Schlupps, der Handwerksbursch; Mären und Schnurren

Chapter 8

Chapter 82,408 wordsPublic domain

Schlupps sah ihm erstaunt nach. »Scheinen eigentümliche Leute hier zu Lande,« murmelte er und wanderte weiter. Er bog in eine Dorfgasse, da standen Maurer und bauten an einem Haus. Wenn sie einen Stein hergetragen hatten, stellten sie sich im Kreise auf, befühlten ihn, schoben ihn hin und her und putzten sich dann die Hände an der Schürze ab. Dann tauschten sie ihre Meinung darüber aus, wie der Stein den andern so ähnlich sehe, und endlich hoben sie ihn mit vieler Mühe und lautem Seufzen hoch und verschmierten die Fugen mit Lehm. Darauf ließen sie die Flasche kreisen und lobten einander für ihr fleißiges Tun. »Habt viel Zeit, Kameraden!« rief Schlupps. »Meint Ihr, Herr?« entgegnete der älteste Maurer. »Irrt Euch sehr. Bis heute sollte das Haus fertig sein. Seht nur wie wir vor Mühsalen schwitzen.« »Bis heute?« wunderte Schlupps sich. »Ist ja noch nicht das Kellergeschoß fertig.« »Seht Ihr, der Mann versteht’s,« rief der Maurer. »Habe ich nicht gleich gesagt, wir werden bis heute nicht fertig. Der Herr ist wohl auch Maurer?«

»Freilich, Baumeister bin ich. Hab’ schon manches Schloß hoch über den Wolken in den Lüften erbaut, dem kein Neider und kein Feind etwas anhaben konnte.«

»So, so, Baumeister ist der Herr. Ja, ja. Ei, ei, hätt’ ich nicht gedacht. Also Baumeister ist der Herr. Wirklich?« »Ich meine, wir hören auf,« sagte der Alte bedächtig, »fertig werden wir doch nicht. Da ist es gleich, ob wir jetzt ein Ende machen oder des Abends. Was meint Ihr?« Seine Gefährten stimmten ihm zu und legten die Schürze ab. Schlupps aber, den ihre Langsamkeit und Trägheit verdroß, sagte ernsthaft:

»Recht so, Gevatter. Es geht jetzt in eins hin, und der Neue wird Euch doch mit des Seilers Tochter verheiraten, so oder so.«

Die Handwerker stutzten und sahen den fremden Mann scheu von der Seite an.

»Ist denn schon ein neuer König da?« fragten sie angstvoll.

»Das wißt Ihr nicht?« staunte Schlupps. »Ei, das pfeifen ja die Spatzen vom Dache, wie das Wort gelautet hat, ›Arbeite, arbeite,‹ hat der Neue gesagt. Jetzt schickt er im Lande herum, und wenn er Leute trifft, die Maulaffen feil halten und die liebe Tageszeit vergeuden, als wäre sie eitel Luft, dann fackelt er nicht, und die hier zu viel still gestanden haben, dürfen in der frischen Luft am Galgen herumtanzen.«

»Wir arbeiten! Wir arbeiten!« schrien die Maurer, ergriffen Hammer und Kelle und schafften darauf los, daß die Mauern emporschossen.

Und als Schlupps im Weiterwandern sich noch einmal umschaute, erblickte er das Haus hoch über den Boden emporragend, und lachend zog er fort.

Immer weiter durchzog Schlupps das Land und wunderte sich über die Menschen, die darin lebten; denn hatte er schon der Torheiten viele angesehen, so dünkte ihm doch, daß hier die Narren üppiger gediehen denn anderswo, und einer den andern an Narrheit übertraf. Als er am zweiten Tage die Hauptstadt betrat, fand er auch dort alle Straßen und Häuser zum Zeichen der Trauer mit schwarzem Tuch bedeckt. Auf seine Fragen nach einer Herberge erhielt er nirgends Antwort. Die Leute liefen aufgeregt durcheinander, denn heute war der letzte Tag der Wahl und war bis dahin kein König gefunden, dann stand ihnen großes Unglück bevor. Einer flüsterte dem andern zu, daß wieder fremde Prinzen angekommen seien. Die Hoffnung auf einen Herrscher war ihnen noch nicht geschwunden.

Schlupps sah um sich, ob er denn keinen fände, der ihm Auskunft geben könne; da sah er durch ein niedrig gelegenes Fenster in ein Gemach, darin ein Mann saß. Der hatte einen mächtigen Federkiel hinter dem Ohr und einen Haufen Papier vor sich.

Er ging in das Haus und öffnete, da auf sein Klopfen niemand antwortete, die Zimmertür. »Verzeiht, Herr,« sagte er höflich, »wollte Euch bitten, einem Fremden den Weg zu einer Herberge zu weisen.«

»Habe keine Zeit,« gab der Mann zurück. »Seht Ihr nicht, daß ich die Papiere zu ordnen habe?« Damit holte er aus der Ecke einen Stoß Bogen, legte sie auf einen Haufen, sah sorgsam nach, daß nicht eine Ecke über die andere hinausragte, betrachtete den Haufen bedächtig von allen Seiten, nahm ihn dann wieder auseinander und schichtete ihn in einer anderen Ecke wieder auf.

Schlupps kam das Bemühen des Mannes gar sonderbar vor, so daß er sich einer Frage nicht enthalten konnte. »Was sind das für Papiere, guter Freund?« sprach er freundlich. »Weiß nicht,« war die mürrische Antwort. »Die sollte unser König haben. Ist aber gestorben und hat sie nicht mehr zu Händen bekommen; muß sie jetzt immer säuberlich glätten und falten; denn ich bin des Königs Bogenleger.«

»Aber wenn Ihr doch keinen König habt, nützt Euer Tun einstweilen nichts.« »Kümmert mich nicht,« antwortete der Schreiber. »Habe zu besorgen, was mir aufgetragen wird. Wenn ich fertig bin, fange ich wieder von vorne an. Sie haben mir gesagt, daß ich das Papier glatt hinlegen solle.«

Neugierig ergriff Schlupps einige Blätter, schlug sie auf und sah mit Staunen, daß sie leer waren. »Aber es steht ja nichts darin,« rief er und blätterte weiter.

»So, so, nichts darin?« sagte der Schreiber trocken. »Ei freilich, überzeugt Euch selbst. Solltet sie wohl nur dem König zu Händen legen, wenn er schreiben will.« »Weiß ich nicht,« murmelte der Andere, ergriff schnell die Blätter, die Schlupps auseinander gerissen hatte und suchte sie zu glätten.

»Wie heißt Ihr, Fremder?« forschte er. »Nennt mich der Neue,« sagte Schlupps. »Wißt, Neuer,« knurrte der Bogenleger, »Ihr gefallt mir nicht. Seid fürwitzig und ein unbequemer Geselle. Wäre besser, Ihr ließet mich ungestört bei meiner Arbeit. Geht lieber vor das Schloß, wo heute Königswahl ist und seht zu, ob wir einen Prinzen bekommen. Zeit wär’s.«

Schlupps verließ ihn und schloß sich der Menschenmenge an, die auf dem weiten Platz vor dem Schlosse flutete. Dicht gedrängt standen sie; aber kein unfreundliches Wort war zu hören, wenn auch manchmal das Gedränge arg war. Stumm harrten sie, und was Schlupps am meisten verwunderte, war, daß alle einander so ähnlich sahen, wie ein Ei dem andern, und man meinte, immer dasselbe Gesicht in einem tausendfältigen Spiegel zu sehen.

Jetzt ertönten Trompetenstöße. Aus dem Schlosse kam ein Zug stattlicher Ritter und Frauen geschritten. Sie scharten sich um den Thron, zu dem der Kanzler die Prinzessin feierlich geleitete. Die Königstochter hielt die Augen gesenkt; als sie aber einmal den Blick hob, bemerkte Schlupps, daß die Wunderschöne teilnahmslos und gleichgiltig in die Ferne sah, als habe sie keine Wahrnehmung von dem, was um sie geschehe.

»Prinzessin,« fragte der Kanzler laut, »seid Ihr gewillt, den zum Gatten zu nehmen, der das rechte Wort findet, wer es auch sei?« Sie neigte zustimmend das Haupt. »Ich tue, wie es Brauch ist,« sagte sie mit gleichmütiger Stimme. Dann stieg sie die Stufen des Thrones hinauf, setzte sich nieder und schaute träumenden Blickes auf die Volksmenge. Der Herold stieß in das Horn.

Hervor trat der erste Prinz. Es war ein dürres Männchen; die spärlichen Haare bedeckte eine hohe Mütze, an der bunte Bänder herunter hingen. Sein Kleid prangte in bunten Farben und seine spitzen Hackenschuhe erregten das Verwundern der Mädchen und Frauen. Er legte die rechte Hand auf die Brust, verneigte sich vor der Prinzessin, nickte grüßend zu dem Volke hinüber und sagte mit krähender Stimme: »Herr Kanzler! Ich bin ein Königssohn. So habe ich meinen Ministern Auftrag gegeben, das Wort für mich zu finden. So viel sie nachdachten, sie konnten es nicht ergründen. Da gab mir mein Hofnarr vor der Fahrt einen Zettel und riet mir, ihn erst hier, wenn ich vor der liebwerten Prinzessin stehe, zu öffnen. So gestattet, daß ich Euch das Wort künde.« Er faltete das Blättchen auseinander und las mit stockender Stimme:

»Albern – dalbern. Albern – dalbern.«

Der Kanzler schüttelte das Haupt: »Es tut mir leid, Prinz. Doch das ist nicht das Rechte.«

Der Königssohn wurde blaß, drehte sich um und verließ eiligen Schrittes den Platz.

An seine Stelle trat ein hochgewachsener Mann, der Königssohn von Südland. Er neigte leicht das Haupt vor der Prinzessin, warf keinen Blick auf die Menge und sagte kurz und mit harter Stimme:

»Das Wort heißt: Duck dich. Duck dich!«

»Falsch, Herr Prinz!« rief der Kanzler, froh, den Hochmütigen nicht zum König krönen zu müssen. Wütend riß der das Schwert aus der Scheide und wollte sich auf den Kanzler stürzen, doch rasch hatten die Wachen sich seiner bemächtigt und führten ihn ab.

Jetzt trat der Dritte hinzu. Mit süßem Lächeln grüßte er die Prinzessin, die entsetzt auf ihn blickte, denn sein faltiges, gelbes Gesicht trug einen listigen, unheimlichen Ausdruck. Er drehte sich zu dem Volke, breitete die Arme aus, als wolle er es segnen und reichte dann dem Kanzler die Hand. »Wohl dem Lande, das einen solchen Wächter hat,« rief er. »Ihr seid der Mann, den ich mir zur Seite wünsche. Mit Euch gemeinsam wollte ich das Land regieren, daß es eine Lust ist. Das Wort, das Ihr sucht, ich habe es gefunden, und Ihr, Herr Kanzler, werdet mir bestätigen, daß es das Rechte ist. Reicht mir zum Zeichen Eurer Freundschaft die Rechte und vernehmt die Worte! Sie heißen:

Dein – Mein. Dein – Mein.«

Wiederum schüttelte der Kanzler den Kopf. Mit leisen Schritten glitt der Bewerber fort, ballte heimlich die Faust und warf einen giftigen Blick zu dem Throne hinüber. Der Kanzler seufzte auf und sprach mit müder Stimme: »Liebes Volk! Heute ist der letzte Tag der Königswahl. Schon neigt sich die Sonne dem Untergang zu, und kein König hat sich gefunden. Fürder werden wir nicht mehr heißen: das Volk derer, die nicht alle werden. Zu Ende geht es mit uns, und keiner ist da, der dem Unglück steuert. Kommt, Prinzessin, daß ich Euch in das Schloß geleite!«

»Halt! Halt!« klang eine helle Stimme über den Platz. Schlupps hatte sich durch die Menge gedrängt und stand neben dem Thron: »Laßt auch mich versuchen, ob ich das Wort finde.«

Aller Augen richteten sich auf den Mann, der furchtlos, den Kopf zurückgeworfen, mit freundlichem Gesicht um sich schaute. Die Prinzessin, die mit starren Augen vor sich hingesehen hatte, heftete erstaunt den Blick auf ihn, lächelte zum ersten Male, und Schlupps sah, wie holdselig und schön sie war.

»Laßt mich Euch erzählen von meinen Fahrten und Irrgängen, damit Ihr wißt, wer der Mann ist, der bei Euch das Königsein begehrt,« rief er, zum Volke gewendet. Im Stillen aber hoffte er, daß der Zufall, der ihm immer ein guter Freund gewesen, ihm helfen würde, die Prinzessin zu gewinnen, die er beim Sehen gleich in sein Herz geschlossen hatte.

Und Schlupps begann zu erzählen. Alles Volk hing gespannt an seinen Lippen. Wie anders klang seine Rede, als das, was die Prinzen vorher gesprochen. Wie fremd und doch wie bekannt, wie hoch und doch wie verständlich. Sie hätten ihm immerwährend lauschen mögen. Was hatte er alles erlebt und gesehen! Wie kannte er die Menschen in Hütte und Schloß; wie hatte er sie belauscht bei der Arbeit und bei Lustbarkeiten.

Des Kanzlers Herz pochte. So hatte er sich den neuen König erträumt; aber noch kam das erlösende Wort nicht, und der Sonnenball stand glühend rot im Westen. Noch einige Minuten – und der Tag war vorüber – der Königsthron leer. Kaum hörte er, was der Fremde sprach. Sein Blick flog angstvoll zum Himmel, wo das Gewölk rosig zu erglühen begann. Seine Hände falteten sich und er flüsterte leise eine Bitte um ein Wunder.

Nur schwer vermochte er zu hören, wie Schlupps jetzt erzählte von den Maurern, die er getroffen, und wie vieles hierzulande anders werden müsse. Fast drohend richtete er sich auf und rief: »Ändern müßt Ihr Euch! Ändern!« »Ich denke – – –« Da schrie der Kanzler laut auf: »Das Wort! das Wort!« Er stürzte vor, ergriff Schlupps’ Hand und bat: »O, sprecht es noch einmal, Herr!«

»Ich denke!« wiederholte Schlupps laut, und das Volk brach in Jubelrufe aus und sprach die seltsamen Laute nach, die es noch nie gehört hatte, wie träumend, nicht wissend, was sie sagen sollten.

Schlupps wandte sich zu der Prinzessin, die ohnmächtig hingesunken war. Er neigte sich hernieder und küßte sie auf die Stirn.

Da schlug die Königstochter die Augen auf, sah ihn mit klaren Blicken an und sagte mit lauter, fester Stimme: »Dich will ich!« Das Volk aber schrie und tobte und wußte sich vor Freude nicht zu fassen. »Die Probe! die Probe!« drängten sie.

»Nur noch eine Prüfung steht Euch bevor, hoher Herr!« sagte der Kanzler. »Draußen im Schloßhof steht ein Lebensbaum. Versucht es, ob auf Euer Schütteln Menschen herabfallen!«

Feierlich geleitete er Schlupps zu dem Baume. »Faßt kräftig seinen Stamm,« riet er dem Fremden zu. Der lächelte, griff mit der Rechten in das Gezweig, schüttelte die Krone und herab sprangen zwei Kinder: ein Knabe und ein Mädchen. Doch, o Wunder! sie sahen nicht aus wie jene, die bisher heruntergefallen waren, sondern sie glichen auf ein Haar dem neuen König und der Prinzessin, und als sie jetzt an der Hand des Kanzlers heraustraten, um dem Volke gezeigt zu werden, da staunte dieses, mit wie klugen Blicken die Kleinen um sich sahen, und wie zierlich und anmutvoll sie sich bewegten. Feierlich traten Pagen hervor; auf sammtnem Kissen trugen sie eine Krone herbei. Die Prinzessin ergriff sie, um sie Schlupps auf das Haupt zu setzen. Doch zögernd wich der zurück. Sein Blick fiel auf die Menge, deren Blicke erwartungsvoll an ihm hingen. Die Krone dünkte ihm eine goldene Kette, die ihn an den Boden schließen wollte. Noch einmal tauchte in seiner Seele die Sehnsucht nach dem freien Umherziehen, dem Wandern von Ort zu Ort auf, und gern hätte er die neue Würde dahingegeben, um als fahrender Geselle sich herumtaumeln zu dürfen.

Die Prinzessin nickte ihm lächelnd zu. Sie verstand, was in ihm vorging. »Ich halte dich fest,« sagte sie ruhig. »Ich will!« Da erfaßte Schlupps mit der Linken ihre Hand, mit der Rechten drückte er den Reif auf sein Haupt und rief:

»So ergreife ich Besitz von Eurem Throne. Und meine erste Tat sei, Euch umzunennen. Nicht mehr sollt Ihr heißen ›Die nicht alle werden,‹ sondern: ›Die, so da kommen!‹«

So wurde er König und regiert noch bis zum heutigen Tage. Wollt Ihr wissen, wo? Ei, das verrät keiner! –

Ende

Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der bei Englert und Schlosser erschienenen Ausgabe erstellt. Grundsätzlich wurde die Originalschreibweise beibehalten. Einige offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die Verwendung von Anführungszeichen wurde zur Verbesserung der Lesbarkeit vereinheitlicht. Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt.

Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the Englert und Schlosser edition. Generally the original spelling has been maintained. Some obvious printer’s errors have been corrected. Quotation has been unified for increased readability. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä, Ö, Ü.