Part 13
Ein Sturm brach herein, und große Wolken flogen sausend über dem Walde hin, der Donner rollte, und Blitze fuhren in die hohen Eichen; von einem ungestümen Schrecken wurden alle angefaßt, und einzeln in den Gebüschen und auf den Fluren zerstreut. Das Roß des Herzogs rannte in das Dickicht hinein, sein Knappe vermochte nicht, ihm zu folgen; das edle Roß stürzte nieder, und der Burgund rief im Gewitter vergeblich nach seinen Dienern, denn es war keiner, der ihn hören mochte.
Wie ein wildes Thier war Eckart umher geirrt, ohne von sich, von seinem Unglücke etwas zu wissen, er hatte sich selber verloren und in dumpfer Betäubung seinen Hunger mit Kräutern und Wurzeln gesättigt; unkenntlich wäre der Held jezt jedem seiner Freunde gewesen, so hatten ihn die Tage seiner Verzweiflung entstellt. Wie der Sturm aufbrach, erwachte er aus seiner Betäubung, er fand sich in seinen Schmerzen wieder und erkannte sein Unglück. Da erhub er ein lautes Jammergeschrei um seine Kinder, er raufte seine weißen Haare und klagte im Brausen des Sturmes: Wohin, wohin seid ihr gekommen, ihr Theile meines Herzens? Und wie ist mir denn so alle Macht genommen, daß ich euren Tod nicht mindestens rächen darf? Warum hielt ich denn meinen Arm zurück, und gab nicht dem den Tod, der meinem Herzen den tödtlichsten Stich zutheilte? Ha, du verdienst es, Wahnsinniger, daß der Tyrann dich verhöhnt, weil dein unmächtiger Arm, dein blödes Herz nicht dem Mörder widerstrebt! Jezt, jezt sollte er so vor mir stehn! Vergeblich wünsch' ich jezt die Rache, da der Augenblick vorüber ist.
So kam die Nacht herauf, und Eckart irrte in seinem Jammer umher. Da hörte er aus der Ferne wie eine Stimme, die um Hülfe rief. Er richtete seine Schritte nach dem Schalle, und traf endlich in der Dunkelheit auf einen Mann, der an einen Baumstamm gelehnt, ihn wehmüthig bat, ihm wieder auf die rechte Straße zu helfen. Eckart erschrak vor der Stimme, denn sie schien ihm bekannt, und bald ermannte er sich und erkannte, daß der Verirrte der Herzog von Burgunden sei. Da erhub er seine Hand und wollte sein Schwerdt fassen, um den Mann nieder zu hauen, der der Mörder seiner Kinder war; es überfiel ihn die Wuth mit neuen Kräften, und er war des festen Willens, jenem den Garaus zu machen, als er plötzlich inne hielt, und seines Schwures und des gegebenen Wortes gedachte. Er faßte die Hand seines Feindes, und führte ihn nach der Gegend, wo er die Straße vermuthete.
Der Herzog sank darnieder Im wilden dunkeln Hain, Da nahm der Helde bieder Ihn auf die Schultern sein.
Er sprach: gar viel Beschwerden Mach' ich dir, guter Mann; Der sagte: auf der Erden Muß man gar viel bestahn.
Doch sollst du, sprach Burgund, Dich freun, bei meinem Worte, Komm ich nur erst gesund Zu Haus und sicherm Orte.
Der Held fühlt Thränen heiß Auf seinen alten Wangen, Er sprach: auf keine Weis' Trag ich nach Lohn Verlangen.
Es mehren sich die Plagen, Sprach der Burgund in Noth; Wohin willst du mich tragen? Du bist wohl gar der Tod? --
Tod bin ich nicht genannt, Sprach Eckart noch im Weinen, Du stehst in Gottes Hand, Sein Licht mag dich bescheinen.
Ach, wohl ist mir bewußt, Sprach jener drauf in Reue, Daß sündvoll meine Brust, Drum zittr' ich, daß er dräue.
Ich hab' dem treusten Freunde Die Kinder umgebracht, Drum steht er mir zum Feinde In dieser finstern Nacht.
Er war mir recht ergeben, Als wie der treuste Knecht, Und war im ganzen Leben Mir niemals ungerecht.
Die Kindlein ließ ich tödten, Das kann er nie verzeihn, Ich fürcht', in diesen Nöthen Treff' ich ihn hier im Hain:
Das sagt mir mein Gewissen, Mein Herze innerlich, Die Kind hab ich zerrissen, Dafür zerreißt er mich.
Der Eckart sprach: empfinden Muß ich so schwere Last, Weil du nicht rein von Sünden Und schwer gefrevelt hast.
Daß du den Mann wirst schauen, Ist auch gewißlich wahr, Doch magst du mir vertrauen, So krümmt er dir kein Haar.
So gingen sie in Gesprächen fort, als ihnen im Walde eine andre Mannsgestalt begegnete, es war Wolfram, der Knappe des Herzogs, der seinen Herrn schon seit lange gesucht hatte. Die dunkle Nacht lag noch über ihnen, und kein Sternlein blickte zwischen den schwarzen Wolken hervor. Der Herzog fühlte sich schwächer, und wünschte eine Herberge zu erreichen, in der er die Nacht schlafen möchte; dabei zitterte er, auf den Eckart zu treffen, der wie ein Gespenst vor seiner Seele stand. Er glaubte nicht den Morgen zu erleben, und schauderte von neuem zusammen, wenn sich der Wind wieder in den hohen Bäumen regte, wenn der Sturm von unten herauf aus den Bergschluften kam und über ihren Häuptern hinweg ging. Besteige, Wolfram, rief der Herzog in seiner Angst, diese hohe Tanne, und schaue umher, ob du kein Lichtlein, kein Haus, oder keine Hütte erspähst, zu der wir uns wenden mögen.
Der Knappe kletterte mit Gefahr seines Lebens zum hohen Tannenbaum hinauf, den der Sturm von einer Seite zur andern warf, und je zuweilen fast bis zur Erde den Wipfel beugte, so daß der Knappe wie ein Eichkätzlein oben schwankte. Endlich hatte er den Gipfel erklommen und rief: Im Thal da unten seh' ich den Schein eines Lichtes, dorthin müssen wir uns wenden! Sogleich stieg er ab und zeigte den beiden den Weg, und nach einiger Zeit sahen alle den erfreulichen Schein, worüber der Herzog anfing, sich wieder wohl zu gehaben. Eckart blieb immer stumm und in sich gekehrt, er sprach kein Wort und schaute seinen innern Gedanken zu. Als sie vor der Hütte standen, klopften sie an, und ein altes Mütterlein öffnete ihnen die Thür; so wie sie hinein traten, ließ der starke Eckart den Herzog von seinen Schultern nieder, der sich alsbald auf seine Knie warf und Gott in einem brünstigen Gebete für seine Rettung dankte. Eckart setzte sich in einen finstern Winkel nieder und traf dort den Greis schlafend, der ihm unlängst sein großes Unglück mit seinen Söhnen erzählt hatte, welche er aufzusuchen ging.
Als der Herzog sein Gebet vollendet, sprach er: Wunderbar ist mir in dieser Nacht zu Sinne geworden, und die Güte Gottes wie seine Allmacht haben sich meinem verstockten Herzen noch niemals so nahe gezeigt; auch daß ich bald sterbe, sagt mir mein Gemüth, und ich wünsche nichts so sehr, als daß Gott mir vorher meine vielen und schweren Sünden vergeben möge. Euch beide aber, die ihr mich hieher geführt habt, will ich vor meinem Ende noch belohnen, so viel ich kann. Dir, meinem Knappen, schenk' ich die beiden Schlösser, die hier auf den nächsten Bergen liegen; doch sollst du dich künftig, zum Gedächtniß dieser grauenvollen Nacht, den Tannenhäuser nennen. Und wer bist du, Mann, fuhr er fort, der sich dorten im Winkel gelagert hat? Komm hervor, damit ich auch dir für deine Mühe und Liebe lohnen möge.
Da stand der Eckart von der Erden Und trat herfür ans helle Licht, Er zeigt mit traurigen Geberden Sein hochbekümmert Angesicht.
Da fehlt dem Burgund Kraft und Muth, Den Blick des Mannes auszuhalten, Den Adern sein entweicht das Blut, In Ohnmacht ist er festgehalten.
Es stürzen ihm die matten Glieder Von neuem auf den Boden nieder. Allmächt'ger Gott! so schreit er laut, Du bist es, den mein Auge schaut? Wohin soll ich vor dir entfliehn? Mußt du mich aus dem Walde ziehn? Dem ich die Kinder hab' erschlagen, Der muß mich in den Armen tragen?
So klagt Burgund und weint im Sprechen, Und fühlt das Herz im Busen brechen, Er sinkt dem Eckart an die Brust, Ist sich sein selber nicht bewußt. -- Der Eckart leise zu ihm spricht: Der Schmach gedenk' ich fürder nicht, Damit die Welt es sehe frei, Der Eckart war dir stets getreu.
So verging die Nacht. Am andern Morgen kamen andre Diener, die den kranken Herzog fanden. Sie legten ihn auf Maulthiere und führten ihn in sein Schloß zurück. Eckart durfte nicht von seiner Seite kommen, oft aber nahm er seine Hand und drückte sie sich gegen seine Brust, und sah ihn mit einem flehenden Blicke an. Eckart umarmte ihn dann, und sprach einige liebevolle Worte, mit denen sich der Fürst beruhigte. Er versammelte alle seine Räthe um sich her, und sagte ihnen, daß er den Eckart, den getreuen Mann, zum Vormunde über seine Söhne setze, weil dieser sich als den edelsten erwiesen. So starb er.
Seitdem nahm sich Eckart der Regierung mit allem Fleiße an, und jedermann im Lande mußte seinen hohen männlichen Muth bewundern. Es währte nicht lange, so verbreitete sich in allen Gegenden das wunderbare Gerücht von dem Spielmanne, der aus dem Venusberge gekommen, das ganze Land durchziehe und mit seinen Tönen die Menschen entführe, welche verschwänden, ohne daß man eine Spur von ihnen wieder finden könne. Viele glaubten dem Gerüchte, andre nicht, und Eckart gedachte des unglücklichen Greises wieder.
Ich habe euch zu meinen Söhnen angenommen, sprach er zu den unmündigen Jünglingen, als er sich einst mit ihnen auf dem Berge vor dem Schlosse befand; euer Glück ist jezt meine Nachkommenschaft, ich will in eurer Freude nach meinem Tode fortleben. Sie lagerten sich auf dem Abhange, von wo sie weit in das schöne Land hinein sehn konnten, und Eckart unterdrückte das Andenken an seine Kinder, denn sie schienen ihm von den Bergen herüber zu schreiten, indem er aus der Ferne einen lieblichen Klang vernahm.
Kommt es nicht wie Träumen Aus den grünen Räumen Zu uns wallend nieder, Wie Verstorbner Lieder?
Spricht er zu den jungen Herrn, Vernimmt den Zauberklang von fern. Wie sich die Tön' herüberschwungen Erwachet in den frommen Jungen Ein seltsam böser Geist, Der sich nach unbekannter Ferne reißt.
Wir wollen in die Berge, in die Felder, Uns rufen die Quellen, es locken die Wälder, Gar heimliche Stimmen entgegen singen, Ins irdische Paradies uns zu bringen!
Der Spielmann kommt in fremder Tracht Den Söhnen Burgunds ins Gesicht, Und höher schwillt der Töne Macht, Und heller glänzt der Sonne Licht, Die Blumen scheinen trunken, Ein Abendroth nieder gesunken, Und zwischen Korn und Gräsern schweifen Sanft irrend blau und goldne Streifen.
Wie ein Schatten ist hinweg gehoben Was sonst den Sinn zur Erden zieht, Gestillt ist alles ird'sche Toben, Die Welt zu Einer Blum' erblüht, Die Felsen schwanken lichterloh, Die Triften jauchzen und sind froh, Es wirrt und irrt alles in die Klänge hinein Und will in der Freude heimisch sein, Des Menschen Seele reißen die Funken, Sie ist im holden Wahnsinn ganz versunken.
Es wurde Eckart rege Und wundert sich dabei, Er hört der Töne Schläge Und fragt sich, was es sei.
Ihm dünkt die Welt erneuet, In andern Farben blühn, Er weiß nicht, was ihn freuet, Fühlt sich in Wonne glühn.
Ha! bringen nicht die Töne, So fragt er sich entzückt, Mir Weib und liebe Söhne, Und was mich sonst beglückt?
Doch faßt ein heimlich Grauen Den Helden plötzlich an, Er darf nur um sich schauen Und fühlt sich bald ein Mann.
Da sieht er schon das Wüthen Der ihm vertrauten Kind, Die sich der Hölle bieten Und unbezwinglich sind.
Sie werden fortgezogen Und kennen ihn nicht mehr, Sie toben wie die Wogen Im wildempörten Meer.
Was soll er da beginnen? Ihn ruft sein Wort und Pflicht, Ihm wanken selbst die Sinnen, Er kennt sich selber nicht.
Da kömmt die Todesstunde Von seinem Freund zurück, Er höret den Burgunde Und sieht den letzten Blick.
So schirmt er sein Gemüthe Und steht gewappnet da, Indem kommt im Gemüthe Der Spielmann selbst ihm nah.
Er will den Degen schwingen Und schlagen jenes Haupt: Er hört die Pfeife klingen, Die Kraft ist ihm geraubt.
Es stürzen aus den Bergen Gestalten wunderlich, Ein wüstes Heer von Zwergen, Sie nahen grauerlich.
Die Söhne sind gefangen Und toben in dem Schwarm, Umsonst ist sein Verlangen, Gelähmt sein tapfrer Arm.
Es stürmt der Zug an Vesten, An Schlössern wild vorbei, Sie ziehn von Ost nach Westen Mit jauchzendem Geschrei.
Eckart ist unter ihnen, Es reißt die Macht ihn hin, Er muß der Hölle dienen, Bezwungen ist sein Sinn.
Da nahen sie dem Berge, Aus dem Musik erschallt, Und also gleich die Zwerge Stillstehn und machen Halt.
Der Fels springt von einander, Ein bunt Gewimmel drein, Man sieht Gestalten wandern Im wunderlichen Schein.
Da faßt er seinen Degen Und sprach: ich bleibe treu! Und haut mit Kraft verwegen In alle Schaaren frei.
Die Kinder sind errungen, Sie fliehen durch das Thal, Der Feind noch unbezwungen Mehrt sich zu Eckarts Quaal.
Die Zwerge sinken nieder, Sie fassen neuen Muth, Es kommen andre wieder, Und jeder kämpft mit Wuth.
Da sieht der Held schon ferne Die Kind in Sicherheit, Sprach: nun verlier' ich gerne Mein Leben hier im Streit.
Sein tapfres Schwerdt thut blinken Im hellen Sonnenstrahl, Die Zwerge niedersinken Zu Haufen dort im Thal.
Die Kinder sind entschwunden Im allerfernsten Feld, Da fühlt er seine Wunden, Da stirbt der tapfre Held.
So fand er seine Stunde Wild kämpfend wie der Leu, Und blieb noch dem Burgunde Im Tode selber treu.
Als nun der Held erschlagen Regiert der ältste Sohn, Dankbar hört man ihn sagen: Eckart hat meinen Thron
Erkämpft mit vielen Wunden Und seinem besten Blut, Und alle Lebensstunden Verdank' ich seinem Muth.
Bald hört man Wundersagen Im ganzen Land umgehn, Daß, wer es wolle wagen Der Venus Berg zu sehn,
Der werde dorten schauen Des treuen Eckart Geist, Der jeden mit Vertrauen Zurück vom Felsen weist.
Wo er nach seinem Sterben Noch Schutz und Wache hält. Es preisen alle Erben Eckart den treuen Held.
Zweiter Abschnitt.
Es waren mehr als vier Jahrhunderte seit dem Tode des getreuen Eckart verflossen, als am Hofe ein edler Tannenhäuser als kaiserlicher Rath im großen Ansehen stand. Der Sohn dieses Ritters übertraf an Schönheit alle übrigen Edlen des Landes, weswegen er auch von jedermann geliebt und hochgeschätzt wurde. Plötzlich aber verschwand er, nachdem sich einige wunderbare Dinge mit ihm zugetragen hatten, und kein Mensch wußte zu sagen, wohin er gekommen sei. Seit der Zeit des getreuen Eckart gab es vom Venusberge eine Sage im Lande, und manche sprachen, daß er dorthin gewandert und also auf ewig verloren sei.
Einer von seinen Freunden, Friedrich von Wolfsburg, härmte sich von allen am meisten um den jungen Tannenhäuser. Sie waren mit einander erwachsen und ihre gegenseitige Freundschaft schien jedem ein Bedürfniß seines Lebens geworden zu sein. Tannenhäusers alter Vater war gestorben, Friedrich vermälte sich nach einigen Jahren; schon umgab ihn ein Kreis von fröhlichen Kindern, und immer noch hatte er keine Nachricht von seinem Jugendfreunde vernommen, so daß er ihn auch für gestorben halten mußte.
Er stand eines Abends unter dem Thor seiner Burg, als er aus der Ferne einen Pilgrim daher kommen sah, der sich seinem Schlosse näherte. Der fremde Mann war in seltsame Tracht gekleidet, und sein Gang wie seine Geberden erschienen dem Ritter wunderlich. Als jener näher gekommen, glaubte er ihn zu kennen, und endlich war er mit sich einig, daß der Fremde kein anderer als sein ehemaliger Freund der Tannenhäuser sein könne. Er erstaunte und ein heimlicher Schauer bemächtigte sich seiner, als er die durchaus veränderten Züge deutlich gewahr wurde.
Die beiden Freunde umarmten sich, und erschraken dann einer vor dem andern, sie staunten sich an, wie fremde Wesen. Der Fragen, der verworrenen Antworten gab es viele; Friedrich erbebte oft vor dem wilden Blicke seines Freundes, in dem ein unverständliches Feuer brannte. Nachdem sich der Tannenhäuser einige Tage erholt hatte, erfuhr Friedrich, daß er auf einer Wallfahrt nach Rom begriffen sei.
Die beiden Freunde erneuerten bald ihre ehemaligen Gespräche und erzählten sich die Geschichte ihrer Jugend, doch verschwieg der Tannenhäuser noch immer sorgfältig, wo er seitdem gewesen. Friedrich aber drang in ihn, nachdem sie sich in ihre sonstige Vertraulichkeit wieder hinein gefunden hatten, jener suchte sich lange den freundschaftlichen Bitten zu entziehen, doch endlich rief er aus: Nun, so mag dein Wille erfüllt werden, du sollst alles erfahren, mache mir aber nachher keine Vorwürfe, wenn dich die Geschichte mit Bekümmerniß und Grauen erfüllt.
Sie gingen ins Freie und wandelten durch einen grünen Lustwald, wo sie sich niedersetzten, worauf der Tannenhäuser sein Haupt im grünen Grase verbarg und unter lautem Schluchzen seinem Freunde abgewandt die rechte Hand reichte, die dieser zärtlich drückte. Der trübselige Pilgrim richtete sich wieder auf, und begann seine Erzählung auf folgende Weise:
Glaube mir, mein Theurer, daß manchem von uns ein böser Geist von seiner Geburt an mitgegeben wird, der ihn durch das Leben dahin ängstigt und ihn nicht ruhen läßt, bis er an das Ziel seiner schwarzen Bestimmung gelangt ist. So geschahe mir, und mein ganzer Lebenslauf ist nur ein dauerndes Geburtswehe, und mein Erwachen wird in der Hölle sein. Darum habe ich nun schon so viele mühselige Schritte gethan, und so manche stehn mir noch auf meiner Pilgerschaft bevor, ob ich vielleicht beim heiligen Vater zu Rom Vergebung erlangen möchte: vor ihm will ich die schwere Ladung meiner Sünden ablegen, oder im Druck erliegen und verzweifelnd sterben.
Friedrich wollte ihn trösten, doch schien der Tannenhäuser auf seine Reden nicht sonderlich Acht zu geben, sondern fuhr nach einer kleinen Weile mit folgenden Worten fort: Man hat ein altes Mährchen, daß vor vielen Jahrhunderten ein Ritter mit dem Namen des getreuen Eckart gelebt habe; man erzählt, wie damals aus einem seltsamen Berge ein Spielmann gekommen sei, dessen wunderbarliche Töne so tiefe Sehnsucht, so wilde Wünsche in den Herzen aller Hörenden auferweckt haben, daß sie unwiderstreblich den Klängen nachgerissen worden, um sich in jenem Gebirge zu verlieren. Die Hölle hat damals ihre Pforten den armen Menschen weit aufgethan, und sie mit lieblicher Musik zu sich herein gespielt. Ich hörte als Knabe diese Erzählung oft und wurde nicht sonderlich davon gerührt, doch währte es nicht lange, so erinnerte mich die ganze Natur, jedweder Klang, jedwede Blume an die Sage von diesen herzergreifenden Tönen. Ich kann dir nicht ausdrücken, welche Wehmuth, welche unaussprechliche Sehnsucht mich plötzlich ergriff, und wie in Banden hielt und fortführen wollte, wenn ich dem Zug der Wolken nachsahe, die lichte herrliche Bläue erblickte, die zwischen ihnen hervordrang, welche Erinnerungen Wies' und Wald in meinem tiefsten Herzen erwecken wollten. Oft ergriff mich die Lieblichkeit und Fülle der herrlichen Natur, daß ich die Arme ausstreckte und wie mit Flügeln hineinstreben wollte, um mich, wie der Geist der Natur, über Berg und Thal auszugießen, und mich in Gras und Büschen allseitig zu regen und die Fülle des Segens einzuathmen. Hatte mich am Tage die freie Landschaft entzückt, so ängstigten mich in der Nacht dunkle Traumbilder und stellten sich grauenhaft vor mich hin, als wenn sie mir den Weg zu allem Leben versperren wollten. Vor allen ließ ein Traum einen unauslöschlichen Eindruck in meinem Gemüthe zurück, ob ich gleich nicht die Bilder deutlich wieder in meine Phantasie zurückrufen konnte. Mir dünkte, als wäre ein großes Gewühl in den Gassen, ich vernahm undeutliche Gespräche durcheinander, darauf ging ich, es war dunkle Nacht, in das Haus meiner Eltern, und nur mein Vater war zugegen und krank. Am nächsten Morgen fiel ich meinen Eltern um den Hals, umarmte sie inbrünstig und drückte sie an meine Brust, als wenn uns eine feindliche Gewalt von einander reißen wollte. Sollt' ich dich verlieren? sprach ich zum theuren Vater, o wie unglücklich und einsam wäre ich ohne dich in dieser Welt! Sie trösteten mich, aber es gelang ihnen nicht, das dunkle Bild aus meinem Gedächtnisse zu entfernen.
Ich ward älter, indem ich mich stets von andern Knaben meines Alters entfernt hielt. Oft streifte ich einsam durch die Felder, und so geschah es an einem Morgen, daß ich meinen Weg verlor, und in einem dunkeln Walde, um Hülfe rufend, herum irrte. Nachdem ich so lange Zeit vergeblich nach einem Wege gesucht hatte, stand ich endlich plötzlich vor einem eisernen Gatterwerk, welches einen Garten umschloß. Durch dasselbe sah ich schöne dunkle Gänge vor mir, Fruchtbäume und Blumen, voran standen Rosengebüsche, die im Schein der Sonne glänzten. Ein unnennbares Sehnen zu den Rosen ergriff mich, ich konnte mich nicht zurückhalten, ich drängte mich mit Gewalt durch die eisernen Stäbe, und war nun im Garten. Alsbald fiel ich nieder, umfaßte mit meinen Armen die Gebüsche, küßte die Rosen auf ihren rothen Mund, und ergoß mich in Thränen. Als ich mich eine Zeit in dieser Entzückung verloren hatte, kamen zwei Mädchen durch die Baumgänge, die eine älter, die andre von meinen Jahren. Ich erwachte aus meiner Betäubung, um mich einer höheren Trunkenheit hinzugeben. Mein Auge fiel auf die jüngere, und mir war in diesem Augenblicke, als würde ich von allen meinen unbekannten Schmerzen geheilt. Man nahm mich im Hause auf, die Eltern der beiden Kinder erkundigten sich nach meinem Namen, und schickten meinem Vater Botschaft, der mich gegen Abend selber wieder abholte.
Von diesem Tage hatte der ungewisse Lauf meines Lebens eine bestimmte Richtung gewonnen, meine Gedanken eilten immer wieder nach dem Schlosse und dem Mädchen zurück, denn hier schien mir die Heimath aller meiner Wünsche. Ich vergaß meiner gewohnten Freuden, ich vernachlässigte meine Gespielen, und besuchte oft den Garten, das Schloß und das Mädchen. Bald war ich dort wie ein Kind vom Hause, so daß man sich nicht mehr verwunderte, wenn ich zugegen war, und Emma ward mir mit jedem Tage lieber. So vergingen mir die Stunden, und eine Zärtlichkeit hatte mein Herz gefangen genommen, ohne daß ich es selber wußte. Meine ganze Bestimmung schien mir nun erfüllt, ich hatte keine andere Wünsche, als immer wieder zu kommen, und wenn ich fortging, dieselbe Aussicht auf den künftigen Tag zu haben.
Um die Zeit ward ein junger Ritter in der Familie bekannt, der auch zugleich ein Freund meiner Eltern war, und sich bald eben so, wie ich, an Emma schloß. Ich haßte ihn von diesem Augenblicke wie meinen Todfeind. Unbeschreiblich aber waren meine Gefühle, als ich wahrzunehmen glaubte, daß Emma seine Gesellschaft der meinigen vorziehe. Von dieser Stunde an war es, als wenn die Musik, die mich bis dahin begleitet hatte, in meinem Busen unterginge. Ich dachte nur Tod und Haß, wilde Gedanken erwachten in meiner Brust, wenn Emma nun auf der Laute die bekannten Gesänge sang. Auch verbarg ich meinen Widerwillen nicht, und bezeigte mich gegen meine Eltern, die mir Vorwürfe machten, wild und widerspenstig.
Nun irrte ich in den Wäldern und zwischen Felsen umher, gegen mich selber wüthend: den Tod meines Gegners hatte ich beschlossen. Der junge Ritter hielt nach einigen Monden bei den Eltern um meine Geliebte an, sie wurde ihm zugesagt. Was mich sonst wunderbar in der ganzen vollen Natur angezogen und gereizt hatte, hatte sich mir in Emmas Bilde vereiniget; ich wußte, kannte und wollte kein anderes Glück als sie, ja ich hatte mir willkührlich vorgesetzt, daß ihren Verlust und mein Verderben ein und derselbe Tag herbei führen solle.
Meine Eltern grämten sich über meine Verwilderung, meine Mutter war krank geworden, aber es rührte mich nicht, ich kümmerte mich wenig um ihren Zustand, und sah sie nur selten. Der Hochzeitstag meines Feindes rückte heran, und mit ihm wuchs meine Angst, die mich durch die Wälder und über die Berge trieb. Ich verwünschte Emma und mich mit den gräßlichsten Flüchen. Um die Zeit hatte ich keinen Freund, kein Mensch wollte sich meiner annehmen, weil mich alle verloren gaben.