Part 19
Aber seht her, sagte Roderich, was ich von meinem Schneider eingekauft habe, der diesen kostbaren Schatz schon in Läppchen verschneiden wollte! Er hat diese Tracht von einer alten Gevatterin erhandelt, die damit gewiß bei Lucifer auf dem Blocksberge Galla gemacht hat. Seht dieses scharlachrothe Mieder, mit diesen goldenen Tressen und Franzen, und diese goldglänzende Haube, die mir unendlich ehrwürdig stehen muß, dazu nehm' ich diesen grünseidnen Rock mit safrangelbem Besatz und diese scheußliche Maske, und führe nachher als altes Weib den ganzen Chor der Carrikaturen in das Schlafzimmer. Macht, daß ihr fertig werdet! wir wollen dann feierlich die junge Frau abholen.
Die Hörner musizirten noch, die Gesellschaft wandelte im Garten, oder saß vor dem Hause. Die Sonne war hinter trüben Wolken untergegangen, und die Gegend lag im grauen Dämmer, als plötzlich unter der Wolkendecke der scheidende Stral noch einmal hervor brach, und rings die Gegend, vorzüglich aber das Gebäude mit seinen Gängen, Säulen und Blumengewinden, wie mit rothem Blute besprengte. Da sahen die Eltern der Braut, und die übrigen Zuschauer den abentheuerlichsten Zug nach dem obern Corredor schweben: Roderich als die rothe Alte voran, und ihr nachfolgend Bucklichte, dickbauchige Fratzen, ungeheure Perucken, Tartaglias, Policinells und gespenstische Pierrots, weibliche Figuren in ausgespannten Reifröcken und ellenhohen Frisuren, die widerwärtigsten Gestalten, alle wie aus einem ängstlichen Traum. Sie zogen gaukelnd und sich drehend und wackelnd, trippelnd und sich brüstend über den Gang, und verschwanden dann in eine der Thüren. Nur wenige der Zuschauer waren zum Lachen gekommen, so hatte sie der seltsamste Anblick überrascht. Plötzlich brach ein gellender Schrei aus den innern Zimmern, und hervor stürzte in das blutige Abendroth die bleiche Braut, im weißen kurzen Kleide, um welches Blumenranken flatterten; der schöne Busen ganz frei, die Fülle der Locken in Lüften schwebend. Wie wahnsinnig, die Augen rollend, das Gesicht entstellt, stürzte sie über die Gallerie, und fand in ihrer Angst verblindet keine Thür und Treppe, und gleich darauf, ihr nachrennend, Emil, den blanken türkischen Dolch in hoch erhobener Faust. Jezt war sie am Ende des Ganges, sie konnte nicht weiter, er erreichte sie. Die maskirten Freunde und die graue Alte waren ihm nach gestürzt. Aber schon hatte er wüthend ihre Brust durchbohrt, und den weißen Hals durchschnitten, ihr Blut strömte im Glanz des Abends. Die Alte hatte sich mit ihm umfaßt, ihn zurück zu reißen; kämpfend schleuderte er sich mit ihr über das Geländer, und beide fielen zerschmettert zu den Füßen der Verwandten nieder, die mit stummem Entsetzen der blutigen Scene zugeschaut hatten. Oben und im Hofe, oder von den Gallerien und Treppen herunter eilend, standen und rannten die scheußlichen Larven in mannichfaltigen Gruppen, höllischen Dämonen ähnlich.
Roderich nahm den Sterbenden in seine Arme. Mit dem Dolche spielend hatte er ihn im Zimmer seiner Gattin gefunden. Sie war fast angekleidet bei seinem Eintreten; beim Anblick des rothen widrigen Kleides hatte sich seine Erinnerung belebt, das Schreckbild jener Nacht war vor seine Sinne getreten; knirschend war er auf die zitternde, fliehende Braut zugesprungen, um den Mord und ihr teuflisches Kunststück zu bestrafen. Die Alte bestätigte sterbend den verübten Frevel, und das ganze Haus war plötzlich in Leid, Trauer und Entsetzen verwandelt worden.
* * * * *
Alle Zuhörer waren bewegt, am meisten aber Clara, die schon früher Zeichen von Ungeduld gegeben hatte. Nein! rief sie aus und erhob sich: es ist nicht auszuhalten! Diese Geschichten gehn zu schneidend durch Mark und Bein, und ich weiß mich vor Schauder in keinen meiner Gedanken mehr zu retten. Es ist geradezu abscheulich, dergleichen zu erfinden. Ich zittre und ängste mich, und vermuthe, daß aus jedem Busche, aus jeder Laube ein Ungeheuer auf mich zutreten möchte, daß die theuersten bekanntesten Gestalten sich plötzlich in fremd gespenstische Wesen verwandeln dürften, und man ist und bleibt thöricht, und hört zu, läßt sich von den Worten immer weiter und weiter verlocken, bis das ungeheuerste Grauen uns plötzlich erfaßt, und alle vorigen Empfindungen wie in einen Strudel gewaltthätig verschlingt. Es fängt an Abend zu werden, laßt uns hinein gehn und aufhören.
Das ist aber ganz gegen die Abrede, sagte Manfred; wollt ihr Weiber einer Akademie vorstehn und die Talente aufmuntern, so müßt ihr auch mehr Muth und Ausdauer haben. Kannst du den guten Lothar mit dieser unbilligen Kritik so kränken? Habt ihr es denn nicht vorher gewußt, daß man euch würde zu fürchten machen? Worüber beklagt ihr euch also? Mir hat seine Erzählung so wohl gefallen, daß ich, in Nachahmung Alexanders, ausrufen könnte: ich möchte diesen Liebeszauber geschrieben haben, wenn ich nicht meinen Runenberg gedichtet hätte! Darum, ihr Besten, laßt die Narrheit fahren und bleibt hübsch thöricht und in der Ordnung.
Diese Geschichte und die deinige, Bruder Manfred, sagte Auguste, haben uns eben alle Lust genommen, noch etwas anzuhören, denn sie sind zu gräßlich.
^Et tu, Brute?^ rief Manfred aus; Schwester, du bist ja meine Schwester, wir sind ja hoffentlich Ein Blut! nicht gegen die eigne Familie und das verwandte Fleisch richte dein Rezensenten-Wüthen. Und du, Clara, warum nicht deinen Zorn gegen unsern Anton wenden, der mit seinem Mährchen zuerst diesen Ton angegeben hat? Aber ich sehe wohl, wir Autoren stehen so wenig hier, wie irgend wo, vor einem unpartheiischen Richterstuhl; die Leidenschaften, Vorliebe und Haß regen sich bei jeder Rezensir-Anstalt. O wohin entfliehen aus dieser verderbten Welt? Ich werde von nun an gar kein Publikum mehr anerkennen!
Wir sollen also, sagte Rosalie sanft und erröthend, auch nicht einmal die kleine Genugthuung haben, zu schelten, wenn man uns durch die Mittel der Dichtkunst fast aus unsern Sinnen geängstigt hat?
Laßt es euch doch für diesmal so gefallen, sagte Manfred, wir wollen euch ein andermal einschläfern und Langeweile genug machen. Habt ihr aber was zu klagen, so klagt über Anton, den ihr selbst zum Könige dieses Tages erwählt habt, und der uns befohlen hat, dergleichen Zeug an den Tag zu fördern.
Es wäre unbillig, sagte Emilie, ihn zu schelten, der uns so anmuthig unterhalten hat, und der nur mit leisem Schreck, wie aus der Ferne, die Schilderung der stillen Einsamkeit wunderbarer und anziehender machte.
Wie ihr nun seid, fuhr Manfred fort, das eine ist vielleicht gut, und das andre darum noch nicht schlimm. Die Phantasie, die Dichtung also wollt ihr verklagen? Aber eure Wirklichkeit! Thut doch nur die Augen auf, angenehme Gegner und Widersacher, und seht, daß es dort, vor euren Augen, hinter eurem Rücken, wenn ihr euch nur erkundigt, weit schlimmer hergeht. Schlimmer und herber, und also auch viel gräßlicher, weil das Schrecken hier durch nichts Poetisches gemildert wird. Soll ich euch dergleichen Dinge aus dem alltäglichsten Leben, oder aus der Geschichte erzählen? Ich bin nicht von den schwächsten Nerven, aber ich weiß noch wohl, daß ich einige Nächte nicht schlafen konnte, weil mich das Bild des armen gefolterten Grandier die Tage hindurch bei allen meinen Geschäften verfolgte, so daß ich selbst das Buch, worin ich sein Schicksal gelesen, mit Grauen betrachtete. Dieser Mann, ein Geistlicher, ward durch den gemeinsten abgeschmacktesten Neid der Zauberei beschuldigt, unkluge Nonnen stellten sich besessen und klagten ihn als den Urheber ihres Zustandes an; Richelieu, der sich irrigerweise von dem gebildeten und nicht unwitzigen Manne beleidigt glaubte, ging in die verächtliche Kabale ein. Grandier lachte anfangs, aber er ward vor Gericht gezogen, unmenschlich, bis zum Sterben fast, zermartert, und dann auf die grausamste Weise verbrannt. Alle seine Richter waren von seiner Unschuld überzeugt, sein hoher Verfolger am innigsten; eine aufgeklärte witzige Nation spottete über den Prozeß, man besuchte von Paris die besessenen Nonnen als eine unterhaltende Abentheuerlichkeit: und doch wurde diese Abscheulichkeit verübt, unsern Tagen ziemlich nahe, in den Tagen der Philosophie (nicht etwa im sogenannten barbarischen Mittel-Alter), die ehrwürdige Form der Gerechtigkeit wurde gemißbraucht und geschändet, die Religion verhöhnt, und alles dies, worüber unser Eingeweide entbrennt und Rache schreit, hatte weiter keine Folgen, als daß die Pariser den Zermarterten gutmüthig bedauerten. Soll ich euch aus den ^causes celèbres^ diese ungeheure Begebenheit vorlesen? Oder jene Trauergeschichte, welche erzählt, wie ein Familien-Vater unschuldig auf die Galeeren gesandt wird und dort stirbt, sein Weib und seine unmündige Tochter aber lange im Kerker schmachten müssen, weil ein Prozeß über einen bedeutenden Diebstahl schlecht eingeleitet ward, und die Richter sich vom Stande des Klägers verleiten ließen, übereilt zu verfahren; der unschuldig Beklagte aber Vermögen, Ehre und Leben auf das schmählichste einbüßte? Die Kollekte, die das junge Mädchen nachher für ihre Mutter und sich erhielt und erbettelte, konnte ihnen den Vater nicht wieder geben, noch den ungeheuren Jammer von ihrer Seele nehmen. Nicht wahr, diese sind die ächten Gespenstergeschichten? Und wer lebt denn wohl, der nicht dergleichen zu erzählen wüßte, von der Grausamkeit der Menschen, der Bestechlichkeit der Aemter, der Unterdrückung des Armen? Von dem Elend, welches große und kleine Tyrannen erschaffen? Hier könnt ihr euch nirgend trösten und euch sagen: es ist nur ersonnen! die Kunstform beruhigt euer Gemüth nicht mit der Nothwendigkeit, ja ihr könnt oft in diesem Jammer nicht einmal ein Schicksal sehn, sondern nur das Blinde, Schreckliche, das was sagt: so ist es nun einmal! In dergleichen mährchenhaften Erfindungen aber kann ja dieses Elend der Welt nur wie von vielen muntern Farben gebrochen hineinspielen, und ich dächte, auch ein nicht starkes Auge müßte es auf diese Weise ertragen können.
Und wenn du auch Recht hättest, sagte Clara, so bleibe ich doch unerbittlich!
Nun gut, sagte Manfred,
Sei ganz ein Weib und gieb Dich hin dem Triebe, der dich zügellos Ergreift und dahin oder dorthin reißt.
Wie macht ihr Zarten, Weichen, Sanftgestimmten, es aber nur in unsern Theatern? Ich habe mich oft verwundern müssen, daß eure Nerven die Abscheulichkeiten aushalten können, die wir doch fast täglich dorten sehen und hören müssen. Ich rede nicht von jenen verfehlten Tragödien, die, um erhaben zu sein, das Oberste im Menschen zu unterst kehren, denn über diese kann man lächeln und sich an ihnen unterhalten, immer wird doch irgend eine That, Begebenheit oder Schicksal dargestellt, welches mich beruhigt, auch ist hie und da wohl ein Zug oder eine Scene gelungen, die für das Ganze dann gut stehn müssen; sondern von jenem kleinlichen Zwitterschauspiele spreche ich, von jenen Familiengemälden und Hofrathsstücken, von den Hunger- und Elends-Festen von der Noth und Angst, die bis in den fünften Akt die Seelen zerdrückt, und ein edles Mädchen fast dahin bringt, einen Lump zu heirathen und das brillanteste Herz sitzen zu lassen; oder wo ein hochstrebender Sohn den Vater bestiehlt und zur Verzweiflung bringt, oder Brüder mißhellig sind, Frauen den Schweiß des Gatten verschwenden, und so weiter: denn wer vermöchte die unendliche Variation des großen Einerlei auszusprechen? Bei diesen Jammer-Lustspielen, kann ich nicht läugnen, bin ich ein zu nervenschwacher Zuschauer, um nicht auf das Aeußerste verstimmt und im Innern unglücklich zu werden. Denn diese Dichter haben nicht daran genug, dergleichen Elend nach der Wahrheit zu schildern, wodurch ihre Kompositionen bloß unkünstlich würden, sondern sie ziehn mit einem Handgriff, den sie sich alle zu eigen gemacht haben, das Edelste und Höchste der Menschheit, Kindes- und Elternliebe, Freundschaft, die theuersten Verhältnisse, die menschlichsten, natürlichsten und herzlichsten Rührungen in ihre Karrikaturen hinein, und schlagen die Töne an, die immer anklingen müssen, wenn ein gutmüthiges Publikum kein heitres Kunstwerk, sondern nur eine prekaire Wahrheit verlangt, und erregen dadurch die Thränenschauer, auf welche sie in ihren Vorreden so stolz sind. Dieser Thränen (ich muß sie selbst vergießen, gesteh ich) sollten wir uns aber schämen, sie sollten uns gerade am meisten in Zorn gegen den Dichter entzünden, der das Höchste und Theuerste zum Niedrigsten macht, und auf dem Trödelmarkt ausbietet. Nicht wahr, es würde uns alle empören, ein Erbstück eines geliebten Vaters, das wir nur unserm kostbarsten Schranke anvertrauen, plötzlich in der schmuzigen Judengasse öffentlich ausstehn zu sehn? Gerade so empören mich jene Dinge, von denen sich unser Publikum so oft erhoben und gebessert fühlt, denn eben die unwürdigste Taschenspielerei jener Autoren ist es, an ihr Machwerk die Empfindungen zu knüpfen, die uns als Menschen ewig heilig und unverletzlich sein sollen.
Ich verstehe jezt, sagte Emilie, ihren Zorn etwas mehr, der mir oft genug paradox erschien, indem ich sah, daß sie sich einer gewissen Rührung nicht erwehren konnten.
Wie könnt ihr Weiber, fuhr Manfred in seinem Eifer fort, es nur dulden, daß man eure Mütterlichkeit, eure Liebe, euer zartes Hingeben, eure ehelichen Tugenden, eure Keuschheit, dort als verzerrte Bilder so öffentlich an den Pranger stellt? denn das ist es eigentlich, wie sehr sich alle diese Herren auch die Miene geben wollen, euch und euren Beruf zu verherrlichen. Und eben so mit den Romanen. In mein Haus soll mir gewiß kein Buch für Mütter, oder Gattinnen, oder Weiber wie sie sein sollen, und dergleichen Unkraut kommen, aus der Verkehrtheit unsers Treibens erwachsen und von der Eitelkeit des Zeitalters genährt. Und dieselben Herren, die dergleichen wahrhaft unmoralisches Zeug schreiben und preisen, wollen dem Bauer seinen Siegfried, Oktavian und Eulenspiegel nehmen, um die Moralität der niedern Stände nicht verderben zu lassen! Kann es etwas Tolleres und Verkehrteres geben?
Sollte denn aber, sagte Anton, meine Regierung gleich so verstümmelt beginnen, zum gefährlichen Beispiel aller meiner Thronfolger, und diese Abtheilung, die mir zugefallen ist, gar nicht vollendet werden? Was werden dazu unsre Freunde Friedrich, Wilibald und Theodor sagen? Warlich, wenn ich meine Pflicht nur irgend nachleben will, darf ich es nicht zugeben. Die liebenswürdige Clara wird also hiemit für eine Rebellin erklärt, und ihr eine Minute Frist gestattet, sich zu besinnen, widrigenfalls sie sich der Strafe aussetzen wird, daß man ihr ganz allein in der Einsamkeit die Oktavia, oder Armuth und Edelsinn, oder irgend etwas dem Aehnliches, Großartiges vorlesen soll.
Ich ergebe mich, sagte Clara; der furchtbare Herrscher, sehe ich, hat zu schreckliche Strafen in seiner Hand, er will uns zwar nicht mit Skorpionen, aber doch mit bösem Gewürm geißeln, und darum ziehe ich es vor, mich dem Lesen dieser Mährchen zu ergeben, wenn denn doch einmal gelesen werden soll. Nur lebe ich der Hoffnung, daß die drei Erzählungen, welche noch zurückbleiben, nicht ^crescendo^ dieses Grauen erhöhen, sondern uns ^decrescendo^ wieder in den ersten Ton zurück führen werden.
Vor allem laßt uns in den Saal treten, sagte Emilie; es ist ungewöhnlich kühl geworden, und unser genesender Beherrscher dürfte von der Abendluft mehr, wie wir von der Poesie zu befürchten haben.
Als man den Garten verlassen und sich im offnen Saale wieder geordnet hatte, sagte Theodor: ich kann wenigstens versichern, daß dasjenige, was ich mitzutheilen habe, schwerlich Schrecken erregen kann.
Von meiner Erfindung kann ich das nämliche zusagen, fügte Wilibald hinzu.
Wenn Friedrich uns dasselbe verspricht, sagte Clara, so möge denn also diese Mährchenwelt wieder erscheinen.
Nur mit Beschämung, sagte Friedrich, kann ich Ihnen diese Blätter mittheilen, da ich der einzige bin, der seine Erzählung nicht erfunden hat, sondern mich gezwungen sehe, Ihnen einen Jugendversuch vorzulegen, welcher nur eine alte Geschichte nacherzählt. Auch ist die Darstellung so gefaßt, daß ich fürchten muß, dem Gedicht das größte Unrecht gethan zu haben. Doch erlauben Sie mir ohne weitere Entschuldigung anzufangen.
Friedrich las: --
Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence. 1796
1. Vorbericht.
Ist es dir wohl schon je, vielgeliebter Leser, so recht traurig in die Seele gefallen, wie betrübt es sei, daß das rauschende Rad der Zeit sich immer weiter dreht, und daß bald das zu unterst gekehrt wird, was ehemals hoch oben war? So fährt Ruhm, Glanz, Pracht und weltberühmte Schönheit hin, wie goldene Abendwolken, die hinter fernen Bergen nieder sinken, und nur auf kurze Zeit noch schwachen gelblichen Schimmer hinter sich lassen: die Nacht tritt ernst und feierlich herauf, die schwarzen Heere von Wolken ziehn unter Sternenglanz auf und ab, und der letzte Schein erlöscht furchtsam; Wind fährt durch den Eichenforst und kein Hüttenbewohner denkt an die Röthe des Abends zurück. Im Winkel sitzt wohl ein Knabe in sich versunken und sieht im dämmernden Wiederschein der Lampe ein Bild der fröhlichen Morgenröthe; ihm dünkt, er höre schon die muntern Hähne krähen, und wie ein kühler Wind durch die Blätter rauscht und alle Blumen der Wiese aus ihrem stillen Schlafe weckt; er vergißt sich selbst und nickt nach und nach ein, indem das Feuer ausbrennt. Dann kommen Träume über ihn, dann sieht er alles im Glanze der Sonne vor sich: die wohlbekannte Heimath, über die wunderbare fremde Gestalten schreiten, Bäume wachsen hervor, die er nie gesehn, sie scheinen zu reden und menschlichen Sinn, Liebe und Vertrauen zu ihm ausdrücken zu wollen. Wie fühlt er sich der Welt befreundet, wie schaut ihn alles mit zärtlichem Wohlgefallen an! die Büsche flüstern ihm liebe Worte ins Ohr, indem er vorübergeht, fromme Lämmer drängen sich um ihn, die Quelle scheint mit lockendem Murmeln ihn mit sich nehmen zu wollen, das Gras unter seinen Füßen quillt frischer und grüner hervor.
Unter diesem Bilde mag dir, geliebter Leser, der Dichter erscheinen, und er bittet, daß du ihm vergönnen mögest, dir seinen Traum vorzuführen. Jene alte Geschichte, die manchen sonst ergötzte, die vergessen ward, und die er gern mit neuem Lichte bekleiden möchte.
Der Dichter sieht bemooste Leichensteine, Die keiner seiner Freunde kennt, Dann fühlt er, daß beim Mondenscheine Im Busen fromme Ahndung brennt: Er steht und sinnt, es rauschen alle Haine, Es flieht, was ihn von den Gestorbnen trennt, Freudigen Schrecks er sie als alte Freunde nennt.
Gern wandl' ich in der stillen Ferne, In unsrer Väter frommen Zeit, Ich seh, wie jeder sich so gerne Der alten guten Mährchen freut, Oft wiederholt ergötzen sie noch immer, Sie kehren wieder wie dasselbe Mal, Der Hörer fühlt des Lebens Lust und Quaal, Der Liebe holden Frühlingsschimmer.
Ob ihr die alten Töne gerne hört? Das Lied aus längst verfloßnen Tagen? Verzeiht dem Sänger, den es so bethört, Daß er beginnt das Mährchen anzusagen.
2. Wie ein fremder Sänger an den Hof des Grafen von Provence kam.
In der Provence herrschte vor langer Zeit ein Graf, der einen überaus schönen und herrlichen Sohn hatte, welcher als die Freude des Vaters und der Mutter erwuchs. Er war groß und stark, und glänzende blonde Haare flossen um seinen Nacken und beschatteten sein zartes jugendliches Gesicht; dabei war er in aller Waffenübung wohl erfahren, keiner führte im Lande und auch außerhalb die Lanze und das Schwerdt so wie er, so daß ihn Jung und Alt, Groß und Klein, Adel und Unadel bewunderte.
Er war oft gern in sich gekehrt, als wenn er irgend einem geheimen Wunsche nachginge, und viele erfahrene Leute glaubten und schlossen daher, er sei in Liebe; es wollte ihn darum keiner aus seinen Träumen aufwecken, weil sie wohl wußten, daß die Liebe ein süßer Ton ist, der im Ohre schläft und wie aus einem Traume seine phantasiereiche Melodie fortredet, so daß ihn der Beherberger selbst nur wie ein dunkles Räthsel versteht, geschweige denn ein Fremder, und daß er oft nur allzuschnell entflieht, und seine Wohnung in dem Aether und goldenen Morgenwolken wieder sucht.
Aber der junge Graf Peter kannte seine eigenen Wünsche nicht; es war ihm, als wenn ferne Stimmen unvernehmlich durch einen Wald riefen, er wollte folgen, und Furcht hielt ihn zurück, doch Ahndung drängte ihn vor.
Sein Vater gab ein großes Turnier, zu welchem viele Ritter geladen wurden. Es war ein Wunder anzusehn, wie der zarte Jüngling die Erfahrensten aus dem Sattel hob, so daß es auch allen Zuschauern unbegreiflich schien. Er ward von allen gerühmt und für den besten und stärksten geachtet; aber kein Lob machte ihn stolz, sondern er schämte sich manchmal selber, daß er so alte und würdige Rittersmänner sollte überwunden haben.
Unter andern war auch ein Sänger mit herbei gekommen, der viele fremde Länder gesehen hatte; er war kein Ritter, aber an Einsicht und Erfahrung übertraf er manchen Edlen. Dieser gesellte sich zu Graf Peter und lobte ihn ungemein, schloß aber seine Rede mit diesen Worten: Ritter, wenn ich euch rathen sollte, so müßt ihr nicht hier bleiben, sondern fremde Gegenden und Menschen sehn und wohl betrachten, auf daß sich eure Einsichten, die in der Heimath nur immer einheimisch bleiben, verbessern, und ihr am Ende das Fremde mit dem Bekannten verbinden könnt.
Er nahm seine Laute und sang:
Keinem hat es noch gereut, Der das Roß bestiegen, Und in frischer Jugendzeit Durch die Welt zu fliegen.
Berge und Auen, Einsamer Wald, Mädchen und Frauen Prächtig im Kleide, Golden Geschmeide, Alles erfreut ihn mit schöner Gestalt.
Wunderlich fliehen Gestalten dahin, Schwärmerisch glühen Wünsche in jugendlich trunkenem Sinn.
Ruhm streut ihm Rosen, Schnell in die Bahn, Lieben und Kosen, Lorbeer und Rosen Führen ihn höher und höher hinan.
Rund um ihn Freuden, Feinde beneiden, Erliegend, den Held, -- Dann wählt er bescheiden Das Fräulein, das ihm nur vor allen gefällt.
Und Berge und Felder Und einsame Wälder Mißt er zurück. Die Eltern in Thränen, Ach alle ihr Sehnen, -- Sie alle vereinigt das lieblichste Glück.
Sind Jahre verschwunden, Erzählt er dem Sohn In traulichen Stunden, Und zeigt seine Wunden, Der Tapferkeit Lohn. So bleibt das Alter selbst noch jung, Ein Lichtstrahl in der Dämmerung.
Der Jüngling hörte still dem Gesange zu; als er geendigt war, blieb er eine Weile in sich gekehrt, dann sagte er: ja, nunmehr weiß ich, was mir fehlt, ich kenne nun alle meine Wünsche, in der Ferne wohnt mein Sinn, und mancherlei wechselnde buntfarbige Bilder ziehn durch mein Gemüth. Keine größere Wollust für den jungen Rittersmann, als durch Thal und über Feld dahin ziehn: hier liegt eine hoch erhabene Burg im Glanz der Morgensonne, dort tönt über die Wiese durch den dichten Wald des Schäfers Schallmei, ein edles Fräulein fliegt auf einem weißen Zelter vorüber, Ritter und Knappen begegnen mir in blanker Rüstung und Abentheuer drängen sich; ungekannt zieh ich durch die berühmten Städte, der wunderbarste Wechsel, ein ewig neues Leben umgiebt mich, und ich begreife mich selber kaum, wenn ich an die Heimath und den stets wiederkehrenden Kreis der hiesigen Begebenheiten zurück denke. O ich möchte schon auf meinem guten Rosse sitzen, ich möchte sogleich dem väterlichen Hause Lebewohl sagen.