Sämtliche Werke 12

Part 15

Chapter 152,800 wordsPublic domain

Wie, Europa und bereits überwunden? Wer hat Ihnen nur so etwas aufbinden können? Dieses Europa ist doch schon am Vorabend seines Falles angelangt, eines Falles, der ausnahmslos allgemein und furchtbar sein wird. Der Ameisenbau ohne Kirche und ohne Christus (denn die Kirche, die ihr Ideal getrübt hat, hat sich dort allerorten schon längst in einen Staat verwandelt) mit seinem bis auf den Grund erschütterten sittlichen Prinzip, dieser Ameisenbau, der alles Gemeinsame und alles Absolute eingebüßt hat – dieser Ameisenbau ist, behaupte ich, bereits so gut wie untergraben. Der vierte Stand fängt an sich zu erheben, schon pocht er an die Tür und begehrt Einlaß, und wenn man ihm den nicht gewährt, wird er die Tür zertrümmern. Er will nicht die früheren Ideale, er verwirft jedes Gesetz, das bisher gegolten. Auf Kompromisse und Nachgeben läßt er sich nicht mehr ein, mit schwachen Stützen und kleiner Hilfe werden Sie da das Gebäude nicht retten. Nachgiebigkeit im Kleinen feuert nur an, und der vierte Stand will alles haben. Es wird etwas einsetzen, was bisher noch niemand für möglich gehalten hat. Alle diese parlamentarischen Regierungsysteme, alle gegenwärtig herrschenden sozialen Theorien, alle zusammengescharrten Reichtümer, alle Banken, Wissenschaften und Juden, alles das wird im Nu zunichte werden – außer den Juden natürlich, die auch dann den Kopf nicht verlieren und wieder obenauf sein werden, so daß der Krach ihnen sogar zugute kommen dürfte. Alles das „steht nahe vor der Tür“. Sie belieben zu lachen? Selig sind die Lachenden. Gäbe Gott Ihnen langes Leben, damit Sie alles mit eigenen Augen schauen. Dann werden Sie sich wundern. Oder Sie erwidern mir hierauf lachend: „Da muß ja Ihre Liebe zu Europa von recht absonderlicher Art sein, wenn Sie Europa einen solchen Ausgang prophezeien!“ Ja, freue ich mich denn? Ich sage es ja nur in der Vorahnung, daß die Summe schon so gut wie gezogen ist. Die endgültige Abrechnung aber, das Quittieren jener Summe, kann sogar viel früher erfolgen, als selbst die stärkste Phantasie es sich ausdenken könnte. Die Symptome sind furchtbar. Allein schon die ewig alte unnatürliche politische Lage der europäischen Staaten könnte den Anfang bilden. Aber wie sollte sie auch natürlich sein, wenn die Unnatur schon in ihrer Grundlage ruht und sich im Laufe von Jahrhunderten aufgehäuft hat. Es kann nicht ein kleiner Teil der Menschheit die ganze übrige Menschheit wie einen Sklaven beherrschen, einzig zu diesem Zweck aber sind bisher alle bürgerlichen (schon lange nicht mehr christlichen) Einrichtungen im jetzt vollkommen heidnischen Europa entstanden. Diese Unnatürlichkeit und diese „unlösbaren“ politischen Probleme (die übrigens allen bekannt sind) müssen unfehlbar zum großen, endgültigen, abrechnenden, politischen Kriege führen, in den alle hineingezogen werden und der noch in diesem Jahrhundert, vielleicht sogar schon in diesem Jahrzehnt, ausbrechen wird. Was meinen Sie: vermag die Gesellschaft dort einem langen politischen Krieg _jetzt_ noch standzuhalten? Der Fabrikant ist ängstlich und leicht zu erschrecken, der Jude gleichfalls, sie würden, sobald der Krieg sich etwas in die Länge zieht, oder nur droht, sich in die Länge zu ziehen, sogleich alle ihre Fabriken und Banken schließen, und die Millionen hungriger entlassener Proletarier werden auf die Straße gesetzt sein. Oder hoffen Sie etwa auf die Vernunft der Staatsmänner und darauf, daß diese es nicht zum Kriege kommen lassen werden? Aber wann hat man denn jemals auf diese Vernunft bauen können? Oder hoffen Sie vielleicht auf die Parlamente? – daß diese nicht die Mittel zum Kriege bewilligen werden, weil sie etwa die Folgen voraussähen? Ja, aber wann haben denn die Parlamente irgendwelche Folgen vorausgesehen und einem auch nur ein wenig energischen oder wenigstens beharrlichen Staatsmann die Mittel verweigert? Und so setzt der Krieg den Proletarier auf die Straße. Was meinen Sie, wird er auch jetzt wieder nach alter Art geduldig warten und hungern? – jetzt, nach den Siegen des politischen Sozialismus, nach der „Internationale“, den Kongressen der Sozialisten und der Pariser Kommune? Nein, jetzt wird es anders sein: die Proletarier werden sich auf Europa stürzen und alles Alte auf ewig zerstören. Erst an unserem russischen Ufer werden die Wogen zerschellen, denn dann erst wird es sich allen sichtbarlich offenbaren, in welchem Maße unser nationaler Organismus sich von den europäischen Organismen unterscheidet. Dann werden auch Sie, meine Herren Doktrinäre, sich vielleicht besinnen und bei uns die „volklichen Grundelemente“ zu suchen anfangen, über die Sie jetzt nur zu lachen verstehen. Und dabei, meine Herren, weisen Sie jetzt, gerade jetzt auf dieses Europa hin und empfehlen es uns als Vorbild und fordern uns auf, bei uns jene selben „Einrichtungen“ einzuführen, die dort morgen schon stürzen werden, als das überlebte Absurdum, das sie sind, jene „Einrichtungen“, an die auch in Europa klügere Leute schon längst nicht mehr glauben, und die sich nur nach den Gesetzen des Beharrungsvermögens bis jetzt noch erhalten haben. Ja, und wer könnte denn überhaupt – außer einem Doktrinär – die Komödie dieser bourgeoisen Vereinigung, die wir in Europa sich abspielen sehen, für die normale Formel menschlicher Vereinigung auf Erden halten? Und diese Leute, sagen Sie, hätten bei sich zu Hause ihre Probleme schon längst gelöst! Etwa nach den zwanzig Konstitutionen binnen weniger als einem Jahrhundert und nach wenig weniger als zehn Revolutionen? Oh, vielleicht, – nur werden wir uns dann, für einen Augenblick von Europa befreit, bereits selbständig, ohne europäische Vormundschaft, mit _unseren_ eigenen sozialen Idealen befassen, die unbedingt in Christus und der Idee der persönlichen Vervollkommnung wurzeln, Herr Gradowskij. Sie werden nun wieder fragen: was für eigene, von Europa unabhängige soziale Ideale kann es denn bei uns geben? Ja, soziale Ideale – bessere, als Ihre europäischen, stärkere als Ihre europäischen, stärkere und sogar – o Entsetzen! – freisinnigere als es die Ihrigen sind! Ja, freisinnigere, denn sie kommen unmittelbar aus dem Organismus unseres Volkes und sind nicht lakaienhaft unpersönliche Kopien europäischer Vorbilder. Hier kann ich natürlich nicht näher darauf eingehen, wenn auch nur deshalb nicht, weil der Artikel ohnehin lang geworden ist. Übrigens – erinnern Sie sich: was war und was wollte die älteste christliche Kirche sein? Sie bildete sich sogleich nach Christus, damals nur aus einigen wenigen Menschen, und sogleich, fast schon in den ersten Tagen nach Christus, war sie bestrebt, ihre „bürgerliche Formel“ zu finden, die restlos auf der sittlichen Hoffnung und der Idee der Wiedergeburt und Erneuerung des Geistes auf Grund der persönlichen Vervollkommnung beruht. Es entstanden christliche Gemeinden, Kirchen, und dann begann schnell eine neue, bis dahin noch nie gesehene Nationalität zu entstehen – eine allbrüderliche, allmenschliche in der Form der allgemeinen ökumenischen Kirche. Aber sie wurde verfolgt, ihr Ideal entwickelte sich gleichsam unterirdisch – über ihm aber, auf der Erde, entstand gleichfalls etwas Großes, ein riesenhaftes Gebäude, ein ungeheurer Ameisenbau: das römische Imperium, das gleichfalls so etwas wie ein Ideal und eine Auslösung des sittlichen Strebens in der ganzen alten Welt war. Es erschien der Menschgott, und das Imperium nahm als religiöse Idee Gestalt an, es ward Gestalt einer Idee, die in sich und durch sich allem sittlichen Streben der ganzen alten Welt den Ausweg bot. Aber der Ameisenhaufen ward von der Kirche untergraben. Es kam zum Zusammenstoß der beiden entgegengesetztesten Ideen, die es überhaupt auf der Erde geben kann: der Menschgott stieß auf den Gottmensch, Apollon auf Christus. Und es kam zum Kompromiß: das Imperium nahm das Christentum an und die Kirche das römische Recht und seine Staatsform. Ein kleiner Teil der Kirche ging in die Einsamkeit und setzte in der Einsiedelei die frühere Arbeit fort: Es entstanden wieder christliche Gemeinden, dann Klöster – alles freilich nur Versuche, sogar bis zum heutigen Tage. Der andere riesengroße Teil der Kirche teilte sich in der Folge, wie Sie wissen, in zwei Hälften. In der westlichen Hälfte ging die Kirche zu guter Letzt vollständig in den Staat auf. Und als das Imperium unterging, trat die Kirche an seine Stelle – sie hatte sich endgültig verwandelt und war tatsächlich zum Staat geworden. Das Papsttum war die Fortsetzung des alten römischen Staates, nur in seiner neuen Form.

In der östlichen Hälfte dagegen ward der Staat vom Schwerte Mohammeds zerstört und so blieb ihr nur Christus, ein Christus, der vom Staat ganz abgesondert war. Das Land aber, das dann von Byzanz aus diesen Christus annahm und von neuem erhob, hat so grauenvoll unter Feinden, unter dem Tatarenjoch, unter Unordnung im Reich, unter der Leibeigenschaft, unter Europa und dem imitierten Europäertum zu leiden gehabt und erträgt auch jetzt noch so unendlich viel Schweres, daß seine soziale Formel – im Sinne des Geistes der Liebe und der christlichen Selbstvervollkommnung – sich in ihm allerdings noch nicht hat ausarbeiten können. Nur haben Sie, Herr Gradowskij, deshalb wohl noch nicht das Recht, diesem Volk daraus einen Vorwurf zu machen. Vorläufig ist unser Volk meinetwegen erst nur der Träger Christi, auf den allein es denn auch seine ganze Hoffnung setzt. Es nennt sich, den Mann aus dem Volke, „Krestjanin“[30], d. h. soviel wie „Christjanin“, und das ist nicht nur ein leeres Wort, sondern hierin liegt eine Idee, die seine ganze Zukunft ausfüllen wird.

Sie, Herr Gradowskij, machen Rußland seine Unordnung zum Vorwurf. Aber wer hat denn in diesen ganzen letzten zwei Jahrhunderten und namentlich in den letzten fünfzig Jahren eine bessere innere Einrichtung des Landes am meisten verhindert? Das waren doch gerade immer nur die Leute Ihres Schlages, Herr Gradowskij, die sogenannten russischen Europäer, die in den ganzen zwei Jahrhunderten nicht ausstarben und sich jetzt noch ganz besonders breit machen. Wer ist der größte Feind der organischen und selbständigen Entwicklung Rußlands auf seinen eigenen volklichen Grundlagen? Wer ist es, der spöttisch und hochmütig nicht einmal das Vorhandensein dieser Grundlagen anerkennt und sie überhaupt nicht bemerken will?! Wer ist es, der unser Volk – nach irgendwelchen illusorischen Begriffen nennen sie es: „zu sich emporheben“ – umwandeln will?! d. h. einfach alle zu solchen machen, wie diese Herren selber sind, zu liberalen Pseudoeuropäern, indem sie von der Masse des Volkes immer wieder je ein Menschlein abreißen und verführen und „entarten“, d. h. verderben und zum Europäer wandeln, sei es auch nur insoweit, als man das mit europäisch zugeschnittenen Rockschößen erreichen kann?! Damit sage ich nicht, daß der Europäer verderbt sei; ich sage nur, daß einen Russen auf diese Weise in einen Europäer verwandeln, wie unsere Liberalen es tun, oft nichts anderes als einfach „verderben“ bedeutet. Gerade das aber ist das Ideal, das Programm ihrer Tätigkeit: von Zeit zu Zeit ein Menschlein von der ganzen Masse abzureißen – das ist ihr Bestreben. Wie absurd! Und so wollten sie alle achtzig Millionen unseres Volkes nach und nach umwandeln? Ja, glauben Sie denn wirklich im Ernst, daß unser Volk als Ganzes, die einheitliche Masse des Volkes, jemals einwilligen werde, etwas ebenso Unpersönliches zu werden, wie es diese russischen Herren Europäer sind?

Der Byronismus

(1877)

Unsere beiden großen Dichter vom Anfang des Jahrhunderts, Puschkin und Lermontoff, waren „Byronianer“. Dieses Wort wurde am Grabe Nekrassoffs in einem Tone gesagt, als wäre es ein Scheltwort. Wer es aber in diesem Sinne gebraucht, befindet sich in einem Irrtum.

Der „Byronismus“ war allerdings nur eine vorübergehende, fast nur momentane, aber, an sich betrachtet, doch große, notwendige und heilige Erscheinung im Leben der europäischen Geister oder sogar im Leben der ganzen Menschheit. Er entstand in einer Zeit der allgemeinen Enttäuschung, wenn nicht gar Verzweiflung. Mit überschwenglicher Begeisterung hatte man die neuen Ideale des neuen Glaubens, der gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts von Frankreich verkündet wurde, aufgenommen, – als plötzlich der Verlauf der Dinge in der führenden Nation Europas eine Wendung nahm, die so wenig den großen Erwartungen entsprach und die Menschen in ihrem hoffnungsvollen Glauben so tief enttäuschte, daß gerade jene Zeit für die suchenden Geister vielleicht die traurigste Zeit war, die die Geschichte Westeuropas kennt. Und nicht nur aus äußeren (politischen) Gründen stürzten die für einen Augenblick erhobenen Götzen, sondern ebenso infolge ihres inneren Bankrotts, was denn auch alle führenden Geister und alle starken Herzen sofort erkannten. Aber der neue _Ausweg_ war noch nicht zu finden, noch öffnete sich keine neue Tür, und so rang man mit dem Ersticken, rang innerhalb eines entsetzlich verkleinerten Horizonts und unter einem drückend tief herabgesenkten Himmel. Die alten Götterbilder lagen in Trümmern, die neuen aber blieben aus. Das war die Zeit, die ihren dichterischen Ausdruck in einem großen Genie, einem leidenschaftlichen Dichter fand. Aus seinen Strophen tönte die damalige Sehnsucht der Menschheit, sprach zugleich ihre finstere Enttäuschung, ja ihr Irrewerden an ihrem Lebenszweck und an ihren Idealen, von denen sie sich betrogen sah. Byrons Muse war damals eine neue, noch völlig unbekannte Muse der Vergeltung und Trauer, der Verwünschung und Verzweiflung. Und dieser Geist, der aus Byron sprach, sprach plötzlich aus der ganzen Menschheit: aus allen Ländern hörte man einen Widerhall seiner Stimme. Der Byronismus – der war nun gleichsam die erste Tür, die sich öffnete; oder wenigstens war in der allgemeinen traurigen Stimmung, die zum größten Teil ganz unbewußt sein mochte, gerade Byrons Stimme jener mächtige Schrei, in dem sich alles Gestöhn der Menschheit sammelte. Wie hätte er da nicht auch bei uns ein Echo finden sollen, und noch dazu in einem so großen, genialen und führenden Geist wie Puschkin? Denn dem Byronismus konnte sich bei uns damals weder ein größerer Geist, noch ein großes Herz verschließen, und das war durchaus natürlich und geschah nicht etwa nur aus Mitgefühl mit Europa und der europäischen Menschheit, so aus der Ferne, sondern weil auch bei uns in Rußland gerade zu jener Zeit gar zu viele neue, gleichfalls noch ungelöste und quälende Probleme auftauchten und auch noch gar zu viele alte Enttäuschungen zu verwinden waren ... Aber die Größe Puschkins, als führendes Genie, bestand ja gerade darin, daß er so schnell und als einziger in einer fast vollständig verständnislosen Umgebung den festen Weg, _den großen und ersehnten Ausweg für uns Russen fand und auf ihn hinwies_. Dieser Ausweg aus der Verzweiflung, diese Rettung war – _das Volk, die Anerkennung des russischen Volksgeistes_ und die Einsicht, daß wir uns seiner Wahrheit unterwerfen müssen.

Über russische Literatur

(1861)

Jeder geschichtliche Zeitabschnitt hat von jeher neben seinen herrschenden Anschauungen und Überzeugungen noch einige andere Anschauungen, zu denen öffentlich sich zu bekennen, den Zeitgenossen gleichsam der Mut fehlt. Die Menschen von heute können freilich eine Menge guter Beweggründe zu einem solchen Verhalten haben, doch oft genug, ja sogar meistens verschweigen wir unsere wahre Meinung aus einem gewissen geheimen Jesuitismus, dessen größter Knebel unsere Eigenliebe ist – eine bis zur eifersüchtigsten Eitelkeit, ja sogar bis zum empfindlichsten Ehrgeiz gesteigerte Eigenliebe. Das Seltsamste an dieser Eigenliebe ist nun wohl, daß sie alles ruhig hinnimmt, sogar Bezeichnungen wie Schurke, Spitzbube, Dieb – d. h. sofern sie nicht buchstäblich ausgesprochen werden – alles, außer einem Zweifel an ihrem Verstande. Der Grund hierfür ist vielleicht darin zu suchen, daß man gerade in unserer Zeit immer stärker und schmerzhafter zu fühlen und sogar schon zu erkennen anfängt, daß jeder Mensch erstens seiner selbst wert ist, und zweitens, als Mensch im Namen seiner Menschenwürde auch jedes anderen Menschen wert sein sollte. Infolge dieser Erkenntnis verlangt es den Menschen nach Achtung seines Ich. Da aber der überlegene Verstand der einzige unverrückbare und unbestreitbare Vorrang des einen Menschen vor dem anderen Menschen ist, so will eben keiner in der Berechtigung auf den Vorrang hinter dem anderen zurückstehen. Darum ist man denn auch heutzutage mitunter gar zu zaghaft, wenn es sich darum handelt, eine Überzeugung zu äußern. Aber man ist es, weil man befürchtet, die anderen könnten sie rückständig oder sogar beschränkt nennen. Und doch müßte ein jeder, der aufrichtig überzeugt ist, seine Überzeugungen heilig halten; wer aber seine Überzeugungen heilig hält, müßte doch auch etwas für sie tun. Ja, jeder ehrliche Mensch ist es, unserer Meinung nach, einfach sich selbst schuldig, für seine Überzeugungen einzutreten, wofern er wirklich selbst an sie glaubt – denn es gibt ja unter den Überzeugten auch solche, die selber an ihre Überzeugungen nicht glauben. Ich habe sogar persönlich einen solchen Herrn gekannt. Er gehörte zu jener Kategorie zweifellos kluger Leute, die in ihrem ganzen Leben nichts anderes tun als Dummheiten. (Übrigens, wie ist das zu erklären, daß beschränkte, stumpfe Menschen viel weniger Dummheiten begehen als kluge Menschen?) Doch als ich jenen Herrn fragte, weshalb er denn andere mit solchem Eifer zu überzeugen trachte und woher er dieses Feuer, diese Leidenschaft der Überzeugung nehme, wenn er selber an seinen Worten zweifle – da antwortete er, daß er sich eben deshalb so ereifere, weil er sich selbst überzeugen wolle. Da sieht man, was das heißt, eine Idee von außen lieben, nur aus Vorliebe für sie, und ohne sie vorher wirklich geprüft zu haben (es ist sogar, als _fürchteten_ sie sich davor), ob sie richtig ist oder falsch! Wer weiß, vielleicht ist es nur zu wahr, daß manche leidenschaftlichen Eiferer ihr Leben lang andere zu überzeugen suchen, nur um sich selbst zu überzeugen, und dann doch unüberzeugt ins Grab gehen ... Doch genug davon! ... Mag man nun von uns denken, daß auch wir uns von unserer Idee hinreißen ließen, daß die Idee an sich falsch, unbegründet sei und von uns übertrieben werde, daß wir aus all zu jugendlicher Leidenschaft oder aus greisenhafter Geistesschwäche sprechen usw. usw. ... Nun, dann möge man es denken! Wir aber sind überzeugt, daß wir damit keinem schaden, wenn wir öffentlich aussprechen, woran wir glauben. Weshalb sollten wir es also nicht wirklich tun?

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