Sämtliche Werke 12

Part 7

Chapter 73,452 wordsPublic domain

Unter den Tausenden, die dem Toten das letzte Geleit gaben, werden natürlich Vertreter der verschiedensten Anschauungen gewesen sein, doch die Hauptmasse war entschieden von ganz anderen Gefühlen beherrscht: die beerdigte in Dostojewski ihren Erzieher, ihren Lehrer, den, der zu ihr gesagt hatte: „Demütige dich, stolzer Mensch! Arbeite, müßiger Mensch!“ Alle, die nach einer sittlichen Stütze suchten, sahen in ihm einen Führer, der ihnen die Wege zeigte, auf denen man die Rettung suchen kann und muß. Man achtete und liebte in ihm nicht nur den Patrioten und Konservativen; für viele war er auch ein Trost und eine Hoffnung, und das nicht nur deshalb, weil er die revolutionären Umtriebe gegeißelt und bekämpft hatte, sondern weil er die höchsten, rein geistigen Interessen der russischen Menschen verstand, weil in seinen Worten sich nicht nur religiöse Stimmung, aufrichtige Liebe zum Volk offenbarte, sondern vor allem deshalb, weil ihm unsere staatliche Macht teuer war, teuer unsere volkliche Einheit und unsere politische Aufgabe, für die wir seit jeher soviel geopfert haben und noch jederzeit zu opfern bereit sind.

Gewiß wird es in der ungeheuren Menge, die ihm zum Grabe folgte und in der so viel Jugend vertreten war, auch viele bekehrte und unbekehrte Nihilisten gegeben haben. Denn Dostojewski, der ihre Verirrungen so scharf rügte, verstand die Verirrten doch so tief wie kein anderer, und er war es auch, der ihnen wieder den richtigen Weg wies. Aber zweifellos gab es unter ihnen auch solche, die uns die Hoffnung geben, daß wir dieses große Übel überwinden werden. In dem großen Toten hatte diese Hoffnung wie ein Feuer gebrannt und er hatte in dem Glauben gelebt, daß er für diese rettenden Ansätze arbeitete.

Sein Tod war nicht der Tod eines verdienten Künstlers, der in Ruhe seine Tage zu Ende gelebt, sondern der Tod eines politischen Kämpfers am Vorabend seiner letzten glühenden Rede, die am Tage vor seiner Beerdigung erschien.

Seine Bedeutung

Wenn wir die Entwicklung Dostojewskis verfolgen, so sehen wir, daß mit ihm dasselbe geschah, was nun schon seit dem achtzehnten Jahrhundert mit allen unseren großen Schriftstellern geschehen ist: alle begannen sie damit, daß sie sich für das _Fremde_ begeisterten, und alle kehrten sie später zum _Eigenen_ zurück. So war es zum Teil mit Vonwisin und so geschah es sehr ausgesprochen bei Karamsin, Gribojedoff, Puschkin und Gogol. Dostojewski ist in dieser Beziehung ein neues Ärgernis für unsere Westler, ein neuer und wichtiger Grund für sie, über unsere russische Literatur aufgebracht zu sein.

Diese innere Umkehr, die sich in den Besten von uns vollzieht, wird oft Verrat und Abtrünnigkeit genannt; doch gerade bei Dostojewski ist am deutlichsten zu sehen, daß es sich hierbei nur um Entwicklung handelt, um die Aufdeckung der Anlagen, die in der Natur des Menschen liegen, nicht aber um einen Eintausch fremder Gedanken gegen andere fremde Gedanken. Dostojewski ist von seinem ersten bis zu seinem letzten Werk ein und derselbe; er konnte sich nicht verändern, denn schon in seinem ersten Werk ist seine ganze Seele zu erkennen, die ganze Art seiner Lebensauffassung. Von der Natur dieser Seele hing es ab, welche Einflüsse auf sie einwirkten. Und diese Einflüsse waren: die russische Literatur und das russische einfache Volk.

Als ich Dostojewski kennen lernte, war er ein glühender Verehrer Puschkins und Gogols. Diese beiden Riesen unserer Literatur spiegeln sich schon in seinem ersten Werk „Arme Leute“ in bemerkenswerter Weise wieder. Hier finden wir es unmißverständlich ausgedrückt, daß der Autor mit Gogol nicht ganz zufrieden ist und nur in Puschkin seinen unmittelbaren Führer sieht. Der kleine Beamte Makar Djewuschkin, der Held in „Arme Leute“, der auffallend an Gogols Held im „Mantel“ und in den „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“ erinnert, ist sehr eingenommen von Puschkins „Stationsaufseher“. Er kann die Novelle nicht genug loben und bedauert sehr den armen Helden der Erzählung. Bald darauf liest er aber Gogols Novelle „Der Mantel“, und die macht auf ihn einen geradezu niederschmetternden Eindruck. Er ist aufs tiefste verletzt, da er in dieser schonungslosen Darstellung sich selbst erkennt, er betrinkt sich vor Leid und es widerfährt ihm infolgedessen ein Unglück nach dem anderen. So wird denn die schonungslose Ironie Gogols als gar zu grausame und herzlose Darstellung der Menschen vom Autor verurteilt. Und noch mehr wird sie verurteilt durch die Art, wie Djewuschkin selbst geschildert ist. Während in den Gestalten Gogols nur grauenvolle Leere und Gemeinheit zu sehen ist, besitzt dieser Makar Djewuschkin Schätze an Zartheit und Selbstverleugnung, und Herzenszüge, deren Schönheit er selbst nicht einmal ahnt. Während niemand Gogols Akakij Akakijewitsch oder Poprischtschin sein wollte, muß jeder Leser mit Neid auf den unglücklichen Makar Djewuschkin blicken und sich gestehen, daß zwischen dieser seelischen Schönheit und seiner eigenen Seele ein weiter Abstand ist.

Das war Dostojewskis erster Schritt, im Jahre 1846 – eine kühne und entschlossene Korrektur Gogols. Es war das zugleich eine entscheidende Wendung in unserer Literatur. Ihre Bedeutung lag darin, daß die Korrektur Gogols unentbehrlich war, daß unsere Literatur sie unbedingt ausführen _mußte_ und sie auch noch bis zum heutigen Tage ausführt, daß man in gewissem Sinne auch alle unsere anderen großen Schriftsteller, Ostrowski, wie L. N. Tolstoi, eine Korrektur Gogols nennen und darin ihre größte Originalität sehen kann. Dostojewski aber begann sie als erster.

Gogol hat sich nicht grundlos gequält, nicht grundlos alle seine Kräfte angespannt, um etwas Neues zu schaffen. Diese gespannt feinfühlige Stimmung, in der sich die Gemeinheit des Seienden so deutlich Gogol offenbarte, war am Ende unerträglich. Ein unüberwindlicher Ekel erhob sich in ihm bei der Betrachtung des russischen Lebens, dieses Lebens, in dem alles Gute sich schamhaft und hartnäckig in der Tiefe verbirgt, während das Gemeine und Schmutzige auf der Oberfläche paradiert und allen in die Augen springt. Gewiß hat Gogol die „heimlichen Tränen“ vergossen, von denen er spricht; aber das waren Tränen des Mitleids eines ekstatischen Idealisten, nicht aber Tränen der Liebe. Und je mehr wir in den Sinn der ganzen Literatur nach Gogol, die mit Dostojewski beginnt, eindringen, um so klarer erkennen wir Gogols Grundfehler und die ganze dringende Notwendigkeit, die unsere neueren Schriftsteller empfanden – die Einseitigkeit zu vermeiden und einen neuen Weg einzuschlagen.

Zweifellos wird man Dostojewskis Werke einmal anders auslegen; man wird aus ihnen Schlüsse ziehen und mit ihnen Gefühle nähren, die Dostojewskis wahren Gedanken und Gefühlen aufs tiefste widersprechen. Unsere Intelligenz hat sich gar zu sehr daran gewöhnt, in gewissen Geleisen zu denken. Es gibt zwei Gefühle, die für das Seelenleben unserer gebildeten Leute außer den täglichen Lebensinteressen gewöhnlich bestimmend sind: das eine davon ist das Gefühl des Unwillens, des sogenannten edlen Unwillens über jegliches Böse und Gemeine in Rußland; das andere ist das Gefühl des Mitleids mit Rußland, ein mitleidvolles Erkennen seiner Armseligkeit und seines tragischen Loses. Beide Gefühle sind sehr gut, jedoch zum Unglück nur durch einen gar zu dünnen Strich von schlechten Gefühlen getrennt: der Unwille grenzt an Erbitterung und das Mitleid an Selbstüberhebung, so daß oft Menschen, die sich anscheinend beständig edelster Stimmung hingeben, im Grunde nur ihre schlechten Eigenschaften nähren und nur aus ihnen ihren ganzen Edelsinn schöpfen. Von Dostojewski kann ich dagegen mit aller Bestimmtheit bezeugen, daß ihn niemals auch nur entfernt die Achtung vor seinem großen Vaterlande verlassen hat und der Unwille bei ihm niemals zur Erbitterung geworden ist. In dieser Hinsicht ist er für uns alle ein Beispiel. Man bedenke doch nur, wieviel er unter den bestehenden Verhältnissen zu leiden hatte! Und dennoch war nach allem, was er ausgestanden, nicht die leiseste Erbitterung in ihm und ebensowenig maßte er sich ein Recht auf die Autorität an, die die Gesellschaft bei uns so gern denen zuspricht, die gelitten haben, oder die die Märtyrer sich oft eigenmächtig beimessen. Überhaupt war an ihm die Entwicklung der Persönlichkeit, die ungewöhnliche seelische Energie auffallend. Ich habe ihn in den schwersten Stunden gesehen, doch niemals ließ er den Mut sinken, ja ich glaube sogar, daß man solche Umstände gar nicht ersinnen könnte, unter denen er wirklich zusammengebrochen wäre. So spricht er denn aus seiner eigenen Seele, wenn er einen seiner Helden, Dmitri Karamasoff, sagen läßt: „... ich habe soviel Kraft in mir, daß ich alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich bin! Unter tausend Qualen – ich bin! Wenn ich mich auch auf der Folterbank krümme – aber ich bin!“ Es war in ihm ein unerschöpflicher Kräftevorrat, der nach jedem Nachlassen und sogar Sinken seines Schaffens sich immer wieder von neuem zu noch höheren Schöpfungen emporschwang. Es war dabei etwas Rätselhaftes in ihm. Neue Gestalten, neue Pläne tauchten beständig vor ihm auf, belagerten ihn geradezu und störten ihn bei der Arbeit. Deshalb sind auch einzelne seiner Romane ganze Knäule durcheinandergeflochtener, verwickelter Themen.

Und so schildert er denn unermüdlich seine Gestalten, macht sie aber nicht wie Viktor Hugo zu Theaterhelden, läßt sie weder Wunder, noch Heldentaten vollbringen. Er hält sich unentwegt an den strengen Realismus, der das Vermächtnis Gogols war, aber selbst unter der größten Verkommenheit versteht er noch menschliche Züge zu entdecken. Dabei ist in jeder Schilderung Dostojewskis soviel Wahrheit, eine solche Tiefe seelischer Wahrheit enthalten, daß man den unmittelbaren Eindruck der Wirklichkeit selbst zu erleben glaubt. Der Fieberzustand seines Idioten, die Qualen eines Verbrechers oder eines Selbstmörders, Fieberträume, Hallucinationen – alles ist verständlich und klar wiedergegeben. Der Leser verfolgt mit Spannung die Gedanken und Gefühle von Personen, von denen er früher überhaupt keine Vorstellung hatte, und sieht mit Verwunderung, daß diese Gedanken und Gefühle in der eigenen Seele einen Widerhall finden.

Leid, Verzweiflung, Verbrechen, Krankheit – das sind die stets wiederkehrenden Themen Dostojewskis. Aber was ist denn ihr Sinn, welches ist ihr Ergebnis? Etwa wieder Mutlosigkeit und Bitterkeit? O nein, sondern _Verzeihen_ und _Liebe_. Das ist der herrschende Gedanke, den er so glühend und unerschrocken in seinem letzten Roman („Die Brüder Karamasoff“) offen ausspricht. In diesem Ideal Christi fand er die Rechtfertigung seiner beständigen Liebe zum einfachen russischen Volk und fand er den höheren Sinn seiner ganzen, großen, heißen Vaterlandsliebe. Die Liebe zum einfachen Volk, zum _Erdboden_, wie er es nannte, ist eine bedeutungsvolle Erscheinung in unserer Literatur überhaupt. Die Erkenntnis der geistigen Schönheit und geistigen Gesundheit, die das Volk sich erhalten hat, während wir sie eingebüßt haben, hat bei uns schon lange begonnen und wächst mit jedem Tage. Einem Menschen aber wie Dostojewski, der mit solcher Liebe Volkstypen geschildert hat (bereits in seinen „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“) – einem solchen Menschen konnte der Hauptnerv des Volkslebens natürlich nicht verborgen bleiben: Das hohe Ideal der Heiligkeit. Zu diesem Ideal streben sowohl unsere einfältigsten Seelen, wie unsere größten Geister, die bisweilen lange auf anderen Wegen umherirren, bevor sie diesen Weg finden. Wir wissen bereits, daß das Ideal Christi zum höchsten Ideal auch unseres anderen großen Dichters geworden ist – des Grafen L. N. Tolstoi. Die Zusammenhänge sind bei ihm dieselben wie bei Dostojewski. Auch er hat mit dem ganzen volklichen Verstehen seines großen künstlerischen Gefühls in langer, liebevoller Beobachtung des Volkes dessen Ideal erkannt. Diese Übereinstimmung mit Dostojewski ist auffallend. Persönlich kannten sie sich nicht, doch hatten sie in der letzten Zeit immer die Absicht, sich kennen zu lernen. Ich erlaube mir, einige Zeilen aus einem Brief Tolstois, den ich im September des vorigen Jahres von ihm erhielt, hier anzuführen. Er schreibt:

„Ich verstehe nicht das Leben derjenigen Menschen in Moskau, die es selbst nicht verstehen. Aber das Leben der Mehrzahl – der Bauern, der Pilger und noch mancher Leute, die selbst ihr Leben verstehen – verstehe auch ich und liebe es über alles. Ich fahre fort, dafür zu arbeiten und wie mir scheint, nicht fruchtlos. Unlängst fühlte ich mich nicht wohl und da nahm ich ‚das Totenhaus‘ zur Hand. Ich hatte vieles vergessen, da las ich es nun wieder, und ich muß sagen, ich kenne kein besseres Buch in der ganzen neuen Literatur, Puschkin nicht ausgenommen. Nicht der Ton, sondern der Standpunkt ist ein so natürlicher, wahrer und christlicher. Es ist ein gutes, belehrendes Buch. Ich hatte gestern den ganzen Tag eine Freude daran, wie ich mich lange nicht gefreut habe. Wenn Sie Dostojewski sehen, so sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe.“

(26. Sept. 1880).

Ich brachte diesen Brief Fjodor Michailowitsch, und das war einer der schönsten Augenblicke für ihn, und auch für mich als Zeugen.

So findet denn in der Liebe zum Volk, aus der sich eine treue Ergebenheit zum Volksideal entwickelt, das Schaffen unserer zwei besten Künstler des Wortes seine Vollendung.

Hieraus offenbart sich uns am deutlichsten der Sinn der Schöpfungen Dostojewskis. Außer seiner allgemeinen Sympathie zu allen „Erniedrigten und Beleidigten“, hatte er, besonders in der zweiten Hälfte seines Schaffens, noch eine bestimmte Aufgabe: die kranken Seiten unserer vom Volk losgerissenen Gesellschaft aufzudecken. Er zeigt uns zwei Arten von Typen: die „Nihilisten“, die sich in den letzten Jahrzehnten bei uns entwickelt haben, und die älteren Typen der „vierziger Jahre“. So spielt in seinem letzten Roman das Drama zwischen dem alten Karamasoff, der die Anschauungen der vierziger Jahre teilt, und seinen Söhnen, Iwan und Ssmerdjäkoff, dem Nihilisten. Mit unvergleichlicher Tiefe und Feinheit zeichnet Dostojewski die Entartung dieser Seelen durch unsere sogenannte Aufklärung. Sowohl hier wie in seinen anderen Romanen gehört sein größeres Mitgefühl der jungen Generation, eben Iwan, in dem die ernste, aufrichtige Überzeugungstreue – wenn auch die Überzeugungen falsch sind – so dargestellt ist, daß sie zu Dichtung und Großartigkeit wird. Am wenigsten schonte Dostojewski die Menschen der „vierziger Jahre“, was aus seinen Werken nur zu deutlich hervorgeht; es ist geradezu, als könne er ihnen nicht mehr vergeben, und so machte er sie entweder lächerlich, wie z. B. Stepan Trofimowitsch in den „Dämonen“, oder ekelhaft abstoßend, wie Fjodor Pawlowitsch Karamasoff, der gleichsam aus dem Leben ausgeschnitten erscheint. Zu den Nihilisten aber verhielt er sich, man kann sagen, mit väterlichem Kummer, mit väterlichem Mitgefühl. Und unsere junge Generation begriff allmählich, mit welch einem Herzen er sich zu ihr wandte und antwortete ihm mit Bezeugungen ihres Herzens.

In seinem letzten großen Roman hat Dostojewski klarer als in allen anderen Romanen auch die positive Seite Rußlands gezeigt. Rußland besteht doch nicht nur aus entarteten Westlern, wie der alte Karamasoff einer ist, – und aus gedanklich so maßlos vermessenen Nihilisten wie sein Sohn Iwan. Durch den unglücklichen Diener Ssmerdjäkoff ist der Vatermord geschehen, dessen Schuld zu gleichen Teilen auf den Vater dieses Dieners wie auf seinen Halbbruder Iwan fallen muß, der diese bedauernswerte Kreatur irregeführt hat. Doch außer ihnen gibt es noch Dmitri Karamasoff, den gewöhnlichen Russen, den barbarischen Recken, in dem viel Böses, aber auch viel Gutes ist, und der bereit ist, für die Schuld der anderen zu büßen. Auch hat uns Dostojewski noch im jungen Aljoscha Hinweise gegeben, die wie Verheißungen für die Zukunft sind. Und der Liebling des Dichters, Iwan Karamasoff, der in der Seele, im Geiste den Vater erschlagen hat, wie die Nihilisten im Geiste Rußland erschlagen wollen, Iwan wird von seinem Gewissen wie vom Donner gerührt, und wenn er die Krankheit übersteht, wird er zur Besinnung kommen und ein anderer Mensch werden. Das sollten wir nicht vergessen und auch uns danach richten.

So seien wir denn stark und mutig wie Dmitri Karamasoff, der sich durch kein Unglück brechen läßt; lernen wir es, fremde Schuld zu tragen und zu verzeihen, denn es ist wahr, was er sagt: „Alle sind für alle schuldig.“ Das sind Züge des wahren russischen Geistes, des Geistes, in dem das ganze Rußland lebt und wächst und stark ist. Lernen wir es, Rußland mit dieser Liebe zu lieben, die in den „Brüdern Karamasoff“ atmet, und auf unsere Heimat nicht wie ihre Sklaven mit einem Gefühl der Erniedrigung zu blicken, und auch nicht mit Überhebung wie ihre Herren und Lehrer, sondern mit dem Gefühl, mit welchem Söhne auf ihre Mutter sehen. Versuchen wir, „aufzuerstehen“, wie Dmitri Karamasoff träumt, und, wie er sagt, einen „neuen Menschen“ in uns zu erziehen, um ein Recht auf die Stellung des Sohnes zu unserer Mutter zu haben: auf daß das Ideal der Christlichkeit, das die Seele unseres großen Landes erfüllt, auch zu unserem Ideale werde. Ich denke, dies ist es, was Dostojewskis großes Vermächtnis uns gebietet.

_N. N. Strachoff._

Vorbemerkung

Über die literarische Tätigkeit Dostojewskis, soweit sie als Material für Band 12 der Ausgabe in Betracht kam, über die Beteiligung und Herausgeberschaft des Dichters an den verschiedenen Zeitschriften, in denen er seine kritischen Arbeiten veröffentlichte, gibt die Einleitung von N. N. Strachoff die nähere Auskunft. Strachoff (geboren im Jahre 1828 zu Belgorod im Gouvernement Kursk, Literaturhistoriker, Naturwissenschaftler und Philosoph) war Dostojewskis Freund. Seine Arbeit über den Dichter, die den vollen Reiz der persönlichen Anteilnahme an Dostojewskis Entwicklung wie Lebensgang hat, wurde dem Bande in Übersetzung beigegeben, weil sie unmittelbarer, als es jede geschichtliche Rückschau heute könnte, in das literarische Milieu des jungen Rußland einführt, dem Dostojewski angehörte und über das er sich schließlich führend erhob. Die Nähe, in der Strachoff zu der Welt des Nihilismus, aber auch des Antinihilismus und hier zu der politischen Partei der Slawophilen stand, zeigt die Welt, aus der Dostojewski hervorging und macht sie, die zunächst so überaus ideologisch erscheint, mit einer Fülle von biographischen und psychologischen Einzelzügen erst menschlich-begreiflich und darüber hinaus für unser modern-politisches Verständnis Dostojewskis ungemein wertvoll.

Die Lebensgeschichte Dostojewskis von seiner Kindheit bis zu seiner Rückkehr aus Sibirien und dem Beginn seiner publizistischen Tätigkeit (1821–1860), die der ihm gleichfalls befreundet gewesene Literaturhistoriker Orest Miller sogleich nach dem Tode Dostojewskis verfaßt hat, wurde dem vorhergehenden Bande der Deutschen Gesamtausgabe, Bd. XI, zugewiesen. Strachoffs Überblick über die letzten zwei Jahrzehnte Dostojewskis (1860–1881) ist von ihm als Fortsetzung jener Biographie der ersten Lebenshälfte Dostojewskis von Miller gedacht und in einem von ihnen gemeinsam herausgegebenen Bande 1883 erschienen.

Die Entstehung der im vorliegenden Bande vereinigten Aufsätze Dostojewskis fällt in die Jahre 1861–1880. Die Aufsätze von 1861 sind in der von seinem Bruder und ihm damals herausgegebenen Monatsschrift „Die Zeit“ erschienen; die von 1873 in der Zeitschrift „Der Bürger“, deren Redakteur er ein Jahr lang war; die von 1876–1880 in den von ihm allein herausgegebenen Monatsheften „Das Tagebuch eines Schriftstellers“. Die Gedanken aus seinem Notizbuch stammen aus seinem letzten Lebensjahr.

Der Text wurde in Auswahl und – soweit es die Notwendigkeit mit sich brachte, Dostojewskis Wiederholungen zu vermeiden – in Kürzung vorgelegt.

E. K. R.

Erster Teil.

Die russische Literatur

Zur Puschkinrede

Die Rede zur Puschkinfeier ist mit diesem Vorwort und einer Antwort auf die Angriffe eines Westlers im August 1880 in einem einzelnen Heft veröffentlicht worden. Vgl. Seite 5.

Meine Rede über Puschkin und seine Bedeutung habe ich am 8. Juni dieses Jahres in einer feierlichen Versammlung der „Freunde russischer Dichtung“ vor zahlreicher Zuhörerschaft gehalten und sie hat einen nicht geringen Eindruck gemacht. Iwan Ssergejewitsch Aksakoff, der bei dieser Gelegenheit von sich sagte, daß ihn alle gewissermaßen für den Führer der Slawophilen hielten, meinte in seiner Ansprache, daß meine Rede geradezu „ein Ereignis“ gewesen sei. Ich erwähne dies nicht, um mich etwa selbst zu loben, sondern einzig und allein um folgendes zu erklären: Wenn meine Rede tatsächlich ein Ereignis gewesen ist, so war sie das nur von dem einen Gesichtspunkte aus, den ich hier in einem besonderen Vorwort klarlegen möchte, denn nur aus diesem Grunde habe ich das Vorwort zu schreiben unternommen. Was jedoch meine Rede selbst anbetrifft, so wollte ich in ihr lediglich die vier folgenden Punkte der Bedeutung Puschkins für Rußland auseinandersetzen:

1. Daß Puschkin der erste gewesen ist, der mit seinem tiefen, durchschauenden und hochbegnadeten Geiste und aus seinem echt russischen Herzen heraus die bedeutungsvolle krankhafte Erscheinung in unserer Intelligenz, unserer vom Boden losgerissenen Gesellschaft, die sich hoch über dem Volk stehend dünkt, entdeckt und als das erkannt hat, was sie ist. Er hat sie erkannt und hat es vermocht, den Typ unseres negativen russischen Menschen plastisch vor unsere Augen zu stellen: den Menschen, der keine Ruhe hat und der sich mit nichts Bestehendem zufrieden geben kann, der an seinen Heimatboden und an die Kräfte dieses Heimatbodens nicht glaubt, der Rußland und sich selbst (oder richtiger seine Gesellschaftsklasse, die ganze Schicht der Intelligenz, zu der auch er gehört, und die sich von unserem Volksboden gelöst hat) im letzten Grunde verneint, der mit seinen Volksgenossen nichts gemein haben will und der unter all dem doch aufrichtig leidet. Puschkins Aleko[10] und Onegin haben eine Menge solcher Gestalten, wie sie selbst sind, in unserer Literatur hervorgerufen. Ihnen folgten Petschorin[11], Tschitschikoff, Rudin, Lawretzkij und Bolkonskij[12] und unzählige andere, die allein schon durch ihr Erscheinen die Richtigkeit der von Puschkin erfaßten Tatsache bezeugten. Ihm, Puschkin, und seiner großen Einsicht wie Genialität, gebührt daher die Ehre und der Ruhm, die allergefährlichste Wunde der bei uns nach Peters folgenschwerer Reform entstandenen Gesellschaft, unserer sogenannten Intelligenz, aufgedeckt zu haben. Seiner intuitiven Diagnose verdanken wir die Erkenntnis und Feststellung unserer Krankheit. Und nicht zuletzt ist er es auch gewesen, der uns als erster einen Trost gegeben hat: denn von ihm ist uns gleichzeitig diese große Hoffnung gekommen, daß unsere Krankheit nicht tödlich zu sein braucht, daß vielmehr die russische Gesellschaft sehr wohl noch einmal gesunden kann und daß sie noch immer die Möglichkeit hat, sich zu erneuern und aufzuerstehen, wofern es ihr nur gelingt, sich dem Volksgeist wieder anzuschließen, denn