Part 4
§. 32. Aus dem 31sten Absatze wird man also gar wohl, ohne sich einer Brille bedienen zu dürfen, einsehen können, daß diese Art der Kopfzeuge, der ich nur itzo Meldung gethan habe, der Gesundheit eben nicht am zuträglichsten sey. Denn da der Teller solcher Kopfdeckel nur einer Hand lang und breit ist; so wird solcher kaum den Wirbel des Kopfs zu bedecken im Stande seyn. Wird also wohl der Kopf gehörig genug durch diesen Kopfputz wider die Kälte sowohl, als wider die Sonnenhitze verwahrt werden können? Ich zweifle. Wird aber die Kälte den Kopf angreifen; so werden die oben erwehnten Zufälle §. 28. 17. 12. und 5. nothwendiger Weise entstehen. Wird aber die Hitze der Sonne den Kopf belästigen; so werden sich die Schönen über Kopfschmerz beklagen, welcher ihnen den Schlaf zu berauben nur gar zu fähig wird. Denn mich deucht, daß es auch so gar die alten Weiber wissen, daß die Sonnenhitze, wenn sie zu heftig auf den Kopf sticht, Hauptschmerzen erzeugen könne. Aber dieses ist es nicht allein, was die Hitze der Sonne bey den Schönen zum Vorscheine bringet. Es werden auch von den Strahlen der Sonne, wenn sie den Kopf gar zu heftig brennen, rothe und entzündete Augen, Trockenheit in der innern Nasenhaut, in den Ohren, im Munde und in der Luftröhre, folglich Stockschnupfen, Krankheiten der Ohren, Harthörigkeit, kurz, nichts als solche Zufälle, welche von einer gar zu großen Verhärtung des Ohrenschmalzes, und von einer widernatürlichen Austrocknung des innern Ohrganges und des Trummelfells herzukommen pflegen, und Heiserkeit, brennende Blasen auf der Zunge, und trockner Husten, ihren Ursprung ableiten. Ich würde meinen Lesern zuwider werden, wenn ich ihnen alle diejenigen Ungelegenheit der Ordnung nach anführen wollte, welche allesammt von der Sonnenhitze ihre Erzeugung hätten. Sehen sie nun die schönen Folgen, welche von der eitlen Bemühung, nämlich von dem Putze des Haupts zu entstehen pflegen? Es ist, so wahr ich einen Geschlechtsnamen führe! eine mehr als tadelhafte Thorheit, wenn die Schönen darum hoffärtig werden, um den Aerzten in die Hände zu fallen. Es trifft also wohl recht ein, daß sich der Fall gemeiniglich nach der Hoffahrt einzustellen pflege. Mir wird es wohl schwerlich jemand aus dem Kopfe bringen, daß ich nicht das schöne Geschlechte, in Ansehung ihres Putzes, vor eine recht eitle und thörichte Art von Menschen halten sollte. Das ist freylich eine Wahrheit, welche den Schönheiten höchst unangenehm zu vernehmen seyn wird. Aber wird sie deswegen zu einer Lügen werden, weil man sie mit Verdruß anzuhören gewohnt ist? Nimmermehr. Wer das Glück hat, das artigste Geschlecht so genau, wie ich zu kennen, der wird mit mir in Betrachtung dieser Wahrheit einstimmig seyn. Es wäre denn, daß die Macht der Schönen sein Herz gar zu sehr übermannet, ihn aller seiner Sinnen beraubet, und ihm die Zunge, um der Wahrheit kein Recht wiederfahren zu lassen, gänzlich gelähmet hätte.
§. 33. Ich habe mich wohl recht wie eine Fledermaus in die Haare und in den Kopf der Schönen verwickelt. O! wie gut ist es doch, daß ich einmal so glücklich habe seyn können, denen Schönen in die Haare zu gerathen. Ob ich ihnen aber damit auch viel Weh gethan haben werde, werden sie am besten wissen. Nimmermehr wird sich ein Peruckenmacher so lange mit den Haaren und Kopfe beschäftigen, als ich gethan habe. Aber itzo will ich mir auch alle Mühe geben mich mit Ehren wiederum aus den Haaren der Schönen, wie ein Seidenwurm aus seinem eigenen Gespinnste, zu entwickeln, ohne, daß sie bey meiner Entwicklung um ein einziges Härchen kommen sollen. Doch daß ich es kurz heraus sage: ich will hiermit meinen Abschnitt von den Krankheiten, welche von dem Haarputze und Hauptschmucke herzukommen pflegen, auf das feyerlichste geendiget haben.
Der zweyte Abschnitt.
Von den Krankheiten, welche von der Verschönerung des Angesichts ihren Ursprung haben.
Das erste Kapitel.
Von den Ungelegenheiten, welche von den sogenannten Muschen oder Schminkfleckchen zu entstehen pflegen.
§. 34.
Nichts liegt wohl den Frauenzimmern mehr am Herzen, als die Sorge, ihrem Angesichte eine reizende Schönheit zu verschaffen. Sie haben unzählige Mittel, deren sie sich zu bedienen pflegen, um ihren Zweck glücklich erreichen zu mögen. Doch ihre Bemühung ist eben so tadelhaft nicht, als sie manchem wohl scheinet. Denn wenn man die Schönheit des Angesichts auf der rechten Seite betrachtet; so ist sie ein ordentliches Gewehr und Waffen, deren sich die Frauenspersonen mit einer ganz ausnehmenden und ihrem Geschlechte eigenen Klugheit gegen die Männer zu gebrauchen wissen, um über die Herzen derselben den Sieg zu erhalten, und sich die Mannsbilder ihnen dienstbar zu machen. Der weise Anakreon schreibt in seiner andern Ode, so wie ich es gerne höre. Ich werde die Ehre haben, ihnen die Nachahmung mitzutheilen, und hier ist sie:
Wie sorgt die gütige Natur Für eine jede Kreatur! Sie schenkt den Menschen und den Thieren Ein ihrem Wesen dienlich Gut: Dem Löwen gab sie Stärk und Muth Und Hörner schenkte sie den Stieren.
Sie lehrt den Fisch im Wasser gehn, Den Vogel sich zur Luft erhöhn: Dem Hasen giebt sie schnelle Füße Womit er sich erretten kann: Mit Klugheit waffnet sie den Mann, Und zeigt, wie er sie brauchen müsse.
Was blieb vors weibliche Geschlecht? Auch hier war sie nicht ungerecht; Ihm schenkte sie statt jener Gaben Der Schönheit: Und gebraucht es die; So fehlt ihm Sieg und Stärke nie. Was will es andre Waffen haben?
§. 35. Doch es ist zu beklagen, daß die Schönen durch alle ihre Kunst dasjenige in Ewigkeit nicht erhalten werden, was ihnen die Natur einmal versagt hat. Die Schönheit ist eigentlich diejenige gewisse Vollkommenheit des Körpers, die vermöge unserer äußern Sinne empfunden werden muß. Gesetzt aber, die Natur hätte diese Vollkommenheit bey dieser oder jener Person vergessen; so wird man allen Fleiß vergebens anwenden, sich solche durch Kunst eigen zu machen, wenn man auch gleich tausend Mittel zur Hand nehmen wollte. Denn der müßte gewiß entweder ohne Gehirne gebohren worden seyn, oder doch wenigstens alle seinen Verstand eingebüßt haben, welcher diejenige Person vor eine Schönheit halten wollte, bey der die regelmäßige Verhältniß der äußern Theile des ganzen Körpers gegen einander fehlete, und bey der die sonst gewöhnliche und ordentliche Stellung aller äußerlichen Theile nicht ihre Richtigkeit hätte: Da doch diese Stücke das rechte Wesen und den wahren Grund der Schönheit einzig und allein ausmachen müssen. Ich läugne aber deswegen noch lange nicht, daß nicht auch eine angenehme Gesichtsfarbe, die nach meinem Geschmacke weder zu feuerroth, noch allzu weiß wie eine Gipsstatue, sondern blaßroth und lebhaft seyn muß, eine Zärtlichkeit der Haut, und ein sanftes, fast unvermerktes Zucken der Muskeln im Angesichte, welches eigentlich die Gesichtszüge und Minen auszudrücken geschickt ist, zu der Schönheit, als wesentliche und unentbehrliche Stücke gehören sollten. O nein! ich weis es gar zu gut, daß eine zarte Haut, dessen Zärtlichkeit aus nichts andern, als aus einer überaus künstlichen Zusammenfügung sehr kleiner und zarter Scheibchen besteht, vermögend sey, unsern Augen ein fast himmlisches Vergnügen zu machen, unsere Herzen in Flammen zu setzen, und in unserer Seele tausend Vorstellungen hervorzubringen, die mit einer artigen Abwechslung von einander entgegen gesetzten Leidenschaften vermischt sind, und die deutlicher empfunden, als beschrieben werden können. Ich dürfte mich fast über den thörichten Stolz mancher Schönen, welchen sie, ihrer Schönheit wegen an sich blicken lassen, in ein Hohngelächter auslassen, zumal da sie so gar viel Eitelkeit besitzen, und sich zuweilen über die Maaßen viel auf ihre vergängliche Angesichtsschönheit einbilden. Aber man sage mir doch nur einmal, besteht nicht eben die Schönheit bloß in einer verwirrten Vorstellung? gründet sie sich nicht auf eine seltsame Zusammenfügung der kleinen und zarten Scheibchen der Haut, auf eine anständige und reizende Vermischung der weißen und rothen Farbe? und endlich auf ein fast kaum merkliches Ziehen der Angesichtsmuskeln? Bedenken sie doch nur einmal, meine Schönen, so was Elendes und Eingebildetes ist es, auf dessen kurzen Besitz sie so närrisch hochmüthig zu werden geneigt sind, und welches sie habhaft zu werden mit der größten Begierde suchen, und mit dem heftigsten Verlangen wünschen. Ich sollte meynen, sie müßten nunmehr mit mir selbst, mir zu Gefallen, und blos zur Gesellschaft über ihre eigene Thorheit lachen? Ey machen sie doch sowohl sich, als mir die Freude, und lachen recht sehr! wollen sie? ich bitte.
§. 36. Um sich den so vergänglichen Schatz der Angesichtsschönheit eigenthümlich machen zu mögen, sind die Schönen aus einer bloßen Einbildung, und aus einem mehr als verkehrten Vorurtheile auf den tollen Gedanken gerathen, ihr Angesicht mit kleinen schwarzen Fleckchen, welche theils ganz runde, theils aber halbrunde Figuren vorstellen, und Schminkpflästerchen oder Muschen genennt werden, zu bekleben. Vielleicht haben die Frauenzimmer sich darum die schwarze Farbe zu ihren Schminkfleckchen erwählt, damit durch solche die Farbe des Angesichts desto besser erhöht werden soll. Zuweilen legen sie sich nur eines, zuweilen aber auch mehrere Pflästerchen in das Angesichte. Solche befleckte Schönheiten tragen beynahe das ganze himmlische Weltheer und das natürliche tychonische Weltsystem in ihrem Gesichte; ja sie sehen fast eben so bunt wie eine Elster aus: vielleicht aber geschieht dieses wegen der großen Verwandschaft, welche sie in Betrachtung ihrer Schwatzhaftigkeit mit diesen Thieren gemein haben. Doch ich will kraft diesem auf das feyerlichste um Verzeihung gebeten haben, wenn ich den Schönen etwa damit zu viel gethan, oder ihnen zu nahe getreten haben sollte! Vielleicht werde ich ihre Absicht besser errathen, warum die Schönen ihr Angesicht mit schwarzen Fleckchen zu bepflastern pflegen, wenn ich sage: daß sie dieses darum zu thun gewohnt wären, um dadurch ihr Angesichte zu verschönern, ihre Angesichtsfarbe mehr zu erheben, und in die Augen fallender zu machen, und die im Angesichte aufgeschoßten Blätterchen zu bedecken und zu verbergen. Ist es nicht wahr? Aber sie werden mir es auch nicht ungütig nehmen, wenn ich mich unterstehe, ohne den geringsten Scheu vor der Wahrheit zu tragen, ihnen offenherzig zu versichern, daß ihre eitle Bemühung schöner zu scheinen, als sie natürlicher Weise sind, eine ganz unnatürliche und sehr gezwungne Sache sey. In der That, ein oder etliche ausgefahrne Blätterchen im Angesichte sind lange nicht vermögend, ihre angebohrne Schönheit zu vermindern, wenn nur sonst die Natur gerecht und gütig genug gegen sie gehandelt hat, das heißt, die regelmäßige Verhältniß aller äußerlichen Theile gegen einander, und die ordentliche Stellung der Glieder an den Schönen zu beobachten, befließen genug gewesen ist. Man kann schon andere und bessere Mittel gebrauchen, dieser im Angesichte stehender Blätterchen loß zu werden, ohne sich solcher schwarzen Fleckchen bedienen zu dürfen. Doch wenn die Frauenspersonen die Absicht einzig und allein zu ihrem Grunde haben, die im Angesichte hervorgesprossenen Blätterchen vermöge dieser Schminkläppchen zu verbergen; so kann man ihnen diese Muschen im Angesichte zu tragen noch ganz wol Erlaubniß und Ablaß geben.
§. 37. Diese Schminkpflästerchen nun werden meines Wissens, aus schwarzen seidenen Taffent verfertiget, über welchen man aufgelösetes Gummi streichet, wenn aber dieses auf dem Taffent trocken geworden ist, so werden diese Muschen mit einem scharffen besonders hierzu gemachten Ausstecheisen, welches bald eine zirkelrunde bald aber eine halbzirkelrunde Figur vorstellet, ausgestochen. Man muß aber doch auch wissen, daß es große, mittlere und kleine Schminkpflästerchen gebe, um solche auch bey verschiedenen Mängeln und Flecken des Angesichts in Gebrauch nehmen zu mögen.
§. 38. Nunmehr sollte ich auch etwas von dem Schaden sagen, welchen die Schminkpflästerchen der Gesundheit zufügen könnten. Aber ich muß hier meine Unwissenheit aufrichtig gestehen, daß ich eben keinen besondern Schaden einzusehen und anzugeben fähig bin, welcher auch nur einiger maaßen der guten Gesundheit nachtheilig und überlästig seyn könnte. Es müßte denn etwa dieser Schade seyn, daß die mit Gummi überzogenen Fleckchen, die wenigen Schweißlöcher, über die solche gelegt worden sind, zuklebeten. Aber da, nur einige wenige Muschen in das Angesichte gelegt werden; so wird auch die unmerkliche Ausdünstung eben dadurch nicht unterdrückt werden, und Ungelegenheit verursachen können. Ich würde es nothwendiger Weise zugeben müssen, daß Krankheiten von den aufgelegten Muschen zum Vorscheine kommen könnten, wenn das ganze Angesicht mit nichts als Schminkpflästerchen, so wie mit einer Larve belegt worden wäre: Freylich würden alsdenn lauter solche Zufälle ihren Ursprung nehmen müssen, die ihr wahres Daseyn der verhinderten unmerklichen Ausdünstung schuldig sind, s. §. 32. 28. 17. 12. und 5. und so würde ich mich nicht wundern dürfen, wenn krebsartige und fressende Geschwüre entstünden. Kurz, diese Schminkfleckchen sind mehr vor einen eitlen und aberwitzigen Angesichtsputz, als vor ein Mittel zu halten, welches der Gesundheit durch Zufügung einigen Unheils Eintrag zu thun vermögend seyn könnte. Es würde ein großes Unglück seyn, wenn alle närrische Erfindungen und Eitelkeiten zugleich neue Gelegenheit, krank zu werden, geben sollten: und so ist es auch noch lange die Folge nicht, daß alle Arten der Verschönerung des Angesichts schädlich werden müßten, wenn auch gleich einige fähig sind, Unbequemlichkeiten einzuführen, und Schaden anzurichten. Wer aber auch so schließen wollte, der würde eben einen solchen Schluß machen, wie die alte Frau Barbara ordentlicher Weise bey dem Spinnrade sonst zu machen gewohnt ist.
Das zweyte Kapitel.
Von den Beschwerlichkeiten, welche von der rothen Schminke des Angesichts erzeugt werden.
§. 39.
Da ich den Vorsatz gefaßt habe, von der rothen Schminke des Angesichts, und von der hiervon zu entstehenden Schädlichkeit zu schreiben; so sollte es mir hier nicht an Gelegenheit mangeln, zumal wenn ich in das Alterthum zurück gehen wollte, von der dazumal gewöhnlichen rothen Angesichtsschminke vieles zu reden. Hier könnte ich von dem Ursprunge und von dem Gebrauche der rothen Schminke handeln, und wenn ich es sonst vor gut befände, eine eigene Abhandlung davon aufsetzen: Allein da eben dieses eigentlich nicht zu meiner Sache gehört; so sehe ich nicht ein, warum ich mich, ohne Grund zu haben, in überflüßige und critische Weitläuftigkeiten einlassen soll. So viel aber kann ich doch nicht unberührt lassen, daß die rothe Schminke bey den Griechen sowohl als Römern in den Schauspielen gebraucht wurde, und daß gemeiniglich diejenigen Personen ihre Angesichter roth zu färben gewohnt gewesen sind, welche diese oder jene Geschichte auf dem Schauplatze vor dem Volke vorstellten. Die wahre Absicht, warum solche Leute ihre Angesichter roth schminkten, mag wohl allem Vermuthen nach diese gewesen seyn, sich nämlich denen Zuschauern unkenntlich zu machen, oder auch wohl ihren Angesichtern durch solche rothe Schminke eine reizendere Schönheit geben zu mögen, um die Augen der Anwesenden mehr auf sich zu reizen, theils von ihnen bewundert, theils aber auch geliebt zu werden. Wider die Möglichkeit streitet es im geringsten nicht, daß sich nicht einige Zuschauer in eine solche roth gemahlte Schönheit verliebt haben sollten. Denn da dieses noch heut zu Tage geschieht, warum sollte es auch vor alten Zeiten nicht eben so vorgefallen seyn. Auch noch zu unsern Zeiten wird die rothe Angesichtsschminke von den Schauspielerinnen, welche man Komödiantinnen und Operistinnen nennt, auf dem Theater gebraucht, um sich lebhafter und schöner im Angesichte zu machen. Ich bin nun schon einmal des guten Glaubens: daß auch andre Frauenzimmer denen Theaterschönen nachgeahmet sind, und um mehr geliebt und verehrt zu werden, sich ebenfalls dieser rothen Schminke bedient haben. Die Erfahrung bestätiget meine Meynung, und die Bücher der alten Dichter beweisen es zur Genüge, daß ich wiederum Recht habe. Man wird es nunmehr zu begreifen im Stande seyn, daß die Mode, das Angesichte roth zu schminken, von den Schauspielen der Alten seinen Ursprung genommen habe, noch heutiges Tages bey den Theaterschönheiten üblich, und nachher von andern Frauenzimmern zum Gebrauch angewendet worden sey. Die Farbe aber, der sich die Alten, um damit ihre Angesichter roth zu schminken, bedient haben, soll nach dem Zeugniß der Alterthumsverständigen Critiker die Meerschnecke gewesen seyn. Ich will dieses eben nicht gänzlich in Abrede seyn, doch halte ich auch dafür, so viel freyen Willen zu haben, auch glauben zu mögen, daß das Alterthum auch wohl andere rothe Farben, um sich schminken zu können, gebraucht haben müsse. Doch ich mag eben keine unnöthige Untersuchung anstellen, was es eigentlich vor Farben gewesen sind, die die Alten, um ihre Angesichter roth zu färben, genommen haben. Meinetwegen kann es Menge, Kermeskörner oder Koccionille gewesen seyn, genug, daß es eine rothe Schminke gewesen ist, die dazumal den Leuten gefallen haben muß, und die reizend genug gewesen seyn mag, daß man von einer solchen rothgemahlten Schönheit hat bezaubert werden können, ohne andre abergläubische Mittel zu Hülfe nehmen zu dürfen.
§. 40. Es ist, bey meiner Ehre, ein mehr als strafbarer Fehler, welcher sich einzig auf die Menschheit gründet, daß man niemals mit denjenigen Leibesgaben vergnügt zu seyn pflegt, welche uns doch die Weisheit und Vorsicht der gütigen Natur aus erheblichen Ursachen beschieden hat. Aber auch eben diesen Fehler wird man am allermeisten bey den Frauenzimmern antreffen, vielleicht aber bloß darum, weil sie mehr Menschheit als andre an sich haben, und ich wollte es fast lieber, aus eben diesem Grunde, doch zwar nur zum Scherze, selbst glauben, daß die Schönen darum mehr menschlich wären, weil die unbenabelte alte Frau Eva von dem ersten Menschen, nicht aber wie Adam, aus Erde gemacht worden ist. Ihre Töchter sind noch eben so, wie ihre Urmutter geartet: Jene wollte mit ihrer Vollkommenheit nicht zufrieden seyn, ihre eitle Begierde, noch vollkommner zu werden, brachte sie zum Falle, und stürzte sie in das Elend, und ihre Töchter, so gleiche Unart und gleiche Neigung mit ihrer Stammmutter in ihren Adern nähren, bestreben sich äußerst, immer vollkommner zu werden, ob sie sich gleich durch ihre Bemühung nur mehr Unvollkommenheit und Unglück auf die Achseln laden. Aber eben das mag auch die wahre Ursache seyn, warum blasse Frauenzimmer roth von Angesichte aussehen, die rothen aber sich eine Blaßheit des Angesichts zuwege bringen wollen. So geht es auf der Welt! alte Weiber wollen nicht alt, junge Schöne nicht jung heißen. Aber warum? ich will es so gleich sagen: Weil die jungen zu lieben anfangen, die alten aber noch lieben, und beyde geliebt zu werden wünschen. Bloß also ihren Liebhabern gefallen zu mögen, bemüht sich die rothe Schöne sich blaß zu machen, die blaße aber färbt sich roth. Nimmermehr, wird eine rothgemahlte Schönheit mich zu reizen, und mich durch ihre rothgeschminkte Backen, so wie die rothen Ebischbeeren die Gramsvögel in ihre Schlinge zu locken, vermögend seyn. Mir gefallen solche Theaterschönheiten und rothgefärbte Drechslerpüppchen durchaus nicht. Nicht aber etwa darum, weil sie nicht natürliche, sondern fremde Farben haben, auch nicht darum, weil ich die rothe Schminke vor die schlechteste und niederträchtgiste Art, sich im Angesichte zu verschönern, halte. Nein, sondern bloß darum, weil ich bey solchen rothgemahlten Gesichtern auch ein geschminktes, das heißt, ein falsches Herz vermuthe, ein Mißtrauen auf ihre Tugend und Keuschheit setze, und damit ich den rechten Titel gebrauche, weil ich solche rothgefärbte Schönen auf gut deutsch vor Huren halte. Ich habe nicht geschimpft, sondern nur die Wahrheit gesagt, folglich darf ich mich keines Injurienprocesses befürchten. Denn ich bin Bürge dafür, daß keine geschminkte Schöne sich dieses zu Gemüthe ziehen werde, weil ich versichert bin, daß es in Ewigkeit keine zu gestehen gewohnt sey, daß sie sich im Angesichte roth zu mahlen pflege. Gewiß, solche rothgemahlte Schönheiten werden einen viel größern Verstand von sich blicken lassen, als manche Mannsperson, welche sich klug zu seyn dünket. Ich werde ihre Klugheit zu rühmen wissen, wenn sie mich und meine Schrift nicht sogleich zum Feuer verdammen. O! wenn alle satyrische Schriften und Strafpredigten verbrannt werden sollten, in denen man sich getroffen und abgeschildert findet; so würde die Welt gar bald in Brand gesteckt werden. Bleibet bey euren guten Gedanken, und
Seyd klüger als wie jener Pfaffe, Wenn euch ein Sinngedichte sticht: Seyd nicht so tumm als wie der Affe Der gleich das Spiegelglas zerbricht, So ihm sein wahres Bildniß zeiget: Klug ist, wer fühlt, sich bessert, schweiget.
Aber im rechten Ernste, solche Frauenzimmer, welche sich roth färben, sind warhafte Huren, und ich wollte gleich schwören, daß sie nichts anders wären. Denn hätte eine redliche Frau nicht die Absicht, mehr Männern zu gefallen, so würde sie sich es auch nicht haben in Sinn kommen lassen, ihr Angesichte zu schminken, sondern sie würde mit ihrer natürlichen Farbe, welche doch allemal die schönste ist, und ihrem Manne, wenn er anders kein Narr wäre, gefallen müßte, vollkommen vergnügt seyn: und ich würde eine Wittwe und Jungfrau vor aussätzig an ihrer Tugend halten, die sich, um viele Verehrer zu haben, in ihren Angesichtern roth schminken wollten. Gesetzt aber, daß es eine oder die andere thäte, gewiß, so würde niemand so beredt seyn, es mir auszureden; daß ich nicht feste glauben sollte, eine solche müßte sich ihres eignen Fleisches nähren. Denn was hätte sie außerdem Ursache, ihr Angesicht roth zu mahlen, zumal da diese Beschäftigung eine der größten Thorheiten ist. Aber um der Wahrheit das Recht zu erweisen, werden mir diejenigen alle, so ihre fünf Sinne zu brauchen wissen, gutwillig eingestehen, daß diese Art der Schminke die armseligste und pöbelhafteste sey, und bey denen ein sehr niederträchtiges Gemüthe verrathe, die sich einfallen lassen, sich solcher Schminke zu bedienen. Nur diese rothe Theaterschminke pflegt so gar den Unwissendsten in die Augen zu leuchten, so, daß sie bey sich selbst denken müssen, diese rothe Angesichtsfarbe sey unnatürlich und geschminkt.
Man hat wohl mehrmals gesehen, daß sich ein rothgeschminktes Angesicht durch einen unverhoft hervorgebrochenen Schweiß, welcher über die Stirne und Backen geronnen ist, geoffenbaret, und sich andern zum Gelächter gemacht habe: Ja man sieht augenscheinlich die weiße Haut vorleuchten, wenn der Schweiß die rothe Farbe abgewaschen hat. Ein solches Angesicht kommt mir eben so vor, wie eine weiße Wand, über die man eine rothe Farbe gestrichen hat, welche aber von dem Regen hier und da abgewaschen worden ist, und weiße Flecke zu ihrer Schande zeigen muß.