Part 2
Man ging, man stand dann wieder still, um sich zu betrachten, sich zu befragen, und jeder erkundigte sich nun nach den Geschäften, nach den Absichten des andern. Meine Reise, sagte Ernst, hat keinen andern Endzweck, als mich in der Nähe, nur einige Meilen von hier, über einige alte, sogenannte gothische Gebäude zu unterrichten, und dann in der Stadt ein altdeutsches Gedicht aufzusuchen.
Und ich, sagte Theodor, bin meiner Gewohnheit nach nur so mitgenommen worden, weil ich eben weder etwas zu thun, noch zu versäumen hatte.
Ich besuche unsern Manfred, sagte Anton, der mich auf sein schönes Landgut, sieben Meilen von hier, eingeladen hat, da er von meiner Krankheit und Genesung Nachricht bekommen.
Wohnt der jezt in diesem Gebirge? fragte Ernst.
Ihr wißt also nicht, fuhr Anton fort, daß er schon seit mehr als zwei Jahren verheirathet ist und hier wohnt?
Manfred verheirathet? rief Theodor aus; er, der so viel gegen alle Ehe deklamirt, so über alle gepriesene Häuslichkeit gespottet hat, der es zu seiner Aufgabe zu machen schien, das Phantastische mit dem wirklichen Leben aufs innigste zu verbinden, der vor nichts solchen Abscheu äußerte, als vor jener gesetzten, kaltblütig moralischen Philisterei? Wie ist es möglich? Ei! der mag sich denn nun auch schön verändert haben! Gewiß hat ihn »das Dreherchen der Zeit« so umgedreht, daß er nicht wieder zu erkennen ist.
Vielleicht, sagte Ernst, konnte es ihm gerade am ersten gelingen, die Jugend beizubehalten, in welcher er sich scheinbar so wild bewegte, denn sein Charakter neigte immer zum Ernst, und eben darum war sein Widerwille gegen den geheuchelten, läppischen Ernst unserer Tage oft so grotesk und bizarr: bei manchen Menschen dient eine wunderliche Außenseite nur zum nothwendigen Gegengewicht eines gehaltvollen, oft fast melankolischen Innern, und zu diesen scheint mir unser Freund zu gehören.
Ich habe ihn schon im vorigen Jahre gesehn, sagte Anton, und ihn gar nicht verändert gefunden, er ist eher jünger geworden; seine Haushaltung mit seiner Frau und ihrer jüngern Schwester Clara, mit seiner eignen Schwester und Schwiegermutter ist die liebenswürdigste, die ich noch gesehn habe, so wie sein Landgut die schönste Lage im ganzen Gebirge hat: ihr thätet klug, mich dahin zu begleiten, was sich auch sehr gut mit deinen gelehrten antiquarischen Untersuchungen vereinigen läßt.
Er muß! rief Theodor, oder ich laß ihn im Stich der gothischen, oder, wie er will, altdeutschen Spitzgewölbe.
Darüber läßt sich noch sprechen, sagte Ernst halb zweifelnd; da ihm aber Anton noch erzählte, daß sie im nächsten Städtchen die beiden längst gesuchten Freunde Lothar und Friedrich finden würden, die ihn erwarteten, um mit ihm zum gemeinschaftlichen Freunde Manfred zu reisen, und sich einige Wochen bei diesem aufzuhalten, so ließ sich Ernst bewegen, seine Antiquitäten auch noch so lange beiseit zu thun, um nach vielen Jahren einmal wieder im Kreise seiner Geliebten eine neue Jugend zu leben, und die alten theuern Erinnerungen seinem Herzen zu erwecken.
Die Freunde wanderten weiter, und nach geraumer Zeit fragte Theodor: wie hast du nur so lange krank sein können?
Verwundre dich doch lieber, antwortete der Kranke, wie ich so bald habe genesen können, denn noch ist es mir selber unbegreiflich, daß meine Kräfte sich so schnell wieder hergestellt haben.
Wie wird sich der gute Friedrich freuen, sagte Theodor, dich einmal wieder zu sehn; denn immer warst du ihm unter seinen Freunden der liebste.
Sagt vielmehr, antwortete der Genesene, daß wir uns in manchen Punkten unsers Wesens am innigsten berührten und am besten verstanden; denn, meine Geliebten, man lebt, wenn man das Glück hat, mehre Freunde zu besitzen, mit jedem Freunde ein eignes, abgesondertes Leben; es bilden sich mannichfache Kreise von Zärtlichkeit und Freundschaft, die wohl die Gefühle der Liebe zu andern in sich aufnehmen und harmonisch mit ihnen fortschwingen, dann aber wieder in die alte eigenthümliche Bahn zurück kehren. Und eben so wie mir der Vertrauteste in vielen Gesinnungen fremd bleibt, so hebt eben derselbe auch vieles Dunkle in meiner eignen Natur bloß durch seine Gegenwart hervor, und macht es licht, sein Gespräch, wenn es diese Punkte trifft, erweckt es zum klarsten innigsten Leben, und eben so wirkt meine Gegenwart auf ihn zurück. Vielleicht war manches in Friedrich und mir, was ihr übrigen mißverstandet, was sich in uns ergänzte und durch unsre Freundschaft zum Bewußtsein gedieh, so daß wir uns mancher Dinge wohl sogar erfreuten, die andre uns lieber hätten abgewöhnen mögen.
Was du da sagst, ist sehr wahr, fügte Ernst hinzu, der Mensch, der überhaupt das Leben und sich versteht, wird mit jedem seiner Freunde ein eignes Vertrauen, eine andre Zärtlichkeit fühlen und üben wollen. O das ist ja eben das Himmlische der Freundschaft, sich im geliebten Gegenstande ganz zu verlieren, neben dem Verwandten so viel Fremdartiges, Geheimnißvolles ahnden, mit herzlichem Glauben und edler Zuversicht auch das Nichtverstandne achten, durch diese Liebe Seele zu gewinnen und Seele dem Geliebten zu schenken! Wie roh leben diejenigen, und verletzen ewig sich und den Freund, die so ganz und unbedingt sich verstehn, beurtheilen, abmessen, und dadurch nur scheinbar einander angehören wollen! das heißt Bäume fällen, Hügel abtragen und Bäche ableiten, um allenthalben flache Durchsicht, Mittheilung und Verknüpfung zu gewinnen, und einen schönen romantischen Park verderben. Nicht früh genug kann der Jüngling, der so glücklich ist, einen Freund zu gewinnen, sich von dieser selbstischen Forderung unsrer roheren Natur, von diesem Mißverständniß der jugendlichen Liebe entwöhnen.
Was du da berührst, sagte Anton, berührt zugleich die Wahrheit, daß es nicht nur erlaubt, sondern fast nothwendig sei, daß Freunde vor einander Geheimnisse haben, ja es erklärt gewissermaßen die seltsame Erscheinung, daß man dem einen Freunde wohl etwas anvertrauen mag, was man gern dem verschweigt, mit dem man vielleicht in noch vertrautern Verhältnissen lebt. Es ist eine Kunst in der Freundschaft wie in allen Dingen, und vielleicht daher, daß man sie nicht als Kunst erkennt und treibt, entspringt der Mangel an Freundschaft, über welchen alle Welt jezt klagt.
Hier kommen wir ja recht, rief Theodor lebhaft aus, in das Gebiet, in welchem unser Friedrich so gerne wandelt! Ihn muß man über diese Gegenstände reden hören, denn er verlangt und sieht allenthalben Geheimniß, das er nicht gestört wissen will, denn es ist ihm das Element der Freundschaft und Liebe. Verarge doch dem Freunde nicht, sprach er einmal, wenn du ahndest, daß er dir etwas verbirgt, denn dies ist ja nur der Beweis einer zärteren Liebe, einer Scheu, die sich ängstlich um dich bewirbt, und sittsam an dich schmiegt; o ihr Liebenden, vergeßt doch niemals, wie viel ihr wagt, wenn ihr ein Gefühl dem Worte anvertrauen wollt! was läßt sich denn überall in Worten sagen? Ist doch für vieles schon der Blick zu ungeistig und körperlich! -- O Brüder, Engelherzen, wie viel thörichtes Zeug wollen wir mit einander schwatzen!
Thöricht? sagte Anton etwas empfindlich; ja freilich, wie alles thöricht ist, was das Materielle zu verlassen strebt, und wie die Liebe selbst in dieser Hinsicht Krankheit zu nennen ist, wie Novalis so schön sagt. Hast du noch nie ein Wort bereut, das du selbst in der vertrautesten Stunde dem vertrautesten Freunde sagtest? Nicht, weil du ihn für einen Verräther halten konntest, sondern weil ein Gemüthsgeheimniß nur in einem Elemente schwebte, das so leicht seine rohe Natur dagegen wenden kann: ja du trauerst wohl selbst über manches, das der Freund in dein Herz nieder legen will, und das Wort klingt späterhin mißmüthig und disharmonisch in deiner innersten Seele wieder. Oder verstehst du dies so gar nicht und hast es nie erlebt?
Nicht böse, du lieber Kranker, sagte Theodor, indem er ihn umarmte; du kennst ja meine Art. Schatz, warst du denn nicht eben einverstanden darüber, daß es unter Freunden Mißverständnisse geben müsse? diese meine Dummheit ist auch ein Geheimniß, glaubt es nur, das ihr auf eine etwas zartere Art solltet zu ahnden oder zu entwirren streben.
Alle lachten, worauf Anton sagte: das Lachen wird mir noch beschwerlich und greift mich an, ich werde müde und matt in unsre Herberge ankommen. -- Er schöpfte hierauf wieder aus einem vorüberrollenden Bache etwas Wasser, um sich zu erquicken, und wies den Wein ab, den ihm Ernst anbot, indem er sagte: ihr könnt es nicht wissen, wie erquickend, wie paradiesisch dem Genesenden die kühle Woge ist; schon indem sie mein Auge sieht und mein Ohr murmeln hört, bin ich entzückt, ja Gedanken von frischen Wäldern und Wassern, von kühlenden Schatten säuseln immerfort anmuthig durch mein ermattendes Gemüth und fächeln sehnsuchtvoll die Hitze, die immer noch dort brennt. Viel zu körperlich und schwer ist dieser süße, sonst so labende Wein, zu heiß und dürr, und würde mir alle Träume meines Innern in ihrem lieblichen Schlummer stören.
Jeder nach seinem Geschmack, sagte Theodor, indem er einen herzhaften Trunk aus der Flasche that; es lebe die Verschiedenheit der Gesinnungen! Womit aber hast du dich in deiner Krankheit beschäftigen können?
Der Arzt verlangte, sagte Anton, ich sollte mich durchaus auf keine Weise beschäftigen, wie denn die Aerzte überhaupt Wunder von den Kranken fodern; ich weiß nicht, welche Vorstellungen der meinige von den Büchern haben mußte, denn er war hauptsächlich gegen das Lesen eingenommen, er hielt es in meinem Zustande für eine Art von Gift, und doch bin ich überzeugt, daß ich dem Lesen zum Theil meine Genesung zu danken habe.
Unmöglich, sagte Ernst, kann im Zustand des Fiebers, des Ueberreizes und der Abspannung diese Anstrengung eine heilsame sein, und ich fürchte, dein Arzt hat nur zu sehr Recht gehabt.
Was Recht! rief Anton aus; er hatte einen ganz falschen Begriff von der deutschen Literatur, so wie von meiner Kunst des Lesens, denn ich hütete mich wohl von selbst vor allem Vortrefflichen, Hinreißenden, Pathetischen und Speculativen, was mir in der That hätte übel bekommen können; sondern ich wandte mich in jene anmuthige Gegend, die von den Kunstverständigen meistentheils zu sehr verachtet und vernachlässigt wird, in jenen Wald voll ächt einheimischer und patriotischer Gewächse, die mein Gemüth gelinde dehnten, gelinde mein Herz bewegten, still mein Blut erwärmten, und mitten im Genuß sanfte Ironie und gelinde Langeweile zuließen. Ich versichre euch, einen Tempel der Dankbarkeit möcht' ich ihnen genesend widmen; und wie viele auch vortrefflich sein mögen, so waren es doch hauptsächlich drei Autoren, die ich studirt und ihre Wirkungen beobachtet habe.
Ich bin begierig, sagte Ernst.
Als ich am schwächsten und gefährlichsten war, fuhr Anton fort, begann ich sehr weislich, gegen des Arztes ausdrückliches Verbot, mit unserm deutschen La Fontaine. Denn ohne alles Lesen ängstigten mich meine Gedanken, die Trauer über meine Krankheit, tausend Plane und Vorstellungen so ab, daß ich in jener anbefohlnen Muße hätte zu Grunde gehen müssen. Kann man nun läugnen, daß dieser Autor nicht manches wahr und gut auffaßt, daß er manche Zustände, wie Charaktere, treffend schildert, und daß die meisten seiner Bücher sich durch eine gewisse Reinlichkeit der Schreibart empfehlen? Ohne alle Ironie sei es gesagt, viele seiner kleinen Erzählungen haben mich wahrhaft ergötzt und befriediget. Seine größeren Werke, denen die meisten dieser guten Eigenschaften abgehn, ersetzen diesen Mangel durch die unerschöpfliche Liebe, die schon in Kinderseelen heroisch arbeitet, durch einige Verführer im großen Styl und ansehnliche Gräuel, oder gar durch Kunsturtheile, die mich vorzüglich inniglich erfreuten, und die er leider seinen Büchern nur zu selten einstreut. Wie war ich hingerissen, als ich in einem seiner Romane an die ausgeführte Meinung gerieth, mit welcher er den Hogarth über Rafael setzt. Ja, meine Freunde, es giebt gewisse Vorstellungen, die unmittelbar uns Elasticität des Körpers und der Seele zuführen, und so schelte mir keiner die großartige Albernheit, denn ich war nach diesem Kapitel unverzüglich besser, und durfte doch noch keine China gebrauchen.
So, sagte Theodor, wurde der ganz gesunde Spartaner durch Tyrtäus Hymnenklang zum Kriegestanze beflügelt. Was folgte nun auf diese Periode?
Diese süßen Träume der Kindheit und Sehnsucht, fuhr Anton fort, lagen schon hinter mir, meine mündig werdende Phantasie forderte gehaltvolleres Wesen. Trefflich kamen meinem Bedürfniß alle die wundervollen, bizarren und tollen Romane unsers Spieß entgegen, von denen ich selbst die wieder las, die ich schon in früheren Zeiten kannte. Die Tage vergingen mir unglaublich schnell, und am Abend hatte ich freundliche Besuche, in deren Gesprächen die Töne jener gräßlichen, gespenstigen Begebenheiten wieder verhallten. So ward mein Leben zum Traum, und die angenehme Wiederkehr derselben Gegenstände und Gedanken fiel mir nicht beschwerlich, auch war ich nun schon so stark, daß ich einer guten Schreibart entbehren konnte, und die herzliche Abgeschmacktheit der Luftregenten, Petermännchen, Kettenträger, Löwenritter, gab mir durch die vielfache und mannichfaltige Erfindung einen stärkern Ton; meine Ironie konnte sich nun schon mit der Composition beschäftigen, und der Arzt fand die stärkenden Mittel so wie eine Nachlassung der zu strengen Diät erlaubt und nicht mehr gefährlich.
Wieder eine Lebens-Periode beendigt, sagte Theodor.
Nun war aber guter Rath theuer, sprach Anton weiter. Ich hatte die Schwärmereien des Jünglings überstanden, Geschichte und wirkliche Welt lockten mich an, zusammt der nicht zu verachtenden Lebens-Philosophie. Mein Fieber hatte zwar nachgelassen, konnte aber immer wieder gefährlich werden, ich litt unaussprechlichen Durst, und durfte nicht trinken, was mein Schmachten begehrte; immer nur wenig und nichts Kühles, und ich träumte nur von kalten Orangen, von Citronen, ja Essig, machte Salat in meiner Phantasie zu ungeheuern Portionen und verzehrte sie, trank aus Flaschen im Felsenkeller selbst den kühlsten Nierensteiner, und badete mich dann in Morgenluft in den Wogen des grün rauschenden Rheins. In dieser schwelgenden Stimmung begegnete mir nun der vortreffliche Cramer mit seinen Ritter- und andern Romanen, und wie soll ich wohl einem kalten, gesunden, vernünftigen Menschen, der trinken darf, wann und wie viel er will, die Wonne schildern, die mich auf meinem einsamen Lager diese vortreflichsten Werke genießen ließen? Ich kann nun sagen: werdet krank, lieben Freunde und leset, und ihr unterschreibt alles, was neben euch gehender Rezensent so eben behauptet.
Mäßige dich nur, sagte Theodor, sonst bist du gezwungen, wieder Wasser zu schöpfen, um dir den Kopf naß zu machen, und auf diesem anmuthigen Hügel haben wir keine Quelle in der Nähe.
Ja, rief Anton aus, Dank diesem biedersten Deutschen für seine Kämpen, für seinen Haspar a Spada und den Raugrafen zu Dassel! Wie saß ich mit ihnen allen zu Tische und sah und half die Kannen Rüdesheimer und Nierensteiner leeren; wir verachteten es, in Becher einzuschenken; nein, aus dem vollen Humpen selbst tranken wir Großherzigen das kühle, herrliche, duftende Naß, und ich lachte in dieser Gesellschaft meinen Arzt rechtschaffen aus: entzückt war ich mit dir, und begleitete dich bewundernd, du edelster Bomsen, ich zechte Zug für Zug mit dir, du Großer, der schon des Morgens um vier Uhr betrunken zu Rosse steigt, um Thaten eines deutschen Mannes adlich zu verrichten. Wie deine Gesinnungen, du großer Dichter, so ist auch dein Stil gediegen und deutsch, und alle die Prügel und Püffe, die den Feinden oder schlechten Menschen zugetheilt werden, oder gar den boshaften Pfaffen, waren mir eben so viele Herzstärkungen und Brownische Kurmittel, und darum trug ich auch kein Bedenken, deine vorzüglichsten Werke nach der Beendigung wieder von vorn zu beginnen, denn hier war ja Erfindung, Charakter, Essen, Trinken, Lebens-Philosophie, Wirklichkeit und Geschichte alles meiner drängenden Sehnsucht dargebracht, und alles gleich vortrefflich. Mein schmachtender Durst trieb sich nun nicht mehr in gigantischen Bildern zwecklos um, sondern fand seine Bahn vorgezeichnet und große Beispiele, denen er sich anschloß; nun träumte ich nicht mehr als Polyphem unter den steinernen Treppen eines Weinberges zu liegen, und daß sich vom Himmel herunter eine ungeheure Kelterpresse drücke, die mit Einem Wurf den ganzen Weinberg ausquetsche, so daß in Caskaden der Wein die Marmorstufen herunter rausche und wie in ein großes Bassin sich unten in meinen durstenden Schlund ergösse. Von diesen Riesenbildern war ich geheilt, und schon durft' ich mit Vorsicht kühlende Getränke genießen, schon widerstanden mir Fleischspeisen nicht mehr, und mein Arzt schrieb sich die Namen der vornehmsten Cramerschen Romane auf, um sie ähnlichen Kranken zu empfehlen; ich wandelte schon im Zimmer, sah bei der ersten Frühlingswärme aus dem Fenster, durfte wieder phantasiren, und nach einigen Wochen konnt' ich schon die Hoffnung fassen, bald dies Gebirge zu betreten, in welchem ich euch, ihr Lieben, zur Vollendung meiner Genesung, gefunden. -- Aber eilt, man läutet schon die Abendglocke, wir sind vor dem Städtchen, dort treffen wir die Freunde und vernehmen vielleicht wunderliche Dinge von ihnen.
* * * * *
Im Baumgarten des Gasthofes saßen am andern Morgen die fünf Vereinigten um einen runden Tisch, ihre Stimmung war heiter wie der schöne Morgen, nur Friedrich schien ernst und in sich gekehrt, so sehr auch Lothar jede Gelegenheit ergriff, ihn durch Scherz und Frohsinn zu ermuntern.
Warlich! rief Theodor aus, es giebt kein größeres Glück, als Freunde zu besitzen, sie nach Jahren in schöner Gegend in anmuthiger Frühlingszeit wieder zu finden, mit ihnen zu schwatzen, alle ihre Eigenheiten wieder zu erkennen, sich der Vergangenheit zu erinnern und mit dem Zutrauen allen in die Augen zu blicken, wie ich es Gottlob! hier thun kann. Nur der Friedrich ist nicht, wie sonst. Hast du Gram, mein Lieber?
Laß mich, guter heitrer Freund, sagte Friedrich, es soll nicht lange währen, so wirst du und ihr alle mehr von mir erfahren. Weißt du doch nicht, ob ich nicht vielleicht am Glücke krank liege.
Wenn das ist, sagte Theodor, so möge Gott nur den Arzt noch recht lange von dir entfernt halten. O wärst du doch lieber gar inkurabel! Aber leider ist die Heilung dieser Krankheit nur gar zu gewiß; o die Zeit, die böse, liebe, gute, alte, vergeßliche und doch mit dem unverwüstlichen Gedächtniß, das wiederkäuende große ernste Thier, die alles erzeugt und alles verwandelt, sie wird freilich machen, daß wir einer den andern und uns selbst nach wenigen Jahren mit ganz veränderten Augen ansehn.
Dadurch könntest du ihn noch trauriger machen, fiel Lothar ein: freilich will uns alles überreden, daß das Leben kein romantisches Lustspiel sei, wie etwa Was ihr wollt, oder Wie es euch gefällt, sondern daß es aus diesen Regionen entrinnt, wir möchten es auch noch so gerne so wollen und wenn es uns auch über die Maßen gefiele; der Himmel verhütet auch, daß es selten in ein großes Trauerspiel ausartet, sondern es verläuft sich freilich meist, wie viele unerquickliche Werke mit einzelnen schönen Stellen, oder gar wie der herrliche Rhein in Sand und Sumpf.
O nein, sagte Friedrich, glaubt es mir, meine Freunde, das Leben ist höheren Ursprungs, und es steht in unserer Gewalt, es seiner edlen Geburt würdig zu erziehn und zu erhalten, daß Staub und Vernichtung in keinem Augenblicke darüber triumphiren dürfen: ja, es giebt eine ewige Jugend, eine Sehnsucht, die ewig währt, weil sie ewig nicht erfüllt wird; weder getäuscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfüllt, damit sie nicht sterbe, denn sie sehnt sich im innersten Herzen nach sich selbst, sie spiegelt in unendlich wechselnden Gestalten das Bild der nimmer vergänglichen Liebe, das Nahe im Fernen, die himmlische Ferne im Allernächsten. Ist es denn möglich, daß der Mensch, der nur einmal aus dieser Quelle des heiligen Wahnsinnes trinken durfte, je wieder zur Nüchternheit, zum todten Zweifel erwacht?
Bei alledem, sagte Theodor, wäre ein Jungbrunnen, von dem die Alten gedichtet haben, nicht zu verschmähn; wär' es auch nur der grauen Haare wegen.
Wie könntet ihr, fuhr Friedrich fort, doch die Schönheit nur empfinden, oder gar lieben, wenn sie unverwüstlich wäre? Die süße Elegie in der Entzückung, die Wehklage um den Adonis und Balder ist ja der schmachtende Seufzer, die wollüstige Thräne in der ganzen Natur! dem Flüchtigen nacheilen, es festhalten wollen, das uns selbst in festgeschlossenen Armen entrinnt, dies macht die Liebe, den geheimnißvollen Zauber, die Krankheit der Sehnsucht, das vergötternde Schmachten möglich.
Und, fuhr Ernst fort, wie milde redet uns die Ewigkeit an mit ihrem majestätischen Antliz, wenn wir auch das nur als Schatten und Traum besitzen, oder uns ihm nähern können, was das Göttlichste dieser Erde ist? das muß ja unser Herz zum Unendlichen ermuntern und stärken, zur Tugend, zum Himmel, zu jener Schöne uns führen, die nie verblüht, deren Entzückung ewige Gegenwart ist.
Müßten wir nur nicht vorher aus dem Lethe trinken, sagte Anton, und zur Freude sprechen: Was willst du? und zum Lachen: du bist toll!
Theodor sprang vom Tische auf, umarmte jeden und schenkte von dem guten Rheinwein in die Römer: ei! rief er aus, daß wir wieder so beisammen sind! daß wir wieder einmal unsre zusammen gewickelten Gemüther durchklopfen und ausstäuben können, damit sich keine Motten und andres Gespinst in die Falten nisten! Wie wohl thut das dem deutschen Herzen beim Glase deutschen Weins! Ja, unsre Herzen sind noch frisch, wie ehedem, und daß sich auch keiner von uns das Tabackrauchen angewöhnt hat, thut mir in der Seele wohl.
Immer der Alte! sagte Lothar, du pflegst immer die Gespräche da zu stören, wo sie erst recht zu Gesprächen werden wollen; ich war begierig, wohin diese seltsamen Vorstellungen wohl führen, und wie diese Gedankenreihe oder dieser Empfindungsgang endigen möchte.
Wie? sagte Theodor, das kann ich dir aufs Haar sagen: sieh, Bruderseele, stehn wir erst an der Ewigkeit und solchen Gedanken oder Worten, die sich gleichsam ins Unendliche dehnen, so kömmt es mir vor wie ein Ablösen der Schildwachen, daß nun bald eine neue Figur auf derselben Stelle auf und ab spazieren soll. Ich wette, nach zweien Sekunden hätten sie sich angesehn, kein Wort weiter zu sagen gewußt, das Glas genommen, getrunken und sich den Mund abgewischt. »Weiter bringt es kein Mensch, stell' er sich auch wie er will.« -- O das ist das Erquickliche für unser einen, daß das Größte wieder so an das Kleinste gränzen muß, daß wir denn doch Alle Menschen, oder gar arme Sünder sind, jeder, nachdem sein Genius ihn lenkt.
Du scheust nur, sagte Anton, die liebliche Stille, das Säuseln des Geistes, welches in der Mitte der innigsten und höchsten Gedanken wohnt und dessen heilige Stummheit dem unverständlich ist, der noch nie an den Ohren ist beschnitten worden.
Ohren, antwortete Theodor, klingt im Deutschen immer gemein, Gehörwerkzeuge affektirt, Hörvermögen philosophisch, und die Hörer oder die Hörenden ist nicht gebräuchlich, kurzum, man kann sie selten nennen, ohne anstößig zu sein. Der Spanier vermeidet auch gern, so schlecht hin Ohren zu sagen. Am besten braucht man wohl Gehör, wo es paßt, oder das Ohr einzeln, wodurch sie beide gleich edler werden.
Dein Tabackrauchen hat aber das vorige Gespräch erstickt, sagte Lothar; freilich ist es die unkünstlerischste aller Beschäftigungen und der Genuß, der sich am wenigsten poetisch erheben läßt.