Sämtliche Werke 17

Part 1

Chapter 13,348 wordsPublic domain

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski, Dmitri Philossophoff und anderen herausgegeben von Moeller van den Bruck

Übertragen von E. K. Rahsin

Zweite Abteilung: Siebzehnter Band

F. M. Dostojewski

Onkelchens Traum und andere Humoresken

München und Leipzig R. Piper & Co. Verlag

R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1918

Copyright 1918 by R. Piper & Co., G. m. b. H., Verlag in München und Leipzig

Druck von Mänicke u. Jahn in Rudolstadt.

Inhalt

Vorwort V Onkelchens Traum 1 Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett 243 Das Krokodil 321

Vorwort

Die beiden ersten der in diesem Bande vereinigten komischen Erzählungen stehen im Anschluß an Dostojewskis humoristischen Roman „Das Gut Stepantschikowo“. Sie teilen mit ihm die allgemeine humoristische Anschauung und die Zeit der Entstehung: das Jahr 1848. Die Erzählung „Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett“ bestand ursprünglich aus zwei getrennten Geschichten („Die fremde Frau“ und „Der eifersüchtige Gatte“), die erst später von Dostojewski zu einer einzigen zusammengezogen wurden, ohne daß ihm dies freilich gelungen wäre: die Geschichte verrät in dieser ihrer jüngeren Fassung nach wie vor einen Riß, der auf die erste, getrennte Anlage zurückzuführen ist.

Die Groteske „Das Krokodil“ ist eine politisch-gesellschaftlich-allgemeinrussische Satire aus dem Jahre 1864. Sie wurde wegen ihres humoristischen Untertones in diesen Band mit eingestellt.

E. K. R.

Onkelchens Traum

Aus den Mordassoffschen Chroniken

I.

Marja Alexandrowna Moskalewa ist natürlich die erste Dame in Mordassoff – darüber kann kein Zweifel bestehen. Sie benimmt sich, als kümmere sie sich um keinen Einzigen: im Gegenteil, als wären alle nur von ihr allein abhängig. Freilich wird sie infolgedessen auch von keinem Menschen geliebt. Freilich hassen sie deshalb sogar sehr viele von ganzem Herzen. Aber dafür wird sie von allen gefürchtet – und das ist es, was sie gerade nötig hat. Ein solches Bedürfnis jedoch ist, meine ich, ein Beweis hoher politischer Begabung. Wie kommt es zum Beispiel, daß Marja Alexandrowna, die den Klatsch über alles liebt und eine ganze Nacht nicht schläft, wenn sie vorher nicht etwas Neues erfahren hat: wie kommt es, frage ich, daß sie sich bei alledem so zu benehmen weiß, daß bei ihrem Anblick kein Mensch vermuten kann, in dieser imposanten Dame die erste Klatschbase der Welt oder zum mindesten doch Mordassoffs vor sich zu haben? O, ganz im Gegenteil: man ist überzeugt, daß ihre bloße Anwesenheit jeden Klatsch verbannen muß, daß etwaige Hinterbringer erröten und wie Schulbuben vor dem Herrn Lehrer erzittern werden und kein anderes Gespräch mit ihr möglich ist, als eines über die höchsten Themata. Sie weiß z. B. von manchen Mordassower Honoratioren so kapitale und skandalöse Dinge, daß, wenn sie sie bei Gelegenheit erzählen und so beweisen würde, wie nur sie allein Ähnliches zu beweisen versteht, in Mordassoff sich ganz sicherlich das Erdbeben von Lissabon wiederholen würde. Indessen ist sie aber sehr verschwiegen, was diese Dinge anbetrifft, und erzählt sie höchstens, im äußersten Fall, Freundinnen. Sie erschreckt nur den Betreffenden, deutet an, daß sie wisse, und zieht es vor, den Herrn oder die Dame in ewiger Angst zu erhalten, anstatt sie endgültig zu vernichten. Das ist Klugheit, das nennt man Taktik! Marja Alexandrowna zeichnet sich unter uns durch ihr einwandsloses ^Comme-il-faut^ aus, das alle sich zum Vorbild nehmen. In dieser Beziehung hat sie keine Rivalin in Mordassoff. Sie versteht zum Beispiel, ihre Gegnerin mit irgend einem einzigen Wort zu zerschmettern, zu vernichten, zu töten; währenddessen aber tut sie, als hätte sie überhaupt nicht bemerkt, daß sie das betreffende Wort ausgesprochen. Bekanntlich ist dieser Zug nur der allerhöchsten Gesellschaft eigentümlich. Kurz, in allen ähnlichen Taktfragen hätte sie sogar einen Pinelli[1] glänzend besiegt. Verbindungen hatte sie unzählige. Viele, die Mordassoff besuchten, stiegen bei ihr ab, waren begeistert von ihrem Empfang und korrespondierten nachher noch lange mit der freundlichen Gastgeberin. Einer ihrer Gäste hatte ihr Andenken in einem Gedicht verewigt, das Marja Alexandrowna stolz jedem neuen Gaste zeigte. Ein durchreisender Literat hatte ihr sogar eine Novelle gewidmet, die er auf einer Abendgesellschaft bei ihr vorlas, was einen äußerst angenehmen und guten Eindruck machte. Und ein deutscher Gelehrter aus Karlsruhe, der uns absichtlich mit seinem Besuch beehrte, um hierselbst eine besondere Würmerart mit Hörnern, die es nur in unserem Gouvernement gibt, zu erforschen, und der über diesen Wurm vier Bände in Quart geschrieben hat, war von dem Empfang und der Liebenswürdigkeit Marja Alexandrownas dermaßen entzückt, daß er noch jetzt hochehrerbietige Briefe aus der Stadt Karlsruhe an sie schreibt, die sie dann natürlich nicht unbeantwortet läßt. Marja Alexandrowna wurde in gewisser Beziehung sogar mit Napoleon verglichen – dem Ersten. Versteht sich – nur im Scherz und von ihren Feinden, mehr um der Karikatur als um der Wahrheit willen. Dessen ungeachtet – und obschon ich die ganze Seltsamkeit eines solchen Vergleiches anerkenne, wage ich es doch, eine ganz unschuldige Frage zu stellen: weshalb – bitte, mir darauf zu antworten – weshalb wurde dem großen Napoleon schließlich schwindlig, als er gar zu hoch hinaufgeklettert war? Die Anhänger der alten Dynastie schreiben das dem Umstand zu, daß Napoleon nicht nur kein Sproß aus königlichem Hause, sondern nicht einmal ein Gentilhomme von altem Geblüt war, und daß es folglich nur natürlich sei, daß ihm die plötzliche Höhe einen Schrecken eingejagt habe und ihm bei dem Gedanken an seine geringe Herkunft und den ihn zukommenden niedrigen Platz ganz von selbst schwindlig geworden sei. Doch ungeachtet dieser geistvollen Erklärung, die lebhaft an die Glanzzeit des alten französischen Hofes erinnert, will ich es wagen, folgende Frage zu stellen: warum wird es Marja Alexandrowna nie und unter keinen Umständen schwindlig und warum bleibt sie immer und trotz aller Vorkommnisse die erste Dame in Mordassoff? Es gab zum Beispiel Fälle, in denen alle sagten: „Nun, jetzt wollen wir doch sehen, wie Marja Alexandrowna sich diesmal aus der Affäre ziehen wird!“ Doch siehe, die schwierigen Verhältnisse kamen, bestanden, gingen vorüber – und es geschah nichts! Alles blieb beim alten – oder es wurde sogar noch besser. Zum Beispiel wird sich hier noch ein jeder dessen erinnern, wie ihr Gemahl, Afanassij Matwejewitsch, infolge von Unbegabtheit oder Schwachsinn seine vorteilhafte Stellung einbüßte, da er durch seine Antworten den Zorn eines ihm auf den Hals geschickten Revisors erweckt hatte. Da glaubten denn alle, daß Marja Alexandrowna den Mut verlieren, kleinlaut werden, sich erniedrigen, bitten und betteln würde. Doch nichts von alledem geschah: Marja Alexandrowna sah ein, daß sie doch nichts mehr ausrichten würde – und richtete sich so ein, daß sie ihren Einfluß auf die Gesellschaft nicht im geringsten einbüßte, weshalb ihr Haus jetzt denn auch immer noch als das erste Haus in Mordassoff gilt. Die Frau unseres Staatsanwalts, Anna Nikolajewna Antipowa, die geschworene Feindin Marja Alexandrownas – dem Anschein nach allerdings ihre größte Freundin – frohlockte damals bereits über ihren Sturz. Als man aber sah, daß Marja Alexandrowna sich nichts weniger als irre machen ließ, da erriet man endlich, daß ihre Wurzeln viel tiefer hinabreichten, als man anfänglich geglaubt hatte.

Übrigens – da wir nun einmal auf Afanassij Matwejewitsch zu sprechen gekommen sind, will ich auch über ihn einige Worte sagen. Vor allem muß ich bemerken, daß er äußerlich eine sehr repräsentable Erscheinung ist und sogar sehr gute Manieren hat – nur hat er die Angewohnheit, in kritischen Augenblicken etwas den Kopf zu verlieren, und dann sieht er einen an, wie ein Schaf ein neues Hoftor. Er ist stattlich und würdevoll, namentlich zu Geburtstagsdiners, wenn er in weißer Binde erscheint. Leider aber währt der gute Eindruck genau nur bis zu dem Augenblick, in dem er den Mund auftut und das erste Wort spricht. Dann – Verzeihung, aber es geht nicht anders – dann würde man sich am liebsten ... sagen wir: die Ohren zuhalten.

Er ist es ganz entschieden nicht wert, Marja Alexandrowna anzugehören: Das ist die allgemeine Meinung. Einzig dank der Genialität seiner Frau hatte er denn auch seine hohe Stellung einnehmen können. Meiner Ansicht nach wäre sein Platz von Anfang an in einem Gemüsegarten gewesen, wo er sich als Vogelscheuche sehr vorteilhaft ausgenommen hätte. Dort, und zwar ausschließlich dort hätte er seinem Vaterlande einen wirklichen, unzweifelhaften Nutzen bringen können. Und deshalb war es von Marja Alexandrowna sehr klug gehandelt, als sie Afanassij Matwejewitsch auf ihr drei Werst von der Stadt entferntes Gut schickte, wo sie hundertundzwanzig Leibeigene besitzt – nebenbei bemerkt, ihr ganzer Besitz und ihre einzige Einnahmequelle, aus der sie alle Ausgaben bestreitet, die selbstverständlich nicht gering sind, da sie doch nach wie vor ein großes Haus macht. Man begriff sofort, daß sie ihren Gemahl einzig deshalb bis dahin bei sich gehalten, weil er eine gute Anstellung hatte, ein gutes Gehalt bezog und ... noch andere Einkünfte. Als es aber mit dem Gehalt und den anderen Einkünften zu Ende war, da wurde er als ein vollkommen untaugliches und überflüssiges Möbel sofort entfernt. Die Folge davon war, daß alle Marja Alexandrownas klares Urteilsvermögen, ihre Entschlossenheit und Charakterstärke lobten. Afanassij Matwejewitsch lebt jetzt dort auf dem Lande wie im Wollkorbe. Ich habe ihn vor kurzem einmal besucht und eine ganze Stunde sehr angenehm mit ihm verbracht. Er bindet sich vor dem Spiegel verschiedene weiße Halsbinden um, putzt eigenhändig seine Stiefel – nicht weil er keine Bedienung hätte, sondern nur aus Liebe zur Sache, denn er hat es gern, wenn sie spiegelblank sind. Dreimal täglich trinkt er Tee, nimmt mit besonderer Vorliebe ein Bad und ist vollkommen zufrieden. Und entsinnen Sie sich noch der unangenehmen Geschichte, die man sich vor etwa anderthalb Jahren von Sinaïda Afanassjewna, der einzigen Tochter Marja Alexandrownas und Afanassij Matwejewitschs, erzählte? Sinaïda ist fraglos eine Schönheit unter Schönheiten, ist vorzüglich erzogen, aber – sie zählt schon dreiundzwanzig Jahre und ist noch nicht verheiratet. Unter den Gründen, mit denen man diese Tatsache zu erklären versucht, sind die dunklen Gerüchte von gewissen sonderbaren Beziehungen Sinas zu einem Kreisschullehrer – die auch jetzt noch nicht ganz verstummt sind – sicherlich die am meisten besprochenen. Man spricht noch immer von einem Liebesbrief, den Sina geschrieben und der dann in Mordassoff von Hand zu Hand gewandert sei. Einstweilen aber: wer hat denn diesen Brief oder Zettel – er soll nicht lang gewesen sein – mit eigenen Augen gesehen? Wenn er von Hand zu Hand gewandert ist, wo ist er dann schließlich geblieben? Alle haben von ihm gehört, gesehen aber hat ihn kein einziger. Ich wenigstens habe noch keinen angetroffen, der ihn selbst gesehen hätte. Macht man Marja Alexandrowna eine diesbezügliche Andeutung, so versteht sie einen einfach nicht. Nehmen wir aber jetzt an, daß Sina tatsächlich einen solchen Zettel geschrieben – ich glaube sogar bestimmt, daß sie es getan hat – muß man dann nicht alle Hochachtung haben vor der Diplomatie Marja Alexandrownas? Wie geschickt und mit welcher Sicherheit sie dem unangenehmen, skandalösen Klatsch die Spitze abzubrechen verstanden hat! Kein Wort, keine Andeutung ihrerseits! Sie schenkt jetzt dieser ganzen schmutzigen Verleumdung überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr! Indessen aber – nur Gott allein wird es wissen, wie sie gearbeitet hat, um die Ehre ihrer einzigen Tochter unbefleckt zu erhalten. Und andererseits: ist es denn nicht sehr begreiflich, daß Sina noch nicht geheiratet hat: was gibt es denn hier für Freier? Und Sina kann doch nur einen Erbprinzen heiraten! Hat jemand, frage ich nochmals, je im Leben eine solche Schönheit gesehen? Freilich ist sie stolz, sogar sehr stolz. Man sagt, Mosgljäkoff werbe um sie, aber es ist nicht anzunehmen, daß sie ihn heiraten wird. Was ist denn dieser Mosgljäkoff? Nun ja, – ein junger Mann, nicht häßlich, ein Fant, hundertfünfzig Leibeigene, ohne Schulden, Petersburger. Aber immerhin – der Kopf ist nicht viel wert. Leichtsinnig, schwatzhaft, mit irgendwelchen allerneuesten Ideen! Und was sind denn schließlich hundertfünfzig Seelen – und noch dazu bei den neuesten Ideen! Nein, ich habe es gleich gesagt – aus dieser Heirat wird nichts!

Alles, was mein verehrter Leser bis jetzt gelesen hat, ist von mir vor ganzen fünf Monaten geschrieben worden, und zwar nur aus Begeisterung. Ich will es nicht verhehlen, daß ich für Marja Alexandrowna eine kleine Schwäche habe. Ich hatte eigentlich die Absicht, etwas in der Art einer Verherrlichung dieser großen Frau zu schreiben, vielleicht in der Form eines scherzhaften Briefes an einen Freund, nach dem Muster der Briefe, die in der alten, goldenen, doch – Gott sei Dank! – unwiederbringlichen Zeit in der „Nordischen Biene“ und ähnlichen Zeitschriften erschienen. Da ich nun aber keinen einzigen Freund besitze und mir außerdem noch eine gewisse literarische Schüchternheit angeboren ist, so blieb mein Manuskript in meinem Schreibtischfach als literarischer Versuch und als Erinnerung an eine friedliche Zerstreuung in Stunden der Muße und des Vergnügens liegen. Inzwischen vergingen fünf Monate, bis schließlich eines Tages unsere liebe Stadt ein großartiges Ereignis erlebte: früh morgens rollte eine Equipage durch die Straßen: Fürst K. kam an und stieg im Hause Marja Alexandrownas ab.

Die Folgen dieses Besuches waren unabsehbar. Der Fürst hielt sich nur drei Tage in Mordassoff auf, doch diese drei Tage sind uns allen unauslöschlich in der Erinnerung geblieben. Ja ich kann sogar sagen, daß der Fürst in gewissem Sinne unsere ganze Stadt umgekehrt hat. Die Wiedergabe dieses Ereignisses wird natürlich die bemerkenswertesten Seiten in den Annalen der Stadt Mordassoff ausmachen. Diese Seiten nun literarisch zu verarbeiten und dem Urteil der hochverehrten Leser zu unterbreiten, habe ich mich jetzt nach einigem Schwanken endgültig entschlossen.

Meine Erzählung umfaßt die ungekürzte bemerkenswerte Geschichte der Erhöhung, des größten Ruhmes und des feierlichen Falles Marja Alexandrownas und ihres ganzen Hauses in Mordassoff, ein würdiges und für einen Schriftsteller verführerisches Thema. Versteht sich, vorher muß ich noch erklären, weshalb es ein solches Ereignis war, daß der Fürst K. in die Stadt gefahren kam und bei Marja Alexandrowna abstieg. Zu dem Zweck jedoch muß ich etwas ausführlicher von der Person des Fürsten erzählen. So werde ich es auch tun. Zudem ist die Kenntnis der Lebensgeschichte dieses Fürsten durchaus erforderlich, um im ferneren Verlauf der Dinge sich manches erklären zu können. Also, ich beginne.

II.

Ich muß vorausschicken, daß Fürst K. den Jahren nach durchaus noch kein Greis war. Doch dessenungeachtet kam einem bei seinem Anblick unwillkürlich der Gedanke, daß er sogleich auseinanderfallen müsse: dermaßen verlebt oder verbraucht war der Mann und sah er aus. In Mordassoff hat man sich von diesem Fürsten stets äußerst sonderbare, mitunter selbst phantastische Dinge erzählt. Es hieß sogar einmal, der alte Herr sei irrsinnig geworden. Am sonderbarsten fanden aber alle, daß ein so reicher Gutsbesitzer, der viertausend Seelen besaß, unter seinen Verwandten bekannte Würdenträger hatte und folglich, sobald er nur gewollt hätte, eine große Rolle im Gouvernement hätte spielen können, auf seinem prächtigen Gut von aller Welt völlig zurückgezogen lebte. Viele Honoratioren hatten ihn vor sechs oder sieben Jahren gekannt, als er eine Zeitlang in unserer Stadt gelebt hatte, und sie versicherten, daß er damals Einsamkeit nicht habe ertragen können und alles eher als ein Einsiedler gewesen sei.

Doch wie dem auch sei, jedenfalls habe ich aus glaubwürdigster Quelle Folgendes von seiner Lebensgeschichte erfahren:

Einmal in jungen Jahren, was übrigens schon lange her ist, war der Fürst in glänzendster Weise ins Leben eingetreten, hatte gejeut, geliebt, war mehrmals im Auslande gewesen, hatte Romanzen gesungen, Bonmots gemacht und sich nie durch glänzende Geistesgaben ausgezeichnet. Wie es sich wohl von selbst versteht, verlebte er sein ganzes Vermögen, so daß er sich, als das Alter kam, plötzlich ohne eine Kopeke sah. Da hatte ihm irgend jemand den Rat gegeben, auf sein Gut überzusiedeln, das bereits versteigert werden sollte, und so war er denn nach Mordassoff gefahren und hatte dort ganze sechs Monate verlebt, ohne an die Weiterfahrt zu denken. Das Provinzleben hatte ihm sehr gefallen und die Folge davon war, daß er in diesem halben Jahr das Letzte, was ihm noch geblieben war, gleichfalls durchbrachte, da er weder auf das Jeu, noch auf verschiedene Intimitäten mit – diesmal Provinzdamen verzichten konnte. Hinzu kommt, daß er ein gutmütiger Mensch war, freilich nicht ohne einige besondere fürstliche Gewohnheiten unangenehmer Art, die aber in Mordassoff für als ausschließlich der höchsten Gesellschaft eigen angesehen wurden, und daher, statt Verdruß zu erwecken, sogar einen guten Eindruck machten. Namentlich die Damen waren von ihrem lieben Gast außerordentlich entzückt. Man bewahrte gar manche interessante Erinnerung an ihn. Unter anderem erzählte man, daß der Fürst einen halben Tag zum Ankleiden brauche und der ganze Mensch aus zusammensetzbaren Stücken bestände. Niemand wußte sich zu erklären, wann und wo er sich aller der ihm fehlenden Körperteile zu entledigen vermocht hatte. Er trug eine Perücke, falschen Schnurr- und Backenbart, und sogar die Fliege a la Mazarin unter der Unterlippe war unecht. Ihm war buchstäblich jedes Haar angeklebt und jedes glänzte im schönsten Schwarz. Er schminkte und puderte sich täglich. Es wurde sogar behauptet, daß er mittels gewisser kleiner Federn, die in seinen Haaren unsichtbar angebracht sein sollten, die Runzeln in seinem Gesicht glätte. Auch hieß es, daß er ein Korsett trage, da er bei einem ungeschickten Sprung aus dem Fenster – während eines Liebesfeldzuges in Italien – sich ein paar Rippen gebrochen habe. Mit dem linken Fuß hinkte er. Es wurde behauptet, daß sein linker Fuß unecht sei und er den echten in Paris gleichfalls bei Gelegenheit eines Liebesabenteuers eingebüßt habe und zum Ersatz ihm ein Holz- oder Korkfuß angesetzt worden sei. Aber schließlich, was wird nicht alles erzählt? Tatsache war jedoch, daß sein rechtes Auge ein Glasauge war, natürlich ein sehr teures, sehr kunstvoll gearbeitetes. Seine Zähne waren alle unecht. Ganze Tage lang wusch er sich mit den verschiedensten patentierten Flüssigkeiten, parfümierte und pomadisierte sich unermüdlich. Übrigens entsinnt man sich, daß der Fürst damals schon merklich gealtert war und entsetzlich schwatzhaft wurde. Seine Zukunft war, wie man meinte, hoffnungslos. Alle wußten, daß er nichts mehr besaß. Da sollte es aber geschehen, daß gerade zu der Zeit eine seiner Verwandten, eine uralte Greisin, die beständig in Paris lebte und von der er eigentlich nichts zu erwarten hatte, – starb, nachdem sie vor ausgerechnet einem Monat ihren einzigen Erben begraben hatte. So wurde plötzlich und unerwartet der Fürst ihr gesetzmäßiger Universalerbe. Viertausend Seelen und ein wundervolles Gut, sechzig Werst von unserer Stadt gelegen, erhielt er ganz allein. Ohne lange zu säumen, machte er sich nach Petersburg auf, um dort die Angelegenheit zu erledigen. Zum Abschied gaben unsere Damen ihrem lieben Gast noch ein glänzendes Diner, das sie gemeinsam bezahlten, wozu eine Kollekte veranstaltet worden war. Der Fürst, sagt man, sei an diesem Abend bezaubernd liebenswürdig gewesen, habe gescherzt und gelacht und die ungewöhnlichsten Anekdoten erzählt. Zum Schluß habe er versprochen, sich so bald als möglich in Duchanowo, so hieß sein neues Gut, niederzulassen, und dann – darauf habe er sein Wort gegeben – würde er fortwährend Feste, Picknicks, Bälle und italienische Nächte mit Feuerwerk und Lampions veranstalten. Ein ganzes Jahr lang nach seiner Abfahrt sprachen die Damen nur von den verhießenen Freuden und erwarteten ihren alten Freund mit größter Ungeduld. Inzwischen aber begnügte man sich mit kurzen Ausfahrten nach Duchanowo, wo das alte Herrenhaus und der große Park besichtigt wurden. In diesem Park gab es Akazienhecken, die zu Löwen und anderen Tieren zurechtgestutzt waren, künstliche Hünengräber, Teiche, auf denen sich Boote schaukelten mit holzgeschnitzten Türken, die Hirtenflöten bliesen, Lauben, Pavillons, Monplaisirs und noch viele andere Späße.

Endlich kehrte der Fürst zurück, doch zur allgemeinen Verwunderung und Enttäuschung zeigte er sich nicht einmal in der Stadt, sondern ließ sich auf seinem Gut nieder und lebte wie ein Einsiedler. Alsbald verbreiteten sich sonderbare Gerüchte, und überhaupt kann man sagen, daß die Lebensgeschichte des Fürsten seit eben dieser Zeit schleierhaft und phantastisch wird. So erzählte man denn, daß er in Petersburg nicht gerade Glück gehabt habe, daß einige seiner Verwandten und dereinstigen Erben ihn wegen seiner Geistesschwäche unter irgend jemandes Vormundschaft hätten stellen wollen, wahrscheinlich aus Furcht, daß er wieder sein ganzes Vermögen durchbringen könne. Ja einige behaupteten sogar, daß man ihn in eine Irrenanstalt habe einsperren wollen, doch einer seiner Verwandten, ein angesehener Mann, sei für ihn eingetreten und habe den anderen klar bewiesen, daß der arme Fürst, von dem ja ohnehin nur noch die eine Hälfte lebe, wahrscheinlich bald von selbst sterben würde – und dann bekämen sie das Gut auch ohne Irrenhaus. Doch ich sage nochmals: wird denn wenig in der Welt geklatscht und noch dazu bei uns in Mordassoff! Diese Gerüchte von dem Vorhaben seiner Verwandten sollen den armen Fürsten so kopfscheu gemacht haben, daß er auch seinen Charakter vollkommen änderte und wie ein Einsiedler lebte! Einige unserer Spitzen der Gesellschaft waren mit Glückwünschen zu ihm aufs Gut gefahren: doch sie waren entweder überhaupt nicht, oder in sehr seltsamer Weise empfangen worden. Der Fürst, sagt man, habe seine früheren Bekannten nicht einmal erkannt oder habe sie nicht erkennen wollen.