Schriften 04: Phantasus 1

Part 10

Chapter 103,697 wordsPublic domain

Der Kleine schmeichelt' sich an mich, Drückt' an mein Knie mit Lächeln sich, Wandt' sich hieher und dorthin nun, Fast wie die jungen Kätzlein thun. Da gehn wir aus dem Haus, und warm Nimmt Sommer mich in seinen Arm, Die Lerch' in Lüften jubilirt, Hänfling und Drossel musizirt, Das Grün schmiegt sich um Plan und Hügel, Der Schmetterling wiegt Purpurflügel, Die Blumen roth, braun, gold und blau Stehn dicht gedrängt auf grüner Au, Die Bienen summen lustig, nippen Den Honigseim von Blumenlippen, Duft, röthlich Glanz kreucht aus dem Baum, Hängt von dem Zweig, ein süßer Traum. Wie ist, sprach ich, die Welt so bunt, Von neuem tönt und schwazt der Mund Der kindschen Quellen, Frühlings Hand Nahm von den Zungen ab das Band, Daß Winter jährlich um sie legt, Daß sich kein lautes Wörtchen regt, Die Sommergäst' auch sind mit Schalle Ins Land zurück gekommen alle. Indem wand sich der Buchenhain Vom Plane ab den Weg hinein, Der Glanz mit Grün schön war gemischt, Die stille Luft vom Wind erfrischt, Die wilden Tauben hört' ich girren, Zeisig und Fink in Nestern schwirren, Ein Duft süß aus den Bäumen floß, Ein Rieseln sänftlich sich ergoß Aus Tannenbäumen, die vom Winde Sanft angespielt erklangen linde, Das all war meinem kranken Leben Als Labsal und Arznei gegeben. Wo sind wir, Liebster? rief ich aus, Sei mir gegrüßt, du grünes Haus, Gegrüßt ihr frischen Bogengänge, Willkommen mir ihr Waldesklänge! Ich war noch nie in den Revieren, Sprich, wohin willst du mich denn führen? Er sagte nichts, nur freundlich winkt Sein Aug', das mir ins Auge blinkt. Einsamer ward der dichte Hain, Gespaltener des Lichtes Schein, Der sich in Gattern um uns legte Und mit des Luftes Zug bewegte; Da hört' ich Wild von ferne schrein, Da sangen fremde Vögel drein Mit wundersamen Ton, es klangen Viel Bächlein, die aus Felsen sprangen, Wie Schatten zog es her und hin, Ein Schauer flog durch meinen Sinn. Nun wars, als hört' ich Kinder plaudern, Hin lief ich ohne länger Zaudern, Und als ich nach dem Ort gekommen, Von wo ich erst den Ton vernommen, Da that sich auf des Waldes Dunkel, Und vor mir lag ein hell Gefunkel, Roth sah ich wilde Nelken blühn, Sammt lichten Sternen von Jasmin, Und duftend Kraut Je länger lieber, Das rankte eine Grott' hinüber, An die sich hoch der Epheu schlang, Und aus der Höhle kam Gesang. Da schaut ich in den Fels hinein, Dort saß ein Bild mit lichtem Schein, Güldnes Gewand den Leib umfloß, An den sich Spang' und Gürtel schloß, Das Antliz bleich, entfärbt die Wange, Sie schien in Furcht und Zittern bange Und schloß sich an ein Mannsgebild, Das schaute aus den Augen wild, Doch lächelt' er mit Freundlichkeit: Er war in schwarz Gewand gekleidt, Ein dunkles Haar hing um das Haupt, Er trug von wildem Wein umlaubt Den güldnen Stab in seiner Hand, Geflochten war um sein Gewand Epheu und Tannenzweig' in Kränzen, Wozwischen rothe Rosen glänzen; Er sprach und sang der Schönen vor, Und flüsterte ihr oft ins Ohr. Da fragt' ich: Kind, wer sind die beide? Der Knabe sprach: im schwarzen Kleide Der ist der Schreck, von Mährchen alten Beschreibt er gern die Schau'rgestalten; Das Mägdlein da im lichten Kleid Ist meine liebe Albernheit, Sie ängstet sich und um so gerner Hört sie den andern reden ferner, Sie fürchtet sich vor dem Erschrecken, Läßt sich doch spielend davon necken, Sie lächelt, und vor Schauder weint Ihr Lachen, das in Thränen scheint, Sie freut sich und wird voraus bleich, So spielt sie mit dem Geisterreich, Wenn Schreck ihr sagt: nun sprech' ich jezt, Was dich recht durch und durch entsetzt! Dann bittet sie: so schweige lieber, -- Nein, spricht sie dann, erzähl' es, Lieber; Nun rauscht der schwarze Tannenhain, Dann weinen Felsenbäche drein, Sie meint, sie stirbt vor Angst und Schmerz Und drückt dem Schreck sich fest ans Herz. Da sah ich einen Kleinen gaukeln Und sich in allen Blumen schaukeln, Ein herzigs Kind, das auf und nieder Im Tanze schwang die zarten Glieder, Bald klettert' es in Epheuranken Und ließ sich kühn vom Winde schwanken, Bald stand oben am Fels der Lose Und duckte sich in eine Rose. So eilig, daß der Stengel knickte Wie er sich in die Röthe bückte, Dann fiel er lachend auf die Au Und war benetzt vom Rosenthau: In Blättern, aus Jasmin gezogen, Beschifft' er dann des Baches Wogen, Und bracht' als Kriegsgefangne heim Die Bienen mit dem Honigseim; Dann sucht' er Muscheln sich im Sande Und Stein' und Kiesel vielerhande, Und putzte drin das Felsenhaus Mit vielen artgen Schnörkeln aus: Auf einmal ließ er alles liegen Und schien durch Lüfte schnell zu fliegen, Nun auf dem höchsten Tannenbaum Stand er und übersah den Raum, Mit Riesenstärke bog er dann Des Baumes Wipfel auf den Plan Und ließ ihn dann zurücke schießen; Des Baches Wogen mußten fließen In Wasserfällen laut und brausend, Der mächtge Wald dazwischen sausend, Ein furchtbar Echo, das von oben Hin durch den Thalgrund sprach mit Toben, Dazu des Donners Krachen viel, Schien alles ihm nur Harfenspiel. Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg, War jezt großmächtig wie ein Berg, Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf, Zur Höhe des Gebirgs hinauf, Riß aus der Wurzel mächtge Felsen, Die ließ er sich zum Thale wälzen Mit lautem Donnern, furchtbarm Krachen, Das machte ihn von Herzen lachen, Wie sie im Pürzen, Springen, Kollern, So ungeschlacht zur Ebne schollern, Wie sie die nackten Hauer fletschen Und Wald und Berg im Sturz zerquetschen. Da war ich bang und furchtsam fast, Ich sprach: wer ist der schlimme Gast, Der erst ein Kindlein thörigt spielte, An Bienen nur sein Müthlein kühlte, Ein Tandmann schien, doch nun erwachsen So ungeheuer, ungelachsen, Daß kaum noch so viel Kraft der Welt, Daß sie ihn sich vom Halse hält? Das ist der Scherz, so sprach mein Freund, Der Groß und Klein dasselbe scheint; Oft ist er zart und lieb unschuldig, Doch wird er wild und ungeduldig, So kühlt er seinen Muth, den frechen, Und all's muß biegen oder brechen. -- Kann man nicht, fragt' ich, Sitt' ihm lehren? -- Das hieß ihn nur, sprach er, verkehren, Er acht't kein noch so klug Gebot, Und schreit nur, das thut mir nicht noth! So lassen sie ihm seinen Willen. -- Da schlug urplötzlich aus dem Stillen Der Sang von tausend Nachtigallen, Die ließen ihre Klage schallen, Und aus dem grünen Waldesraum Erglänzt' ein leuchtend goldner Saum, Von Purpurkleidern, die erbeben In Gluth, wie sich die Glieder heben Vom schönsten weiblichen Gebilde, Sie schritt nun lächelnd zum Gefilde, Und kam aus dunkelm Wald hervor Wie Sonne durch des Morgens Thor, Das goldne Haar in Wellen fließend, Das lichte Aug' die Welt begrüßend, Das rothe Lächeln Wonne streuend, Des Leibes Glanz rings all erfreuend; So wie die Augen leuchtend gingen, Die Blumen an zu blühen fingen, Das Gras ward grüner, Wonnebeben Schien Stein und Felsen zu beleben, Die Wasser jauchzten, und im Innern Bewegt ein seliges Erinnern Der Erde allertiefstes Herz, Demant erwuchs und Goldes-Erz. Wer ist, fragt ich, die dort regiert, So zart und edel gliedmasirt, Die Klare, Holde, minniglich'? Nenn' ihren Namen, Knabe, sprich! Dir ist es also nicht bewußt, Sprach, Phantasus, in deiner Brust, Was Thier' und Pflanzen, Stein' empfinden, Ich muß dir ihren Namen künden? Die Liebe ist sie! Und alsbald Kannt' ich die göttliche Gestalt, Ich sprach im Flehn zu ihr: demüthig Komm' ich zu dir, o sei mir gütig, Wie du die ganze Welt beglückst, In jedes Herz die Wonne schickst, Gedenke mein, laß nicht mein Leben Als liebeleeren Traum verschweben. Gebietend hob sie auf die Hand, Da kamen aus dem grünen Land, Von Bergen, aus dem niedern Thal, Die Geister wimmelnd ohne Zahl, Aus Bächen huben sie sich schnell Und leuchteten von Schimmern hell, Die Bäume thaten all sich auf, Es sprangen vor mit munterm Lauf, Die zarten Elfen, und aus kleinen Blümlein wollten sie auch erscheinen, Gar klein gestalt, in Farben bunt: Da sang ein tausendfacher Mund Der hohen Göttin Lob und Dank, Gar wundersam war der Gesang, Sie sonnten sich in ihrem Lächeln Berauscht von ihres Othems Fächeln. Da wandt' sich Phantasus zu mir: Nun, Werther, wie gefällts dir hier? Ich wollte sprechen: seeliglich Dünkt mir dies Leben sicherlich, Doch nahm der allergrößte Schreck Mir plötzlich Stimm und Othem weg; Was ich für Grott' und Berg gehalten, Für Wald und Flur und Felsgestalten, Das war ein einzigs großes Haupt, Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt, Still lächelt er, daß seine Kind' In Spielen glücklich vor ihm sind, Er winkt, und ahndungsvolles Brausen Wogt her in Waldes heil'gem Sausen, Da fiel ich auf die Knie nieder, Mir zitterten in Angst die Glieder, Ich sprach zum Kleinen nur das Wort: Sag an, was ist das Große dort? Der Kleine sprach: Dich faßt sein Graun, Weil du ihn darfst so plötzlich schaun, Das ist der Vater, unser Alter, Heißt Pan, von allem der Erhalter. -- Ein mächt'ger Schauder faßte mich, Mit Zittern schnell erwachte ich, Und so bewegt von dem Gesicht Verkünd' ichs euch, verschweig' es nicht.

* * * * *

Nach einer Pause sagte Clara: ich glaube Ihren Sinn zu verstehn, aber unartig, ja grausam finde ich es, daß Sie über Ihre Krankheit scherzen, und zur Strafe dafür sollen Sie uns ohne auszuruhen sogleich das erste Mährchen mittheilen, denn ich hörte gestern, daß Ihnen der Beginn dieser Erzählungen zugesprochen sei. Anton fing an zu lesen.

Der blonde Eckbert. 1796.

In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den man gewöhnlich nur den blonden Eckbert nannte. Er war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von mittler Größe, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und dicht an seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er lebte sehr ruhig für sich und war niemals in den Fehden seiner Nachbarn verwickelt, auch sah man ihn nur selten außerhalb den Ringmauern seines kleinen Schlosses. Sein Weib liebte die Einsamkeit eben so sehr, und beide schienen sich von Herzen zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich darüber, daß der Himmel ihre Ehe mit keinen Kindern segnen wolle.

Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht, und wenn es auch geschah, so wurde ihretwegen fast nichts in dem gewöhnlichen Gange des Lebens geändert, die Mäßigkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit selbst schien alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter und aufgeräumt, nur wenn er allein war, bemerkte man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine stille zurückhaltende Melankolie.

Niemand kam so häufig auf die Burg als Philipp Walther, ein Mann, dem sich Eckbert angeschlossen hatte, weil er an diesem ohngefähr dieselbe Art zu denken fand, der auch er am meisten zugethan war. Dieser wohnte eigentlich in Franken, hielt sich aber oft über ein halbes Jahr in der Nähe von Eckberts Burg auf, sammelte Kräuter und Steine, und beschäftigte sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er lebte von einem kleinen Vermögen und war von Niemand abhängig. Eckbert begleitete ihn oft auf seinen einsamen Spaziergängen, und mit jedem Jahre entspann sich zwischen ihnen eine innigere Freundschaft.

Es giebt Stunden, in denen es den Menschen ängstigt, wenn er vor seinem Freunde ein Geheimniß haben soll, was er bis dahin oft mit vieler Sorgfalt verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen Trieb, sich ganz mitzutheilen, dem Freunde auch das Innerste aufzuschließen, damit er um so mehr unser Freund werde. In diesen Augenblicken geben sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und zuweilen geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft des andern zurück schreckt.

Es war schon im Herbst, als Eckbert an einem neblichten Abend mit seinem Freunde und seinem Weibe Bertha um das Feuer eines Kamines saß. Die Flamme warf einen hellen Schein durch das Gemach und spielte oben an der Decke, die Nacht sah schwarz zu den Fenstern herein, und die Bäume draußen schüttelten sich vor nasser Kälte. Walther klagte über den weiten Rückweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm vor, bei ihm zu bleiben, die halbe Nacht unter traulichen Gesprächen hinzubringen, und dann in einem Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen. Walther ging den Vorschlag ein, und nun ward Wein und die Abendmahlzeit hereingebracht, das Feuer durch Holz vermehrt, und das Gespräch der Freunde heitrer und vertraulicher.

Als das Abendessen abgetragen war, und sich die Knechte wieder entfernt hatten, nahm Eckbert die Hand Walthers und sagte: Freund, ihr solltet euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen, die seltsam genug ist. -- Gern, sagte Walther, und man setzte sich wieder um den Kamin.

Es war jezt gerade Mitternacht, der Mond sah abwechselnd durch die vorüber flatternden Wolken. Ihr müßt mich nicht für zudringlich halten, fing Bertha an, mein Mann sagt, daß ihr so edel denkt, daß es unrecht sei, euch etwas zu verhehlen. Nur haltet meine Erzählung für kein Mährchen, so sonderbar sie auch klingen mag.

Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. Die Haushaltung bei meinen Eltern war nicht zum Besten bestellt, sie wußten sehr oft nicht, wo sie das Brod hernehmen sollten. Was mich aber noch weit mehr jammerte, war, daß mein Vater und meine Mutter sich oft über ihre Armuth entzweiten, und einer dem andern dann bittere Vorwürfe machte. Sonst hört' ich beständig von mir, daß ich ein einfältiges dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschäft auszurichten wisse, und wirklich war ich äußerst ungeschickt und unbeholfen, ich ließ alles aus den Händen fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich konnte nichts in der Wirthschaft helfen, nur die Noth meiner Eltern verstand ich sehr gut. Oft saß ich dann im Winkel und füllte meine Vorstellungen damit an, wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich plötzlich reich würde, wie ich sie mit Gold und Silber überschütten und mich an ihrem Erstaunen laben möchte, dann sah ich Geister herauf schweben, die mir unterirdische Schätze entdeckten, oder mir kleine Kiesel gaben, die sich in Edelsteine verwandelten, kurz, die wunderbarsten Phantasien beschäftigten mich, und wenn ich nun aufstehn mußte, um irgend etwas zu helfen, oder zu tragen, so zeigte ich mich noch viel ungeschickter, weil mir der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte.

Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, daß ich eine so ganz unnütze Last des Hauswesens sei, er behandelte mich daher oft ziemlich grausam, und es war selten, daß ich ein freundliches Wort von ihm vernahm. So war ich ungefähr acht Jahr alt geworden, und es wurden nun ernstliche Anstalten gemacht, daß ich etwas thun, oder lernen sollte. Mein Vater glaubte, es wäre nur Eigensinn oder Trägheit von mir, um meine Tage in Müssiggang hinzubringen, genug, er setzte mir mit Drohungen unbeschreiblich zu, da diese aber doch nichts fruchteten, züchtigte er mich auf die grausamste Art, indem er sagte, daß diese Strafe mit jedem Tage wiederkehren sollte, weil ich doch nur ein unnützes Geschöpf sei.

Die ganze Nacht hindurch weint' ich herzlich, ich fühlte mich so außerordentlich verlassen, ich hatte ein solches Mitleid mit mir selber, daß ich zu sterben wünschte. Ich fürchtete den Anbruch des Tages, ich wußte durchaus nicht, was ich anfangen sollte, ich wünschte mir alle mögliche Geschicklichkeit und konnte gar nicht begreifen, warum ich einfältiger sei, als die übrigen Kinder meiner Bekanntschaft. Ich war der Verzweiflung nahe.

Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete, fast ohne daß ich es wußte, die Thür unsrer kleinen Hütte. Ich stand auf dem freien Felde, bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch hinein blickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, ich fühlte keine Müdigkeit, denn ich glaubte immer, mein Vater würde mich noch wieder einholen, und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer behandeln.

Als ich aus dem Walde wieder heraus trat, stand die Sonne schon ziemlich hoch, ich sah jezt etwas Dunkles vor mir liegen, welches ein dichter Nebel bedeckte. Bald mußte ich über Hügel klettern, bald durch einen zwischen Felsen gewundenen Weg gehn, und ich errieth nun, daß ich mich wohl in dem benachbarten Gebirge befinden müsse, worüber ich anfing mich in der Einsamkeit zu fürchten. Denn ich hatte in der Ebene noch keine Berge gesehn, und das bloße Wort Gebirge, wenn ich davon hatte reden hören, war meinem kindischen Ohr ein fürchterlicher Ton gewesen. Ich hatte nicht das Herz zurück zu gehn, meine Angst trieb mich vorwärts; oft sah ich mich erschrocken um, wenn der Wind über mir weg durch die Bäume fuhr, oder ein ferner Holzschlag weit durch den stillen Morgen hintönte. Als mir Köhler und Bergleute endlich begegneten und ich eine fremde Aussprache hörte, wäre ich vor Entsetzen fast in Ohnmacht gesunken.

Ich kam durch mehrere Dörfer und bettelte, weil ich jezt Hunger und Durst empfand, ich half mir so ziemlich mit meinen Antworten durch, wenn ich gefragt wurde. So war ich ohngefähr vier Tage fortgewandert, als ich auf einen kleinen Fußsteig gerieth, der mich von der großen Straße immer mehr entfernte. Die Felsen um mich her gewannen jezt eine andre, weit seltsamere Gestalt. Es waren Klippen, so auf einander gepackt, daß es das Ansehn hatte, als wenn sie der erste Windstoß durch einander werfen würde. Ich wußte nicht, ob ich weiter gehn sollte. Ich hatte des Nachts immer im Walde geschlafen, denn es war gerade zur schönsten Jahrszeit, oder in abgelegenen Schäferhütten; hier traf ich aber gar keine menschliche Wohnung, und konnte auch nicht vermuthen, in dieser Wildniß auf eine zu stoßen; die Felsen wurden immer furchtbarer, ich mußte oft dicht an schwindlichten Abgründen vorbeigehn, und endlich hörte sogar der Weg unter meinen Füßen auf. Ich war ganz trostlos, ich weinte und schrie, und in den Felsenthälern hallte meine Stimme auf eine schreckliche Art zurück. Nun brach die Nacht herein, und ich suchte mir eine Moosstelle aus, um dort zu ruhn. Ich konnte nicht schlafen; in der Nacht hörte ich die seltsamsten Töne, bald hielt ich es für wilde Thiere, bald für den Wind, der durch die Felsen klage, bald für fremde Vögel. Ich betete, und ich schlief nur spät gegen Morgen ein.

Ich erwachte, als mir der Tag ins Gesicht schien. Vor mir war ein steiler Felsen, ich kletterte in der Hoffnung hinauf, von dort den Ausgang aus der Wildniß zu entdecken, und vielleicht Wohnungen oder Menschen gewahr zu werden. Als ich aber oben stand, war alles, so weit nur mein Auge reichte, eben so, wie um mich her, alles war mit einem neblichten Dufte überzogen, der Tag war grau und trübe, und keinen Baum, keine Wiese, selbst kein Gebüsch konnte mein Auge erspähn, einzelne Sträucher ausgenommen, die einsam und betrübt in engen Felsenritzen empor geschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht ich empfand, nur eines Menschen ansichtig zu werden, wäre es auch, daß ich mich vor ihm hätte fürchten müssen. Zugleich fühlte ich einen peinigenden Hunger, ich setzte mich nieder und beschloß zu sterben. Aber nach einiger Zeit trug die Lust zu leben dennoch den Sieg davon, ich raffte mich auf und ging unter Thränen, unter abgebrochenen Seufzern den ganzen Tag hindurch; am Ende war ich mir meiner kaum noch bewußt, ich war müde und erschöpft, ich wünschte kaum noch zu leben, und fürchtete doch den Tod.

Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher zu werden, meine Gedanken, meine Wünsche lebten wieder auf, die Lust zum Leben erwachte in allen meinen Adern. Ich glaubte jezt das Gesause einer Mühle aus der Ferne zu hören, ich verdoppelte meine Schritte, und wie wohl, wie leicht ward mir, als ich endlich wirklich die Gränzen der öden Felsen erreichte; ich sah Wälder und Wiesen mit fernen angenehmen Bergen wieder vor mir liegen. Mir war, als wenn ich aus der Hölle in ein Paradies getreten wäre, die Einsamkeit und meine Hülflosigkeit schienen mir nun gar nicht fürchterlich.

Statt der gehofften Mühle stieß ich auf einen Wasserfall, der meine Freude freilich um vieles minderte; ich schöpfte mit der Hand einen Trunk aus dem Bache, als mir plötzlich war, als höre ich in einiger Entfernung ein leises Husten. Nie bin ich so angenehm überrascht worden, als in diesem Augenblick, ich ging näher und ward an der Ecke des Waldes eine alte Frau gewahr, die auszuruhen schien. Sie war fast ganz schwarz gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckte ihren Kopf und einen großen Theil des Gesichtes, in der Hand hielt sie einen Krückenstock.

Ich näherte mich ihr und bat um ihre Hülfe; sie ließ mich neben sich niedersitzen und gab mir Brod und etwas Wein. Indem ich aß, sang sie mit kreischendem Ton ein geistliches Lied. Als sie geendet hatte, sagte sie mir, ich möchte ihr folgen.

Ich war über diesen Antrag sehr erfreut, so wunderlich mir auch die Stimme und das Wesen der Alten vorkam. Mit ihrem Krückenstocke ging sie ziemlich behende, und bei jedem Schritte verzog sie ihr Gesicht so, daß ich im Anfange darüber lachen mußte. Die wilden Felsen traten immer weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraus traten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie vergessen. In das sanfteste Roth und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröthe, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmüthiger Freude. Meine junge Seele bekam jezt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren Begebenheiten. Ich vergaß mich und meine Führerin, mein Geist und meine Augen schwärmten nur zwischen den goldnen Wolken.

Wir stiegen nun einen Hügel hinan, der mit Birken bepflanzt war, von oben sah man in ein grünes Thal voller Birken hinein, und unten mitten in den Bäumen lag eine kleine Hütte. Ein munteres Bellen kam uns entgegen, und bald sprang ein kleiner behender Hund die Alte an, und wedelte, dann kam er zu mir, besah mich von allen Seiten, und kehrte mit freundlichen Geberden zur Alten zurück.

Als wir vom Hügel hinunter gingen, hörte ich einen wunderbaren Gesang, der aus der Hütte zu kommen schien, wie von einem Vogel, es sang also:

Waldeinsamkeit, Die mich erfreut, So morgen wie heut In ewger Zeit, O wie mich freut Waldeinsamkeit.

Diese wenigen Worte wurden beständig wiederholt; wenn ich es beschreiben soll, so war es fast, als wenn Waldhorn und Schallmeie ganz in der Ferne durch einander spielen.