Chapter 3
Zweiter Auftritt
Sappho (allein, nach einer Pause). Der Bogen klang, (Die Hände über der Brust zusammenschlagend.) es sitzt der Pfeil!-- Wer zweifelt länger noch? Klar ist es, klar! Sie lebt in seinem schwurvergeßnen Herzen, Sie schwebt vor seiner schamentblößten Stirn, In ihre Hülle kleiden sich die Träume, Die schmeichelnd sich des Falschen Lager nahn. Sappho verschmäht um ihrer Sklavin willen! Verschmähet? wer? Beim Himmel und von wem? Bin ich dieselbe Sappho denn nicht mehr, Die Könige zu ihren Füßen sah, Und spielend mit der dargebotnen Krone, Die Stolzen sah und hörte und entließ! Dieselbe Sappho, die ganz Griechenland Mit lautem Jubel als sein Kleinod grüßte? O Törin! Warum stieg ich von den Höhn, Die Lorbeer krönt, wo Aganippe rauscht, Mit Sternenklang sich Musenchöre gatten, Hernieder in das engbegrenzte Tal Wo Armut herrscht und Treubruch und Verbrechen? Dort oben war mein Platz, dort an den Wolken, Hier ist kein Ort für mich, als nur das Grab. Wen Götter sich zum Eigentum erlesen, Geselle sich zu Erdenbürgern nicht, Der Menschen und der Überird'schen Los Es mischt sich nimmer in demselben Becher, Von beiden Welten eine mußt du wählen, Hast du gewählt, dann ist kein Rücktritt mehr! Ein Biß nur in des Ruhmes goldne Frucht, Proserpinens Granatenkernen gleich, Reiht dich auf ewig zu den stillen Schatten Und den Lebendigen gehörst du nimmer an. Mag auch das Leben noch so lieblich blinken, Mit holden Schmeichellauten zu dir tönen, Als Freundschaft und als Liebe an dich locken: Halt ein Unsel'ger! Rosen willst du brechen Und drückst dafür dir Dornen in die Brust!--
Ich will sie sehn die wundervolle Schönheit, Die solchen Siegs sich über Sappho freut! Was soll ich glauben? Lügt denn mein Gedächtnis, Das, wenn ich's frage, mir ein albern Kind Mit blöden Mienen vor die Sinne bringt. Mit Augen, die den Boden ewig suchen, Mit Lippen, die von Kinderpossen tönen, Und leer der Busen, dessen arme Wellen Nur Lust zu spielen noch und Furcht vor Strafe Aus ihrer dumpfen Ruhe manchmal weckt. Wie? oder meinem Aug entging wohl jener Reiz Der ihn so mächtig zieht in ihre Nähe?-- Melitta!--Ja, ich will sie sehn!--Melitta!--
Dritter Auftritt
Eucharis. Sappho.
Eucharis. Befiehlst du hohe Frau?
Sappho. Melitten rief ich. Wo ist sie?
Eucharis. Wo? auf ihrer Kammer, denk ich.
Sappho. Sucht sie die Einsamkeit!--Was macht sie dort?
Eucharis. Ich weiß nicht. Aber seltsam ist ihr Wesen, Und fremd ihr Treiben schon den ganzen Tag. Des Morgens war sie still und stets in Tränen, Doch kurz nur erst traf ich sie heitern Blicks, Mit Linnen ganz beladen und mit Tüchern, Wie sie hinabging zu dem klaren Bache, Der kühl das Myrtenwäldchen dort durchströmt!
Sappho. Sie freut sich ihres Siegs! Nur weiter, weiter!
Eucharis. Neugierig zu erfahren was sie suche, Schlich leis ich ihr ins stille Wäldchen nach. Da fand ich sie--
Sappho. Mit ihm?
Eucharis. Mit wem?
Sappho. Nur weiter!
Eucharis. Ich fand sie dort im klaren Wasser stehn. Die Kleider lagen ringsumher am Ufer Und hoch geschürzt--sie dachte keines Lauschers-- Wusch, mit den kleinen Händen Wasser schöpfend, Sie sorgsam reibend Arme und Gesicht, Die von dem Schein der Sonne durch die Blätter, Von ihrem Eifer und der rauhen Weise, Mit der die Kleine eilig rasch verfuhr, In hellem Purpur feurig glühten. Wie sie da stand, für eine ihrer Nymphen, Der jüngsten eine, hätte sie Diana--
Sappho. Erzählung wollt' ich hören, und nicht Lob!
Eucharis. Als nun des Bades langes Werk vollbracht, Getrocknet Angesicht und Brust und Wange, Ging fröhlich singend sie ins Haus zurück, Also vertieft und so in sich verloren, Daß sie der Blätter, die ich aus dem Dickicht Nach ihr warf, sie zu schrecken, nicht gewahrte. Hier angelangt trat sie in ihre Kammer, Schloß ab, und was sie schafft das weiß ich nicht. Nur hört' ich sie in Schränken emsig suchen, Dazwischen tönte heiterer Gesang!
Sappho. Sie singt und Sappho--nein, ich weine nicht! Bring sie zu mir!
Eucharis. Melitten?
Sappho. Ja, wen sonst?-- Melitten!--Ach ein süßer, weicher Name, Ein ohrbezaubernd liebevoller Name! Melitta--Sappho!--Geh bring sie zu mir!
(Eucharis ab.)
Vierter Auftritt
Sappho (allein. Sie setzt sich auf die Rasenbank und stützt das Haupt in die Hand. Pause). Ich kann nicht! Weh!--Umsonst ruf ich den Stolz, An seiner Statt antwortet mir die Liebe. (Sinkt in die vorige Stellung zurück.)
Fünfter Auftritt
Melitta. Sappho.
Melitta (kommt, einfach aber mit Sorgfalt gekleidet, Rosen am Busen und in den Haaren. Sie bleibt am Eingange stehen, tritt aber, da Sappho sich nicht regt, näher hinzu). Hier bin ich.
Sappho (sich schnell umkehrend und zurückfahrend). Ah!--Beim Himmel sie ist schön!
(Wirft das Gesicht in beide Hände verhüllt auf die Rasenbank. Pause.)
Melitta. Du riefst nach mir!
Sappho. Wie hat sie sich geschmückt, Die Falsche! ihrem Buhlen zu gefallen!-- Mit Müh' gebiet ich meinem innern Zorn!-- Welch Fest hat heut so festlich dich geschmückt?
Melitta. Ein Fest?
Sappho. Wozu dann dieser Putz? die Blumen?
Melitta. Du hast wohl oft geschmält, daß ich die Kleider, Mit denen du so reichlich mich beschenkst, So selten trage, stets auf andre Zeit, Auf frohe Tage geizig sie versparend. Das fiel mir heute ein, und weil nun eben Gerade heute so ein froher Tag, So ging ich hin und schmückte mich ein wenig!
Sappho. Ein froher Tag? Nicht weiß ich es, warum?
Melitta. Warum?--Ei nu, daß du zurückgekehrt, Daß du--ich weiß nicht recht, doch fröhlich bin ich.
Sappho. Ha Falsche!
Melitta. Was sagst du?
Sappho (sich fassend). Melitta komm, Wir wollen ruhig miteinander sprechen. Wie alt bist du?
Melitta. Du weißt wohl selbst, o Sappho, Welch trauriges Geschick der Kindheit Jahre Mir unterbrach. Es hat sie keine Mutter Mit sorglicher Genauigkeit gezählt, Doch glaub ich, es sind sechzehn!
Sappho. Nein, du lügst!
Melitta. Ich?
Sappho. Sprichst nicht Wahrheit!
Melitta. Immer, hohe Frau!
Sappho. Du zählst kaum fünfzehn!
Melitta. Leicht mag es so sein!
Sappho. So jung an Jahren und sie sollte schon So reif sein im Betrug? Es kann nicht sein, So sehr nicht widerspricht sich die Natur! Unmöglich, nein! ich glaub es nicht!--Melitta, Erinnerst du dich noch des Tages, da Vor dreizehn Jahren man dich zu mir brachte? Es hatten wilde Männer dich geraubt. Du weintest, jammertest in lauten Klagen, Mich dauerte der heimatlosen Kleinen, Ihr Flehen rührte mich, ich bot den Preis Und schloß dich, selber noch ein kindlich Wesen, Mit heißer Liebe an die junge Brust. Man will dich trennen, doch du wichest nicht, Umfaßtest mit den Händen meinen Nacken, Bis sie der Schlaf, der tröstungsreiche, löste. Erinnerst du dich jenes Tages noch?
Melitta. O könnt' ich jemals, jemals ihn vergessen!
Sappho. Als bald darauf des Fiebers Schlangenringe Giftatmend dich umwanden, o Melitta, Wer war's, der da die langen Nächte wachte, Sein Haupt zum Kissen machte für das deine, Sein selbst vergessend mit dem Tode rang Den vielgeliebten Raub ihm abzuringen Und ihn errang, in Angst und Qual errang!
Melitta. Du warst's, o Sappho! Was besäß' ich denn, Das ich nicht dir, nicht deiner Milde dankte?
Sappho. Nicht so, hierher an meine Brust, hierher! Ich wußt' es wohl du kannst mich nicht betrüben, Mit Willen mich, mit Vorsatz nicht betrüben! Laß unsre Herzen aneinanderschlagen, Das Auge sich ins Schwesteraug versenken, Die Worte mit dem Atem uns vermischen, Daß das getäuschte Ohr, die gleichgestimmte Brust, Von der Gesinnung Einklang süß betrogen, In jedem Laut des lieblichen Gemisches Sein Selbst erkenne, aber nicht sein Wort.
Melitta. O Sappho!
Sappho. Ja, ich täuschte mich. Nicht wahr?
Melitta. Worin?
Sappho. Wie könntest du? Du kannst nicht! Nein!
Melitta. Was o Gebieterin?
Sappho. Du könntest--Geh! Leg diese eiteln Kleider erst von dir, Ich kann dich so nicht sehn! Geh! Andre Kleider! Der bunte Schmuck verletzt mein Auge! Fort! Einfach ging stets die einfache Melitta, So viele Hüllen deuten auf Verhülltes! Geh! Andre Kleider, sag ich dir! Nur fort!-- Halt, wohin gehst du? Bleib! Sieh mir ins Auge! Warum den Blick zu Boden? Fürchtest du Der Herrin Aug'? du bist so blöde nicht! Damals als Phaon-- Ha! errötest du? Verräterin, du hast dich selbst verraten! Und leugnest du? Nicht deiner falschen Zunge, Dem Zeugnis dieser Wangen will ich glauben, Dem Widerschein der frevelhaften Flammen, Die tief dir brennen in der Heuchlerbrust! Unselige, das also war's, warum Du dich beim Mahle heut so seltsam zeigtest? Was ich als Zeichen nahm der blöden Scham Ein Fallstrick war's der list'gen Buhlerin, Die spinnenähnlich ihren Raub umgarnte; So jung noch und so schlau, so heiter blühend Und Gift und Moder in der argen Brust? Steh nicht so stumm! Soll dir's an Worten fehlen? Die Zunge, die so sticht, kann sie nicht zischen? Antworte mir!
Melitta. Ich weiß nicht was du meinst.
Sappho. Nicht? armes Kind! Nun Tränen! Weine nicht! Die Tränen sind des Schmerzes heilig Recht! Mit Worten sprich, sie sind ja längst entweiht, Doch brauche nicht der Unschuld stumme Sprache! So schön geschmückt, so bräutlich angetan! Fort diese Blumen, fort, sie taugen wenig Die schlechtversteckte Schlange zu verbergen! Herab die Rosen!
Melitta (nimmt schweigend den Kranz ab).
Sappho. Mir gib diesen Kranz, Bewahren will ich ihn dir zum Gedächtnis Und fallen frühverwelkt die Blätter ab, Gedenk ich deiner Treu und meines Glücks. Was schonest du die Rose an der Brust? Leg sie von dir!
Melitta (tritt zurück).
Sappho. Wohl gar ein Liebespfand? Fort damit!
Melitta (beide Arme über die Brust schlagend und dadurch die Rose verhüllend). Nimmermehr!
Sappho. Umsonst dein Sträuben! Die Rose!
Melitta (die Hände fest auf die Brust gedrückt, vor ihr fliehend). Nimm mein Leben!
Sappho. Falsche Schlange! Auch ich kann stechen! (Einen Dolch ziehend.) Mir die Rose!
Melitta. Götter! So schützt denn ihr mich! Ihr, erhabne Götter!
Sechster Auftritt
Phaon. Vorige.
Phaon. Wer ruft hier?--du Melitta, fort den Dolch!
(Pause.)
Phaon. Was war hier? Sappho, du?
Sappho. Frag diese hier!
Phaon. Melitta, hättest du?--
Melitta. Die Schuld ist mein, Ich sprach, wie es der Sklavin nicht geziemt!
Sappho. Du sollst mit falscher Schuld dich nicht beladen, Zu drückend liegt die wahre schon auf dir. Weh mir, bedürft' ich jemals deiner Großmut! (Mit starkem Ton.) Die Rose von der Brust hab ich begehrt Und sie verschmähte zu gehorchen!--
Phaon. Tat sie's? Bei allen Göttern sie hat recht getan, Und niemand soll der Blume sie berauben! Ich selber gab sie ihr, als Angedenken An eine schöne Stunde, als ein Zeichen, Daß nicht in jeder Brust das Mitgefühl Für unverdientes Unglück ist erloschen, Als einen Tropfen Honig in den Becher Den fremder Übermut ihr an die Lippen preßt, Als Bürgen meiner innern Überzeugung, Daß stiller Sinn des Weibes schönster Schmuck, Und daß der Unschuld heitrer Blumenkranz Mehr wert ist als des Ruhmes Lorbeerkronen.-- Sie weint!--O weine nicht Melittion! Hast diese Tränen du auch mitbezahlt, Als du sie von dem Sklavenmäkler kauftest? Der Leib ist dein, komm her und töte sie, Doch keine Träne sollst du ihr erpressen! Schaust du mich mit den milden Augen an Um Mitleid flehend für die Mitleidlose? Du kennst sie nicht, du kennst die Stolze nicht! Schau hin, blinkt nicht ein Dolch in ihrer Hand Und noch zwei andre liegen tiefversteckt Dort unter den gesenkten Augenlidern? (Den Dolch aufraffend, der Sapphon entglitten ist.) Mir diesen Stahl! Ich will ihn tragen Hier auf der warmen, der betrognen Brust, Und wenn mir je ein Bild verfloßner Tage In süßer Wehmut vor die Seele tritt, Soll schnell ein Blick auf diesen Stahl mich heilen!
Sappho (ihn starr anblickend). Phaon!
Phaon. O höre nicht den süßen Ton, Er lockt dich schmeichelnd nur zu ihrem Dolch! Auch mir ist er erklungen! Lange schon Eh' ich sie sah, warf sie der Lieder Schlingen Von ferne leis verwirrend um mich her, An goldnen Fäden zog sie mich an sich Und mocht' ich ringen, enger stets und enger Umschlangen mich die leisen Zauberkreise. Als ich sie sah, da faßte wilder Taumel Den aufgeregten Sinn und willenlos Stürzt' ich gebunden zu der Stolzen Füßen. Dein Anblick erst gab mich mir selber wieder, Erbebend sah ich mich in Circes Hause Und fühlte meinen Nacken schon gekrümmt! Doch war ich nicht gelöst, sie selber mußte, Sie selber ihren eignen Zauber brechen!
Sappho (noch immer starr nach ihm blickend). Phaon!
Phaon. O hör sie nicht! Blick nicht nach ihr, Ihr Auge tötet so wie ihre Hand.
Melitta. Sie weint!
Phaon. Fort, weinend spinnt sie neuen Zauber!
Melitta. Soll ich die Teure leidend vor mir sehn?
Phaon. Auch mich ergreift sie, darum eilig fort! Eh' sie noch ihre Schlingen um dich wirft. (Er führt sie fort.)
Melitta. Ich kann nicht!--Sappho!
Sappho (mit aufgelöster Stimme). Melitta, rufst du mir?
Melitta (umkehrend und ihre Knie umfassend). Ich bin es, Sappho! Hier die Rose nimm! Nimm sie! Mein Leben nimm! Wo ist dein Dolch?
Phaon (herzueilend, die Rose die beide halten wegreißend und Melitten aufhebend). Dein ist sie, dein, kein Gott soll dir sie rauben! (Melitten fortziehend.) Komm! Schnell aus ihrer Nähe! Fort! (Führt sie ab.)
Sappho (mit ausgestreckten Armen, verhallend). Phaon!
Der Vorhang fällt.
Vierter Aufzug
Freie Gegend wie in den vorigen Aufzügen. Mondnacht.
Erster Auftritt
Sappho (kommt, in tiefe Gedanken versenkt.--Sie bleibt stehen.--Nach einer Pause). Bin ich denn noch, und ist denn etwas noch? Dies weite All, es stürzte nicht zusammen In jenem fürchterlichen Augenblick? Die Dunkelheit, die brütend mich umfängt, Es ist die Nacht und nicht das Grab! Man sagt ja doch, ein ungeheurer Schmerz, Er könne töten?--Ach, es ist nicht so!--
Still ist es um mich her, die Lüfte schweigen, Des Lebens muntre Töne sind verstummt, Kein Laut schallt aus den unbewegten Blättern Und einsam wie ein spätverirrter Fremdling Geht meines Weinens Stimme durch die Nacht.
Wer auch so schlafen könnte, wie die Vögel, Doch lang und länger, ohne zu erwachen; im Schoße eines festern, süßern Schlummers Wo alles, alles, selbst die Pulse schlafen, Kein Morgenstrahl zu neuen Qualen weckt, Kein Undankbarer--Halt!--Tritt nicht die Schlange!
(Mit gedämpfter Stimme.) Der Mord ist wohl ein gräßliches Verbrechen Und Raub und Trug, und wie sie alle heißen, Die Häupter jener giftgeschwollnen Hyder, Die an des Abgrunds Flammenpfuhl erzeugt Mit ihrem Geifer diese Welt verpestet, Wohl gräßlich, schändlich, giftige Verbrechen! Doch kenn ich eins, vor dessen dunkelm Abstich Die andern alle lilienweiß erscheinen, Und Undank ist sein Nam'! Er übt allein Was alle andern einzeln nur verüben, Er lügt, er raubt, betrügt, schwört falsche Eide, Verrät und tötet! Undank! Undank! Undank!
Beschützt mich Götter, schützt mich vor mir selber! Des Innern düstre Geister wachen auf Und rütteln an des Kerkers Eisenstäben!
Ihn hatt' ich vom Geschicke mir erbeten, Von allen Sterblichen nur ihn allein, Ich wollt' ihn stellen auf der Menschheit Gipfel, Erheben hoch vor allen, die da sind, Und über Grab und Tod und Sterblichkeit Ihn tragen auf den Fittichen des Ruhms Hinüber in der Nachwelt lichte Fernen. Was ich vermag und kann und bin und heiße Als Kranz wollt' ich es winden um sein Haupt Ein mildes Wort statt allen Lohns begehrend Und er--lebt ihr denn noch, gerechte Götter? (wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt.) Ihr lebet, ja!--von euch kam der Gedanke Der leuchtend sich vor meine Seele drängt. Laß mich dich fassen schneller Götterbote, Vernehmen deines Mundes flüchtig Wort!-- Nach Chios sprichst du: soll Melitta hin, Nach Chios, dort getrennt von dem Verräter In Reue wenden ihr verlocktes Herz, Mit Liebesqual der Liebe Frevel büßen? So sei es, Rhamnes, Rhamnes, ja so sei's! Unsterbliche habt Dank für diesen Wink! Ich eile zu vollführen.
Zweiter Auftritt
Rhamnes. Sappho.
Rhamnes. Was gebeutst du Herrin?
Sappho. Sie ist mein Werk! Was wär' sie ohne mich? Und wer verwehrt dem Bildner wohl sein Recht Das zu zerstören was er selber schuf? Zerstören! Kann ich es? Weh mir, ihr Glück Es steht zu hoch für meine schwache Hand! Wenn ihr nach Chios seine Liebe folgt Ist sie am Sklavenherd nicht seliger Als ich im goldnen, liebeleeren Haus? Für das Geliebte leiden ist so süß Und Hoffnung und Erinnrung sind ja Rosen Von einem Stamme mit der Wirklichkeit Nur ohne Dornen! O verbannet mich Weit in des Meeres unbekannte Fernen Auf einen Fels, der schroff und unfruchtbar Die Wolken nur und Wellen Nachbar nennt Von jedem Pfad des Lebens rauh geschieden, Nur löschet aus dem Buche der Erinnrung Die letztentflohnen Stunden gütig aus; Laßt mir den Glauben nur an seine Liebe Und ich will preisen mein Geschick und fröhlich Die Einsamkeit, ach einsam nicht, bewohnen! Bei jedem Dorn, der meine Füße ritzte, In jeder Qual wollt' ich mir selber sagen: O wüßt' er es! und: o jetzt denkt er dein! Was gäb' er dich zu retten! Ach und Balsam Ergösse kühlend sich in jede Wunde!
Rhamnes. Du hast gerufen, hocherhabne Frau!
Sappho. O Phaon, Phaon! Was hab ich dir getan?-- Ich stand so ruhig in der Dichtung Auen, Mit meinem goldnen Saitenspiel allein, Hernieder sah ich auf der Erde Freuden, Und ihre Leiden reichten nicht zu mir. Nach Stunden nicht, nach holden Blumen nur, Dem heitern Kranz der Dichtung eingewoben, Zählt' ich die Flucht der nimmerstillen Zeit. Was meinem Lied ich gab, gab es mir wieder Und ew'ge Jugend grünte mir ums Haupt. Da kommt der Rauhe und mit frechen Händen Reißt er den goldnen Schleier mir herab, Zieht mich hernieder in die öde Wüste Wo rings kein Fußtritt, rings kein Pfad, Und jetzt, da er der einz'ge Gegenstand Der in der Leere mir entgegenstrahlt, Entzieht er mir die Hand, ach und entflieht!
Rhamnes. O Herrin magst du weilen so im Dunkeln Beim feuchten Hauch der Nacht, der Meeresluft?
Sappho. Kennst du ein schwärzres Laster als den Undank?
Rhamnes. Ich nicht!
Sappho. Ein giftigers?
Rhamnes. Nein wahrlich nicht!
Sappho. Ein fluchenswürd'geres, ein strafenswerters?
Rhamnes. Fürwahr mit Recht belastet's jeder Fluch!
Sappho. Nicht wahr? Nicht wahr? Die andern Laster alle Hyänen, Löwen, Tiger, Wölfe sind's, Der Undank ist die Schlange! Nicht? Die Schlange! So schön, so glatt, so bunt, so giftig!--Oh!--
Rhamnes. Komm mit hinein. Drin fühlst du dich wohl besser, Mit Sorgfalt ist das Haus dir ausgeschmückt Und Phaon wartet deiner in der Halle!
Sappho. Wie, Phaon, harret meiner?
Rhamnes. Ja, Gebietrin! Ich sah ihn sinnend auf und nieder schreiten. Bald stand er still, sprach leise vor sich hin, Trat dann ans Fenster, suchend durch die Nacht.
Sappho. Er harret meiner? Lieber, sagt' er es Er harre meiner? Sapphos?
Rhamnes. Das wohl nicht! Doch sah ich ihn erwartend, lauschend stehn Und wessen sollt' er harren?
Sappho. Wessen? Wessen? Nicht Sapphos harrt er, doch er harrt umsonst! Rhamnes!
Rhamnes. Gebieterin!
Sappho. Du weißt zu Chios Wohnt, noch vom Vater her, ein Gastfreund mir!
Rhamnes. Ich weiß es!
Sappho. Löse schnell vom Strand den Nachen Der dort sich schaukelt in der nahen Bucht, Denn diese Nacht noch mußt du fort nach Chios!
Rhamnes. Allein?
Sappho. Nein!
(Pause.)
Rhamnes. Und wer folget mir dahin?
Sappho. Was sagst du?
Rhamnes. Wer nach Chios mit mir--?
Sappho (ihn auf die andre Seite des Theaters führend). Komm! Vorsichtig sei und leise, hörst du mich? Geh in Melittens Kammer und gebeut ihr Hierher zu kommen, Sappho rufe sie. Doch still daß er dich nicht bemerke.
Rhamnes. Wer?
Sappho. Wer?--Phaon!--Folgt sie dir-- (Einhaltend.)
Rhamnes. Was dann?
Sappho. Dann bringe Sie, sei's mit Güte, sei es mit Gewalt, Doch leise, in den losgebundnen Nachen Und fort nach Chios, auf der Stelle fort!
Rhamnes. Und dort?
Sappho. Dort übergibst du sie dem Gastfreund, Er soll sie hüten, bis ich sie verlange; Und streng--Nicht strenge mög' er sie mir halten, Sie ist ja doch gestraft genug! Hörst du?
Rhamnes. Ich eile!
Sappho. Zögre nicht!
Rhamnes. Leb wohl o Sappho! Der Morgen findet uns schon fern von hier. Zufrieden sollst du sein mit deinem Diener! (Ab.)
Dritter Auftritt
Sappho (allein). Er geht!--Noch--Nein!--Ach die Gewohnheit ist Ein lästig Ding, selbst an Verhaßtes fesselt sie! (In Gedanken vertieft.) Horch--Tritte--Nein es war der Wind!--Wie bange Pocht mir das Herz in sturmbewegter Brust! Jetzt Stimmen--Ha sie kommt--Sie folgt so willig!-- Sie ahnet nicht, daß sie zum letzten Male-- Fort! Ich will sie nicht sehn!--Ich will, ich kann nicht! (Schnell ab.)
Vierter Auftritt
Melitta. Rhamnes.
Melitta. Hier sagtest du, sei die Gebieterin, Sie ist nicht da!
Rhamnes (verlegen umherblickend). Nicht? Nein, fürwahr,--nicht da. Doch erst vor kurzem war sie hier!--So komm!
Melitta. Wohin?
Rhamnes. Sie mag wohl an der Meeresküste Hinaufgewandelt sein, dort an der Bucht!
Melitta. Dorthin geht sie ja nie.
Rhamnes. Vielleicht doch heute!
Melitta. Und warum heute denn?
Rhamnes. Warum?--je nu Weil--daß sie eben mir den Auftrag gab! Nicht ansehn kann ich sie. Was sag ich ihr?
Melitta. Du bist so sonderbar! Du kehrst dich ab Und deine Augen wagen nicht, die Worte, Die du mir gibst, freiblickend zu bekräft'gen! Was hast du denn, daß du so bang und ängstlich? Sag mir, wo Sappho weilt, daß ich ihr nahe, Und weißt du's nicht, so laß mich gehn!
Rhamnes. Halt da! Du darfst nicht fort!
Melitta. Warum?
Rhamnes. Du mußt mit mir!
Melitta. Wohin?
Rhamnes. Nach--Komm nur mit zur nahen Bucht, Du sollst schon sehn!
Melitta. Ihr Götter, was soll das?
Rhamnes. Komm Mädchen, Mitternacht ist bald vorüber. Die Stunde drängt! Mach fort!
Melitta. Was hast du vor? Fort soll ich, fort!--An weitentlegne Küsten!
Rhamnes. Sei ruhig Kind! An weitentlegne Küsten? Was fällt dir ein? Ist Chios denn so weit?
Melitta. Nach Chios? Nimmermehr!
Rhamnes. Du mußt wohl Kind! So will es die Gebietrin!
Melitta. Sappho, sagst du? Fort hin zu ihr!
Rhamnes. Nicht doch!
Melitta. Zu ihren Füßen! Sie hör' und richte mich!
Rhamnes. Nicht von der Stelle!
Melitta. Wie Rhamnes du?
Rhamnes. Ei was, ich kann nicht anders! Befohlen ward mir's so und ich gehorche.
Melitta. Laß dich erbitten!
Rhamnes. Ei was nützt es dir Wenn auch in meinen Augen Tränen blinken. Es muß doch einmal sein! Drum Kind, mach fort!
Melitta. Hier lieg ich auf den Knien! Laß dich erflehn! --So ist denn niemand, der mich hört und rettet?
Rhamnes. Umsonst! du rufst das Haus mir wach. Komm mit!
Melitta. Nein nimmermehr! Erbarmt sich niemand meiner?
Fünfter Auftritt
Phaon. Vorige.
Phaon. Das ist Melittens Stimme! Ha Verwegner, Wagst du's die Hand zu heben gegen sie?
Rhamnes (läßt Melitten los).
Phaon. So täuschte mich doch meine Ahnung nicht Als ich dich sah mit leisespähnden Blicken, Dem Wolfe gleich, in ihre Nähe schleichen. Doch hast du dich verrechnet grimmer Wolf, Es wacht der Hirt und dir naht das Verderben!
Rhamnes. Herr, der Gebietrin Auftrag nur befolg ich.
Phaon. Wie, Sapphos Auftrag? Sie befahl es dir? O Sappho, Sappho! Ich erkenne dich! Doch leider nur zu spät! Warum zu spät? Noch ist es Zeit, die Bande abzuschütteln Von mir und ihr; beim Himmel, und ich will's! Du allzufert'ger Diener fremder Bosheit-- Warum--? Melitta, du siehst bleich, du zitterst?
Melitta. Oh, mir ist wohl!
Phaon. Dank du den Göttern, Sklave, Daß ihr kein Steinchen nur den Fuß geritzt, Beim Himmel! jede Träne solltest du Mit einem Todesseufzer mir bezahlen!-- Du scheinst ermattet! lehne dich auf mich, Du findest nirgends eine festre Stütze! Blick her Verruchter, dieses holde Wesen, Dies Himmelsabbild wolltest du verletzen!
Rhamnes. Verletzen nicht!
Phaon. Was sonst?
Rhamnes. Nur--Doch verzeih Was ich gewollt, ich kann es nicht vollführen. Drum laß mich gehn!
Phaon (Melitten loslassend). Bei allen Göttern, nein! Mich lüstet's eurer Bosheit Maß zu kennen! Was wolltest du?
Rhamnes. Sie sollte fort.
Phaon. Wohin?
Rhamnes. Nach--das ist der Gebieterin Geheimnis.
Phaon. Du sagst es nicht?
Rhamnes. Sie hat es hier verschlossen Und fest bewahrt es ihres Dieners Brust.