Sappho

Chapter 1

Chapter 13,659 wordsPublic domain

Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.

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SAPPHO

von FRANZ GRILLPARZER

Trauerspiel in fünf Aufzügen

Dem Herrn Carl August West widmet diesen seinen zweiten dramatischen Versuch, als Zeichen der Dankbarkeit und Freundschaft,

der Verfasser. --------------------------------------------------

Personen:

Sappho Phaon Eucharis und Melitta, Dienerinnen Sapphos Rhamnes, Sklave Ein Landmann Dienerinnen, Knechte und Landleute

Erster Aufzug

Freie Gegend. Im Hintergrunde das Meer, dessen flaches Ufer sich gegen die linke Seite zu in felsichten Abstufungen emporhebt. Hart am Ufer ein Altar der Aphrodite. Rechts im Vorgrunde der Eingang einer Grotte mit Gesträuch und Eppich umwachsen; weiter zurück das Ende eines Säulenganges mit Stufen, zu Sapphos Wohnung führend. Auf der linken Seite des Vorgrundes ein hohes Rosengebüsch mit einer Rasenbank davor.

Erster Auftritt

Zimbeln und Flöten und verworrener Volkszuruf in der Ferne. Rhamnes stürzt herein.

Rhamnes. Auf, auf vom weichen Schlaf! Sie kommt, sie naht! O daß doch nur die Wünsche Flügel haben Und träg der Fuß, indes das Herz lebendig. Heraus ihr faulen Mädchen! Zögert ihr? Der trifft euch nicht, der Jugend vorschnell nennt.

(Eucharis, Melitta und Dienerinnen aus dem Säulengange.)

Melitta. Was schiltst du uns, da sind wir ja!

Rhamnes. Sie naht.

Melitta. Wer?--Götter!

Rhamnes. Sappho naht!

Geschrei (von innen). Heil, Sappho, Heil!

Rhamnes. Jawohl, Heil, Sappho, Heil! Du braves Volk!

Melitta. Doch was bedeutet--

Rhamnes. Nun bei allen Göttern Was frägt das Mädchen auch so wunderlich. Sie kehret von Olympia, hat den Kranz, Den Kranz des Sieges hat sie sich errungen; Im Angesicht des ganzen Griechenlands, Als Zeugen edlen Wettkampfs dort versammelt, Ward ihr der Dichtkunst, des Gesanges Preis. Drum eilt das Volk ihr jauchzend nun entgegen, Schickt auf des Jubels breiten Fittichen Den Namen der Beglückten zu den Wolken. Und diese Hand war's, ach, und dieser Mund, Der sie zuerst der Leier Sprach' entlocken Und des Gesanges regellose Freiheit Mit süßem Band des Wohllauts binden lehrte.

Volk (von innen). Heil Sappho, Sappho Heil!

Rhamnes (zu den Mädchen). So freut euch doch! Seht ihr den Kranz?

Melitta. Ich sehe Sappho nur! Wir wollen ihr entgegen!

Rhamnes. Bleibt nur, bleibt! Was soll ihr eurer Freude schlechter Zoll? Sie ist an andern Beifall nun gewohnt! Bereitet lieber alles drin im Hause, Nur dienend ehrt der Diener seinen Herrn.

Melitta. Siehst du an ihrer Seite--

Rhamnes. Was?

Melitta. Siehst du? Hoch eine andre, glänzende Gestalt, Wie man der Leier und des Bogens Gott Zu bilden pflegt!

Rhamnes. Ich sehe! Doch ihr geht!

Melitta. Und erst nur riefst du uns!

Rhamnes. Ich rief euch, ja! Ihr solltet wissen, daß die Herrin naht, Ihr solltet wissen, daß euch Freude Pflicht, Doch freuen mögt ihr euch nur drin im Haus. Der Mann mag das Geliebte laut begrüßen, Geschäftig für sein Wohl liebt still das Weib.

Melitta. So laß uns nur--

Rhamnes. Nicht doch! Nur fort, nur fort! (Er treibt die Mädchen fort.) Nun mag sie kommen, nun wird Albernheit Ihr vorlaut nicht die schöne Feier stören.

Zweiter Auftritt

Sappho, köstlich gekleidet, auf einem mit weißen Pferden bespannten Wagen, eine goldne Leier in der Hand, auf dem Haupte den Siegeskranz. Ihr zur Seite steht Phaon in einfacher Kleidung. Volk umgibt laut jubelnd den Zug.

Volk (auftretend). Heil Sappho, Heil!

Rhamnes (sich unter sie mischend). Heil Sappho, teure Frau!

Sappho. Dank Freunde, Landsgenossen Dank. Um euretwillen freut mich dieser Kranz Der nur den Bürger ziert, den Dichter drückt, In eurer Mitte nenn ich ihn erst mein. Hier, wo der Jugend träumende Entwürfe, Wo des Beginnens schwankendes Bestreben, Wo des Vollbringens wahnsinnglühnde Lust Mit eins vor meine trunkne Seele treten, Hier, wo Zypressen von der Eltern Grab Mir leisen Geistergruß herüberlispeln, Hier, wo so mancher Frühverblichne ruht Der meines Strebens, meines Wirkens sich erfreut, In eurem Kreis, in meiner Lieben Mitte, Hier dünkt mir dieser Kranz erst kein Verbrechen, Hier wird die frevle Zier mir erst zum Schmuck.

Einer aus dem Volke. Wohl uns, daß wir dich, Hohe, unser nennen! Habt die bescheidne Rede ihr vernommen, Mehr als ganz Griechenland hat sie ihr Wort geschmückt!

Rhamnes (sich hinzudrängend). Sei mir gegrüßt, gegrüßt, du Herrliche!

Sappho (vom Wagen herabsteigend und die Umstehenden freundlich grüßend). Mein treuer Rhamnes sei gegrüßt!--Artander, Du auch hier, trotzend deines Alters Schwäche? Kallisto--Rhodope--Ihr weinet Liebe!-- Das Auge zahlt so richtig als das Herz Für Tränen Tränen, seht!--O schonet mein!

Einer aus dem Volke. Willkommen auf der Heimat altem Boden, Willkommen in der Deinen frohem Kreis!

Sappho. Umsonst sollt ihr die Bürgerin nicht grüßen, Sie führt zum Dank euch einen Bürger zu. Hier Phaon. Von den Besten stammet er Und mag auch kühn sich stellen zu den Besten! Obschon die Jahre ihn noch Jüngling nennen, Hat ihn als Mann so Wort als Tat erwiesen. Wo ihr des Kriegers Schwert bedürft, Des Redners Lippe und des Dichters Mund, Des Freundes Rat, des Helfers starken Arm, Dann ruft nach ihm und suchet länger nicht.

Phaon. Du spottest Sappho eines armen Jünglings! Wodurch hätt' ich so reiches Lob verdient? Wer glaubt so Hohes von dem Unversuchten?

Sappho. Wer sieht, daß du errötest, da ich's sage.

Phaon. Ich kann beschämt nur staunen und verstummen.

Sappho. Du sicherst dir was du von dir entfernst, Geschwister sind ja Schweigen und Verdienst. Ja meine Freunde, mögt ihr's immer wissen, Ich liebe ihn, auf ihn fiel meine Wahl. Er war bestimmt, in seiner Gaben Fülle, Mich von der Dichtkunst wolkennahen Gipfeln In dieses Lebens heitre Blütentäler Mit sanft bezwingender Gewalt herabzuziehn. An seiner Seite werd ich unter euch Ein einfach stilles Hirtenleben führen; Den Lorbeer mit der Myrte gern vertauschend Zum Preise nur von häuslich stillen Freuden Die Töne wecken dieses Saitenspiels. Die ihr bisher bewundert und verehrt, Ihr sollt sie lieben lernen, lieben Freunde.

Volk. Preis dir du Herrliche! Heil Sappho, Heil!

Sappho. Es ist genug! Ich dank euch, meine Freunde! Folgt meinem Diener, er wird euch geleiten, Daß ihr bei Speis' und Trank und frohen Tänzen Die Feier unsers Wiedersehns vollendet, Der Wiederkehr der Schwester zu den Ihren! (Zu den Landleuten die sie begrüßen.) Lebt wohl--auch du--und du--ihr alle--alle!

(Rhamnes mit den Landleuten ab.)

Dritter Auftritt

Sappho. Phaon.

Sappho. Siehst du, mein Freund, so lebt nun deine Sappho! Für Wohltat Dank, für Liebe--Freundlichkeit, So ward mir's stets im Wechseltausch des Lebens; Ich war zufrieden, und bin hoch beglückt, Gibst du auch halb nur wieder das Empfangne, Wenn du dich nicht für übervorteilt hältst. Ich hab gelernt verlieren und entbehren; Die beiden Eltern sanken früh ins Grab Und die Geschwister, nach so mancher Wunde, Die sie dem treuen Schwesterherzen schlugen, Teils Schicksals Laune, und teils eigne Schuld Stieß früh sie schon zum Acheron hinunter. Ich weiß wie Undank brennt, wie Falschheit martert, Der Freundschaft und der--Liebe Täuschungen Hab ich in diesem Busen schon empfunden, Ich hab gelernt verlieren und entbehren! Nur eins verlieren könnt' ich wahrlich nicht, Dich Phaon, deine Freundschaft, deine Liebe! Drum mein Geliebter, prüfe dich! Du kennst noch nicht die Unermeßlichkeit Die auf und nieder wogt in dieser Brust. O laß mich's nie, Geliebter nie erfahren, Daß ich den vollen Busen legte an den deinen Und fänd' ihn leer!

Phaon. Erhabne Frau!

Sappho. Nicht so! Sagt dir dein Herz denn keinen süßern Namen?

Phaon. Weiß ich doch kaum was ich beginne, was ich sage. Aus meines Lebens stiller Niedrigkeit Hervorgezogen--an den Strahl des Lichts, Auf einen luftigen Gipfel hingestellt Nach dem der Besten Wünsche fruchtlos zielen, Erliege ich der unverhofften Wonne, Kann ich mich selbst in all dem Glück nicht finden. Die Wälder und die Ufer seh ich fliehn, Die blauer Höhn, die niedern Hütten schwinden, Und kaum vermag ich's mich zu überzeugen, Daß alles feststeht und nur ich es bin, Der auf des Glückes Wogen taumelnd wird getragen.

Sappho. Du schmeichelst süß, doch, Lieber, schmeichelst du!

Phaon. Und bist du wirklich denn die hohe Frau, Die von der Pelops-Insel fernstem Strand Bis dahin wo des rauhen Thrakers Berge Sich an die lebensfrohe Hellas knüpfen Auf jedem Punkt, den land- und menschenfern Ins Griechenmeer Kronions Hand geschleudert, An Asiens reicher, sonnenheller Küste, Allüberall, wo nur ein griech'scher Mund Die heitre Göttersprache singend spricht, Der Ruf mit Jubel zu den Sternen hebt? Und bist du wirklich jene hohe Frau, Wie fiel dein Auge denn auf einen Jüngling, Der dunkel, ohne Namen, ohne Ruf, Sich höhern Werts nicht rühmt als--diese Leier Die man verehrt weil du sie hast berührt.

Sappho. Pfui doch, der argen, schlechtgestimmten Leier! Tönt sie, berührt, der eignen Herrin Lob?

Phaon. O seit ich denke, seit die schwache Hand Der Leier Saiten selber schwankend prüfte, Stand auch dein hohes Götterbild vor mir! Wenn ich in der Geschwister frohem Kreise An meiner Eltern niederm Herde saß Und nun Theano, meine gute Schwester, Die Rolle von dem schwarzen Simse holte Ein Lied von dir, von Sappho uns zu sagen, Wie schwiegen da die lauten Jünglinge, Wie rückten da die Mädchen knapp zusammen Um ja kein Korn des Goldes zu verlieren; Und wenn sie nun begann, vom schönen Jüngling, Der Liebesgöttin liebeglühnden Sang, Die Klage einsam hingewachter Nacht, Von Andromedens und von Atthis' Spielen, Wie lauschte jedes, seinen Atemzug Der lusterfüllt den Busen höher schwellte Ob allzulauter Störung still verklagend. Dann legte wohl die sinnige Theano Das Haupt zurück an ihres Stuhles Lehne Und in der Hütte räumig Dunkel blickend Sprach sie, wie mag sie aussehn wohl, die Hohe? Mir dünkt ich sehe sie! Bei allen Göttern, Aus tausend Frauen wollt' ich sie erkennen. Da war der Zunge Fessel schnell gelöst Und jedes quälte seine Phantasie Mit einem neuen Reize dich zu schmücken, Der gab dir Pallas' Aug', der Heres Arm, Der Aphroditens reizdurchwirkten Gürtel; Nur ich stand schweigend auf, und ging hinaus Ins einsam stille Reich der heiligen Nacht. Dort an den Pulsen der süß schlummernden Natur, In ihres Zaubers magisch-mächt'gen Kreisen, Da breitet' ich die Arme nach dir aus; Und wenn mir dann der Wolken Flockenschnee, Des Zephyrs lauer Hauch, der Berge Duft, Des bleichen Mondes silberweißes Licht In eins verschmolzen um die Stirne floß, Dann warst du mein, dann fühlt' ich deine Nähe Und Sapphos Bild schwamm in den lichten Wolken!

Sappho. Du schmückest mich von deinem eignen Reichtum, Weh, nähmst du das Geliehne je zurück!

Phaon. Und als der Vater nach Olympia Mich zu des Wagenlaufes Streit nun sandte, Und auf dem ganzen Wege mir's erscholl, Daß Sapphos Leier um der Dichtkunst Krone In diesem Kampfe streiten, siegen werde; Da schwoll das Herz von sehnendem Verlangen Und meine Renner sanken tot am Wege Eh' ich Olympias Türme noch erschaut. Ich langte an, der Wagen flücht'ger Lauf, Der Ringer Kunst, des Diskus frohes Spiel Berührten nicht den ahnungsvollen Sinn; Ich fragte nicht wer sich den Preis errungen, Hatt' ich den schönsten, höchsten doch erreicht, Ich sollte sie sehen, sie der Frauen Krone. Jetzt kam der Tag für des Gesanges Kämpfe. Alkäos sang, Anakreon, umsonst Sie konnten meiner Sinne Band nicht lösen. Da, horch! Da tönt Gemurmel durch das Volk, Da teilt die Menge sich, jetzt war's geschehn.-- Mit einer goldnen Leier in der Hand Trat eine Frau durchs staunende Gewühl. Das Kleid von weißer Unschuldfarbe floß Hernieder zu den lichtversagten Knöcheln, Ein Bach der über Blumenhügel strömt. Der Saum, von grünen Palm- und Lorbeerzweigen, Sprach, Ruhm und Frieden sinnig zart bezeichnend, Aus, was der Dichter braucht und was ihn lohnt. Wie rote Morgenwolken um die Sonne Floß rings ein Purpurmantel um sie her Und durch der Locken rabenschwarze Nacht Erglänzt, ein Mond, das helle Diadem, Der Herrschaft weithinleuchtend, hohes Zeichen-- Da rief's in mir: Die ist es; und du warst's. Eh' die Vermutung ich noch ausgesprochen Rief tausendstimmig mir des Volkes Jubel Bestätigung der süßen Ahnung zu. Wie du nun sangst, wie du nun siegtest, wie, Geschmückt mit der Vollendung hoher Krone, Nun in des Siegs Begeisterung die Leier Der Hand entfällt, ich durch das Volk mich stürze Und von dem Blick der Siegerin getroffen Der blöde Jüngling schamentgeistert steht; Das weißt du, Hohe, besser ja als ich, Der ich, kaum halb erwacht, noch sinnend forsche, Wieviel davon geschehn, wieviel ich nur geträumt.

Sappho. Wohl weiß ich's, wie du stumm und schüchtern standst. Das ganze Leben schien im Auge nur zu wohnen, Das sparsam aufgehoben von dem Grund Den nicht verlöschten Funken laut genug bezeugte. Ich hieß dich folgen und du folgtest mir In ungewisses Staunen tief versenkt.

Phaon. Wer glaubte auch, daß Hellas' erste Frau Auf Hellas' letzten Jüngling würde schauen!

Sappho. Dem Schicksal tust du Unrecht und dir selbst! Verachte nicht der Götter goldne Gaben, Die sie bei der Geburt dem Kinde, das Zum Vollgenuß des Lebens sie bestimmt, Auf Wang' und Stirn, in Herz und Busen gießen! Gar sichre Stützen sind's, an die das Dasein Die leichtzerrißnen Fäden knüpfen mag. Des Leibes Schönheit ist ein schönes Gut Und Lebenslust ein köstlicher Gewinn, Der kühne Mut, der Weltgebieter Stärke, Entschlossenheit und Lust an dem was ist, Und Phantasie, hold dienend wie sie soll, Sie schmücken dieses Lebens rauhe Pfade Und leben ist ja doch des Lebens höchstes Ziel! Umsonst nicht hat zum Schmuck der Musen Chor Den unfruchtbaren Lorbeer sich erwählt, Kalt, frucht- und duftlos drücket er das Haupt Dem er Ersatz versprach für manches Opfer. Gar ängstlich steht sich's auf der Menschheit Höhn Und ewig ist die arme Kunst gezwungen, (Mit ausgebreiteten Armen gegen Phaon.) Zu betteln von des Lebens Überfluß.

Phaon. Was kannst du sagen, holde Zauberin, Das man für wahr nicht hielte, da du's sagst?

Sappho. Laß uns denn trachten, mein geliebter Freund, Uns beider Kränze um die Stirn zu flechten, Das Leben aus der Künste Taumelkelch, Die Kunst zu schlürfen aus der Hand des Lebens. Sieh diese Gegend, die der Erde halb Und halb den Fluren die die Lethe küßt An einfach stillem Reiz scheint zu gehören; In diesen Grotten, diesen Rosenbüschen, In dieser Säulen freundlichen Umgebung, Hier wollen wir, gleich den Unsterblichen, Für die kein Hunger ist und keine Sättigung, Nur des Genusses ewig gleiche Lust, Des schönen Daseins uns vereint erfreun. Was mein ist, ist auch dein. Wenn du's gebrauchst, So machst du erst daß der Besitz mich freut. Sieh um dich her, du stehst in deinem Hause. Den Dienern zeig ich dich als ihren Herrn, Der Herrin Beispiel wird sie dienen lehren. Heraus ihr Mädchen! Sklaven! Hierher!

Phaon. Sappho! Wie kann ich so viel Güte je bezahlen? Stets wachsend fast erdrückt mich meine Schuld!

Vierter Auftritt

Eucharis. Melitta. Rhamnes. Diener und Dienerinnen. Vorige.

Rhamnes. Du riefst, Gebieterin!

Sappho. Ja, tretet näher! Hier sehet euern Herrn!

Rhamnes (verwundert, halblaut). Herrn?

Sappho. Wer spricht hier? (Gespannt.) Was willst du sagen?

Rhamnes (zurücktretend). Nichts!

Sappho. So sprich auch nicht! Ihr seht hier euern Herrn. Was er begehrt Ist euch Befehl nicht minder als mein eigner. Weh dem, der ungehorsam sich erzeigt, Den eine Wolke nur auf dieser Stirn Als Übertreter des Gebots verklagt! Vergehen gegen mich kann ich vergessen, Wer ihn beleidigt wecket meinen Zorn!-- Und nun, mein Freund, vertrau dich ihrer Sorgfalt, Schwer liegt, ich seh's, der Reise Last auf dir. Laß sie des Gastrechts heilig Amt versehen, Genieße freundlich Sapphos erste Gabe!

Phaon. O könnt' ich doch mein ganzes frühres Leben Umtauschend, wie die Kleider, von mir werfen, Besinnung mir und Klarheit mir gewinnen, Um ganz zu sein, was ich zu sein begehre! So lebe wohl! Auf lange, denk ich, nicht!

Sappho. Ich harre dein. Leb wohl.--Du bleib Melitta!

(Phaon und Diener ab.)

Fünfter Auftritt

Sappho. Melitta.

Sappho (nachdem sie ihm lange nachgesehen). Melitta, nun?

Melitta. Was, o Gebieterin?

Sappho. So wallt denn nur in diesen Adern Blut, Und rinnend Eis stockt in der andern Herzen? Sie sahen ihn, sie hörten seine Stimme, Dieselbe Luft, die seine Stirn gefächelt, Hat ihre lebenleere Brust umwallt Und dumpf ist ein: was, o Gebieterin? Der erste Laut, der ihnen sich entpreßt. Fürwahr, dich hassen könnt' ich!--Geh!

(Melitta geht schweigend.)

Sappho (die sich unterdessen auf die Rasenbank geworfen). Melitta! Und weißt du mir so gar nichts denn zu sagen, Was mich erfreuen könnte, liebes Kind? Du sahst ihn doch, bemerktest du denn nichts, Was wert gesehn, erzählt zu werden wäre? Wo waren deine Augen, Mädchen?

(Sie bei der Hand ergreifend und an ihre Knie ziehend.)

Melitta. Du weißt wohl noch, was du uns öfters sagtest, Daß Jungfraun es in Fremder Gegenwart Nicht zieme frei die Blicke zu versenden.

Sappho. Und armes Ding, du schlugst die Augen nieder? (Küßt sie.) Das also war's? Mein Kind die Lehre galt Nicht dir, den Altern nur, den minder Stillen! Dem Mädchen ziemt noch was der Jungfrau nicht. (Sie mit den Augen messend.) Doch sieh einmal; wie hast du dich verändert Seit ich dich hier verließ. Ich kenne dich nicht mehr. Um so viel größer und--(Küßt sie wieder.) Du süßes Wesen! Du hattest recht, die Lehre galt auch dir! (Aufstehend.) Warum so stumm noch immer und so schüchtern? Du warst doch sonst nicht so. Was macht dich zagen? Nicht Sappho, die Gebietrin steht vor dir, Die Freundin Sappho spricht mit dir Melitta. Der Stolz, die Ehrbegier, des Zornes Stachel Und was sonst schlimm an deiner Freundin war Es ist mit ihr nach Hause nicht gekehret; Im Schoß der Fluten hab ich es versenkt, Als ich an seiner Seite sie durchschiffte. Das eben ist der Liebe Zaubermacht Daß sie veredelt, was ihr Hauch berührt, Der Sonne ähnlich deren goldner Strahl Gewitterwolken selbst in Gold verwandelt. Hab ich dich je mit rascher Rede, je Mit bitterm Wort gekränkt, o so verzeih! In Zukunft wollen wir als traute Schwestern In seiner Nähe leben, gleichgepaart, Allein durch seine Liebe unterschieden. O ich will gut noch werden, fromm und gut!

Melitta. Bist du's nicht jetzt, und warst du es nicht immer?

Sappho. Ja gut, wie man so gut nennt, was nicht schlimm! Doch g'nügt so wenig für so hohen Lohn? Glaubst du er wird sich glücklich fühlen Mädchen?

Melitta. Wer wär' es denn in deiner Nähe nicht!

Sappho. Was kann ich Arme denn dem Teuern bieten? In seiner Jugend Fülle steht er da Geschmückt mit dieses Lebens schönsten Blüten. Der erst erwachte Sinn, mit frohem Staunen Die Zahl der eignen Kräfte überblickend, Spannt kühn die Flügel aus, und nach dem Höchsten Schießt gierig er den scharfen Adlerblick. Was schön nur ist und groß und hoch und würdig Sein ist's! Dem Kräftigen gehört die Welt! Und ich!--O ihr des Himmels Götter alle! O gebt mir wieder die entschwundne Zeit. Löscht aus in dieser Brust vergangner Leiden, Vergangner Freuden tiefgetretne Spur, Was ich gefühlt, gesagt, getan, gelitten Es sei nicht, selbst in der Erinnrung nicht. Laßt mich zurückekehren in die Zeit, Da ich noch scheu mit runden Kinderwangen, Ein unbestimmt Gefühl im schweren Busen, Die neue Welt mit neuem Sinn betrat, Da Ahnung noch, kein quälendes Erkennen In meiner Leier goldnen Saiten spielte, Da noch ein Zauberland mir Liebe war, Ein unbekanntes, fremdes Zauberland! (Sich an Melittens Busen lehnend.)

Melitta. Was fehlt dir? Bist du krank, Gebieterin?

Sappho. Da steh ich an dem Rand der weiten Kluft, Die zwischen ihm und mir verschlingend gähnt; Ich seh das goldne Land herüberwinken. Mein Aug' erreicht es, aber nicht mein Fuß.--

Weh dem, den aus der Seinen stillem Kreise Des Ruhms, der Ehrsucht eitler Schatten lockt. Ein wildbewegtes Meer durchschiffet er Auf leichtgefügtem Kahn. Da grünt kein Baum, Da sprosset keine Saat und keine Blume, Ringsum die graue Unermeßlichkeit. Von ferne nur sieht er die heitre Küste Und mit der Wogen Brandung dumpf vermengt, Tönt ihm die Stimme seiner Lieben zu. Besinnt er endlich sich, und kehrt zurück, Und sucht der Heimat leichtverlaßne Fluren, Da ist kein Lenz mehr, ach, und keine Blume, (Den Kranz abnehmend und wehmütig betrachtend.) Nur dürre Blätter rauschen um ihn her!

Melitta. Der schöne Kranz! Wie lohnt so hohe Zier Von Tausenden gesucht und nicht errungen!

Sappho. Von Tausenden gesucht und nicht errungen! Nicht wahr Melitta? Nicht wahr liebes Mädchen? Von Tausenden gesucht und nicht errungen! (Den Kranz wieder aufsetzend.) Es schmähe nicht den Ruhm, wer ihn besitzt, Er ist kein leer-bedeutungsloser Schall, Mit Götterkraft erfüllet sein Berühren! Wohl mir, ich bin so arm nicht. Seinem Reichtum Kann gleichen Reichtum ich entgegensetzen, Der Gegenwart mir dargebotnem Kranz Die Blüten der Vergangenheit und Zukunft! Du staunst, Melitta, und verstehst mich nicht. Wohl dir! O lerne nimmer mich verstehen!

Melitta. Zürnst du?

Sappho. Nicht doch, nicht doch, mein liebes Kind! Geh zu den andern jetzt, und sag mir's an, Wenn dein Gebieter wünscht, mich zu empfangen.

(Melitta ab.)

Sechster Auftritt

Sappho (allein. Sie legt in Gedanken versunken die Stirn in die Hand, dann setzt sie sich auf die Rasenbank und nimmt die Leier in den Arm, das Folgende mit einzelnen Akkorden begleitend).

Golden thronende Aphrodite, Listenersinnende Tochter des Zeus, Nicht mit Angst und Sorgen belaste, Hocherhabne dies pochende Herz! Sondern komm, wenn jemals dir lieblich Meiner Leier Saiten getönt, Deren Klängen du öfters lauschtest, Verlassend des Vaters goldenes Haus.

Du bespanntest den schimmernden Wagen, Und deiner Sperlinge fröhliches Paar, Munter schwingend die schwärzlichen Flügel, Trug dich vom Himmel zur Erde herab.

Und du kamst; mit lieblichem Lächeln, Göttliche! auf der unsterblichen Stirn, Fragtest du, was die Klagende quäle? Warum erschalle der Flehenden Ruf?

Was das schwärmende Herz begehre? Wen sich sehne die klopfende Brust Sanft zu bestricken im Netz der Liebe? Wer ist's Sappho, der dich verletzt?

Flieht er dich jetzt, bald wird er dir folgen, Verschmäht er Geschenke, er gibt sie noch selbst, Liebt er dich nicht, gar bald wird er lieben Folgsam gehorchend jeglichem Wink.

Komm auch jetzt und löse den Kummer, Der mir lastend den Busen beengt, Hilf mir erringen nach was ich ringe, Sei mir Gefährtin im lieblichen Streit. (Sie lehnt matt das Haupt zurück.)

Der Vorhang fällt.

Zweiter Aufzug

Freie Gegend wie im vorigen Aufzuge.

Erster Auftritt

Phaon (kommt). Wohl mir, hier ist es still. Des Gastmahls Jubel, Der Zimbelspieler Lärm, der Flöten Töne, Der losgelaßnen Freude lautes Regen, Es tönt nicht bis hier unter diese Bäume, Die leise flüsternd, wie besorgt zu stören, Zu einsamer Betrachtung freundlich laden.