Sämtliche Werke 12

Part 13

Chapter 133,493 wordsPublic domain

Doch zur Sache! Sie sagen, Aleko sei von Dershimorda zu den Zigeunern gelaufen. Gut, nehmen wir an, daß es sich so verhält. Aber das Schlimme dabei ist, daß Sie selbst, Herr Gradowskij, mit vollkommener Überzeugung Aleko das Recht auf diesen Widerwillen zusprechen. Sie sagen zwischen den Zeilen ungefähr: „Es war ihm eben unmöglich, _nicht_ zu den Zigeunern fortzulaufen, denn Dershimorda war doch gar zu gemein.“ Ich aber behaupte, daß Aleko und Onegin in ihrer Art gleichfalls Dershimordas waren, und in einer Beziehung sogar noch schlimmere. Nur tue ich das mit dem Unterschied, daß ich nicht ihnen die Schuld daran zuschreibe, da ich die Tragik ihres Schicksals vollkommen begreife, Sie aber loben sie noch dafür, daß sie fortliefen: „So große und interessante Menschen, wie sie waren, wie hätten sie sich mit solchen Ungeheuern einleben sollen?“ meinen Sie, wenn Sie es auch nicht aussprechen. Sie irren sich aber sehr. Da behaupten Sie auch gleich, Aleko und Onegin wären durchaus nicht vom Boden losgerissen gewesen und hätten durchaus nicht die Volkswahrheit verneint. Und nicht nur das: „Sie waren auch durchaus nicht hochmütig“ – sogar das behaupten Sie. Aber hier ist doch der Hochmut die gerade, logische und unvermeidliche Folge ihrer Abstraktheit, ihrer Losgerissenheit vom Volksboden. Sie können doch nicht leugnen, daß sie das Land nicht gekannt haben, da sie in Instituten aufwuchsen und erzogen wurden, daß sie Rußland in Petersburg, im Staatsdienst, kennen lernten und zum Volk immer im Verhältnis des Herrn zum Leibeigenen standen. Und wenn sie auch auf ihren Gütern in nächster Nähe der Bauern lebten, so kannten sie diese doch nicht. Jener Feldjäger hatte auch sein Leben lang mit Postkutschern zu tun gehabt und sah dennoch nichts anderes in ihnen, als Wesen, die nur Schläge seiner Faust verdienten. Aleko und Onegin verhielten sich Rußland gegenüber wie erhaben über alles, und waren hochmütig und anmaßend und unduldsam, wie alle, die in einem vom Volk getrennten engen Kreise leben, unter Bedingungen, die man mit „alles-frei“ bezeichnen kann, nämlich frei sowohl von der Bauernarbeit wie auch von der europäischen Kulturarbeit, von der sie gleichfalls die Nutznießung gratis hatten. Gerade daraus aber – daß alle unsere intelligenten Leute infolge einer gewissen historischen Entwicklung fast im Laufe der ganzen letzten zwei Jahrhunderte unserer Geschichte sich in Müßiggänger, die bloß ihre Hände pflegten, verwandelt haben, läßt sich ihre Abstraktion, ihre Losgelöstheit vom Heimatboden erklären. Nicht an Dershimorda scheiterte er, sondern an sich selbst, weil er sich Dershimorda und dessen Herkunft nicht zu erklären verstand. Dazu war er viel zu stolz. Aus diesem Grunde fand er auch keine Möglichkeit, auf dem eigenen Felde zu arbeiten. Die anderen aber, die an diese Möglichkeit glaubten, hielt er für Dummköpfe oder gleichfalls für Dershimordas. Und nicht nur in seinem Verhalten zu Dershimorda war unser Skitaletz stolz, er war es auch ganz Rußland gegenüber, denn nach seiner Überzeugung bestand Rußland nur aus Sklaven und Dershimordas. Wenn es aber noch etwas Edleres enthielt, so waren sie allein dieses Edlere, sie, Aleko und Onegin, sonst aber niemand außer ihnen. Daraus folgte die Überhebung ganz von selbst. Indem sie in ihrer Absonderung vom Volk verblieben, mußten sie sich natürlich wundern, wie hoch sie in ihrer Bildung über den gemeinen Dershimordas standen, selbstverständlich ohne auch nur das Geringste von diesen zu begreifen. Wären sie nicht stolz gewesen, so hätten sie begriffen, daß auch sie selbst Dershimordas waren, nach dieser Einsicht aber hätten sie dann – und zwar gerade durch diese Einsicht – vielleicht auch den Weg zur Versöhnung gefunden. Dem Volk gegenüber aber empfanden sie eigentlich nicht einmal so sehr Stolz als einfach Ekel, und zwar alle ausnahmslos. Sie werden das freilich nicht glauben wollen, im Gegenteil, Sie geben nur oberflächlich zu, daß einzelne Charakterzüge Alekos und Onegins allerdings nicht angenehm sind, um mir gleich darauf den Text zu lesen und anmaßend zu behaupten, ich hätte einen beschränkten Blick und es wäre wohl kaum vernünftig, „die Symptome zu kurieren, die Wurzel der Krankheit aber unangerührt zu lassen“. Sie glauben, daß ich, wenn ich sage: „Demütige dich, stolzer Mensch“ – damit Aleko nur seine persönlichen Eigenschaften, seine Privatfehler zum Vorwurf mache, den eigentlichen Grund des Übels jedoch vollständig übersehe, „als läge das ganze Wesen der Sache nur in den persönlichen Eigenschaften der Stolzen, die sich nicht demütigen wollen“, wie Sie meinen. „Es ist ja noch gar nicht festgestellt,“ sagen Sie, „wem gegenüber der Skitaletz denn nun eigentlich so stolz war, und damit ist auch die Frage noch offen, wovor er sich denn hätte demütigen sollen.“ Das ist mir denn doch ein gar zu hochmütiger Einwurf von Ihnen! Ich glaube, ausdrücklich gesagt zu haben, daß der Skitaletz ein Produkt der historischen Entstehung unserer Gesellschaft ist, folglich wälze ich doch nicht die ganze Schuld nur auf seine Person, auf seine persönlichen Eigenschaften. Sie haben das gelesen, denn ich habe es geschrieben und es steht gedruckt, weshalb übergehen Sie es also? Sie zitieren meinen ganzen Passus über das „Demütige dich“ und schreiben dann von sich aus:

„Mit diesen Worten hat Herr Dostojewski das ‚Allerheiligste‘ seiner Überzeugungen ausgesprochen, das, was zugleich die Stärke und Schwäche des Autors der ‚Brüder Karamasoff‘ ausmacht. In diesen Worten ist ein großes _religiöses_ Ideal enthalten, eine mächtige Predigt _persönlicher_ Ethik, aber es fehlt jede Andeutung _sozialer_ Ideale.“

Und darauf beginnen Sie sogleich, die Idee der „persönlichen Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ zu kritisieren. Auf Ihre diesbezügliche Meinung werde ich noch zu sprechen kommen, zunächst will ich Ihnen Ihre ganze Unterlage, die Sie, wie es scheint, zu verbergen wünschen, aufdecken und sie Ihnen zeigen, und zwar folgendermaßen: Sie ärgern sich über mich nicht nur deshalb, weil ich dem Skitaletz manches zum Vorwurf mache, sondern weil ich in ihm nicht wie Sie die Idealgestalt sittlicher Vervollkommnung sehe und ihn nicht für den gesunden Russen halte, wie er nur sein kann und sein soll. Daß Sie trotzdem zugeben, Aleko und Onegin hätten freilich einige „unsympathische Charakterzüge“, ist nur eine Finte von Ihnen. Ihrer inneren Auffassung nach, die Sie aus irgendeinem Grunde nicht ganz aussprechen wollen, ist der Skitaletz der Typ des normalen und ästhetischen Menschen, letzteres schon deshalb, weil er von Dershimorda fortläuft. Sie sind sogar höchst ungehalten, wenn jemand es wagt, in diesem Typ auch nur einen Fehler zu finden. Sie sagten bereits unumwunden: „Es ist doch sinnlos, zu behaupten, daß sie an ihrem Stolz gescheitert seien und sich nicht vor der Volkswahrheit hätten demütigen wollen.“ Und zum Schluß behaupten Sie noch mit Eifer, daß gerade diese unsere Menschenklasse die Bauern befreit habe. Sie schreiben:

„Sagen wir mehr: wenn in der Seele der besten dieser Skitaltzy aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ein Gedanke lebte, so war das gerade der Gedanke an das Volk, und ihr glühendster Haß galt gerade der Sklaverei, die dieses Volk bedrückte. Gewiß haben sie auf ihre Art das Volk geliebt und die Leibeigenschaft gehaßt, meinetwegen ‚als Europäer‘, wenn man will. Aber wer war es denn, wenn nicht sie, die unsere Gesellschaft zur Aufhebung der Leibeigenschaft vorbereiteten? Wo sie konnten, haben auch sie dem ‚eigenen Acker‘ gedient, anfangs als Verbreiter der Befreiungsidee, dann aber als Vermittler, als welche sie in erster Reihe wirkten.“

Das ist es eben, daß die Skitaltzy die Leibeigenschaft in ihrer Art haßten, eben „europäisch“ haßten, darin liegt ja der ganze Kern der Sache. Das ist es eben, daß sie die Leibeigenschaft nicht um der russischen Bauern willen haßten, um des Russen willen, der für sie arbeitete, als ihr Leibeigener, dessen Arbeit sie ernährte und der folglich auch von ihnen – wenn sie es auch in Gemeinschaft mit anderen taten, so doch immerhin auch von ihnen – geknechtet wurde. Wer verbot ihnen denn, wenn sie schon so sehr unter dieser Beleidigung ihres staatsbürgerlichen Gefühls litten, daß sie zu den Zigeunern liefen oder auf die Barrikaden nach Paris – wer hinderte sie denn, ganz einfach wenigstens ihre eigenen Bauern zu befreien und einen Teil des eigenen Landes unter ihnen zu verteilen, um damit wenigstens das eigene Gewissen von diesem Unrecht und sich selbst von der persönlichen Verantwortung freizumachen? Aber von solchen Befreiungen hat man seltsamerweise nicht viel gehört, staatsbürgerliches Wehgeschrei dagegen ertönte doch genug und allerorten. „Das Milieu“, heißt es ja wohl, „das Milieu war die Fessel, und wie hätte er sich selbst seines Vermögens berauben sollen?“ Aber weshalb denn nicht, wenn die Bauern ihm schon so leid taten, daß er auf die Barrikaden lief? Ja, sehen Sie, das war es nun wieder, daß man in diesem „Städtchen Paris“ nicht ohne Geld auskam, selbst wenn man an den Barrikadenkämpfen teilnahm, die Leibeigenen aber – schickten den Zins. Oder man machte es noch einfacher: man verpfändete oder verkaufte die Bauern, oder tauschte sie ein (war das nicht ganz gleich?), und hatte man das Kapital flüssig gemacht, dann fuhr man nach Paris, um dort behilflich zu sein, französische radikale Journale und Revuen herauszugeben, jetzt schon zum Heil der ganzen Menschheit, und nicht nur des russischen Bauern. Sie versichern, Herr Gradowskij, daß der Kummer um den leibeigenen Bauer sie alle gepeinigt habe? Nun, es war wohl nicht gerade ein Kummer wegen der Leibeigenschaft der russischen Bauern, sondern der ganz abstrakte Kummer wegen der Knechtschaft des Menschengeschlechtes im allgemeinen: „Die sollte es doch überhaupt nicht mehr geben, sie ist rückständig, sie verträgt sich nicht mit der Aufklärung! _Liberté, Egalité et Fraternité!_“ – nur daran dachten sie. Was jedoch den russischen Bauern persönlich anbelangt, so hat der Kummer um ihn diese großen Herren ganz gewiß nicht allzu sehr geplagt. Ich habe eine Menge vertraulicher Meinungsäußerungen sehr, sogar sehr „gebildeter“ Herren der guten alten Zeit gehört und genau im Gedächtnis behalten. Zum Beispiel: „Die Sklaverei ist ja freilich ein fürchterliches Übel, das steht außer Frage,“ äußerten sie, wenn sie unter sich waren, „aber wenn man es genau betrachtet, so ist doch unser Volk – ja, ist denn das überhaupt ein Volk? Kann man es denn auch nur entfernt z. B. mit dem Pariser Volk von siebzehnhundertdreiundneunzig vergleichen? Es hat sich ja doch schon an die Sklaverei gewöhnt, sein Gesicht, seine ganze Gestalt drückt schon den Sklaven aus, ja, und wenn Sie wollen – die Rute zum Beispiel ist ja natürlich eine schreckliche Gemeinheit, im allgemeinen gesprochen, aber beim russischen Bauern ist sie doch, bei Gott, ganz unentbehrlich. Unser Bäuerlein muß die Rute zu fühlen bekommen, sonst wird’s trübselig. Tja, nichts zu machen, aber so ist es nun einmal, unser Volk!“ heißt es – das habe ich seinerzeit mit eigenen Ohren gehört, ich schwöre es, und sogar von sehr gebildeten Leuten. Das ist die sogenannte „nüchterne Wahrheit“.

Onegin wird seine Leibeigenen wahrscheinlich nicht geprügelt haben, obschon es schwerhält, hierüber mit Bestimmtheit etwas auszusagen; aber Aleko – nun, was diesen betrifft, so bin ich überzeugt, daß er seine Leibeigenen mitunter hat prügeln lassen, allerdings nicht aus Herzenshärte, sondern fast sogar aus Mitleid, fast sogar um des Guten willen, in dem Sinne etwa wie: „Das ist doch für ihn eine Notwendigkeit, ohne sie kommt er doch nicht aus, er kommt ja selber und bittet: ‚Straf mich, Herr, mach mich wieder zum Menschen, bin ganz aus der Zucht geraten!‘ Was soll man denn mit solch einer Natur anfangen, sagen Sie doch gefälligst? Nun, und so tut man ihm denn den Gefallen!“

Ich wiederhole es, ihr Gefühl für den Bauern grenzte oft an Ekel vor ihm. Und wieviel schmutzige Anekdoten wurden unter ihnen vom Bauern, von seiner Sklavenseele, seinem „Götzendienst“, seinem Popen und seinem Weibe erzählt, und zwar ganz leichten Herzens, zuweilen von Leuten, deren eigenes Familienleben fast einem Bordelleben glich. Oh, versteht sich, das geschah ja nicht immer in irgendeiner bösen Absicht, sondern nur aus übermäßigem Eifer bei der Aufnahme der letzten europäischen Ideen, die nach unserer Art aufgefaßt wurden, und geschah gleich mit der ganzen russischen Leidenschaftlichkeit. Sie waren eben in allem Russen! Oh, die russischen sich grämenden „Skitaltzy“ waren bisweilen große Schelme, Herr Gradowskij, und gerade diese kleinen Anekdoten vom russischen Bauern und die Geringschätzung für ihn (wenn nicht Verachtung) haben in den Herzen dieser Herren ihrem Kummer ob der Leibeigenschaft immer die Spitze dadurch abgebrochen, daß er einen gewissen abstrakt universalen Charakter annahm. Mit einem solchen Kummer aber läßt es sich noch ganz gut, sogar sehr gut leben, namentlich wenn man sich dabei geistig von der Betrachtung seiner eigenen moralischen Schönheit und der Erhabenheit nährte, die man im Fluge seiner staatsbürgerlichen Ideen entwickelte, und körperlich, nun – körperlich immerhin vom Zins dieser selben Bauern, und sogar wie noch, sich nährte! Da fällt mir soeben eine Geschichte ein, die vor kurzem ein alter Herr im Journal zum besten gab. Es war im Sommer 1845 auf einem in der Nähe von Moskau belegenen entzückenden Landgut, dessen Besitzer, nach den Worten dieses alten Herrn, „grandiose Diners“ zu geben pflegte. So hatten sich dort wieder einmal die humansten Professoren, die seltsamsten Liebhaber und Kenner der schönen Künste und noch manches anderen, die berühmtesten Demokraten, die sich in der Folge sogar als Staatsmänner ausgezeichnet und fast einen Weltruf erworben haben, ferner Kritiker, Schriftsteller und die reizendsten Damen, sie alle Menschen von höchster geistiger Entwicklung, versammelt. Und plötzlich bricht die ganze Gesellschaft auf, wahrscheinlich nach einem Diner mit Champagner, getrüffelten Pasteten und meinetwegen Vogelmilch (es muß doch etwas Besonderes gegeben haben, wenn man die Diners „grandios“ nennt), um einen Spaziergang zu machen. Auf dem Felde im reifen Roggen treffen sie eine Schnitterin. Nun, die Feldarbeit ist doch wohl nichts weniger als leicht: die Bauern stehen um 4 Uhr morgens auf, um dann bis zum Abend das Korn zu schneiden – zwölf Stunden gebückt unter sengenden Sonnenstrahlen. Und dort im Roggen findet nun unsere Gesellschaft die Schnitterin in – können Sie sich das vorstellen! – in „primitivem Kostüm“ (das heißt wohl einfach im Hemde?)! Wie entsetzlich! Alle Friedensgefühle und Humanitätsbegriffe sind vor den Kopf gestoßen, und sogleich läßt sich eine beleidigte Stimme vernehmen: „Von allen Weibern ist es nur das russische Weib, das sich vor keinem Menschen schämt!“ Und darauf, versteht sich, sogleich die Folgerung: „Nur das russische Weib ist von allen das einzige, vor dem sich niemand schämt“ (d. h. nicht zu schämen braucht, etwa, als müsse es so sein!). Es kam zum Streit. Einzelne verteidigten die Bäuerin, aber was waren das für Verteidiger und mit welchen Entgegnungen hatten sie zu kämpfen! Und so etwas war möglich in einer Gesellschaft von diesen meist aus dem Gutsbesitzerstande hervorgegangenen „Skitaltzy“, die sich lukullisch sattgegessen, Champagner und Austern geschlürft hatten – und zwar für wessen Geld? Für ein Geld, das sie aus der Bauern Arbeit bezogen! Für Sie, meine Herren Weltschmerzleidende, arbeitet diese Bäuerin doch, für das aus ihrer Arbeit gewonnene Geld haben Sie sich doch sattgegessen! Weil sie im hohen Roggen, wo niemand sie sehen konnte, gequält von Hitze und Schweiß, ihren Rock ausgezogen und im Hemde arbeitet – deshalb soll sie schamlos sein, soll sie Ihr Schamgefühl verletzt haben – „von allen Weibern das schamloseste!“ – ach Sie Keuschheitspriester! Aber Ihre Pariser Zerstreuungen und Ihre Erlebnisse im „Städtchen Paris“ und der Cancan im Jardin Mabille, vor dem unsere russischen Herren wie Butter an der Sonne zergehen – selbst wenn von ihm nur die Rede war, und das nette Liedchen –

„_Ma commère quand je danse_ _Comment va mon cotillon?_“

mit dem graziösen Raffen des Röckchens und dem Ruck mit dem Hinterteilchen dazu – das alles empört unsere schamhaften Herren keineswegs, im Gegenteil, es zieht sie sogar ungeheuer an!

„Aber ich bitte Sie, das ist bei ihnen doch alles so graziös, dieses Cancanchen, dieses Röckchen und ... na ja – das sind doch in ihrer Art die elegantesten _Articles de Paris_, hier aber – wie kann man das überhaupt vergleichen: hier ist’s doch nur ein Weib, ein russisches Bauernweib, ein Klotz, ein unbehauener Klotz!“

Nein, das war sogar nicht einmal bloßes Überzeugtsein von der Gemeinheit unseres Bauern und Volkes, da war die Ansicht schon ins Gefühl übergegangen, schon zum Gefühl geworden, da verriet sich bereits eine physische Empfindung des Ekels vor unserem Bauern – oh, natürlich nur eine unwillkürliche, fast unbewußte Empfindung, die sie selbst vielleicht gar nicht bemerkten. Und ich muß gestehen, ich kann mit Ihrem kapitalen Streitsatz keineswegs übereinstimmen, Herr Gradowskij: daß diese „Skitaltzy“ es gewesen seien, die in unserer Gesellschaft für die Befreiung der Leibeigenen vorgearbeitet hätten. Vielleicht mit abstraktem Geschwätz, indem sie ihren bürgerlichen Kummer nach allen Regeln überall hervorkehrten – oh, natürlich kam schließlich alles der Sache zugute. Bewirkt aber haben die Befreiung der Bauern, geholfen haben denen, die die Befreiung durchführen wollten, eher solche Männer wie z. B. Ssamarin[29], nicht aber Ihre Skitaltzy. Jener anderen dagegen, jener vom Schlage eines Ssamarin, die wohl in keiner Beziehung den Alekos und Onegins glichen, gab es doch damals gar nicht so wenige, und die halfen alle bei der großen Arbeit mit, Herr Gradowskij, von ihnen aber reden Sie natürlich kein Wort. Ihren Leuten jedoch ist die Geschichte, nach allen Anzeichen zu urteilen, sehr bald langweilig geworden, und sie begannen wieder zu schmollen. Sie wären auch keine „Skitaltzy“ gewesen, wenn sie sich anders verhalten hätten. Als sie dann nach der Aufhebung der Leibeigenschaft erst das Geld für ihre losgekauften Bauern erhalten hatten, da verkauften sie auch ihr übriges Land an Aufkäufer zum Aussaugen und ihre Wälder zum Abholzen. Sie selbst siedelten ins Ausland über und führten bei uns den Absentismus ein ... Sie werden mit mir darin natürlich nicht übereinstimmen, Herr Professor, aber was soll ich denn tun: es ist mir nun einmal absolut unmöglich, den Ihnen so teuren, der oberen Schicht entstammenden liberalen Russen für das Ideal des normalen echten Russen anzuerkennen, für den besten Typ, der der Rasse angeblich jemals wirklich war, ist und sogar in Zukunft sein soll. Ich sehe nur, daß dieser Typ in den letzten Dezennien wenig auf dem Arbeitsfelde seines Volkes geleistet hat. Und diese Auffassung halte ich für etwas richtiger und begründeter als Ihre Dithyrambe auf jene Herren.

III.

Zwei Hälften.

Ich komme jetzt zu Ihrer Auffassung von der „persönlichen Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ und Ihrer Behauptung, daß dieselbe durchaus unzureichend sei im Vergleich mit „sozialen Idealen“ und vor allem mit „sozialen Institutionen“. Ja, auch Sie weisen darauf hin, daß dies der wichtigste Punkt in unserer Meinungsverschiedenheit ist. Sie schreiben:

„Indem Herr Dostojewski Demut vor der Volkswahrheit und den Volksidealen verlangt, scheint er diese ‚Wahrheit‘ und diese Ideale für etwas bereits Fertiges, Feststehendes und Ewiges zu halten. Wir erlauben uns, dieser Annahme zu widersprechen. Die _sozialen_ Ideale unseres Volkes sind noch im Stadium des _Entstehens_, Sie fangen erst an sich zu entwickeln. Das Volk muß noch viel an sich arbeiten, um den Namen eines großen Volkes zu verdienen.“

In betreff der „Wahrheit“ und der Ideale des Volkes habe ich Ihnen zum Teil schon geantwortet. Diese Wahrheit und diese Ideale des Volkes halten Sie direkt für ungenügend zur Entwicklung sozialer Ideale Rußlands. Das heißt also: Religion ist ein Ding für sich und alles Soziale, Gesellschaftliche ist etwas ganz anderes, d. h. wiederum ein Ding für sich. Sie schneiden den lebendigen Organismus mit Ihrem Gelehrtenmesser in zwei Hälften und behaupten, daß diese voneinander ganz unabhängig sein müssen. Betrachten wir sie näher, untersuchen wir jede dieser Hälften für sich, vielleicht können wir dann irgendwelche Schlüsse ziehen. Betrachten wir zunächst die Hälfte der „persönlichen Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“.

Sie schreiben:

„Herr Dostojewski ruft uns zur Arbeit auf, zur Arbeit an uns selbst. Die persönliche Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe ist natürlich die erste Voraussetzung jeder Tätigkeit, gleichviel, ob sie groß oder klein ist! Aber daraus folgt noch nicht, daß Menschen, die im _christlichen Sinne persönlich vollkommen_ sind, _unbedingt_ einen vollendeten Staat bilden. Nehmen wir ein Beispiel:

Der Apostel Paulus erklärt Sklaven und deren Herren ihr Verhältnis zueinander. Sowohl diese wie jene konnten die Lehre des Apostels befolgen und taten es meist auch wirklich, sie waren _persönlich_ gute Christen, aber die _Sklaverei_ wurde damit nicht geheiligt und blieb eine unmoralische Einrichtung. So wird auch Herr Dostojewski, wie ein jeder von uns, vortreffliche Christen gekannt haben, sowohl unter Gutsbesitzern wie unter Bauern. Aber die Leibeigenschaft blieb trotzdem eine Schändlichkeit vor Gott, und der Zar-Befreier erfüllte nicht nur die Forderungen der _persönlichen_, sondern auch der _sozialen_ Sittlichkeit, von der man in der alten Zeit keine richtige Vorstellung hatte, obschon es ‚gute Menschen‘ damals nicht weniger gab, als heutzutage. Persönliche und soziale Sittlichkeit ist nicht ein und dasselbe. Daraus folgt, daß eine _soziale_ Vervollkommnung nicht _lediglich_ durch die Besserung der persönlichen Eigenschaften der Menschen erreicht werden kann. Ein Beispiel:

Nehmen wir an, daß seit dem Jahre 1800 eine Reihe von Predigern der christlichen Liebe und Demut sich vorgenommen hätten, die Sittlichkeit solcher Menschen, wie Gogols Gutsbesitzerin Frau Korobotschka und Ssobakewitsch, zu heben. Wäre es auch nur denkbar, daß sie die Aufhebung der Leibeigenschaft durchgesetzt hätten und daß es keines Machtwortes mehr bedurft hätte? Im Gegenteil, die Korobotschka hätte zu beweisen angefangen, daß sie eine wahre Christin und ‚Mutter‘ ihrer Bauern sei und wäre trotz aller gegenteiligen Versicherungen des Missionars bei ihrer Ansicht verblieben.

Eine Verbesserung der Menschen in einem gesellschaftlichen Sinne kann nicht lediglich durch Arbeit nur an der eigenen Person und durch persönliche Demut erreicht werden. An sich selbst arbeiten und sich zur Demut erziehen, das kann man auch in der Wüste oder auf einer unbewohnten Insel. Aber als Angehörige einer Gesellschaft, eines Staates, entwickeln und verbessern sich die Menschen erst in der Arbeit _nebeneinander, füreinander und miteinander_. Das ist auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der Menschen in einem so hohen Grade von der Vollkommenheit der _sozialen Institutionen_ abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so doch bürgerliche Werte erziehen.“