Part 17
Nun hängt alles vom ersten Schritt zur Annäherung ab: daß wir herausbekommen, wie wir es anfangen sollen, damit das Volk uns sein mißtrauisches Gesicht wieder zuwendet. Natürlich werden sich noch eine Menge Herren finden, die über unsere Worte lachen können. Wir wissen, daß es solcher Menschen eine Legion gibt, doch gehen sie uns nichts an. Übrigens hat jemand, wie wir hören, versichert, wir, d. h. unsere Zeitschrift, sähe ihre Aufgabe darin, eine Versöhnung zwischen der europäischen Zivilisation und unserem Volksgeist zustande zu bringen. Wir halten diese Äußerung nur für einen Scherz. Nicht ein einzelner Mensch kann das noch unbekannte Wort der Versöhnung sagen und dieses Problem lösen. Wir versuchen ja nur die Hauptidee, die uns leiten wird, anzugeben. Wir werden gleich allen anderen die Lösung des Problems suchen, werden unermüdlich wiederholen und beweisen, daß gesucht werden _muß_; wir werden forschen, das Material verarbeiten, unsere Eindrücke und Gedanken den Lesern mitteilen – darin wird unsere ganze Tätigkeit bestehen. Ein Wort ist gleichfalls eine Tat, und bei uns noch mehr als sonstwo. Ein Wort zur rechten Zeit kann von unschätzbarem Nutzen sein. Deshalb haben wir die Hoffnung, daß auch wir nützlich sein werden. Unsere Zeitschrift wendet sich an unsere gebildeten Kreise, nicht an das Volk, denn noch immer ist das erste Wort und der erste Schritt die Aufgabe der gebildeten Kreise gewesen. Dasselbe erwarten wir auch in diesem Fall, um so mehr, als es die gebildete Schicht war, die sich vom Volk entfernte. Die Annäherung wird noch viel Mühe kosten, das fühlen wir alle, obschon wir noch nicht klar sehen, worin die Schwierigkeiten bestehen werden. Die Hauptsache ist wohl die Beseitigung der Mißverständnisse, und die sind immer durch Geradheit, Offenheit und Liebe zu beseitigen. Wir haben bereits erkannt, daß die Interessen unseres Standes im Volk ruhen und die des Volks in uns. Wenn diese Erkenntnis allgemein wäre, so wäre der Erfolg gewiß. Aber obschon sie noch nicht allgemein ist, so sind doch Anzeichen vorhanden, daß sie sich bereits zu verbreiten anfängt, vorläufig aber genügt das auch. Es ist möglich, daß diejenigen, die die Annäherung wünschen, in ihren Versuchen tausend Fehler begehen werden, doch was tut das! – eine gerechte Sache ist deshalb noch nicht verloren. Wenigstens bleibt die Idee unerschüttert. Worauf es ankommt, ist – daß das Volk unseren Willen sieht und ihn begreifen lernt. Und das zu erreichen, dazu wird uns die Liebe am ehesten helfen, da sie verständlicher ist als alle Schlauheiten und diplomatischen Finessen. Liebe ist leicht zu erkennen, das Volk ist einsichtig und dankbar und fühlt sofort, von wem es geliebt wird. Ein Vorbild der Annäherung hat uns der Zar gegeben, indem er das letzte Hindernis auf dem Wege zur Vereinigung beseitigte: indem er die Leibeigenschaft aufhob – und es gibt nichts Höheres, Heiligeres in der ganzen tausendjährigen Geschichte Rußlands als es diese Tat des Herrschers ist. Wohl haben wir in den letzten anderthalb Jahrhunderten nichts getan, als das Volk zu Mißtrauen gegen uns zu erziehen, aber wenn nur der Wille da ist, werden wir es doch erreichen, daß wir wieder sein Zutrauen und seine Achtung erringen. Und welche Riesenkräfte werden wir dadurch gewinnen! Wie wird alles wachsen, erstarken, sich erneuern! Natürlich wird von der ganzen dazu erforderlichen Kraft nur ein Zehntel von uns stammen, die übrigen neun Zehntel bringt das Volk selber auf.
„Aber was wollen Sie denn mit Ihrer Bildung anfangen?“ hören wir fragen.
„Sie wollen das Volk bilden, d. h. dem Volk dieselbe europäische Zivilisation geben, die Sie selbst schon als nicht zu uns passend erkannt haben. Sie wollen also einfach das Volk europäisieren?“
Hierauf entgegnen wir, daß es doch nicht gut möglich ist, von der europäischen Idee auf einem ihr vollständig fremdem Boden dieselben Früchte zu erwarten, die sie auf ihrem europäischen Boden gezeitigt hat. Bei uns ist alles dermaßen anders, ist alles so unähnlich Europa, sowohl innerlich wie äußerlich, wie überhaupt in jeder Beziehung, daß es ganz ausgeschlossen ist, europäische Resultate von uns zu erwarten. Deshalb wiederholen wir: was zu uns paßt, das wird bleiben, was nicht paßt, wird von selbst wegfallen. Es ist ausgeschlossen, daß man unser Volk zu Deutschen oder anderen Europäern machen könnte. Im Vergleich zum Volk sind wir, die Intelligenz, nur ein verschwindend kleines Häuflein, und folglich sind auch unsere selbständigen Kräfte um soviel geringer als die der ganzen riesengroßen Volksmasse. Und doch haben wir uns ganze anderthalb Jahrhunderte in Europa aufgehalten, ohne deshalb zu Deutschen geworden zu sein. Folglich haben auch wir, ungeachtet unserer geringen Zahl und Kräfte und unserer Losgelöstheit vom Volksboden, die großen russischen Grundideale der Allmenschlichkeit und Allversöhnung in uns getragen und sie auch in dieser Zeit nicht eingebüßt. Jetzt haben sie sich in uns erhoben. Wir begriffen, daß wir nichts anderes werden können, als das, was wir sind. Und es kam das Verlangen über uns, zu unserem Volk zurückzukehren. Wir fingen an, uns unserer Untätigkeit, unserer Unselbständigkeit inmitten der ungeheuren Tätigkeit der europäischen Völker zu schämen – und wir begriffen, daß wir in Europa nichts zu tun haben. Anderseits steht nicht zu befürchten, daß die europäische Wissenschaft unserem Volk eine Fessel auflegen werde; sie wird nur sein Arbeitsfeld vergrößern und ihm die Möglichkeit geben, auch sein Wort in der Wissenschaft zu sagen. Bisher war die Wissenschaft bei uns wie eine seltene Treibhauspflanze, und unsere Gesellschaft hat eine besondere wissenschaftliche Betätigung weder in der Theorie noch in der Praxis bewiesen, denn sie war vom Volk losgerissen und an und für sich kraftlos. Nur die Krone hat Brücken und Wege gebaut und auch das meist mit Hilfe fremder Ingenieure. Aber auch die Wissenschaft wird schließlich bei uns Wurzel fassen – vielleicht erst in einer Zeit, wenn wir nicht mehr sind. Wir können noch nicht einmal ahnen, was dann sein wird, doch wir wissen, daß unsere Zukunft nicht schlecht sein kann. Unserer Generation aber ward die Ehre zuteil, das erste Wort auszusprechen und den ersten Schritt zu tun.
Über Tolstois Roman „Anna Karénina“
(1877)
Der Roman „Anna Karénina“, als eine Tatsache von besonderer
Bedeutung
In den Kreisen unserer Intelligenz pflegen jetzt viele, wenn man mit ihnen vom Volk spricht, gegen ein Auseinanderhalten von Volk und Intelligenz zu protestieren: „Was für ein Volk? Auch ich bin Volk!“ heißt es.
Im achten Teil des Romans „Anna Karenina“ sagt Lewin, der geliebte Held des Autors, auch von sich, daß er Volk sei. Diesen Lewin habe ich früher einmal einen Menschen mit reinem Herzen genannt. Obschon ich nun unverändert fortfahre, an die Reinheit seines Herzens zu glauben, glaube ich doch nicht, daß er – Volk sei. Im Gegenteil, ich sehe jetzt, daß auch er sich mit Vorliebe absondert. Überzeugt habe ich mich davon, als ich diesen achten und letzten Teil des Romans las. Lewin ist ja allerdings keine gegenwärtige, keine lebende Persönlichkeit, sondern nur die Phantasiegestalt eines Schriftstellers; aber dieser Schriftsteller, der ein ungeheures Talent, ein bedeutender Geist und ein von der Intelligenz Rußlands überaus geachteter Mensch ist, läßt diese Phantasiegestalt auch seine, des Autors, persönlichen Ansichten entwickeln, was besonders deutlich in diesem letzten Teil geschieht, wobei er in scharfen Widerspruch mit der gegenwärtigen russischen Wirklichkeit gerät. Das aber dürfte doch schon ein ernstes Thema für eine Erörterung sein, selbst in unserer so bewegten Zeit, die voll ist von großen, erschütternden, in schneller Reihenfolge sich entwickelnden Ereignissen. Denn wenn wir von dem nicht existierenden Lewin reden, reden wir ja in Wirklichkeit von den Ansichten eines der bedeutendsten Russen unserer Zeit. Und diese Ansichten betreffen die gegenwärtige russische Tat: den Balkankrieg.
Das Wesentliche dieser Ansichten besteht, wenn ich den Autor richtig verstanden habe, hauptsächlich darin, daß unsere ganze sogenannte nationale Bewegung zugunsten der slawischen Brüder von unserem Volk keineswegs geteilt und sogar überhaupt nicht verstanden werde.
So sehen wir, daß auch Lewin, der Mensch mit dem reinen Herzen, sich von der riesigen Mehrzahl der Russen lossagt und absondert. Seine Ansicht ist übrigens gar nicht neu und originell. Sie wäre denen, die im letzten Winter bei uns in Petersburg fast ebenso dachten – und das waren ihrer sozialen Stellung nach durchaus nicht obskure Leute – sehr gelegen gekommen, weshalb man es bedauern könnte, daß das Buch ein wenig zu spät erschienen ist. Aus welchem Grunde diese finstere Absonderung Lewins erfolgte, vermag ich nicht festzustellen. Allerdings ist er ein heißer, „unruhiger“, alles analysierender Mensch, der streng genommen in keiner Beziehung sich selber traut. Aber immerhin ist dieser Mensch „reinen Herzens“, dabei bleibe ich, obschon es schwer zu erraten ist, auf welchen geheimen und mitunter sogar lächerlichen Wegen das widernatürlichste, künstlichste und sogar schändlichste Gefühl in manch ein beispielhaft aufrichtiges und reines Herz eindringen kann. Übrigens möchte ich noch vorausschicken, daß ich diesen Lewin doch nicht mit der Person des Autors identifiziere, obwohl der Autor, wie sehr viele behaupten und wie auch ich deutlich sehe, seine eigenen Überzeugungen und Ansichten durch Lewin aussprechen läßt, ja sie ihm oft fast mit Gewalt in den Mund legt, bisweilen sogar auf Kosten der künstlerischen Geschlossenheit des gezeichneten Charakters. Ich sage das aus einer gewissen bitteren Verwunderung heraus, denn wenn auch sehr vieles von dem, was Lewin sagt, nur die Ansichten Lewins, des erdichteten Menschen, des künstlerisch dargestellten Charakters sind, so kann ich doch nicht leugnen, daß ich, was des Autors eigene Ansichten betrifft, nicht solche Ansichten gerade von diesem Autor erwartet hätte!
Hier sehe ich mich gezwungen, zunächst einzelne meiner Gefühle darzulegen, trotz meines Vorsatzes mich nicht mit literarischer Kritik zu befassen. Aber wenn ich diese Ansichten auch gelegentlich der Kritik eines literarischen Werkes ausspreche, so haben sie doch nichts mit denen eines Literaturkritikers zu schaffen. Tatsächlich schreibe ich in diesem „Tagebuch“ alle meine Gedanken über meine Eindrücke nieder, schreibe somit über alles, was mir von den laufenden Ereignissen und Vorgängen bemerkenswert erscheint, und da habe ich es mir nun Gott weiß weshalb zum Vorsatz gemacht, von meinen vielleicht stärksten Eindrücken zu schweigen, bloß deshalb, weil sie die russische Literatur betreffen. Natürlich lag diesem Vorsatz ein ganz richtiger Gedanke zugrunde, aber eine buchstäbliche Befolgung des Vorsatzes ist dennoch nicht richtig, das sehe ich jetzt ein, eben weil es eine Befolgung des Buchstabens wäre. Zudem ist dieser Roman in meinen Augen nicht mehr ein einfaches literarisches Werk, sondern schon eine ganze nationale _Tat_, ein Faktum von bereits ganz anderer Bedeutung. Diese _Tat_, die die Schöpfung dieses Romans zweifellos ist, fiel für mich in diesem Frühjahr mit der enormen Tat der Kriegserklärung zusammen und in meinem Geist sah ich beide Taten sofort in Verbindung miteinander, denn ich fand zwischen ihnen einen mich selbst überraschenden bedeutungsvollen Zusammenhang.
Im April begann unser großer Krieg für eine große hochherzige Idee: die geknechteten und mißhandelten slawischen Völker zu befreien und ihnen ein neues Leben zu ihrem und der Menschheit Wohl wiederzugeben. Dieser Zweck des Krieges ist für Europa so unbegreiflich, daß es ihn nur für einen listigen Vorwand hält und uns mit allen Mitteln zu schaden sucht. So hat es sich schon mit unserem Feinde gegen uns verbündet – wenn auch nicht in einem offiziellen Bündnis –, um wenigstens heimlich gegen uns zu kämpfen, in Erwartung des offenen Kampfes. Doch davon ein anderes Mal. Ich wollte hauptsächlich von dem Eindruck sprechen, den alle diejenigen empfangen mußten, die an die große zukünftige universale Bedeutung Rußlands glauben, als sie in diesem Frühjahr die Kriegserklärung lasen. Dieser einzig dastehende Krieg, um Schwachen und Bedrückten Leben und Freiheit zu geben, nicht ihnen zu nehmen, dieser in der heutigen Welt gar nicht mehr glaubwürdig klingende Kriegszweck war für alle, die an Rußlands Zukunft glauben, eine Tatsache, die feierlich und bedeutungsvoll diesen ihren Glauben bestätigte. Das war nun nicht mehr lediglich ein Traum, eine Vermutung bloß, sondern Wirklichkeit, war Tatsache, durch die die Hoffnungen bereits _in Erfüllung zu gehen begannen_. „Wenn aber der Anfang schon gemacht ist, dann wird auch alles andere in Erfüllung gehen, auch das, daß Rußland an der Spitze aller vereinigten Slawen sein großes neues Wort Europa sagen wird. Und selbst dieses Wort hat sich bereits angekündigt, doch ist Europa noch weit davon entfernt, dasselbe zu verstehen, und selbst wenn es versteht, wenn es verstehen muß, wird Europa noch lange nicht an das neue Wort glauben.“ So dachten damals die „Gläubigen“. Ja, der Eindruck war feierlich und bedeutungsvoll, und selbstverständlich mußte der Glaube der Gläubigen sich festigen und erstarken. Doch der begonnene Krieg ist immerhin von unberechenbarer Tragweite, so daß auch für uns, die wir an Rußland glauben, beunruhigende Fragen sich einstellten. Rußland und Europa! Rußland hat das Schwert gegen die Türken gezogen, aber wer weiß, vielleicht stößt es dabei mit Europa zusammen, und das – wäre das nicht zu früh? Der Zusammenstoß mit Europa ist etwas anderes als der mit der Türkei und wird nicht nur mit dem Schwert ausgefochten werden, so haben es die Gläubigen von jeher aufgefaßt. Aber sind wir nun auch zu diesem anderen Zusammenstoß bereit? Freilich, das Wort hat sich bereits angekündigt, aber ganz abgesehen von den Europäern – wird es denn auch bei uns von allen verstanden? Wir Gläubigen sagen z. B., daß Rußland allein die Elemente in sich trage, die zu einer Lösung des verhängnisvollen europäischen Problems des vierten Standes, und zwar ohne Kampf und Blut, ohne Haß und Feindschaft, erforderlich sind, daß es aber dieses Wort erst dann sagen werde, wenn Europa bereits im eigenen Blute schwimmt, denn vorher würde ja doch niemand in Europa unser Wort vernehmen, oder wenn auch vernehmen, so würde es doch niemand verstehen. Ja, wir Gläubigen glauben daran, aber was antwortet man uns darauf selbst hier in Rußland? Selbst hier sagen uns unsere Landsleute, dies seien nur fanatische Illusionen, die Weissagungen sein wollen, seien nur wilde Träume, und wir sollten ihnen doch Beweise geben, sichere Anzeichen und bereits greifbare Tatsachen! Ja was könnten wir ihnen nun zur Bekräftigung unserer _Weissagungen_ nennen? Etwa die Aufhebung der Leibeigenschaft – ein Faktum, das bei uns noch so wenig begriffen worden ist in seiner Bedeutung als Beweis russischer Geisteskraft? Oder die angeborene Natürlichkeit unserer Nächstenliebe, die schon in unserer Zeit immer deutlicher aus all dem hervorzutreten anfängt, was sie jahrhundertelang fast bis zum Ersticken bedrückt hat? Doch gut, wir weisen also darauf hin: da wird man uns denn entgegnen, daß all diese Tatsachen wiederum nur von unseren tollen Illusionen zu solcher Bedeutung aufgebauscht worden seien; überdies würden sie verschieden gedeutet und somit könne man sie überhaupt nicht als irgendwelche Beweise gelten lassen. Das würden uns fast alle antworten. Und nun bedenke man: wir, die wir uns selber noch nicht verstehen und die wir so wenig an uns glauben, wir – stoßen mit Europa zusammen! Europa aber – das ist doch etwas Ungeheures, Heiliges! Uns ist es teuer, dieses Land, teuer der zukünftige, der im Frieden errungene Sieg des großen christlichen Geistes, der sich im Osten am reinsten erhalten hat ... Und in der Erwägung der Möglichkeit eines Zusammenstoßes mit Europa im Laufe unseres jetzigen Krieges fürchten wir am meisten, daß Europa uns mißverstehen könnte und uns wie früher, wie gewöhnlich, mit Hochmut, mit Verachtung und mit dem Schwert begegnen werde, als wären wir wilden Barbaren nicht wert, vor Europa den Mund aufzutun. Ja aber, fragten wir uns nun, was werden wir ihnen denn sagen oder zeigen, damit sie uns richtig zu verstehen anfangen? Wir haben doch, scheint es, noch so wenig von solchen Gütern, die ihnen _verständlich_ wären und um deretwillen sie uns achten könnten? Denn unsere fundamentale, wichtigste Idee, unser beginnendes „neues Wort“ werden sie noch lange, gar zu lange nicht verstehen. Sie brauchen Fakta, die sie unmittelbar, die sie _heute_ schon verstehen könnten, verstehen mit ihrem _heutigen_ Blick. Und mit diesem Blick fragen sie uns: „Wo ist denn Ihre Zivilisation? – läßt sich denn in dem Chaos, welches wir alle bei Ihnen sehen, eine Ordnung der ökonomischen Kräfte wahrnehmen? Wo ist _Ihre_ Wissenschaft, _Ihre_ Kunst, _Ihre_ Literatur?“
* * * * *
Gerade in dieser Zeit, d. h. in diesem Frühjahr, traf es sich einmal, daß ich auf der Straße einem unserer Schriftsteller begegnete, den ich zu den am meisten von mir geliebten Autoren zähle. Wir sehen uns sehr selten, alle paar Monate einmal, und auch dann immer zufällig und auf der Straße. Er ist einer der hervorragendsten der fünf oder sechs unserer Belletristen, die alle zusammen aus irgendeinem Grunde die „Plejaden“ genannt werden[32]. Wenigstens hat die Kritik in Übereinstimmung mit dem Publikum sie von allen anderen Schriftstellern ihrer Art abgeteilt, und so ist es denn seit langem geblieben – der Kreis der „Plejaden“ erweitert sich nicht. Es ist mir stets eine Freude, mit diesem liebenswürdigen Romancier, den ich so überaus schätze, zusammenzutreffen und ihm unter anderem zu beweisen, daß ich es nicht glaube und auch gar nicht glauben könne, daß er, wie er sagt, alt geworden sei und nichts mehr schreiben werde. Nach einem kurzen Gespräch mit ihm trage ich immer eines seiner feinen und weitsichtigen Worte mit mir fort. Bei jener letzten Begegnung gab es viel Stoff zu einer Unterhaltung, denn der Krieg war schon erklärt. Doch er begann sofort und ohne Umschweife von „Anna Karenina“ zu sprechen (auch ich hatte gerade den siebenten Teil gelesen, mit welchem der Roman im „Russischen Boten“ schloß), und da er anscheinend nicht zu den Leichtbegeisterten gehört, war ich überrascht, als ich ihn mit leidenschaftlicher, überzeugter Begeisterung über dieses Werk urteilen hörte.
„Das ist etwas Beispielloses, das ist ein Werk von erstem Range! Wer kann sich bei uns, von den Schriftstellern, damit messen? Und in Europa – wer? Wer könnte dort etwas Ähnliches vorweisen? Haben sie dort in allen ihren Literaturen jetzt oder in den letzten Jahren oder überhaupt in neuerer Zeit ein Werk hervorgebracht, das sich neben dieses stellen könnte?“
Hauptsächlich überraschte mich an diesem Urteil, das übrigens vollkommen mit dem meinigen übereinstimmte, daß dieser Hinweis auf Europa geradezu eine Antwort war auf die Fragen und Zweifel, die sich damals in so vielen Herzen ganz von selbst erhoben. So erhielt dieses Buch in meinen Augen die Bedeutung eines Faktums, auf das wir Europa als Antwort auf jene Fragen hinweisen könnten. Natürlich wird man spöttisch einwenden, das sei ja im ganzen nur Literatur, nur irgendein Roman, und es sei lächerlich, die Bedeutung desselben so zu übertreiben und mit einem Roman gegen Europa aufzutreten. Ich weiß, daß man lachen wird, doch diese Aufregung ist überflüssig, denn ich übertreibe keineswegs und sehe die Dinge ganz nüchtern. Ich weiß, daß es allerdings nur ein Roman ist, nur ein Tropfen von dem, was nötig wäre. Für mich aber besteht die Hauptsache darin, daß dieser Tropfen bereits vorhanden, bereits Wirklichkeit ist, wenn aber der Anfang schon Tatsache ist, d. h. wenn das Genie Rußlands schon dieses _Faktum_ hervorzubringen vermocht hat, so ist es folglich nicht zur Unfruchtbarkeit verdammt, nicht der Kraftlosigkeit geweiht, sondern _kann_ schöpferisch sein, kann etwas _Eigenes_ geben, kann sein Wort anheben und es zu Ende sprechen, wenn die Zeit gekommen sein wird. Und überdies ist jenes Werk doch weit mehr als nur ein Tropfen. Oh, auch hierin mache ich mich nicht im geringsten einer Übertreibung schuldig: ich weiß nur zu gut, daß nicht nur nicht in einem einzelnen Schriftsteller der Plejaden, sondern auch in ihnen allen zusammen nicht das zu finden ist, streng genommen, was man geniale schöpferische Kraft nennt. Unstreitige Genies mit einem unstreitig „neuen Wort“ hat es in unserer ganzen Literatur nur drei gegeben. Lomonossoff, Puschkin und zum Teil Gogol. Diese ganze Plejadengruppe dagegen (und der Autor der „Anna Karenina“ gehört gleichfalls zu ihr) ist unmittelbar aus Puschkin hervorgegangen, aus einem der größten Russen, den man aber fast überhaupt noch nicht verstehen gelernt hat. Puschkin ist der Vertreter von Ideen, die gleichsam die Veranschaulichung des Künftigen oder der Bestimmung ganz Rußlands und seines Zieles, das heißt soviel wie unseres ganzen zukünftigen Schicksals sind.
Alle unsere jetzigen „Plejaden“ haben nur nach Puschkins Hinweisen gearbeitet, etwas Neues aber haben sie nach ihm nicht gesagt. In ihm lagen bereits alle die Keime, die die Plejaden später entwickelt haben. Und dabei haben sie nur den kleinsten Teil der von ihm hinterlassenen Aufgaben ausgearbeitet. Dafür ist freilich das, was sie getan haben, mit solchem Reichtum an Kraft, mit solcher Tiefe und Deutlichkeit ausgearbeitet worden, daß Puschkin sie selbstverständlich anerkannt hätte. „Anna Karenina“ ist, was die Idee des Werkes betrifft, gewiß nichts Neues, wenigstens bei uns nichts Neues. Statt dieses Werkes könnten wir Europa natürlich ebensogut die Quelle selbst nennen, d. h. Puschkin als schärfsten, stärksten und unerschütterlichsten Beweis für die Selbständigkeit des russischen Genies und sein Recht auf die größte universale, allmenschliche und allvereinende Bedeutung in der Zukunft. Doch leider wissen wir, daß, wieviel wir auch reden und vorweisen wollten, Europa unsere Schriftsteller noch lange nicht lesen wird, oder selbst wenn man es dort täte, so würde man uns doch noch lange nicht verstehen und nicht schätzen. Und die Europäer sind ja auch noch gar nicht imstande, uns zu verstehen, nicht etwa aus Mangel an Geist, sondern weil wir für sie eine ganz andere Welt sind, als wären wir vom Monde auf die Erde versetzt, weshalb sie sogar die Tatsache, daß wir doch immerhin existieren, gar nicht zugeben möchten. Das weiß ich besser als mancher andere und rede deshalb von den Hinweisen, mit denen wir Europa auf die bewußten Fragen antworten könnten, nur in dem Sinne unserer eigenen Überzeugung von unserem Recht auf Selbständigkeit Europa gegenüber.
Nichtsdestoweniger ist „Anna Karenina“ als Kunstwerk etwas Vollkommenes – ist ein Werk, dem die europäischen Literaturen der Gegenwart nichts Gleichwertiges gegenüberstellen können; was aber die Idee dieses Werkes betrifft, so ist sie bereits etwas ganz Nationales, ist gleichsam ein Stück von uns, ist eben das, was unsere Besonderheit vor der ganzen europäischen Welt ausmacht, und ist somit unser „neues Wort“ oder wenigstens der Anfang desselben – ein Wort, das in Europa niemand zu sagen versteht, dessen aber gerade Europa so dringend bedarf, trotz seines ganzen Stolzes. Ich kann mich hier nicht in einer literarischen Kritik ergehen, doch will ich immerhin ein paar Worte über dieses Buch sagen.