Schattenspiel um Goethe

Part 2

Chapter 23,513 wordsPublic domain

So beginnt Tiefurts klassische Zeit. Das Pächterhaus des Kammerguts, ein anspruchsloser Bau ohne jeden Stil und Komfort, wird auf Wunsch der Herzogin Sommerquartier des Prinzen Constantin, Carl Augusts Bruder. Knebel, der Erzieher des Prinzen, richtet die Wohnung her, Goethe, Hansdampf in allen Gassen, muß helfen. Zwei Stuben müssen vorläufig genügen. Oeser malt sie in pompejanischer Manier aus: auf gelbem Grund ein wenig Blumenornament.

Am 20. Mai der Einzug. Der ganze Hof ist draußen, auch Goethe mit Frau von Stein. Die Bauern empfangen den Prinzen mit »Musik, Böllern, ländlichen Ehrenpforten, Kränzlein, Tanz, Feuerwerkspuffer, Serenade usw.«. Zwei Tage dauert das Fest. Da im Schlößchen noch keine Betten für Gäste, übernachten der Herzog, Goethe und »noch einige« im Freien ... was man damals, jugendlich begeistert, als »Erdgefühl« cachierte.

Dieser Prinz Constantin, schon in frühen Jahren ein Sorgenkind, hat hier bis 1780 gewohnt ... sicherlich nicht freiwillig. Er war ein unruhiger Geist, schwierig zu behandeln, bei aller Wildheit überzart, mit schmalen Schultern, blassen Schläfen, den dunkelglühenden Augen eine Verfallserscheinung. Was konnte ihm, der nach Abenteuern und Ekstasen Leibes und der Seele gierte, das Idyll Tiefurt geben? So schickte man ihn auf Reisen. Vergebens. Krank taumelt er durchs Leben, bis ihn, 1793, die Kriegstrommel verführt. Als sächsischer Oberst macht er die Kampagne gegen Frankreich mit und stirbt, fern der Heimat, irgendwo an der Ruhr, so ein nutzloses Dasein nicht einmal heldisch endend. Mutterliebe hat ihm im Tiefurter Park ein Denkmal gesetzt, eins der vielen hier. Ein antiker Sarkophag, sehr schön in den Linien, die Inschriften feiern den Toten in ergreifenden Worten als Helden und »Opfer dieses unglücklichen Krieges«.

* * * * *

Dies ist die Ära Constantin ... verweht, vergessen. Nur das Denkmal an der Ilm erinnert leise daran und eine schmale Silhouette des Prinzen im Schloß. Das Tiefurt Anna Amalias, die nun das ferne Ettersburg aufgibt und hier im Sommer wohnt, ist das heutige ... der Park mit seinen Urnen, Bänken und Gedenksteinen hat sich selbst erhalten, das verwahrloste, mit Krimskrams aller Art überladene, lange nur als Rumpelkammer benutzte Haus hat Enkelpietät ganz so wiederhergestellt, wie es zu ihren Zeiten war. Dank Wilhelm Ernst, dem nun Vertriebenen, der das getan! Auch hier würde die Erlauchte, kehrte einmal sie aus Elysium zu der Stätte zurück, die ihr eine Stätte reinsten Glücks und lauterster Freude gewesen ein Leben lang, alles finden, wie sie es verlassen, als der Tod sie abberief. Wirklich alles. Nur die Steintafel am Eingang zum Park fehlt, die einst schwärmte:

»Hier wohnt Stille des Herzens, goldene Bilder Steigen aus der Gewässer klarem Dunkel. Hörbar waltet am Quell der leise Fittich Segnender Geister!«

Fromme Worte, die noch jetzt Magie. Wer den Park betritt, dem klingen sie im Herzen auf, und wer ihn verläßt, den begleiten sie.

* * * * *

Zwei Wege führen von Weimar nach Tiefurt, beide gleich schön, zumal im Frühling, wenn junges Grün sie säumt. Der eine die Landstraße, die das »Webicht« quert: erst Villen, dann Garten und Feld, schließlich der Wald. Wie oft ist hier der alte Goethe mit Eckermann gefahren, in Erinnerung versunken! Der andere, die »Carolinen-Promenade«, läuft die Ilm entlang.

»Es ist ein äußerst angenehmer Weg,« schreibt 1780 ein junger Theologe, der Herder nach Tiefurt begleitete, »der Ilm nach, durch ein Wäldchen, wo wir meisterlich waten mußten.« Das braucht man heute nun nicht mehr. Man gelangt trockenen Fußes ans Ziel. Aber wenn der Briefschreiber weiter erzählt: »Endlich kamen wir auf eine schöne Wiese, dann wieder ins Holz, dann übers Wasser in den Garten, wo eine kleine chinesische Hütte ist, hinauf auf den Berg, den Knebels Phantasie ausgebildet hat, zu einigen kleinen Altärchen, wo man ins Tal eine schöne Aussicht hat, zu einer Grotte, die Virgils Grab heißt, oben gegen dem Feld am Wald vorbei auf eine hohe Eiche von drei Stockwerken, ordentlichen Altanen, wo eine schöne Aussicht ist und reine herrliche Luft weht«, so kann man der Schilderung eher beipflichten. Nur konnte Herders Begleiter, der ja auch »Tiefort« noch ein »Lusthaus des Prinzen Constantin« nennt, anno 1780 die mancherlei Veränderungen nicht kennen, die der Park nun unter Anna Amalia erfuhr.

Und die aus Wald und Wiese, Fluß und Uferhang, Berg und Tal einen »elysischen Hain« machten. »Faune und Nymphen sollen sich nicht zu schämen brauchen, ihren Aufenthalt darin zu nehmen.« So sie selbst. Knebels Anlagen sind der Grundstock. Nun baut sie, mit Goethe, weiter. Bäume werden gepflanzt, Wege gezogen, Durchblicke geschaffen. Jede Bank erhält ihren Namen, jeder Platz seine tiefere Bedeutung. Ein »Musentempel«, weiß und schlank, steigt reizvoll aus dem Samt der grünen Rasenflächen, die Freunde werden durch Altäre und Urnen gefeiert. Das Ganze schließen jenseits der Ilm Felsterrassen harmonisch ab ... ein Theater der Natur, das sentimentalisches Gefühlsklima atmet, Oden und Elegien in Stein, Baum, Boskett tändelnd beleben.

Oder wie die Goethe-Verse auf dem Holzsockel der Wieland-Büste es wollen:

»Wenn zu den Reihen der Nymphen Die eine Mondnacht versammelt Sich die Grazien heimlich Von dem Olympe gesellen, Hier belauscht sie der Dichter Und hört die schönen Gespräche Sieht dem heiligen Tanz Ihrer Bewegungen zu. Was der Himmel Herrliches hat Was glücklich die Erde Reizendes hervorbringt Erscheint dem wachenden Träumer. Dann erzählt er's den Musen Und daß die Götter nicht zürnen Lehren ihn die Musen Bescheiden Geheimnisse sprechen«.

Die ursprüngliche Form der Distichen, die in den Werken als »Geweihter Platz« feierlichere Prägung erhalten haben. Geweihter Platz -- das ist ganz Tiefurt. Man wandert von Erinnerung zu Erinnerung, immer die Ilm zur Seite, die mit Glitzerwellchen lustig über Stein und Wurzel dahinströmt. Enten treiben drauf, Blütenblätter, zuweilen hascht Sonne einen Fisch und läßt den schmalen, blanken Leib in kühler Flamme lodern ... alles wie anno dazumal, als Anna Amalia hier in weißem Sommerkleid, eine bescheidene Landedelfrau, morgens lustwandelte. Mit Wieland vielleicht, »ihrem guten Alten«. Oder mit Goethe, mit Herder. Vielleicht auch nur begleitet von der »Gnomide«, der Göchhausen, und deren dickem Mops.

Ein Baum, ein Steintisch, eine Büste ... wie dürftig! Und doch vollkommenstes Idyll. Idyll auch, ein paar Schritte weiter, die Bank mit dem Amor: Coronas Denkmal. Kein Name verrät, daß es ihr gilt. Aber im Rauschen der Bäume, im leisen Flüstern der Blätter ringsum klingt süß und leise noch heute die Stimme, die sich hier einst so oft im Lied gewiegt. Sie ist Philomele, der die Goethe-Verse der Steintafel huldigen:

»Dich hat Amor gewiß, o Sängerin, fütternd erzogen; Kindisch reichte der Gott dir mit dem Pfeile die Kost. Schlürfend saugtest du Gift in die unschuldige Kehle, Und mit der Liebe Gewalt trifft Philomele das Herz.«

Niedlich darüber der Amor, ein kleiner Marmorgott. Die eine Hand, die mit dem Pfeile, hat ein Umsturz-Wicht zerschlagen. Nun klagt das Kinderauge, und Philomele, ängstlich in die andre Hand geschmiegt, ist ohne süße Nahrung. Aber wenn der Abend kommt und Flieder und Jasmin stärker duften, aus den Flußwiesen der Nebel steigt, singt sie doch ... der ganze Park wird dann ein einziges trunkenes Liebesstammeln.

Wenn der Abend kommt, erwacht hier überhaupt die Vergangenheit, aus Schatten drängen Schatten und werden wieder Leben. Wissen muß helfen, sie zu beschwören. Da ist Goethes Tagebuch. Immer wieder meldet es im Sommer 1781, dem ersten, den Anna Amalia hier als Herrin verbracht: »Abends Tiefurt.« Auch die Briefzettelchen an Charlotte, wilder, heißer, ungestümer denn je, erzählen damals unablässig davon. Da wird mit den Bauern und der Dorfjugend der »Ärndtekranz« gefeiert, da wird »Nathan und Tasso gegeneinander gelesen«, da singt Corona Schröter Rousseaus neue Lieder, da wird der »Musentempel« eingeweiht, ein frischer Gedenkstein enthüllt ... wir würden heute sagen: immer ist in Tiefurt was los. Und Charlotten, die ihre Migräne hat und an der Ackerwand eifersüchtig des Freundes denkt, der mit anderen »miselt«, vielleicht sogar mit »Krone«, vielleicht auch mit der schönen Baronin Werthern oder der kecken Waldner, der Person, -- Charlotten wird berichtet: »Gestern ist unsre Feyerlichkeit zu iedermanns Vergnügen begangen worden.«

Feierlichkeit?

Wieder mögen Goethe-Verse Deutung geben. Das große, das wundervolle Gedicht »Auf Miedings Tod«, das den Theatermeister Mieding und die Schauspieler preist:

»Als euern Tempel grause Glut verheert, Wart ihr von uns drum weniger geehrt? Wie viel Altäre stiegen vor euch auf! Wie manches Rauchwerk brachte man euch drauf! An wie viel Plätzen lag, vor euch gebückt, Ein schwer befriedigt Publikum entzückt! In engen Hütten und im reichen Saal, Auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurts Tal, Im leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht Und unter dem Gewölb der hohen Nacht Erschient ihr, die ihr vielgestaltet seid, Im Reifrock bald und bald im Galakleid ...«

Theater also, Possenspiel. Und die Bühne ist die »Theaterwiese«, Parkett das »Chinesische Haus« mit schmaler Terrasse. So einst, und so noch heute, nur liegen die Wiese, der schlichte Fachwerkpavillon verödet und verlassen. Und nachher dann »Beleuchtung«. Da wird an Miedings Stelle Goethe, der Rembrandt-Schwärmer, Regisseur, und Fluß und Uferhang wandeln sich, wie so oft schon vorm Gartenhaus am Stern, in idealische Landschaft von magischem Helldunkel, werden Rembrandt-Tableau »zu jedermanns Vergnügen«.

Und das Tagebuch vom 28. August 81: »Abends in Tiefurt, wo man die +Ombres Chinois+ gab.« An Frau von Stein tags darauf: »Gestern ist das Schauspiel recht artig gewesen, die Erfindung sehr drollig und für den engen Raum des Orts und der Zeit sehr gut ausgeführt. Hier ist das Programm. +NB+ es war +en ombre Chinois+ wie Du vielleicht schon weißt.«

Dieser 28. ist Goethes Geburtstag, das Schattenspiel, das Seckendorf gedichtet, Huldigung für ihn: »Minervens Geburt, Leben und Taten.« Im »Tiefurter Journal«, Anna Amalias netter, handschriftlich vervielfältigter Chronik dieser Jahre, kritisierte Wieland die Aufführung. Alles sehr hübsch, sehr gelungen, doch Venus sei in einem Aufzuge erschienen, »welcher dem Negligé einer Waschfrau und Grasnymphe ähnlicher sah, als dem einzigen Schmuck, der sich für die Göttin der Schönheit ziemt«. Ob Emilie Werthern, eben jene Venus, ein andermal den guten »Papa Wieland« mehr befriedigt hat?

Ein Jahr später, an heißem Juli-Abend, die »Fischerin«, unten an der Ilm bei Fackelbeleuchtung gespielt. Goethe an Merck: »Ehestens wirst Du ein Wald- und Wasser-Dram zu sehen kriegen. In Tiefurt aufgeführt, tut es gute Wirkung.« An Charlotte, die Verstimmung fern gehalten: »Von meinem gestrigen Stück, das sehr glücklich ablief, bleibt mir leider nichts als der Verdruß daß Du es nicht gesehen hast.« Das Tagebuch stumm. Um so beredter die Tuschzeichnung von Kraus im Schlößchen in Farbenduft und zarter Linie: die Erlen, die Fischerhütte, an einem kleinen Feuer Töpfe, im Hintergrunde Netze und Fischergeräte, auf dem Fluß im Mondschein der Kahn mit den Fischern, vorn Dortchen, die den »Erlkönig« singt ... ein reizendes Bild, ganz die Szenerie des Stücks in Goethes Angabe, ganz Tiefurt-Zauber. Dortchen, im üppig gerafften Reifrock mehr eine Schäferin des Rokoko denn eine ländliche Fischerin ist Corona Schröter, die Liebliche. Und wie kann es anders sein, daß da die Verse aufklingen, die sie unsterblich gemacht:

»Ihr Freunde, Platz! Weicht einen kleinen Schritt! Seht, wer da kommt und festlich näher tritt! Sie ist es selbst -- die Gute fehlt uns nie -- Wir sind erhört, die Musen senden sie. Ihr kennt sie wohl; sie ist's, die stets gefällt: Als eine Blume zeigt sie sich der Welt, Zum Muster wuchs das schöne Bild empor, Vollendet nun, sie ist's und stellt es vor. Es gönnten ihr die Musen jede Gunst, Und die Natur erschuf in ihr die Kunst. So häuft sie willig jeden Reiz auf sich, Und selbst dein Name ziert, Corona, dich.«

* * * * *

So führt Erinnerung, süßen Plaudertons, zum Schloß. Altersbraun, verwittert Dach und Mauerwand, liegt's unter Riesenbäumen. Weimar trinkt hier gerne Kaffee. Der Kastellan hat kleine Wirtschaft, an schönen Sommernachmittagen sind Tisch und Stuhl, heut leer und Turngerät für Hühnervolk und Spatzen, dicht besetzt ... die »Stille des Herzens« ist dann Illusion.

Ein Schloß?

Man lächelt. Kaum ein Schlößchen. Ein Guts-, ein Pächterhaus, wie's deren Tausende gibt. Bescheidener kann man nicht wohnen. Allein die hölzerne Pergola der Parkfront mit ihren Säulen, ihrem Gitterwerk, ihren Skulpturen verrät, daß hier Anmut und Geist sich eine +maison d'âme+ in ländlicher Idylle geschaffen, hier Heimat von Menschen gewesen, die mehr als Ackerbau und Viehzucht trieben.

Anmut und Geist verklären auch das schlichte Innere. Ein Wittumspalais im Kleinen! Winzig die Zimmer. Die niedrigen Decken einfach geweißt, der Fußboden bemalte blanke Wachsleinwand, die reizend Mobiliar und Fenster spiegelt. Überall das Ornament des Empire, halb Mäander, halb Pompeji. Die Wände zartgetönt: gelb, grau, hellgrün ... am apartesten ein »Empfangszimmer« mit den aufgeklebten schwarzen Kupferstichen. Prunk fehlt ganz. Die Kronleuchter, auch sie Pompeji, das damals große Mode, nur aus Holz geschnitzt, die Gardinen Mull, die Polsterbezüge Rips. Hier und da ein Sessel mit Handstickerei: Hofdamengeschenke. Bilder natürlich in Hülle und Fülle. Porträts in Öl, Porträts in Pastell. Alte Stiche. Silhouetten. Wachsreliefs. Als Proben Ötternschen Marmors, den Goethe zuerst brechen ließ, Büsten und Figuren von Klauer: der junge Goethe, Fritz von Stein, die Göchhausen.

Es ist eine empfindsame Wanderung. Alles, was der Park erzählt, steht hier noch einmal auf in Bild und Andenken ... ein Schattenspiel der Seele. Aber die es einst in Dämmerstunden schnitten, sind alle tot ... nur ihrer Persönlichkeiten geheimer Duft schwingt noch in den Räumen: im Speisezimmer, wo sie, Raphaels Farnesinagemälde vor Augen, tafelten, im Empfangszimmer, wo die Leseabende des Wittumspalais ihre sommerliche Fortsetzung fanden, im Wohnzimmer, wo musiziert wurde, im Schlafzimmer, wo Bett und Waschgeschirr, nebenbei: ein Puppengeschirr, das immer von neuem verwundertes Lächeln hervorruft, noch so stehen, als ob die Herzogin nur mal in den Park gegangen wäre und jeden Augenblick wieder durch die Tür eintreten könnte.

Und so kommt man auch, über schmale Treppe, schmalen Gang, zu der Wohnung des Fräuleins von Göchhausen, die Luise hieß, aber, von den Grafen Stolberg einst in übermütiger Laune, klein, wie sie war, Thusnelda getauft, von der Herzogin zärtlich-liebevoll »Thusel« gerufen wurde ... und dieser schmale Gang, eine Art Galerie, ist vielleicht das Schönste hier im Schlößchen. Ist Rokoko-Kulisse, die verschnittene Hecke vortäuscht. Ist Mozartsche Musik, ein wenig steif, ein wenig tänzelnd, süß und lieblich. Auf die Laubtapete gemalt Steinfiguren, die Jahreszeiten: +Le Printemps+, +L'Été+, +L'Automne+, +L'Hiver+. Damit die falschen Statuen plastisch wirken, werfen sie alle Schlagschatten ... rührend komisch in verhaltener Grazie! So hat in unsern Tagen der Russe Konstantin Somoff, so Walser Rokoko gemalt. Und vor der Galerie die Pergola. Welch ein Blick! Der ganze Park. Da die Kastanienallee zum Teesalon, da die drei Lärchen, die Goethe gepflanzt, da die Theaterwiese mit dem Musentempel ... entzückend! Das grüne Gitterwerk, von Wein berankt, der Rahmen für lauter Bilder von Corot.

Die gleiche Aussicht haben die Göchhausen-Fenster. Da hat die kleine putzige Person, »Genie in Fülle -- kann aber nichts machen!«, am Schreibsekretär gesessen, der geliebten Herrin Hand in Bronze vor sich, und hat an Knebel geschrieben: »O Knebel, setzen Sie sich aufs erste beste Pferd und erfreuen uns irgend einen guten Abend mit Ihrer Erscheinung! Dies ist der Herzogin, Goethens und mein liebster Traum, wenn wir in diesem lieben, lieben Tempe die Sonne untergehen und den Mond in seiner stillen Pracht aufgehen sehen. Lieber, überlegen Sie's! Oder vielmehr überlegen Sie's nicht und kommen Sie! So schön wie dies Jahr war's noch nie! Die Akazien blühen wie überschüttet mit Blumen. Rosen, Jasmin und Jelängerjelieber sind wie ausgelassen und können gar nicht erwarten, bis sie alle da sind ...«

* * * * *

So gehen die Jahre. Die Farben von Tiefurt verblassen, die Menschen, die hier Sommer für Sommer wohnen, werden alt, ihre Augen matt, ihre Herzen müde. Weit verstreut in alle Lande, bis in das des Todes, sind, die hier einst gelacht, gescherzt. Auch Goethe ist ein seltener Gast geworden. Die Einsamkeit häkelt um Schloß und Park, und ein Besuch der Königin Luise, die hier ein Paretz ins Weimarische übersetzt, findet, ist 1804 fast unliebsame Unterbrechung des Friedens. »Nun denken Sie sich den Holdelpolder im Tiefurter Bezirk!« schreibt die Göchhausen an Knebel, den Freund, in Jena, »die Esel schrien, die Kühe brüllten, die Gänse schnatterten, und die Hühner machten glu, glu, glu! Alles sang Hymnen nach seiner Art.«

Das Leben, das so freundlich hier gelächelt, in so buntem Glanz geblüht, ist gemach zu +ombres Chinoises+ geworden, zu Silhouette, die wehmütige Erinnerungen weckt. Man schaut sie an und hängt ein Kränzlein um den Rahmen. Und fragt: Wie lange noch?

Herbst 1806. Der Krieg naht. Schwüle vor dem Sturm. Noch ist die Herzogin in Tiefurt, Wieland leistet ihr Gesellschaft. Man musiziert »mit schwerem Herzen«, wie Goethe in den Annalen erzählt, »es ist aber in solchen bedenklichen Momenten das Herkömmliche, daß Vergnügen und Arbeiten so gut wie Essen, Trinken, Schlafen in düsterer Folge hintereinander fortgehen.« Da bricht der Sturm los, Anna Amalia muß, Hals über Kopf, nach Kassel flüchten. Prinzessin Caroline, die Enkelin, begleitet sie. Sie hat Tiefurt nie wiedergesehen. Denn kann sie auch bald nach Weimar zurückkehren, so ist es jetzt doch Winter, harter Winter, und das Wittumspalais bietet der alten Dame besseren Schutz als Tiefurt. Außerdem kränkelt sie. Diesen Aufregungen war die Achtzigjährige nicht mehr gewachsen. Als es wieder Frühling wird, legt sie sich zu Bett und stirbt.

Die Tote hat man gefeiert. Die Sterbende war allein. Ergriffen steht man vor dem schmalen Bette ihres Sterbezimmers im Wittumspalais. An der grünen Seidenwand, jung und strahlend, die Porträts der Söhne, zu Häupten des Betts ein Bild Friedrichs des Großen. Auf der Kommode die Uhr und das Mundporzellan. Sonst nichts. Die letzte Welt einer Fürstin, deren Geist keine Grenzen gekannt. Alles andere ferner Traum: die Heimat Braunschweig, Belvedere, wo sie junge Frau gewesen, Ettersburg und Tiefurt mit den bittern Tagen früher Witwenschaft, mit den Tagen Wielands, Goethes, Herders, die der Einsamen verlorenes Glück ersetzten. Was flüstert die Fiebernde? Formt Sehnsucht noch einmal den greisen Mund zu wirrem Schmeichellaut? Oder ist's ein skeptisches Lächeln, das um diese Lippen zittert?

Draußen rüttelt der Frühlingswind an den Fensterläden, und die Kammerfrauen beten. Leise tickt die Uhr. Sie hat Jahre gezählt, nun zählt sie Augenblicke. In das brechende Auge lächelt das Kinderantlitz des Prinzen Constantin.

Die Reisen in den Harz

»Bin so in Lieb zu ihr versunken, Als hätt' ich von ihrem Blut getrunken.«

~Goethe~

Im Weimarer Park, nicht weit von Goethes Gartenhaus und der Ilm so nah, daß man ihr leises Rauschen gerade noch hören, den Schimmer des Wassers durch das Gezweig von Weide und Erle gerade noch sehen kann, steht an einer Weggabelung ein kleines Monument: der Schlangenstein. Martin Klauer, der Bildhauer, hat ihn auf Wunsch Carl Augusts nach antiken Vorbildern geschaffen, im Mai 1787 wurde der »Altar mit der Schlange« hier aufgestellt.

Derlei war damals Mode. Auch Goethe selbst hatte schon anno 77 in seinem Garten am Stern einen ähnlichen »Altar des guten Glückes« errichtet. Nun fand er, aus Italien zurückkehrend, diesen neuen an nicht weniger vertrauter Stätte: mit der Inschrift »+Genio huius loci+« auf dem Säulenstumpf eine zarte Huldigung des fürstlichen Freundes für den Dichter. Denn wer konnte denn der »gute Geist dieses Ortes« sein, wenn nicht er, auf dessen schöpferische Ideen die ganzen Parkanlagen ringsum doch zurückgingen?

So wenigstens die eine Deutung der rätselhaften Worte. Andere meint, der Herzog hätte gewußt, daß Goethen mit dem heimlich-stillen Platze liebe Erinnerungen verknüpften, der seltsame Stein also ein »Denkmal des Glücks« im Goetheschen Sinne wäre wie so manches andere Monument im Park. Man denke nur an jene Steintafel in Goethes Garten, die Frau von Stein gilt! Sie allerdings ist beredter, die Lettern, die ihr eingegraben, erzählen rührende Legende:

»Hier im stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten; Heiter sprach er zu mir: Werde mir Zeuge, du Stein! Doch erhebe dich nicht, du hast noch viele Gesellen; Jedem Felsen der Flur, die mich, den Glücklichen, nährt, Jedem Baume des Walds, um den ich wandernd mich schlinge: Denkmal bleibe des Glücks! ruf' ich ihm weihend und froh. Doch die Stimme verleih' ich nur dir, wie unter der Menge Eine die Muse sich wählt, freundlich die Lippen ihm küßt.«

Wo sind sie, diese »Gesellen«? Diese unsichtbaren Geschwister von Schlangenstein und Charlotten-Tafel? Felsen der Flur und Bäume des Waldes, sind sie überall, wo Goethe jemals geweilt, sein guter Geist Ort und Stätte begnadet. Sie zu finden, braucht man sich nur ein wenig in seine Tagebücher und Briefe zu vertiefen, die so stark Beschwörung verklungener Leiden und Freuden hauchen. Wer, diese +monumenta+ liebender Erinnerung fromm im Herzen tragend, durch die Landschaft wandert, die Goethe-Spuren kreuzen, der begegnet auf Schritt und Tritt solchen unsichtbaren »Denkmälern des Glücks«; er sieht in manche Baumesrinde geschnitten, in manche Felswand gegraben, auf manche Tapete geschrieben, in manches Fenster geritzt die drei geheimnisvollen Worte: +Genio huius loci+ ... sieht sie im Geiste, wie er sie auf dem »Felsenweg« im Park zu Weimar, von Ahnen hold bedrängt, am Schlangenstein in Wirklichkeit gesehen.

Von solchen nicht in Erz und Stein sich deutlich kündenden Stationen des Goethe-Weges soll hier die Rede sein.

* * * * *

Goethe im Harz ...

Sofort setzt die Erinnerung ein: natürlich, »Harzreise im Winter«! Und doch ist diese Harzreise im Winter, die durch das wundervolle Gedicht des Achtundzwanzigjährigen und durch die Brahmssche Rhapsodie Ewigkeitsprägung erhalten hat, nur eine, die erste, und Goethe ist danach noch dreimal im Harz gewesen. Schon allein der Einfluß, den die drei Brockenbesteigungen auf Goethes »Faust« gehabt haben, sollte ein Wissen darum über das enge Gebiet der Forschung hinaus zumindest bei allen denen voraussetzen lassen, die immer wieder mit allen Sinnen den romantischen Zauber der Walpurgisnächte in den beiden Teilen des »Faust« erleben und empfinden, sei es im Theater, wenn all der Hexenspuk auf der halbhellen Bühne vorübertaumelt und Faust und Mephistopheles durch Glimmergründe zum Brocken hinaufsteigen, sei es in der Stille des abendlichen Zimmers bei der Lektüre, wenn das Auge zu der Stelle gelangt: »Harzgebirg. Gegend von Schierke und Elend,« sei es im Konzertsaal, wenn Mendelssohns Vertonung der »Ersten Walpurgisnacht« zu Musik werden läßt, was bisher nur als Wort in uns gebrannt ...