Schiller in Rudolstadt

Part 1

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Thüringer Heimatbücher

Veröffentlichungen des Thüringer Heimatbundes

Band 2

Berthold Rein

Schiller in Rudolstadt

1 · 9 · 2 · 5

Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.)

Berthold Rein

Schiller in Rudolstadt

1 · 9 · 2 · 5

Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.)

Ausstattung von Willi Geißler

»Die Stätte, die ein guter Mensch betrat!«

Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Greifenverlag Rudolstadt 1925. Gedruckt von Mänicke & Jahn A.-G., Rudolstadt, in der Ehmcke-Fraktur. Buchbinderarbeit ebenfalls von dort.

Inhalt

Titel 1

Vorwort 5

Der 6. Dezember 1787 7

Im Sommer 1788 17

Der 7. September 1788 33

Die Stadtkirche und die Glockengießerei 37

Charlottes Jugendheim 42

Der Herbst 1789 50

Das Frühjahr 1791 61

Schillers Familie in Rudolstadt 67

Rundgang an den Schillerstätten vorüber 73

Bilder:

Schillershöhe 5

Charlotte von Lengefeld 13

Schillerstraße 25: Wohnung des Ehepaares von Beulwitz 32

Das Gartenhaus an der Allee: Wohnung der Frau von Lengefeld 33

Die Schillerglocke 48

Charlottes Jugendheim 49

Das Schillerhaus in Volkstedt 68

An der Saale zwischen Volkstedt und Rudolstadt 69

Karoline Junot, geborene von Schiller 76

Vorwort

Unter den Orten, die für Schillers Leben bedeutsam waren, nimmt Rudolstadt eine besondere Stellung ein. Hat doch hier sein Dichten und Trachten eine Richtung eingeschlagen, die für seine ganze Lebensbahn entscheidend werden sollte. Der Fürstenhof und seine Umgebung war empfänglich gestimmt für seine Gedankenwelt. Aus dem geistigen Geben und Nehmen entstand dem bis dahin ruhelosen Flüchtling die Aussicht auf eine bleibende Stätte. Charlotte von Lengefeld, das Kind der Rudolstädter Heimat, fühlte sich dem Schwaben und seiner Eigenart nahe. Der Lengefeldsche Familienkreis vermittelte ihm die Begegnung mit Goethe, die bald darauf zu dem geistigen Austausch führte, an dem beide gleiche Freude empfanden. In die Landschaft um Rudolstadt rettete sich Schiller, anfangs in Wirklichkeit, später in Gedanken, wenn ihm »des Zimmers Gefängnis« zu enge wurde.

Die Schillerliteratur erwähnt oft die Häuser, wo er in Rudolstadt verkehrte, unterscheidet sie jedoch nicht immer deutlich. Dichtung und Wahrheit fließen dann durcheinander. Schriftliche Berichte von glaubhaften Augenzeugen sind vorhanden, liegen aber zerstreut in Lebensbeschreibungen und Briefsammlungen. Mündliche Überlieferung braucht daneben nicht wertlos zu erscheinen, ist doch in jeder Sage leicht ein geschichtlicher Kern zu erkennen.

Die älteren Rudolstädter Gelegenheitsschriften und Aufsätze führen ein verborgenes Dasein in Bibliotheken und werden nur noch selten aufgeschlagen. Die anerkannten Quellenwerke von Urlichs, Hase, Karoline von Wolzogen, Fielitz und Karl Schmidt habe ich benutzt. Schriftliche und mündliche Nachrichten übermittelten mir Augustin Regensburger und Emilie Schreck aus ihrem Verkehr mit Karoline von Schiller. Archiv und Schloßmuseum boten manche Ergänzung. Mit besonderem Dank führe ich die Rudolstädter Häuserchronik von Hugo Trinckler an, sie ist die Frucht jahrzehntelanger liebevollster Heimatforschung, die hoffentlich bald im Druck erscheinen kann.

Das Haus Schillerstraße 25 ist mir in seinen Räumen vertraut, da ich sieben Jahre dort gewohnt habe. Liebevolle Ehrfurcht seiner Besitzer hat das ganze Anwesen vor entstellender Neuerung bewahrt.

Auch für räumliche Erinnerungen einer Heimatstadt gilt das Wort: »Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!«

Wenn der Lenz beginnt, ziehen sehlustige Wanderer gern bei uns durch Flur und Stadt. Gehen sie auf Schillers Pfaden, dann möchte ihnen ebenfalls mein Büchlein als Führer dienen.

Rudolstadt, Ostern 1925. Dr. Berthold Rein.

Der 6. Dezember 1787

Als Schiller im Jahre 1787 nach Rudolstadt kam, war er für die allgemeine Menschheit noch ein Unbekannter. Wer in den Schriftwerken der letzten Jahre bewandert war, kannte seine Jugenddramen, die einen ganz überraschenden Ton auf der Bühne angeschlagen hatten. Wer tiefer blickte, beobachtete den gesellschaftlichen Hintergrund, von dem sich die Räuber und Kabale und Liebe abhoben. Dem einen stand dann der stürmisch begeisterte Schwabe in leuchtendem Glanze als Verkünder einer neuen Zeit da, dem andern in verdächtigem Dunkel als Vertreter von Empörung und Umsturz. Die Inschrift auf der zweiten Auflage der Räuber: »~In tyrannos~«, gegen die Unterdrücker, erhielt sich eben im Gedächtnis.

Alle die Kreise, denen er persönlich nahegetreten war, wußten zu erzählen, wie zurückhaltend, ja zaghaft er ihnen anfangs erschienen war, bis sich schließlich der Zauber seines liebenswürdigen, fesselnden und hingebenden Gemüts aufgetan hatte. Zu diesen Bekannten gehörten die Wolzogens von Stuttgart und Bauerbach her und in gewissem Sinne die Damen von Lengefeld in Rudolstadt, denn sie waren ihm, wenn auch nur flüchtig, auf der Rückreise aus der Schweiz in Mannheim bereits begegnet.

Schiller hatte seit seiner Flucht aus Stuttgart wiederholt verzweifelt gerungen, um festen Boden unter die Füße zu bekommen, war aber trotz aller Hoffnung, die er nun zuletzt auf den Herzog Karl August in Weimar gesetzt hatte, immer noch heimatlos. Jugendlich unbefangen und harmlos im Vertrauen war er Töchtern angesehener Familien nahegetreten, dennoch indes nicht zu einem Bund für das Leben gelangt.

Sein Studiengenosse aus der Karlsschule, Wilhelm von Wolzogen, hatte einen Besuch in Meiningen abzustatten. Für Schiller war die Werrastadt bedeutsam als neue Heimat seiner Schwester Christophine. Eine Reise hoch zu Roß lockte den leidenschaftlichen Liebhaber der Reitkunst, also folgte er dem Rufe des Freundes. Auf dem Rückwege nach Weimar schlug Wolzogen vor, die Richtung über Rudolstadt zu wählen, dort wollte er die »superklugen Kusinen« aufsuchen und mit dem Dichter des Don Carlos bekannt machen. Über Suhl, Ilmenau und Königsee erreichten sie das Saaltal.

In einem Hause der Neuen Gasse vor den Mauern der kleinen Residenz Rudolstadt saß Charlotte von Lengefeld am Fenster und hatte eben in das Tagebuch eingetragen: Der erste Schnee ist gefallen!, als die ländliche Stille durch Hufschlag unterbrochen wurde. Überrascht sah sie hinaus und erblickte zwei Reiter in graue Mäntel gehüllt. Erschrocken fuhr sie zurück, als die beiden scharf zu ihr aufschauten, und der eine schelmisch vertraut winkte: Ich komme gleich! Das Tagebuch nahm nun noch die Ergänzung auf: Eben ritt Vetter Wolzogen vorbei mit einem anderen Reiter, ich möchte wohl wissen, wer das ist!

Der 6. Dezember sollte ein Schicksalstag für sie werden und das schlichte Haus eine bedeutsame Stätte.

Das Grundstück, jetzt Schillerstraße 25, hatte um 1720 der Hofjäger Wolfgang Rühm aus Bayreuth als Bauplatz für ein gemütvolles einfaches Wohnhaus erworben. Sein Nachfolger, der Landrentmeister Rühm, oder dessen Witwe hatte im Garten dahinter ein »Zwillingshaus« errichtet, das schließlich durch Zwischenbauten mit dem Vorderhaus verbunden wurde. Ein kleiner Hof in der Mitte blieb frei. Nach der Sonnenseite reichte ein großer Garten noch bis an das Nachbarhaus. Auf der Abendseite führte eine junge Lindenallee vorüber. In das zweistöckige Zwillingshaus war die Frau Landjägermeister von Lengefeld mit ihren kleinen Töchtern eingezogen, nachdem ihr der Tod den Gemahl 1775 frühzeitig entrissen hatte. In dem Obergeschoß des Vorderhauses richtete 1785 die ältere der beiden Töchter, Karoline, ihren Haushalt ein, als sie sich mit Ludwig von Beulwitz vermählte. Das Haus war weder Eigentum der Familie von Beulwitz, noch der Familie von Lengefeld, es ging 1796 durch Kauf aus dem Rühmschen Besitz an den Kammersekretär Andreas Christoph Johann Werlich über. Die beiden adeligen Familien wohnten nur zur Miete darin.

Friedrich Wilhelm Ludwig von Beulwitz, dessen Grabplatte links im Eingang zum Alten Friedhof zu finden ist, führte zwar im vertrauten Bekanntenkreise den Beinamen Ursus, der Bär, aber die Verteidiger seiner Gattin haben später doch zu Unrecht sein Bild entstellt, als sie das Für und Wider der Ehescheidung verhandelten. Er war zehn Jahre älter als seine stark und feurig veranlagte, jetzt vierundzwanzigjährige Frau. Als Hofbeamter, als Landeshauptmann in Königsee, als Freund von Kunst und Wissenschaft führte er ein arbeitsames Leben, wobei ihm freilich wenig Zeit und Neigung übrigblieb, seiner Gattin seelisch nahezutreten, und das Führeramt auszuüben, das ganz besonders sie nötig gehabt hätte. Bald mußte er wiederum längere Zeit auf Reisen gehen als Begleiter der Prinzen Ludwig Friedrich und Karl Günther, die einen Studienaufenthalt in Genf nehmen wollten.

Charlotte von Lengefeld war bereits einmal durch Neigung und Entsagung hindurchgegangen. Ein englischer Hauptmann Heron, mit dem sie noch ab und zu geneckt wurde, hatte ihr nahegestanden, sein Beruf zog ihn aber nach Indien, wo er für sie verschollen blieb. Beide Schwestern nahmen an den Neuerscheinungen des Geisteslebens regen Anteil. Etwas gemäßigt wurde ihr Verlangen nach Unabhängigkeit und ihre freigeistige Modebestrebung durch die streng religiöse Lebensauffassung der Mutter. Diese war als Witwe hart geprüft worden und empfand hohe Verantwortung für die vaterlosen Töchter. Sie war Hofdame, erwartete bei nächster Gelegenheit das Amt einer Oberhofmeisterin auf der Heidecksburg und erhoffte für ihre jüngere Tochter einen ähnlichen Ruf nach Weimar. Das alles sprach entscheidend mit auch in den kleinen Tagesfragen und bestimmte den Ton in den gesellschaftlichen Umgangsformen.

In diesen Familienkreis trat Schiller am Abend des 6. Dezember ein. Dem Kenner griechisch-römischer Literatur, die gerade wieder stark in Aufnahme gekommen war, fehlte es nicht an Unterhaltungsstoff, und der Jünger neuester Philosophie verfügte über die Gabe, zufällig entstandene Gespräche in einer überlegen bewußten Richtung zu lenken. Dabei wurde seine unverfälschte schwäbische Mundart nicht als Störung, sondern als treuherzige reizvolle Beigabe empfunden.

Den Zauber, der von Schillers Person ausging, hat Wilhelm von Humboldt später treffend gewürdigt:

»Was jedem Beobachter an Schiller am meisten als charakteristisch bezeichnend auffallen mußte, war, daß in einem höheren und prägnanteren Sinn, als vielleicht je bei einem andern, der Gedanke das Element seines Lebens war. Anhaltend selbsttätige Beschäftigung des Geistes verließ ihn fast nie. – Sie schien ihm Erholung, nicht Anstrengung. Dies zeigte sich am meisten im Gespräch, für das Schiller ganz eigentlich geboren schien. Er suchte nie nach einem bedeutenden Stoff der Unterredung, er überließ es mehr dem Zufall, den Gegenstand herbeizuführen, aber von jedem aus leitete er das Gespräch zu einem allgemeinen Gesichtspunkt, und man sah sich nach wenigen Zwischenreden in den Mittelpunkt einer den Geist anregenden Diskussion versetzt. Er behandelte den Gedanken immer als ein gemeinschaftlich zu gewinnendes Resultat, schien immer des Mitredenden zu bedürfen, wenn dieser sich auch bewußt blieb, die Idee allein von ihm zu empfangen, und ließ ihn nie müßig werden. – Schiller sprach nicht eigentlich schön. Aber sein Geist strebte immer in Schärfe und Bestimmtheit einem neuen geistigen Gewinne zu. – Schiller hielt immer den Faden fest, der zum Endpunkt der Untersuchung führen mußte, und wenn die Unterredung nicht durch einen Zufall gestört wurde, so brach er nicht leicht vor Erreichung des Zieles ab.«

Überraschend schnell gedieh die flüchtige Bekanntschaft in wenigen Abendstunden zu einem Freundschaftsbund, der die Damen von Lengefeld mit ihrem Gaste verband und zu einer Verabredung für den folgenden Sommer führte. Die Schwestern versprachen, ihm einen ländlichen Aufenthalt für seine Schriftstellerarbeiten auszusuchen.

Wie dieser Abend im Geiste Karolines weiterlebte, läßt das Erinnerungsbild erkennen, das sie davon entwirft: »Damals ging noch keine Kunststraße durch unser kleines Tal, ein Fremder war ein Phänomen hinter den grünen Bergen. Oft erschienen wir uns selbst als verwünschte Prinzessinnen, auf Erlösung aus dieser Einförmigkeit hoffend. Dennoch erfrischte uns immerwährend der Zauber dieser Berge.

Schiller fühlte sich wohl und frei in unserm Familienkreise. Entfernt vom flachen Weltleben, galt uns das Geistige mehr als alles. Wir umfaßten es mit Herzenswärme, nicht befangen von kritischen Urteilen und Vorurteilen, nur der eigenen Richtung unserer Natur folgend. Dies war es, was er bedurfte, um sich selbst im Umgang aufzuschließen. Wir kannten seinen Don Carlos noch nicht. Ohne alle schriftstellerische Eitelkeit schien es ihm am Herzen zu liegen, daß wir ihn kennen lernten. Ich erinnere mich nicht, daß unsere Gespräche noch etwas anderes aus der Welt seiner Dichtung berührten, die Briefe von Julius an Raffael und die auf diese sich beziehenden Gedichte der Anthologie ausgenommen. Der Gedanke, sich unserer Familie anzuschließen, schien schon an jenem Abend in ihm aufzudämmern, und zu unserer Freude sprach er beim Abschiede den Plan aus, den nächsten Sommer in unserm schönen Tale zu verleben.«

Kaum nach Weimar zurückgekehrt, legt Schiller seinem Gewissensberater und etwas eifersüchtigen Freunde Körner in Dresden ziemlich kühl eine Art Rechenschaft ab über seinen Ausflug: »In Rudolstadt habe ich mich auch einen Tag aufgehalten und wieder eine recht liebenswürdige Familie kennen lernen. Eine Frau von Lengenfeld lebt da mit einer verheirateten und einer noch ledigen Tochter. Beide Geschöpfe sind, ohne schön zu sein, anziehend und gefallen mir sehr. Man findet hier viel Bekanntschaft mit der neueren Literatur, Feinheit, Empfindung und Geist. Das Klavier spielen sie gut, welches mir einen recht schönen Abend machte. Die Gegend um Rudolstadt ist außerordentlich schön. Ich hatte nie davon gehört und bin sehr überrascht worden. Man gelangt durch einen schönen Grund dahin und wird von dem weißen großen Schlosse auf dem Berge angenehm überrascht.«

So spricht der Verstand. Was im Gemüt sich bewegte, verraten die Briefe an Charlotte: »Sie können sich nicht herzlicher nach Ihren Bäumen und schönen Bergen sehnen als ich, und vollends nach denen in Rudolstadt, wohin ich mich jetzt in meinen glücklichsten Augenblicken im Traume versetze. – Sie werden in Rudolstadt nun wieder eingewohnt sein und bei diesem schönen Wetter sich Ihrer ländlichen Einsamkeit freuen. – Wie beneide ich Ihre Familie um alles, was um Sie sein darf! Aber auch Sie beneide ich um Ihre Familie; ein einziger Tag war mir genug, mich zu überzeugen, daß ich unter sehr edeln Menschen wäre. Warum kann man solche glückliche Augenblicke nicht fest halten. Man sollte lieber nie zusammen geraten – oder nie mehr getrennt werden.«

Im Laufe des Winters kehrte Schiller nicht wieder in Rudolstadt ein, obwohl es verabredet war. Durch seine schriftlichen Grüße klingt die Sehnsucht nach Natur und ländlicher Einsamkeit. Aber dem vertrauten Freunde enthüllt er seinen Seelenzustand: »Ich bedarf eines Mediums, durch das ich die andern Freuden genieße, Freundschaft, Geschmack, Wahrheit und Schönheit werden mehr auf mich wirken, wenn eine ununterbrochene Reihe feiner, wohltätiger, häuslicher Empfindungen mich für die Freude stimmt und mein erstarrtes Wesen wieder durchwärmt. Ich bin bis jetzt ein isolierter, fremder Mensch, in der Natur herumgeirrt und habe nichts als Eigentum besessen.

Ich sehne mich nach einer bürgerlichen und häuslichen Existenz.

Ich habe seit vielen Jahren kein ganzes Glück gefühlt, und nicht sowohl, weil mir die Gegenstände dazu fehlten, sondern darum, weil ich die Freuden mehr naschte als genoß, weil es mir an immer gleicher und sanfter Empfänglichkeit mangelte, die nur die Ruhe des Familienlebens gibt.«

Charlotte und er sahen sich in Weimar mitten zwischen geräuschvollen Veranstaltungen der Hofgesellschaft. Ihn selbst nimmt dieses Treiben nicht in den Bann, und seine Freundin warnt er vor flacher Lebensauffassung:

Ein blühend Kind, von Grazien und Scherzen umhüpft – so, Lotte, spielt um Dich die Welt, Doch so, wie sie sich malt in Deinem Herzen, in Deiner Seele schönen Spiegel fällt, So ist sie doch nicht! – Die Eroberungen, die jeder Deiner Blicke siegreich zählt, Die Deine sanfte Seele Dir erzwungen, die Statuen, die – Dein Gefühl beseelt, Die Herzen, die Dein eignes Dir errungen, die Wunder, die Du selbst getan, Die Reize, die Dein Dasein ihm gegeben, die rechnest Du für Schätze diesem Leben, für Tugenden uns Erdenbürgern an. Dem holden Zauber nie entweihter Jugend, der Engelgüte mächtgem Talisman, Der Majestät der Unschuld und der Tugend, den will ich sehn – der diesen trotzen kann! Froh taumelst Du im süßen Überzählen der Glücklichen, die Du gemacht, der Seelen, die Du gewonnen hast, dahin. Sei glücklich in dem lieblichen Betruge, nie stürze von des Traumes stolzem Fluge ein trauriges Erwachen Dich herab. Den Blumen gleich, die Deine Beete schmücken, so pflanze sie – nur den entfernten Blicken, betrachte sie! – doch pflücke sie nicht ab! Geschaffen, nur die Augen zu vergnügen, welk werden sie zu Deinen Füßen liegen, je näher Dir – je näher ihrem Grab.

Im Sommer 1788

Als die Pläne für den Landaufenthalt bestimmte Formen angenommen hatten, suchten die Schwestern ihrem Freunde eine Wohnung. Sie sollte nicht gar zu weit von ihrem eigenen Heim abliegen und doch ungestörte Arbeitszeit ermöglichen. Zuerst meinten sie, das Rechte gefunden zu haben bei dem Hofgärtner Callenius in Cumbach. Doch bemerkten sie bald, daß dort nicht die Stille herrschte, auf die es ankam. Der fürstliche Gewächsgarten mit der Orangerie zog täglich Verkehr und laute Geselligkeit an, auch ein Gestüt, das dort gehalten wurde, brachte Geräusch in die Nähe. Darum fiel ihre Wahl auf Volkstedt, wo all diese Bedenken nicht entstehen konnten.

Am 24. April meldet Charlotte in aller Eile das Ergebnis ihrer Fürsorge nach Weimar: »Das Dorf hat eine schöne Lage, am Ufer der Saale, hinter ihm erheben sich Berge, an deren Fuß liebliche Fruchtfelder sich ziehen, und die Gipfel mit dunklem Holze bekränzt, gegenüber an der anderen Seite der Saale schöne Wiesen und die Aussicht in ein weites, langes Tal. Ich denke, diese Gegend wird Ihnen lieb sein, mir brachte sie gestern einen Eindruck von Ruhe in die Seele, der mir innig wohltat.

Die Stube, die ich für Sie bestimmte, ist nicht sehr groß, aber reinlich, auch die Stühle sind nicht ganz ländlich, denn sie sind beschlagen, eine Kammer daneben, wo das Bett stehen kann, und auch eine für den Bedienten nicht weit davon. Für Betten will der Schulmeister sorgen, dem das Haus gehört, auch wohnt eine Frau darin, die Ihnen Kaffee machen kann, und auch bedienen könnte, zur Not auch kochen, wenn das Wetter zu böse wäre, um es sich aus der Stadt holen zu lassen. Ich denke, es ist alles gut besorgt.«

Am 2. Mai erfolgt die Danksagung: »Sie haben die Angelegenheit, deren Besorgung Sie so gütig übernahmen, so ganz nach meinen Wünschen und über alle meine Erwartungen zustande gebracht, daß ich Ihnen unendlich Mal dafür verbunden bin. Der Ort, die Lage, die Einrichtung im Hause, alles ist vortrefflich. Sie haben aus meiner Seele gewählt. Ich habe Ihnen viele Mühe gemacht, aber ich weiß auch, daß Ihnen das Vergnügen, welches Sie mir dadurch verschafften, statt alles Dankes ist. – Ich werde in Ihren schönen Gegenden, in dieser ländlichen Stille mein eigenes Herz wiederfinden, und Ihre und der Ihrigen Gesellschaft wird mich für alles, was ich hier zurücklasse, reichlich entschädigen.«

Dem hilfreichen Freund und Berater in Dresden geht die Nachricht zu: »Ich werde mich eine kleine Stunde von Rudolstadt niederlassen. Die Gegenden sind dort überaus ländlich und angenehm, und ich kann da in seliger Abgeschiedenheit von der Welt leben. Das Lengenfeldische Haus, von dem ich Dir nach meiner Rückreise von Meiningen geschrieben habe, wird mir den ganzen Mangel an Gesellschaft hinlänglich ersetzen. Es sind dort mir sehr schätzbare Menschen beisammen, von sehr vieler Bildung und dem edelsten Gefühl. Sie sind auch schon in der Welt gewesen und haben eine glückliche Gemütsstimmung daraus zurückgebracht. Alles was Lektüre und guter Ton einer glücklichen Geistesanlage und einem empfänglichen Herzen zusetzen kann, finde ich da in vollem Maße, außerdem auch viele musikalische Fertigkeit, die nicht den kleinsten Teil der Erholung ausmachen wird, die ich mir dort verspreche. Diesem Zirkel gedenke ich alle Tage einige Stunden zu widmen. Sonst erwarten meiner die mannigfaltigsten und, ich muß leider sagen, die drückendsten Arbeiten. Aber ich gehe ihnen mit ziemlichem Mut, ja selbst mit Vergnügen entgegen.«

Körner durchschaut jedoch die innere Bewegung, die sich hinter diesen Plänen und Sorgen verstecken will: »In Deinem Sommeraufenthalt wird Dirs an Vergnügen nicht fehlen. Ist nicht auch ein Interesse des Herzens dabei? Ich bin neugierig, ob Deine Stimmung an dichterischen Arbeiten fruchtbar sein wird.«

Die Woche nach dem Pfingstfest ließ Schiller noch vorübergehen, dann kam er, ohne sich besonders anzukündigen, in Rudolstadt an. Am 20. Mai schreibt er aus dem Gasthaus: »In der Hoffnung, daß mein künftiges Logis auf dem Dorfe, dessen Namen ich nicht weiß, durch Ihre Güte berichtigt sei, bin ich ohne weiteres hierher gereist. Seit gestern Abend halb zehn Uhr bin ich hier. – Ich bitte Sie, mich zugleich durch den Überbringer den Namen des Ortes, den Sie für mich bestimmt haben, wie auch des Hauswirts, bei dem ich wohnen soll, wissen zu lassen, weil ich womöglich noch vor Mittag dort sein und jetzt gleich meinen Koffer hinschaffen lassen möchte. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß mir der nächste Augenblick, wo ich Sie und die Ihrigen sehen kann, der liebste sein wird.«

Die Freude über erfüllte Wünsche und die Pläne und Hoffnungen für die nächste Zeit verrät wiederum sein Brief an Körner:

Volkstedt bei Rudolstadt, 26. Mai 1788.