Sappho

Chapter 4

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Phaon. So öffne denn dies Eisen! Dank dir Sappho! Du gabst mir selber Waffen gegen dich! (Den Dolch ziehend.) Verhehle länger nichts, du siehst mich fertig, Die strengverschloßne Lade zu erbrechen!

Melitta. O schone seiner! Hin nach Chios sollt' ich!

Phaon. Nach Chios?

Melitta. Ja, ein Gastfreund Sapphos hauset dort, Er sollte wohl Melitten ihr bewahren!

Phaon. Wie, übers Meer?

Melitta. Ein Kahn dort in der Bucht!

Phaon. Ein Kahn?

Melitta. So sprach er, ist's nicht also, Vater?

Rhamnes. Nicht Vater nenne mich, du Undankbare, Die frech du die Gebieterin verrätst.

Phaon. Ein Kahn?--

Melitta (zu Rhamnes). Was tat ich denn, daß du mich schiltst? Er fragte ja!

Phaon. Ein Kahn?--So sei's!--das Zeichen Ich nehm es an! Von euch kömmt's gute Götter! Zu spät versteh ich eure treue Mahnung! Sie ist es oder keine dieser Erde Die in der Brust die zweite Hälfte trägt Von dem was hier im Busen sehnend klopfte! Ihr zeigt mir selbst den Weg. Ich will ihn gehn! Melitta, ja, du sollst nach Chios, ja! Doch nicht allein!--Mit mir, an meiner Seite!

Melitta. Mit ihm!

Phaon. Verlaß dies feindlich-rauhe Land Wo Neid und Haß und das Medusenhaupt Der Rachsucht sich in deine Pfade drängen, Wo dir die Feindin Todesschlingen legt. Komm! Dort der Kahn, hier Mut und Kraft und Stärke Zu schützen dich, wär's gegen eine Welt! (Faßt sie an.)

Melitta (ängstlich zu Rhamnes). Rhamnes!

Rhamnes. Bedenkt doch Herr!

Phaon. Bedenk du selber, Was du gewollt, daß du in meiner Hand!

Rhamnes. Herr, Sapphos ist sie!

Phaon. Lügner! Sie ist mein! (Zu Melitten.) Komm folge!

Rhamnes. Die Bewohner dieser Insel Sie ehren Sapphon wie ein fürstlich Haupt, Sind stets bereit beim ersten Hilferuf In Waffen zu beschützen Sapphos Schwelle. Ein Wort von mir und Hunderte erheben--

Phaon. Du mahnst mich recht! Fast hätt' ich es vergessen, Bei wem ich bin und wo.--Du gehst mit uns!

Rhamnes. Ich Herr?

Phaon. Ja du, doch nur bis zum Gestade, Ich neide Sapphon solche Diener nicht! Wenn wir in Sicherheit magst du zurückekehren, Erzählen was geschehn und--doch genug Du folgst!

Rhamnes. Nein, nimmermehr!

Phaon. Ich habe denk ich Was mir Gehorsam schaffen soll!

Rhamnes (sich dem Hause nähernd). Gewalt!

Phaon (vertritt ihm den Weg und geht mit dem Dolche auf ihn zu). So fahre hin denn wie du selber willst! Geringer Preis für dieser Reinen Rettung Ist des Verruchten Untergang!

Melitta. Halt ein!

Phaon. Wenn er gehorcht!

Rhamnes (der sich auf die entgegengesetzte Seite zurückgezogen hat). O wehe, weh dem Alter, Daß nicht mehr eins der Wille und die Kraft!

Phaon. Jetzt Mädchen komm.

Melitta. Wohin?

Phaon. Zu Schiffe! fort!

Melitta (von ihm weg in den Vorgrund eilend). Ihr Götter! Soll ich?

Phaon. Fort! Es streckt die Ferne Uns schutzverheißend ihren Arm entgegen. Dort drüben überm alten, grauen Meer Wohnt Sicherheit und Ruh' und Liebe! O folge! Unterm breiten Lindendach, Das still der Eltern stilles Haus beschattet, Wölbt, Teure, sich der Tempel unsers Glücks. (Sie ergreifend.) Erzitterst du? Erzittre holde Braut, Die Hand des Bräutigams hält dich umschlungen! Komm mit! und folgst du nicht, bei allen Göttern Auf diesen Händen trag ich dich von hinnen Und fort und fort, bis an das End' der Welt.

Melitta. O Phaon!

Phaon. Fort, die Sterne blinken freundlich, Die See rauscht auf, die lauen Lüfte wehen Und Amphitrite ist der Liebe hold. (Zu Rhamnes.) Voraus du!

Rhamnes. Herr!

Phaon. Es gilt dein Leben, sag ich dir!

(Alle ab.)

Sechster Auftritt

Eine Pause.--Dann erscheint Eucharis auf den Stufen.

Eucharis. Rhamnes!--(Sie steigt herab.) Mir war als hört' ich seine Stimme! Nein, es ist niemand hier! Ich täuschte mich. Verwirrend scheint ein böser Geist zu walten Seit Sapphos Rückkehr über ihrem Haus. Es fliehen ängstlich scheu sich die Bewohner, Verdacht und Kummer liegt auf jeder Stirn! Melitten sucht' ich und fand leer ihr Lager, Einsam irrt die Gebietrin durch die Nacht, Hier Rhamnes' Stimme und er selber nicht. O daß erst Morgen wäre!--Horch.

Rhamnes (von weitem). Zu Hilfe!

Eucharis. Man ruft!

Rhamnes (näher). Herbei!

Eucharis. Ha Rhamnes!

Rhamnes (nahe). Sklaven Sapphos!

Eucharis. Er ist ganz atemlos! Was ist denn Rhamnes?

Siebenter Auftritt

Rhamnes eilig. Eucharis.

Rhamnes. Auf, auf vom weichen Lager! Hierher Freunde! Den Flücht'gen nach. Zu Hilfe!

Eucharis. Sage doch--

Rhamnes. O frage nicht! Ruf Sapphon und die Diener!

Eucharis. Warum?

Rhamnes. Zu Worten ist nicht Zeit! Geh nur! Das ganze Haus erwache, eile, rette!

Eucharis. Was mag das sein? (Die Stufen hinauf.)

Rhamnes. Ich kann nicht mehr!--Verräter Frohlocket nicht! des Meeres fromme Götter Sie rächen gern so abscheuwürd'ge Tat. (Es kommen nach und nach mehrere Diener.) Eilt schnell hinab ins Tal, weckt die Bewohner, Gebt laut der Not, des Hilfeflehens Zeichen, O fragt nicht, fort! Und laßt den Notruf tönen!

(Diener ab.)

Achter Auftritt

Sappho. Vorige.

Sappho. Welch Schreckenslaut tönt durch die stille Nacht Und greift dem Schlafverscheucher Kummer in sein Amt? Wer hat hier noch zu klagen außer mir?

Rhamnes. Ich, o Gebieterin!

Sappho. Du, Rhamnes, hier? Und wo ist sie?

Rhamnes. Melitta?

Sappho. Ja doch!

Rhamnes. Fort!

Sappho. Sie fort und du doch hier!

Rhamnes. Entflohen mit--

Sappho. Halt ein!

Rhamnes. Entflohn mit Phaon!

Sappho. Nein!

Rhamnes. Es ist so! Er überwältigte mein schwaches Alter Und in demselben Kahn, der mir bereitet, Führt er nun seine Beute durch die Wogen!

Sappho. Du lügst!

Rhamnes. O daß ich löge--diesmal löge!

Sappho. Und wo blieb euer Donner ew'ge Götter! Habt ihr denn Qualen nur für Sapphos Herz? Ist taub das Ohr und lahm der Arm der Rache! Hernieder euren rächerischen Strahl, Hernieder auf den Scheitel der Verräter, Zermalmt sie, Götter, wie ihr mich zermalmt!-- Umsonst! kein Blitz durchzuckt die stille Luft, Die Winde säuseln buhlerisch im Laube Und auf den breiten Armen trägt die See Den Kahn der Liebe schaukelnd vom Gestade! Da ist nicht Hilfe! Sappho, hilf dir selbst!

(Die Bühne hat sich nach und nach mit Fackeln tragenden Sklaven und Landleuten angefüllt.)

Ha diese hier! Habt Dank, ihr Treuen, Dank! Gebt, Menschen! was die Götter mir verweigern! Auf meine Freunde, rächet eure Sappho! Wenn ich euch jemals wert, jetzt zeigt es, jetzt! (Unter ihnen herumgehend.) Du Myron schwurst mir oft und du Terpander,-- Gedenkst du Lydias noch des Liedes,--Pheres-- Und du Xenarchos--alle meine Freunde! Hinunter zum Gestad'! Bemannet Schiffe Und folget windschnell der Verräter Spur! Denkt, daß ich eurer hier in Qualen harre Und jeder Augenblick bis ihr zurückkehrt Mir hundert Dolche in den Busen bohrt! Wer mir sie bringt, wer mir die Wonne schafft Daß ich die Augen bohren kann in seine, Ihn fragen kann: Was hab ich dir getan, (In Tränen ausbrechend.) Daß du mich tötest?--Nein, nur Wut und Rache! Wer mir sie bringt, er nehme all mein Gold, Mein Leben--fort! Auf Windesfittich fort!

Ein Landmann. Mit ihm nur kehren wir zurück.

Sappho. Ich dank euch, (Zu den Abgebenden.) Mein Leben ist gelegt in eure Hand! Laßt meine Wünsche euren Fuß beflügeln Und meine Rache stärken euren Arm-- Nur schnell, nur schnell! Bei allen Göttern schnell!

(Diener und Landleute ab.)

Sappho (die Hände über die Brust gelegt). Sie gehn! Nun ist mir wohl!--Nun will ich ruhn!

Eucharis. Du zitterst!

Rhamnes. Weh du wankst!--o Sappho!

Eucharis (die Wankende in ihre Arme fassend). Götter!

Sappho (in Eucharis' Armen). O laß mich sinken! Warum hältst du mich?

Der Vorhang fällt.

Fünfter Aufzug

Gegend wie in den vorigen Aufzügen. Tagesanbruch.

Erster Auftritt

Sappho sitzt halbliegend auf der Rasenbank, unbeweglich vor sich hinstarrend. In einiger Entfernung steht Eucharis; weiter zurück mehrere Sklavinnen. Rhamnes kömmt.

Eucharis (den Finger auf dem Munde). Still! still!

Rhamnes. Schläft sie?

Eucharis. Die Augen stehen offen, Der Körper wacht, ihr Geist nur scheint zu schlafen! So liegt sie seit drei Stunden, regungslos!

Rhamnes. Ihr solltet sie ins Haus doch--

Eucharis. Ich versucht' es, Allein sie will nicht!--Und noch nichts?

Rhamnes. Noch nichts! So weit das Auge trägt nur See und Wolken, Von einem Schiffe nicht die kleinste Spur.

Sappho (emporfahrend). Schiff? Wo?

Rhamnes. Wir sahn noch nichts Gebieterin!

Sappho (zurücksinkend). Noch nicht!--Noch nicht!--

Rhamnes. Die Morgenluft weht kühl, Erlaube, daß wir dich in dein Gemach

Sappho (schüttelt verneinend den Kopf).

Rhamnes. Laß dich erbitten, folge mir ins Haus!

Sappho (schüttelt noch einmal).

Rhamnes (zurückweichend). Du willst's--Ihr Anblick schneidet mir ins Herz!

Eucharis. Ei sieh, was drängt sich dort das Volk!

Rhamnes. Laß sehn!

Eucharis. Es strömt dem Ufer zu. Mir deucht, sie kommen!

Sappho (aufspringend). Ha! (Während des Folgenden steht sie in ängstlich horchender Stellung zurückgebeugt.)

Eucharis. Dort tritt an den Felsen und sieh zu, Vielleicht erblickst du sie!

Rhamnes. Wohl, ich will sehn! (Steigt auf eine Erhöhung des Ufers.)

Eucharis. Nur schnell, nur schnell! Nun siehst du?

Rhamnes. Dank den Göttern! Sie kommen!

Sappho. Ah!

Rhamnes. Die waldbewachsne Spitze Die links dort weit sich ins Gewässer streckt Verbarg mir vorher den willkommnen Anblick. Ein Heer von Kähnen wimmelt durcheinander Mit raschem Ruderschlag dem Ufer zu.

Eucharis. Und die Entwichnen, sind sie unter ihnen?

Rhamnes. Die Sonne blendet, ich erkenn es nicht! Doch halt, da naht dem Ufer schon ein Kahn Vorausgesendet mit der frohen Botschaft. Jetzt legt er an!--Der Hirte ist's vom Tal-- Er schwenkt den Stab!--Gewiß sie sind gefangen! Hierher, mein Freund, hierher!--Er kommt heran! (Herabsteigend.)

Eucharis. Gebieterin, sei ruhig, sei gefaßt!

Zweiter Auftritt

Ein Landmann. Vorige.

Landmann. Heil, Sappho, dir!

Eucharis. Ist er gefangen?

Landmann. Ja!

Rhamnes. Wo denn?

Eucharis. Und wie?

Landmann. Sie hatten tücht'gen Vorsprung Und er versteht zu rudern. Fast schon glaubt' ich Wir würden nun und nimmer sie erreichen! Doch endlich, schon in hoher See, erblickten Wir seinen Kahn und drauf in rascher Jagd! Bald ist er eingeholt und schnell umringt. Wir heißen um ihn lenken, doch er will nicht Und faßt sein Mädchen mit der linken Hand, Das blanke Eisen in der Rechten schwingend.-- Begehrt ihr was, erhabne Frau?

Sappho (winkt ihm fortzufahren).

Landmann. Nun denn! Und schwingt das Eisen drohend gegen uns; Bis nun ein Ruderschlag, der ihm gegolten, Das kleine Mädchen an die Stirne trifft.

Sappho (verhüllt sich die Augen mit der Hand).

Landmann. Sie sinkt, er faßt sie in die Arme, wir, Den Augenblick benutzend, rasch an Bord Und greifen ihn und bringen ihn zurück! Sie steigen schon ans Land! Seht ihr die beiden? Das kleine Mädchen wankt noch taumelnd--

Sappho. Ha Nicht hierher!

Rhamnes. Wohin sonst, sie kommen schon!

Sappho. Wer rettet mich vor seinem Anblick?--Mädchen!-- Du Aphrodite schütze deine Magd!

(Sie eilt dem Hintergrunde zu und umklammert den Altar, ihre Dienerinnen stehen rings um sie her.)

Dritter Auftritt

Phaon, Melitten führend. Landleute. Sappho mit ihren Dienern im Hintergrunde.

Phaon. Ha wag es keiner diese zu berühren! Nicht wehrlos bin ich, wenn auch gleich entwaffnet! Zu ihrem Schutz wird diese Faust zur Keule, Und jedes meiner Glieder wird ein Arm! Hierher Melitta, hierher! Zittre nicht, Dir soll kein Leid geschehn solang ich atme! Verruchte, konntet ihr dies Haupt verletzen, Das reine Haupt der Unschuld, und seid Männer? So grausam dacht' ich höchstens mir ein Weib, Ein schwaches, feiges, aufgereiztes Weib. Du warst's, der nach ihr schlug, ich kenne dich! Fort, von mir, fort! Daß ich die Rachegötter Vorgreifend nicht um ihren Raub betrüge! Wie fühlst du dich?

Melitta. Wohl!

Phaon. O dein Blick verneint, Dies Zittern, diese Blässe, laut verrät sie Die erste Lüge, die dein Mund gesprochen! Versuche nicht den Grimm in mir zu dämpfen, Zu neuer Glut fachst du die Flammen an! Hier setze dich auf diesen Rasensitz; Hier wo dein mildes, himmelklares Auge Zum ersten Male mir entgegenglänzte Und wie des Tages goldner Morgenstrahl Des Schlafes düstre Bande von mir löste In den mich jene Zauberin gesungen, Hier wo die Lieb' ihr holdes Werk begann, Auf dieser Stelle sei es auch vollendet! Sprecht! Wo ist Sappho!

Melitta. Phaon, ruf sie nicht!

Phaon. Sei ruhig! Bin ich nicht ein freier Mann? Wer gab das Recht ihr meinen Schritt zu hemmen? Noch Richterstühle gibt's in Griechenland, Mit Schrecken soll die Stolze das erfahren. Zu Sappho hin!

Ein Landmann. Du bleibst!

Phaon. Wer hält mich? Wer?

Landmann. Wir alle hier!

Phaon. Ich bin ein freier Mann!

Landmann. Du warst's, jetzt bist der Strafe du verfallen!

Phaon. Der Strafe! und warum?

Landmann. Der Sklavin Raub Ruft das Gesetz zur Rache wider dich.

Phaon. Es fordre Sappho Lösegeld für sie Und zahlen will ich's, wären's Krösus' Schätze!

Landmann. Ihr ziemt's zu fordern, und nicht dir zu bieten!

Phaon. Seid ihr so zahm, daß eines Weibes Rache Geduldig ihr die Männerhände leiht, Und dienstbar seid der Liebe Wechsellaunen? Mir stehet bei, denn Unrecht widerfährt mir!

Landmann. Ob Recht ob Unrecht? Sappho wird's entscheiden!

Phaon. So sprichst du, Alter, und errötest nicht? Wer ist denn Sappho, daß du ihre Zunge Für jene achtest an des Rechtes Waage? Ist sie Gebietrin hier im Land?

Landmann. Sie ist es, Doch nicht weil sie gebeut, weil wir ihr dienen!

Phaon. So hat sie denn euch alle auch umsponnen, Ich will doch sehn, wie weit ihr Zauber reicht! (Gegen das Haus zugehend.) Zu ihr!

Landmann. Zurück!

Phaon. Vergebens dräuet ihr! Ich muß sie sehen! Sappho, zeige dich! Wo bist du? oder zitterst du vor mir?-- Ha, dort am Altar ihrer Diener Reihen, Sie ist es, du entgehst mir nicht!--Zu mir!

(Durchbricht die Menge. Auch der Kreis der Sklavinnen öffnet sich. Sappho liegt hingegossen an den Stufen des Altars.)

Landmann. Du wagst es, unbesonnen frecher Knabe?

Phaon. Was willst du an den Stufen hier der Götter? Sie hören nicht der Bosheit Flehn.--Steh auf!

(Er faßt sie an. Bei seiner Berührung fährt Sappho empor, und eilt mit fliegenden Schritten, ohne ihn anzusehen, dem Vorgrunde zu.)

Phaon (ihr folgend). Entweichst du mir? du mußt mir Rede stehn! Ha, bebe nur! Es ist jetzt Zeit zu beben! Weißt du was du getan? Mit welchem Recht Wagst du es mich, mich einen freien Mann, Der niemand eignet als sich selber, hier In frevelhaften Banden festzuhalten? Hier diese da in ungewohnten Waffen, Hast du sie ausgesandt? Hast du sie? Sprich!-- So stumm? der Dichtrin süße Lippe stumm?

Sappho. Es ist zuviel!

Phaon. Die Wange rötet sich Von Zornes heißen Gluten überflammt. Recht, wirf die Larve weg, sei was du bist, Und tobe, töte heuchlerische Circe!

Sappho. Es ist zuviel!--Auf, waffne dich, mein Herz!

Phaon. Antworte! Hast du diese ausgesandt?

Sappho (zu Rhamnes). Geh hin und hol die Sklavin mir zurück, Nur sie und niemand anders ließ ich suchen!

Phaon. Zurück! Es wage niemand ihr zu nahn! Begehre Lösegeld. Ich bin nicht reich, Doch werden Eltern mir und Freunde willig steuern Mein Glück von deiner Habsucht zu erkaufen!

Sappho (noch immer abgewandt). Nicht Gold verlang ich, nur was mein! Sie bleibt!

Phaon. Sie bleibet nicht! Bei allen Göttern, nein! Du selber hast dein Recht auf sie verwirkt Als du den Dolch auf ihren Busen zücktest, Du kauftest ihre Dienste, nicht ihr Leben! Glaubst du, ich ließe sie in deiner Hand? Noch einmal, fordre Lösegeld und laß sie!

Sappho (zu Rhamnes). Erfülle was ich dir befahl!

Phaon. Zurück! Du rührst an deinen Tod, berührst du sie! So ist dein Busen denn so ganz entmenscht, Daß er sich nicht mehr regt bei Menschenleiden! Zerbrich die Leier, gifterfüllte Schlange! Die Lippe töne nimmerdar Gesang, Du hast verwirkt der Dichtung goldne Gaben! Den Namen nicht entweihe mehr der Kunst! Die Blume soll sie sein aus dieses Lebens Blättern, Die hoch empor, der reinsten Kräfte Kind, In blaue Luft das Balsamhaupt erhebt Den Sternen zu, nach denen sie gebildet. Du hast als gift'gen Schierling sie gebraucht, Um deine Feinde grimmig zu verderben! Wie anders malt' ich mir, ich blöder Tor Einst Sapphon aus, in frühern, schönern Tagen! Weich wie ihr Lied, war ihr verklärter Sinn Und makellos ihr Herz, wie ihre Lieder, Derselbe Wohllaut der der Lipp' entquoll Er wiegte sich auch wogend in der Brust Und Melodie war mir ihr ganzes Wesen! Wer hat dich denn mit Zauberschlag verwandelt? Ha, wende nicht die Augen scheu von mir! Mich blicke an, laß mich dein Antlitz schauen Daß ich erkenne, ob du's selber bist, Ob dies die Lippen die mein Mund berührt, Ob dies das Auge das so mild gelächelt, Ob Sappho du es bist, du Sappho?

(Er faßt ihren Arm und wendet sie gegen sich. Sie blickt empor, ihr Auge trifft das seinige.)

Sappho (schmerzvoll zusammenfahrend). Weh mir!

Phaon. Du bist es noch; ja, das war Sapphos Stimme! Was ich gesagt! Die Winde tragen's hin, Es soll nicht Wurzeln schlagen in dem Herzen! O es wird helle, hell vor meinem Blick Und wie die Sonne nach Gewittersturm Strahlt aus der Gegenwart entladnen Wolken In altem Glanze die Vergangenheit. Sei mir gegrüßt, Erinnrung schöner Zeit! Du bist mir wieder was du einst mir warst, Eh' ich dich noch gesehn, in ferner Heimat, Dasselbe Götterbild, das ich nur irrend So lange für ein Menschenantlitz hielt, Zeig dich als Göttin! Segne Sappho, segne!

Sappho. Betrüger!

Phaon. Nein fürwahr, ich bin es nichts Wenn ich dir Liebe schwur, es war nicht Täuschung, Ich liebte dich, so wie man Götter wohl Wie man das Gute liebet und das Schöne. Mit Höhern, Sappho, halte du Gemeinschaft, Man steigt nicht ungestraft vom Göttermahle Herunter in den Kreis der Sterblichen. Der Arm, in dem die goldne Leier ruhte, Er ist geweiht, er fasse Niedres nicht!

Sappho (abgewendet vor sich hin). Hinab in Meeresgrund die goldne Leier Wird ihr Besitz um solchen Preis erkauft!

Phaon. Ich taumelte in dumpfer Trunkenheit, Mit mir und mit der Welt im düstern Streite; Vergebens rief ich die Gefühle auf, Die ich in Schlummer glaubt' und die nicht waren, Du standst vor mir ein unbegreiflich Bild Zu dem's mich hin, von dem's mich fort, Mit unsichtbaren Banden mächtig zog; Du warst--zu niedrig glaubte dich mein Zorn, Zu hoch nennt die Besinnung dich--für meine Liebe. Und nur das Gleiche fügt sich leicht und wohl! Da sah ich sie, und hoch gen Himmel sprangen Die tiefen Quellen alle meines Innern, Die stockend vorher weigerten den Strahl. Komm her Melittion, komm her zu ihr, O sei nicht bange, sie ist mild und gütig! Enthüll der Augen schimmernden Kristall Daß sie dir blicke in die fromme Brust Und freudig ohne Makel dich erkenne!

Melitta (schüchtern nahend). Gebieterin!

Sappho (sie von sich haltend). Fort von mir!

Melitta. Ach, sie zürnt!

Phaon. So wär' sie doch was ich zu glauben scheute? Komm her, Melittion, an meine Seite! Du sollst nicht zu ihr flehn! Vor meinen Augen Soll dich die Stolze nicht beleidigen, Du sollst nicht flehn! Sie kennt nicht deinen Wert, Nicht ihren, denn auf ihren Knien würde Sie sonst, die Schuld der Unschuld, stumm dir huld'gen! Hierher zu mir, hierher!

Melitta. Nein laß mich knien Wie's wohl dem Kinde ziemt vor seiner Mutter, Und dünkt ihr Strafe recht, so strafe sie, Ich will nicht murren wider ihren Willen!

Phaon. Nicht dir allein auch mir gehörst du an, Und mich erniedrigst du durch diese Demut. Noch gibt es Mittel das uns zu erzwingen Was sie der Bitte störrisch-rauh versagt.

Melitta. O wär' es auch, mich freut nur ihre Gabe, Erzwungen wäre mir das höchste Glück zur Last! Hier will ich knien, bis mir ein milder Blick, Ein gütig Wort, Verzeihung angekündigt. Wie oft schon lag ich hier an dieser Stelle Und immer stand ich freudig wieder auf; Sie wird mich diesmal weinend nicht entlassen! Blick auf dein Kind hernieder, teure Frau!

Sappho (steht, das Gesicht auf Eucharis' Schulter gelehnt).

Phaon. Kannst du sie hören und bleibst kalt und stumm!

Melitta. Sie ist nicht kalt, und wenn auch schweigt ihr Mund Ich fühl ihr Herz zu meinem Herzen sprechen! Sei Richter, Sappho, zwischen mir und ihm! Heiß mich ihm folgen und ich folge ihm, Heiß mich ihn fliehn--o Götter!--alles--alles! Du zitterst!--Sappho, hörest du mich nicht?

Phaon (Melitten umschlingend und ebenfalls hinkniend). Den Menschen Liebe und den Göttern Ehrfurcht, Gib uns was unser, und nimm hin was dein! Bedenke was du tust, und wer du bist!

Sappho (fährt bei den letzten Worten empor und blickt die Knienden mit einem starren Blicke an, wendet sich dann schnell ab, und geht).

Melitta. Weh mir sie flieht, sie hat ihr Kind verstoßen!

(Sappho ab. Eucharis und Dienerinnen folgen.)

Vierter Auftritt

Vorige ohne Sappho und Eucharis.

Phaon. Steh auf, mein Kind! Zu Menschen flehe nicht, Noch bleiben uns die Götter und wir selbst!

Melitta. Ich kann nicht leben, wenn sie mich verdammt! Ihr Auge war von jeher mir der Spiegel Vor dem ich all mein Tun und Fühlen prüfte! Er zeigt mir jetzt die eigne Ungestalt! Was muß sie leiden die gekränkte Frau!

Phaon. Du leihst ihr dein Gefühl! Ganz andre Wogen Erheben sich in dieser Stolzen Brust!

Melitta. Scheint sie auch stolz, mir war sie immer gütig, Wenn oft auch streng, es barg die scharfe Hülle Mir immer eine süße, holde Frucht! Weh mir, daß ich das je vergessen konnte!

Rhamnes. Jawohl, weh dir, daß du es je vergessen!

Phaon. Was zittert ihr, kennt ihr sie gar so mild?

Rhamnes. Sie zürnte, als sie ging, und ohne Schranken, Wie ihre Liebe ist ihr Zorn!--Drum weh euch!

Phaon. Was kann sie drohn?

Rhamnes. Der flücht'gen Sklavin, Tod!

Phaon. Wer sagt das?

Rhamnes. Die Gesetze dieses Landes!

Phaon. Ich schütze sie!

Rhamnes. Du? Und wer schützet dich?

Phaon. Und gähnte hier die Erde vor mir auf, Und donnerte die See mich zu verschlingen, Vermöchte sie die Kräfte der Natur In grauses Bündnis wider mich zu einen, Fest halt ich diese, lachend ihres Zorns, Sie selbst und ihre Drohungen verachtend!

Rhamnes. Verachten? Sapphon! Und wer bist du denn Daß du dein Wort magst in die Schale legen In der die Menschheit ihre Ersten wiegt, Zu sprechen wagst, wo Griechenland gesprochen? Blödsicht'ger, frevler Tor, dünkt sie dir wertlos Weil ohne Maßstab du für ihren Wert, Nennst du das Kleinod blind, weil es dein Auge? Daß sie dich liebte, daß sie aus dem Staub Die undankbare Schlange zu sich hob Die nun mit gift'gem Zahn ihr Herz zerfleischt, Daß ihren Reichtum sie an dich vergeudet Der keinen Sinn für solcher Schätze Wert, Das ist der einz'ge Fleck in ihrem Leben Und keines andern zeiht sie selbst der Neid! Sprich nicht! Selbst dieser Trotz, in dem du nun Dich auflehnst wider sie, er ist nicht dein! Wie hättest du aus deiner Niedrigkeit, Von den Vergeßnen der Vergessenste, Gewagt zu murren wider Hellas' Kleinod? Daß sie dich angeblickt gab dir den Stolz, Mit dem du nun auf sie herniedersiehst.

Phaon. Der Dichtung Ruhm nicht mag ich ihr bestreiten--

Rhamnes. Du magst es nicht? Ei doch! Als ob du's könntest! Hoch an den Sternen hat sie ihren Namen Mit diamantnen Lettern angeschrieben Und mit den Sternen nur wird er verlöschen! In fernen Zeiten unter fremden Menschen Wenn längst zerfallen diese morschen Hüllen Und selber unsre Gräber nicht mehr sind Wird Sapphos Lied noch von den Lippen tönen, Wird leben noch ihr Name--und der deine! Der deine ja, sei stolz auf die Unsterblichkeit Die dir der Frevel gibt an ihrem Haupt! In fremdem Land bei kommenden Geschlechtern Wenn schon Jahrhunderte, noch ungeboren, Hinabgestiegen in das Grab der Zeit Wird es erschallen noch aus jedem Munde: Sappho hieß die, die dieses Lied gesungen, Und Phaon heißt er, der sie hat getötet.

Melitta. O Phaon--

Phaon. Ruhig! Ruhig!