Sämtliche Werke 12

Part 22

Chapter 223,643 wordsPublic domain

Die Oktober-Nummer meines „Tagebuchs“ enthielt diese Beichte eines Selbstmörders, sein letztes Wort vor dem Tode, das er zur Rechtfertigung seiner Tat und vielleicht auch zur „Erbauung“ niedergeschrieben hatte. Einige meiner Freunde, deren Kritik ich sehr schätze, äußerten sich durchaus beifällig über diesen kleinen Aufsatz und meinten, es sei in ihm tatsächlich die Formel für diese Art Selbstmörder gefunden, ihr Wesen, ihr Gedankengang sei vollkommen klar ausgedrückt ... Nur eines flößte ihnen Bedenken ein: ob auch jeder Leser den Aufsatz richtig verstehen werde, oder ob man nicht eher das Gegenteil herauslesen könne? Auch ich hatte das schon während des Schreibens befürchtet, aber ich schämte mich, offen gestanden, in meinem Leser so viel Naivität vorauszusetzen, daß er die Absicht des Aufsatzes nicht durchschauen könne, da sie meines Erachtens doch so greifbar ersichtlich war. Leider war das ein Irrtum von mir. Denn kaum war diese Nummer des Tagebuchs erschienen, als ich sowohl schriftlich wie mündlich von Fremden und von Bekannten gefragt wurde, was dieser Aufsatz eigentlich zu bedeuten habe? „Was wollen Sie damit gesagt haben? Ist es möglich, daß Sie den Selbstmord verteidigen?“ lauteten die Fragen. Und nun erhielt ich noch aus Moskau die letzte Nummer einer Wochenschrift zugesandt, die eine mit „N. P.“ unterzeichnete, man kann sagen, „höflich schmähende“ Kritik meines kleinen Aufsatzes enthielt.

Als ich diese Kritik gelesen hatte, verlor ich nahezu allen Mut. Mein Gott, habe ich denn viele solcher Leser, und glaubt denn dieser Herr N. P., der da behauptet, mein Selbstmörder verdiene nicht das geringste Mitleid, daß ich ihm diesen Selbstmörder zum „bemitleiden“ vorgestellt habe? Die persönliche Auffassung des Herrn N. P. ist für mich natürlich nicht von solcher Bedeutung, daß ich sie widerlegen müßte, obschon Herr N. P. ein Typ zu sein scheint und wohl eine ganze Schar Gleichgesinnter hinter ihm steht – er ist nämlich der Typ einer ganz besonderen „unverfrorenen“ und radikalen Menschensorte, ist der Vertreter eben der „gußeisernen Begriffe“, von denen er in seiner Kritik ausgeht. Wenn ich trotzdem meinem vor zwei Monaten erschienenen Aufsatz eine Erklärung folgen lasse, so geschieht dies nicht wegen der Kritik des Herrn N. P., sondern weil ich schon vorher beschlossen hatte, es zu tun, – ich war ja bereits, und nur zu bald belehrt worden, daß ich meinen Gedanken noch erläutern und sogar breittreten mußte.

* * * * *

Meine Studie über den Selbstmörder bezieht sich auf die älteste und höchste Idee des Menschen: auf die Notwendigkeit des Glaubens an die Unsterblichkeit der Seele. Der Folgeschluß aus der Beichte dieses Selbstmörders, der durch „logischen Selbstmord“ umkommt, sollte sein: daß das Leben des Menschen ohne Glauben an seine Seele und ihre Unsterblichkeit unnatürlich, undenkbar und unerträglich ist. Und es schien mir allerdings, daß ich die Formel des logischen Selbstmörders gefunden und klar ausgedrückt hatte.

Der Glaube an die Unsterblichkeit ist für diesen Selbstmörder nicht vorhanden, was er gleich zu Anfang vorausschickt. Die Überzeugung von der Zwecklosigkeit seines Lebens und die Empörung über die Stummheit des ihn umgebenden Weltalls führen ihn allmählich und unvermeidlich zu der Überzeugung von der vollständigen Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins auf Erden. Es ist für ihn hiernach sonnenklar, daß nur diejenigen Menschen, die den Tieren am nächsten stehen, infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins und der großen Entwicklung ihrer rein physischen Bedürfnisse, _einwilligen_ können, dieses Leben anzunehmen. Oh, er weiß, daß dieses rein körperliche Leben, essen, trinken, schlafen, Kinderzeugen und im Warmen sitzen, den Menschen noch lange an die Erde fesseln wird, wenn auch nicht in seinen höheren Typen. Dabei sind es aber gerade diese höheren Typen, die auf Erden herrschen und immer geherrscht haben, und denen, wenn die Zeit erfüllt war, die Millionen der anderen Menschen zu folgen pflegten. Was ist das nun, dieses höhere Wort und der höhere Gedanke? Dieses Wort, dieser Gedanke (ohne die das Leben der Menschheit undenkbar ist) wird sehr oft von ganz armen, unbeachteten, und sogar sehr oft verfolgten, in der Verbannung umgekommenen oder in Unbekanntheit dahingehenden Menschen zum erstenmal ausgesprochen. Doch der Gedanke selbst, das einmal von ihnen ausgesprochene Wort – die sterben nicht mit ihnen, sie verschwinden niemals spurlos und können auch gar nicht verschwinden, sobald sie einmal ausgesprochen sind ... Das aber ist fast das Erstaunlichste an der Menschheit! Der Gedanke eines Genies hat schon in der folgenden Generation oder in zwei bis drei Jahrzehnten alle und alles erfaßt und reißt alle und alles mit sich fort – und das Ergebnis ist, daß nicht die Millionen Menschen und nicht die anscheinend so unerschütterlichen und mächtigen materiellen Kräfte, nicht das Geld, nicht das Schwert, nicht die Gewalt, sondern der anfangs so unbeachtete Gedanke irgendeines äußerlich oft ganz unansehnlichen Menschen bleibt und herrscht. Herr N. P. schreibt in seiner Kritik, die Veröffentlichung einer solchen „Beichte“ in meinem Tagebuch sei ein „lächerlicher und bedauernswerter Anachronismus“ ... denn heute lebten wir „im Jahrhundert der gußeisernen Begriffe, im Jahrhundert der positiven Anschauungen, in einem Jahrhundert, dessen Parole lautet: leben um jeden Preis! ...“ (Sehr möglich! Das ist dann wohl auch der Grund, weshalb heutzutage die Selbstmorde unter den Intelligenten so häufig sind.) Ich kann aber dem verehrten Herrn N. P. und allen seinesgleichen versichern, daß dieses „Gußeisen“ sich vor mancher Idee, wie belanglos diese den Herren der „gußeisernen Begriffe“ anfangs auch erscheinen mag, wenn die Zeit kommt, in Staub verwandelt! Für mich persönlich ist eine der größten Befürchtungen für unsere Zukunft, und zwar schon für unsere nächste Zukunft, die Tatsache, daß einer besonderen, seltsamen ... nun sagen wir, Vorherbestimmung zufolge in einem großen, allzu großen Teil der russischen Intelligenz sich vollständiger Unglaube an die eigene Seele und ihre Unsterblichkeit zu verbreiten scheint, und zwar, wie mich dünkt, mit einer progressiv zunehmenden Schnelligkeit. Und nicht nur, daß dieser Unglaube sich aus Überzeugung ausbreiten wird (Überzeugung ist bei uns noch sehr wenig vorhanden), er äußert sich vielmehr, und zwar schon heute, in einem gewissen Indifferentismus zu der höchsten Idee des Menschseins, – in einem (bisweilen fast spöttischen und weiß Gott woher und nach welchen Gesetzen sich bei uns entwickelnden) Indifferentismus nicht nur zu dieser Idee, sondern überhaupt zu allem, was Leben ist, zur ganzen Lebenswahrheit, zu allem, was Leben gibt und nährt, was das Leben gesund erhält und der Fäulnis und Auflösung entgegenwirkt. Dieser Indifferentismus ist in unserer Zeit fast zu einer russischen Besonderheit geworden – im Vergleich mit den anderen europäischen Nationen. Er ist längst in die Familien der russischen Intelligenz eingedrungen und hat sie fast vollständig zerstört. Ohne eine höhere Idee aber kann weder ein Mensch noch eine Nation in der Welt bestehen. Auf Erden jedoch gibt es _nur eine_ höhere Idee, und die ist: die Idee der Unsterblichkeit der Menschenseele – denn die übrigen „höheren“ Lebensideen haben alle ihren Ursprung _nur in dieser einzigen Idee_. Hierüber kann man mit mir streiten (d. h. über diese Einheit der Quelle alles Höheren auf Erden), doch ich übergehe das vorläufig und spreche meine Idee aus, ohne sie zu begründen. In kurzen Worten läßt sich nicht alles sagen, nach und nach kann man es besser erklären. Wir haben ja noch Zeit vor uns.

Mein Selbstmörder nun ist ein leidenschaftlicher Verfechter seiner Idee, d. h. der Notwendigkeit des Selbstmords, und nicht etwa ein indifferenter, nicht etwa ein „gußeiserner“ Herr. Er leidet, er quält sich tatsächlich, – wie mir scheint, habe ich das unmißverständlich ausgedrückt! Es ist für ihn nur zu ersichtlich, daß er nicht leben kann, und er weiß nur zu gut, daß er recht hat und daß es unmöglich ist, ihn zu widerlegen. Vor ihm stehen unbesiegbar die höchsten, die ersten Fragen: wozu soll der Mensch noch leben, wenn er bereits erkannt hat, daß tierisch zu leben für einen Menschen widerlich ist? unnatürlich, so zwecklos wie unzureichend? Was könnte ihn in solchem Fall da noch an die Erde fesseln? – Auf diese Fragen kann er keine Antwort erhalten, und das weiß er, denn wenn er auch erkannt hat, daß es, wie er sich ausdrückt, „eine Harmonie des Ganzen“ gibt, so sagt er sich doch, daß er sie nicht verstehen kann und niemals imstande sein wird, sie zu verstehen, und daß er nie an ihr teilnehmen werde. Gerade diese Klarheit ist es, die ihn umbringt. Wo liegt nun der Fehler, worin hat er sich geirrt? Der Fehler, meine ich, liegt einzig in dem Verlust des Glaubens an die Unsterblichkeit.

Doch er sucht ja selbst glühend (d. h. er suchte, als er noch lebte, und suchte mit Pein) nach Versöhnung. Er wollte sie in der Liebe zur ganzen Menschheit finden. „Wenn nicht ich, so könnte doch die Menschheit glücklich sein und irgendeinmal die Harmonie erreichen: dieser Gedanke könnte mich auf Erden zurückhalten,“ sagt er, und verrät sich. Denn dies ist doch wohl kein kleinlicher Gedanke, sondern verrät Großmut und Opferbereitschaft. Aber die unwiderlegbare Überzeugung, daß das Leben der ganzen Menschheit im Grunde genau solch ein Augenblick ist wie sein eigenes, und daß schon am nächsten Tage nach dem Eintritt der „Harmonie“ (wenn man an die Möglichkeit der Verwirklichung dieses Traumes überhaupt glaubt) die Menschheit sich genau so wie er in ein Nichts auflösen werde, kraft träger Naturgesetze, und noch dazu nach soviel Leid und Qual, die die Menschheit zur Verwirklichung dieses Traumes ausgestanden hat – dieser Gedanke bringt ihn um die letzte Versöhnungsmöglichkeit, denn sein Geist empört sich dagegen, empört sich gerade aus Liebe zur Menschheit. Er fühlt sich gekränkt für die ganze Menschheit, und dem Gesetz der Reflexion der Ideen zufolge – tötet das in ihm diese seine Liebe zur Menschheit. So geschieht es in Familien, die vor dem Hungertode stehn, daß die Eltern ihre Kinder, diese von ihnen am meisten geliebten Wesen, zu hassen anfangen, wenn die Qual dieser Kinder zu unerträglich wird – eben wegen der _Unerträglichkeit_ ihrer Qualen. Ja ich behaupte sogar, daß die Erkenntnis ihrer vollkommenen Machtlosigkeit, ihrer Unfähigkeit, der leidenden Menschheit zu helfen, ihre Schmerzen, wenn auch nur ein wenig, zu lindern, während sie doch gleichzeitig von ihrem Leiden überzeugt sind, _im Herzen der Menschen die Liebe zur Menschheit in Haß verwandeln kann_. Die Herren der „gußeisernen Ideen“ werden das natürlich nicht glauben und natürlich auch gar nicht verstehen: für sie ist die Liebe zur Menschheit und deren Glück etwas so Wohlfeiles, da ist alles so billig und so bequem eingerichtet, so althergebracht, schon zu Urväterzeiten eingeführt und niedergeschrieben, daß es sich ihrer Meinung nach überhaupt nicht lohnt, darüber besonders nachzudenken. Doch ich hätte Lust, diese Herren noch ein wenig zu erheitern: daher behaupte ich denn (_vorläufig_ wieder ohne zu begründen), daß die Liebe zur Menschheit sogar vollkommen undenkbar, unverständlich und _unmöglich_ ist, _ohne den Glauben an die Unsterblichkeit der Menschenseele_. Diejenigen aber, die dem Menschen den Glauben an seine Unsterblichkeit nehmen und diesen Glauben durch die „Liebe zur Menschheit“ – im Sinne eines höheren Lebenszweckes – ersetzen wollen, die, sage ich, erheben ihre Hand gegen sich selbst; denn anstatt der Liebe zur Menschheit pflanzen sie in das Herz dessen, der den Glauben verloren hat, nur den Keim des Menschenhasses. Mögen die Weisen der gußeisernen Ideen über meine Behauptung meinetwegen die Achsel zucken! Dieser Gedanke ist weiser als ihre Weisheit, und ich glaube ohne zu zweifeln, daß er in der Menschheit einmal zu einer Aktion werden wird, obschon ich auch dieses ohne Begründungen ausspreche.

Ja ich behaupte sogar und wage auszusprechen: daß die Liebe zur Menschheit im _allgemeinen_ und _als Idee_ eine der für den Menschenverstand unfaßlichsten Ideen ist. Gerade _als Idee_! Nur das Gefühl kann sie rechtfertigen. Doch dieses Gefühl ist eben nur mit der gleichzeitigen Überzeugung von der Unsterblichkeit der Menschenseele möglich. (Auch dies ohne Begründungen.)

Das Ergebnis ist klar: daß der Selbstmord nach dem Verlust der Unsterblichkeitsidee zur unvermeidlichen, bedingungslosen Notwendigkeit für jeden Menschen wird, der in seiner Entwicklung auch nur ein wenig über dem Tier steht. Die Unsterblichkeit dagegen, die ein ewiges Leben verheißt, verbindet den Menschen um so mehr, um so fester mit der Erde. Hierin liegt scheinbar ein Widerspruch: wenn das Leben so lang ist, wenn es außer dem Leben hier auf Erden noch ein ewiges gibt, weshalb sollte einem dies Erdenleben dann noch so teuer sein? Das Ergebnis jedenfalls ist, daß der Mensch nur durch den Glauben an seine Unsterblichkeit seinen vernünftigen Zweck auf Erden erfaßt. Ohne Überzeugung von seiner Unsterblichkeit, lösen sich die den Menschen mit der Erde verbindenden Fäden, sie werden dünner und fangen an zu faulen, und der Verlust eines höheren Lebenssinnes (mag dieser auch nur in der Form einer ganz unbewußten Sehnsucht sich äußern) zieht zweifellos den Selbstmord nach sich. Hieraus folgt umgekehrt die Moral meines Aufsatzes: „Wenn die Überzeugung von der Unsterblichkeit für das Menschenleben so unentbehrlich ist, so ist sie folglich auch der normale Zustand der Menschheit ... Wenn dem aber so ist, dann muß diese Unsterblichkeit der Menschenseele _zweifellos auch vorhanden sein_.“

Mit einem Wort, die Unsterblichkeitsidee – das ist das Leben selbst, das lebendige Leben, seine endgültige Formel und der Hauptquell der Wahrheit und der richtigen Erkenntnis für die Menschheit. Das war und das ist der Sinn meines Aufsatzes, und ich nahm an, daß ein jeder, der ihn gelesen, sich über diesen seinen Sinn auch im klaren sein werde[35].

Dritter Teil.

Notierte Gedanken (1880)

Notierte Gedanken

(1880)

Nur das ist stark ...

„Nur das ist stark, wofür Blut vergossen wird“ – bloß vergessen die Nichtswürdigen, daß es sich nicht bei denen als stark erweist, die das Blut vergießen, sondern bei denen, deren Blut vergossen wird. Und das, gerade das ist das Gesetz des Blutes auf Erden.

Kirche und Staat ...

Als Staat konnte der Staat M. und N. nicht begnadigen (der Wille des Monarchen ausgenommen). Denn was ist eine Hinrichtung? – Im Staat: ein Opfer für eine Idee. Stünde aber an Stelle des Staates die Kirche – dann gäbe es keine Hinrichtungen. Kirche und Staat darf man nicht verwechseln. Daß man sie noch verwechselt, ist ein gutes Zeichen, denn daraus folgt, daß bei uns eine Neigung zur Kirche vorhanden ist. In England und Frankreich hätte man kein Bedenken getragen, sie zu erhängen.

Die Frauenfrage.

Der ganze Fehler der „Frauenfrage“ besteht darin, daß man Unteilbares teilt, Mann und Weib einzeln betrachtet, während sie doch ein einziger geschlossener Organismus sind. („Und er schuf sie, Mann und Weib ...“) Ja sogar mit den Kindern, mit den Nachfahren und Vorfahren und mit der ganzen Menschheit ist der Mensch ein einziger unteilbarer Organismus. Die Gesetze aber teilen immer und lösen alles womöglich in die Urbestandteile auf. Die Kirche dagegen teilt nicht.

In der Natur ist alles für das Normale berechnet, alles nach dem Muster des Heiligen und Sündlosen zugeschnitten. (Der Mann 30 Jahre alt, die Frau 30 Jahre.) Die Schönheit ist dem Weibe zu Anfang gegeben, um den Mann zu fesseln, denn das sittliche Band ist noch schwach. Später ist die Schönheit nicht mehr nötig, man liebt das Weib, weil man seelisch zusammenwächst (organische Verbindung).

Unsere öffentliche Meinung ...

Unsere öffentliche Meinung ist deshalb nicht viel wert, weil sie bisher erst im Entstehen begriffen war, sich erst zu bilden begann. Bilden aber kann sie sich nur im langen Lauf der Geschichte, durch viele Generationen.

Liberalismus und Tat.

Unsere ganze liberale Partei steht abseits vom tätigen Leben, sie nimmt an der Tat nicht teil, sie ist mit ihr überhaupt nicht in Berührung gekommen. Sie hat nur verneint und gespöttelt.

Sozialismus und Christentum.

Man versuche doch zu teilen, versuche doch einmal festzusetzen, wo die eigene Persönlichkeit aufhört und die andere anfängt! Das stelle man einmal durch die Wissenschaft fest! Die Wissenschaft macht sich eben daran. Und der Sozialismus stützt sich ja gerade auf die Wissenschaft. Im Christentum ist schon die Frage undenkbar. Welches sind die Chancen dieser und jener Lösung? – Es wird ein neuer unvorhergesehener Geist aufkommen.

Reichtum.

Reichtum ist eine Stärkung des einzelnen, eine mechanische und geistige Befriedigung, folglich eine Loslösung des Einzelnen vom Ganzen.

Das Volk.

Im Volk ist das Bedürfnis nach etwas _Neuem_, einem neuen Wort, einem neuen Gefühl vorhanden, das Bedürfnis nach einer neuen Ordnung. Die sorglose Zeit der Trunkenheit nach der Bauernbefreiung geht vorüber. Noch nie ist das Volk für gewisse Einflüsse so empfänglich gewesen (und schutzlos ihnen preisgegeben) wie gerade jetzt. Z. B. die Sekte der Stundisten[36]. Sogar die nihilistische Propaganda wird ihren Weg finden. Hat es bisher nur wegen der Dummheit, Unerfahrenheit und Naivität der Propaganda noch nicht getan. Man muß auf der Hut sein. Man muß das Volk beschützen. Unsere Kirche aber verharrt seit Peter dem Großen in einem Zustande der Lähmung. Es ist eine furchtbare Zeit, und dazu nun noch diese Trunksucht. Und die Stundisten. Währenddessen ist unser Volk fast ganz sich selbst überlassen, nur auf die eigenen Kräfte angewiesen. Unsere Intelligenz – alles geht vorüber.

Rußland und die Korporationen.

Deutsche, Polen, Juden – lauter Korporationen, und helfen sich gegenseitig. Nur in Rußland gibt es keine Korporationen, nur Rußland allein ist geteilt. Und außer diesen Korporationen noch die mächtigste: die alte administrative Routine. Man sagt: unsere Gesellschaft sei nicht konservativ. Allerdings; die historische Entwicklung der Dinge (seit Peter) hat sie ja selber dazu gemacht. Und vor allem: sie sieht nicht, was es zu konservieren, zu erhalten gäbe. Alles ist ihr genommen, sogar die gesetzliche Initiative. Alle Rechte des russischen Menschen sind negativ. Gebt ihm etwas Positives und ihr werdet sehen, daß er gleichfalls konservativ sein wird. Dann hätte er doch etwas, was zu erhalten wäre. _Nicht konservativ ist er bloß deshalb, weil es bei uns nichts zu erhalten gibt._ „Je schlimmer, desto besser“ – das ist doch bei uns nicht etwa eine leere Redensart, sondern zum Unglück – die Sache selbst.

Frankreich.

„Nowoje Wremja“, Nr. 1667, 28. Oktober 1880. Baron Hübner prophezeit die nächsten sozialistischen Bewegungen in Frankreich und in Europa. Rußland wird zum Bündnis aufgefordert. (_Rußland soll nicht darauf eingehen!_ Es soll seine eigenen Vorteile wahrnehmen! Der Sozialismus wird an Rußland zerschellen.) In Frankreich werden sich den Sozialisten unfehlbar die Jesuiten anschließen und überhaupt alle Katholiken, die dank Gambettas Dummheit aus Paris ausgewiesen sind, alle Legitimisten und Bonapartisten werden sich dem Sozialismus zuwenden. Freilich ist das konservative Frankreich noch stark, trotz der Dummheit der Regierenden und der Dummheit der Republik. Aber das ist der Anfang vom Ende. Das Ende der Welt naht. Das Ende des Jahrhunderts wird sich in einer Erschütterung kundtun, wie noch nie zuvor. Rußland muß bereit sein, soll sich nicht bewegen, soll aufpassen und warten. Wenn es sich nur nicht zu einem Bündnis verleiten läßt! Das wäre furchtbar! Dann ist es aus mit Rußland, endgültig aus. Bei uns gibt es keinen Sozialismus, absolut keinen. Der ganze gesunde Teil des russischen Volkes aber wird sich nicht rühren, und der ist unzählbar groß.

Die Juden.

Und wenn auch alle Juden _in corpore_, wenn das ganze Kahal wie eine Verschwörung über Rußland steht und den russischen Bauern aussaugt – oh, wir haben nichts dawider, wir sagen kein Wort, kein Wort! Sonst könnten wir ja am Ende gar den Vorwurf der „_Unliberalität_“ einheimsen: man würde schließlich von uns denken, wir hielten unsere Religion für besser als die jüdische und bedrängten die Juden aus „religiöser Unduldsamkeit“ – um Himmels willen, was dann! Man denke nur und frage sich – was dann!

Die besseren Menschen.

Wer sind bei uns die besseren Menschen? Der Adel ist zerstört. In Frankreich ward er gleichfalls zerstört. Die Ehrenlegion wurde aufgepfropft, aber sie hat ihre Aufgabe nicht gelöst. (In Europa werden die besseren Menschen von der Obrigkeit bestimmt.) Bei uns führte Peter der Große, um die Aristokratie der Bojaren zu unterdrücken, vierzehn Rangklassen ein. Eine Analogie mit der Ehrenlegion. Sie wurden aufgepfropft, aber sie haben nicht einmal angefangen, die Aufgabe zu lösen, sind vor allem vom Volksgeist nicht anerkannt, und selbst bei den Beamten gehen sie dem Bankrott entgegen. (Beamte für Sold, die Affäristen, Advokaten, Banken werden die Aristokratie überwältigen.) Indessen geht es doch nicht ohne bessere Menschen. Peter handelte im europäischen Geiste, als er die vierzehn Klassen schuf, denn die „Besseren“ wurden nun gleichfalls von der Obrigkeit geschaffen und gingen nicht aus dem Volksgeist hervor. Die Besseren müssen aber vom Volk bezeichnet werden und werden es auch. Diese neue Einteilung wird sich bei uns eher als sonstwo verwirklichen. Noch ist das Volk stumm, das ist wahr, doch nennt es schon außer Alexei, dem Gottesknecht, z. B. Suworoff, Kutusoff. Aber es hat ja noch keine Stimme. Die Stimme der Intelligenz ist zu unklar und dem Volk zu unverständlich, übrigens auch gar nicht vernehmbar. Gott weiß, wen die Intelligenz für die Besseren erklärt. Die Pariser Kommune und der westliche Sozialismus wollen keine Besseren, sie wollen Gleichheit und würden Shakespeare enthaupten. Unserem Volk ist Neid vollkommen fremd. Vollbringt für das Volk eine gute Tat und es wird euch als seine Helden verehren. (Nur müßt ihr das Volk lieben, nicht indem ihr es zu euch emporzuheben trachtet, sondern indem ihr euch selber vor ihm beugt ...)

Ehrfurcht.

Die Höhe einer Menschenseele ist zum Teil danach zu ermessen, wie weit und vor wem sie fähig ist, Ehrfurcht und Verehrung zu bezeugen (oder Andacht zu empfinden).

Der Jude.

Alle die Bismarck, Beaconsfield, die Französische Republik und Gambetta usw. – alle die sind, als Macht, für mich eine Vorspiegelung. Und je länger, desto mehr. Ihr Herr, wie der Herr aller, der Herr ganz Europas ist doch nur der Jude und seine Bank. Wir werden es ja erleben, daß er plötzlich sein Veto einlegt und Bismarck wie ein Stäubchen von seinem Platze gefegt wird. Der Jude und die Bank beherrschen jetzt alles: sowohl Europa wie die Aufklärung, die ganze Zivilisation und den Sozialismus – besonders den Sozialismus, denn durch ihn wird er das Christentum mit der Wurzel ausrotten und die christliche Kultur zerstören. Und wenn dann nichts als Anarchie übrigbleibt, da wird dann der Jude an der Spitze des Ganzen stehen. Denn indem er den Sozialismus predigt, bleibt er als Jude mit seinen Stammgenossen doch außerhalb, und wenn der ganze Reichtum Europas vertan ist, bleibt die Bank des Juden. Dann mag der Antichrist kommen und die Anarchie herrschen.

Das Ideal ...

Das Ideal menschlicher Schönheit – ist das russische Volk. Ich muß unbedingt auf diese Schönheit aufmerksam machen, den aristokratischen Typus zeigen usw. Unwillkürlich fühlst du, daß er menschlich nicht unter dir steht; und bald werdet ihr fühlen, daß er höher steht als ihr.

Katerina Iwanowna („_Brüder Karamasoff_“).

Ein Mensch, der in seinem ganzen Leben nicht lebt, sondern sich selbst ausdenkt.

Eine Konstitution.

Unsere Intellektuellen werden vom Volk doch nichts Vernünftiges zu sagen verstehen. Sie werden das Volk nur in Erstaunen setzen und es zu guter Letzt, und zwar sehr bald, um seine Geduld bringen – und damit wird die Sache enden.

Väter und Söhne ...