm besucht, das schwermüthige Rollen der unterirdischen Wässer, das Aechzen der Gemarterten, das Stöhnen der Geängstigten und das Hohnlachen der Furien, samt allen Gräueln der dunkeln Reiche mit herauf gebracht, und alles klingt in vielfach verschlungener Kunst in der Lieblichkeit seiner Lieder. Himmel und Hölle, die durch unermeßliche Klüfte getrennt waren, sind zauberhaft und zum Erschrecken in der Kunst vereinigt, die ursprünglich reines Licht, stille Liebe und lobpreisende Andacht war. So erscheint mir Mozarts Musik.

Es war den neuesten Zeiten vorbehalten, fuhr Lothar fort, den wundervollen Reichthum des menschlichen Sinnes in dieser Kunst, vorzüglich in der Instrumental-Musik auszusprechen. In diesen vielstimmigen Compositionen und in den Symphonieen vernehmen wir aus dem tiefsten Grunde heraus das unersättliche, aus sich verirrende und in sich zurück kehrende Sehnen, jenes unaussprechliche Verlangen, das nirgend Erfüllung findet und in verzehrender Leidenschaft sich in den Strom des Wahnsinns wirft, nun mit allen Tönen kämpft, bald überwältigt, bald siegend aus den Wogen ruft, und Rettung suchend tiefer und tiefer versinkt. Und wie es dem Menschen allenthalben geschieht, wenn er alle Schranken überfliegen und das Letzte und Höchste erringen will, daß die Leidenschaft in sich selbst zerbricht und zersplittert, das Gegentheil ihrer ursprünglichen Größe, so geschieht es auch wohl in dieser Kunst großen Talenten. Wenn wir Mozart wahnsinnig nennen dürfen, so ist der genialische Beethoven oft nicht vom Rasenden zu unterscheiden, der selten einen musikalischen Gedanken verfolgt und sich in ihm beruhigt, sondern durch die gewaltthätigsten Uebergänge springt und der Phantasie gleichsam selbst im rastlosen Kampfe zu entfliehen sucht.

Alle diese neuen tiefsinnigen Bestrebungen, sagte Anton, sind meinem Gemüthe nicht fremd, sie tönen wie das Rauschen des Lebensstromes zwischen Felsenufern, der über Klippen und hemmendem Gestein in romantischer Wildniß musikalisch braust; nur das ist mir unbegreiflich geblieben, wie die Schöpfung und die Tageszeiten unsers Haydn fast allenthalben haben Glück machen können, deren kindische Malerei gegen allen höheren Sinn streitet. Seine Symphonieen und Instrumental-Compositionen sind meist so vortrefflich, daß man ihm diese Verirrung niemals hätte zutrauen sollen.

Friedrich wandte sich zu Ernst und sagte: Lieber, ehe wir jezt scheiden, sage uns noch die drei Sonette vor, welche du dichtetest, als dir jene alte große Singe-Musik zuerst bekannt wurde. Diese Verse sind mir immer vorzüglich lieb gewesen, weil sie mir nicht so wohl gedichtet als eingegeben scheinen.