Chapter 2
Wie hat sich alles denn in mir verändert, Seit ich der Eltern stilles Haus verließ Und meine Renner gen Olympia lenkte? Sonst konnt' ich wohl in heiterer Besinnung Verworrener Empfindung leise Fäden Mit scharfem Aug' verfolgen und entwirren Bis klar es als Erkennen vor mir lag. Doch jetzt, wie eine schwüle Sommernacht Liegt brütend, süß und peinigend zugleich Ein schwerer Nebel über meinen Sinnen, Den der Gedanken fernes Wetterleuchten, Jetzt hier, jetzt dort, und jetzt schon nicht mehr da, In quälender Verwirrung rasch durchzuckt. Ein Schleier deckt mir die Vergangenheit, Kaum kann ich heut des Gestern mich erinnern, Kaum in der jetzigen Stund' der erst geschiednen. Ich frage mich: warst du's denn wirklich selber, Der in Olympia stand an ihrer Seite, An ihrer Seite in des Siegs Triumph? War es dein Name, den des Volkes Jubel Vermischt mit ihrem in die Lüfte rief? Ja sagt mir alles und doch glaub ich's kaum. Was für ein ärmlich Wesen ist der Mensch, Wenn, was als Hoffnung seine Sinne weckte, Ihm als Erfüllung sie in Schlaf versenkt. Als ich sie noch nicht sah und kannte, nur Die Phantasie ihr schlechtgetroffnes Bild In graue Nebel noch verfließend malte, Da schien mir's leicht für einen Blick von ihr, Ein güt'ges Wort, das Leben hinzuwerfen; Und jetzt da sie nun mein ist, mir gehört, Da meiner Wünsche winterliche Raupen Als goldne Schmetterlinge mich umspielen, Jetzt frag ich noch und steh und sinn und zaudre!
Weh ich vergesse hier mich selber noch Und sie und Eltern und-- O meine Eltern! Muß ich erst jetzt, jetzt eurer mich erinnern! Konnt' ich so lang euch ohne Botschaft lassen? Vielleicht beweint ihr meinen Tod, vielleicht Gab des Gerüchtes Mund euch schon die Kunde, Daß euer Sohn, den ihr zu lieben nicht, Den ihr zum Kampfe nach Olympia sandtet, In Sapphos Arm-- Wer wagt es sie zu schmähn! Der Frauen Zier, die Krone des Geschlechts! Mag auch des Neides Geifer sie bespritzen, Ich steh für sie, sei's gegen eine Welt! Und selbst mein Vater, sieht er sie nur erst, Gern legt er ab das alte Vorurteil, Das frecher Zitherspielerinnen Anblick Mit frommer Scheu ihm in die Brust geprägt. (In Gedanken versinkend.) Wer naht?--der laute Haufen dringt hierher. Wie widerlich!--Schnell fort!--Wohin?--Ah hier! (Geht in die Grotte.)
Zweiter Auftritt
Eucharis. Melitta. Sklavinnen mit Blumen und Kränzen.
Eucharis (lärmend). Ihr Mädchen auf! Mehr Blumen bringt herbei! Zu ganzen Haufen Blumen. Schmückt das Haus Und Hof und Halle, Säule Tür und Schwelle, Ja selbst die Blumenbeete schmückt mit Blumen! Tut Würze zum Gewürz; denn heute feiert Das Fest der Liebe die Gebieterin.
Mädchen (ihre Blumen vorweisend). Hier sieh!
(Sie fangen an die Säulen und Bäume umher mit Kränzen und Blumenketten zu behängen.)
Eucharis. Recht gut, recht gut! Doch du Melitta, Wo hast du Mädchen deine Blumen?
Melitta (ihre leeren Hände betrachtend). Ich?
Eucharis. Ja du!--Ei seht mir doch die Träumerin! Kommst du allein hierher mit leeren Händen?
Melitta. Ich will wohl holen--
Eucharis. Ich will holen, spricht sie Du kleine Heuchlerin bekenne nur Was hast du denn? Was war das heut bei Tisch, Daß die Gebieterin so oft nach dir Mit leisem Lächeln schlau hinüberblickte Und dann die Augen spottend niederschlug? Sooft sie's tat sah ich dich heiß erröten, Und mit dem Zittern peinlicher Verwirrung Des oftversehnen Dienstes dich vergessen. Und als sie nun dich ruft, den großen Becher Dem schönen Fremden zu kredenzen und Du scheu den Rand durch deine Lippen ziehst, Da rief sie plötzlich aus: Die Augen nieder! Und ach des großen Bechers halber Inhalt Ergoß mit eins sich auf den blanken Estrich. Da lachte Sappho selbst! Was war das alles? Bekenne nur, da hilft kein Leugnen, Mädchen.
Melitta. O laßt mich!
Eucharis. Nichts da, ohne Gnade Kind! Den Kopf empor, und alles frisch bekannt! O weh, da quillt wohl gar ein kleines Tränchen!-- Du arges Ding! Ich sage ja nichts mehr! Doch weine nicht! Wenn du's so öfters treibst, So werd ich noch so böse--Weine nicht!-- Sind eure Blumen alle? Nun so kommt, Wir wollen neue holen!--Setz dich hin, Hier sind noch Rosen, hilf uns Kränze winden. Sei fleißig Kind! Doch, hörst du? Weine nicht!
(Mit den Mädchen ab.)
Dritter Auftritt
Melitta (allein. Sie setzt sich auf die Rasenbank und beginnt einen Kranz zu flechten. Nach einer Weile schüttelt sie schmerzlich das Haupt, und legt das Angefangene neben sich hin).
Es geht nicht!--Weh, der Kopf will mir zerspringen Und stürmisch pocht das Herz in meiner Brust!
Da muß ich sitzen einsam und verlassen, Fern von der Eltern Herd im fremden Land, Und Sklavenketten drücken diese Hände, Die ich hinüberstrecke nach den Meinen. Weh mir, da sitz ich einsam und verlassen, Und niemand höret mich und achtet mein!
Mit Tränen seh ich Freunde und Verwandte Den Busen drücken an verwandte Brust; Mir schlägt kein Busen hier in diesem Lande, Und meine Freunde wohnen weit von hier. Ich sehe Kinder um den Vater hüpfen, Die fromme Stirn, die heil'gen Locken küssen, Mein Vater lebt getrennt durch ferne Meere, Wo ihn nicht Gruß und Kuß des Kinds erreicht! Sie tun wohl hier so, als ob sie mich liebten, Und auch an sanften Worten fehlt es nicht, Doch ist es Liebe nicht, 's ist nur Erbarmen, Das auch der Sklavin milde Worte gönnt; Der Mund, der erst von Schmeicheln überflossen, Er füllt sich bald mit Hohn und bitterm Spott!
Sie dürfen lieben, hassen, was sie wollen, Und was das Herz empfindet, spricht die Lippe aus, Sie zieret Gold und Purpur und Geschmeide, Nach ihnen wendet staunend sich der Blick; Der Sklavin Platz ist an dem niedern Herde, Da trifft kein Blick sie, ach und keine Frage, Kein Auge, kein Gedanke und kein Wunsch!--
Ihr Götter, die ihr mich schon oft erhört, Mit reicher Hand Erfüllung mir gesendet, Wenn ich mit frommem Sinne zu euch flehte, O leiht auch diesmal mir ein gnädig Ohr! Führt gütig mich zurücke zu den Meinen, Daß ich an des Vertrauens weiche Brust, Die kummerheiße Stirne kühlend presse. Führt zu den Meinen mich, ach, oder nehmt mich Hinauf zu euch, zu euch!--zu euch!
Vierter Auftritt
Phaon. Melitta.
Phaon (der während des vorigen Selbstgespräches am Eingange der Grotte erschienen ist, sich aber lauschend zurückgezogen hat, tritt jetzt vor und legt Melitten von hinten die Hand auf die Schulter). So jung noch und so traurig, Mädchen?
Melitta (zusammenschreckend). Ah!
Phaon. Ich hörte dich erst zu den Göttern rufen Um eines Freundes Brust. Hier ist ein Freund! Es bindet gleicher Schmerz, wie gleiches Blut, Und Trauernde sind üb'rall sich verwandt. Auch ich vermisse ungern teure Eltern, Auch mich zieht's mächtig nach der Heimat zu; Komm laß uns tauschen, daß des einen Kummer Zum Balsam werde für des andern Brust. Du schweigst--Woher dies Mißtraun gutes Mädchen? Blick auf zu mir! Nicht schlimm bin ich gesinnt. (Er hebt ihr das Haupt am Kinne empor.) Ei sieh! Du bist wohl gar der kleine Mundschenk, Der statt des Gasts den blanken Estrich tränkte. Darum so bang? Nicht doch! Es hat der Unfall So mich als die Gebieterin belustigt.
Melitta (die bei dem letzten Worte etwas zusammengefahren, schlägt nun die Augen empor und blickt ihn an, dann steht sie auf und will gehen).
Phaon. Nicht wollt' ich dich beleidigen, mein Kind. Hat dieses sanfte Aug' so ernste Blicke? Du mußt mir Rede stehn, ich lass dich nicht! Schon unterm Mahle hab ich dich bemerkt, Die jungfräuliche Stille glänzte lieblich Durch all den wilden Taumel des Gelags. Wer bist du, und was hält dich hier zurück? Du warst nicht mit zu Tisch, ich sah dich dienen, Es schien der Sklavinnen Vertraulichkeit Gefährtin dich zu nennen und--
Melitta. Ich bin's. (Wendet sich ab und will gehen.)
Phaon (sie zurückhaltend). Nicht doch!
Melitta. Was willst du von der Sklavin, Herr? Laß einer Sklavin Brust sie suchen und-- (Tränen ersticken ihre Stimme.) Nehmt mich hinauf zu euch, zu euch, ihr Götter!
Phaon (sie anfassend). Du bist bewegt, du zitterst, fasse dich! Es binden Sklavenfesseln nur die Hände, Der Sinn, er macht den Freien und den Knecht. Sei ruhig, Sappho ist ja gut und milde, Ein Wort von mir, und ohne Lösegeld Gibt sie den Deinen dich, dem Vater wieder.
Melitta (schüttelt schweigend das Haupt).
Phaon. Glaub mir, sie wird's gewiß! Wie, oder ist Die heiße Sehnsucht nach dem Vaterlande, Die erst dich so ergriff, so schnell verschwunden?
Melitta. Ach sag mir erst, wo ist mein Vaterland?
Phaon. Du kennst es nicht?
Melitta. In zarter Kindheit schon Ward ich entrissen seiner treuen Hut, Nur seine Blumen, seine Täler hat Behalten das Gedächtnis, nicht den Namen. Nur, glaub ich, lag es wo die Sonne herkommt, Denn dort war alles gar so licht und hell.
Phaon. So ist es weit von hier?
Melitta. O weit, sehr weit! Von andern Bäumen war ich dort umgeben Und andre Blumen dufteten umher, In blauern Lüften glänzten schönre Sterne Und freundlich-gute Menschen wohnten dort. In vieler Kinder Mitte lebt' ich da, Ach, und ein Greis, mit weißen Silberlocken, Ich nannte Vater ihn, liebkoste mir, Dann noch ein andrer Mann, so schön und hold Mit braunem Haar und Aug', fast so wie--du--
Phaon. Du schweigst? Der Mann?
Melitta. Er auch--
Phaon. Liebkoste dir, Nicht so? (Sie bei der Hand ergreifend.)
Melitta (leise). Ich war ein Kind!
Phaon. Ich weiß es wohl! Ein süßes, liebes, unbefangnes Kind! (Ihre Hand loslassend.) Nur weiter!
Melitta. So ging alles schön und gut. Doch einst erwacht' ich nachts. Ein wild Geschrei Drang laut von allen Seiten in mein Ohr. Die Wärtrin naht, man rafft mich auf Und trägt mich in die wilde Nacht hinaus. Da sah ich ringsherum die Hütten flammen Und Männer fechten, Männer fliehn und fallen. Jetzt naht ein Wütrich, streckt die Hand nach mir, Nun war Geheul, Gejammer, Schlachtgeschrei; Ich fand mich erst auf einem Schiffe wieder, Das pfeilschnell durch die dunkeln Wogen glitt. Noch andre Mädchen, Kinder sah ich weinen, Doch immer kleiner ward der Armen Zahl Je weiter wir uns von der Heimat trennten, Gar viele Tag' und Nächte fuhren wir, Ja Monden wohl, zuletzt war ich allein Von all den Armen bei den wilden Männern. Da endlich trat uns Lesbos' Strand entgegen, Man schifft mich aus ans Land. Da sah mich Sappho, Da bot sie Geld, und ihre ward Melitta.
Phaon. War denn dein Los so schwer in Sapphos Händen?
Melitta. O nein. Sie nahm mich gütig, freundlich auf; Sie trocknete die Tränen mir vom Aug Und pflegte mein und lehrte mich voll Liebe, Denn wenn auch heftig manchmal, rasch und bitter, Doch gut ist Sappho, wahrlich lieb und gut.
Phaon. Und doch kannst du die Heimat nicht vergessen.
Melitta. Ach, ich vergaß sie leider nur zu bald, In Tanz und Spiel und bei des Hauses Pflichten Dacht' ich gar selten der verlaßnen Lieben. Nur manchmal wenn mich Schmerz und Kummer drückt, Dann schleicht die Sehnsucht mir ins bange Herz Und die Erinnerung mit schmerzlich süßer Hand Enthüllt die goldumflorte, lichte Ferne. Und so auch heut! Mir war so schwer und ängstlich, Ein jedes leisgesprochne Wort fiel schmerzend Hernieder wie auf fleischentblößte Fibern, Da--Doch jetzt ist es gut und ich bin froh.
Man ruft drinnen. Melitta!
Phaon. Horch, man ruft!
Melitta. Man ruft?--Ich gehe.
(sie liest den angefangenen Kranz und die Blumen auf.)
Phaon. Was hast du hier?
Melitta. Ei Blumen!
Phaon. Und für wen?
Melitta. Für dich!--Für dich und Sappho.
Phaon. Bleib!
Melitta. Man ruft!
Phaon. Du sollst so finstern Blicks nicht von mir gehn! Zeig deine Blumen!
Melitta. Hier!
Phaon (eine Rose herausnehmend). Nimm diese Rose! (Er steckt sie ihr an den Busen.) Sie sei Erinnrung dir an diese Stunde, Erinnerung, daß nicht bloß in der Heimat Daß auch in fernem Land es--Freunde gibt.
(Melitta, die bei seiner Berührung zusammengefahren, steht jetzt mit hoch klopfender Brust, beide Arme hinabhängend, mit gesenktem Haupt und Aug' unbeweglich da. Phaon hat sich einige Schritte entfernt und betrachtet sie von weitem.)
Man ruft von innen. Melitta!
Melitta. Riefst du mir?
Phaon. Ich nicht!--Im Hause!
Melitta (die Kränze, die ihr entfallen sind, zusammenraffend). Ich komme schon!
Phaon. Bist du so karg, Melitta? Verdient denn meine Gabe kein Geschenk?
Melitta. Ich, ein Geschenk? Was hätt' ich Arme wohl?
Phaon. Gold schenkt die Eitelkeit, der rauhe Stolz, Die Freundschaft und die Liebe schenken Blumen. Hier hast du Blumen ja--
Melitta (die Blumen von sich werfend). Wie? diese hier, Die jene wilden Mädchen dort gepflückt, Sie die bestimmt für--Nimmermehr!
Phaon. Was sonst?
Melitta. Daß sie doch diese Sträuche so geplündert! Da ist auch nirgends einer Blume Spur, (Am Rosenstrauche emporblickend.) An jenem Zweige hängt wohl eine Rose, Doch ist sie allzu hoch, ich reiche nicht!
Phaon. Ich will dir helfen!
Melitta. Ei, nicht doch!
Phaon. Warum? So leicht geb ich nicht meinen Anspruch auf!
Melitta (auf die Rasenbank steigend). So komm; ich beuge dir den Zweig!
Phaon. Ganz recht!
Melitta (auf den Zehen emporgehoben, den Zweig, an dessen äußerstem Ende die Rose hängt, herabbeugend). Reichst du?
Phaon (der, ohne auf die Rose zu achten, nur Melitten betrachtet hat). Noch nicht!
Melitta. Doch jetzt!--Weh mir, ich gleite! Ich falle!
Phaon. Nein, ich halte dich!
(Der Zweig ist ihren Händen emporschnellend entschlüpft, sie taumelt und sinkt in Phaons Arme, die er ihr geöffnet entgegenhält.)
Melitta. O laß mich!
Phaon (sie an sich haltend). Melitta!
Melitta. Weh mir, laß mich! Ach!
Phaon. Melitta! (Er drückt rasch einen Kuß auf ihre Lippen.)
Fünfter Auftritt
Sappho, einfach gekleidet, ohne Kranz und Leier. Vorige.
Sappho (eintretend). Du läßt dich suchen, Freund!--Doch ha, was seh ich?
Melitta. Horch, die Gebieterin?
Phaon. Wie, Sappho hier? (Er läßt sie los.)
(Pause.)
Sappho. Melitta!
Melitta. Hohe Frau!
Sappho. Was suchst du hier?
Melitta. Ich suchte Blumen.
Sappho. Und nicht ohne Glück!
Melitta. Die Rose hier--
Sappho. Sie brennt auf deinen Lippen.
Melitta. Sie hängt so hoch.
Sappho. Vielleicht nicht hoch genug! Geh!
Melitta. Soll ich etwa?--
Sappho. Geh nur immer, geh!
(Melitta ab.)
Sechster Auftritt
Sappho. Phaon.
Sappho (nach einer Pause). Phaon!
Phaon. Sappho!
Sappho. Du standst so früh Von unserm Mahle auf. Du wardst vermißt!
Phaon. Den Becher lieb ich nicht, noch laute Freuden!
Sappho. Nicht laute. Das scheint fast ein Vorwurf.
Phaon. Wie?
Sappho. Ich habe wohl gefehlt, daß ich die Feier Der Ankunft laut und rauschend angestellt!--
Phaon. So war es nicht gemeint!
Sappho. Das volle Herz Es sucht oft lauter Freude vollen Jubel, Um in der allgemeinen Lust Gewühl Recht unbemerkt, recht stille sich zu freun.
Phaon. Ja, so!
Sappho. Auch mußt' ich unsern guten Nachbarn Für ihre Liebe wohl mich dankbar zeigen, Das freut sich nur bei Wein! Du weißt es wohl! In Zukunft stört kein lästig Fest uns wieder Die Stille, die du mehr nicht liebst, als ich!
Phaon. Ich danke dir.
Sappho. Du gehst?
Phaon. Willst du? Ich bleibe!
Sappho. Zu gehn oder zu bleiben bist du Herr!
Phaon. Du zürnest!
Sappho (bewegt). Phaon!
Phaon. Willst du etwas?
Sappho. Nichts.-- Doch eins! (Mit Überwindung.) Ich sah dich mit Melitten scherzen--
Phaon. Melitta? Wer? Ei ja ganz recht! Nur weiter!
Sappho. Es ist ein liebes Kind!
Phaon. So scheint's, o ja!
Sappho. Die Liebste mir von meinen Dienerinnen, Von meinen Kindern möcht ich sagen, denn Ich habe stets als Kinder sie geliebt. Wenn ich die Sklavenbande nicht zerreiße, So ist es nur, da die Natur uns süßre Versagt, um jene Eltern-, Heimatlosen Nicht vor der Zeit dem Aug' der Lehrerin, Der Mutter zarter Sorgfalt zu entziehn. So war ich's stets gewohnt, und in dem Kreise Von Mytilenes besten Bürgerinnen Ist manche die in freudiger Erinnrung Sich Sapphos Werk aus frühern Tagen nennt.
Phaon. Recht schön, recht schön!
Sappho. Von all den Mädchen Die je ein spielend Glück mir zugeführt, War keine teurer mir als sie, Melitta, Das liebe Mädchen mit dem stillen Sinn. Obschon nicht hohen Geists, von mäß'gen Gaben Und unbehilflich für der Künste Übung, War sie mir doch vor andern lieb und wert Durch anspruchsloses, fromm-bescheidnes Wesen, Durch jene liebevolle Innigkeit, Die langsam, gleich dem stillen Gartenwürmchen, Das Haus ist und Bewohnerin zugleich, Stets fertig bei dem leisesten Geräusche Erschreckt sich in sich selbst zurückzuziehn, Und um sich fühlend mit den weichen Fäden Nur zaudernd waget Fremdes zu berühren, Doch fest sich saugt, wenn es einmal ergriffen, Und sterbend das Ergriffne nur verläßt.
Phaon. Recht schön, fürwahr, recht schön!
Sappho. Ich wünschte nicht, Verzeih mein teurer Freund! ich wünschte nicht, Daß je ein unbedachtsam flücht'ger Scherz In dieses Mädchens Busen Wünsche weckte Die unerfüllt mit bitterm Stachel martern, Ersparen möcht ich gern ihr die Erfahrung, Wie ungestillte Sehnsucht sich verzehret, Und wie verschmähte Liebe nagend quält. Mein Freund!--
Phaon. Wie sagtest du?
Sappho. Du hörst mich nicht!
Phaon. Ich höre: Liebe quält!
Sappho. Wohl quält sie! Mein Freund, du bist jetzt nicht gestimmt, wir wollen Ein andermal noch diesen Punkt besprechen!
Phaon. Ganz recht, ein andermal!
Sappho. Für jetzt, leb wohl! Ich pflege diese Stunde sonst den Musen In jener stillen Grotte dort zu weihn. Hoff ich gleich nicht die Musen heut zu finden, So ist doch mind'stens Stille mir gewiß Und ich bedarf sie. Leb indessen wohl!
Phaon. So gehst du also?
Sappho. Wünschest du--
Phaon. Leb wohl!
Sappho (sich rasch umwendend). Leb wohl! (Ab in die Höhle.)
Siebenter Auftritt
Phaon (allein, nachdem er eine Weile starr vor sich hingesehen). Und hast du wirklich?--(Sich umsehend.) Sie ist fort!-- Ich bin verwirrt, mein Kopf ist wüst und schwer! (Auf die Rasenbank blickend.) Hier saß sie, hier, das heiter blühnde Kind, (Setzt sich.) Hierher will ich mein Haupt zur Ruhe legen! (Legt ermattet den Kopf in die Hand.)
(Der Vorhang fällt.)
Dritter Aufzug
Gegend wie in den vorigen Aufzügen. Phaon liegt schlummernd auf der Rasenbank.
Erster Auftritt
Sappho (kömmt aus der Grotte). Es ist umsonst! Weit schwärmen die Gedanken Und kehren ohne Ladung mir zurück! Was ich auch tue, was ich auch beginne, Doch steht mir jenes tiefverhaßte Bild, Dem ich entfliehen möchte, wär' es auch Weit über dieser Erde dunkle Grenzen, Mit frischen Farben vor der heißen Stirn! Wie er sie hielt! Wie sie sein Arm umschlang! Und nun, dem Drange weichend hingegeben Auf seinen Mund sie--fort! ich will's nicht denken! Schon der Gedanke tötet tausendfach!--
Doch bin ich denn nicht töricht mich zu quälen Und zu beklagen was wohl gar nicht ist. Wer weiß welch leichtverwischter, flücht'ger Eindruck, Welch launenvolles Nichts ihn an sie zog, Das, schnell entschwunden so wie schnell geboren, Der Vorwurf wie der Vorsatz nicht erreicht? Wer heißt den Maßstab denn für sein Gefühl In dieser tiefbewegten Brust mich suchen?
Nach Frauenglut mißt Männerliebe nicht Wer Liebe kennt und Leben, Mann und Frau! Gar wechselnd ist des Mannes rascher Sinn, Dem Leben untertan, dem wechselnden. Frei tritt er in des Daseins offne Bahn, Vom Morgenrot der Hoffnung rings umflossen, Mit Mut und Stärke wie mit Schild und Schwert Zum ruhmbekränzten Kampfe ausgerüstet. Zu eng dünkt ihm des Innern stille Welt, Nach außen geht sein rastlos wildes Streben, Und findet er die Lieb', bückt er sich wohl, Das holde Blümchen von dem Grund zu lesen, Besieht es, freut sich sein und steckt's dann kalt Zu andern Siegeszeichen auf den Helm. Er kennet nicht die stille, mächt'ge Glut Die Liebe weckt in eines Weibes Busen! Wie all ihr Sein, ihr Denken und Begehren, Um diesen einz'gen Punkt sich einzig dreht, Wie alle Wünsche, jungen Vögeln gleich, Die angstvoll ihrer Mutter Nest umflattern, Die Liebe, ihre Wiege und ihr Grab Mit furchtsamer Beklemmung schüchtern hüten; Das ganze Leben als ein Edelstein Am Halse hängt der neugebornen Liebe! Er liebt, allein in seinem weiten Busen Ist noch für andres Raum als bloß für Liebe! Und manches was dem Weibe Frevel dünkt Erlaubt er sich als Scherz und freie Lust. Ein Kuß, wo er ihm immer auch begegnet, Stets glaubt er sich berechtigt ihn zu nehmen. Wohl schlimm, daß es so ist, doch ist es so! (Sich umwendend und Phaon erblickend.) Ha sieh dort in des Rosenbusches Schatten-- Er ist es, ja, der liebliche Verräter! Er schläft, und Ruh' und stille Heiterkeit Hat weich auf seine Stirne sich gelagert. So atmet nur der Unschuld frommer Schlummer, So hebt sich nur die unbeladne Brust. Ja Teurer, deinem Schlummer will ich glauben, Was auch dein Wachen Schlimmes mir erzählt. Verzeihe wenn im ersten Augenblicke, Geliebter mit Verdacht ich dich gekränkt, Wenn ich geglaubt, es könne niedre Falschheit, Den Eingang finden in so reinen Tempel! Er lächelt,--seine Lippen öffnen sich-- Ein Name scheint in ihrem Hauch zu schweben. Wach auf, und nenne wachend deine Sappho, Die dich umschlingt. Wach auf! (Sie küßt ihn auf die Stirne.)
Phaon (erwacht, öffnet die Arme und spricht mit halbgeschloßnen Augen). Melitta!
Sappho (zurückstürzend). Ha!
Phaon. Ah! Wer hat mich geweckt? Wer scheuchte neidisch Des süßen Traumes Bilder von der Stirn? Du Sappho? Sei gegrüßt! Ich wußt' es wohl Daß Holdes mir zur Seite stand, darum War auch so hold des Traumes Angesicht! Du bist so trüb! Was fehlt dir? Ich bin froh! Was mir den Busen ängstigend belastet Fast wunderähnlich ist's von mir gesunken, Ich atme wieder unbeklemmt und frei. Und gleich dem Armen, den ein jäher Sturz Ins dunkle Reich der See hinabgeschleudert Wo Grausen herrscht und ängstlich dumpfes Bangen, Wenn ihn empor nun hebt der Wellen Arm Und jetzt das heitre, goldne Sonnenlicht, Der Kuß der Luft, des Klanges freud'ge Stimme Mit einem Mal um seine Sinne spielen: So steh ich freudetrunken, glücklich, selig, Und wünsche mir erliegend all der Wonne Mehr Sinne oder weniger Genuß!
Sappho (vor sich hin). Melitta!
Phaon. Fröhlich, Liebe, sei und heiter! Es ist so schön hier, o so himmlisch schön. Mit weichen Flügeln senkt der Sommerabend Sich hold ermattet auf die stille Flur, Die See steigt liebedürstend auf und nieder, Den Herrn des Tages bräutlich zu empfangen, Der schon dem Westen zu die Rosse lenkt, Ein leiser Hauch spielt in den schlanken Pappeln, Die kosend mit den jungfräulichen Säulen Der Liebe leisen Gruß herüberlispeln! Zu sagen scheinen: Seht wir lieben! Ahmt uns nach!
Sappho (für sich ). Fast will's von neuem mir die Brust beschleichen, Doch nein! zu tief hab ich sein Herz erkannt!
Phaon. Der Fiebertaumel ist mit eins verschwunden, Der mich ergriffen seit so langer Zeit. Und glaube mir, ich war dir nie so gut, So wahrhaft, Sappho, gut, als eben jetzt. Komm laß uns froh sein, Sappho, froh und heiter!-- Doch sprich, was hältst du wohl von Träumen Sappho?
Sappho. Sie lügen, und ich hasse Lügner!
Phaon. Sieh Da hatt' ich eben als ich vorhin schlief Gar einen seltsam wunderlichen Traum. Ich fand mich nach Olympia versetzt, Gerade so wie damals, als ich dich Zuerst beim frohen Kampfspiel dort gesehn. Ich stand im Kreis des fröhlich lauten Volks, Um mich der Wagen und des Kampfs Getöse. Da klingt ein Saitenspiel und alles schweigt. Du warst's, du sangst der goldnen Liebe Freuden Und tief im Innersten ward ich bewegt. Ich stürze auf dich zu, da--denke doch! Da kenn ich dich mit einem Mal nicht mehr. Noch stand sie da die vorige Gestalt, Der Purpur floß um ihre runden Schultern, Die Leier klang noch in der weißen Hand; Allein das Antlitz wechselt schnell verfließend Wie Nebel, die die blauen Höhn umziehn. Der Lorbeerkranz, er war mit eins verschwunden, Der Ernst verschwunden von der hohen Stirn, Die Lippen, die erst Götterlieder tönten, Sie lächelten mit irdisch-holdem Lächeln, Das Antlitz, einer Pallas abgestohlen, Verkehrt sich in ein Kindesangesicht Und kurz, du bist's und bist es nicht, es scheint Mir Sappho bald zu sein und bald--
Sappho (schreiend). Melitta!
Phaon. Fast hast du mich erschreckt! Wer sagte dir Daß sie es war? Ich wußt' es selber kaum!-- Du bist bewegt und ich--
Sappho (winkt ihm mit der Hand Entfernung zu).
Phaon. Wie? gehen soll ich? Nur eines laß mich Sappho dir noch sagen--
Sappho (winkt noch einmal).
Phaon. Du willst nicht hören, ich soll gehn? Ich gehe! (Ab.)