Chapter 5
Rhamnes. Armer Tröster! Gebeutst du Ruh' mit unruhvoller Stimme? Sie kenne ihr Verbrechen und erzittre, Die Rache wenigstens vermisse Sappho nicht! Du magst der Dichtung Ruhm ihr nicht bestreiten? Und welchen sonst bestreitest du ihr denn? Wagst du's an ihrem Herzen wohl zu zweifeln, Der was er ist nur ihrem Herzen dankt? Sieh um dich her! es ist kein einz'ger hier Dem sie nicht wohlgetan, der nicht an sich In Haus und Feld, an Gut und bei den Seinen Von ihrer Milde reiche Spuren trägt, Nicht einer dessen Herz nicht höher schlüge, Wenn er sich Mytilenes Bürger Wenn er sich Sapphos Landgenosse nennt. Frag jene Bebende an deiner Seite, Genossin, scheint's, der Tat mehr als der Schuld, Wie gegen sich die Herrin sie gefunden? Was hatte wohl die Sklavin dir zu bieten? Wenn sie dir wohlgefiel, so war es Sapphos Geist, War Sapphos milder, mütterlicher Geist Der ansprach dich aus ihres Werkes Munde. O presse nur die Stirn, du strebst vergebens, Du löschest die Erinnrung nimmer aus! Und was willst du beginnen? Wohin fliehn? Kein Schutzort ist für dich auf dieser Erde, In jedes Menschen fromm gesinnter Brust Erhebt ein Feind dem Feinde sich des Schönen. Vorangehn wird der Ruf vor deinen Schritten Und schreien wird er in der Menschen Ohr: Hier Sapphos Mörder, hier der Götter Feind! Und vogelfrei wirst du das Land durchirren Mit ihr, der du Verderben gabst für Schutz. Kein Grieche öffnet dir sein gastlich Haus Kein Gott gewährt dir Eintritt in den Tempel, Erbebend wirst du fliehn vom Opferaltar Wenn Priesters Spruch Unheilige entfernt. Und fliehst du, wird die grause Eumenide, Der Unterird'schen schwarze Rachebotin, Die Schlangenhaare schütteln um dich her, Dir Sapphos Namen in die Ohren kreischen Bis dich das Grab verschlungen, das du grubst!
Melitta. Halt ein! Halt ein!
Phaon. Willst du mich rasend machen?
Rhamnes. Du warst's als du die Hohe von dir stießest! Genieße nun die Frucht die du gepflanzt!
Melitta. Zu ihr!
Phaon. Wer rettet mich aus dieser Qual!
Fünfter Auftritt
Eucharis. Vorige.
Eucharis. Bist du hier, Rhamnes? Eilig komm!
Rhamnes. Wohin?
Eucharis. Zu Sapphon.
Rhamnes. Was--?
Eucharis. Ich fürchte, sie ist krank.
Rhamnes. Die Götter wenden's ab!
Eucharis. Ich folgte ihr von fern Hinauf zur großen Halle und versteckt Bewacht' ich all ihr Tun mit scharfem Auge. Dort stand sie an ein Säulenpaar gelehnt, Hinunterschauend in die weite See, Die an den Felsenufern brandend schäumt, sprach- und bewegungslos stand sie dort oben, Mit starren Augen und erblaßten Wangen Im Kreis von Marmorbildern fast als ihresgleichen. Nur manchmal regt sie sich und greift nach Blumen, Nach Gold und Schmuck und was ihr Arm erreicht Und wirft's hinunter in die laute See Den Sturz mit sehnsuchtsvollem Aug' verfolgend, Schon wollt' ich nahn, da tönt ein Klingen durchs Gemach Und zuckend fuhr es durch ihr ganzes Wesen, Die Leier war's, am Pfeiler aufgehangen, In deren Saiten laut die Seeluft spielte. Schwer atmend blickt sie auf und fährt zusammen, Wie von Berührung einer höhern Macht. Die Augen auf die Leier starr geheftet Beleben sich mit eins die toten Züge Und fremdes Lächeln spielt um ihren Mund. Jetzt öffnen sich die strenggeschloßnen Lippen, Es tönen Worte, schauerlichen Klangs, Aus Sapphos Munde, doch nicht Sapphos Worte. Rufst du mir, spricht sie, Freundin? Mahnst du mich? O ich versteh dich Freundin an der Wand! Du mahnst mich an verfloßne Zeit! Hab Dank!-- Wie sie die Wand erreicht und wie die Leier, Hoch oben hängend, weiß ich nicht zu sagen, Denn wie ein Blitzstrahl flirrte mich's vorüber. Jetzt blick ich hin, sie hält das Saitenspiel Und drückt es an die sturmbewegte Brust, Die hörbar laut den Atem nahm und gab. Den Kranz dann, den Olympischen des Sieges, Dort aufgehangen an dem Hausaltar, Schlingt sie ums Haupt und wirft den Purpurmantel, Hochglühend so wie er, um ihre Schultern-- Wer sie jetzt sah, zum ersten Male sah, Auf des Altares hohen Stufen stehend, Die Leier in der Hand, den Blick gehoben, Gehoben ihre ganze Lichtgestalt, Verklärungsschimmer über sie gegossen, Als Überird'sche hätt' er sie begrüßt, Und zum Gebet gebeugt die schwanken Knie. Doch regungslos und stumm so wie sie war, Fühlt' ich von Schauder mich und Graun ergriffen, Ihr lebend toter Blick entsetzte mich, Drum eilt' ich--
Rhamnes. Und verließest sie!--Zu ihr! Doch sieh!--Naht nicht? Sie ist's; sie selber kommt!
Sechster Auftritt
Sappho reich gekleidet wie im ersten Aufzuge; den Purpurmantel um die Schultern, den Lorbeer auf dem Haupte, die goldne Leier in der Hand, erscheint von ihren Dienerinnen umgeben, auf den Stufen des Säulenganges und schreitet ernst und feierlich herunter.
Lange Pause.
Melitta. O Sappho, o Gebieterin!
Sappho (ruhig und ernst). Was willst du?
Melitta. Gefallen ist die Binde meiner Augen, O laß mich wieder deine Sklavin sein, Was dir gehört, besitz es und verzeih!
Sappho (ebenso). Glaubst du so übel Sapphon denn beraten Daß Gaben sie von deiner Hand bedarf? Was mir gehört, es ist mir schon geworden.
Phaon. O höre Sappho--
Sappho. Nicht berühre mich! Ich bin den Göttern heilig!
Phaon. Wenn du mich Mit holdem Auge Sappho je betrachtet--
Sappho. Du sprichst von Dingen die vergangen sind! Ich suchte dich und habe mich gefunden! Du faßtest nicht mein Herz, so fahre hin! Auf festern Grund muß meine Hoffnung fußen!
Phaon. So hassest du mich also?
Sappho. Lieben! Hassen! Gibt es kein Drittes mehr? Du warst mir wert Und bist es noch und wirst mir's immer sein Gleich einem lieben Reis'genossen, den Auf kurzer Überfahrt des Zufalls Laune In unsern Nachen führte, bis das Ziel erreicht Und scheidend jeder wandelt seinen Pfad, Nur manchmal aus der fremden weiten Ferne Des freundlichen Gefährten sich--erinnernd (Die Stimme versagt ihr.)
Phaon (bewegt). O Sappho!
Sappho. Still! Laß uns in Ruhe scheiden! (Zu den übrigen.) Ihr die ihr Sapphon schwach gesehn, verzeiht! Ich will mit Sapphos Schwäche euch versöhnen, Gebeugt erst zeigt der Bogen seine Kraft! (Auf den Altar im Hintergrunde zeigend.) Die Flamme zündet Aphroditens an Daß hell sie strahle in das Morgenrot! (Es geschieht.) Und nun entfernt euch, lasset mich allein Alleine mit den Meinen mich beraten!
Rhamnes. Sie will's, laßt uns gehorchen. Kommt ihr alle!
(Ziehen sich zurück.)
Sappho (vortretend). Erhabne, heil'ge Götter! Ihr habt mit reichem Segen mich geschmückt! In meine Hand gabt ihr des Sanges Bogen, Der Dichtung vollen Köcher gabt ihr mir; Ein Herz zu fühlen, einen Geist zu denken Und Kraft zu bilden was ich mir gedacht! Ihr habt mit reichem Segen mich geschmückt, Ich dank euch!
Ihr habt mit Sieg dies schwache Haupt gekrönt Und ausgesät in weitentfernte Lande Der Dichtrin Ruhm, Saat für die Ewigkeit! Es tönt mein goldnes Lied von fremden Zungen Und mit der Erde nur wird Sappho untergehn, Ich dank euch!
Ihr habt der Dichterin vergönnt zu nippen An dieses Lebens süß umkränzten Kelch, Zu nippen nur, zu trinken nicht. O seht, gehorsam eurem hohen Wink Setz ich ihn hin den süß umkränzten Becher Und trinke nicht!
Vollendet hab ich, was ihr mir geboten, Darum versagt mir nicht den letzten Lohn! Die euch gehören, kennen nicht die Schwäche, Der Krankheit Natter kriecht sie nicht hinan, In voller Kraft, in ihres Daseins Blüte Nehmt ihr sie rasch hinauf in eure Wohnung-- Gönnt mir ein gleiches, kronenwertes Los!--
O gebt nicht zu daß eure Priesterin Ein Ziel des Hohnes werde eurer Feinde, Ein Spott des Toren, der sich weise dünkt. Ihr bracht die Blüten, brechet auch den Stamm! Laßt mich vollenden, so wie ich begonnen, Erspart mir dieses Ringens blut'ge Qual. Zu schwach fühl ich mich länger noch zu kämpfen, Gebt mir den Sieg, erlasset mir den Kampf! (Begeistert.) Die Flamme lodert und die Sonne steigt, Ich fühl's ich bin erhört! Habt Dank ihr Götter!-- Du Phaon! Du Melitta! Kommt heran! (Phaon auf die Stirne küssend.) Es küsset dich ein Freund aus fernen Welten (Melitten umarmend.) Die tote Mutter schickt dir diesen Kuß!
Nun hin, dort an der Liebesgöttin Altar Erfülle sich der Liebe dunkles Los! (Eilt dem Altare zu.)
Rhamnes. Was sinnet sie? verklärt ist all ihr Wesen, Glanz der Unsterblichen umleuchtet sie!
Sappho (auf eine Erhöhung des Ufers hintretend und die Hände über die beiden ausstreckend). Den Menschen Liebe und den Göttern Ehrfurcht! Genießet was euch blüht, und denket mein! So zahle ich die letzte Schuld des Lebens! Ihr Götter, segnet sie und nehmt mich auf! (Stürzt sich vom Felsen ins Meer.)
Phaon. Halt ein! Halt Sappho!
Melitta. Weh sie stürzt! sie stirbt!
Phaon (mit Melitten beschäftigt). Schnell Hilfe, fort ans Ufer! Rettung, Hilfe!
(Einige ab.)
Rhamnes (der aufs Ufer gestiegen). Ihr Götter wendet ab! dort jene Klippe, Berührt sie die ist sie zerschellt, zerschmettert!--Tragt sie vorüber! Weh! Es ist geschehn!
Phaon. Was kreischest du? Nach Kähnen! Eilet! Rettet!
Rhamnes (herabsteigend). Halt ein! Es ist zu spät! Gönnt ihr das Grab, Das sie, verschmähend diese falsche Erde, Gewählt sich in des Meeres heil'gen Fluten!
Phaon. Tot?
Rhamnes. Tot!
Phaon. Weh mir! Unmöglich, nein!
Rhamnes. Es ist!--Verwelkt der Lorbeer und das Saitenspiel verklungen! Es war auf Erden ihre Heimat nicht-- (Mit erhobenen Händen.) Sie ist zurückgekehret zu den Ihren!
(Der Vorhang fällt.)
Ende.
Ende diese Projekt Gutenberg Etextes Sappho, von Franz Grillparzer.